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# Stieren des Weltdesigners – Ein neurodivergenter Roman

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                                 ISBN: 3740709030 see published edition).
                     © 2014 Timothy Speed. All textual rights remain with the author.

                               https://doi.org/10.5281/zenodo.17867173

                            ORCID: https://orcid.org/0009-0002-0143-5949

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            Kontext und Hintergrund des Projektes

Timothy Speed ist ein britisch-österreichischer Künstler und
Schriftsteller, der 1973 in Middlesbrough/England geboren wurde.
Im Alter von acht zog er mit seiner Familie nach Österreich. Dort
wurde er von dem Dramatiker Wolfgang Bauer (Magic Afternoon)
entdeckt und gefördert. Als der Schriftsteller Alfred Kolleritsch
seine Texte im renommierten Literaturhaus Forum Stadtpark
ablehnte, verlas Speed diese im Alter von nur 17 Jahren drei Tage
lang vor dem Gebäude.
     Zwischenzeitlich war Speed als Krankenhaus- und
Leichenfotograf am AKH in Wien tätig. In den 90er Jahren kam er
nach Berlin, wo er in der New Economy in der Rolle des
Evangelisten und Kreativen arbeitete, sowie als Kameramann für
den jüdischen Satiriker Ephraim Kishon und später als Coach und
Speaker auf großen Kongressen. 2006 wurde er von der NGO
»Dropping Knowledge« eingeladen, zusammen mit 114
bedeutenden QuerdenkerInnen und KünstlerInnen wie Wim
Wenders, Bianca Jagger, Masuma Bibi Russel oder Jonathan Meese
und WissenschaftlerInnen wie Hans-Peter Dürr, am größten runden
Tisch der Welt, die 100 wichtigsten Fragen der Menschheit zu
beantworten. Zeitgleich war er für das Team des amerikanischen
Präsidentenberaters Don Edward Beck tätig, der durch seine Arbeit
mit Nelson Mandela bekannt wurde.
     Speed erforschte viele Jahre die Grundlagen kreativer und
innovativer Gesellschaften, Systeme und Unternehmen. Über dieses
Thema schrieb er Sachbücher und versuchte, Entscheidungsträger
und Manager von seinen Ansätzen einer menschlicheren Wirtschaft
zu überzeugen. Als dies im Zuge der Wirtschaftskrise zunehmend
schwieriger wurde, erkannte er, dass Firmen uns nie dafür bezahlen,
»das Richtige« zu tun und beauftragte sich selbst ein Unternehmen
im Sinne des Menschen umzubauen. Vor diesem Hintergrund drohte
er im Sommer 2010 vor der Weltzentrale von Red Bull in Fuschl
einen Stier zu töten, um einen öffentlichen Veränderungsprozess
loszutreten. Zwischen dem Unternehmen und Speed entstand in den
folgenden Wochen und Monaten ein Dialog, aus dem später der
Roman »Stieren des Weltdesigners« entstand. Speed wollte die
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Wirtschaft subjektivieren, damit der Mensch sich dieser wieder
bemächtigen und selbstbestimmt darin leben und arbeiten könne.
Zitat Speed:»Für eine Woche waren die Leute bei Red Bull
gespalten. Sie wussten nicht, ob sie als Mensch oder als Funktion
auf mein Handeln reagieren sollten. Ich hatte das Gefühl, dass der
Mensch in ihnen mit mir den Stier töten wollte, während der Anwalt,
der Milliardär, der Manager, der aus ihnen sprach, dies um jeden
Preis verhindern musste. In dieser Woche gehörte das Unternehmen
allein dem an der Welt zweifelnden Menschen. Der Gewissheit, dass
jeder von uns einen Konzern bezwingen, gestalten und verändern
kann.«
Obwohl Speed sich bewusst für die unangepasste und innovative
Arbeit an der Wirtschaft und an Red Bull entschied, wodurch er
pleite ging und fast drei Jahre in einem Zelt lebte, verweigerte sich
das Unternehmen seiner Vision.
       Timothy Speed entspricht in seiner Arbeit nicht traditionellen
Vorstellungen von Literatur. Er lebt in literarischen Kunstfiguren
subjektive Beziehungen zu Unternehmen und Behörden, überhöht
und verzaubert dadurch die Wirklichkeit und zeigt in seinen Texten
die Zerrissenheit der menschlichen Seele, in Zeiten von
Konformismus und dem Zwang zur Produkthaftigkeit. Im
subjektiven Unbewussten entschlüsselt er tiefer liegende
Zusammenhänge einer natürlichen Ordnung, auf der sich kreativere
Wirtschaft und Gesellschaft begründen lässt. Speed erzeugt
Irritation, macht bewusst dramaturgische Fehler, lebt Themen
subjektiv aus, macht sich angreifbar, um den Blick für das Neue und
Unmittelbare zu schärfen.
       Der Roman »Stieren des Weltdesigners« entstand als
Mischform zwischen Literatur und Performance. Das Buch wurde
der Firma Red Bull übergeben, wodurch das Unternehmen nun mit
dem Leben und Schicksal eines Individuums verbunden ist und sich
dazu öffentlich verhalten muss.
       In einer Welt, in der sich Firmen durch einseitige
Kommunikation        in    der    Werbung      und     hierarchischen
Machtstrukturen dem Bewusstwerden jener Verstrickungen, jener
verborgenen Zusammenhänge, jener Auswirkungen verweigern, an
denen immer mehr Menschen leiden, kann Arbeit, Staat und
Gesellschaft vom Persönlichen nicht mehr getrennt werden, ist alles
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mit allem in Beziehung. Hier lebt Speed eine Form radikaler
Beziehungsfähigkeit mit der Gesellschaft und den Unternehmen und
stellt sich den sensiblen Wahrnehmungen, dem persönlichen
Schmerz. Dabei entstehen neue Lebensräume aus subjektiver
Kommunikation, in Welten kommerzieller Gleichschaltung. Für ihn
die Grundlage innovativer Wertschöpfung, Authentizität und
Menschlichkeit.
Timothy Speed entwirft ein neues Verständnis individueller
Verantwortung und lässt uns auf ein Europa blicken, welches nicht
die große Lösung, die simplifizierte Effizienz benötigt, sondern den
Menschen, der sich der eigenen Unvollkommenheit stellt und
dadurch erst die Basis für ein bewusstes Miteinander schafft.

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## Stieren des Weltdesigners

## Ein neurodivergenter Roman

                von

## Timothy Speed

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## Episode 1: Die verlorene Ordnung

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»Als Timothy Speed tragen Sie einen gebürtigen Namen, der stets
vermuten lässt, dass Sie nicht real, sondern eine Art Romanfigur,
wie Robin Hood oder Batman sind. Offenbar hat dies Ihr Leben
geprägt, Sie dazu verleitet zu glauben, Sie seien zu mehr in der
Lage. Dabei ist jedem vernünftigen Menschen klar, dass Sie damit
aufhören müssen, Lösungen für die Probleme dieser Gesellschaft zu
suchen, wenn Sie sich das finanziell nicht leisten können! Haben Sie
das verstanden?«
      Ich verspürte eine dezente Verwirrung, die ich durch
Höflichkeit zu überdecken versuchte. Dabei erinnerte ich mich an
den Vorwurf älterer Herren, dass man nur als Pubertierender die
bestehenden Verhältnisse kritisiert und wer dies wie ich nach 40
noch tue und aussehe wie ein Medienkreativer, habe schlicht nicht
verstanden, wie die Welt funktioniert.
»Sie müssen Verantwortung übernehmen«, wiederholte er
energisch, als spräche ich kein Deutsch. Etwas verursachte ein
Gelächter im Saal. Ich war mir nicht sicher, was es war. Die
Meisten sahen aus wie typische Berliner angesagter Viertel.
»Sie wollen damit also sagen, dass ich den Menschen zur Last falle,
weil man mir keinen Job gibt, da ich die Verbesserung der Zustände
im Kopf habe, sie erinnere an das, was getan werden muss, weshalb
ich nicht zu ihnen passe«, fragte ich. »Statt bedingungslos in die
gehorsame Produktion einzuwilligen?«»Dies ist nur ihre subjektive

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Meinung. Sie können nicht belegen, dass Sie tatsächlich eine
konkrete Lösung liefern werden. Bis zu diesem Zeitpunkt fallen Sie
uns allen zur Last. Man muss sich mit Ihnen beschäftigen. Wir aber
haben diese Lösung angeboten. Einen sicheren Arbeitsplatz. Dafür
müssen Sie endlich aufhören mit ihrer Unordnung ...«»Ordnung«,
unterbrach ich lautstark.
»Das Andere können Sie nebenher tun.«
Einen Moment war es still, als erwarteten alle eine Aufklärung,
einen Hinweis.
      Ich stand auf: »Nichts Wesentliches kann nebenher erreicht
werden. Das, was Ihrer Ansicht nach nebenher passieren soll, ist
das, was das Leben ausmacht. Die Familie, die eigenen Visionen,
das Unbehagen mit den Zuständen und Auswirkungen Ihrer Politik.
Dies nebenher zu tun, bedeutet im Widerspruch zur eigenen
Integrität und Würde zu leben. Eine Lüge zu leben. Ohne freien
Willen.
      Weil wir das, was wir wissen, in uns drinnen, das Recht eines
Individuums auf sein eigenes Weltbild, ignorieren sollen, für äußere
Ordnung, die nicht mehr stimmt, uns aber unserer eigenen
Vorstellungen, Ideen und Entwicklungsprozesse berauben will, als
seien diese überflüssig und nicht die Antworten von Morgen. Mitten
in der größten Krise der Menschheit.«
Einige im Saal lachten.
»Unordnung«, brüllte er.
»Ordnung«, brüllte ich. »Nein, Mensch sein ist ein selbstbestimmter
Fulltimejob, um den man sich ständig kümmern muss, während das
Funktionieren die Ausnahme darstellt, von der Natur nur als
Fluchtmechanismus gedacht, ausgelöst von Angst, angesichts echter
Bedrohung.
      Ihresgleichen aber haben die Bedrohung um ihrer selbst willen
zum Naturgesetz erklärt. Weil sie das gedankenlose Funktionieren
wollen. Sie somit bewusst eine Gesellschaft erschufen, die nach
2000 Jahren Anpassung an die Gefahr nur noch dysfunktional ist,
ohne inneren, natürlichen Kompass, unmoralisch, panisch, um
maximale Abhängigkeit von den Parasiten, wie Ihnen, zu erreichen.
Bis wir vergessen, wer wir in Wahrheit sind.«
Der Richter, der sich nun tatsächlich mehr wie ein Insekt bewegte,
sah mich stoisch an und ein innerer Konflikt ließ ihn den Raum
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sprachlos verlassen. Die anderen Organe schauten irritiert. Zwei
Hirne in Gläsern, eine Leber und kein Herz.

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»Wie lange willst du das durchhalten, Speed«, fragte Jane am
Küchentisch, während sie Zwiebeln schälte und in kleine Stücke
schnippelte. Es war kurz vor dem Abendbrot. »Diese andere
Position. Sie ist doch sehr anstrengend.«
      Ich sehnte mich nach einem Kindergeburtstag in den 80er
Jahren. Vergilbte Neonfarben, Heimatfilm und ein Glas Milch mit
Schokoladentorte. Später eine Folge der Augsburger Puppenkiste.
      »Was meinst du«, fragte ich nichts Böses ahnend und fügte mit
Superkleber die Zwiebelstücke wieder zusammen, bis es wie ein
großer Würfel aussah.
»Dieses bedingungslose Ernstnehmen der Regeln«, erwiderte sie
und schüttelte den Kopf.
»Der Mensch muss verdauen. Das wissen doch alle«, sagte ich und
starrte mit ernster Miene die Zwiebeln an, während ich nachdenklich
das Zwiebelgebilde drehte, welches nun entfernt an einen
Zauberwürfel aus den 80er Jahren erinnerte.
»Aber doch nicht so«, meinte Jane schnippisch und schob einige der
Stückchen beiseite, um sie anschließend in die Pfanne zu geben.
»Seit dem Gerichtsurteil halte ich mich strikt an die Regeln. Die
Regeln sind die Wirklichkeit. Darum sind sie richtig. Wenn ich sie
umsetze, kann mir nichts passieren.«

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»Das Berlin, von dem Sie vermutlich gehört haben, ist das Berlin in
dem Investoren leben, Ausländer und junge Kreative, zwischen
Baulücken, in Wagenburgen oder teuren Loftwohnungen im
Prenzlauer Berg«, trug ich anschließend einem jungen Journalisten
aus Sachsen vor, der seit zwei Stunden in unserer Küche saß. Er
hatte von unserer letzten Aktion gelesen, interessierte sich anders als
viele seiner Altersgenossen für eine Gruppe von Kreativen und
politischen     Einzelgängern,      die      ein      ungewöhnliches
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Selbstbewusstsein in sich trugen, trotz der prekären Lage. »Sie
haben von den Museen gehört, von den edleren Straßen und den
heruntergekommenen Vierteln der Studierenden und Randgruppen.
Sie wissen schon, wie ich das meine?«
       Da war etwas Hastiges an mir. Er schien mir nicht folgen zu
können und trotzdem erwiderte er ungeduldig: »Ja, natürlich, und?«
       Ich fuhr etwas genervt fort. Vielleicht weil ich mir das nicht
antun musste und es eine undankbare Rolle war. Einen Moment
hielt ich inne: »Nur selten aber spricht jemand von dem, was da ist,
noch bevor man die Gebäude am Potsdamer Platz betrachtet oder
sich zwischen den Studenten am Checkpoint Charly fotografieren
lässt, die sich als Soldaten einer vergangenen Epoche verkleidet
haben, um eine Karikatur der Geschichte zu spielen, die in China
oder den USA wie der Sieg der Freiheit aussieht.
Noch ehe Sie im jüdischen Museum waren oder in der Kuppel des
Reichstags werden Sie es deutlich spüren!
 Diese allgegenwärtige Unruhe, diese Erosion, die Kreativität einer
Abrissbirne, die nicht erschafft, sondern im Verbrauch, im Tanz der
langen Nächte in den Berliner Clubs, im Zehren vom Image jener
Überreste lebt, die Touristen und Gäste aus aller Welt hier
hinterlassen haben. In Form von Erwartungen und Hoffnungen, die
zu Zitaten geworden sind.«
Er sah mich ungeduldig an und ich holte bewusst weiter aus, so als
wäre es ein Vortrag und kein Gespräch.
       »Berlin schafft vielleicht seit Jahrzehnten nichts Neues mehr
aus sich selbst heraus, weil die Stadt sich selbst nicht zuhören, sich
ihrer selbst nie bewusst werden kann. Wegen ihrer Größe und dem
Fehlen eines inneren Kerns, ist sie verbannt, sich durch die Augen
der Anderen zu sehen. Durch die Augen jener, die nichts selbst
erfahren haben, sondern neu sind. Und wer neu ist, hält sich
zunächst an die Regeln, bleibt an der Oberfläche, lebt wie ein
unverbindlicher Nomade und vereinfacht die Dinge.«»Es ist doch
gut, wenn das Leben einfacher wird. Wo doch alle an der Krise
leiden«, unterbrach der Journalist etwas erschöpft von meinem
Monolog.
       Er nahm mich noch immer nicht ernst, da ich vielleicht
kindlich albern erschien, weil ich derart heroisch tat, mein Berlin ein
symbolhaftes Berlin war, wie der Turm zu Babel und man sich im
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Prenzlauer Berg eher wissend reserviert gab. Nichts sollte einen
Verdacht auslösen. Alle waren bemüht, die Dinge an ihrem richtigen
Platz zu belassen.
      Ich nahm die Plüschmütze mit dem Wildschweinkopf wieder
ab und stöhnte: »Berlin ist entscheidend für jene, deren Schmerz es
lindert, dass die Stadt der Freiheit in Mitten Europas tatsächlich
existiert, wie ein Mahnmal, eine Versicherung, dass Europa die
Dunkelheit besiegt hat.«
      Weil man doch in einer Spaßgesellschaft lebte, dachte ich.
Darum vielleicht wollte ich ihn langweilen. Und als spreche ich
durch ihn, als wäre er eine Marionette in meiner Welt. Das war nur
konsequent, hatte ich mich doch entschieden, in diesem Experiment
radikal die eigenen Verhältnisse darzustellen.
Ich fuhr fort und ignorierte sein Bedürfnis nach einem Punkt, nach
einer klaren Relevanz, mit der man Geld machen konnte, oder einer
simplen Erklärung, die witzig, kurzweilig und leicht zu verdauen
wäre.
      »Dabei ist es, als lebten wir in einem Reiseführer. Wir wissen,
dass Berlin, dass der viel bessere Westen ein Fake ist, aber sind
bereit alles zu akzeptieren, wenn wir nur ein normales Leben
innerhalb einer Marke leben dürfen, durch die wir wissen, wer wir
sind. Das will ich nicht mehr. Das kann ich nicht«, sagte ich mit
Nachdruck und stand um meinen Protest zu unterstreichen wieder
auf.
»Setz dich doch«, forderte Jane, die fand, dass ich wieder übertrieb
und es nicht höflich gegenüber unserem Gast war, diese vielen
Fragen aufzuwerfen, ohne darauf eine plausible Antwort zu geben.
      Warum sagte ich es in den leeren Raum hinein und sah dabei
niemandem in die Augen? Ohne Dialog. Ohne eine Antwort zu
erwarten. Als wäre es mir selbst unangenehm, als müsse ich es
wegdrücken, fort von mir. Das hätte dann ein Anderer mit meinem
Körper gesagt und es hätte keine Konsequenzen.
Das Persönliche existiert nicht mehr im bescheidenen Glück. Jane
riss eine Packung auf, in der sich ein Kuchen von Kaisers befand
und machte überall reichlich Sprühsahne drauf. Ganz ordentlich und
ein wenig traurig.
      War es nicht das, was uns von den Maschinen unterschied,
dass wir dem Unkonkreten, dem Unbewussten Bedeutung gaben?
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Dass wir uns entscheiden konnten, nicht zu funktionieren und
stattdessen in Beziehungen zu existieren. Die Sahne, der Journalist,
ein Stück Kuchen, die Welt und ich.
Weil es eine Sprache ist.
      Niemand kann heute noch sagen, was die plakative Realität ist.
Worauf man sich verlassen kann. Selbst an der materiellen
Gegenständlichkeit unserer Küche musste ich zweifeln und mich
fragen, ob es nicht psychologische Symbole waren, wie in einem
Traum.
      Amerika hat uns verraten. Europa hat uns verraten. Das
Fernsehen hat uns verraten. Was nicht harmlos und unschuldig tut,
erzeugt Angst vor der Bedeutungs- und Sinnlosigkeit des Einzelnen.
Der Ruf nach den Rattenfängern ist stark und es gibt keinen Beweis
mehr dafür, dass das, was ich tue, das Richtige ist. Nachdem wir die
Kriege nicht verhinderten, weil es bequemer war, die Produkte der
Mörder, der Globalplayer mit den lächelnden Fratzen zu kaufen.
Let´s be happy, happy, happy!
      Alles was wirklich ganz sicher erscheint, ist der allseits
drohende Ausschluss aus der Herde der unpolitischen Massen, für
die das Marke-sein das Leben ist.
      »Meine Wahrheit ist: Es gibt keine Wahrheit mehr, die sich
formulieren ließe. Alles was mir bleibt, ist das Schöne und das
Klare, die Sprache des Marketings abzulehnen und den sperrigen
Gedanken zu leben, der erstmal frustriert, schmerzt, einen ohne
Linderung belässt, wie in einem kalten Entzug. Das Unwohl-sein
bleibt und ich lasse es bleiben.
      Kein Wort hat den Anspruch die Wahrheit zu verkünden. Aber
zumindest verkünde ich auch keine Lügen mehr. Nur Existenz. Ein
Monolog ohne Verzweigungen, die einen an die Außenwelt
anbinden. Für einen Moment völlig abgeschnitten, für den Relaunch
des Betriebssystems. Zurück auf Null. Einfach nur DOS sein.
Unperfekt. Unschön. Unsympathisch. Aber näher am eigenen
Quellcode als je zuvor«, sagte ich dem Journalisten und verbat ihm
von Räumen zu schreiben, von seichten Beschreibungen Berlins,
unserer Zeit, unserer Situation, mit denen die Leser sich wohler
fühlen würden. Machte ich mich schwach und angreifbar, würde er
nicht frühzeitig gehen. Lächerlich, aber nicht zu schwach.
Das Unbehagen, verbunden mit dem Gefühl, man sei ihm eine
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Antwort schuldig, ein Produkt, ein Ergebnis, ließ ihn an uns kleben,
wie Fliegen an faulendem Fleisch. Die Nützlichkeit meiner
Ausführung würde sicherlich gleich kommen, um dann von ihm
abgelehnt und widersprochen zu werden.
      »Mich macht es auch wahnsinnig«, entschuldigte mich Jane,
lächelte kurz und gab dem Gast noch Sprühsahne: »Weil er dieses
Unbehagen in einem erzeugt. Man möchte ihn erwürgen. Finden Sie
nicht auch?«
Ich trat ihr unterm Tisch gegen das Schienbein. Sie schrie »Aua« auf
und der Journalist wirkte beunruhigt. Er wollte gehen.
»Ich weiß nicht genau«, sagte ich und er nahm Platz und fühlte sich
besser. Jane schenkte ihm nach.
      Ich ging um den Tisch und verschob bedeutend Dinge.
Geschirr. Den Stuhl. Schließlich drehte ich Janes Kopf ein wenig.
      Die Angst, ein eigenständiger Mensch zu sein, der nicht in fünf
Sekunden bereits verstanden werden kann. Der es Wert ist, dass man
sie oder ihn nicht als Sonderling abtut, sondern sich mit dem
Menschen beschäftigt. Ein Gedanke. Ich hatte mich entschieden für
etwas zu stehen und gleichzeitig zweifelte ich.
      »Er ist sich schon im Klaren, dass er hier in meiner Küche
steht. Er hat keinen Schaden, oder so was«, erklärte Jane dem
Journalisten und gab ihm noch Kakao mit einem Mickey Mouse
Löffel. Alles wirkte nett und liebevoll. Auf diese Weise vergingen
einige Minuten, in denen wir nur da saßen und mit dem Kopf
wippten, als würden wir alle zustimmen, ohne darauf eingehen zu
wollen.
      In die Stille hinein sagte ich gefasst: »Unsere Regierungen
töten Unschuldige am anderen Ende der Welt und nichts passiert.
Welche Bedeutung hat es, ein Wort darüber zu verlieren, welches
das Grauen in intelligente oder schöne Begriffe kleidet, wenn diese
Worte nichts mehr verändern? Weil es dazu keine persönliche
Emotion, keine persönliche Erfahrung gibt. Sondern nur ein
Nachplappern von Meinungen, mit denen man nichts falsch macht
und kundenfreundlich bleibt.
      Der Wohlstand ist unser Gefängnis geworden. Es ist leicht, ihn
nicht zu verlieren, aber praktisch unmöglich, innerhalb unserer
Zivilisation zu sagen, was man wirklich denkt, ohne den sozialen
Abstieg zu riskieren. Ich kenne mich selbst nicht genug, um zu
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wissen, was ich denke. Denn ich sehe mich nur mit Euren Augen -
und wenn ich auch nur einen Moment von Eurer Vorstellung
abweiche, wollt Ihr mich loswerden, weil uns neu kennenzulernen
ein Risiko ist.«
Das Zimmer wirkte jetzt noch kleiner. Als kämen die grauen Wände
näher. Jane und der Journalist starrten auf den Tisch, wo eine
Comicfigur auf dem Teller grinste.
»Nun gut«, unterbrach der Journalist plötzlich.
»Warten Sie«, sagte Jane und hielt ihn am Arm fest: »Wir sind noch
nicht fertig. Wir müssen Ihnen noch mehr sagen.«»Das, was wir
nicht wissen, ist eine Erfahrung, die uns die Freiheit geben kann.
Das ist meine Absicht«, ergänzte ich und lächelte ihn zum ersten
Mal an. Später erzählte er mir, dass es ihm in diesem Moment
vorkam, als sei er an einer Verschwörung beteiligt. An etwas
Verbotenem.
      »Wir alle versuchen cool zu sein. Wir sind coole Diktatoren,
die sich selbst auf markengerechte Coolness hin kontrollieren. Um
Teil der Community zu sein. Anerkannt, wegen des richtigen T-
Shirts oder wegen der politischen Entscheidung, im angesagten
Biosupermarkt einkaufen zu gehen.
Mir reicht es! Wenn es mir nicht möglich ist, einen Globalplayer an
der Zerstörung der Umwelt zu hindern, kann ich wenigstens mein
eigenes Image vernichten. Damit wir nicht alle gleich sind.«
»Man kann es in der Zeitung nicht lesen, wa? Was wirklich los ist«,
ergänzte Jane leicht verunsichert und hielt sich an der Tasse fest.
»Meine Wut. Meine Wut ist los«, rief ich und lief rot an, vor Scham
und Unsicherheit.
      »Ja, ja«, beendete Jane meine Ausführungen ein wenig später.
Mit einem leicht abwertenden Ton, wie sie es immer tat, wenn ich
plötzlich einen intellektuellen Vortrag hielt, während alle Anderen
sich mit profanen Problemen des Alltags beschäftigen mussten, die
zum Ziel hatten, dass man sich selbst als nett, harmlos und locker
wahrgenommen fühlte. Auf keinen Fall zu sehr links oder
antiautoritär.
      Jane schob ihm ein Butterbrot hin und der junge Mann, der wie
wir alle ein wenig danach aussah, als wäre er aus einem Musikvideo
gefallen, lächelte. Das machte sich gut vor der grünen Retrotapete
mit den orangenen Punkten. Eine Weile starrte ich die bunten
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Fliesen an. Der Wind wehte von der offenen Balkontüre herein.
      »Was erwarten Sie? Sollen wir alle Psychotherapie machen«,
fragte er plötzlich lachend und durchbrach die drückende Stille.
Dann sah er Jane an, deren Gesicht nun wieder versteinert war. Für
einen Moment zweifelte ich, ob ich ihm diesen persönlichen
Gedanken, der sich noch zerbrechlich anfühlte, angreifbar, wirklich
würde näher bringen können, ohne dass es nach einem eindeutigen,
politischen Lager klang. Nach einer Feststellung, nach der man aber
weitermacht wie bisher.
      Ich tat, als fühlte ich mich gedemütigt und setzte mir die
Mütze wieder auf. Zur Unterhaltung. Jane hielt meine Hand. Er
versuchte es zu rationalisieren. Fragte sich, in was er hier hinein
geriet. Eine bedrückende Situation, die ihn zugleich faszinierte. Was
hatte ich nur vor?
      Nach einer Weile, er wollte gerade wieder aufstehen und
gehen, sagte ich: »Sie werden dies sicherlich ebenfalls lächerlich
finden, aber ich denke, dass wir die Existenz, die Identitäten und
Rollenbilder erweitern müssen. Die neue Weltordnung kann nicht
von der UNO oder den politischen Eliten geschaffen werden, ohne
lediglich eine größere, eine verheerendere Variante ihrer bisherigen
Unzulänglichkeit zu offenbaren. Die Qualität muss sich verändern,
nicht die Quantität der Demokratie. Wir suchen nicht die
Weltregierung, sondern die Regierung, welche tatsächlich die ganze
Welt, die ganze Existenz sieht. In allen Aspekten und Facetten des
Lebens. Nicht durch die Linse einer Kamera, einer Überwachung,
sondern mit der Reife eines wahren Menschen.«
Ich kicherte. Er bekam es mit der Angst. Seine Gesichtszüge
wechselten zwischen kritischem Ernst, höflichem Lächeln und der
Verzweiflung nicht gehen zu können. So, als habe ein dämonischer
Clown ihn gefangen genommen. Zwei Menschen, die er zuvor für
politische Aktivisten gehalten hatte, deren Thesen er mit wenigen
Sätzen als linke Spinnerei abtun wollte.
»Sie sind ein Idealist«, unterbrach er und wusste selbst, dass es nicht
stimmte. Abwartend starrten wir einander an. Einen Moment lang
war es kalt und klar, wie an einem Novembermorgen. Er hatte dies
gesagt, als könne er nun gehen. Als habe er seine Schuldigkeit
getan. Allein seine Nutellastulle und das Gefühl, dass Jane ihn
vielleicht verstand, ihm Sicherheit geben könnte, hielten ihn fest. Er
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nahm sich vor, sie später im Treppenhaus zu fragen, was das Ganze
sollte. Es wäre ein Scherz. Er und Jane würden über den komischen
Speed lachen. Künstler halt. Exzentrisch aber harmlos.
      »Es mag sein, dass mein Bestreben etwas Lächerliches hat,
weil der Spott nach all dieser Zeit zu einem Teil von mir selbst
geworden ist und ich zittere, dass mir die Achtung und Liebe nur zu
Teil wird, wenn ich mich selbst lächerlich und harmlos gebe, um auf
Facebook geliked zu werden«, sagte ich zu ihm, als er mit Jane an
der Küchentüre stand. Mit dem Rücken zur Wand: »Nur weil ich
mich angreifbar mache, hören Sie mir noch zu. Ich will nicht, dass
Sie mich ernst nehmen, weil Sie sich sonst abwenden, von der
Gefahr, vor der ich Sie warnen will.
      Ich stelle mich dem und sage wieder, dass niemand wissen
kann wie ein freieres, neues Europa aussieht, ohne erneut
Ungerechtigkeit und neue Katastrophen aus Vereinfachung und
Standardisierung zu gebären. Diese Lehre müssen wir endlich
akzeptieren! Niemand kann ein System entwerfen, welches alles
bedenkt. Wir müssen uns auf das verdrängte Land einlassen. Zu
diesem werden.«
Nun blickte auch Jane entsetzt, als würde ich zu weit gehen und
unseren Gast endgültig vertreiben.
Er schüttelte den Kopf, stöhnte: »Ja, ja...«, und tippte weiter Notizen
in seinen iPod. Fast war es wie eine Maskerade, ein Versteckspiel,
in dem niemand das Gesicht verlieren wollte. Ich blickte Jane etwas
neurotisch an und lächelte dann sofort wieder unschuldig und
harmlos. Es stimmte schon, dass es wie einstudiert aussah.
Vielleicht war es das auch. Indirekt konnte man alles sagen, weil das
viel cooler war. Als Look, als Move.
Dronen töteten Menschen.
      Das Unbehagen verfolgte ihn, hatte sich wie ein Virus an
seinen Körper geheftet. Rückblickend kam es dem Journalisten vor,
als habe er mehrmals den Raum verlassen und sei wie in einem
Labyrinth jedes Mal erneut in Janes Küche gelandet. Am Abend
besorgte er sich eine Frau zum Ficken. Er nahm Drogen, betrank
sich und hatte schlechte Laune. Sein Leben kam ihm wie
Verschwendung vor. Die Kleine lachte die ganze Zeit und kicherte.
Er nahm sie ganz fest und zog sie mehrmals kräftig an sich heran,
als wolle er ihre Körperhaftigkeit begreifen, ihre Schwere, ihre
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Banalität. Alle paar Minuten sagte er Sätze wie: »Das ist geil«, oder:
»Es ist wirklich aufregend mit dir.«»Sag es nicht, wenn du es nicht
meinst«, erwiderte sie plötzlich und danach wachte er im
Hotelzimmer auf. Es war Morgen, sein Schädel dröhnte und noch
immer war der Artikel nicht fertig. Verkatert versuchte er die
Begegnung runterzuschreiben, warf den Stift wütend auf den Boden,
zog sich an und kehrte zu Janes Wohnung zurück. Er wurde das
Gefühl nicht los, dass wir in seinem Unbehagen überlebten. Als
hätten wir uns wie Parasiten in ihm eingenistet. Der einzige Weg das
Unbehagen loszuwerden, wäre zu verstehen, warum wir derart
sperrig waren und was das mit der Welt zu tun hatte.
      Weiter in Janes Küche. Erbarmungslos. Zweiter Tag, noch vor
dem Frühstück. Eine Kamera lief mit und er fragte irritiert: »Das
war mehr szenisch? Also, Sie leben wie in Filmszenen, weil das den
Leuten vertrauter war und nicht so viel Angst machte. Das stimmt
aber nicht. Es macht mir Angst. Warum wollen Sie das nicht
verstehen«, fragte er mit brummendem Schädel am Küchentisch,
den sinnlich zu beschreiben ich ihm verboten hatte. Keine Farben,
nichts was ablenkte oder unterhielt. Nur das nackte Wort, welches
man nicht sofort verstand.
»Ja«, antwortete ich schlicht, ohne eine klare Antwort zu geben.
      »Wie wollen Sie das machen? Sollen wir alle Drogen
nehmen«, fragte er nun wieder zynisch, während er von Janes
Heinzelmännchengeschirr aß und aus der SpongeBob Tasse trank:
»Wie können wir herausfinden, wer wir wirklich sind und uns dann
wieder OK finden«, erwiderte ich und wollte nicht mehr leicht
verdaulich sein.
      In all der Zeit hatte er die Sonderbarkeiten in Janes Wohnung
nicht bemerkt. Dass es kaum Möbel gab. Bretter standen bereit, um
die Fenster zu vernageln. Wie unaufmerksam! Konnte er denn nicht
lesen? Ich stand vor der rosavioletten Tapete, aß ein Stück Fleisch
auf der flachen Hand und sprach: »Ich kann mich selbst unbewusst
geben, andere Haltungen leben, darin scheitern, sterben und neu
geboren werden. Bis ich die Existenz aller Menschen in allen
möglichen Variationen, bewusst und unbewusst durchlebt habe und
somit selbst zu einer großzügigen und intelligenten Gesellschaft
geworden bin. Auch wenn es eine Übertreibung ist. Vielleicht
braucht es eine Übertreibung, um sich überhaupt zu bewegen?«
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      Die Amerikaner hatten erneut einen Krieg begonnen.
Vielleicht war es richtig und angebracht. Doch warum wurde es
dann niemals erklärt? Nie wurde einem ein Krieg erklärt.
      Jane suchte noch immer nach dem Netzteil für ihr Handy, als
ich das Fenster öffnete, weil die Luft bereits etwas stickig wurde.
Ich machte die Kerze wieder an, was dem jungen Mann seltsam
erschien, sah man die Flamme im einfallenden Sonnenlicht doch
kaum. Der viel zu junge Journalist konnte sich der Übermacht
unseres neuen, inszenierten Lebensstils nicht erwehren, lehnte sich
nachdenklich zurück und versuchte wie ein Gelehrter Argumente in
seinem Kopf zu sortieren, weil ihm das zu passen schien und schon
hatte er eine Schublade, die ihn beruhigte. Als triebe ihn eine
Scham, in unserem Spiel nur schwer mithalten zu können: »Aber
wie wollen Sie dieses Unsichtbare, die verborgene Welt sichtbar
machen? Die Welt außerhalb des Marktes, in dem wir alle Produkte
sind. Stereotyp aber glücklich. Wir brauchen sie doch nicht. Diese
andere Welt. Dieses authentische Ding. Es geht uns auch ohne gut.«
      Zuvor hatte ich angedeutet, dass daraus etwas Neues entstehen
könnte, wenn wir keine gleichgeschaltete Meinung zu den
Vorgängen hätten, was aber natürlich zunächst anstrengend sei. Ich
deutete auch an, dass in meinem Verhalten eine tiefere Absicht, eine
politische Haltung steckte.
      »Das mag Ihr privater Weg sein, aber darauf kann man doch
keine Gesellschaft gründen, die Standards benötigt und
allgemeingültige Vorgaben? Wo ist die große Idee? Wenn Sie sich
in das Chaos der eigenen Subjektivität stürzen, kapseln Sie sich
doch von der Welt ab und wir müssen Sie dann durchfüttern, in
Ihrer Fantasie! Das bringt uns überhaupt nichts. «
      Ich nahm eine Packung Mehl: »Man muss es mit Mehl
bewerfen, wie alles, was unsichtbar ist. Das Unbewusste muss mit
Mehl beworfen werden«, rief ich und warf eine Hand voll begeistert
in die Luft: »Weil es daran haftet und einen Umriss bildet. Statt
Mehl nehmen wir das eigene Leben. Dem Unkonkreten kann
niemand den Krieg erklären. Subjektive Entwicklung leben statt
klarer Produktion!
      In den kommenden Wochen, Monaten, vielleicht Jahren werde
ich vergessen, wer ich bin, also wofür Sie mich halten und wofür
meine Eltern mich hielten und was im Lebenslauf steht. Mal werde
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ich böse sein, vielleicht, dann dumm, dann intelligent, dann
unerwartet. Es muss mir egal sein, was die Leute über mich und die
Anderen denken. Ich werde ein lebender Crashtestdummy werden.
Es ist ein Spiel. Weil es ein Spiel ist, werden sie es zulassen. Es
erregt den Verdacht, es könne Spaß machen.«»Man könnte Sie für
verrückt halten? Und was ist eigentlich das angestrebte Ideal? Was
ist Ihr Ziel? Was soll dabei rum kommen? Sie sind doch schon 40.
Ist das nicht albern?«
      Ich setzte mich wieder und nach dem ich die Mütze
abgenommen hatte, blickte ich ihn ernst an: »Da ist eine Krise, von
der wir gehört haben, aber gleichzeitig ist sie nicht wirklich da. Weil
man sich in einem standardisierten und hippen Leben davor
zurückziehen kann. In die Position, in der man als in Ordnung gilt,
als normal, weil man in einer bescheidenen Rolle funktioniert und
nichts und niemanden belastet. Man muss nur tun, was die wollen,
das man tut. Doch jetzt ist es meine Krise. Vielleicht deine sogar.
Dass du dich unwohl fühlst, gibt dir Kraft! Glaub mir!«
Und ich dachte mir noch. Es gibt keine Revolution mehr.
Alles lief schon im Fernsehen: härter, lauter, schneller.
Die Revolution war immer Branding statt Flächenbrand.
Man wollte Sieger sein. Niemals kam in den Sinn, dass es darum
gehen könnte, anders mit dem Kontrollverlust umzugehen.

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Wir hatten einen alten, roten Reisebus gekauft. Es muss September
oder Oktober 2011 gewesen sein. Vielleicht sollte ich nachsehen, es
genau nehmen, weil genau eben individuell bedeutet, aber auch
kompliziert. Das stimmt schon.
     Eigenwilligkeit ist immer eine One Man oder One Woman
Revolte. Sie will die Massen nicht beherrschen, weshalb der
eigenwillige, ja groteske Rebell wenig sexy ist, aber dafür bereits
die Freiheit lebt, von der er spricht, während der Putschist Tyrannei
lebt und Freiheit predigt. Die eigenwillige Rebellin stirbt nicht
heroisch, sondern wird zur Außenseiterin, zum Underdog. Später
wird sie nachgeahmt, ohne dass man je ihren Namen nennen wird.
Denn sie hat sich nicht mit simplen Lösungen aufgezwungen.
     An diesem Tag hatten wir es nicht eilig. Die Fahrt würde noch
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Tage dauern. Ich erinnere mich, dass die Sonne schien.
Nicht die ganze Zeit. Also man sagt das so.
Weil das Leben dann unbedenklich ist, wie in der Werbung. Man
kann so was ruhig wiederholen. Es beruhigt die Leute, wenn sich die
Dinge wiederholen.
      »Ein sonniger Tag. Ist doch ganz einfach«, unterbrach der
Dicke von zwei Reihen hinter mir und ich verdrehte die Augen. Der
Bus fuhr über ein Schlagloch und uns allen haute es die
alkoholischen Getränke aus der Hand.
      Als die Kiste Club Mate zu Ende ging, meinte Jane mit
aufgerissenen Augen: »Ich halte das nicht mehr aus, Speed! Diese
Ewigkeit, in der wir aufeinander hocken und uns mit uns selbst
beschäftigen müssen. Einige haben schon abgestimmt, ob wir nicht
anhalten und uns ein paar DVD´s kaufen und Schokolade.«»Sei
nicht so agro«, meinte ich zu ihr: »Wir müssen da durch!«
      Von Hinten kam ein Raunzen. Doch niemand wagte den
Aufstand.
      An der Tankstelle luden wir zwei Kisten Club Mate und einige
Säcke Red Bull in den Bus. Die Mädchen bekamen Magnum
Mandel.
      »Is wohl ein Spiel wo, was«, fragte der Tankwart lässig.
»Nee. Es ist ein Projekt. Wir suchen etwas. Denn wir kommen aus
Berlin. Voll echt jetzt. Und dort fühlen wir uns nicht mehr frei. Es
stimmt nicht mehr. Wie mit der Demokratie, dem fortschrittlichen
und moralisch überlegenen Westen, der Europäischen Union. Alles
Dinge, die wir nie als wir selbst erlebt haben, sondern nur gesehen,
durch die Linse einer Kamera, aus der Distanz eines Touristen. Wir
sind uns selbst fremd geworden«, sagte Jane betroffen und umarmte
ihn. Dann kam es ihr vielleicht vor, als orientierte sie sich an mir.
An der Art wie ich sprach: »Nur sind wir noch nicht konsequent
genug, weil wir sensibel sind und darum ständig auf Rückfall. Das
Zeug hier ist Scheiße«, seufzte sie und deutete auf den Sack voller
Red Bull Dosen: »Das verstehe ich, dass du nicht anders kannst, als
die Droge weiter zu verkaufen. Wir können auch nicht anders, aber
wir müssen uns bemühen. Sonst wird das nie was. Die Sicherheit
der gespielten Existenz loslassen, in dem wir sie bewusst spielen
und fallen, bis wir den tatsächlichen Boden erreichen. Den Boden,
der uns an den eigenen Körper drückt. An den eigenen Schmerz, wie
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Speed sagt. Er würde es genauso sagen.
      Es zu unserem Schmerz machen. Nicht der Schmerz der
Börsen und auch nicht die Betroffenheit in den Gesichtern der
Politiker, die alles kürzen wollen. Nein, unser Leid ist ein anderer
Schmerz, den wir aber noch nicht kennen. Dafür wollen wir uns
Raum nehmen. Unendlich viel Raum«, sagte sie und es verging eine
Minute, in der sie schwieg, während der Tankwart nicht recht
wusste, ob er lachen sollte oder fortrennen, ob es gespielt war oder
ernst. In keinem Fall aber konnte es authentisch sein.
»Schon gut, Fräulein. Sie meinen also, in Berlin ist sie nicht? Die
Freiheit. Aber Obama war doch dort.«
      Als wir weiterfuhren, blickte er uns kopfschüttelnd hinterher.
Vielleicht sollte er die Polizei informieren. Aber der Kunde ist
König. Er ging zurück an die Kasse und nahm sich einen
Marsriegel.
      Der Journalist unterbrach meine Schilderung und rührte in
seinem Kaffee: »Aber Sie spielten doch nicht unsere Welt? Das ist
doch nicht unsere Welt. Nicht wirklich.«»Nicht genau. Wer ist
schon perfekt. Aber halbwegs. Sie wissen schon«, sagte ich zu dem
Schreiberling.
»Welchen Schmerz meinen Sie«, fragte er als wäre es eine paradoxe
Feststellung, es könne eine Emotion geben, die man fühlte, ohne
dass sie zu einem gehörte. Es verunsicherte und es kam ihm vor, als
manipulierten wir ihn. Ein Augenblick, in dem es schien, als sei er
von der Welt emotional abgeschnitten, als könne er nicht mehr
genau sagen, wie er diese wahrnahm. Immerzu schob sein Verstand
eine vorgefertigte also anerkannte Antwort vor. Als fühlte er sich
nicht.
Später, auf dem Weg zum Hotel, kaufte er sich eine Zeitung und las
sie draußen auf der Straße, im Regen. Es beruhigte ihn, als das nasse
Papier mit der Druckerschwärze zwischen seinen Fingern zerfiel
und auch er nass war und wie in einem Traum nicht er selbst,
sondern der Wind den Widerstand an seinem Körper erfuhr.

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Ikea, Mediamarkt, Aral, Shell, Baumarkt und wieder von vorn. Über
Autobahnkilometer immer Richtung Süden. Das Dröhnen von
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Hubschraubern über uns. In vielen Stunden, Tage. Dieser Lärm und
dann diese Stille und ich sprach einfach weiter, während der Bus
rollte. Es war leichter als ich gedacht hatte: zu warten, bis es passiert
und etwas anderes übernahm, was wir nicht kontrollierten.
      Die Anderen spielten derweil dieses Kartenspiel mit den
Werten von Einsatzfahrzeugen, in denen eine PS Zahl oder das
Gewicht des Löschzuges über den Gewinner bestimmte.
Wenn ich weiter redete und dabei nicht nachdachte, konnte ich
richtig klare Sätze sagen. Sobald ich mich fragen musste, ob es
richtig war, stotterte ich, oder sprach wie ein Wissenschaftler.
Einige der Anderen hörten mir zu. Hatte man nichts zu verlieren,
blieb man jung und mitteilungsbedürftig. Red Bull machte es
möglich.
Fast war da eine Leichtigkeit und es machte mir Spaß loszulassen,
als lebten wir in einer surrealen Welt, welche wir als die Echte
behaupteten, weil wir sie atmeten.
      Für längere Ausführungen fehlte das Geld, weil Geld ja Zeit
war und Zeit hatte niemand. Nicht meine Erfindung und nicht meine
Schuld, wenn dann alle fragen, was eigentlich hier los ist.
Muss ja.
War immer schon.
Scheißdreck!
Der Bruch kommt vor der Erkenntnis, obwohl wir lieber hätten, dass
die Erkenntnis die Erlaubnis für den Bruch erteilt. Verdammte
Hülsen. Wie kam man nur zum Echten? Es kam einem vor wie ein
Reflex. Der Krieg im Irak. Der arabische Frühling. Unsere Reise in
den Süden.
      »Fahren in Bus«, hatte der Dicke getwittert.
»Es muss was geschafft werden«, sagte ich während mein Körper
leicht zitterte. Ich fühlte mich wie Charlton Heston in Planet der
Affen.
      In der Küche hatte Jane den Eindruck, dass der Journalist
langsam Gefallen an unserer Verschwörung fand. Es konnte nicht an
den Keksen allein gelegen haben, dass er nun auch am zweiten Tag
zurückkehrte, um mehr zu erfahren.
»Unser Unterbewusstsein will, dass wir zu Kindern werden.
Vermutlich, weil wir nun schon ganz ernst über die Welt sprechen.
Intellektuell, seriös und dies auch nicht alles sein kann. Es stimmt
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eben noch nicht. Umso sicherer wir uns werden, umso größere
Extreme müssen wir durchleben. Um rein zu kommen, die Grenzen
des Alltags zu überwinden. Verstehen Sie das«, fragte ich den
Zeitungsschreiber, versuchte ihm unser Handwerk zugänglich zu
machen. Für einen Moment sah er aus dem Fenster, wo die Sonne
auf den Baum im Innenhof fiel und man spielende Kinder hörte.
Seine innere Unruhe verweigerte ihm die Muße mir aufmerksam zu
folgen. In seinem Kopf hatte er meine Vernichtung bereits in klaren
Sätzen formuliert. Es war einfacher gewesen als sich den kleinen
Wahrnehmungen zu stellen, die für ihn schrittweise zurückkehrten.
Gefühle, Ahnungen und Eindrücke, zu denen er sich hingezogen
fühlte.
      Auch wenn man einfach nur rumsaß, immerzu steckte einem
dieser Druck im Nacken, weshalb wir, besonders ich, eine Sprache
des Abgehackten verwendeten, wie eine Landschaft, die am Fenster
vorbeigezogen wurde, schneller und schneller. Bäume, Stra.., Stei..,
Himm... Dadurch erweckte man nicht den Eindruck faul zu sein,
während man sprach. Also da konnte keiner sagen, dass nichts
weiter ging, wenn man kaum noch einzelne Wörter aussprechen
konnte, geschweige denn einen tieferen Sinn kommunizieren. Keine
Zeit zu haben, hieß nicht faul zu sein. An was sonst konnte man sich
orientieren, wenn die Gesellschaft, der Job, die Politik keinen Sinn
mehr ergaben und man sich als von ihnen abgetrennt erkannte? Auf
der Flucht vor den Zweifeln wurde das Handeln paradox.
      Lebten wir endlich, was wir glaubten, käme es der eigenen,
inneren Zensurabteilung verdächtig vor. Das war riskant. Man
musste sich an die Regeln halten. Dann war man sicher.
      Die meisten sagten darum nur noch »hot« oder »hip« oder
»fahren in Bus« und setzten sich eine Sonnenbrille auf, worin ein
Missverständnis lag. Denn erst ab einem gewissen
Komplexitätsgrad, also beispielsweise bei »Zarathust...« oder
»Femi« und einfach mal »Retrointellektuell« musste der Verstand
unweigerlich zu komplexeren, zu höheren Ordnungsprinzipien
übergehen, was er bei »hip« und »hot« nicht tat.
      Der Russe ist böse und der Amerikaner ist unser Freund.
      Die Komplexität als Waffe des Friedens und als Erdreich, auf
dem sich ein neuer Wohlstand aufbauen ließe, war eine kontroverse
Theorie. Dass man dadurch mehr erschuf, also mehr leistete. Ob
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man tatsächlich dann nicht mehr faul wäre. Wenn das nicht
mindestens 80% der Leute auch dachten, riskierte man den sozialen
Abstieg.
      Warf man statt »he« oder »ah« einfach mal eine Frage,
bestehend aus drei Wörtern ein oder blieb mehrere Minuten beim
selben Thema, zwang dies das Gehirn möglicherweise zum Aufbau
einer freieren Gesellschaft.
      »Ach, geht’s uns gut«, sagte einer von der Rückbank und
nahm noch einen Schluck Club Mate.
»Halt die Fresse«, brüllte ich ihn nieder. »Wir verrecken mit vollen
Bäuchen. Das hat es noch nie gegeben. Darüber sollte ich einen
fünfstündigen Vortrag halten, mitten in die abendliche
Fernsehunterhaltung hinein.«
      Die Welt ist nicht mehr ausdrückbar, in einem Satz. Auch
nicht in drei Sätzen, die einen Sinn ergeben. Nur unbewusst ist alles
da, in den Zwischenräumen, die wir aber nicht leben dürfen, weil sie
nicht effizient gemanaged werden können.
      Alles wurde schon gesagt und der Kapitalismus ist längst
erklärt. Könnten wir nur vergessen, plappern, weiterleben. Alles
zusammen wäre eine Sprache und zwischen den Zeilen.
      Jane nahm mich in den Arm: »Es fällt mir selbst schwer es
auszuhalten, Speed. Aber meinst du wirklich, dass wir uns
verweigern sollten, heil zu werden, wie in der Werbung, wie es im
Lebenslauf erwartet wird? Wer sind wir dann? Wo gehören wir hin?
Wovon sollen wir leben?«
      Wir sahen uns konzentriert und entschlossen an und wussten,
dass sie uns die ganze Zeit beobachteten, während sie von uns
lernten.

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Eine Videokamera läuft. Davor sitzt der junge Journalist. Hinter
ihm eine weiße Wand in einem leeren Raum. Eine weibliche Stimme
von hinter der Kamera stellt ihm Fragen. Es ist Christine, eine
Journalisten vom ORF, der unsere Reise begleitet. Es kam einfach
dazu. Ansonsten wäre unsere unzeitgemäße, lästige Existenz nicht
bemerkt worden.
»Haben Sie es ihnen geglaubt? Warum haben Sie es Ihnen
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geglaubt«, fragte sie kühl.
»Ich habe Ihnen nichts geglaubt«, sagte er arrogant und rührte mit
dem Löffel in einem Joghurtbecher.
»Aber Sie blieben dabei. Sie fuhren die ganze Zeit mit. Warum?«»Es
war irgendwie witzig.«
Er wirkt etwas verunsichert: »Schließlich bin ich Journalist. Da ist
es doch richtig, an einer Story dran zu bleiben.«»Aber Sie wussten
doch zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es eine Story gab. Dass es
diese Story werden würde.«»Nein, das wusste ich nicht.«»Wie viele
Dosen Red Bull wurden in dieser Zeit konsumiert?«»Ich weiß es
nicht. Vielleicht 300 oder 1000. Das ist schwer zu sagen.«»Warum
glaubten Sie Speed?«»Ich glaubte ihm nicht.«»Warum sind Sie nicht
gegangen? War es nicht Zeitverschwendung?«»Ich weiß es nicht
genau. Vielleicht war ich nicht stark genug.«»Worauf führen Sie das
zurück?«»Plötzlich kam ich mir vor wie ein dummes Kind, das alles
einfach mitmacht. Den ganzen Konsum. Und es gab diese
Geschichte über seine Kindheit. Ich meine, Speed redete pausenlos.
Und es ging nicht immer darum, was er sagte, sondern um diesen
Schwall, der salonfähig wurde, weil Speed diese wichtigen Leute
kannte. Wie mit diesen russischen Hunden, wissen Sie? Pafflof, oder
Pawlows Köter. Speed kannte wichtige Leute und darum hörte man
ihm zu. Ist doch ganz logisch. So funktioniert unser System. Er
nutzte das für seinen Wahnsinn. Wir alle glaubten irgendwann
wirklich, wir könnten auf diese Weise entkommen. Er gab einem das
Gefühl, dass man gesehen wurde. Dass es etwas zu sehen gab.«

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Jedenfalls, das ist schon mal klar, weiß ich genau, dass ich einen
Pullover in den Farben Rot, Blau und Gelb trug, mit Sternen darauf,
wie bei einem Superhelden. In einem Sommer in Mitten der 80er
Jahre, gut drei Jahrzehnte früher. Ich war noch ein Kind. Davon gab
es ein Foto. Einen Beweis. Wir standen auf einer Apfelwiese vor
einem Bauernhof, als mir plötzlich die britische Premierministerin
Margaret Thatcher die Hand reichte. Sie war blass geschminkt, wie
ein Geist. Derart weiß, als hätte man sie mit dem Gesicht in einen
Eimer Wandfarbe getunkt. Noch nie zuvor hatte ich einen derart
weißen Menschen gesehen. Sie machte mir Angst und ich konnte ihr
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keinen Augenblick länger in die kalten Augen starren.
      Der Bauer hatte extra für sie Kühe besorgt und plötzlich
standen überall Blumentöpfe, wo sonst nie Blumentöpfe oder Kühe
standen. Was die Leute wohl beruhigte. Man wusste, man war
richtig. Ein Bauernhof brauchte Kühe und Blumentöpfe. Ich war
aufgeregt, weil doch nun nichts mehr stimmte. Aber das interessierte
niemanden. Niemandem war aufgefallen, dass ich mich erschreckt
hatte. Mit der Welt stimmte etwas grundsätzlich nicht, aber ein Kind
hat dafür keine Worte und in der Sprache der Erwachsenen kann
eine solche Wahrheit nicht bestehen. Warum nur will es alles
komplizierter machen? Es hat sich bestimmt nur eingebildet, dass da
noch etwas ist. Wann endlich hört es auf zu schreien und
funktioniert wieder normal?
      Ich starrte hin, als wäre es ein Fussel auf der Kleidung. Man
kann ums Verrecken nicht wegschauen.
»Manche Menschen lieben auf eine Weise, die sie zerstört«, sagte
der Journalist später zu mir und wollte, dass ich mit ihm draußen im
Regen stehe: »Weil sie das Paradies zwischen den konkreten
Dingen, zwischen den Ideologien, zwischen den beweisbaren
Tatsachen erkennen. In den leeren Räumen«, meinte er und deutete
auf die Flächen zwischen seinen Fingern: »Darum ist es ihr
Schicksal sich aus Liebe aufzulösen. Nichts aufzubauen, sondern
nur als eine alternative Möglichkeit, als eine Reaktion auf das
Sichtbare zu existieren. Sie leben im Zwischenraum und werden
vielleicht nie vollständig geboren. Das Leben erscheint ihnen in die
andere Richtung verlaufend, als strebten sie bis an den Anfang ihrer
Existenz. Auf der Suche nach einem tieferen Kern. Verworrene,
unkonkrete Gesellen, die vom Normalbürger gemieden werden, weil
sie die Ordnung gefährden.«
Ich war mir nicht sicher, ob er danach weinte. Es waren drei Tage
vergangen und noch immer konnte er seinen Artikel nicht
abschließen. Das zermürbte ihn. Umso mehr er trank, nachts im
Hotel, umso unbewusster flossen Deutungen aufs Papier.
      »Darum will ich keine Ablenkung. Schildern Sie nicht, wie ich
aussehe, welche Farbe die Tapete hat. Nichts soll beruhigen, vertraut
sein«, rief ich ihm hinterher, als er die Karte zum Hotel durch den
Schlitz zog und zum Lift torkelte.
      Thatcher hatte etwas in mir aktiviert. Zurück blieb eine
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Emotion, welche ich verborgen hielt. Diese Frau, die ich bis zu
diesem Tag nur aus dem Fernsehen kannte, brachte alles in meinem
Inneren durcheinander. Fast hatte ich darum mit dem Journalisten
Mitleid.
      Allein ihre außergewöhnliche Erscheinung bewirkte bei den
Menschen diese Veränderung, dachte ich damals. Was sollte sonst
der Grund sein? Sie sah aus wie ein verdammter Zombie. Im
Fernsehen wirkte sie hingegen normal. Das war offensichtlich, das
mit ihrem Aussehen. Dass sie anders war. Die zwei Hubschrauber,
mit denen sie landete. Ihr exzentrischer Mann Dennis und die vielen
Herren mit den Sonnenbrillen und den dunklen Anzügen.
      Im Nachhinein war die Sache für mich völlig klar, obwohl,
vielleicht hatte ich es mir eingeredet. Sie kam den weiten Weg, um
mir den Weg zu zeigen.
      »Du machst alles falsch«, brüllte mich kurz darauf meine
Mutter an und schlug mir mit der Hand ins Gesicht. Doch es war
bereits zu spät. Ich hatte es durch die Eiserne kapiert. Ich war die
Rache der eisernen, neoliberalen Lady geworden. Etwas, womit sie
niemals gerechnet haben. Es begann sich durch mich auszudrücken
und bald durch uns alle. Eine Welle, eine Antwort auf die
Effizienzsteigerungsversuche der neoliberalen Arschgeigen.
Der Virus in mir.

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Am Tag vor unserer Abreise machte ich den Fernseher an und setzte
mich. Wir hatten uns schick gemacht. In Erwartung. Alles normal.
Jane goss gerade die Blumen ein letztes Mal. Ich half ihr zu packen
und war darum bereits am Vormittag vorbei gekommen.
Natürlich war ich erstmal nutzlos. Fremde Wohnung. Hektik.
      Ich hätte nicht kommen müssen. Eine Verpflichtung. Da ging
es wieder los. Es war falsch. Es war da, wie ein Brummen.
      Immer wenn ich ein Gefühl verbarg, folgte darauf eine
Situation, in der ich verloren war. In der ich eine
Marketingabteilung brauchte, um zu wissen, was nun zu machen sei.
»Was ist«, fragte sie und packte ihre Tasche.
»Nichts«, antwortete ich und warf versehentlich den Salzstreuer um,
der seinen Inhalt über den ganzen Küchenboden verteilte. Hastig
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versuchte ich den Schaden zu beseitigen.
»Es ist ja so einfach sich einen Job zu suchen, wenn man nicht in
sich eine Welt trägt, die im direkten Widerspruch dazu steht. Wer
kann schon wissen, ob es richtig ist, dass der Salzstreuer auf dem
Tisch steht und nicht hier unten liegt«, murmelte ich vor mich hin:
»Niemand kann sagen, wofür es gut ist. Und überhaupt hat das so
wenig mit Salzstreuern zu tun, wie Flugzeuge mit Massenmord,
oder Vollbeschäftigung mit Glück.«
      Warum nahm ich nur alles persönlich, fragte sie sich. Weil ich
persönlich geworden war, zu mir und die Welt war ich, durch mich,
von meiner Verantwortung in jedem Augenblick getragen, ohne
dass ich mich je wieder auf die Institutionen, das was sie sagen, auf
den Friedensplan würde verlassen können. Auf den Friedensplan
war nie Verlass. Nur darauf, dass ich selbst den Unfrieden
übernehmen sollte, um ihn steuern, um ihn selbstbestimmt leben zu
können.
      »Du bist ein ganz normaler Typ«, meinte Jane dann wieder, als
ich einen Teller nervös gegen die Wand warf. Eine Zuckung. Ich
atmete tief ein. Von Außen war da nichts Besonderes. Nichts was
mich ausreichend unterschied, um dieses neue Selbst behalten zu
können, welches ich gerade in mir entdeckte.
      »Es ist ein Verdacht. Alles bekommt den Verdacht, nicht das
zu sein, was es vorgibt zu sein. Ist das OK? Darf ich das sein, was
hinter dem Verdacht liegt«, fragte ich später den Journalisten, der
darauf keine Antwort hatte, erschien es ihm doch unkonkret und was
unkonkret war hatte im Leben keine Relevanz. Im Fernseher im
Hotel zeigten sie die einrollenden Panzer und danach eine längere
Diskussion über den bösen Russen.
      »Wenn ich dem Verdacht Raum gebe, werde ich selbst
verdächtig«, sagte ich ihm, als er wieder trank und meinte noch:
»Aber in dieser Verschwörungstheorie kann ich wenigstens frei sein
und leben und Hoffnung haben, dass es das Gute gibt. Die
Wahrheit.«
      Er verstand mich wieder nicht und ich fühlte mich allein, lies
ihn am Hotel zurück und spazierte nach Hause. In wenigen Tagen
schon würde unsere Reise beginnen. Bei so etwas kann man nicht
zuversichtlich sein. Es lässt sich nicht planen. Als ich die Post leerte,
erschrak ich vor dem Kontoauszug und kam mir vor wie ein Idiot.
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Die ersten Nächte schlief ich kaum.
      »Hier hat es also angefangen«, meinte der Journalist am
nächsten Tag und mimte eine Nachdenklichkeit, die ich ihm nicht
abkaufte. Die Zeitung hatte er unter den Arm geklemmt, aber uns
beiden war klar, er würde sie an diesem Tag nicht mehr lesen.
      »Es spielt keine Rolle, ob Sie mich für verrückt halten oder
nicht. Ob Sie denken, ich behaupte nur, dies habe eine politische
Relevanz, damit mir jemand zuhört, wo ich doch sonst nur mit
meiner eigenen, kleinen und subjektiven Welt befasst, ja geradezu in
ihr gefangen bin. Brüssel kann das nicht verstehen. Diesen Anteil in
uns wird Brüssel, werden die Manager nie begreifen. Die
Demonstrationen sind überholt. Nur die eigene Existenz vermag ein
Hebel zu sein, an dem die mörderische Klarheit der Fließbänder
zerbricht. Heilsam zerbricht. Indem wir aufhören zu funktionieren
und unkonkret leben«, sagte ich ihm und lief gegen einen Stuhl, als
ich versuchte, mich wie in einer Traumsequenz durch die Küche zu
bewegen: »Das Unbewusste ist verdammt viel von meinem Leben,
wissen Sie? Wenn wir es nicht berücksichtigen dürfen, sterbe ich
auch. Nicht der Kleine Mann stirbt, sondern die Größe. Jene Größe
und Weite, die nichts mit Angeberei zu tun hat, sondern mit
Menschlichkeit. Wenn ich aber das ineffiziente Alles verkörpere,
wie kann ich darin überleben? Was ist dann noch ein Leben? Job,
Kinder, Haus, Garten? Ach ja, da war ein Krieg, eine Beziehung, ein
Moment des Unauthentischen, der wehtat. Richtig weh. Mehr weh
als die Angst vor Einsamkeit. Nun hat es uns zusammen gebracht.
Ich habe keine Ahnung, wie Sie den Leuten davon berichten sollen,
wenn sie nicht dabei waren? Sie müssten es ihnen sperrig und
quälend erzählen, damit sie es unmittelbar erleben!«
      »Das ist unpraktisch. Es ist doch im Alltag unglaublich
unpraktikabel, das ganze Leben zu leben. Das Bewusste und das
Unbewusste. Besonders wenn es im Ergebnis aussieht, als lebe man
überhaupt nichts. Also nichts Konkretes jedenfalls. Das ganze Leben
kann ja auch Längen haben und unproduktive Momente«, meinte er
rationalisierend. Die Nüchternheit war zurückgekehrt.
»Sie wissen, dass es darum nicht geht«, antwortete ich: »Das da
draußen existiert.«»Dazu habe ich eine klare Meinung«, unterbrach
er mich aggressiv.
»Ist es Ihre Meinung«, fragte ich desillusioniert: »Oder ist es nur
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eine Art zu leben. Indem man sich positioniert. Das reicht heute
nicht mehr um sicher zu sein, dass man kein Unmensch
ist.«»Unmensch?«»Sie wollen mich wieder vernichten und denken,
dass es besser ist. Weil die Klarheit sie zu einem professionellen und
produktiven Mitglied der Gesellschaft macht. Sie erscheinen
dadurch nett, attraktiv und das kann nicht opportunistisch sein.«
Er überlegte einen Moment.
»Was nützt es mir, wenn nur Sie und ich verstehen, dass in unserer
Beziehung eine Art Grammatik liegt? Niemand wird mich da
draußen dafür lieben. Wer weiß heute noch, was Liebe ist? Ich muss
sehen, wo ich bleibe.«»Etwas Anerkennung genügt Ihnen bereits«,
fragte ich lächelnd.
»Das Gegenteil ist nicht lebbar«, erwiderte er aufbrausend: »Es
bedeutet die Auflösung aller Begrenzungen, die unsere Gesellschaft
ausmachen. Eine gigantische Komplexität. Ein empathisches Real-
sein in der Welt. Das ist doch keine Haltung? Das ist
Haltungslosigkeit. Warum gehen Sie nicht gegen Putin, gegen
Obama, gegen Merkel auf die Straße? Ist das nicht auch
authentische Emotion?«»Sie lenken uns«, sagte ich leise, als redete
ich nur mit mir selbst: »Sie wollen überleben. Auch ich will das.
Trotzdem wird es schlimmer werden. In diesem Augenblick
erscheint es mir richtig, Sie nicht gehen zu lassen, es Ihnen nicht
leicht zu machen. Führten wir aber morgen dieses Gespräch, könnte
es bereits die Hölle sein und ich müsste Sie fragen, ob Sie keine
Freundin haben, oder weshalb Sie hier mit mir sitzen und von einem
Experiment berichten wollen, welches möglicherweise niemanden
interessiert. Es könnte politisch sein. Das Politische überhaupt. Oder
eben nicht.«
Er schüttete sich das Glas voll und lockerte den Hemdkragen. Ein
wenig Schweiß stand ihm auf der Stirn.
»Ich will Sie nicht verurteilen, Speed. Sie wollen, dass ich das hier
alles als eine Revolution wahrnehme. Tausendfach stärker als jedes
Manifest? Morgen fahren wir gemeinsam in diesem Bus und ich
habe keine Ahnung, was da passieren wird. Seit Tagen erzählen Sie
mir davon und verraten doch nichts darüber. Mir kommt es langsam
vor wie eine Geisterfahrt. Ich soll keine Erwartung haben, aber
gleichzeitig geht es um etwas Großes. Sie erwarten etwas
Übermenschliches. Ich soll Ihnen glauben, dass in unserem
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Unbewussten die Antwort auf das liegt, was die klügsten und
bestbezahltesten Köpfe Europas nicht lösen können. Wohin sollen
wir marschieren? Was sollen wir tun? Sagen Sie mir doch endlich
was ich tun soll, Speed!«»Das kann ich nicht«, erwiderte ich eine
Grenze ziehend, als ginge es um ein Prinzip.
»Offenbar gelten für Sie andere Maßstäbe. Sie sind ein arroganter
Tyrann«, schrie er und verschüttete etwas von seinem Wein auf den
Tisch vor dem Fenster. Ich verneinte und er setzte nach: »Aber Sie
haben Red Bull bedroht.«»Dann ist ja alles klar.«

                                 9

Weil ich auch als Vortragender arbeitete. Ich merkte schon, wie der
Journalist die Augen verdrehte, als ich ihm davon erzählte. Da ich
auf Kongressen sprach, was man mir, wenn man mich in dieser Zeit
gekannt hätte, nicht abkaufen würde, obwohl ich viel redete, weil
ich alles, was ich sagte, sofort negieren musste, weil es im
Widerspruch zu der Welt in mir stand, welche sich immerzu
veränderte, weshalb ich nie weiterempfohlen wurde. Kompetenter
ging es nicht.
      In diesem Moment fühlte ich mich neurotisch und völlig
verunsichert. Als wäre ich selbst nicht mehr Herr meines Körpers.
Dennoch fuhr ich fort. Ich hatte eine Visitenkarte, auf der »Redner«
stand. Wäre ich ehrlich zu mir selbst gewesen, ich hätte sie
zerreißen müssen. Es kam auch vor, dass ich während des Vortrages
das Thema wechselte.
      »Sie geben also zu, bereits vor Ihrem Experiment diese
Eigenart besessen zu haben«, fragte der Journalist mit vollem Mund,
als wir im Bus vor Leipzig saßen.
»Ja, wir sind immer die, die wir immer schon waren. Nur war ich
mir dessen eben nicht bewusst. Mir war nicht klar, dass meine
Erfolglosigkeit einen Versuch der Befreiung darstellte.«
      Mal sprach ich auf den Bühnen von Unternehmen über die
Zukunft der Arbeit, obwohl ich arbeitslos war, was manche irritierte,
da man ja auch Manager sein konnte, der gerade nichts managte, um
dann sofort die Frage zu stellen, ob man unter dem dunklen Anzug
unterschiedlich farbige Unterhosen trage und ob das ein Zeichen
von Rebellion sei, oder von Feigheit, weil man sie unter und nicht
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über der Hose anhatte. Außerdem entstand die Unklarheit, ob ich
einen Vortrag, in dem in den ersten fünf Minuten bereits alles gesagt
wurde, dann auch frühzeitig beenden könnte, wegen der Effektivität,
oder weitere 55 Minuten sprechen müsse, um das ganze Honorar zu
bekommen. Darin läge schließlich ein Widerspruch. Effizienz wäre
vielleicht doch nicht das Allheilmittel. Irgendwann wurde es immer
schlimmer und ich hatte keinerlei Kontrolle mehr darüber.
      »Wer sind eigentlich diese Beobachter, von denen Sie mir
gestern erzählt haben«, fragte der Journalist an einer Raststätte und
sah sich ungeduldig um: »Das verstehe ich nicht. Etwa die
NSA?«»Später. Ich kann jetzt noch nicht darüber sprechen. Sie
müssen nur wissen, dass die meisten Menschen es nicht verstehen,
wenn man ihnen ins Gesicht sagt, dass sie Mörder sind«, sagte ich
flüsternd und fuhr in Gedanken fort, während er auf und ab ging, auf
der Suche nach der eigentlichen Story, nach dem, was die Menschen
hören wollten.
      »Aber die Beobachter«, unterbrach er wieder. »Haben Sie etwa
bereits vergessen, dass dies nur ein Spiel ist. Ein perverses Spiel, in
dem Sie niemals auf ihren CO2 Footprint achten. Es kann also rein
moralisch nicht richtig sein. Das sagen Sie doch selbst. Das es
ethisch zweifelhaft ist, was Sie da tun und wenn ich einen Verdacht
habe, dann den Verdacht, dass Sie sich letztlich nur vor der Arbeit
drücken wollen. Vor dem, was getan werden muss.«»Woher wissen
Sie, was getan werden muss«, zickte ich ihn an.
      »Man verliert sich in den Zwanzigern und in den Dreißigern
glaubt man eine Karriere machen zu müssen und Kinder. Dann,
nach der Scheidung, bist du plötzlich wieder sechszehn.
Ausrangiert, weil die Ressourcen für ein zweites Leben nicht
reichen«, polterte ich im Selbstgespräch, während Jane und die
Anderen noch an der Kasse zahlten: »Der Komplexitätsgrad für jede
Bewerbung zu groß, man für einen seriösen Profi zu unbeständig
und für einen Anfänger zu alt ist. Und dann sowas. Flucht aus
Berlin, weil es zu klein wurde, für die Welt in uns drinnen, weil es
zu groß ist, zu global, um sich seiner selbst bewusst zu werden.«
      Mein Europa war vollkommen anders. Brutal, faschistoid und
eine Bedrohung für die Menschheit. Es war besser, dass es anders
war. Besser eine Diktatur inszenieren, als plötzlich zu erkennen,
dass man diese nie geschnallt hat, während es für den Aufstand
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bereits zu spät ist. Manchmal hinterließ der ganze liberale Westen
nur ein Gefühl von Ohnmacht und Schwäche.
      Dicht daneben. Eine Realität dicht daneben ausleben. Das fand
ich großartig. Nah genug an der Wirklichkeit, um sich damit zu
identifizieren und weit genug davon entfernt, um in der Differenz
Bewusstsein zu erlangen, über das, was wirklich läuft.
      Egal. Eine Dose Bohnen konnte ich öffnen, nach Millionen
Jahren der Evolution. Jane lächelte freundlich, als ich ihr die Dose
reichte. Ein sonniger Tag.
Die meisten werden sterben! Das wäre klar, dachte ich und stellte
mir vor, wie die ganzen Menschen im glücklichen Konsumrausch
von einer Granate pulverisiert wurden.

                                10

Ein älterer Mann sitzt vor einer weißen Wand. Die Kamera ist direkt
auf ihn gerichtet. Links neben ihm ein Fenster, welches einen Blick
auf die Berliner S-Bahntrasse ermöglicht. Christine vom ORF fragt
den Mann im Anzug und gelockerter Krawatte: »Wann sind Sie
Timothy Speed das erste Mal begegnet?«»Ach, darum geht es also?
Sie meinen diesen Typen, der so getan hat, als lebten wir im Krieg?
Damit er die Bevölkerung befreien kann. Damit sie authentisch
fühlen lernt. Einen Bezug zu sich selbst entwickelt. Als wären wir
im Westen alle Monster und merkten es nicht. Der hat doch alle nur
verrückt gemacht. Schon meine Mutter hat immer gesagt. Wenn du
willst, dass sich etwas in der Welt verändert, musst du werden wie
die Welt, die du dir vorstellst. Oder war das Gandhi? Ist doch egal!
Ich war nie ein Mitläufer. Dass ich mir diese Frage heute stellen
muss, ist doch nur wegen diesem Speed. Das ist doch wie mit den
Flashmobs! Das ist doch nicht Demokratie. Nur weil da Massen
mitmachen. Wenn Sie mich fragen, ist das alles Kinderkacke.«»Und
was ist mit dem Krieg?«»Was für ein Krieg? Es gibt keinen Krieg«,
rief er irritiert und riss die Hände nach oben. »Alles ist doch
Entertainment. Haben Sie das etwa nicht gewusst? Damals gab es
auch keinen Krieg. Klar, das glaubt einem niemand! Das läuft doch
nur im Fernsehen, damit die Leute zu Hause die richtigen Politiker
wählen. Man kauft damit Entscheidungen, die eine Art Reflex sind.
Die Leute sollen keine echte Beziehung zu ihrem Umfeld aufbauen.
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Das erscheint ihnen heute anstrengend. Sie geraten in einen inneren
Konflikt und wer in einem inneren Konflikt ist, wird nicht
gemocht.«

                                11

Natürlich habe man nicht ahnen können, dass Lieutenant Prize 88
Kinder erschießen würde. Dafür sei die Kampfmaschine der Navy
Seals nicht ausgebildet gewesen. Das komme eben dabei raus, wenn
Menschen sich über sich selbst hinaus entwickelten, meinte ein
Pressesprecher, als wären wieder die Liberalen an allem Schuld.
      Am nächsten Morgen war ich mit dem Gefühl von
Dringlichkeit aufgewacht, um dann festzustellen, dass ich lediglich
mit dem Kopf auf einer Zeitung geschlafen hatte.
      Draußen vor Janes Wohnung flogen diese Hubschrauber
vorbei und ich meinte zu Jane, dass ich mal im Internet surfen
wollte, was das denn für interessante Formen seien, die da runter
hingen, deren Sinn man nicht sofort verstand. Jane meinte: »Die
sprühen glaube ich, wegen der Eichenspinnerraupe. Die soll
gefährlich sein. Ich habe deshalb in den letzten Tagen schon
schlecht geschlafen. Das sind ja gruselige Biester. Warum die
Regierung dagegen nichts unternimmt, verstehe ich nicht.«»Man
sollte sich damit beschäftigen«, meinte ich nachdenklich.
»Lieber nicht«, unterbrach sie und suchte den Staubsauger. »Das ist
doch viel zu aufwändig.«
Ich nahm ihre Hand und versuchte ihr Vertrauen zu geben.
»Du darfst es nicht vergessen«, sagte ich bestimmend: »Darüber
haben wir doch gesprochen. Wir dürfen es uns nicht einfach
machen, auch wenn es unangenehm ist.«»Du hast ja Recht, Speed!
Wo ist das Telefon?«

                                12

»Ich begreife Ihre Inszenierung manchmal nicht«, unterbrach der
Journalist, als wir in der Küche saßen: »Sie stehen in diesem fast
leeren Raum, in dem Sie zugleich wohnen und reden immerzu und
bewegen sich, als habe es eine Bedeutung. Was ist denn jetzt das
Unbewusste, welches bewusst werden soll?«»Wenn Sie direkt drauf
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stieren, können Sie es nicht erkennen. Wie mit optischen
Täuschungen. Sie müssen zuvor loslassen lernen oder unscharf
kucken.«»Man sieht, was man weiß«, ergänzte er interessiert.
»Was man glaubt zu wissen«, antwortete ich.
»Aber das ist doch offiziell, wenigstens«, versuchte er wieder zu
rationalisieren und ich erklärte: »Es berührt Sie nicht. Das Offizielle
berührt niemanden. Es ist abgegriffen und macht das Leben
uninspiriert und unwahrhaftig.«»Aber deshalb lügen?«»Ich lüge
nicht.«»Aber Sie übertreiben, oder ist das nur diese Intensität, in der
die Reisenden in dem Bus leben, die es übertrieben wirken lässt?
Bekommen wir denn überhaupt noch etwas mit? Sagen Sie mir,
Speed! Worauf kann ich mich denn jetzt verlassen? Worauf kann ich
vertrauen. Ihnen traut niemand.«

Schnitt.

      Jane rief bei der Redaktion einer großen deutschen
Tageszeitung an. Es läutete. Wir warteten.
»Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen«, fragte ein freundlicher
Mann am anderen Ende.
»Ich möchte gerne eine Anzeige aufgeben«, sagte Jane.
»Wie lautet der Text bitte?«»Suche den Wohnort von jenen
Menschen, denen wir, die Bevölkerung, dieses Geld schulden. Von
den Eigentümern der Banken, meine ich. Hinweise bitte an folgende
Telefonnummer...«»Das geht so nicht«, unterbrach der Mann. »Das
klingt irgendwie nicht legal.«»Meinen Sie?«»Was wollen Sie
überhaupt von diesen Leuten«, fragte er mürrisch.
»Ich dachte mir, ich rede mal mit denen. Als Frau und zukünftige
Mutter. Weibliche Energie und so. Ich meine, wenn das am Ende
nur ein paar hundert Personen sind, kann man die doch fragen, ob
sie uns nicht alles erlassen, als Menschheit. Also ich würde das tun,
wäre ich die. Es kann ja nicht einer eine ganze Bevölkerung
besitzen, oder? Weil wir angeblich in deren Schuld stehen.«»Das
weiß ich nicht. Aber die Adressen sind privat.«»Wenn es uns aber
doch alle was angeht.«»Die wollen sicher nicht gestört werden! Und
überhaupt, was wenn wir alle diese Adressen hätten? Manche von
uns würden da hin und diese Leute am nächsten Baum
aufhängen.«»Würden Sie das denn tun?«»Nein, ich nicht, aber
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andere bestimmt.«»Wenn die Wohnadressen aber nun rauskämen,
versehentlich...?«
Einen Moment war es still am anderen Ende.
»Sie würden einen Krieg beginnen«, meinte er stoisch. »Damit die
Beweise verschwinden. Oder was in die Luft jagen und dann
behaupten, dass es irgendwelche Randgruppen waren, aus einem
Land, wo es wertvolle Ressourcen gibt. Die würden ihre eigene
Haut retten und dafür den halben Planeten zerstören. So sind die!
Ich kenne die zwar nicht, aber wenn ich mir die Welt ansehe, traue
ich denen das zu. Was ist das für ein Hubschrauber im
Hintergrund?«»Sie haben Recht«, sagte Jane ernst: »Sie dürfen nicht
wissen, dass wir es wissen.«
Sie legte auf und wendete sich mir zu, der ich gerade Zeitung las:
»Wir sollten mal wieder was unternehmen! Raus gehen und Party
machen. Soll ich uns vom Supermarkt ein runtergesetzte Video
mitbringen?«
Ich lächelte und warf einen Teller an die Wand.
»Jaja, mach«, sagte ich, während die Türe hinter ihr zufiel.
      Manchmal wunderten sich Passanten, wenn der Bus plötzlich
hielt und ich hinaus stürmte, um Jane vor einem Mann zu retten, der
einen Helm trug und eine lustige, faschistoide Art zu marschieren
hatte. Sofort wurden sie aufmerksam und aus dem Alltagstrott
gerissen.

                                13

Jane sitzt vor der Kamera. Christine vom ORF stellt Fragen. Die
beiden Frauen sind jetzt allein in einem Hotelzimmer.
»Glauben Sie, dass er es getan hätte, wenn ihr Leben nicht bedroht
gewesen wäre«, fragte sie locker, wie in einem Gespräch unter
Freundinnen. Jane lächelte versöhnlich.
»Es ist wie mit der Henne und dem Ei. Man weiß nicht, was vorher
da war, wa? Was heißt denn auch ‚bedroht‘? Das ist doch alles
relativ. Wenn icke jetzt das Haarspray verwende, töte ich ja
irgendwo was. Da gehen doch Wesen kaputt. Mikroben, oder so
Zeug, wa. Ist das nun ein tragischer Tod oder ist mir das wurscht?
      Er wollte sie retten. Er wollte Helena um jeden Preis retten.
Man kann sich ja auch eine neue Freundin suchen, wa? Der Mensch
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kann letztlich alles, wenn er Arbeit hat. Aber wo fängt man da an
und wo hört man auf? Wenn einem etwas oder jemand wichtig ist,
gibt es vielleicht eine Kraft im Menschen, die diesen unbestechlich
macht. Etwas, woran der oder die dann stirbt, wenn sie das nicht
macht. Es könnte doch so etwas geben. Ich denke, das war so ein
Ding beim Speed. Das konnte alles ziemlich unangenehm werden
und er hat trotzdem versucht sie zu retten, auch wenn Andere gesagt
haben, dass sie überhaupt nicht gefährdet war. Weil bei uns im
Westen alles in Ordnung ist. Im Großen und Ganzen.
      Wenn jetzt einer gesagt hätte, es wäre der Lauf der Dinge, oder
etwas Herzloses, etwas Gleichgültiges, hätte man das vielleicht
verdächtig finden können. Nur war es viel simpler. Viele verstanden
einfach nicht, warum es in Deutschland möglich sein sollte, dass da
eine geopfert wird.«

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»Dieses Projekt. Warum tun Sie das? Ich meine, Sie könnten in
dieser Zeit Geld verdienen und einer sinnvollen Tätigkeit
nachgehen. Ich begreife nicht, warum es Ihnen derart wichtig ist.
Unsere Zivilisation funktioniert doch. Sind Sie vielleicht krank?
Stimmt etwas mit Ihnen nicht? Eine Form der Übersensibilität«,
fragte mich der Journalist im Hotelzimmer. Manchmal trank er in
der Nacht so viel, dass er sich am nächsten Tag nicht mehr erinnerte.
Als sei ihm das Gefühl der Verbundenheit mit den Geschehnissen
abhanden gekommen.
      Auf dem Nachtkästchen stand noch die Packung Schokomüsli.
Ich schüttete mir davon etwas in eine Schüssel. Draußen flogen
Vögel vor einem strahlend blauen Himmel.
»Es kommt einem lächerlich vor. Wie gespielt«, antwortete ich:
»Ich glaube, dass man mit Haltungen viel bewirken kann. Außerdem
fördert Irritation den Individualismus. Die ganz und gar freie
Gesellschaft ist doch eine Gleichschaltung, gegen die man nur
schwer ankommt. Ein wenig muss man also auch das Böse und
Tyrannische integrieren. Die Frage ist nur, wie viel?
      Beispielsweise benutze ich für die Post an Behörden immer
einen Briefkopf mit der Aufschrift »Nürnberg 2 –
Dokumentationszentrum zur Aufdeckung von Verbrechen im
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Faschismus.« Damit die Leute wach bleiben. Das sieht dann aus wie
ein Brief vom Finanzamt. Mit Stempel.
      Ich habe mir gedacht, wenn die so tun können, als vertreten sie
die Bevölkerung, weil sie den Anweisungen einer Elite folgen, die
durch Manipulationen im Parteiensystem, welches uns nur zwei
oder drei Möglichkeiten zur Wahl stellt, künstlich eine Mehrheit
produzieren, kann ich das auch tun. Also vertrete ich jetzt auch die
Bevölkerung. Schließlich bin ich ein ganz normaler Typ.
      Eine Partei derer, die auf die Toilette gehen müssen, kann für
sich stets die absolute Mehrheit beanspruchen, aber wollen wir
deswegen in einer Welt leben, die sich nur um Fragen der Hygiene
dreht? Was soll das für eine Demokratie sein?
      Ich denke, dass Nürnberg 2 kommen wird. Früher oder Später.
Besonders, wenn wir eine Haltung leben, in der wir Nürnberg 2
erwarten.
      Nürnberger Prozesse unserer Tage sehen aber natürlich anders
aus. Es ist eine Verunsicherung. Es ist eine gute Verunsicherung.
Verstehen Sie? Man verurteilt sich am Ende immer nur selbst.«
      Das stimmte ihn an diesem Tag gnädig und zum ersten Mal
kam es mir vor, als wollte er mehr erfahren: »Die wissen, dass es
kommen wird. Tief in sich drinnen wissen sie es. Am Anfang wirkt
es absurd, lächerlich, gespielt, wie alles, was neu ist. Darum kann
man es doch gleich spielen. Ich meine, wo ist der Unterschied?
Wenn alles, was neu ist, wie gespielt, wie obskures Theater wirkt,
warum dann nicht einfach obskures Theater leben? Und somit die
neue Gesellschaft, den nächsten Schritt in der Evolution
wahrscheinlicher machen. Weil man dann weniger alte Ordnung
zuvor beiseite argumentieren muss.«
Er blickte konzentriert und rührte seinen Kakao um. Draußen auf
der Straße riefen Kinder und eine Straßenbahn war im Hintergrund
zu hören. Jane ging schon mal vor, um den Bus aufzuschließen.
»Es ist ziemlich radikal, dass Sie als der echte Speed einfach eine
literarische, eine fiktive Figur leben und in dem Buch im Buch, in
dem Sie Ihr Leben neu entwerfen, die Leute damit konfrontieren. Es
einfach an Red Bull schicken. Das haben Sie ja wirklich letzten
Donnerstag getan. Sie gehen tatsächlich pleite. Weil sie eine Fiktion
leben. Das ist bewundernswert oder dumm? Ich bin mir noch nicht
sicher«, meinte der Journalist mit einem sanften Lächeln und schob
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sich am Frühstückstisch noch Rühreier rein.
»Aber wie kann eine Fiktion eine Fiktion heilen«, fragte er mit
vollem Mund: »Sie tun so, als habe es etwas mit ihnen, den Leuten,
zu tun. Als habe all das etwas mit uns zu tun. Aber was, sagen Sie
nicht. Und diese Frau. Ich verstehe nicht, warum wir da was fühlen
sollen. Wer ist Helena?«»Das Gefühl ist da. Das ist
entscheidend.«»Aber wozu? Ich dachte, es geht um Revolution«,
erwiderte der Journalist ungeduldig.
»Sie zu lieben ist die Revolution. Was könnte schöner sein?«
Das kam ihm nun zu weit hergeholt vor. Es ließ sich nur schwer aus
dem Weltgeschehen herleiten und was sollte das mit ihm zu tun
haben? Schließlich liebte er diese Helena nicht und er reiste doch
wegen der Welt mit. Wegen den politischen Verwerfungen, die nie
erklärt wurden, die er bis vor wenigen Tagen, in Janes Küche, noch
für alternativlos hielt. Darauf hatte man sich geeinigt. Als ich ihn
aus den Gedanken riss, fühlte er sich übergangen, da ich erwiderte:
»Niemand kann sagen, wo es hinführt, was aber egal ist, wenn man
nicht in einer Welt leben muss, in der alles von einer oder wenigen
Optionen abhängt, weil man nicht mehr fertig werden kann, weil der
Geburtsvorgang kein Ende findet.«»Sie verlieren mich! Ich kann
Ihnen nicht folgen. Wegen Helena bin ich nicht hier«, unterbrach er.
Und dann dachte er sich, dass es vermutlich eine meiner
Interventionen wäre, um ihn zu verunsichern..

                                15

Während der langen Fahrt dachte ich wieder an die Küche und es
kam mir vor wie ein seltsames Symbol. Was kochte ich? Jane legte
einen dreckigen Teller in die trübe Flüssigkeit, welche am
Waschbecken diese gelben Ränder bildete. Fettkugeln auf dem
Wasser.
      »Außerdem könntest du den Zusehern was geben, was sie
kennen. Also du könntest wenigstens so tun, als lebtest du ein
Leben, mit dem sie sich identifizieren wollen«, sagte sie und
schaltete den Staubsauger ein. »Etwas, was ihnen einen Nutzen
bringt.«
Ich blickte davon unbeeindruckt aus dem Fenster und fühlte mich
für einen Moment befriedigt.
                                 38

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       In der Mannschaftskantine von Dachau würde das ganz
normale Programm laufen, dachte ich. Auch draußen ginge alles
normal weiter. Die Läden wären offen und man müsse weiterhin an
der Kasse zahlen. Menschen würden sich Gedanken über
Weihnachten machen und all diese Dinge. Selbst wenn die Hälfte
des Planeten plötzlich abbrechen und ins Weltall stürzen würde,
gingen auf der anderen Seite noch immer Menschen am Morgen zur
Arbeit. Trotz Gedenkfeier und einigen Wochen der logistischen
Irritationen. Vermutlich empfänden sie den Verlust des halben
Planeten einfach nur als Störung, als lästige Sache, weil es auf der
Autobahn wieder eine Baustelle gäbe.
       Wie konnte man also sicher sein, dass wir nicht doch im
Faschismus lebten? Wenn man letztlich fast alles mit uns machen
konnte, ließe man sich dabei nur genügend Zeit und wiederholte und
wiederholte es immer wieder. Der Bus rollte einfach in den Süden.
Niemand stieg rechtzeitig aus.
       »Jemand hat mir mal gesagt, dass ein Drittel der Bevölkerung
alles mit sich machen lässt und jede Revolution stets von einer
Minderheit durchgeführt wird«, rief ich Jane noch zu, während sie
was im Bad kramte. Ein Drittel der Menschen kämen also auf jeden
Fall damit klar, dass unsere Geschichte seltsam begann. Mit dem
Monolog eines Außenseiters, der in keiner konkreten Welt lebte.
Welche Marken er trug, wo er studiert hatte, welche Art von Haus er
bewohnte. Nichts davon. Es war nicht mal klar, ob er erfolgreich
oder ein Looser war. Womit er wohl sein Geld verdiente? Ein Drittel
hielte es schon bald für normal, wiederholte ich es nur wieder und
wieder, weil keine höhere Instanz widersprach, den Hauptdarsteller
für verrückt erklärte. Auf jeden Fall nahm dieser etwas ernst. So
sehr ernst, dass es fast komisch wirken musste.
       »Auch wenn ich es jetzt sage, Jane. Sie sind höchstens
verunsichert. Sie können es sich einfach nicht vorstellen, es nicht
gesehen haben. Sie davon nichts wussten. Doch da draußen lauert
es.«
       Das Drittel würde einfach ein Teil davon werden, mitlaufen,
denken, dass es wohl richtig sein muss, dass bei uns nun andere
Regeln zu gelten scheinen. Wie mit der festgelegten Krümmung
einer europäischen Gurke. Auch absurd und doch wahr. Vielleicht
könne man diese neuen Regeln selbst übernehmen. Wenn klar wäre,
                                 39

<!-- PDF page 40 -->

dass das erlaubt ist. Wenn das auch andere tun.
      Ein schleichender Putsch. Ausgelöst durch einen aufrecht
erhaltenen Verdacht, welcher sich in einem Leben, in einer Existenz
zum Ausdruck bringt. Wie ein Funksignal, eine Resonanz
permanenter Unruhe und Verunsicherung.
      Ich erinnerte mich an den Besuch der Premierministerin
Thatcher. An das Lächeln der Menschen. Die gespielte Freude. Den
gespielten Untertanen und Bürger. Dabei glaubte niemand, sie
könnte lieben. Niemand glaubte, sie sei echt.
      Ich konnte nicht mit allen rechnen. Die Konsequenz daraus
musste lauten, dass ich damit zu leben lernte, dass der Weg zur
Befreiung der Weg der Brüche und der Irritationen war. Nur musste
man es durchhalten, aushalten, immer wieder.
»Der Weg zur Befreiung ist der Weg der Brüche und Irritationen«,
sagte ich zu Jane. Sie sah mich mit diesen faszinierten Augen an und
fast konnte man eine Träne erkennen.
»Dann ist es OK«, fragte sie gefasst. »OK, dass ich es nicht mehr
schaffe? Dass alles zusammenbricht?«, meinte sie und legte ihre
Hand sanft auf meine Schulter: »Sie werden Helena fühlen können.
Was es wirklich bedeutet, sie zu opfern. Es wird ihnen ganz nah
gehen. Sie wird nicht nur irgendeine Griechin sein. Ich möchte es!
Es darf mich irritieren und ganz tief berühren. Es ist OK, auch wenn
ich im Job dann nicht mehr einfach weitermachen kann, wa?«
Und sie legte verunsichert und mit zittriger Stimme nach: »Du
meinst also wirklich, dass es OK ist? Dass es für uns alle besser ist,
wenn wir nicht verstanden werden, weil, wenn wir nur viele sind,
mehr als nur wir zwei, wir gezwungen werden hinzusehen und uns
zu bemühen? Du meinst also, wir müssen überhaupt nicht nett und
unkompliziert sein? Icke bin doch nur ein einfaches Mädel. Icke
versteh nicht, warum Harmonie und Gut-drauf-sein nichts mit
menschlicher Wärme zu tun hat. Sondern Wärme und Mitgefühl...
Das, was du also wir jetzt darunter verstehen. Dass es sogar
Depression und voll Schlecht-drauf-sein bedeuten kann. Warum
aber tröstet es mich nicht? Warum macht es mir Angst? Bitte lass
mich nicht allein«, schluchzte sie und heulte an meiner Schulter,
während ich sie bedrückt festhielt.
»Halt mich fest, Speed. Wenigstens hältst du mich fest. Auf diese
Weise könnte ich vielleicht sogar einen schlechten Tag überstehen,
                                  40

<!-- PDF page 41 -->

ohne mir sofort eine neue TV-Serie auf DVD zu kaufen.«

                                16

Wir stellten Requisiten hin. Das war noch in Janes Wohnung, drei
Tage vor der Abreise. Ich erinnerte mich jetzt und wir stellten die
Szene neben dem Bus, in einer leeren Scheune, kurz vor München
nach.
»Aber wer beobachtet jetzt wen«, fragte der Journalist. Seit Tagen
löcherte er mich damit.
»Alle beobachten alle. Nur mit radikaler Überwachung gibt es eine
radikale Diskussion, was das Gegenteil von absoluter Kontrolle ist.
Die Menschen sollen sich intensiv gegenseitig beobachten, bis die
Irritation der Unterschiedlichkeit ihr Bewusstsein erweitert.
Dabei aber muss der Grund der Überwachung sich laufend ändern.
Heute 13.00h. Das Subjekt war keinen Moment kreativ. 14.00h. Das
Subjekt hat seiner Frau nicht gesagt, dass er sie liebt. 15.00h. Das
Subjekt arbeitet zu viel und hat aus egoistischen Gründen 5000
Arbeitsplätze vernichtet. 18.00h. Das Subjekt wurde von jeder
Mitverantwortung frei gesprochen. Nur dann können wir sicher
sein.«
       Der Hausmeister hatte, gespielt von einem jungen Mann,
wieder an der Türe geläutet und gefragt, ob er die Sicherung im
Keller nun auswechseln solle. Jane fragte den Mann auf der Leiter,
der gerade eine Kamera anbrachte, und dieser verneinte. Ein anderer
ging rüber zum Wagen, um eine große Kabeltrommel zu holen.

Schnitt.

      Damals war der Journalist noch verwunderter: »Sie machen
einen Film? Ist das Teil des Experiments?«, hatte er gefragt,
während er dem anderen Mann die Leiter hielt.
»Wann werden Sie endlich akzeptieren, dass es real ist«, fragte ich
und er lachte unsicher.
      Jane und ich staubten noch die Pflanzen ab. Der Schlüssel
versiegelte die Türe hinter uns, als wäre Janes Wohnung nun eine
Zeitkapsel. Wir kämen nicht zurück.
Die in der Schule haben uns belogen. Wer das Richtige tut, kommt
                                 41

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nicht in den Himmel, sondern in die Arbeitslosigkeit. Der
Gehorsame bekommt den Job. Gehorsam ist stur anzunehmen, dass
man das Richtige tut, weil man richtig sein muss, um leben zu
dürfen, während das Gegenteil der Fall sein könnte. Man das
Evolution nennt.
»Mach‘s doch nicht immer so dramatisch«, warf Jane im
Treppenhaus ein: »Wir fliegen auf, wenn du zu sehr übertreibst.«
Ich folgte ihr mit der Kamera und der Journalist versuchte nicht mit
aufs Bild zu geraten.
      An einem Donnerstag kann alles passieren.
»Man muss die Dinge mit viel Liebe machen und ordentlich«, sagte
ich zu ihm: »Gehorsam ist, wie Monster lieben.«

                                17

(Szene 34) Ein dicker Chemiestudent, der vielleicht zu einem
späteren Zeitpunkt eine wichtige Rolle in der TV Serie spielen
würde, saß in seinem Zimmer und schrieb einen Brief, an die
amerikanische Hollywoodschauspielerin Sandra Bullock. Die
Radikalität seines Erscheinens stand in direkter Übereinstimmung
mit der Überlegung, dass die Freiheit, die Freiheit über den eigenen
Schmerz zu herrschen und der Weg zur Herrschaft die Irritation
durch den wahrhaftigen Augenblick ist, der im Drehbuch nicht
vorkommt. Also das, was gerade passiert, auch wenn es unpassend
erscheint. Es dennoch zu leben. Alles andere bedeute in einem Zitat
gefangen zu sein.
     Über dem dicken Chemiestudenten hing ein Modell des
Todessterns aus StarWars. Daneben ein mittelalterliches Schwert an
der Wand.

Liebe Sandra Bullock,

     Wir in Germany brauchen dringend Ihre Hilfe. Es geht um
Leben oder Tod. Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nichts Genaues
sagen. Vielleicht haben Sie im Fernsehen davon gehört, was gerade
bei uns in Old Europe los ist. Dabei meine ich nicht die chinesische
Grippe...

                                 42

<!-- PDF page 43 -->

»Alexander«, brüllte eine weibliche Stimme von draußen.
»Gleich«, antwortete er.

… Bitte wählen sie diese Nummer und verlangen Sie Alexander zu
sprechen. Die Frau, die meistens rangeht, ist meine Mutter. Lassen
Sie sich auf keinen Fall von ihr ein Abo aufschwatzen!

      Unten im miefigen Wohnzimmer einer Unterschichtsfamilie,
ging der dicke Chemiestudent an seinen Eltern vorbei, die auf dem
Sofa vor dem Fernseher saßen. Die Kamera hielt drauf, was
ziemlich gut kam.
»Sieh nur, die Kanzlerin trifft den Papst. Jetzt wird alles gut. Dein
Vater hustet schon wieder. Hoffentlich ist es nicht die chinesische
Grippe«, meinte sie und lächelte.
»Wie in Der Bergdoktor«, sagte der Vater mürrisch.
Einen Moment zögerte der dicke Chemiestudent, verdrehte die
Augen und ging dann in die Küche, wo ein Schokoriegel auf dem
Tisch lag. Das Papier war bereits geöffnet worden und die
Schokolade glänzte im Sonnenlicht, welches durch ein Fenster über
der Spüle strahlte.
      Er streckte seine Hand danach aus. Verharrte aber kurz davor,
während seine Finger zitterten und ihm der Schweiß auf der Stirn
stand. Er zog die Hand zurück und verließ das Haus durch den
Garten. Das passierte am Mittwoch.
      Der Journalist unterbrach meine Gedanken wieder und sagte
aufgeregt: »Es ist eine Form der umgedrehten Manipulation. Ich
durchschaue Sie, Speed! Sie machen diese TV Serie, um uns zu
manipulieren. Sicher hat das was mit Gehirnforschung zu tun. Aus
geheimen Labors. Ich werde schon noch dahinter kommen. Diese
Frau. Sie benutzen das alles für das Gute. Cool irgendwie, aber auch
verwirrend. Das wollen Sie doch, Speed! Ich sehe es in Ihren
Augen, dass Sie das wollen! Für mich sind Sie nicht mehr
verdächtig. Mich können Sie nicht täuschen.«
Ich reichte ihm eine neue Dose Red Bull. Er nahm einen kräftigen
Schluck und schien für einen Moment zufrieden mit sich und der
Welt. Dabei kam mir die Erkenntnis, dass man sich verlieren
musste, um diese neue Ordnung durch uns sichtbar werden zu lassen
und es OK war, dass auch ich in diesem Moment scheinbar die
                                 43

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politische Relevanz unseres Tuns aus den Augen verlor.

                                 18

Auf dem Küchentisch in der Wohnung von Jane, also drei Tage vor
der Abreise, stand eine Packung mit einem Fertiggericht aus
Wirsing und Sahne.
Wieder ein Küchentisch. Wieder etwas, was man essen konnte, aber
nicht essen wollte. Ein subjektives Muster gegen den
Weltfaschismus.
      Wir nannten es Werner. Der Karton aus dem Tiefkühlfach war
nach zwei Wochen bereits etwas in sich zusammen gerutscht und
jemand hatte mit einem Stift zwei Augen und einen Mund über das
Foto vom Wirsinggericht gemalt.
»Ich finde, dass er noch keine wirkliche Identität besitzt«, meinte
ich zu Jane, als sie mit dem Staubsaugen fertig war. »Wirr
irgendwie, der Wirsing, also Werner jetzt.«»Es dauert, bis er
Selbstbewusstsein entwickelt. Glaub mir«, erwiderte sie und räumte
alte Weinflaschen zur Seite, in eine Ecke wo nichts mehr war außer
Dunkelheit.
»Werner ist sich seiner selbst noch nicht bewusst geworden. Würden
wir ihn nun essen, würden wir Integritätslosigkeit essen. Und
Tiefkühlwirrsing werden. Nicht in echt jetzt, aber subtil, in unserer
Denkweise. Abgepackt, funktional. Ein Bewusstsein von der Stange.
Irgendwann muss aber doch neues Leben entstehen? Wir könnten
den Planeten neu bevölkern mit Lebensformen, welche sich weiter
entwickelt haben. Wenn er begreift, dass er ein Fertigprodukt ist, ist
er kein Fertigprodukt mehr.«
Jane blickte nachdenklich.
Auch ich blickte nachdenklich.
Der Wirsing blickte nachdenklich.

                                 19

Der dicke Chemiestudent. Ich mochte ihn irgendwie. Er war nett
und lustig anzusehen. Einer, der es nicht leicht hatte im Leben. Von
uns allen hatten Jane und er das größte Problem mit dem
Zuckerentzug.
                                  44

<!-- PDF page 45 -->

      Als er zu uns kam stand er einfach nur rum und war so ein
Zurückgezogener. Ein Freak. Ein stiller Freak. Er schrieb ständig
Briefe an Sandra Bullock, was einem manchmal Angst machte. Ich
meine, was hatte sie denn mit der ganzen Sache zu tun? Das war
schon weit hergeholt. Sandra Bullock und die Weltrevolution. Wir
durften uns nicht ständig ablenken lassen und mussten endlich mit
dem Bus den Süden erreichen.
      Der dicke Chemiestudent ist irgendwo in der Entwicklung
stehen geblieben. Das meine ich überhaupt nicht negativ. Wäre er
uns nicht begegnet, wäre er irgendwo in einem Labor gelandet und
hätte niemals versucht ein Held zu werden. Er hätte im Job den
Normalo gegeben und sich nach Feierabend allein die Comics
reingezogen. Weil Mutti das gut gefunden hätte. Der Junge macht ja
was Anständiges. Dann aber kam er zu uns und hatte keinen Job,
sondern lebte den Comichelden, der mit Sandra Bullock
korrespondiert und nach einer Lösung für Europa forscht.

Liebe Sandra Bullock,

Wir sitzen seit Tagen in diesem Bus und Speed hat eine Theorie, die
alles verändern wird. Sie müssen unbedingt nach Europa kommen,
um die Sache zu unterstützen. Sie als Superheldin, als Vorbild
werden hier dringend gebraucht. Wenn Sie, als Hollywooddiva,
öffentlich sagen würden, dass unsere Reise OK ist, wird es den
anderen Menschen ganz normal erscheinen. Es muss nur jemand
sagen, dass es OK ist. Sie könnten das doch für uns tun. Die
Menschen werden Ihnen glauben...

                                20

Erneut wird ein Briefwechsel gezeigt. Auf Essen und Essen folgt nun
Brief auf Brief. Sie werden nebeneinander also hintereinander
gelegt, wodurch ein Rhythmus entsteht. Eine neue Ordnung, die wir
noch nicht verstehen können, die aber erstmal beruhigt. Die Kamera
fliegt dicht darüber, wie über das Delta des Amazonas. Die
Menschen lieben Reiseberichte von fernen Urlaubszielen und
Tierfilme.

                                45

<!-- PDF page 46 -->

Sehr geehrte Herr Prof. Nolte,

      Ich habe eine fachlich hoch komplexe Frage, die Sie vielleicht
interessant finden. Angenommen ich könnte beweisen, dass der
»Kapitalismus« ein bewusster Betrug an der Menschheit ist und ich
würde mich selbst anzeigen, als »Schuldig« im Sinne der Teilnahme
am Kapitalismus als menschenverachtende Ideologie, oder gar als
strukturelles, organisiertes Verbrechen. Wie könnte ich die Gerichte
dazu bringen, mich tatsächlich deswegen vor Gericht zu stellen und
zu verurteilen?
Lieben Gruß,
Timothy Speed

Sehr geehrter Herr Speed,

      Ihre Frage ist fachlich nicht komplex, sondern die Antwort ist
simpel: Strafbarkeit setzt einen Straftatbestand voraus und
»Kapitalismus als Betrug an der Menschheit” ist nicht strafbar.
Wenn Sie die Verantwortung von uns allen einfordern möchten,
dann empfehle ich, den üblichen demokratischen Weg zu gehen und
um eine Mehrheit zu werben. Eine Strafanzeige ist nur
effekthascherisch. Bitte haben Sie Verständnis dafür, wenn ich zu
dieser Problematik nicht mehr zu sagen habe.

Mit freundlichen Grüßen,
Georg Nolte

                                 21

»Wir können das doch nicht einfach behaupten«, erwiderte Jane im
Bus, irgendwo kurz vor den Alpen.
»Man muss es behaupten. Dann wird es wirklich«, sagte ich und der
dicke Chemiestudent ergänzte: »Seit ich von euch jeden Tag gesagt
bekomme, dass wir im realen Faschismus leben, fühle ich mich
stärker als früher. Es gibt meinem Leben einen Sinn. Ich kann
Widerstand leisten.«
Die meisten von uns waren schon ziemlich betrunken.
      Während der gewaltsamen Eroberung Berlins wurden hunderte
                                 46

<!-- PDF page 47 -->

Menschen erschossen und von amerikanischen Abfangjägern
bombardiert. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel trat vor die Presse
und meinte nur: »Unsere amerikanischen Freunde sind sich im
Klaren, dass dieses Vorgehen nicht OK ist und wir dringend über
neue Standards in der Europäischen Union sprechen müssen, was
die Bemalung von Kampfjägern betrifft. Immerzu dieses Natograu.
Das ist unmenschlich, wie in der früheren DDR. Ich werde höchst
persönlich die Amerikaner bitten, in sich zu gehen und im weiteren
Verlauf von Grau abzusehen. Vielleicht kann man sich auf ein
Mintgrün oder, was nur in Übereinstimmung mit der UNO und
unseren amerikanischen Freunden zulässig wäre, sogar ein zartes
Rosa andenken.«»Ist das nicht lächerlich«, fragte der Journalist, der
als einziger noch nicht besoffen war. Er lief mir hinterher, während
wir das Set neben dem Bus umbauten: »Ich verstehe ja, was Sie da
versuchen. Aber Sie werden es deswegen nicht intensiver fühlen.
Das mit Helena und ob es sich um Faschismus handelt. Damit geben
Sie doch nur den griechischen Fundamentalisten recht, die ständig
sagen, die Merkel sei Adolf Hitler und die EU das Dritte
Reich.«»Wenn man es nicht erlebt, glaubt man es nicht«, erwiderte
ich und schwankte leicht: »Wir wissen ja noch überhaupt nicht, ob
Ihr Faschismus auch mein Faschismus ist. Anzunehmen, Ihr
Faschismus sei auch mein Faschismus, den ich nicht ausleben dürfe,
weil über Ihren Faschismus niemand reden mag, ist ja schon der
blanke Faschismus, oder nicht?«
Er verdrehte die Augen und half mir die Kabeltrommelkiste ein
wenig weiter nach rechts zu schieben, als ich plötzlich nach hinten
umkippte.

                                 22

Es vergingen Tage, in denen wir uns verloren und weit vom Kurs
abkamen. Das gehörte dazu. Das ermöglichte es einer höheren
Intelligenz, durch uns zu sprechen, in einer Sprache, die wir nur
noch nicht verstanden.
»Wir müssen hier warten«, sagte ich: »Es fühlt sich für mich richtig
an, dass wir hier warten.«»Aber die Kasse ist dort drüben«, meinte
Jane, als wir im Supermarkt waren, um weitere Vorräte zu besorgen.
»Das ist wie mit den Vorräten, Speed. Niemand hier versteht, was
                                 47

<!-- PDF page 48 -->

das soll. Draußen ist alles normal. Die Geschäfte sind offen. Sogar
die Banken.«»Es darf aber nichts normal sein. Wir wären Monster,
wären wir heute noch normal, nach Afghanistan, Irak, Ägypten,
Libyen und der Ukraine. Nach der letzten Bonuszahlung an die
Manager von Goldmann Sachs und die Einführung von Hartz IV.
      Wenn ich hier warte, wird jemand kommen und mich fragen,
was los ist. Man muss die Leute da hin führen. Dann hinterfragen sie
bald auch die Zerstörung der Twin Towers. Es wäre ein Verbrechen
gegen die Menschheit, sich heute noch normal zu verhalten.«»Was
ist los«, fragte ein Mann, der gerade seinen Einkaufwagen an uns
vorbeischob.
»Das frage ich mich auch«, sagte ich.
»Sehr interessant«, erwiderte er und stellte sich uns als Dr. Frank
vor. Dass sofort der schwule Psychiater auftauchte, wenn man sich
nicht an der Kasse in die Reihe stellte, fanden wir später alle drei
äußerst bemerkenswert. Sei es etwa schon so weit, dass allein die
Erwartung, es könne etwas anderes passieren als erwartet, bereits als
Pathologie gehandelt würde?
      Dr. Frank machte sich auch seine Gedanken und hatte sich
gerade gefragt, was wohl passieren würde, wenn er mich einfach
anspräche. Wir unterhielten uns angeregt und überlegten, was
passieren würde, wenn wir Produkte in den Supermarkt zurück
brächten, statt sie zu kaufen. Von anderen Filialen in diese Filiale.
Ob man dann ein wenig später mit dem Filialleiter philosophische
Diskurse halten könnte, weil für ihn nach der Inventur die Welt
zusammengebrochen wäre? Und dürfte man die Ziele der
Volkswirtschaft hier schon ändern? Ohne Abstimmung? Und warum
hatten wir alle schon wieder eine Dose Red Bull in der Hand?
»Aber das ist doch willkürlich! Was soll das für eine Ordnung sein,
für ein Verdacht«, fragte der Journalist aufgebracht: »Können Sie es
nicht wenigstens dem amerikanischen Präsidenten vorwerfen oder
der Waffenindustrie?«
»Unfreiheit. Das sagt der Speed doch die ganze Zeit«, unterbrach
der dicke Chemiestudent.
»Ich kann das nicht akzeptieren. Wir sind doch nicht unfrei, weil
man was nicht spontan durchsetzen kann, was praktisch überhaupt
nicht durchsetzbar ist. Das ist doch mehr als übersensibel.«»Warum
nicht?«, fragte ich.
                                 48

<!-- PDF page 49 -->

»Ich ändere mein Leben doch nicht, weil Speed sagt, dass jetzt
Faschismus ist, wo ich doch an nix leide. Deswegen bin ich doch
kein Faschist«, brüllte er.
»Faschist«, sagte ich lächelnd: »Außerdem wissen wir überhaupt
nicht, ob es nicht doch, wenn das Individuum ständig vor dem
Schmerz davonläuft und stets den bequemsten Weg geht, als
Konsument, irgendwann Faschismus wird.«»Nein, nein, nein«,
schrie er und warf seinen Notizblock auf den Boden.
»Faaaschisst!«
Er ging auf mich los und schob mich fast in einen Stapel mit
Dosensuppe. Er kreischte: »Es geht doch hier um was! Wir
krepieren alle und du machst dich doch nur über uns lustig.«

Schnitt.

                               23

Dr. Frank sitzt in einem leeren Raum. An einem Tisch, der voller
Red Bull Dosen ist.
»So, so«, murmelt er: »Ja, ja...«
In seinem Kopf rasende Gedanken. Um ihn Stille und das Licht,
welches vor ihm durchs Fenster fällt und sich an seinem Gesicht
bricht. Der Raum ist extrem leer. Als hätte man auch den Fußboden
abgezogen.
      Später schrieb ich unter der Aufzeichnung auf der Disk die
Worte: »Es fehlt viel. Frage. Wie kann man etwas sehen, was nicht
da ist?
Und.
Ist das fehlende Gefühl einer Beziehung vorher da, oder fehlt es
erst, nachdem die Beziehung verloren wurde?«
      Dr. Frank atmet tief ein.
Jane betritt den Raum und legt ihre Hand auf seine Schulter,
während sie hinter ihm steht und ebenfalls ins einfallende Licht
blickt. Den Kopf leicht nach oben gerichtet.
Eine Stunde lang sagt niemand ein Wort.
      »Es ist eine Skulptur«, meinte jemand später.

                               24
                               49

<!-- PDF page 50 -->

In den Anfängen unserer Reise. Immerzu gingen die Daumen hoch
und es wurde einem auf die Schulter geklopft. Wofür denn?
»Das ist so romantisch«, sagte mir eine junge Frau vor dem Bus und
brachte uns Blumen. Überhaupt fanden es viele Menschen toll.
Menschen, die nur einen Moment dabei waren, oder davon gehört
hatten, aber wieder nach Hause gehen konnten, oder am nächsten
Tag ins Büro.
»Ich versehe nicht, warum uns keine Sau Geld fürs Benzin gibt«,
sagte ich enttäuscht zu Jane.
»Weil es dann wahr ist, dass wir ohne Lösung besser leben. Ohne
das, was die im Fernsehen sagen, was sie tun werden, um den Krieg
zu beenden, den sie nicht als Krieg bezeichnen.«»Du hast Recht!
Aber wir leben nicht besser.«»Weil wir kein Geld haben? Es ging
nie darum, nach oben zu kommen, sondern sich nicht dafür zu
hassen, dass man lebt, stirbt, ankommt und fortgeht, verwirrt und
scheitert, denkt und erkennt.«
      »Ich finde es lächerlich«, würde er später in dem Artikel
schreiben. »Während die Staatschefs der Europäischen Union einen
Masterplan nach dem nächsten umsetzten, unternahmen Speed und
seine Freunde alles, um auf möglichst lächerliche Weise vor einem
drohenden Faschismus zu warnen, der für die meisten Menschen
überhaupt nicht existierte. Nur weil man von der Vergasung der
Juden damals auch nichts wusste, ist das doch nicht legitim ein
Problem herzustellen, welches vorher überhaupt nicht existierte. Um
sich darin mit der eigenen Unvollkommenheit wohler zu fühlen.
Warum nicht klar und deutlich auf das Unrecht in der Welt
hinweisen, statt selbst zum Unrecht zu werden?
      Dass sie sich nicht scheuen zuzugeben, dass sie nicht anders
können, als sich selbst lächerlich zu machen, aus Angst vor der
Wahrheit, zeugt vielleicht von ziviler Stärke. Denn wer Schwäche
zeigt, bekommt keinen Job. Das verurteile ich mit aller Schärfe...«
Er zerknüllte das Papier und warf es weg.
      Wieder verließ er uns für etliche Stunden, um in der
Fußgängerzone eine Currywurst zu essen und sich zu betrinken. Er
sagte, das brauche er, um zu wissen, wer er war. Um nicht
unbewusst mitzumachen, bei dem, was wir taten. Unabgegrenzt.
Schwammig.
                                50

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      Den Faschismus müsse man doch ernst nehmen, als Deutscher.
      »Ich kann nichts wirklich verstehen, was ich nicht auch an
mich rangelassen habe. Was nicht auch zu einem Teil von mir
wird«, antwortete ich ihm, als er seine Sachen packte. »Was weiß
ich von der Schuld, wenn ich nicht wenigstens auch den Menschen
in dem Augenblick ihrer oder seiner Entscheidung in der ganzen
Komplexität miterlebt habe? Was verbiete ich mir an erkennbaren
Zusammenhängen und Verbindungen, wenn ich so tue, als wäre das
Konzept von Gut und Böse ausreichend, um authentisch zu leben?
      Willst du weiter mit uns reisen, musst du es ertragen, dass wir
fallen und fallen, bis es nicht nur ein Verdacht ist. Bis wir sehen
können, wie wir es selbst tun, es selbst sind. Das Grauen und die
Liebe zugleich«, sagte ich mit der dunklen Mimik eines
Verwandlungskünstlers.
      Ist die politische Aktion nicht mehr vom Alltag getrennt, eben
keine in sich abgeschlossene Performance, entsteht eine Identität,
die in höchstem Maße politisch ist, weil es die Existenz selbst ist,
nicht ihre Stellvertreterin, die spricht, die ist, die zu sich selbst wird.
Sperrig und dadurch achtsam, irgendwann, weil Achtsamkeit erst
aus Schmerzen wächst, in den Beziehungen, in der Familie, in den
Unternehmen.
      Wir hatten keinen Alltag mehr. Keine Belanglosigkeit, von der
wir hätten berichten können.
Natürlich mussten wir essen. Dann dinierten wir oder fraßen wie
Schweine Burger. Unüberlegte Ideen. Wir stiegen in den Bus und
fuhren rum, taten, wozu wir Lust hatten. Selbstbeauftragt, unser
neuer Job.

                                    25

Die Woche drauf schleusten wir Jane als Managerin in ein großes
Unternehmen ein, wo sie, sobald sie etabliert war, damit begann, die
dunkle Lust am faulenden Zerfall zu verbreiten. Jeden Tag kam sie
eine Minute später und ging eine Minute früher. Zunächst fiel es
niemandem auf, bis sie diese kleinen Erlaubnisse verteilte.
»Heute Sex nach dem beruflichen Fehlschlag«, schrieb sie auf einen
kleinen Zettel und legte diesen in Schubladen von anderen
Mitarbeitern. »Du bist nichts Wert, wenn du nicht am Untergang der
                                    51

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Firma schuld bist«, oder: »Traust du dich aufzustehen ohne das
Projekt vorher fertig zu machen?«
      Binnen weniger Monate steckte das Unternehmen in ernsten
Schwierigkeiten. Es war die Rede von unmoralischen Verhältnissen
und unglaublicher Disziplinlosigkeit.
      Als sie Jane schließlich kündigten, stand ihnen das blanke
Entsetzen im Gesicht. Doch Jane lächelte nur. Sie hatte viele
Freunde gewonnen und das Leben bedeutete wieder was. Ihre
ehemaligen Untergebenen trafen sich jede Woche mit ihr. Sie
feierten das Leben, brachten Torten mit und sprachen über die
wahre Liebe. Wie schwer es für jeden Einzelnen doch war, durch
diese Finsternis der Ängste zu gehen.
»Am Ende begreifst du, dass du so viel mehr bist, als der Mitarbeiter
73«, sagte einer von der Buchhaltung. »Ja, weil wir das nicht
ausleben konnten, mussten wir einander immerzu kontrollieren und
da waren dieser Neid und diese Sinnlosigkeit. Wir waren die Hölle
füreinander. Es ist saukomisch.«
      Im Büro aber sprach man nur als die »Domina der Faulheit«
von Jane und jeden Montag wurden die Mitarbeiter daran erinnert,
dass ihr Weg, der Weg in den Karrieretod sei. Man könnte dann
unmöglich jemals wieder Abteilungsleiterin über Schneekanonen
oder       Managerin       für      die     Überwachung          von
Supermarktverkäuferinnen auf der Toilette werden.
      Wir hatten diesen Kodex.
»Du darfst nur eine Welt verändern, in der du mindestens ein halbes
Jahr gelebt hast, in der du dich soweit verloren hast, soweit in
unheilvoll und zutiefst menschlichen und unmenschlichen
Beziehungen verstrickt hast, dass du als ein Anderer daraus
hervorgehst. Das ist die Bedingung«, sagte ich oft zu Anika, der
früheren Sekretärin vom Chef, in den vielen Wochen, in denen wir
in Janes Wohnung unsere Reise vorbereiteten.
      Ein wenig unangenehm roch es im Wohnzimmer, wo wir auf
dem Holzboden saßen, bei Kerzenlicht, wegen der fehlenden Fenster
und weil Walter inzwischen zunehmend mehr Leben in sich
aufnahm. Sein Duft mischte sich mit dem der Torte und ich stellte
mir vor, wie Walter schon bald aufstehen und umherlaufen würde.
»Die Menschen schaffen Produkte, durch die sie sich selbst aber
nicht mehr weiterentwickeln. Wer ein Auto, eine Hose oder einen
                                 52

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Computer herstellt, ist danach kein anderer Mensch. Darin liegt der
Fehler. Darum verarmen wir. Darum darf in der Produktion nie
wieder das Produkt entstehen, welches bestellt wurde. Sondern die
Verstrickung komplexester Beziehungen sollte mindestens ein neues
Lebewesen hervorbringen. Die Belebung des Materiellen.«

                                26

Am Bürogebäude angekommen, nahm ich das Megafon und brüllte
erstmal die Stockwerke über mir an, während Dr. Frank den
Reisebus hinter dem Gebäude parkte.
»Achtung, Achtung«, rief ich. Jane und ich sahen in unseren
Anzügen, mit den Sonnenbrillen aus wie FBI Beamte, was man aus
dem Fernsehen kannte, weshalb es glaubwürdig war: »Es ist etwas
hier, was Sie nicht sehen können. Vermutlich ist es ziemlich groß.
Es wäre gut, wenn Sie etwas zur Seite gingen. Bitte starren Sie es
auf keinen Fall an!«
      In den oberen Stockwerken gingen Menschen an die Fenster
und blickten verwirrt runter. Was könnte es bloß sein? Eine
Kampagne von BMW oder eine neue Dienstleistung? Warum gab es
kein Logo? Dr. Frank begann die Eingangstüre mit einem Zollstock
abzumessen.
»Es passt nicht durch«, rief er.
»Es passt vermutlich nicht durch. Darum müssen Sie keine Angst
haben. Es ist entweder noch hier draußen oder es ist schon drin und
kommt nicht wieder raus. In jedem Fall aber müssen Sie ruhig
bleiben.«
      Die Menschen liefen panisch aus dem Gebäude, als wäre es
eine Feuerwehrübung. Sie starrten in den Himmel. Frauen in Blusen
und Röcken und Stöckelschuhen, die alles richtig machen wollten
und Männer in schlecht sitzenden Anzügen, die wie kleine Jungs
waren. Warum es keinen Rauch zu sehen gab und keine GSG 9 das
Gebäude stürmte? Warum wurde niemand erschossen? Blicke
suchten nach Führungskräften. Man fühlte sich verletzbar.
      Noch ehe uns wer ansprechen konnte, waren wir
verschwunden.
      »Ein Drittel Jane! Das sind in Deutschland noch immer rund
26 Millionen, die uns folgen werden, auch wenn sie uns längst nicht
                                53

<!-- PDF page 54 -->

mehr geistig folgen können. Die das Gefühl entwickeln werden,
dass mit der Welt gravierend etwas nicht stimmt. Und dass es die
Bullock nur OK finden müsse, ergänzte der dicke Chemiestudent.
Es muss nur auffallen. Wir brauchen was Großes. Was, wovon sie
alle reden. Das weiße Gesicht der Margaret Thatcher. Eine
Megarolle, die wir unerwartet anders leben können.«»Warum nicht
eine noch größere Firma, einen Konzern?«»Ich bin für eine
Generation«, sagte ich.
     Dr. Frank wurde nachdenklich: »Europa, warum nicht ganz
Europa?«

Schnitt.

                                27

Zweite Szene im Bus:
      (Alles was kursiv ist, wird durch die Linse der Kamera
gesehen, welche gerade aufzeichnet. In einem dokumentarischen
Charakter, kalt, nüchtern, ungeschönt.)
      Dr. Frank in einem 70er Jahre Anzug und einem Mikrofon von
einer alten ARD Studioaufzeichnung: »Seit drei Wochen befinden
wir uns auf dem Weg nach Fuschl, einem Dorf südlich von Salzburg.
Dort, wo sich die Weltzentrale von Red Bull befindet. Red Bull, die
Weltzentrale der Coolness. Der letzten Freiheiten im sterbenden
Kapitalismus. Ein Ort, wo die Menschen noch wissen, worauf es
ankommt. Auf die Gaudi, den Wahnsinn, den Extremsport und nicht
zu vergessen, den wachen Geist. In der Werbung haben wir davon
gehört. Wir wollen wissen, ob es wahr ist. Darum fahren wir hin.«
      »Wir brauchen keine neuen Ideen«, war meistens die Antwort,
wenn wir einen neuen Vorschlag machten. Ein jeder wisse
schließlich genau, was zu tun sei: »Sondern Menschen, die was
umsetzen können.«
      An einem Donnerstag gingen wir darum in die
Hauptverwaltung der Deutschen Bank und räumten Tische um.
Blumentöpfe und Stühle schoben wir von einer Seite zur anderen.
Manchmal verschoben wir sie sogar quer über Stockwerke. Wenn
was behauptet wird, muss das auch wahr sein. Die ganze
Leistungsgesellschaft hat ja Hand und Fuß.
                                54

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»Was machen Sie eigentlich«, fragte ein Angestellter.
»Wir setzen um. Es ist wichtig was umzusetzen. Wenn wir nicht alle
sofort die Veränderung umsetzen, haben wir keine Arbeit mehr.«
      Er blickte besorgt und half mir sofort einen Tisch zu
verschieben.
»Es geht um Umsetzung«, sagte er einem vorbeikommenden
Kollegen.
»Ach, ja. Warten Sie, ich mach mit!«
      Es entstand eine Art Wettbewerb. Wer denn noch mehr
umsetzen könne. Ein Mitarbeiter blieb mit der Kopiermaschine im
Lift stecken. Als der Lift losfahren wollte, steckte sein Kopf noch
raus. Das ging rauf und runter, rauf und runter mit dem Lift.
»Die Umsetzung ist uns großartig gelungen«, rief ein
Abteilungsleiter und streckte die geballte Faust in den Himmel.
      »Ich will im Grunde keine TV-Serie machen. Also keine, die
funktioniert«, sagte ich im Bus, während wir uns Brote schmierten
und Christine aufzeichnete.
      »Alles wäre möglich in der synästhetischen Wissenschaft«,
sagte ich und blickte aus dem Fenster auf die blühenden
Landschaften. So nannten wir das geistige Gerüst, auf das wir unser
Handeln stützten. Die synästhetische Wissenschaft hatte ich eben
erfunden und sie beruhte auf der Überlegung, dass man Klänge auch
als Farben ausdrücken könne und es darum auch möglich sein
müsste, mit Hilfe eines Menschenlebens eine neue Gesellschaft zu
beschreiben.
      »Sie glaubten also irgendwann selbst daran. Ich meine, es ist
keineswegs selbstverständlich oder vernünftig«, sagte der junge
Journalist kritisch. »Es war keine reine Inszenierung?«»Ist nicht die
Einbildung ein Mittel der Politik, wie der Selbstbetrug?«»Aber so
funktioniert unsere Gesellschaft nicht. Sie können doch nicht das
Gute und Richtige erreichen, indem Sie es zunächst aus den Augen
verlieren. Warum denn nicht gleich umsetzen?«»Weil damit nur die
Wiederholung des Alten erreicht wird. Das, was unser Verstand
bereits kennt, zu dem wir aber keinen emotionalen Bezug mehr
haben. Wir darum unbewusst ständig die Geschichte wiederholen.
Die erste Lösung, die einem einfällt, ist stets die alte Lösung, die das
Problem erzeugte, was man aber nicht wahr haben will, weil es
einen irgendwie uncool wirken lässt. Man muss heute uncool
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werden, um weiter zu kommen«, flüsterte ich ihm ins Ohr.
»Aber dafür bezahlt doch niemand.«»Abwarten!«

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Der Journalist sitzt vor der weißen Wand in dem Zimmer mit Blick
auf die S-Bahn-Trasse. Christine fragt: »Sie haben später
geschrieben, dass Sie damals den Verdacht hatten, dass etwas an
der Morddrohung dran sein könnte. Weil seine Freundin Helena
geopfert werden sollte. Vielleicht war dies sogar der eigentliche
Grund für sein merkwürdiges Verhalten. Warum haben Sie nie
darüber gesprochen?«»Wir sind Kinder von Apple, Google,
Facebook. Wie soll man sowas denn ausdrücken? Achtung, eine
Griechin soll ermordet werden! - Das wäre doch nach zwei Klicks
wieder verschwunden. Wer war sie überhaupt? Das würde niemand
liken. Solidarität reichte doch nur noch für einen Klick. Alles, womit
man sich länger als einen Tag beschäftigte, ließ sich nicht mehr
posten, weil es langweilte, immer denselben Satz zu lesen in einer
Welt, in der alles nur noch ein Satz, der Satz sein musste. Der
Widerstand durfte keinen einfachen Satz haben. Der klare und
eindeutige Satz, mit dem sich alle identifizieren konnten, der aber
nicht irritierte. Wer im Sekundentakt anderen recht gibt, denn der
Widerspruch macht einen unsympathisch, akzeptiert und vergisst
alles. Man verpflichtet sich zu nichts und richtet seine Fahne nach
dem Wind.
Das habe ich am Anfang der Reise nicht verstanden.«»Dass es eine
Falle war?«
In diesem Augenblick ertappte er sich wieder dabei, dem Speed
erklären zu wollen, statt zu akzeptieren, dass er nicht wusste,
weshalb sein Weg möglicherweise zur Befreiung führte. Es war
rational nicht nachvollziehbar. Einzig, dass der andere Weg, den die
Massen damals mit Demonstrationen und starken Worten gingen,
ihm nun ebenfalls falsch erschien, erzeugte dieser doch wieder nur
klare Antworten und Forderungen, die neue Ungerechtigkeit
provozierten. Ein ewiger Ruf nach Macht und Verdrängung.
      »Aber wussten Sie jemals wirklich, worauf er hinaus wollte«,
hakt sie nach und er ist für einen Moment irritiert.
»Hat es funktioniert? Nein. Hatte es Längen und Momente, in denen
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es kaum zu ertragen war? Ja. War es dennoch großartig und
richtig? Ja. Ich glaube schon.
      Sie lebten das, was sie leben wollten. Es war ihnen letztlich
egal, ob es richtig oder falsch war, weil sie »Richtig« oder »Falsch«
für einen Irrtum hielten. Einen historischen Irrtum in einer Zeit, in
der man Kriege begann, weil es angeblich »zum Wohle der
Gemeinschaft« war.«

                                 29

»Was ist eigentlich aus deinem letzten Vorstellungsgespräch
geworden«, fragt mich Christine, wohl wissend, dass es ein Desaster
war. Wir sitzen vor dem Bus. Die Kamera läuft.
      Jeder von uns musste im Laufe der Fahrt eine peinliche
Geschichte erzählen, die aber einen gewissen Charakter offenbarte.
Oft war es lustig und unterhaltsam.
      Dr. Frank tat dann immer so als würde er mit einem selbst
gebastelten Gerät die Relevanz von Eigenständigkeit messen, in
Relation zum vorherrschenden Massenbewusstsein. Irgendwie
verdrängten wir gerade alle, dass da diese Sache mit Helena war.
Wir spielten wie Kinder. Manchmal fühlten wir uns eng verbunden
und verschworen und das konnte einen korrumpieren. Dieses
Bedürfnis nicht enttäuschen zu wollen.
      »Einen Moment! Ich muss davon ablenken und etwas erzählen,
was nach Action klingt. Die Leute wollen doch unterhalten werden«,
sag ich und Jane meint, dass ich nicht authentisch lache. Es irritiert
mich. Ich ringe mich dazu durch klare Worte zu benutzen. Die
anderen hören auf zu lachen.
»Sie werden Helena töten, wenn wir nicht rechtzeitig Fuschl
erreichen. Wenn es uns nicht gelingt, die Leute wach zu machen,
werden sie Helena einfach opfern. Für das verdammte System.
Es wird nicht mal in den Abendnachrichten kommen.«»Können wir
sie nicht befreien«, unterbricht der dicke Chemiestudent.
»Nein, das ist nicht so einfach. Wir müssen weiter machen. Es muss
aus uns rauskommen. Der Grund, warum wir OK sind. Es muss klar
werden, dass wir OK sind. Dann ist auch Helena OK und wichtig.
Es sieht aus wie ein wirrer Traum, aber es ist das Recht auf Leben.«
Die Stille ist kaum auszuhalten.
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Jemand macht die Kamera wieder aus.

                                30

Die Frau vom Designerhafen war optimistisch und ich wollte es ihr
glauben. Für den Moment. Hübsch, schwarze Bluse, kurzer Rock,
trendy. Die anderen lauschten meinem Erfahrungsbericht.
»Was machen Sie denn eigentlich, Herr Speed? Ich verstehe nicht
ganz, was sie tun.«
      Ich atmete tief ein, wollte mit der ganzen Welt ausholen. Wie
sollte ich ihr bloß plastisch begreiflich machen, dass die Designer,
nach den Ingenieuren, den Genetikern, den Diktatoren nun die
neuen Gestalter der Welt seien und sie sich von den Wünschen der
Industrie befreien müssten, um die Ganzheit der Existenz zu erobern
und nicht in der Formgebung eines Seifenhalters, einer
Werbekampagne, eines gefälligen Romans zu verharren. Im
»Weltdesigner« läge schließlich die Zukunft. Sie seien die Eroberer
der neuen Gesellschaft. Sie würden den Karren aus dem Dreck
ziehen, indem sie die Existenz in Richtung jener Aspekte
erweiterten, die wir für unbedeutend und wertlos, eben nicht für
systemrelevant hielten.
      Sie sah mich an, als hätte ich etwas Verbotenes gesagt.
»Haben Sie es denn nicht gehört«, fragte ich die junge Frau
entrüstet.
»Was meinen Sie?«»Unsere Serie, welche im österreichischen
Fernsehen läuft. Also international quasi.«»Bei uns ist alles in
Ordnung. Ich weiß nicht«, sagte sie verunsichert.
      Ob sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht habe,
dass sie vielleicht eine Faschistin sei, begann ich gleich im ersten
Satz, rein experimentell, wie im Fasching, fragte ich, was an sich
nicht möglich sei, weil fesche Faschisten sich eben keine
eigenständigen Gedanken machten.
Ob sie sich vielleicht wie in einer Befehlskette fühle, voller
Vorgaben, einer Corporate Identity, welche sie nie hinterfragt habe,
eine Tätigkeit, auf der es besonders auf Effizienz und kalte
Berechnung ankomme, Manipulation und möglicherweise eine Art
Propaganda?
Das könne man doch wirklich nicht vergleichen, meinte sie entrüstet
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und dass man das so auch nicht dürfe, würde das schließlich den
Holocaust verharmlosen.
»Es ist nicht möglich, den Holocaust zu verharmlosen«, schrie ich.
»Immerhin ist es der Holocaust!«
Man könne es nur mehr oder weniger intensiv fühlen. Im Grunde
war die tägliche Zunahme an Gewalt in der Welt das Einzige, was
den Holocaust tatsächlich verharmloste. Das Abstumpfen. Weshalb
intensiver wahrzunehmen mir die vernünftigste Antwort darauf zu
sein schien. Und das bedeute nun mal, dass man unmittelbar alles
als Holocaust wahrnehmen würde. In einer Welt, in der niemand
mehr wahrnahm, dass neben einem andere geopfert wurden.
      Sie sah irritiert nach links und rechts, als frage sie sich, wo
denn wieder jemand geopfert würde. Um sofort ihren Kopf zu
senken.
»Wenn Sie den Holocaust hier überall erkennen können, wissen Sie
auch, wie es um meine Freundin bestellt ist und sie werden nicht
anders können, als gegen das Unrecht aufzustehen. Da muss schon
ein Holocaust kommen, mindestens, damit Sie es sehen! Sonst ist
der Job immer wichtiger. Aber der Holocaust. Nur angesichts eines
echten Holocaust werden Sie sich frei nehmen und die
Gehaltserhöhung aufs Spiel setzen!«
      Darum bemühte ich mich das Grauen intensiv wie möglich zu
fühlen. Den Wahnsinn in der Welt. Es wäre doch möglich, dass es
sich dann auch den anderen zeigte, rechtzeitig, bevor es zur
Gewohnheit würde und man dann einen neuen Holocaust erfinden
müsse, damit jemand das Grauen sieht.
»Der Holocaust ist nicht erfunden«, sagte sie entrüstet.
»Aber man müsste dann. Oder zumindest sensibel genug werden,
um den Alltag als Holocaust zu erleben. Sonst sind wir verloren.«
      Umso mehr man sich darauf einige, was denn nun das Grauen
sei, umso weniger grauenvoll wäre es dann. Darum muss das
Grauen undefiniert bleiben. Kein Staat, keine Institution darf
festlegen, was das Leid ist, was einem Menschen zugemutet werden
kann. Man darf das Leben nicht einfach lösen, als wäre es ein Makel
lebendig zu sein und abzuweichen. Es ist gut, dass man das nicht
kann. Dann reden wir wieder miteinander. Wenn wir das Grauen
selbst erfahren, es uns selbst bewusst zufügen.
      Dabei könnte was für andere geradezu banal erschien für einen
                                 59

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selbst traumatisch sein. Der Vertikalfaschismus ist eben nicht nur
scheinbar nicht so sehr verbreitet wie der Horizontalfaschismus.
Dieser befällt ganze Landstriche, während im Vertikalfaschismus
die Opfer des Faschismus nebeneinander stehen, aber nicht wissen,
dass der andere auch im Faschismus lebt, weil man keine Sprache
mehr hat, es sich mitzuteilen, dass es einem echt beschissen geht,
sondern nur noch ein gemeinsames Zitat, von dem man annimmt,
dass es die Welt ist, welche alle wahrnehmen. Europa zum Beispiel,
wo niemand mehr leiden muss, wo wir den Weltfrieden schon
erreicht haben und es keinen Krieg mehr gibt.
      Wer in Europa lebt, darf nicht behaupten, dass sie oder er
unterdrückt wird.
      Meine Freundin Helena aber. Für die ist es der
Vertikalfaschismus pur. Ich stelle fest, dass es sich überall bereits
holocaustig anfühlt.«
      Die beiden sahen mich verdutzt an und erstarrten. Ich war
selbst ganz überrascht, nahm den Joghurtbecher, der vor ihr stand
und knallte ihn auf den Tisch, dann die Cola, dann den Kaugummi.
»Holocaust, Holocaust, Holocaust. All das vergleiche ich mit dem
Holocaust und was passiert?«
Zittriges Schweigen.
»Kaugummi Holocaust, Cola Holocaust... Nichts passiert. Weil Sie
nicht wissen, was der Holocaust überhaupt ist. Niemand weiß es
mehr. Es soll einmal einen Schmerz gegeben haben.
Einen echten Schmerz, der nicht mehr verschwand. Nie mehr.
      Vielleicht könnte ich einen Teil davon für mich beanspruchen?
Damit man mir nicht sagen kann, dass es so schlimm nicht ist.
      »Sag doch du auch mal Holocaust«, meinte ich ganz ruhig zu
ihr.
»Holocaust«, sagte sie wenig leidenschaftlich, als wäre es eine
Schulaufgabe.
»Stimmt, ich fühle nichts«, sagte sie zu ihrem Kollegen. »Probier‘
du mal!«
Der fühlte auch nichts.
»Was ist denn der Holow lolo caust?«
Ich musste wieder stottern: »Gas? Erschossen werden?
Sinnlosigkeit? Massenmord? Monotonie? Sie sind doch Deutsche
und Sie haben keinen blassen Schimmer. Sehen Sie es denn nicht?«
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      Tatsächlich konnte in Steve Jobs Apple-onien niemand
erklären, was der Faschismus oder der Holocaust eigentlich war.
»Der Holocaust war die Ermordung der Juden«, schrie sie
aufgebracht. Es war ihr gerade wieder eingefallen.
»Das ist ein Symptom, aber was genau war der Holocaust?«»Sag ich
doch, die Ermordung der Juden.«»Waren es denn keine
Menschen?«»Doch, natürlich.«»Wenn Sie nicht sagen, dass es
Menschen waren, wie können Sie sich sicher sein, dass der
Holocaust nicht noch immer passiert, weil zwar keine Juden mehr,
aber vielleicht anderswo andere Menschen zusammen getrieben und
erschossen werden? Vielleicht ist auch ‚nicht geliked werden‘ das
neue Warschauer Ghetto, oder wo ist jetzt der Unterschied vom
Erlebnis her?«»Manches Urlaubsviertel im Osten ist ja nicht
unähnlich, vom Styling«, meinte ihr Kollege. »Also jetzt wegen dem
Dreck und dem Grau überall und den stinkenden Menschen.«»Was
noch«, fragte ich. »Was erinnert Sie noch an den Holocaust?«
      Sie dachten eine Weile nach und ich entwickelte diesen
Forscherdrang: »Womit soll man den Faschismus denn vergleichen,
wenn nicht mit dem Faschismus?«
Ich zwinkerte ihr zu.
»Na, sehen Sie es nicht? Geliked werden, oder nicht? Da muss doch
bei Ihnen was klingeln. Damals gab es auch fünf Sterne bei Amazon
und Ebay, also Krupp und Degussa. Die Juden bekamen immer nur
einen ab!«
      Und sie jubelten, weil es schick war und trendy, wie der
Führer für den Aufschwung sorgte, die Faulen, also die Hartz IV
Empfänger mit den Ratten verglich, bis es ganz logisch war, sie zu
beseitigen und niemand mehr einer Erklärung bedurfte. Ein Klick
genügte, einen zu liquidieren und dass man dann im KZ landete,
durfte man nicht sagen, ohne dass man wieder weggeklickt wurde.
»Na, wollen Sie nicht auch mal. Drauf halten und abdrücken?«
      Die Worte flossen jetzt unkontrolliert aus meinem Mund. Ich
kreischte beinah und versuchte gleichzeitig die Heftigkeit meiner
Emotionen aus Scham zu unterdrücken:
»Sie sind eine Appleonierin. Sie leben in einer Welt, in der jeder
Schmerz verharmlost wird. Jedes Grauen eine bunte App hat und sie
augenblicklich jemanden, der sich nicht an die Regeln hält,
kündigen oder mobben werden, während sie sich selbst, weil sie
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nicht wissen, wer Sie sind, Sie dafür kein Gefühl haben, sich eben
nicht als das Opfer einer Struktur empfinden können, weil sie blond
und blauäugig sind, im System nicht auffallen, gegen welches Sie
sich folglich nie auflehnen werden. Wie schwer muss es für Sie sein
zu erkennen, dass Sie eine Minderheit von nine to fivern sind,
welche diese grauenhafte Gesellschaft am Leben erhalten, weil man
Sie davon abschottet, Ihre eigene kleine Welt geschaffen hat, in der
es kaum noch Störung gibt. Sie gehören den 30% der Bevölkerung
an, die nichts mehr intensiv und intim, verletzlich fühlen, die keine
echte Nähe mehr zulassen, ja nicht wissen, was dies sein soll, weil
sie den schönen Traum leben und sich nicht vorstellen können, dass
es für die anderen nicht ebenso einfach und leicht ist, sich den
Schuss einer bürgerlichen Existenz zu setzen. Sie sind das
gefährliche Drittel. Ich möchte, dass Sie mir folgen. Meiner Diktatur
statt Ihrer Diktatur«, forderte ich in einem zunehmend energischeren
Tonfall, der sie an den Leibhaftigen erinnerte.
       »Hören Sie auf«, kreischte sie und hielt sich hysterisch die
Ohren zu. Was ich da rede, fauchte sie mich an. Es ginge doch
gerade, also bei diesem Treffen um einen Spot für Milchquark und
ich könne diesen doch als Kreativer bedenkenlos, ja ohne zu denken
geradezu, dachte ich nun, also eben nicht, umsetzen, aber wenn ich
so weitermache, habe sich das wohl erledigt, wedelte sie mir mit
dem Finger vor der Nase.
       Ich nahm einen Stuhl und zerschlug ihn auf dem Tisch.
Deutsche Eichensplitter überall und Kratzer tief wie finnische
Fjorde. Ich wollte es fühlen. Ich wollte etwas fühlen, etwas Krasses.
Etwas Echtes, etwas Wahres. Damit ich die Kraft aufbrächte Helena
zu retten. Weil es wahr ist, was ich empfinde. Weil es wahr ist.
       »Wir alle verrecken doch! Warum sehen Sie diesen
Irrrrrssinnnn nicht«, schrie ich sie an und ihr ganzer Körper zitterte.
       Der Journalist unterbrach meine Schilderung und die Kamera
hielt drauf, während er wütend auf mich einredete: »Das hätten Sie
dieser Frau nicht antun dürfen! Sie war über all das und über
Helena nicht informiert. Sie war unwissend und hatte daran keine
Schuld. Es bringt doch niemanden weiter, wenn wir alle an allem
Schuld haben.«»Es geht nicht um Schuld«, schrie ich.
Der Regieassistent blickte besorgt.
»Im Grunde geht es uns gut. Niemand muss in Deutschland
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verhungern. Genießen Sie doch das Leben«, erwiderte der
Journalist.
      »Aber die Einschaltquoten. Die drehen uns ab«, erwiderte ein
anderer und der Assistent meinte: »Der ORF lässt uns seit Wochen
machen, was wir wollen, weil dafür von der EU Fördergelder
bewilligt wurden. Niemand versteht, warum und wie die EU
Fördergelder bewilligt werden. Es ist wie im Sozialismus. Man
macht einfach weiter, als gäbe es keine Fragen.«
Der Streit nahm zunehmend paradoxere Züge an. In diesem Moment
wurde mir klar, dass der Journalist nicht aus der Arbeiterklasse
kam, sondern ein verwöhntes Bürschchen war. Ich verachtete ihn
und sagte vorwurfsvoll: »Sie sprechen wie ein Babyboomer, der
keine Ahnung davon hat, dass nicht jeder Arbeit bekommt, der
Arbeit will.«»Ich dachte, es ist ein Experiment. Ein Spiel. Aber all
diese Leute, denen Sie Leid zufügen. Ich kann das nicht
rechtfertigen. Sie bevormunden doch alle!«»Das tue ich nicht«,
sagte ich wütend.
»Doch, genau das tun Sie die ganze Zeit.«»Aber ich bin doch nur
ich selbst.«»Sie sabotieren damit aber alles und das kann nicht
Verantwortung sein.«
      »Das ist stark«, unterbrach der Assistent.
»Können wir das so nehmen«, fragte er den Kameramann.
»Warum nehmen Sie das, was er gesagt hat«, fragte der Journalist
den Assistenten aufgebracht. Er blickte überrascht: »Na, weil es
professionell gesprochen ist. Die Betonungen sind richtig.«»Aber
der Inhalt?«»Dafür bin ich nicht zuständig.«
      Meine Gedanken waren wieder abgeschweift. Ich fuhr mit
meiner Schilderung fort. Gleichzeitig schien ich auf alles und jeden
wütend zu sein. Es war ein Donnerstag.
      Ich ging angespannt im Büro umher, als führte ich
Selbstgespräche, während die Frau vom Designerhafen schwitzend
in der Ecke stand.
      Dass sie in Wahrheit eine Mörderin im Bärchenkostüm sei,
hallte es durch den Hof und ich warf ihr noch eine Reihe Gläser an
die Wand.
»Sie doch auch«, kreischte sie mit verschlossenen Augen und
begann mir gegen die Wand gedrückt den Hals zuzudrücken.
»Ja, aber ich habe mich entschieden ein besonderer Mörder zu sein«,
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erwiderte ich schnaubend, während sie auf mir lag und versuchte
mich mit einem Tastaturkabel zu würgen. Sie zitterte ängstlich, nach
dem ihr Kollege längst das Weite gesucht hatte. Der Saft rann ihr
von der Lippe, sabbernd, keuchend.
»Einer, der gelegentlich die Seiten wechselt, der einen Verrat an der
herrschenden Ordnung begeht und das ist ein Unterschied. Sie sind
stets den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Reibungsloser
Download! Das ist nett und naiv und brav und darum scheint es nun
auch hier in ihrem Büro, mit den Blumen fast schon komisch,
irgendwie grotesk Sie eine Massenmörderin zu nennen, weil ja
nichts hier Konsequenzen hat, weil Sie nur eine vom Apparat
legitimierte Position ausfüllen, in der es nie die Frage ist, ob das,
was Sie tun ein Verbrechen ist, sondern wie gut Sie das tun, was Sie
tun. Ob Sie pünktlich kommen und nicht zu spät. Ob Sie sauber
gekleidet sind und nicht nach der Herkunft der Produkte fragen.«
Sie schlug mir die Tastatur ins Gesicht und ich flog in die Ecke,
wischte mir das Blut von der Lippe.
»Sie sind nicht einmal ein guter Killer. Schauen Sie sich doch an,
wie Sie winseln und mich voll sabbern!«
Ihr ganzer Körper zuckte hektisch hin und her, als unterläge sie
einem Exorzismus. Sie rang um Fassung, zupfte ihre schwarze
Bluse zurecht und setzte sich wieder auf den Drehstuhl, als könne
man noch zur Tagesordnung übergehen:
»Ich weiß gar nicht, wie wir jetzt auf den Faschismus zu sprechen
kommen«, sagte sie, ganz ordentlich. Es ginge doch darum, mich zu
vermitteln. Sie sprach wie ein Kind, das ungerecht behandelt wird,
mit zerzaustem Haar, Dreck im Gesicht und überhaupt in welchem
Ton ich mit ihr spreche. Und an der Werbung sei doch nichts
Schlechtes. Schließlich fördere es die deutsche Wirtschaft. Sie
atmete tief ein, streckte ihre Brust weit raus.
»Wie kann eine Lüge die Wirtschaft fördern? Haben Sie sich nie
gefragt, welchen Preis wir dafür bezahlen? Weil die Verlierer in
Ihrer Werbung niemals zu Wort kommen«, fragte ich erschöpft.
      Da rannte sie brüllend mit einer Lampe in der Hand auf mich
zu, ich riss ihr die Bluse auf, sie versuchte sich aus meinen Armen
zu winden und fast hätten sich unsere Lippen berührt. Dann starrte
sie mich an, wie eine schwitzende Stute, die für einen Moment die
Oberhand gewonnen hatte. Ich wäre gerne mit ihr verschmolzen,
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hätte loslassen können, dieses Anderssein, diese quälende Position,
auf der ich stand. Vielleicht sogar Helena vergessen. Schwach sein,
aber anerkannt werden. Sie schrie mich an: »Welche Verlierer denn?
Etwa die Arbeitslosen? Es geht also doch um Sie!«
      In diesem Moment erwachte ich und blickte in diese blauen
Augen, umrandet von blonden Haaren, die mir vermitteln wollten,
dass ich hier falsch sei, weil die Welt ja ganz in Ordnung und gleich
Mittag war.
      Vielleicht könnte ich etwas an meiner Biografie als Kreativer
umschreiben, sagte ich stotternd, stand auf und ging, während diese
unerledigte Betroffenheit im Raum zurückblieb, als wäre jemand
gestorben der einmal sehr wertvoll war und es einem unangenehm
wäre, die richtigen Worte nicht finden zu können.
      »Heh, Mann, wir alle kennen das«, ergänzte die Hornbrille.
Ein junger Mann, der schon länger mit uns im Bus fuhr. Dr. Frank
ließ die Flasche Eierlikör rum gehen und machte eine Packung
Kekse auf.
      »Wollen Sie über den Faschismus sprechen, Herr Speed«,
fragte Christine.
»Nein, es gibt keinen Faschismus. Heute gibt es keinen
Faschismus.«

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Draußen auf der Straße traf der Journalist zufällig eine alte
Bekannte.
»Heh, wie geht es dir?«, fragte sie. Die beiden umarmten sich. Sie
sah aus wie eine gut gekleidete Frau, die gerade auf dem Weg vom
Büro nach Hause war. Offensichtlich fand er sie anziehend. Das
passte jetzt irgendwie nicht und es war ihm unangenehm, mit uns
öffentlich gesehen zu werden. Er signalisierte ihr, dass er sie ein
Stück begleiten würde, möglichst fort von unserem Bus, der an der
Ecke stand.
     »Ach, wie es einem eben geht«, sagte er mit einem unsicheren
Lächeln: »Ich bin beruflich unterwegs. Schreibe einen Artikel über
diese Gruppe von Menschen, die mit dem Bus zu Red Bull fahren.
Diese TV-Serie, die im ORF läuft. Muss man nicht gesehen haben.
Ist was Politisches. Eher anstrengend.«»Stieren des Weltdesigners,
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nicht wahr? Ist eine Art Sozialkritik, aber läuft weit nach
Mitternacht. Meine Mutter und ich zeichnen es auf und schauen es
uns dann sonntags beim Frühstück an. Ich finde, man muss schon
wach sein, um die vielen politischen Anspielungen
mitzubekommen. Das ist absolut genial, wie sie versuchen uns Mut
zu machen. Meine Mutter wünscht sich nichts mehr, als noch zu
erleben, wie Sandra Bullock im Fernsehen sagt, dass es OK ist, ein
unperfekter Mensch zu sein, der nicht Teil der kapitalistischen
Verwertungsmaschine ist.«
     Der Journalist starrte auf ihre Brüste und wusste nicht, was er
sagen sollte. Stotternd fragte er nach ihrer Telefonnummer und ging
dann eingeschüchtert seiner Wege.

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## Episode 2: Ich bin Jane

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»Du Tarzan, ich Jane! So fängt es irgendwie immer an, wenn ich mit
Speed unterwegs bin. Das hier ist meine Wohnung. Simpel gehalten.
Geradlinig.«
       Sie steht an einem Tisch und schneidet Möhrchen auf einem
Brett, an dessen Oberfläche ein Foto der deutschen
Arbeitsministerin Ursula von der Leyen klebt. Auf dem Bild lächelt
sie wie die deutsche Paradehausfrau. Die Kamera zeigt immer
wieder, wie die Möhrchen auf ihrem Gesicht zerschnippelt werden.
       »Also, ich schneide Menschen die Haare. Der Kohle wegen.
Das macht es mir leichter, mit der Welt klar zu kommen. Das
Wegschneiden, bis es passt. Ordnung schaffen.
       Das was Speed und wir Anderen tun. Inzwischen sind wir an
die 15 in dem Bus. Also, was wir da machen, ist sicherlich
ungewöhnlich, wa?. Es ist nichts Sexuelles. Nichts Erotisches. Das
wäre ja OK, weil heute alles Sex ist und niemand zu dem, was sexy
ist, nein sagen kann. Die totale sexuelle Befreiung in jedem Produkt
ist das Ende der Verweigerung, sagt Speed. Jeder will den totalen
Sex. Oder etwa nicht, wa?
       Höre auf meine Muschi zu filmen!
Unser Kameramann. Der Rocko.
       Ich muss immer aufpassen, dass Speed nicht zu weit geht. Also,
wir sind nicht irre oder so. Das geschieht alles aus einem anderen
Grund.
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       Das tue ich wegen meinem Mike, aber darüber will ich grad
nicht sprechen. Jedenfalls ist es komisch, dass die Leute keine
Fragen stellen. Ich meine, wegen dem Krieg. Dass die Amerikaner
jetzt immer überall sind und so.
       Dass es aufhört, wenn wieder alle Arbeit haben. Und dass der
einzelne schuld ist, der keine Arbeit hat. Wer Schuld hat, wird
abhängig und wer abhängig ist, macht sich schuldig. Hartz IV ist ja
so wenig, dass man nebenbei anschaffen gehen muss oder sonst
irgendwie heimlich dazu verdienen. Sonst machste ja Schulden ohne
Ende. Das wissen die und darum finden die so viele Sozialbetrüger.
Weil die das so eingerichtet haben, dass es nicht anders geht.
Jedenfalls können die uns dann alle wie Verbrecher behandeln.
Manche Leute sagen, wir hätten uns der Verantwortung entzogen.
Wir lebten in einer Fantasiewelt. Was aber ist, wenn man eine
Fantasie haben muss, um überhaupt in der eigenen Welt leben zu
können? Nicht fremdbestimmt. Haben Sie darüber schon mal
nachgedacht?
       Was aber ist denn ihre Welt? Nehmen wir die Frau hier.«
Sie stach der Ministerin mit der Messerspitze zwischen die Augen.
»Sie sanktioniert Menschen ohne Arbeit, weil sonst keiner mehr für
einen Hungerlohn arbeiten geht, wenn es in der Sozialhilfe zu
gemütlich wird. Es ist ja nicht ungemütlich. Also, das sagt dann
kener mehr wa! Es ist schlicht kriminell dort. Wer aber hätte was
davon, dass man kriminell werden muss, um von Hartz IV leben zu
können? Ist denn Ungemütlichkeit Arbeit? Ist die Arbeit durch die
Ungemütlichkeit ersetzt worden? Sehen Sie? Der Arbeiter ist das
eigentliche Ziel. Warum explodieren denn die unterbezahlten Jobs?
Warum reden wir von Jobs und nicht mehr von Berufen? Weil der
Job nichts mehr mit Berufung zu tun hat und mit Lebensziel, mit dem
wer jemand ist. Talente sind unwichtig. Nur die Qualifikation zählt,
wa! Einen Job kann jeder haben. Jeden Job. Sehen Sie es nicht? Sie
zerstören uns. Das, was uns ausmacht und nennen es Zeitgeist, als
wäre es passiert, wie ein Naturgesetz.
Nein, wir, der Speed, icke und die anderen, sind Individualisten aus
pragmatischen Gründen, aus politischen Gründen.
       Die Ursula, die da lächelt und sagt, Arbeit müsse sich lohnen,
zieht mit der Reduktion der Sozialhilfe die Löhne nach unten. Sie
spielt den Arbeiter gegen den Arbeitslosen aus, weil das angeblich
                                 69

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realistisch ist, aber vernichten will sie den Arbeiter, die Familie,
jeden Menschen in diesem Land. Damit Europa funktioniert und
Brüssel mehr Macht erhält, müssen alle Länder gleich arm sein.
Reiche Länder wären frei und unabhängig. Da kämen die auf die
Idee plötzlich mehr Freiheiten zu ermöglichen und dann wollen die
anderen das auch und das will dann niemand bezahlen, also kein
Fortschritt für alle. Das ist Europa.
      Und jetzt, sehen Sie sich an, was wir mit unserer Reise tun?
Und sagen Sie dann noch Mal, dass wir Träumer sind, dass wir vor
den Realitäten fliehen! Tun wir ja vielleicht auch. Ich bin Friseuse.
Ich kenne die Realitäten. Ich bin wie die meisten Leute da draußen,
wa! Hab icke alles schon mal gemacht. Auf den Knien rutschend.
Aber wenn du mal drüber nachdenkst!«
      Sie schnippelt wieder Möhrchen über dem Gesicht der
Ministerin.
      »Jedes Möhrchen ein Arbeiter. Kürzen, kürzen, kürzen. Alle
gleich lang, alle gleich kurz. Wenn das Möhrchen sich nun zur
Banane erklärt, oder zur Gurke oder zu einem Eisenstab. Was ist
dann?
Ich beispielsweise bin Emo Punk. Wegen der dunklen Haare, der
Schminke und den Klamotten. Aber warum bin ich ein Emo Punk?
Das ist ja schon auch schräg, eine Rolle, wie ein Job irgendwie.
Trotzdem finden wir das relativ normal. Darüber sollten Sie
nachdenken! Ich Tarzan, Du Jane! Wer ist nun eigentlich der
Dumme?«
      Schnitt.

                                 2

»Sollte ich jetzt endlich über Helena sprechen?«, fragte ich.
»Komm zum Punkt, Speed«, meinte Christine ungeduldig.
     Helena sah aus, wie eine, die sie bei der französischen
Revolution übersehen hatten. Die Inzucht hatte Spuren hinterlassen.
Nicht an ihrem makellosen, blassen Körper, sondern in ihrem Geist.
Eine Art hysterische Zerbrechlichkeit, die den Dingen eigen war,
welche nur durch Geld am Leben gehalten wurden statt von der
Breite der Existenz. Sie war eben kein Brauereipferd, sondern ein
Zirkuseinhorn. Und da war noch ihre Familie. Ihr Onkel
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Rodenhirsch, der sie auf dem höchsten Vulkan Italiens opfern
wollte. Sie würden ihren blassen Körper mit magischen Kräutern
füllen und sie anschließend in den Schlot werfen, um den
Faschismus in Europa zu gebären und ihren Gott, den Moloch,
aufzuwecken.
       Schnitt.
Zoom.
       »Helena war tatsächlich Ihre Freundin«, fragt der Journalist
in dem Hotelzimmer, während Christine die Kamera mitlaufen lässt:
»Aber Sie sahen etwas radikal anderes in ihr. Ist das nicht
überspannt? Ich begreife, was Sie wollten. Den politischen
Menschen aus der Spaßgesellschaft herauszwingen, sperrig und
trocken, eben nicht unterhaltsam. Aber noch immer ist mir nicht
wohl, weil ich nicht glaube, dass es funktioniert. Das mag ihre
private Vision sein, aber wir sind nicht Speed.«»Weil Sie sich
immerzu positionieren wollen«, widerspreche ich ihm. »Sich nicht
vorstellen können, dass Sie es selbst ausgelöst haben.
Unbewusst.«»Wie bitte? Ich verstehe nicht«, sagt er entrüstet und
stellt sein Glas Wein wieder hin.
»Dass es nicht zufällig passiert. Wenn Sie die Kontrolle loslassen,
fallen Sie in eine Welt, die wie ein Traum von unbewussten Motiven
bestimmt ist, hinter denen eine höhere, eine komplexere Intelligenz
steckt«, erkläre ich geduldig. »Glauben Sie nicht, dass eben diese
Verwirrung, welche Sie verspüren, seit wir Sie in unsere Küche
eingeladen haben, beweist, dass wir dort, wo wir unkontrolliert
sind, Werkzeuge unseres Unbewussten werden? Ist es nicht der Sinn
einer Gesellschaft, Projektionsfläche zu sein für ein Experiment, in
dem eine Gruppe von Menschen versucht mehr als die Summe ihrer
Einzelteile zu sein? Weder unnötig, verdrängt, vergessen, noch
tyrannisch über den anderen bestimmend. Stattdessen wird diese
Gesellschaft behandelt, als sei sie das reale Endergebnis, das, was
fest steht, während der einzelne Mensch sich dem anpassen soll.
Bevor Sie zu uns kamen, hatten Sie eine klare Meinung und nun
versuchen wir seit Tagen Ihnen diese ignorante Klarheit zu nehmen.
Meine Welt ist schwammig, weil ich nicht will, dass wir wissen,
sondern in dem leben, was wir nicht wissen, damit darin was Echtes
wachsen kann.«
       Wir mussten einen Weg finden die Rodenhirschs aufzuhalten.
                                 71

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Gleichzeitig existierten sie vielleicht überhaupt nicht. Das war
meine Inszenierung. Stellvertreter für das Böse in der Welt.
Genauso verdächtig wie die Hoffnung, wir aus dem Westen seien
die Guten. Es machte mich glücklich, der Gedanke, dass es
irgendwo da oben jemanden gibt, die Rodenhirschs, die Familie von
Helena, die an allem schuld sind. Sie haben viele Namen. Bush,
Obama, Putin, Merkel oder Speed oder Dr. Frank oder der dicke
Chemiestudent. Ein gewagter Gedanke. Oder viel mehr ein
politisches Statement. Vielleicht sogar eine Haltung.
      Es hilft mir nicht die Eliten zu verachten. Denn die Eliten
stecken in mir. Sie haben sich in mir eingenistet. Ich habe mit ihnen
eine Beziehung und eben diese Beziehung ist ihre Schwäche, weil es
den ganzen hierarchischen Bullshit aufbricht.
      Es ging wieder los. Niemals durfte ich mir sicher sein, was
wirklich auf unserer Reise passierte, weil das andere sonst in mir
drinnen explodierte, ich wahnsinnig wurde, weil ich in diesem
Körper unmöglich das Wissen des ganzen Kosmos tragen konnte.
»Es stimmt nicht, dass die Welt von den Rodenhirschs beherrscht
wurde«, schrie ich und glücklicherweise war Helena gerade auf der
Toilette. Man durfte die Wahrheit nie direkt anstarren, nur über die
Halbwahrheit reflektieren.
      »Sie haben das jetzt sicher mitbekommen, Speed«, meinte Jane
später. »Können wir nun für ein paar Tage nach Berlin
zurückkehren? Bestimmt arbeitet es bereits in ihnen und sie fragen
sich, wer mit den Rodenhirschs wohl gemeint ist? Warum nichts
konkret benannt wird. Dass wir in der großen Menschheitskrise
keinen Nutzen erzeugen. Keine Lösung. Kein Produkt.
Sie verstehen nicht, wie wir damit Helena retten wollen.«
      Ich nahm den Journalisten zur Seite und wir setzen uns in die
Anprobe neben dem Bus. Er sagte aufgeregt zu mir: »Vielleicht
sollte ich den Lesern meines Artikels hier klar vermitteln, dass Sie
diese Dinge wirklich leben. Dass es eine weitere Ebene hinter dem
Dreh gibt. Es ist keine Serie in dem Sinne, dass da einer »Kamera
läuft« schreit und ein Anderer ‚danke‘. Sie schlafen auch hier und
bezahlen fast alles aus eigener Tasche. Das ORF ist vielleicht nur
ein Aufkleber unter dem Mikrofon.«
Ich schnaubte: »Oh, Mann. Ich weiß nicht, wie lange ich das
durchhalten kann. Die Leute müssen doch langsam verstehen! Ich
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habe schon 80% meiner Kunden verloren, seit ich das hier mache
und wofür? Ich weiß nicht mehr wofür? Es kotzt mich an. Ich will
einen Hamburger in mich reinstopfen und zehn Stunden fernsehen
und dann drei Tage durchschlafen.«
      »Was ist mit Helena«, fragte er irritiert.
»Sie redet nicht mit mir. Vielleicht habe ich das nur rein
interpretiert? Und sehe in ihr etwas, was sie nicht ist. Nur weil der
BH, den ich ihr gekauft habe, nicht die richtige Größe hatte. Als ob
ich das wissen könnte. Jeder macht mal einen Fehler.«»Aber die
Gesellschaft?«»Ich scheiße auf die Gesellschaft.«»Sie müssen doch
das Werk beenden?«»Warum sollte ich das tun?«»Weil wir das
erwarten.«»Umso schlimmer. Es könnte noch Jahre dauern. Ist ja
alles offen. Dann doch lieber Faschismus. Und das horizontal, damit
man wieder mitreden kann und dieselbe Erfahrung macht. Die
Ordnung wäre hergestellt.«»Ist das politisch gemeint?«»Nein, es
geht mir persönlich am Arsch vorbei. Die machen doch alle nur mit,
weil sie denken, dass ich wichtige Leute kenne und weil da überall
das Logo vom ORF klebt.«

                                 3

»Ich denke, Sie sollten erfahren wie ich Helena kennenlernte.
Schließlich haben Sie davon gehört, dass dies alles wegen ihr
passiert.«
      Ich stehe auf einer Kiste vor der versammelten Crew.
»Verzeihen Sie! Ich habe die letzte Nacht schlecht geschlafen und
musste an diesem Experiment zweifeln. Niemals aber wollte ich Sie
hintergehen. Ich weiß nur nicht, wie ich es Ihnen allen sonst
erfahrbar machen soll. Das was mich quält, schon seit langer Zeit
quält und auch Sie betrifft.«
      Ich stand nervös vor den Technikern, dem Produzenten und
vielen Interessierten.
»Sie haben das Recht mich auch von meiner normalen Seite her
kennen zu lernen. Als Mann, der versucht hat, das ‚Richtige‘ zu tun
und dabei gescheitert ist. Ich will offen und ehrlich zu Ihnen sein.
Was wir bisher performed haben, war schwierig, weil Sie nicht
wissen konnten, ob es ernst gemeint ist. Ja, es ist ernst gemeint und
gleichzeitig wissen wir nicht, wohin es uns führen wird. Diese Serie,
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dieses Buch. Etwas in uns will nicht mehr mitmachen. Etwas
anderes glaubt zu wissen, weshalb und daran zweifle ich. Ich habe
das Gefühl, dass wir es nicht wissen können. Nicht wissen dürfen.
Noch nicht. Sonst werden wir es nicht leben. Sie wissen schon! Die
EU, der Umweltschutz, die Rettung der Welt, dass man im Job
funktioniert. Darum erzähle ich Ihnen jetzt, wie Helena und ich uns
kennen lernten. Sie werden sich fragen müssen, was Sie an meiner
Stelle getan hätten?«

      Helena hatte einen Vortrag von mir in Potsdam besucht, in
dem ich das Logo der deutschen Johanna Quandt Stiftung mit einem
Hakenkreuz verglich. Die Wirtschaftskammer war entsetzt. Es ist
mir einfach passiert.
      Ein oder zwei Mal im Jahr hielt ich Ansprachen vor
Topmanagern. Gelegentlich war ich auch im Fernsehen oder im
Radio. Die Fahrt zum Kongress konnte ich mir kaum leisten, aber
von Selbstmarketing verstand ich einiges. Also von Höhepunkten.
Momenten, in denen unglaubliche Dinge passierten. Die
Wiederholung war nicht mein Ding, was in direktem Widerspruch
zu den Grundprinzipien des modernen Marktes stand, wo man nur
durch Wiederholung der immerzu selben Vorgänge Geld machte.
Ich fiel immer tiefer und verstrickte mich. Die Verstrickung ist alles,
was ich in meinem Leben hervor gebracht habe.
»Wiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii. Stimmt nicht! Also nicht wirklich so. Nur
anders. Hot, ich meine Hip. Ich muss es einfacher sagen.«
      Jedenfalls kam es vor, dass ein bis zwei Mal im Jahr jemand
anrief, um mich zu buchen. Weil die meisten sich dachten, dass
jemand nur derart exzentrisch leben konnte, wochenlang mit einem
Bus zu Red Bull fahren, wenn er auch erfolgreich war.
      »Er ist die Stimme«, sagten sie und meinten damit, dass ich
fast nur noch als Stimme wahrgenommen werden konnte. Ich ging
ja kaum noch aus dem Haus. Die reine Stimme konnte man noch
wahrnehmen. Wie ein Monolog, eine Frequenz. An mein Gesicht
erinnerten sich die wenigsten. Auch was ich eigentlich machte, war
unklar. Nur die Stimme kannte man. Sie sahen mich irritiert an. Den
Speed hab ich schon mal gehört. Der macht diese verrückten Dinge,
die niemand versteht. Wovon er wohl lebt?
»Du musst die Rolle weiter ausarbeiten«, warf Dr. Frank ein. »Du
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kannst nicht ständig aus der Rolle fallen!«»Heute aber muss man
doch aus der Rolle fallen, Dr. Frank. Ja, wir drehen vielleicht sogar
einen Nazifilm. Nur, dass er in naher Zukunft spielt und noch
niemand weiß, dass es ein Nazifilm ist.«
      Die Kulissenmalerin hatte dazu in einer durchzechten Nacht
ein Lokal aus den 30er Jahren in Berlin gemalt, während Dr. Frank
als der 30er Jahre Retrosänger Max Raabe im Hintergrund sang:
»Das Fräulein mit der Schnute, das machte Tante Trude fürchterlich
eifersüchtig...«. Nur, dass wir alle unsere normalen Klamotten
trugen. Etwas stimmte nicht.
      Ich stand also da mit Hemd und Hose, während Dr. Frank
einen neongrünen Jogginganzug an hatte und damit durchs Bild lief.
      Darum musste ich einfach ein außerordentlich erfolgreicher
Speaker, eine große Stimme sein, weil ich derart exzentrisch lebte,
wenn ich nur noch Stimme war, mir also leisten konnte, nicht zu
arbeiten, sondern Stimme zu sein. Wie die Dekadenz einer
Hochkultur, kurz vor Stalingrad. Weil neben dem Job ja nur noch
Stimme oder überhaupt keine Stimme ging, also dann kein Job
mehr, oder Job aber keine Stimme. Nur dadurch lässt sich erklären,
warum ich an der Armutsgrenze lebte, aber eben mindestens zwei
oder drei Mal im Jahr vor den wichtigsten Managern des Landes
sprach.

      »Die Form ist unverkennbar ähnlich. Es ist wie mit diesen
Illusionsbildern. Mal sieht man eine junge Frau, dann eine alte Frau.
Je nach Betrachtungswinkel. Es ist eindeutig ein Hakenkreuz. Wenn
wir die Familiengeschichte der Quants betrachten, die ja die
Haupteigentümer von BMW sind und zu den reichsten Familien in
Deutschland gehören, ist es doch erstaunlich, dass sich diese
formgebende Ähnlichkeit ergibt. Als wolle das Unbewusste uns
daran erinnern, dass Goebbels mit einer Quandt verheiratet war.«
      Schock. Schnitt.
      »Was hat das denn mit Innovation zu tun?«, unterbrach mich
ein Unternehmer.

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»Aber man könnte doch auch sagen, dass wir hier nur vier Pfeile
sehen, welche in rechten Winkeln ein Kreuz bilden. Dass es
Flackgeschützgrau sein soll, ist doch eine Interpretation«, warf ein
Manager aus Dortmund ein.
      Ich atmete tief ein und machte nervös Schritte von rechts nach
links und zurück.
»Der Punkt ist. Ich möchte mich für das entscheiden, was wir nicht
wissen, was mir doch nach der Wirtschaftskrise, vor der wir dachten
alles zu wissen, reifer erscheint«, erwiderte ich. Das war logisch. Es
nützte nur nichts. Aber es war nicht falsch. Nicht falsch ein Gefühl
auszuleben, ganz persönlich und privat, als könne es tatsächlich
etwas bedeuten, ja groß sein, wie ein Konzern, wie Manager
wichtiger Unternehmen. Wenn es nur echt war.
      »Was ist das denn für ein Schwachsinn«, unterbrach ein
Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom. »Das ist doch absolut
unkonkret. Es ist mir unbegreiflich, wer Sie eingeladen hat und
warum. Wir sind alle Unternehmer. Wir wollen ein konkretes
Produkt verkaufen. Das ist doch das, worum es geht. Um die
Förderung der Wirtschaft. Nicht um deren Sabotage.«
Ich zuckte und man sah mich irritiert an:
»Sie sind alle tot«, schrie ich mit diesem irren Blick und einem
Tonfall wie Adolf Hitler: »Tot, weil das, was Sie sich unter
Innovation vorstellen, von den Chinesen einfacher und billiger
produziert werden kann. Was Sie vergessen haben, ist der lange
Weg, den Unternehmer vor Ihnen gegangen sind. Die
Auseinandersetzung. Das, was Old Europe groß gemacht hat. Die
Kultur des Widersprechens. Nur Widersprüche rufen die
Intelligenten auf den Plan. Sind sie erst wach, werden sie uns sagen,
dass wir dieses Gefühl haben dürfen, auch wenn es negativ ist.
Diese Wut.
      Ich bin nicht böse, nur weil es böse aussieht. Sie müssen
dreidimensional denken oder vierdimensional.«
Ein Mann im Tweedanzug stand auf und fragte wohlwollend:
»Na, dann sagen Sie uns doch, was wir konkret tun sollen?«»Ich
weiß es nicht«, antwortete ich verzweifelt, weil ich nicht mehr ich
selbst war und nicht wusste, weshalb, und gleichzeitig entschlossen
wirken wollte. »Und überhaupt habe ich den Faden gerade verloren.
Manchmal spricht ein Mensch, obwohl er mit den Worten nichts
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sagt. Sehen Sie es denn nicht, was los ist? Die Krise ist überall und
Sie haben noch nicht annähernd verstanden, was sie ausgelöst hat!
Es genügt nicht, dass Sie sagen, dass ich falsch bin, dass ich eine
Katastrophe bewirke und unprofessionell agiere. Davon wird nichts
besser. Es wird schlimmer. Noch schlimmer. Ich will, dass es
schlimmer wird, weil ich mich dann wenigstens selbst spüre. Ihr
arroganten Arschlöcher! Sie wird nicht aufhören! Die Krise.
Glauben Sie mir. Jedes Mal, wenn ich eine Hochglanzveranstaltung
der deutschen Wirtschaft betrete, muss ich ausrasten. Es passiert
einfach, wie eine Antwort der Natur auf den allzu glatten
Geschäftsplan.«
      Ich blickte in die Runde, geblendet von den Scheinwerfern.
Erste Gäste standen auf und gingen raus.
»Was für ein Idiot«, rief einer und wedelte abfällig mit der Hand.
»Aber sehen Sie es denn nicht. Das hier ist das, was nach dem 11.
September hätte passieren sollen und wieder 2008. Dass wir uns
anschreien und uns raufen, weil wir uns ernst nehmen. Stattdessen
haben wir Afghanistan bombardiert. Wir hätten den Schmerz
aushalten sollen, statt immer nur auf den starken Mann zu hören.«
      »Das geht ja so auch nicht, Speed«, sprach der Journalist aus
dem Off. »Man muss schon eine Theorie anbieten. Etwas was
zielführend ist. Es reicht nicht, einfach nur das Chaos selbst zu
verschlimmern und das dann eigenständige Identität zu nennen, oder
gar Freiheit!«»Und dann? Was ist dann?«»Klarheit.«»Und was ist
Ihre Klarheit anderes als Ignoranz? Sehen Sie denn nicht, dass wir
voller Leben sind? Sehen Sie denn nicht, dass das Leben nicht
aufhört, nur weil Sie mal was verstanden haben, was Sie dazu
bringt, anschließend wieder ignorant und unauthentisch zu
leben!«»Sie müssen es Ihnen erklären. Sie wollen es Ihnen doch
erklären«, versuchte er in einem pädagogischen Tonfall.
»Sage ich es mit ihren Worten, sage ich es in einer Sprache, in der
es diese Erfahrung nur als Problem gibt, die wir aus der Distanz
betrachten. Wir Europäer sind nur noch Distanz und
Verdrängung.«»Sie verdienen damit kein Geld.«»Es ist nicht
bezahlbar, mein Freund. Darum habe ich die Verantwortung mich
zu ruinieren. Mit dem Verstand kannst du es nicht begreifen. Mit
dem Herzen schon.«»Sie nennen es Freiheit. Dabei ist es nur
Schmerz.«
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      Auf der Veranstaltung wusste ich das alles nicht. Ich fühlte
mich schlecht und schämte mich, dass ich diesen Leuten den Abend
versaut hatte.
      In diesem Augenblick sah Helena etwas in mir, was sie noch
nie vernommen hatte. Sie starrte mich neugierig an. Als wäre ich ein
Modetrend, eine neue Handtasche, eine Magie, die ihre Eltern
zutiefst abgelehnt hätten, dunkel, schwarz und sexy.
      »Was aber ist, wenn es Absicht war? Ich meine, wenn es nicht
unbewusst passiert ist, das Logo«, unterbrach eine alte Frau
verunsichert. »Wenn auch Sie gerade passieren, weil...«»Das ist
doch Schwachsinn. Als Nächstes vergleicht er den schwarzen BMW
mit einer SS Uniform wegen der Ledersitze«, empörte sich einer der
alten Säcke.
»Das ist Verleumdung«, brüllte ein Anwalt. »Die Unwahrheit ist
verboten.«
      Ich strich mir mit der Hand durch das Haar und tat so, als
wollte ich etwas Wichtiges sagen:
»Die Johanna Quandt Stiftung hat mir eine mehrere Seiten lange
Erklärung der Werbeagentur geschickt. Weshalb es sich um
dynamische Pfeile handle, welche eine gewisse Dynamik
ausdrücken sollten. Welche Dynamik wurde nicht genau erklärt. Es
durften nur positive Worte verwendet werden. Also es wurde genau
erklärt. Nur machte es keinen Sinn. Als wäre die Dynamik der Sinn.
Und jetzt entsteht da doch eine Dynamik, die eben schon Sinn
macht, wenn man dies zulässt, weshalb mein Vortrag in letzter
Konsequenz brillant ist und uns alle erlösen kann. Wenn Sie nur hier
bleiben, einige Stunden, vielleicht Tage. Dran bleiben, bis wir
herausfinden, was es ist, was wir hier unbewusst erschaffen.«
      Ich sah die Frau nachdenklich an:
»Vielleicht widerholt sich die Geschichte. Das Enge verweigert dem
Ausufernden das Recht auf Leben, dem anderen. Nur ist das Enge
vielleicht kein Glatzkopf in Brandenburg, kein Adolf, sondern eine
Technologie, oder eine Form von Widerstand, ein Ausdruck von
Alternativlosigkeit oder schlicht Bequemlichkeit?«
      Helena stand auf und fragte: »Wäre es möglich, dass unser
kollektives Unterbewusstsein uns mitteilen möchte, dass wir das
Dunkle nicht bekämpfen, sondern durch es hindurch gehen sollen?«
Noch mehr Manager verdrehten die Augen und wollten gehen.
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<!-- PDF page 79 -->

      In den vielen Minuten danach, die mir unendlich lang
erschienen, weil ich nur da stand, auf der Bühne, nachdenklich,
ordneten sie ihre Weltbilder wieder. Sie bestätigten sich gegenseitig
darin, dass es sich bei BMW auf keinen Fall um ein faschistoides
System handle und dass man nicht einfach behaupten könne, wenn
Firmen ein politisches System wären, es sich auf jeden Fall um
Diktaturen handle. Was überhaupt nicht relevant sei, weil sie
überhaupt keinen Einfluss auf das gesellschaftliche, sondern
lediglich auf das wirtschaftliche Leben hätten, wobei für die Freiheit
wiederum andere Experten zuständig seien und auf keinen Fall
könne man jemals wieder jemanden solche Dinge aussprechen
lassen, der keinen Dr. in Ökonomie besaß. Rechtliche Schritte wolle
man sich vorbehalten.
      »Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein interessantes, aber
weitgehend bedeutungsloses Experiment«, sagte der Journalist im
Hotel zu mir: »Eine TV-Serie, die weit nach Mitternacht lief und
allein darum nicht abgeschafft wurde, weil die EU aufgrund eines
bürokratischen Fehlers darin investiert hatte. Man wollte das Geld
nicht zurück bezahlen, also wurde ausgestrahlt. Dann aber nannten
Sie es eine Wirtschaftssendung. Das war ein Skandal. Warum haben
Sie das getan?«»Weil es eine Wirtschaftssendung war. Darum ist
Rodenhirsch durchgedreht, weil auch er wusste, dass es eine
Wirtschaftssendung ist. Es ging um den Menschen als Ware.«»Ist
das nicht zynisch?«»Der Markt beruht auf Bedürfnissen. Wir
wollten neue Bedürfnisse wecken. Es gibt für uns kein Zurück mehr.
Dafür wissen wir zu viel. Im Nachhinein mag es leicht und verspielt
erscheinen, aber Rodenhirsch wusste genau, dass es todernst war.
Auf diese Weise zu leben, brächte alles zu Fall.«»Aber wie ist es,
auf diese Weise zu leben«, fragte der Journalist und schenkte sich
nach. An diesem Tag wirkte er versöhnlich und zugleich erschöpft.
»Verstehen Sie doch, dass es mehr ist, als die erlauben wollen.
Darum soll Helena ermordet werden. Berührt ihr Schicksal uns nur
für einen Augenblick, explodiert die Komplexität unserer Welt und
niemand kann unsere Aufmerksamkeit beherrschen. Heute Helena
und morgen sehen sie den Kollegen mit anderen Augen und
plötzlich ist auch die Regierung nicht mehr das, was sie uns zu sein
vormacht. Dann endlich sind wir frei.«»Was wird geschehen, wenn
Sie scheitern?«»Sie meinen, wenn ich Helena nicht retten kann?
                                  79

<!-- PDF page 80 -->

Dann werden kommende Generationen in einer Welt leben, in der
das Individuum keinen eigenen Schmerz mehr ausdrücken kann.
Weil es dafür keinen subjektiven Spielraum in der Sprache oder in
der Wahrnehmung gibt. Es muss sich dann stets auf die genormte
Definition beziehen. Auf die zwei Zustände. Erfolg oder Misserfolg.
Glück oder Leid. Wobei, wer leidet, gescheitert ist.«

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»Ich muss Ihnen mehr davon erzählen! Jetzt sofort«, sagte ich dem
Journalisten und er erwiderte besorgt: »Sie wollen ablenken. Bitte
lassen Sie uns nicht wieder abschweifen. Gerade jetzt habe ich das
Gefühl, dass ich den Leuten schreiben kann, worum es bei Ihrer
Reise geht.«
       Wir saßen in einem Kaffee, an einem Donnerstag, in Berlin
Kreuzberg. Helena fiel auf, weil alle anderen total abgeranzt waren.
Außerdem war ihre Stimme etwas schrill.
Schnitt.
       »Wir legen in unserer Familie sehr viel Wert darauf, dass
etwas eine klare Form hat. Dass es bewusst ist«, sagt sie mit diesen
verliebten Augen. »Wenn man die ganze Welt kaufen kann, ist das
Besondere der einzige Ausweg, um eben nicht ständig die ganze
Welt kaufen zu müssen. Schließlich kann das rasch zur Sucht
werden. Man verliert die Disziplin und schon ist sie dahin, die
Macht. Das Besondere ist das, wofür wir leben. Gleichzeitig
verhindern wir es in der Welt. Es ist wie mit den Weintrauben. Man
muss viele wegschneiden, damit die Qualität in der Quantität
begrenzt bleibt. Als du das Hakenkreuz im Logo der Johanna
Quandt Stiftung erkannt hast, wusste ich, dass du anders bist.«»Wie
soll ich es ausdrücken. Ich...«
Sie schließt meine Lippen mit ihrem Zeigefinger, nimmt meine Hand
und sagt mit dieser unschuldigen Stimme: »Fick mich! Ich will, dass
du mich aus der verstaubten Welt meiner Familie rausfickst. Ich
scheiße, ich meine, das sagt man doch so, ich scheiße auf die
Tradition.«
       »Das ist lächerlich«, unterbricht Dr. Frank. »Kinder, das geht
so nicht.«
Schnitt.
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      »Es ist mein Lokal. Hick! Ich kaufe das verdammte, hick, fick,
Lokal, aber fick, hick mich! Jetzt sofort«, ruft Helena und bricht in
Lachen aus.
»Ich piss mich an«, meint die Hornbrille und der dicke
Chemiestudent fällt fast vom Stuhl.
      »Ist es denn wenigstens verboten«, frage ich neugierig.
»Ja, ich denke, das könnte man sagen.«»Bitte, sage, dass es
verboten ist!«»Sie werden uns dafür hängen«, ruft sie und fällt
wieder lachend aus der Rolle.
      Schnitt. Sie fragen sich, ob es Helena tatsächlich gab. Ja, es
gab Helena und es gab diese Elite. Das sind Dinge die niemand
direkt aussprechen kann, ohne gleichzeitig in dieser Vorstellung
gefangen zu sein, von oben und unten, von gut gegen böse. Wir
haben uns für einen anderen Weg entschieden.
      »Ich verstehe, dass Sie ein Leben lebten, welches behauptete,
eine Fantasie sei erlaubt, sei es wert für eine bessere Gesellschaft.
Bar jeder Nützlichkeit oder Verwertbarkeit war das natürlich
radikal«, warf der Journalist wieder ein, während wir hinten im Bus
saßen und die anderen vor uns Schach spielten und rauchten:
»Warum nur haben Sie dieses Vertrauen in die blanke Existenz?
Warum müssen Sie sich nicht absichern, ein Ziel haben, eine
Methode? Wenn es nun scheitert? - Geht es nicht darum, das Leben
einer jungen Frau zu retten? Spüren Sie es denn wirklich? Ich frage
mich, ob Sie sie tatsächlich lieben. Wie können Sie nur derart
spielerisch, derart albern mit dem Thema umgehen? Immerhin droht
der Frau, die Sie lieben, ein grausamer Tod.«
Ich sah ihn betroffen an.
»Männer, die stärker sind als ich, wollen sie opfern. Niemand wird
mir glauben. Ist es da nicht logischer, die Welt, ich meine, möglichst
viele Menschen zu sensibilisieren? Nur wenn sie verunsichert sind,
sind sie wach. Das ist meine Waffe. Ich kann Menschen irritieren.
Was anderes kann ich nicht.«

                                  5

Ein Mann sitzt in einem Büro. Ein anderer kommt hinzu. Er ist
wütend auf ihn. Etwas ist schief gelaufen.
Mehr ist nicht zu erkennen. Verschwommene Bilder und grelles
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Licht. Der eine steht auf und schlägt zu.

                                  6

»Sie sind also jetzt wirklich Timothy Speed? Ich meine, nur weil
nicht ganz klar ist, wer Sie im normalen Leben sind, oder ob Sie
diese Rolle im normalen Leben spielen«, hatte der Journalist mich
am Ende unserer Urlaubstage in Leipzig gefragt, wo wir einen
längeren Halt machten.
»Er ist einfach so«, meinte Jane und verdrehte die Augen. Der
Journalist nahm einen Bissen von seinem Butterbrot und nickte
wissend mit dem Kopf, als habe er etwas sehr Eigenartiges
durchblickt.
Ich schrieb auf eine große Tafel, wo alle es lesen konnten:
»Tagebuch des Journalisten / Heute habe ich verstanden, dass in der
Existenz dieser Menschen eine Sprache liegt, welche mit den
Mächtigen unserer Welt einen Dialog führt. Ein unbewusster
Dialog, in dem die Bausteine des Lebens selbst angesprochen,
berührt und in Schwingung versetzt werden. Um sich zu erinnern, an
eine Ordnung, die in Zukunft unsere Vorstellung von Gesellschaft
grundlegend verändern wird. Dass diese durch den subjektiven, den
intimen, den eigenständigen Menschen spricht. Sobald die
Selbstkontrolle aller Lebensbereiche beendet ist, wird die Wahrheit
sichtbar.«
      Schnitt. (Irritation zwingt das Gehirn neue Verknüpfungen
herzustellen. Scheitert dies beim ersten Versuch, deutet es auf eine
wesentlich komplexere Grundordnung hin, für dessen Geburt mehr
Chaos und Vielfalt benötigt wird.)

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       Episode 3: Die Serie, die niemals funktionieren durfte

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»In gewisser Weise sind Sie vom Image her wie ein Neonazi«,
erklärte mir Rodenhirsch. Es war ein Samstag, in seinem noblen
Büro in einem Hochhaus in der Berliner Friedrichstraße. Stahl und
Glas. Beachtlich unbeachtet, funktional ist wohl das Wort. Ich
betrachtete die Zimmerpflanzen, deren Blätter glänzten, als wären
sie mit demselben Zeug behandelt worden wie der Parkettboden.
Natürlich war Rodenhirsch mehr als der Mann, der uns die Kohle
für die Serie rausrücken sollte, als der Onkel von Helena und einer
der reichsten Menschen der Welt.
      »Er ist natürlich nicht nur das«, ergänzte Dr. Frank, als ich im
Bus darüber sprach, wie man ihn sich vorstellen könnte. »Wichtig
ist doch, dass sie verstehen, dass sie gemeint sind und dass völlig
unklar ist, wer die Rodenhirschs eigentlich sind. Gleichzeitig ist es
ganz logisch, dass die vorkommen, weil sie wichtig sind. Wichtig
sind sie, weil sie Geld und Einfluss haben und unser Feind sind.
Jedenfalls soll man das zunächst denken.«»Sehr richtig«, ergänzte
Jane.
Ich war davon wenig begeistert.
      Die Kamera lief. Rodenhirsch fuhr mit seiner Erläuterung fort,
während er sich an der Zimmerbar seines gediegenen Büros einen
Drink machte und sich umsah, als fühlte er sich beobachtet.
»Was ist«, fragte ich.
»Nur ein Gefühl, eine Art Déjà-vu«, sagte er und blickte sich um.
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»Als sähe ich mir selbst zu.«
Er öffnete das Fenster, fuhr sich durchs Haar und meinte dann
weiter: »Eine nicht in Frage kommende Option. Am Höhepunkt der
Krise ist es politisch einfach unmöglich zu behaupten, der kreative
Spaß brächte die Lösung. Genauso wenig wie der Nationalstaat, die
individuelle Identität, die Familie und all die anderen Dinge aus
denen der Mensch Kraft schöpft und die einen von der Bürokratie in
Brüssel unabhängig machen. Aber ich kann Ihnen einen Job bei
einer Werbeagentur besorgen«, bot er sofort an.
Ich stotterte verunsichert: »Ich kann, kann auf keinen Fall bei einer
Werbeagentur arbeiten. Den Fake ertrage ich nicht. Rein
körperlich. Auf keinen Fall.«
Er blickte irritiert.
      Auf dem schweren Eichenschreibtisch in seinem Büro lagen
geordnete Stifte. Ich nahm einen und ließ ihn ungeschickt auf den
Boden fallen. Hastig hob ich ihn auf. Es war, als wäre ich ihm
lästig. Lästig, weil ich an einem Samstag kam, wo er doch frei hatte,
sich frei nahm von der Verantwortung. Konnte ich mich denn nicht
an die üblichen Arbeitstage halten?
»Sie verstehen nicht, Rodenhirsch. Wir sind nicht mehr nur Spaß,
wie früher in der New Economy, sondern aus dem Abgrund
zurückgekehrt, reifer, weiser und mutiger«, sagte ich euphorisch
und legte den Stift auf den Tisch, wo er erneut Richtung Abgrund
rollte: »Sie können den freien Willen nicht ignorieren. Dinge
passieren einfach. Und wir sind jetzt ganz andere New Economy
Menschen.«
Er schnaubte:
»Ich sehe nicht, dass Sie sich in irgendeiner Weise verändert hätten.
Sie machen ständig was Neues und wissen einfach nicht, was sie
wollen!«
      In diesem Moment blickte der dicke Chemiestudent irritiert
hoch, weil wir ihn alle anstarrten.
»Ich bin nicht Rodenhirsch. Ich spiele ihn nur«, sagte er entrüstet
und ich meinte väterlich zu ihm: »Aber wir wollen sehen, was
passiert, weil du doch das Gefühl hast, dass du dich selbst
beobachtest. Das Böse blickt sich selbst im Spiegel an.
      Vielleicht wird dir was klar. Etwas, was sie sehen sollen, damit
sie aufhören, die Menschen zu unterdrücken«, meinte die Hornbrille
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aufgeregt und ich sagte: »Ich meine, wir spielen denen was vor,
damit sie darin etwas erkennen, weil es chaotisch ist und dicht an
der Realität vorbei. Das macht im Gehirn neue Verbindungen und
schwuppdiwupp werden sie menschlich, weil sie in der Evolution
weiter springen. Vom Affen und Vollhorst zum differenzierten,
mitfühlenden Menschen.«
      Der Journalist hatte wieder etwas erkannt und unterbrach
meine Schilderung: »Sie provozierten diese Leute. Sie wussten, dass
die es nicht mit ansehen würden, wie sie auf diese Weise über sie
reden. Weil Sie das Böse in der Serie ganz anders lebten. Eine Art
Simulation eines neuen Umganges mit Tyrannen. Weil man sie nicht
bekämpfte, nicht dämonisierte, sondern sie behandelte, als wären sie
der nette Onkel von nebenan, was ziemlich revolutionär war«, sagte
der Journalist interessierter als üblich: »Aber entsteht dadurch nicht
ein anderes Böses? Ist das nicht ein Widerspruch das Böse zu
bekämpfen, indem man das Böse salonfähig macht, zu etwas, was
jeder jederzeit sein kann? Das führt doch alles, was Diktatoren und
Personalchefs in Jahrzehnten an Standing erarbeitet haben, ad
absurdum. Ebenfalls das, was unsere Helden, unsere
Freiheitskämpfer getan haben. Die Menschen wollen das nicht. Die
Guten sind doch darauf angewiesen, dass das Böse das bleibt, was
es ist.«»Ich will es aber.«»Was sind Sie nur für ein egoistisches
Arschloch!«
      »Auf dem Tisch liegen mehrere Bleistifte. Unterschiedliche
Länge, vielleicht sind es keine Bleistifte. Ich bin mir nicht sicher, ob
es Bleistifte sind. Lang und nicht alle sind spitz...«, begann ich im
leeren Raum, den wir für die Szene aufgebaut haben, zu schildern
und Rodenhirsch wurde verärgert:
»Hören Sie auf mit dem Quatsch! Sie können auf diese Weise keine
neuen Bedürfnisse schaffen. Keinen neuen Markt. Es ist nicht meine
Schuld, dass Sie kein Produkt haben. Sie sind draußen aus dem
Film. Für immer.«»Der Kuchen schmeckt gut«, sagte ich, lächelte
und stopfte mir das Ding rein, was seinen Manieren widersprach.
»Der Kuchen schmeckt wirklich gut, wissen Sie«, wiederholte ich.
»Noch nie habe ich einen derart guten Kuchen probieren dürfen.«
Dabei zog ich hässliche Grimassen.
»Ich werde nicht zulassen, dass Sie auf diese Weise eine neue Welt
abseits der Gewohnheiten erschaffen. Seien Sie jetzt still und hören
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Sie mir zu, oder ich werde Helena nicht retten können!«
       Ich wurde traurig. Eine Mischung aus Traurigkeit und
Neugier, eine kindliche Verspieltheit. Unpassend.
       »Sie haben diese Aussetzer, nicht wahr«, fragte er lächelnd
und der dicke Chemiestudent genoss sichtlich seine Rolle: »Das
Gefühl, dass da etwas fehlt. Sie wissen doch noch, dass wir Helena
opfern werden, wenn Sie nicht tun, was ich sage? Wenn Sie sich
nicht an die Regeln halten.«
       Im Off meine Gedanken; War ich deswegen gefühllos? War es
am Ende doch nur Sex, was uns verband? Ich fickte sie gerne und da
war was, aber ob es Liebe war. Woher sollte ich das wissen? Und
durfte man sein Leben riskieren, für etwas, was nicht wahre Liebe
ist? Außerdem war er ihr Onkel. Was hätte sie wohl gesagt, hätte
ich ihren Onkel verprügelt. Eine lächerliche Vorstellung. Das muss
einem mit Adolf Hitler ähnlich gegangen sein. Ein netter alter
Mann. Wie viel Abstraktion musste man sich erarbeiten, um diesen
an einem sonnigen Tag am Obersalzberg einfach in die Fresse zu
schießen?
       Es stand ja auch niemand auf, um die Ungerechtigkeit der
Welt zu beenden.
       »Ja, ja, Helena. Die Opferung. Schon klar, dass man da was
tun sollte. - Was haben Sie nochmal gesagt?« Ich war
unkonzentriert.
       Als ich meine Augen öffnete und noch immer am Boden lag,
reichte mir jemand eine Dose Red Bull. Ich richtete mich auf,
versuchte mich zu erinnern, aber das meiste war verschwunden. Da
war was, was ich wollte. Ich hatte es für einen Moment erkannt, es
gesehen und dann war es wieder weg und man musste seinen Job
machen. Die Zeit drängte. Klar würden wir gleich die nächste Szene
drehen.
       Manchmal fiel das Mikrofon von oben ins Bild, was aber
niemanden recht aufregte. Rodenhirsch wies darauf hin, dass es ihn
irritiere, wenn dieses weiße Kabel vor seiner Nase von der Decke
hing. Er habe das Gefühl, die Amerikaner seien wieder da. Wir
wussten nicht, ob wir es einfach abschneiden könnten. Schließlich
zwickte Jane es ab, mit einer Nagelschere, die sie in ihrer
Handtasche trug.
       »Wach auf, Speed«, schrie Jane plötzlich: »Etwas stimmt
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nicht. Schon klar, dass wir Rodenhirsch nicht böse sein sollen, damit
er in uns nicht seinen Feind sieht, aber zu nett ist irgendwie auch
nicht glaubwürdig, wegen Helena, meine ich«, sagte Jane und
deutete, als wolle sie sich den Hals mit dem Finger durchschneiden
und streckte seitlich die Zunge raus.
      Die Anwendung von roher Gewalt war so lange nicht mehr
angesagt gewesen. Jemandem einfach verkloppen. Es war nicht,
dass man es wirklich tun wollte, nur diese Überzeugung es auf
keinen Fall tun zu dürfen, stimmte auch nicht. Es machte einen nicht
zu einem besseren Menschen Gewalt grundsätzlich abzulehnen, was
in Deutschland zum guten Ton gehörte und somit überhaupt nicht in
den Grenzbereich zu gelangen, in dem sich dann der echte Charakter
erst herausbildet. Wir hatten keine Zeit mehr.
»Ich weiß nicht, Jane, ich glaube nicht, dass wir ihm was antun
sollten. Man muss das psychologisch sehen. Das mit der
Weltherrschaft. Ein Kindheitstrauma. Ein Mangelgefühl. Ich kann
ihn nicht einfach umlegen, wie Staufenberg es getan hätte. Das wird
auf Facebook niemand liken, weil die überhaupt noch nicht
verstanden haben, dass Rodenhirsch Rodenhirsch ist.«
      Rodenhirsch fuhr fort.
»Kamera läuft!«»Wenn Sie eines Tages wissen, ich meine wirklich
wissen, was Sie wollen, Speed, wird niemand mehr da sein, der in
der Lage ist Ihnen geistig zu folgen! Weil das natürliche Wollen
einem Flow folgt, der sich von Moment zu Moment verändert und
einer komplexeren Ordnung unterliegt, für die es keine Worte gibt.
Sie ist derart gewaltig, dass man sie nur als die Schöpfung
bezeichnen und dann vor Demut die Klappe halten kann. Sie werden
nur für die Leute verständlich, wenn Sie das wollen, was alle wollen.
      Und wissen Sie, warum es den Leuten total seltsam vorkommt,
was Sie hier versuchen? Weil niemand Helena klar sehen kann. Wo
auch immer sie ist, wird alles verschwommen. Wegen der
Verdrängung und den Schuldgefühlen. Hat man erstmal Schuld auf
sich geladen, was man heute ja muss, weil man sich selbst abtötet,
um überleben zu können, darf es die Wahrheit nicht geben. Sie darf
keine Relevanz besitzen im Alltag. Wir nennen diese »anstrengend«
oder »intellektuell«, weil wir uns nicht fragen wollen, woher dieses
Unbehagen kommt.
      Das, was Sie wirklich wollen. Es wird derart fremd klingen.
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Wenn Sie es nicht mit einer Fernsehserie vergleichen können, wird
man Sie für irre halten.
      Noch nie ist es einem Menschen, der nicht rasch vergessen
wurde, gelungen, sich der Vermarktung, dem Leben in einer von
außen definierten Wirklichkeit, welche ein jeder sofort verstehen
und einordnen kann, zu entziehen.
      Der Juppy ist ein Idiot. Weil die Mehrzahl Idioten sind, wollen
immer mehr Idioten werden. Das gibt ihnen Sicherheit. Nur als
Juppy kann ich etwas mit Ihnen anfangen.
Einem Produkt muss man bedingungslos vertrauen können. Ihnen
vertraut niemand. Sie vertrauen sich ja selbst nicht! Solange Helena
bei Ihnen ist, werden die Menschen wegschauen und sie werden sich
denken, dass da was fehlt, dass da etwas eine Reibung erzeugt.
Dafür geben sie Ihnen die Schuld.«

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»Irgendwie fände ich eine Party grad gut«, sagte Dr. Frank und wir
anderen stimmten zu. Sich einfach mal locker machen und dem
Flow folgen.
       Wir waren unbeschwert, tranken, tanzten und jemand legte
Musik auf. Von weitem sah man die Lichter, die den Bus wie ein
Raumschiff erleuchteten und alle trugen individualistische Kostüme,
die wir in der Serie nie trugen. Ich stand einfach nur da und starrte
eine Wand an.
»Hey, Jane«, rief Dr. Frank. »Du bist wunderschön!«»Du
Schmeichler. Der Hut gefällt mir sehr«, kokettierte er und setzte sich
diesen selbst auf. Der Journalist schrieb eine SMS an seine Geliebte.
       »Sie müssen loslassen«, sagte ich im Vorbeigehen, auf dem
Weg zum Buffet, zu ihm, während der dicke Chemiestudent mich
mit seinem vollen Teller fast über den Haufen lief.
»Sehen Sie sich nur diese Menschen an! Wie glücklich sie
sind.«»Sie machen mir oft Angst«, sagte der Journalist kritisch und
starrte mich energisch und vorwurfsvoll an. »Ich dachte, wir wären
frei, aber jetzt weiß ich, dass wir es nicht sind. Die Antwort bleiben
Sie schuldig. Es wird nicht reichen, dass Sie es offen halten. Sie
werden Position beziehen müssen. Auch gegen Rodenhirsch und
dann sind Sie nur noch das andere politische Lager. Und das Spiel
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geht von vorne los. So wie immer. Sie werden nichts verändern.
      Was ist mit Helena? Glauben sie nicht, dass Helena eher einen
Mann liebte, der ihr etwas Konkretes gäbe. Etwas mit Zukunft und
Perspektive.«
      Das machte mich nachdenklich. Ich ließ ihn stehen und ging
zu den anderen. Am Anfang hielten sie es für eine blöde Idee.
»Warum willst du denn diese Serie drehen, Mann«, fragte der dicke
Chemiestudent, als wir gerade Berlin hinter uns ließen. »Du willst
doch bloß nichts Anständiges arbeiten«, sagte er und lachte:
»Außerdem haben wir überhaupt keine Handlung. Und keinen
Konflikt. Ich habe gelesen, dass man einen Konflikt braucht.«
Wir sahen einander fragend an. Was für einen Konflikt konnte es bei
uns wohl geben? Da war doch was. Aber was? Konflikt, das war
ungewohnt irgendwie, etwas, was man gar nicht mehr kannte, bei
sich selbst. Uns ging es ja ganz OK.
      Bereits von einigen Jahren, als ich mal auf dem Weg zu einem
Job war, hatte ich diese Szene vor Augen. Ich war spät dran und sah
ständig auf die Uhr. Ungern kam ich zu spät. Gleichzeitig hatte ich
diese Fantasien. Was passieren würde, wenn ich dieses oder jenes
täte? Machte ich alles falsch. Ob ich dann nicht vielleicht am Ende
das absolut Richtige täte. Weil es ja nichts gab, was nur falsch war.
Ich dachte lange darüber nach und stellte fest, dass es tatsächlich
nichts und niemanden gab, der nur falsch lag oder war. Wenn das
stimmte, konnte ich damit aufhören, zu versuchen das Richtige zu
tun und sehen, was passierte. Ob ich 50% richtig und 50% falsch
machen würde. Dann stellte ich fest, dass ich immer weniger sagen
konnte, was richtig war und was falsch. Ich wurde individuell. Und
gleichzeitig mehr als nur ich selbst. Vielfältiger und breiter. Ich
wurde das ganze Leben. Hatte Erfolg und scheiterte, bekam Kinder
und lies mich scheiden, wurde geachtet und verfolgt.
      Was da war, stimmte, obwohl es schmerzte. Und blieb ich
dabei, konnte ich auf der Welle reiten. Mein Umfeld aber sah nur
den Sturm, das Chaos und den drohenden Untergang.
Vermutlich hatte wieder jemand Helena erwähnt und nun waren sie
völlig durcheinander.
      Die Luft stand. Sie feierten. Rauchschwaden im Raum und das
Glitzern eines Perlenvorhanges vor einer Retrolampe. Drogen im
Spiel.
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Ich fürchtete man könnte mir den Gedanken aus der Hand reißen,
noch ehe ich darauf warten konnte, dass etwas anderes passierte als
alle erwarteten. Darum sagte ich ihnen nie genau, was ich vorhatte
oder was mich wirklich bewegte. Nicht mal Jane, was schwer für
mich war. Wir drehten die Szenen nie linear. Niemand sollte den
roten Faden erkennen können.
      »Da war mal was«, sagte ich ernst in die Runde. »Anfang der
90er. Bevor das Leben leichter wurde, nachdem Bill Clinton sich
den Schwanz von Monika Lewinski lutschen ließ, weil klar werden
musste, dass alle Männer so sind und das Arschloch der Normalfall
ist. Plündert doch! Es ist OK! Idealisten sind Freaks und haben
keinen Sex mit schönen Frauen.«
Ich sah runter auf das Skript in meinen Händen und las darin.

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Der Mann in dem Büro, ich nenne ihn X, wird jetzt von einem
anderen angebrüllt. Er steht auf. Es ist eine Art Erschütterung. Ich
glaube, dass er dem anderen eine in die Fresse gehauen hat. Andere
Menschen kommen hinzu. Silhouetten im Raum.
      Der andere kommt jetzt vom Boden hoch.
X betrachtet seine Hände, als fühle sich etwas anders an.
Es ist ganz plötzlich gekommen. Ein Reflex. Niemand kann erklären,
weshalb. Die Menschen werden verrückt. Sie waren es schon.

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Sie sahen mich erwartungsvoll an, weshalb ich mit der Geschichte
fortfuhr. Auch ohne Skript. Etwas Persönliches.
      Ich ließ sie nicht zu Wort kommen, wie ein Zirkusdirektor
seine Artisten in den Bann zog, um sich ihres Gehorsams zu
überzeugen.
      »Ich beugte mich über das tote Mädchen, um an den Pupillen
scharf zu stellen. Die Ärzte warteten ungeduldig. Ich suchte
Erfahrungen, jenseits der alltäglichen Welt. Schon fast ein ganzes
Jahr arbeitete ich damals, mit neunzehn Jahren, als
Krankenhausfotograf. Operationen, Obduktionen, Geburten und
obskure Krankheiten.
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       Die Neonröhren flackerten. Ich drückte mehrmals ab, wartete,
bis der Blitz sich auflud. Ihre grünen Augen glänzten noch. Als wäre
es gerade eben passiert. Ein Augenblick und fort war sie.
       Ich solle mich beeilen. Man müsse weiter.
       Als ich ganz nah an ihrem Gesicht stand, konnte ich diese
Mischung aus kindlichem Duft und dem Geruch von süßlichem
Moder einatmen. Mir wurde schwindelig.«
       »Das ist krass«, unterbrach der dicke Chemiestudent.
       Dabei bemerkte ich, dass ich die Sache bewusst dramatisiert
hatte, was dem Ganzen aber jene tatsächliche Würde, jenes Grauen
dieser Erfahrung nahm. Fast war ich von mir selbst enttäuscht
deswegen.
       »Es klingt wie eine Story«, sagte ich traurig zu Jane. »Und ich
weiß überhaupt nicht, warum ich jetzt mit diesem toten Mädchen
anfange. Als könnte ich dadurch Helena vergessen und einfach nur
eine traurige Geschichte erzählen, die mein Leben nicht unerträglich
macht.«»Erzähl weiter«, unterstützte Dr. Frank.
       »Sie hatten sich entschieden im Unterbewussten zu leben, 80%
der Zeit«, erinnerte der Journalist als Stimme aus dem Off: »Weil
der Einfluss des Unterbewussten angeblich 80% unserer
Wirklichkeit ausmacht, aber im Alltag keinerlei Relevanz hat. In
diesem Alltag, auf dem auch die Demokratie beruht, die Wirtschaft
und der Markt.«
       Ich hörte seine Worte nicht, schob sie aus meinem
Bewusstsein, redete und redete über das tote Mädchen, dessen
Namen ich nicht kannte, deren Schicksal mir unbekannt war. Nichts
hätte ich an ihrem Tod ändern können.
       »Nach dem fünften Bild bemerkte ich, dass meine Hand
zitterte. Ich kann es nicht beschreiben. Es war eine Art
Zusammenbruch. Ein letztes Mal blickte ich tief in den Tod hinein.
Ich meine, in ihre Augen und es war mir, als wäre es der Tod. Das
klingt jetzt dramatisch. Es hat mich verändert. Ihre glasigen Augen.
Der milchige Schleier der Verwesung.«»Was hast du in ihren Augen
gesehen?«, fragte Dr. Frank neugierig.
Mir war klar, dass die anderen nun betroffen schienen und nicht
merkten, dass es nur Anspannung war. Ich wollte nicht weiter
darüber reden. Es kam mir falsch vor. Das traf es eher.
       Zuerst dachte ich nur, die Werbung lügt. Dann erkannte ich,
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dass überall was nicht stimmte. Dieser Punkt schreiender Stille, an
dem es einem vorkommt, als sehe man zum ersten Mal, dass die
Welt als Film aus dem Projektor kommt. Dass es eine andere Ebene,
ja vielleicht viele andere Ebenen gibt.«
      »Ob sie es mit angesehen haben«, fragte ich Jane leise
flüsternd und meinte damit die Lüge. Meine Worte kamen mir vor
wie ein Hindernislauf, in dem die Schlaglöcher echte Emotionen
wären und die Sprünge Formen von Verdrängung und Spaß.
      »Und dann hast du deine Freunde verloren?«, fragte der dicke
Chemiestudent in die Stille.
      Dr. Frank blickte ernst und nachdenklich. Jane schien mir
verziehen zu haben und nickte, als habe ich es gut gemacht.
      »Seid ihr dabei, Leute?«, rief ich in die Nacht hinaus.
»Wir werden Geld brauchen. Viel Geld«, entrüstete sich Dr. Frank.
»Macht euch deswegen keine Sorgen. Der Onkel von Helena, ihr
wisst schon, die junge Frau, die manchmal da ist, hat reichlich
Kohle. Den kann ich jederzeit anpumpen. Kameras, Licht. Das
bekommen wir hin. Auch können wir eine EU-Förderung
beantragen.
Aber diesmal machen wir es richtig. Wir erzählen, worum es
tatsächlich geht. Im authentischen Augenblick.«

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Ein wenig später öffneten wir den luftdichten Behälter und Jane zog
sich fette Gummihandschuhe an. Sie nahm Walter heraus, während
sie gleichzeitig die Luft anhielt. Nach wenigen Schritten setzte sie
ihn auf dem Feld ab.
»Was hier schon«, sagte der dicke Chemiestudent.
»Ich kann nicht mehr«, stöhnte sie.
      Wir stellten uns im Kreis um Walter auf.
»Walter. Du bist nun zu etwas ganz Besonderem geworden. Du hast
eine individuelle Identität«, sprach ich betroffen.
»Walter, du bist jetzt ein Individuum unter den Wesen dieser
Galaxie und nicht mehr ein Massenprodukt. Eigentlich wollten wir
dich an dieser Stelle essen, um die ganze Essenz deiner besonderen
Existenz in uns aufzunehmen«, führte der dicke Chemiestudent
weiter aus. »Aber dafür sind wir zu schwach. Rein theoretisch aber
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hast du nun eine Seele entwickelt. Leider noch keine Sprache. Wir
wollen dir nun einige Millionen Jahre Zeit geben, die auch uns
gegeben wurden, um zu werden, wer wir heute sind. Um zu
würdigen, dass wir alle mehr sind als die Wiederholung eines
Fertiggerichts in der Nahrungskette des Lebens. Walter, lebe wohl,
und behalte uns in Erinnerung!«»Skoll!«»Prost!«»Chapeau!«Unsere
Augen glänzten.

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X sitzt in einer Kantine. Er hat seit fünf Minuten sein Essen nicht
mehr angerührt. Auf Anfrage seiner Kollegen lehnt er jede Hilfe ab.
Er scheint sich auf etwas zu konzentrieren und greift sich immer
wieder an die Stirn, als habe er Kopfschmerzen.

                                7

Sehr geehrter Herr Speed.

     Hören Sie sofort damit auf, die Marke Red Bull auf diese
Weise zu verunglimpfen! Wir behalten uns rechtliche Schritte vor.

Mit freundlichen Grüßen
Hildegard Meyer
PR Office Fuschl

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## Episode 4: Auf Abwegen ins Ziel

                                 1

      Für einen Moment war ich in Gedanken versunken und hatte
mich an diesen Tag mit Rodenhirsch erinnert. Am Set schüttete ich
Bleistifte auf dem Tisch aus und sah zu, wie sie in unterschiedliche
Richtungen rollten.
»Es ist ein Wald. Vor lauter Wald sieht man die Bäume nicht«, sagte
ich und überlegte, ob Rodenhirsch nicht doch einen schwarzen
Anzug trug.
»Sehr schön, Leute«, sagte einer vom Team und Jane zog das
Rodenhirschkostüm wieder aus.
»Dass Rodenhirsch von einer Frau gespielt wird, ist wirklich
raffiniert, Speed. Eben war er noch Mitglied der reichsten Familien
der Welt, welche unser Denken manipulieren, und nun? Die Leute
können ihn nicht zuordnen. Ist der Bart angeklebt oder nicht? Etwas
stimmt nicht.«
      Eine Assistentin brachte mir einen Teller mit Muffins und
etwas Kakao.
      »Dass Sie hier im Grunde sogar leben, Sie alle in diesem Bus
wohnen, seit Wochen bereits, täuscht aber doch nicht darüber
hinweg, dass es ein Klischee ist, dass Rodenhirsch die Welt
beherrscht. Dies löst sich auch nicht dadurch auf, dass alle hier
immer mehr zu Ihnen werden, dass wir alle wie Sie sprechen, Speed,
und Sie vielleicht selbst Rodenhirsch sind. Am Ende ist auch das
hier nur Theater. Auch wenn Sie es durch Ihren Alltag erweitern, in
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dem Sie hier staubsaugen und schlafen und essen. Niemand kann
seiner Welt entfliehen. Am Ende müssen Sie alle arbeiten gehen,
denn es kann doch niemand außerhalb dieser Welt existieren«,
lamentierte der Journalist mit einem Kaffeebecher in der Hand und
zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass er es nur spielte.
      Das Telefon klingelte. Meine Exfrau war dran:
»Kannst du am Wochenende die Kinder nehmen«, sagte sie leicht
genervt und ich deutete dem Journalisten einen Moment zu warten.
»Kinder?«, fragte ich.
      Ein paar Studenten trugen ein Stück von der Greenbox vorbei
und ich meinte: »Wir brauchen das nachher für die Einstellung mit
den zwei 16jährigen Mädchen.«
Während ich das Telefon noch mit ausgestreckter Hand von mir
richtete, hörte man ihre Stimme sagen: »Es ist doch nichts Illegales?
Du weißt doch, dass man das nicht darf ...«
Ich zog das Handy wieder ans Ohr und hörte noch die Frage: »Wann
nimmst du wieder die Kinder? Dieses Projektdingens kannst du
doch nebenher tun!«»Aber Europa! Der Krieg! Das
Unrecht!«»Deine Kinder vermissen dich!«
      In den Augen des Journalisten konnte ich deutlich sehen, dass
er mich wieder nicht ernst nahm. Vermutlich dachte er, ich würde zu
weit gehen. Nun litten sogar meine Kinder darunter. Ich legte auf
und sagte lächelnd zu ihm, als wolle ich ihn weiter an seine Grenzen
treiben: »Coca Cola ist Faschismus. Facebook ist Faschismus.
Solange Google nicht zugibt, ein Haufen von Faschisten zu sein,
sind sie Faschisten. Unbewusst. Da gibt es kein Entkommen. Der
ach so entwickelte Westen. Die moralische Hoheit. Alles Faschisten.
Verstehen Sie jetzt, warum wir das tun?«, fragte ich und er ließ mich
mit einem verächtlichen Blick stehen.
»Es dauert nicht mehr lange und die da draußen werden uns alle
töten wollen und dann werden Sie schon sehen, dass hier
Faschismus ist«, rief ich ihm hinterher und nahm einen kräftigen
Schluck aus der Dose Red Bull.
      Schnitt.
      »Selbst heute noch bin ich versucht, dem auszuweichen, was
Sie von Rodenhirsch halten sollen. Diesem Widerspruch. Ist er
unser Manager oder ist er nicht unser Manager? Wer regiert
eigentlich die Welt?«, fragte ich und mir war an diesem Punkt alles
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egal.
      Wir saßen in einem italienisch wirkenden Innenhof auf
verschnörkelten Stühlen aus gebogenem Eisen. Daneben ein offenes
Holzfass mit Blumen darin.
Ein älterer Journalist einer Wochenzeitung meinte: »Es ist die
schlechteste TV Serie aller Zeiten entstanden. Die Produktionsfirma
hat sehr viel Geld verloren. Warum dieser Misserfolg?«»Sie
verstehen überhaupt nichts?«»Das stimmt, die meisten Zuseher
verstanden nicht, worum es ging.«»In der synästhetischen
Wissenschaft geben wir diesen Dingen mehr Zeit.«»Ich dachte, Sie
machen hier Fernsehen?«»Warum denn nur Fernsehen, wenn es
auch mehr sein kann?«»Aber ist das nicht äußerst unprofessionell?
Etwas für eine andere Sache zu benutzen, für die es überhaupt nicht
gedacht ist. Außerdem ist das doch bestimmt nicht legal.«
Ich lehnte mich zurück und sah dem Treiben der Assistenten zu, was
ziemlich arrogant rüberkam.
»Sie sagen, dass die Serie politisch ist, obwohl Sie damit Werbung
für Red Bull machen, wie die Kritiker bemängeln«, sagte er wieder.
»Wenn eine Welt völlig unklar ist, kann man darin nicht nur keine
Menschen unterdrücken oder versklaven. Man kann einem auch
nichts verkaufen.«
Zynisch ergänzte ich: »Die ganze schöne Wirtschaft zerfällt und
sicher finden Sie das unproduktiv. Aber ich brauche keine
Wirtschaft, wenn ich darin nicht überleben kann. Das ist irgendwie
disqualifizierend für Ihre schöne, ach so erfolgreiche Wirtschaft.
Meinen Sie nicht?«
Der alte Presseschreiber machte es sich leicht und sagte
abfällig:»Aber das ist doch keine Lösung. Bewusstsein ist so
unkonkret. Am Ende steht man damit nur allein da. Die Menschen
wollen sexy sein.«»Es gibt keine Lösung. Bis auf die Endlösung. Die
gibt es immer. Umso größer die Krise umso größer die Endlösung.«
Er sah mich irritiert und erschrocken an, während ich meinen
inneren Dämonen im Geist der Bewusstwerdung freien Lauf ließ:
»Die einzige Hoffnung ist die Krise in der Krise in der Krise. Nur
muss der Selbsthass aufhören und der Liebe weichen. Verstehen Sie
den Unterschied? Wenn wir erstmal alle erkennen, dass wir
Versager sind, hören wir einander vielleicht zu.“«
      »Das war großartig, Speed. Und mein lieber Herr Mayer. Wie
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Sie als Journalist den Journalisten gespielt haben. Kompliment«,
meinte die Mutter von Dr. Frank, die gelegentlich mit am Set war
oder den Bus sauber machte.
      »Es ist wirklich anders, wenn man sich selbst spielt«, meinte
er. »Also man versteht, dass man sich selbst spielt und wenn man
sich dann selbst spielt, spielt man sich selbst weniger.«
      Was da ist, passt immer, dachte ich. Das Management mochte
es nicht, wenn ich das sagte: »Was da ist, passt immer! Was soll das
heißen? Etwa, dass es passt, wenn ich in der Früh nicht aufstehe
oder wenn ich meine Rechnungen nicht bezahle?«, raunzte mich der
Produktionsleiter an. Wir wurden einfach nicht besser. Es ging nicht
darum besser zu werden.

     Liebe Sandra Bullock,

      Ich habe gelesen, dass Sie gut Deutsch sprechen, weil Sie die
Tochter einer deutschen Opernsängerin sind. Wie Speed verbrachten
Sie ihre ersten Lebensjahre in einem fremden Land. In Nürnberg
gingen Sie auf die Waldorfschule. Stellen Sie sich vor! Heute haben
wir mit dem Bus dort gehalten und Speed hat sich mit Ihrem
früheren Lehrer unterhalten. Das war mir fast unangenehm,
irgendwie.
      Jedenfalls ist es mir noch immer wichtig, dass Sie das, was wir
hier tun, OK finden und vielleicht könnten Sie bei der nächsten
Oskar-Verleihung gegenüber der deutschen Presse kurz erwähnen,
dass Sie unsere Sache schätzen. Wir versuchen die Menschen in
Germany aufzuwecken. Damit sie zu ihren wahren Gefühlen finden
und eine authentische Regung zeigen. Uns helfen, den Kapitalismus
und den Faschismus zu beenden, den es eigentlich nicht gibt, was
aber nicht so wichtig ist. Wenn Sie, Frau Bullock, uns Deutschen
nur vor der Kamera sagen könnten, dass wir OK sind, könnten wir
die Kraft aufbringen, über das Unrecht in der Welt wütend zu
werden. Nicht immer derart effizient und technokratisch zu sein,
sondern liebevoll und auch mal die Selbstkontrolle loszulassen.
Diese Verkrampfung, die uns für das Grauen in der Welt blind
macht, weil wir immer nur das tun wollen, was auf eine spießige Art
richtig ist.

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Mit lieben Grüßen,
der dicke Chemiestudent.

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Ich habe lange mit dem Dicken darüber diskutiert, weshalb er mir
das nicht ins Gesicht sagen konnte. Es war mir unangenehm, dass er
diese Intimität mit der Bullock hatte. Ich meine, wir fuhren die
ganze Zeit gemeinsam in diesem Bus, schwitzten und schliefen in
denselben Räumen, aßen von den selben Tellern.
Spielte man den ganzen Tag verschiedene Rollen, kam es einem am
Abend vor, als wüsste man nicht mehr, wie wir zueinander standen.
Da wurde mir klar, dass es um Beziehung ging. Alles ging um
Beziehung. Die Beziehung zu Red Bull und deren Beziehung zu
uns. Helena, Jane und Dr. Frank. Ich sehnte mich nach Sicherheit
und verspürte diese Angst, dass wir auseinanderbrechen und die
Reise nicht durchhalten würden. Professionalität bedeutete uns
nichts und Kohle gab es auch nicht. Warum nur kamen wir nicht
voneinander los?
      »Wenn Sie bei uns anfangen wollen, müssen wir uns davon
überzeugen, dass Sie tatsächlich Sie sind, sprich zumindest Sie
selbst werden wollen, breiter, unberechenbarer«, sagte ich zu der
Kleinen: »Haben Sie den Elektroschocker, Dr. Frank?«
Wir führten die neue Praktikantin in einen dunklen Wald nicht weit
von der Autobahn und banden sie an einen Baum fest. Da gab es
Menschen, denen wir sagten, dass wir eine Serie drehen und die
wollten gleich mitmachen. Natürlich waren sie sich ihrer eigenen
Motive nicht klar. Wir ja auch nicht. Es ist uns passiert. Nicht dass
wir unsensibel waren.
»Elektroschocker. Das klingt so militärisch, so nach Polizeistaat«,
meinte Christine, mit der ich bis zu diesem Moment noch nie ein
Gespräch geführt hatte: »Das gefällt mir nicht und warum kommt
das jetzt plötzlich in der Serie? Das hat doch mit uns nun wirklich
nichts zu tun.«
Das machte vermutlich der Wald, der nicht aussah wie ein deutscher
Wald, sondern wie ein Dschungel. Fast war es ein Sumpf.
»Aber ich bin doch ich«, meinte die Praktikantin verunsichert. Dr.
Frank berührte sie mit dem Schocker an der Schulter. Wir alle
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zuckten zusammen.
»Aua. Das hat wehgetan«, schrie sie und doch erschien es
überraschend unspektakulär.
»Was sind Ihre Lebensziele?«, fragte ich energisch.
Sie überlegte einen Moment.
»Ich möchte gerne Geschichte studieren ... Ahhhh ...«
Wir blickten böse. Finster.
»Blödsinn! Was wollen Sie wirklich?«, fragte ich nochmal.
»Das kommt jetzt etwas zu viel wie Jack Bauer in der Serie 24,
Speed«, unterbrach Jane, während sie sich Mücken von der Schulter
wedelte, mir eine Flasche Club Mate und ein Überraschungsei
reichte.
»Ich finde die Griechen spannend, weil die einfach ihr Ding
durchgezogen haben. Bitte nicht schlagen«, fuhr die Praktikantin
fort.
»Ja, ja die Griechen also. Meine Freundin, die Helena, ist eine
Griechin«, sagte ich und ging skeptisch um sie rum: »Die Griechen
kriechen. Nur wohin kriechen die Griechen?«»Die Griechen sind ein
stolzes Volk«, warf sie hastig ein.
»Niemand braucht heute noch einen Griechen. Das ist nicht richtig,
dass sie sich opfern sollen, wegen dem Euro.«
Es war klar, dass uns das nicht genügte.
»Dr. Frank, vielleicht sollten Sie das Verhör wegen des Einwandes
von Jane zu Ende führen.«
Ich war verunsichert. Warum sprach sie jetzt von den Griechen?
Steckte Rodenhirsch dahinter?
Der schwule Psychiater, der wie Steven Seagal aussehen konnte,
aber nicht tat und ziemlich groß war, sprach mit dieser homoerotisch
näselnden Stimme: »Sag mir sofort, warum du Geschichte studieren
willst, Mädchen!«»Ich habe mal einen Mann gesehen, in einer
Rüstung, der eine Frau beschützte«, antwortete sie und versuchte die
Sache ernst zu nehmen, aber sie war einfach eine beschissene
Schauspielerin. Es klang, als würde sie es aus einem Roman
vorlesen.
Natürlich war das übertrieben, aber irgendwie musste man ja die
Kontrolle loslassen und eine Beziehung mit der Welt werden, statt
davon getrennt in einer Rolle ohne jeden Schmerzpunkt zu
vegetieren. Beziehung ging doch so, dachte ich. Dass man einander
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ganz nah war, sich wehtat und da gemeinsam durchging.
Schnitt.
      Jemand hatte vergessen die Kamera einzuschalten, weshalb ich
total auszuckte. Wir alle fühlten uns betrogen.
»Was hat sie denn zuletzt gesagt«, fragte Christine den
Kameramann nervös.
»Dass es darum geht, etwas zu beschützen.«
      Deswegen waren die meisten nun ziemlich enttäuscht. Weil es
uns nicht gelungen war, etwas Wesentliches festzuhalten.
Vermutlich war es Christine vom ORF unangenehm, die Sache
mitzuschneiden. Die kleine Blondine arbeitete seit sieben Jahren
beim Staatsfernsehen und da wusste man genau, was ging und was
nicht. Es gab Dinge, die man einfach nicht tun durfte, worüber aber
niemand laut sprach. Das mit dem Foltern, worüber aber nie jemand
sprach, was uns egal war, weil es uns sonst zu nah gegangen wäre.
Manchmal dachte ich, dass im Fernsehen nur deshalb soviel Leid
gezeigt wird, damit wir lernen abzustumpfen.
      Christine lief aufgeregt im Wald auf und ab, während wir
anderen darüber stritten, ob etwas, was man tatsächlich wiederholen
müsse, dann noch echt sei, weil man es ja nachspiele. Wobei Dr.
Frank einwarf, dass es dann möglicherweise auf eine andere Art
»echt« wäre, weil das »Echte« von vorhin, zeitversetzt nur wenig
authentisch rüberkommen konnte. Alles andere würde ja
voraussetzen, dass die Welt sich nicht weiterentwickelt, sondern
stagniert.
»In jedem Fall geht es um eine Jungfrau, die geopfert werden soll«,
kommentierte die Hornbrille.
»Helena?«, fragte der dicke Chemiestudent.
»Nein, doch nicht Helena«, wiegelte ich ab: »Die Praktikantin. Es
geht um die Praktikantin. Ich finde, dass sie einen griechischen
Akzent haben sollte. Warum arbeite ich nicht mit Profis?«»Das ist
alles verboten«, unterbrach Christine verängstigt. »Wir kommen in
Teufels Küche, wenn wir unseren Emotionen freien Lauf lassen.
Jemand muss die Kontrolle übernehmen und uns sagen, was wir
machen sollen. Ich kann das sonst nicht. Das ist alles total
verboten.«
      Etwas später nahm der Journalist mich zur Seite und wollte
mich dazu bringen, über Helena zu reden.
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      »Es ist noch zu früh. Sie können es noch nicht verstehen. Ich
kann nur sagen, dass sie geopfert werden soll und dass ich es nur
verhindern kann, in dem ich die Leute daran gewöhne, dass das
Grauen wieder in der Welt ist und sie beginnen, authentisches
Mitgefühl zu entwickeln. Heute aber können sie sich noch nicht
vorstellen, dass eine junge Frau von ihrer eigenen Familie ermordet
wird. Geopfert in einem Ritual, weil es Tradition ist und die Eliten
das dauernd tun.
      Wenn du die richtige Krawatte trägst, das richtige Auto fährst,
in der richtigen Siedlung lebst und nichts Befremdendes mehr
mitbekommst, verlieren die Sinne ihre Aufgabe, werden schwach
und abgestumpft. Am Ende können sie alles mit uns machen.«»Sie
lieben Helena! Sollten Sie es ihr nicht sagen? Weiß sie denn, dass
ihr Schicksal Sie derart quält?«»Sie redet nicht darüber. Sie hat es
akzeptiert. Weil sie dafür geliebt und anerkannt wird. Sie hält es für
Liebe.«
      Wir alle zuckten innerlich zusammen als plötzlich ein
Geschwader von Militärhubschraubern über dem Wald hinweg flog.
»Es gibt wieder Kämpfe. Nicht weit von hier«, meinte einer der
Assistenten.
»Ich finde das irritierend. Abstoßend«, meinte Christine und hatte
die Hubschrauber verdrängt, sorgte sich vielmehr um ihre Karriere
beim ORF:»Außerdem dürfen Sie das doch überhaupt nicht und
warum jetzt in der Serie? Sie sind doch Kreativer, dachte ich. Man
kann doch nicht zuerst nett sein und dann plötzlich jemanden
foltern. Das macht die Zuseher irre. Sie zerstören den
Sympathieträger. Wer sind Sie wirklich?«
      Ein weiterer Hubschrauber überflog den Wald, gefolgt von
Explosionen.
»Sind die von uns?«, fragte einer der Techniker verwirrt.
      Im Hintergrund eine Explosion.
»Was ist?«, brüllte ich den Assistenten an, der ganz bleich war und
abhauen wollte .Ich reichte Christine den Elektroschocker.
»Hier, probier doch mal!«
Sie zögerte.
»Tu das bloß nicht«, warnte der Kameramann.
      Sie setzte an, drückte ab und knallte rückwärts auf den Boden.
Dort zuckte sie einen Moment. Es sah ziemlich albern aus wie sie
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zuckte. Wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken lag.
Es hatte auch einen erotischen Moment.
»Fuck«, stöhnte sie. »Ihr seid alle wahnsinnig! Ist das geil! Gleich
nochmal!«
      Als der dicke Chemiestudent hinknallte, mussten wir alle
lachen. Dr. Frank drehte die Voltzahl hoch, weil er sich nicht sicher
war, ob das wegen des Fettes stark genug war.
Jane sah mich wieder mit Verachtung an. Sie glaubte nicht, dass wir
auf diesem Weg unsere wahren Gefühle entdecken würden. Durch
Folter und noch mehr Leid. Durch die dekadente Inszenierung des
Grauens, während draußen der echte Krieg tobte.
Dann schien der dicke Chemiestudent sich nicht mehr zu bewegen.
Dr. Frank begann ihn zu beatmen. Plötzlich war er wieder da und
wir alle lachten.
»Ist doch nichts passiert«, sagte ich schmunzelnd und jeder von uns
fühlte diese Lust zu töten. Irgendwie war es geil, weil die Grenzen
sich auflösten. Der moralische Impetus, der einen lähmen konnte.
Immer das Richtige tun zu wollen, lässt neue Erfahrungen nicht zu,
die das Bewusstsein erweitern.
      »Wir sind auch Monster. Endlich können wir es aussprechen«,
sagte ich und deutete in den Himmel, der nun ganz ruhig war.
      Später im Bus lehnte sich der junge Journalist entspannt
zurück und provozierte: »Wollen Sie hier einen neuen Europäer,
einen neuen Menschen vorleben, der die Katastrophe des
Faschismus am Sonntagnachmittag auslebt? Bis es einem
vorkommt, als wäre das Funktionieren eine Qual, die es nicht Wert
ist. Weil das, wovor wir Angst haben, dass das Böse übernimmt und
die Anarchie, spielt man es, wählt man es bewusst, nur ein Spiel mit
der Existenz ist, welches man unendlich widerholen kann, bis es
einem keine Angst mehr macht? Vielleicht übersehen Sie dabei,
dass wir abstumpfen könnten?«
Das machte mich betroffen. Vielleicht hatte er Recht. Musste ich
ewig Unsicherheit und Zweifel leben, um menschlich zu bleiben? Er
sagte dazu nur: »Noch immer verstehe ich nicht, warum Sie keine
Lösung anbieten. Wann töten Sie endlich den Stier?«»Jetzt spielen
Sie aber mit mir«, sagte ich: »Sie wissen, dass es wegen Helena
passiert.«»Ich kann nicht erklären, weshalb«, fing er wieder an. »Es
macht logisch überhaupt keinen Sinn, weil Sie ja nichts Konkretes
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tun. Aber irgendwie kommt es einem vor, als erhebe sich das Leben
aus dem Morast, als gewinne es an Breite und Kraft. Sie gehen nicht
arbeiten. Sie leisten nichts. Alles, was Sie tun, ist sich einer
Herausforderung zu stellen, die Sie selbst erschaffen haben, ohne zu
wissen, was Sie da tun.
      Kein Unternehmen wird auf diese Weise geführt, kein Land
gelenkt. Und dann nennen Sie es eine Wirtschaftssendung. Haben
Sie denn überhaupt keine Scham? Keine Angst vor Generationen
von Akademikern, die Ihnen vorwerfen werden, dass Sie das Wissen
schlicht erfinden, in jeder Sekunde neu.
      Wofür forschen wir denn, wenn das Wissen in der Situation
selbst steckt, in den Verstrickungen des Augenblicks, als wäre die
Welt ein Gehirn? Das Schicksal ein Statement? Das Subjektive eine
Sprache voller Weisheit und zugleich unser natürlicher
Lebensraum.«
      Eine Weile trugen wir alle schwarze Overalls. Zunehmend
näherten wir uns einander an. Sprachlich, optisch und im Denken.
Das vermittelte ein Gefühl der Geborgenheit.

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In dem Büro steht jetzt ein Mann vor dem Schreibtisch und scheint
wieder auf X, den wir nicht direkt sehen können, wütend zu sein. Er
legt ihm einen Ordner auf den Tisch. Als der Mann fort ist, wählt X
eine Nummer und starrt auf die Tasten. Starkes Atmen ist zu hören.
Undeutliche Worte: »A ant i da ic verückt werde.«

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X beobachtet, wie die Kollegen im Büro alle zum Fenster laufen und
hinunter sehen. Er bleibt abwartend sitzen.
      Ein Megafon ist zu hören. Die anderen rennen zur Treppe.
Jetzt sitzt er allein da. Er steht auf, streckt sich. Auf der Toilette
pinkelt er mehrere Sekunden lang in Kreisbewegungen. Er wäscht
sich die Hände und schüttelt sie trocken als er feststellt, dass zum
Abtrocknen kein Papier mehr da ist. Er stöhnt auf. Noch immer ist
niemand zurückgekehrt.
      Am Schreibtisch angekommen, holt er eine Zeitung aus der
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Schublade. Auf der Titelseite steht: »Obama hat der CIA erlaubt den
ganzen Planeten zu überwachen.«
Er blättert sofort um. Ein Artikel über das Abschalten des
Staatsfernsehens in Griechenland.
Den Kopf schüttelnd blättert er weiter bis zum Sportteil. Mit Blick
auf die Ergebnisse wirft er die Zeitung in den Papierkorb, legt beide
Hände parallel auf den Tisch vor sich und starrt in Richtung
Fenster. Eine Fliege irritiert ihn.
       Am Tisch nebenan steht ein Teller mit Keksen. Er nimmt einen
mit Schokolade und kaut langsam. Dabei blickt er wieder zum
Fenster. Sein Atem wird ruhiger, dann plötzlich ist er erneut
irritiert. Seine Augen rollen nach oben, als blickte er in sein Gehirn
hinein. Einige Minuten vergehen, während er äußerlich zitternd in
seinen Schädel starrt. Mit einem Stift schreibt er mit
Großbuchstaben das Wort »VERDÄCHTIG« auf ein Blatt Papier.
Dann die Worte: »VERSCHWIEGEN, JOB und SITUATION.«
       Später fragt ihn ein Kollege an der Kaffeemaschine: »Hat du
di Serie irren des Weltdesigners esehen? Das vorhin, war wie i de
erie! Voll krass!«
Er erschrickt, lässt es sich aber nicht anmerken.
»Wa ältst du davon«, wird er gefragt.
X blickt stumpf: »Kenn ich nicht.«
Der andere schaut auf den Boden und wippt nervös mit den Füssen.
»I geh dann mal ieder.«
Nach einer Minute kommt er zurück.
»Die Abteilung i weg«, sagt er überrascht.
Beide verschwinden.
       Am Nachmittag stehen fünfzig Personen wie aufgestellt in der
vierten Etage. Sie bewegen sich nicht und jeder verhält sich zum
anderen in einer mathematischen Beziehung, einer Art
musikalischer Ordnung. Diese drückt sich in Abständen und
Gesichtsausdrücken aus. Es sind Entsprechungen von realen
Spannungen, Erwartungen und Missverständnissen, die sie im
Alltag bewegen.
       Niemand kann sagen, warum es passiert. Später wird keiner
sich daran erinnern, als wäre es nur im Bruchteil einer Sekunde
passiert. Es bleibt nur ein unbewusster Verdacht, dass sich durch uns
hindurch eine andere Ordnung abzeichnet.
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Helena und ich redeten nicht sehr viel miteinander. Wir brauchten
das nicht. Wir umarmten uns dafür öfter. Es lässt sich nonverbal
vermitteln, dass man jemanden liebt. Wir stritten auch nie. Jane
meinte manchmal, wir wären konfliktscheu. Auf ihre Familie
angesprochen, wich sie aus. Es schien ihr nichts zu bedeuten, wie
sehr es mich auch beschäftigte. Ich mache daraus eine zu große
Sache und müsse deswegen keine neue Tyrannei in der Welt
einführen.
»Doch«, erwiderte ich. Weil es sonst nicht real ist. Nicht auf
Augenhöhe. Ich täte es aus Liebe.
      Als ich sie in den Arm nahm, meinte sie emotionslos, dass es
schon OK sei, dass sie geopfert werde. Es sei ihre Aufgabe. Sie warf
mir vor, ich wolle sie nur ändern, da meine Gefühle für sie nicht
echt seien. Ich etwas in ihr sähe und mich darin verknallt hätte. In
eine fixe Vorstellung. Es wär Zeit etwas zu unternehmen, etwas
Konkretes, dachte ich jetzt. Die Faust zu ballen. Aggression. Macht.
Klarheit. Ignoranz.
      »Sagen Sie es doch, dass es um Helena geht und nicht um die
Welt. Darum ist es doch klar, dass Red Bull damit nichts zu tun
haben will. Es ist doch Ihre Privatsache. Mit welchem Recht wollen
Sie ein Unternehmen vernichten, welches hunderten Menschen
einen Arbeitsplatz gibt? Weil Sie Ihrer Freundin nicht sagen können,
dass Sie sie lieben und Angst um sie haben«, unterbrach mich der
Journalist auf dem Rastplatz in den Tiroler Bergen. Im Hintergrund
zogen dunkle Wolken auf.
      »Unternehmen wollen immer nur den schnellen Fick. Die
einfache Lösung. Sie wollen dich nur als Funktion, als Rolle in der
du ihnen dienst. Und weil sie glauben, dass sie alles leisten, was uns
am Leben erhält, nehmen sie sich das Recht heraus, keine weiteren
Beziehungen, keine anderen Zusammenhänge zuzulassen.
Die Hure aber ist in mir erwacht und hat einen komplizierten
Menschen geboren und ich nehme mir das Recht als komplexes
Lebewesen, radikale Beziehungsfähigkeit zu leben. Auch wenn ich
es nicht kann, nie gelernt habe, nicht weiß, wie das geht.
      Red Bull und ich haben eine Beziehung, und Helena und ich
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haben eine Beziehung. Warum darf ein Unternehmen sich der
Verantwortung für diese Beziehung verweigern und mich wie Dreck
behandeln, während mir jeder zu Recht vorwerfen würde, ich sei ein
Monster, behandelte ich Helena auf diese Weise und sagte, dass das,
was sie empfindet, sei es nun Leid, Schmerz oder Glück, nicht
relevant sei. Es hat mit mir zu tun und mit ihnen.«»Aber Red Bull
ist mit Ihnen nie diese Beziehung eingegangen. Sie haben sich
denen aufgedrängt.«»Nein, denn wo ich auch hingehe, ist Red Bull.
In jedem Supermarkt, im Fernsehen, überall auf der Welt. Wir leben
zusammen und wenn ich die radikale Beziehungsfähigkeit nicht
lebe, gehe ich vor die Hunde, als lebte ich mit einem Psychopathen,
einem Choleriker und Narzissten zusammen, der mich ficken will,
aber sich jeder Verantwortung für das, was es mir mit macht,
entzieht.
Sie haben nicht das Recht einseitig festzulegen, wie unsere
Beziehung aussieht. Dies kann nur in einem offenen Prozess auf
Augenhöhe passieren«, sagte ich fordernd, verzweifelt, wütend und
legte fast schreiend nach: »Wenn ich mich entschließe, keine
Beziehung mehr mit Red Bull haben zu wollen, dann penetrieren sie
mich weiter und weiter und weiter. Sie ziehen sich nicht aus der
Welt derer zurück, die nichts mehr mit ihnen zu tun haben
wollen.«»Warum kümmern Sie sich nicht einfach um Helena? Um
die Menschen, die Sie wirklich lieben?«»Weil wir uns die
Beziehungen nicht aussuchen können. Sie sind einfach da. Wo die
Liebe hinfällt. Ich liebe die Helena, die auch ich bin. Wenn ich
achtsam werde, dann gegenüber allem und jedem. Lasse ich zu, dass
Red Bull sich verweigert, verhandle ich das Leid von Helena nur auf
der Ebene des Privaten. Heute aber ist nichts mehr nur privat. Die
Zeit der Spaltung ist vorbei.«»Sie sind Helena?«, fragte er irritiert.
»An einem Donnerstag bin ich Helena. An einem Mittwoch Dr.
Frank. Am Wochenende sind alle Speed. Was für ein
Entwicklungspotenzial, nicht wahr? Manchmal denke ich, dass wir
nur in der Beziehung wirklich existieren. Voneinander getrennt sind
wir nicht wahr.«

»Sie springen zwischen den Themen. Ich kann Ihnen nicht
folgen.«»Ich lebe. Es tut mir weh, wenn Sie mich ablehnen, weil ich
Ihrer Vorstellung nicht entspreche. Aber soll ich deswegen werden
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wie Sie mich sehen wollen? Wäre das nicht ein Verlust für die
Welt?«»Aber Sie sagten doch gerade, dass Sie werden wollen wie
ich.«»In Momenten. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie sind. Ich verleihe
Ihnen keinen Berufstitel, keinen Ausbildungsgrad, keine
Nationalität. Es gibt Sie als Jane und als Dr. Frank und den dicken
Chemiestudenten. Das mag Ihren Verstand verwirren. Ich habe
keinen Begriff für das, was wir tun und keine feste Theorie. Seit
Tagen habe ich das Gefühl, dass wir fallen.
      Sie wollen mir einen Job anbieten. Sie wollen mich ficken. Es
interessiert Sie nicht, wer wir jetzt wirklich sind. In dieser
Situation.«»Sie nennen es Wirtschaft. Sie nennen es Gesellschaft.
Das verstehe ich nicht. Dabei wollen Sie doch nur Helena
retten.«»Wir täten ihr Unrecht, sprächen wir als »nur Helena« von
ihr.«
      In der Nacht träumte ich, dass Red Bull in Form eines Stieres
zu mir kam. Helena begleitete das Tier. Für einen Moment war er
die Kraft, die uns fehlte, um zu uns zu stehen. Ein Mann in einem
dunklen Anzug kam und wollte uns den Stier ständig wegnehmen.
Er sagte, es sei sein Unternehmen.
»Aber es ist ein Stier. Die Kraft, von der Helena und ich leben. Sie
dürfen uns das Tier nicht nehmen«, flehte ich und überall um den
Stier loderten rote Flammen.
»Welches Tier meinen Sie? Geben Sie mir sofort meine Firma
zurück«, brüllte er und sogleich kamen weitere starke Männer in
dunklen Anzügen.
»Sehen Sie denn nicht, was Sie unserer Liebe nehmen«, rief ich und
hielt den Stier am Schwanz fest.
»Welche Liebe? Sie reden mit einem Felsen und haben mein
Unternehmen gestohlen.«
Entsetzt blickte ich mich um und wo Helena stand, war nur noch ein
Stein.
»Bitte sehen Sie noch Mal hin. Fühlen sie Ihre weiche Haut«, sagte
ich zu ihm und hielt seine Hand an den Stein. Die Form einer
weiblichen Hand bildete sich und er bekam es mit der Angst.
»Was haben Sie mit meinem Unternehmen gemacht«, fragte er
aggressiv und schubste mich zur Seite.
»Wir waren früher Freunde«, sagte ich und verstand nicht, was ich
getan hatte. Am Morgen schenkte ich Jane eine Rose und fühlte
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mich erleichtert.

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               Episode 5: Ein Red Bull für alle Fälle.

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»Nicht gleich am Anfang alles verraten, Speed«, schrie Jane von der
hinteren Reihe. Man muss doch Dramaturgie aufbauen!«
Stille. Alle spürten, dass ich kurz vor dem Explodieren war.
»Das ist es doch! Scheißdreck«, brüllte ich. Rumbrüllen war total
unprofessionell.
»Eine konstante Lebendigkeit aufrecht zu halten, ist die eigentliche
Kunst. Der Höhepunkt ist immer jetzt!«
Die anderen wandten sich ab, als hätten sie es nicht gesehen.
Ein Moment der Betroffenheit.
       »War das gut so, ich meine, in Ordnung?«, fragte ich
Christine höfflich und nett. Sie lächelte, war sich aber nicht sicher,
ob sie sich sicher fühlen konnte.
»Ich hab mir das folgendermaßen gedacht. Vielleicht können wir
das nochmal proben – Ich ging also hinein und sagte: »Moment!
Vielleicht muss ich vorher erklären, dass wir ein politisches Ziel
hatten und es nur in allerletzter Konsequenz tun wollten. Sonst denkt
man glatt, wir hätten es wirklich tun wollen. Wir müssen die
Zuschauer ja dort abholen, wo sie sind. Und der Stress. Nicht, dass
die den Stress nicht vertragen.«
       Einfach mal die eigene Haltung um 180 Grad drehen und sich
selbst widersprechen. Vielleicht würden sie dadurch aufmerksam.
Vielleicht meinten wir es ja doch ernst? Helena oder Red Bull. Wie
würde Rodenhirsch reagieren? Konnten wir ihn damit erpressen?
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Wäre es Erpressung, dass wir unsere Verbundenheit mit ihm
plötzlich zum Ausdruck bringen?
»Es könnte jemand vor Aufregung ein Blackout bekommen«,
ergänzte der dicke Chemiestudent besorgt. So viele Details, die zu
beachten waren.
      »Können wir das bitte nochmal drehen«, sagte die Christine zu
ihrem Kameramann Rocko. Er nickte und Jane brüllte:
»Das ist es, was ich meine, Speed! Du klingst nicht entschlossen
genug. Das denken Sie doch auch, Christine, wa? Nur
Entschlossenheit bringt Ergebnisse! Als wäre es nur gespielt. Eine
Lüge.«»Eine Lüge«, entgegnete ich. »Was denn für eine Lüge? Was
soll das bedeuten, es wäre nur gespielt? Es geht um ein
Menschenleben.«
      Ich setzte nochmal mit etwas mehr Tiefe in der Stimme nach,
wie ich es im Kameratraining gelernt hatte. Rocko wanderte mit der
Kamera zwischen uns umher, wie auf einem verdammten
Musikvideo für Gangsterrapper:
»Wir hatten die Schnauze voll von der Dienstleistung. Bestimmt
glauben Sie, dass wir eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern
sind, weil wir denken, dass etwas mit der Welt nicht stimmt.
Jedenfalls kann man in einem Unternehmen nichts verändern, wenn
man darauf wartet, dass sie einem dafür den Auftrag
erteilen.«»Niemand will die Verantwortung für etwas übernehmen,
was man nicht im Vorhinein bereits festmachen kann«, ergänzte Dr.
Frank.
»Genau, verdammt. Niemand hat den Arsch in der Hose, zu tun, was
getan werden muss. Also bin ich vor einem Monat mit Jane in die
Weltzentrale von Red Bull gefahren und habe gesagt: Mein Name ist
Timothy Speed. Ich heiße wirklich so. Also in Echt jetzt! Ich werde
die Weltpresse einladen und dann, dort draußen, in ihrem japanisch
gestalteten Vorgarten – Also ich werde dort! Das meine ich mit
vollem Ernst! Ich werde einen Stier töten.«
      Wieder sahen mich alle erwartungsvoll an.
»Weil doch alle wissen, dass Red Bull die Menschen wach macht,
also wachhalten und Flügel verleihen soll. Wegen der
Wirtschaftskrise. Das ist doch logisch. Der Stier ist das Symbol der
Börse, das goldene Kalb, der Moloch. Es ist komplex. Es bedeutet
Wachstum. Inneres jedenfalls.«
                                 111

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      Scheiße, dachte ich. Das klang jetzt wieder zu intellektuell,
oder? Wie gedacht, aber nicht gelebt.
      »Du hast das natürlich viel zu nett gesagt und die ganze Zeit
gelächelt. Weil du selbst Angst vor den Konsequenzen hast, wenn du
diese andere Welt in dir auslebst, diese Beziehung und es mal ernst
nimmst, nicht immerzu lächerlich machst. Du hättest das ganz
arrogant sagen müssen«, stöhnte Jane und war aufgebracht. Die
Frau wusste ja immer sofort, wie man was tun musste. Verkackte
Stylistin eben.
»Red Bull, Speed! Du hättest da wie bei einem Banküberfall
reingehen sollen und richtig Stress machen.«»Hab ich doch! – Aus
der Blutlache werde ich Ihr Unternehmen komplett neu erschaffen
und dies wird die Wirtschaft, die Welt, das Leben am Anfang des 21.
Jahrhunderts komplett verändern. Wir werden neue Menschen, die
ich jetzt noch nicht beschreiben kann, was auch nicht wichtig ist,
aber dann schon wichtig sein wird. In jedem Fall ist es was
Persönliches. Nur wenn es persönlich ist, ganz nah und direkt, kann
es auch eine humane Wirtschaft werden.«
Ich hielt wieder inne.
      Für einen Moment, als ich schweigend da stand, hab ich es
gespürt. Diese Power. Hätte ich nicht nur das Schweizer
Taschenmesser dabei gehabt und hätte Jane nicht derart mit der
Ausleuchtung rumgenervt, hätte ich den Bullen vom
Fleckviehverband schon bei der ersten Fahrt umgelegt.
      Spät am Abend notierte der Journalist: »Sie zwingen den Red
Bull Konzern ein unbewusstes Symbol zu werden. Ein Verdacht.
Ein Symbol für die Ahnung, dass wir in einem neuen Faschismus
leben, einer Form kollektivistischer Gleichgültigkeit. In diesem
unbewussten Symbol wachsen die Assoziationen und
Verflechtungen und die Welt wächst durch Red Bull hindurch,
wütend, tobend, wie ein Vulkan, während der Konzern sich darin
verstrickt und auflöst. Er löst sich in der radikalen Beziehung auf
und ist nicht mehr in der Lage, wie eine Maschine zu funktionieren.
Tod durch Liebe, durch das bewusste Leben der kleinsten
Auswirkungen, Zusammenhänge und Missverständnisse, bis die
Folgen unkontrollierbar ausufern. In Beziehungsarbeit an allem und
jedem, in jeder Sekunde neu und unendlich komplex. Tausende
Wurzeln und Verknüpfungen verstricken Red Bull immer tiefer mit
                                112

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dem unperfekten Menschen, der daran wachsen will, statt
vereinfacht und als Lebensform reduziert zu werden.
Ist Red Bull erst durch Liebe in gigantische Ineffizienz gefallen,
werden andere Konzerne folgen. Sie können sich nicht mehr halten,
wenn ein jeder in ihnen etwas anderes sieht, etwas, was in direktem,
authentischem Bezug zum eigenen Leben steht«.
      In der Nacht rissen wir ihn von seiner Liege hinterm Bus und
zerrten ihn übers Feld. Ich brüllte ihn an, während er vor uns auf
dem Boden lag und noch immer nicht wach war: »Sie haben jetzt
verstanden, dass wir nicht ein Haufen von Irren sind, von
Verweigerern, von Dilettanten. Sie sehen die Architekten in uns, die
Weltdesigner. Aber Sie müssen cool bleiben! Lehnen Sie nicht das
ab, was Sie sind. Ein junger Journalist, der noch wenig erlebt hat
und mitmachen will, der sich hat blenden lassen und möchte, dass es
ganz schnell geht. Machen Sie keine Kampagne daraus! Keine
Lösung! Wir müssen es nur aushalten, dass es wieder ganz anders
kommt als erwartet und Sie zu jeder Zeit neu auf das schauen
müssen, was zwischen uns ist. Bis Sie uns vertrauen. Uns wirklich
vertrauen und uns nicht mehr rechtfertigen müssen.«

                                 2

Am Donnerstag kam zum ersten Mal der Anruf, auf den wir gewartet
hatten.
»So wird es vielleicht sein«, sagte ich und Christine machte die
Kamera an.
»Guten Tag, ich bin Rodenhirsch. Also nicht der Rodenhirsch, aber
jener Rodenhirsch, den Sie sprechen wollen. Weil Sie Red Bull
bedrohten, haben wir von Ihnen gehört und natürlich wissen wir,
was es mit dem Stier auf sich hat.
      Bisher haben wir uns nicht eingemischt, da Sie niemand
verstand. Da Sie nur im schwammigen Nebel nach sich selbst
suchten. In Gemeinschaftsspielen und sonderbaren Ritualen. Nun
aber hören Sie damit nicht auf. Sie gehen keiner geregelten Arbeit
nach und belästigen einen Weltkonzern. Sie vermitteln den Leuten,
Ihre Haltung habe tatsächlich eine Relevanz im Alltag. Sie passen
da nicht rein und darum verhält man sich Ihnen gegenüber
konsequent und das nennen Sie dann Diktatur. Das ist lächerlich!
                                 113

<!-- PDF page 114 -->

Wirtschaft ist doch keine Diktatur. Sie können wählen zwischen den
Produkten. Natürlich nicht unendlich. Nur die Besten der Besten
überleben. Wir werden nicht zulassen, dass Sie den Sozialismus
einführen. Wir brechen alle Beziehungen zu Ihnen ab. Das ist unsere
Macht.«»Wir entziehen uns Ihrer Macht«, sagte ich ganz ruhig:
»Indem wir unseren eigenen Rodenhirsch leben. Großartiger,
intelligenter, vielfältiger als die Eliten es jemals waren und sein
werden.«»Wozu soll das gut sein?«, fragte die Stimme am anderen
Ende ungeduldig.
»Es geht um Sie. Sie müssen sich endlich dazu bekennen. Es sich
eingestehen, Rodenhirsch. Sie sind zu kreativer Schöpfung nicht
fähig, weil sie nicht lieben können. Für alles brauchen Sie eine
Gegenleistung, wie ein Parasit.«»Aber ich bin nicht Rodenhirsch«,
sagte er nun verunsichert und klang plötzlich wie ein Teenager, der
sich übers Telefon mit uns einen Scherz erlaubte.
»Der Rodenhirsch steckt in uns allen.«
Er legte auf.

                                3

X geht aus dem Büro. Er hält eine Getränkedose in die Luft und
versucht im Sonnenlicht die Telefonnummer darauf zu erkennen. In
diesem Moment wird er brutal von einem Fahrradkurier erfasst, der
gerade um die Ecke kommt. Die Dose rollt über den Gehweg. Der
Fuß des Kuriers zertritt sie. Das macht ein metallisches Geräusch.

                                4

Christine blickt in die Kamera. Sie sitzt in einem dunklen Raum und
ist offensichtlich allein. Eine kleine Hübsche. Eher ein
österreichisches Mäuschen, die immer alles richtig machen will,
aber eine engagierte Idealistin ist, was sie innerlich zerreißt:
»Gestern haben Rocko, der Kameramann und ich unseren Job
verloren. Die Redaktion wollte, dass wir liefern. Also den Beitrag
über die Menschen, die in einem Bus nach Fuschl fahren, um dort
auf Red Bull zu treffen, während sie diese Serie produzieren, über
den Versuch echte Menschen zu werden, mit echten Erfahrungen,
einer eigenen und echten Krise, die ihnen die Kraft gibt, ihr Leben
                                114

<!-- PDF page 115 -->

selbst zu bestimmen.
      Ich sagte, dass es länger dauert. Dass die Roadstory anders
werden würde. Dann gab es einen Streit. Sie haben uns
rausgeworfen.
      Die anderen dürfen es nicht erfahren. Sie geben sich so viel
Mühe. Ich denke, dass Speed es weiß, aber er macht einfach weiter.
Für ihn drehen wir jeden Tag die Serie und irgendwie ist das
beeindruckend. Obwohl es auch sinnlos ist. Also nutzlos. Es bringt
ja nichts.
      Wir müssen einfach so tun, als würden wir die Serie
tatsächlich drehen. Wir bemühen uns im Schnitt die Staffel mit
einem roten Faden zu versehen. Diese Menschen werden von der
Welt völlig missverstanden, als Verschwender, die sich nicht dem
Opfer der Arbeit unterordnen. Man darf deswegen nicht schlecht
von ihnen denken. Und überhaupt passiert alles wegen der
synästhetischen Wissenschaft, die ich aber noch immer nicht
begreife.
      Nun, dann kam gestern diese Sache raus. Helena soll geopfert
werden. Der Grund ist nicht klar. Vielleicht, weil sie Griechin ist,
also pleite. Aber es scheint selbstverständlich. Weltpolitik. Es ist für
den Frieden und damit es wirtschaftlich wieder aufwärts geht.
Rocko und ich werden den Menschen die wahre Geschichte
erzählen.
      Man muss mit ihnen, also den Busreisenden, Geduld haben.
Am Anfang ist doch alles stets ein Provisorium. Darum kann sich
heute niemand einen Neuanfang leisten. Man muss ja vorher schon
fertig sein. Sonst wird das nicht bezahlt. Nur das, was fertig ist,
sichert einem das physische Überleben, während es den seelischen
Tod bedeutet. Krieg ist Frieden und Lüge ist Wirtschaft. Jeder hat
Angst davor zu fragen. Speed kennt keine Angst. Das ist unheimlich.
Dieses Projekt wird ihn wirtschaftlich ruinieren.«

                                   115

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            Episode 6: Sich erstmal näher kennenlernen

                                 1

Irgendwann fiel mir auf, dass wir einander kaum kannten. Wir
lebten nebeneinander her. Das mit dem Bus hatte was von Alltag. Es
gab den Vorschlag, wir könnten ein Internetforum einrichten, um
uns nicht aus den Augen zu verlieren.
»Wir haben kein Geld«, rief mal wieder jemand. »Wir müssen
endlich konkret werden.
»Aushalten müssen wir es. Wir sind noch nicht soweit«, sagte ich
      »Wer möchte noch Spiegeleier«, rief einer dazwischen, den
wir Igor nannten, meine große Hoffnung, weil er wie gesagt aus
Rumänien kam und aussah als käme er aus Rumänien. Was auch
immer Rumänien war.
»Für mich ist Rumänien eisige Kälte«, sagte Dr. Frank.
»Nein, nein, Rumänien ist die Macht der Vampire, welche über
Europa einfallen«, ergänzte der dicke Chemiestudent.
»Rumänien, meine Heimat. Schön dort«, unterbrach Igor, ganz
unerwartet und weit entfernt von allem, was auf Hochglanz
darstellbar war. Allein weil er dreizehn Cousinen und Cousins hatte,
welche teilweise miteinander verheiratet waren, aber noch nie Sex
hatten. Außerdem war seine Aussprache derart undeutlich, dass man
ihn hätte synchronisieren müssen. Das ging ja schlecht, weil man
einzelne Figuren in einem TV Format nicht synchronisieren konnte,
ohne dass es neben den nicht synchronisierten Darstellern auffiel.
Man könnte ihn, wenn überhaupt, dann nur in einer anderen Sprache
                                 116

<!-- PDF page 117 -->

synchronisieren, die er logischer Weise selbst nicht sprach.
Beispielsweise klingonisch oder den Dialekt, den man in
verborgenen Tälern in Tirol spricht oder in Texas oder in der
Unterwelt von Hamburg. Seinen wirklichen Namen habe ich
vergessen. Wir nahmen ihn mit, weil er nach Schwierigkeiten roch.
      Was war Igor nur für eine brillante Erscheinung. In seinem
quer gestreiften Matrosenshirt und den abgerissenen Jeans, der
ledernen Haut im Gesicht, warf er gewaltige Klumpen Butter in die
Pfanne.
»Mach den verdammten Benzinkocher aus!«, schrie der Fahrer
schon seit Tagen immer wieder. Igor hatte den Brenner im Gang
zwischen den Stühlen fixiert und bereitete uns jeden Tag Eier mit
trockenem Brot zu.
»Ist nicht gefährlich, wenn man aufpasst. Das schärft die Instinkte«,
rief er ihm zu. »Wer möchte Wodka?«
      Jane öffnete eines der Fenster, während wir anderen seinen
geschickten Fingern folgten, an denen der Dreck bereits unter der
Haut nachwuchs. Gelegentlich schossen die Flammen empor und
der Busfahrer fuhr schockiert in Schlangenlinien.
»Ist scheiß trocken das Brot, Speed. Du musst es runter spülen!«
Jemanden wie Igor fand man nicht in einer Werbeagentur.
»Das ist keine verweichlichte Medientucke. Ich wette, der schlägt
dir noch die Fresse zu Brei, wenn du was über seine Mutter sagst«,
erklärte ich dem jungen Praktikanten neben mir. In dieser gelösten
Stimmung schrieb er dicke Chemiestudent einen neuen Brief.

Liebe Sandra Bullock,

      Wir nennen sie die Rodenhirschs, weil sie uns dadurch
persönlicher erscheinen. Als wären sie unsere Nachbarn. Vielleicht
können Sie dem Präsidenten vorschlagen, dies auch mal mit der
Achse des Bösen zu probieren.
      Heute habe ich endlich verstanden, weshalb Speed eine klare
Benennung der Dinge ablehnt und den Stier vermutlich überhaupt
nicht töten will. Es kommt einem ja vor, als lebten wir in einer
Zwischenwelt. Auf der einen Seite der Krieg und der Wahnsinn in
der Welt, über den niemand spricht. Auf der anderen eine
fantastische Welt subjektiver Empfindungen, die aber kaum jemand
                                 117

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für das echte Abbild der Geschehnisse da draußen hält.
       Jetzt ist mir klar geworden, dass wir durch unsere Reise eine
Sprache entwickeln, um in der ganzen Breite zum Ausdruck bringen
zu können, was passiert. Es ist nämlich kein Krieg. Die Krise ist
nicht das, was in den Nachrichten berichtet wird. Das wäre zu
einfach. Und eben diese Vereinfachung, dieser Zwang zu einer
Ausdrucksform, die wir scheinbar alle verstehen, weil sie uns
vereinheitlicht, nennt Speed »Rodenhirschs Sprache«.
       Was die Menschen noch nicht verstehen ist, dass Rodenhirschs
Sprache eine Lebenswelt geworden ist. Wir leben in der Sprache,
die wir benutzen. Was wir in dieser Sprache nicht benennen können,
existiert nicht. Darum haben wir das Gefühl, dass etwas nicht
stimmt. Weil wir fühlen, dass da mehr ist, aber es lässt sich mit den
klaren, offiziellen Begriffen nicht vermitteln. Wir müssen die Welt
subjektivieren und einander zuhören, einander sein lassen.
       Bitte, wenn Sie im Fernsehen sagen, dass wir OK sind, können
wir uns aus Rodenhirschs Sprache befreien und wir werden
verstehen, dass es nicht darauf ankommt, ob dass was ich oder
jemand sagt, richtig oder falsch ist, sondern das, was ich sage, die
Welt ist, in der ich existiere und diese zu verdrängen bedeutet, das
Universum als lebendigen und denkenden Organismus zu
verkleinern, bis wir einander immer ähnlicher werden und nur noch
in der Welt leben, die sich mit Rodenhirschs Sprache beschreiben
lässt. Rodenhirschs Sprache ist die Realität geworden, in der wir in
immer weniger Freiheit leben.
       Babylon muss mit radikaler Beziehungsverstrickung zu Fall
gebracht werden. Die Standardisierung der Welt, durch moderne
Unterhaltungstechnologie, Markenwelten und globalisierten
Kapitalismus bringt uns sonst alle um.
Liebe Grüsse,
Der Dicke
                                 2

Christine befragt mich in einem Interview. Ich sitze vor einer weißen
Wand, in einem Zimmer in einem Hotel.
»Welche Eigenschaften hat Helena?«

                                 118

<!-- PDF page 119 -->

Diese Frage ist mir unangenehm.
»Werden Sie etwa rot«, fragte sie eindringlich.
»Sie ist hot. Ich meine, sie sieht gut aus.«»Lassen Sie uns über die
Liebe reden! Das ist doch nicht alles. Fällte es Ihnen schwer über
die Liebe zu sprechen? Über Ihre Gefühle für Helena.«»Sie hat
halblanges, blondes Haar. Blaue Augen. Sie ist stets top angezogen.
Sehr vornehm.«
Ich muss albern lachen.
»Warum lachen Sie?«»Wie sieht sie aus? Ich meine, was sagt das
schon?«»Was sagt denn mehr?«»Ihre Seele.«»Wie ist denn ihre
Seele?«»Ich weiß es nicht.«»Woher wissen Sie, dass Helena Sie
liebt?«»Sie hat mir viele SMS geschrieben.«»Worüber?«»Über Ihre
Familie. Was man darf und was nicht. Was die sich für die Welt
überlegt haben. Mit Europa und warum man die Staaten in die
Pleite gezwungen hat, um die Menschen kontrollieren zu
können?«»Lassen Sie uns doch von Helena sprechen und nicht von
der Welt.«»Wie soll ich von Helena sprechen, ohne von der Welt zu
reden? Sie ist die Tochter des reichsten Mannes auf dem Planeten.
Eine Griechin.«»Ist das so?«»Das hat sie mir erzählt.«»Warum leiht
sie sich ständig Geld von Ihnen?«»Weil Ihre Familie sie kurz hält.
Sie will sie bestrafen, weil sie sich mit mir abgibt.«»Lieben Sie sie
wirklich, oder was gibt Sie Ihnen?«
Ich zögere einen Moment.
Aus irgendeinem Grund legt der Kameramann die Kamera nun zur
Seite.
       »Ein Teil von mir kann es schwer ertragen, dass sie reduziert
wurde auf ein Opfer. Das schwingt sicherlich mit. Ich glaube schon,
dass es Liebe ist. Aber wie kann ich das sagen und mir zugleich
sicher sein? Vielleicht bin ich noch nicht ich selbst genug, um diese
Frage beantworten zu können. Ich fühle mich zu ihr hingezogen.
Und es schmerzt, wenn sie nicht da ist.«»Als Sie noch jünger waren.
Hat man ihre Welt gesehen, wahrgenommen?«, fragte sie.»Nein.
Aber es geht nicht um mich.«»Warum geht es nicht um Sie, Speed?
Sind Sie es nicht wert? Ist die Außenwelt wertvoller als Sie es sind?
Reden Sie darum ständig von der Welt, während es im Grunde
darum geht, dass Sie, Speed, nicht gesehen werden, dass Sie es als
existenzielle Bedrohung empfinden, als müssten Sie sterben, als
würden Sie geopfert, damit die Verhältnisse bleiben können wie sie
                                 119

<!-- PDF page 120 -->

sind? Unauthentisch, aber für die meisten Menschen eine
angenehmere Form der Existenz?«»Ja. Sie haben Recht«, sagte ich
und fast lief mir eine Träne über die Wange.
»Ist meine Welt jetzt bedeutungslos? Hat sie keinen Wert?«»Das
weiß ich nicht«, sagte Christine und erschrak innerlich vor sich
selbst, als spreche eine andere Autorität durch sie.

»Sie sagen, man muss doch von was leben«, begann ich zögerlich zu
erzählen: »Du musst arbeiten und dein Leben verdienen! Aber ich
sterbe, solange ich nicht bin, wer ich bin. Für mich klingt es als
sagte Sie, du musst arbeiten um zu sterben.«»Ich sollte damit
aufhören«, unterbrach sie beschämt. »Ich versuche Sie zu einem
Objekt zu machen. Sie zu entzaubern. Vielleicht aber fühlen Sie das
wirklich? Vielleicht ist die Welt magisch, wenn man sie lebt, als
wäre man eine fiktive Heldenfigur? Etwas, das wir vielleicht alle tun
sollten.«»Ich will nicht mehr darüber reden«, sagte ich und
verschwand für mehrere Stunden vom Set.

                                 120

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## Episode 7: Zweifel im Selbstbild

                                 1

»Jane, Du bist jetzt Onkel Rodenhirsch. Du triffst auf Dr. Frank, in
der Hoffnung, dass er vernünftig genug sein wird, die Reisegruppe
aufzuhalten. Und los!«
Rodenhirsch kommt zufällig vorbei und trifft an einer Tankstelle auf
Dr. Frank. Wir anderen beobachteten gespannt die Szene. Ich
deutete dem Assistenten auch noch den dritten Spot einzuschalten.
»Dr. Frank. Rodenhirsch mein Name. Es ist mir eine Ehre Sie
kennen zu lernen.«»Meine Güte, Herr von Rodenhirsch. Wir haben
uns schon gefragt, wann wir Sie kennenlernen dürfen. Warten Sie!
Ich werde die anderen holen!«»Moment, ich möchte zunächst nur
mit Ihnen sprechen.«
Dr. Frank wurde ernst und war bereit zuzuhören.
»Glauben Sie denn, dass ich in der Serie gut getroffen bin? Also
dass diese Jane mich optimal darstellt? Finden Sie nicht vielleicht,
dass die Rolle mehr hergeben könnte?«»Wie meinen Sie
das?«»Wenn Sie vielleicht, mein lieber Dr. Frank. Es wäre doch
verständlicher, wenn Sie beispielsweise mich spielen. Sie müssen
verstehen. Ich bin Geschäftsmann, einer der erfolgreichsten auf dem
Planeten und wenn dann meine Kunden die Serie schauen und ich
werde von einer Frau gespielt, fragen die sich, ob ich schwul bin.
Nicht dass ich was gegen Menschen habe, die schwul sind, aber die
sind dann eindeutig schwul und werden nicht von Frauen
gespielt.«»Sie mögen es nicht, wenn etwas ambivalent ist.«»Also
                                 121

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ambivalent ist schon gut, wenn es klar ist. Aber eben nicht
ambivalent ambivalent. Ich bin zur Perfektion erzogen worden. Das
hier ist ganz neu für mich. Schon auch aufregend, aber eben neu.
Wie würden Sie denn meine Rolle beschreiben?«»Jetzt wo Sie mich
darauf ansprechen. Diese Sache mit Helena verstehe ich nicht ganz.
Warum wollen Sie Helena ermorden? Ist es, weil Ihre Welt zerfällt
und Sie mit aller Macht versuchen die Kontrolle zu behalten? Oder
erzählen Sie nur Ihre eigene Geschichte, wie Sie sich selbst immer
wieder opferten für die Aufgabe. Die Beherrschung des
Planeten.«»Das hat Tradition bei uns. Das kann ich Ihnen nicht
erklären, weil Sie sonst nicht mehr mitmachen wollen.«»Ich finde
das gut, dass Sie ehrlich sind. Aber Sie müssen es mal rauslassen.
Sich befreien von diesem Druck. Dann macht es Ihnen bestimmt
weniger Schwierigkeiten, dass Sie von einer Friseuse gespielt
werden. Im Grunde ist das Frisieren doch Ihr Geschäft, wenn Sie
ehrlich sind. Die Zahlen, die Buchhaltung. Überall wird frisiert. Sie
könnten sich für die tieferen Zusammenhänge öffnen.«
Rodenhirsch hatte nun diesen leicht neurotischen Gesichtsausdruck,
wie einer, der lächelnd versucht eine schwere Schuld zu
verdrängen:
»Das ist sehr interessant, was Sie da sagen, mein lieber Dr. Frank.
Wir, also die Mitglieder meiner Familie, sind anders, wissen Sie. Es
ist kompliziert. Ich kann nicht frei darüber sprechen. Sie gehören
nicht meiner Schicht an. Sie würden das nicht verstehen. Und
außerdem sehen die Österreicher gerade zu.«»Vielleicht verstehe
ich es besser als Sie ahnen.«
Dr. Frank ließ seine Hose runter.
»Schauen Sie doch mal! Ich bin auch nur ein Mensch.«»Was haben
Sie vor, Dr. Frank. Also das ist mir jetzt irgendwie unangenehm«,
wich Rodenhirsch aus. »Das sollten wir nicht im Fernsehen zeigen.«
Die Kamera wackelte.
»Ich finde, wir sollten alle die Hosen runterlassen«, sagte Dr. Frank
fordernd.
Schnitt.

                                 2

Am    späteren    Nachmittag    ist    X   in   der   Praxis   eines
                                 122

<!-- PDF page 123 -->

Psychotherapeuten. Gerade ist er am Eingang an dessen Schild
vorbei gelaufen. Er geht hinein und der Therapeut bittet ihn in
einem Raum Platz zu nehmen. Er setzt sich in den Ohrensessel. Die
Stimmung ist angespannt.
       Der Therapeut ist ein netter, rundlicher Mann mittleren Alters,
der nun einen Notizblock zur Hand nimmt.
»Wa kann i für i tun?«
       X räuspert sich und für einen Moment fühlt er sich ein wenig
befreit.
»Ich bin Sachbearbeiter beim Jobcenter und habe ständig diese
Bilder im Kopf und manchmal sind es Stimmen. Von kreativen
Menschen, die eine neue Wirtschaft, vielleicht eine ganz neue
Gesellschaft entwickeln. Indem sie übersensibel werden und mit
allen, sogar mit Firmen eine bewusste Beziehung haben wollen. So
sensibel, dass sie Probleme entdecken, die überhaupt nicht da sind
und an denen alles zerbricht. Weil der Kapitalismus dann keinen
Sinn mehr macht. Das darf ich in meinem Job aber nicht zulassen.
Die sollen arbeiten, was ich ihnen auch sage, aber doch nicht an
ihren Beziehungen arbeiten.«
       Der Therapeut lächelt: »Kann es sein, dass Sie in Ihrem Job
unglücklich sind? Dass Sie sich nach mehr sehnen? Nach
Selbstverwirklichung beispielsweise? Weil Sie entdeckt haben, dass
Sie ein ignorantes Arschloch sind, wenn Sie nicht an ihrer
Beziehung zur Welt arbeiten?«
X ist irritiert.
»i bitte?«»Ka e ein, da i in ih unückich ind?«
X schüttelt den Kopf, steht auf und sagt entschlossen: »Da bringt hi
a wohl nich.«
Er verlässt den Raum und knallt hinter sich die Türe zu.
       Am Abend geht er in die Stadt. X tanzt in einer Disko zwischen
19jährigen Mädchen.
»Du bi alter ack«, sagt eine.
Er ohrfeigt sie.
       Ein großer Mann schlägt ihm ins Gesicht.
       Draußen zerschlägt er eine Bierflasche auf der Frontscheibe
eines Wagens und rennt weg.

                                  123

<!-- PDF page 124 -->

124

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             Episode 8: Der Beklemmung entfliehen.

                                1

»Wir Deutschen ...«, wollte unser Besuch gerade anfangen, als ich
unterbrach: »Ich fühle mich wie in einem Roman, müssen Sie
wissen. Weil ich mich selbst von Außen beobachten kann und durch
die TV Serie zu einem Werkzeug geworden bin für einen
Zusammenhang. Ich habe Sinn und Bedeutung, lebe nicht nur in den
Tag hinein.«
      In diesem Moment wurde mir klar, dass die Struktur sich
gegen uns zu wehren versuchte. Sie sprach durch die Menschen, die
zu uns kamen, während diese sich dessen nicht bewusst waren,
warum sie uns verachteten.
      Unser Besucher aus Gütersloh reichte mir die Schüssel mit
Brokkoli, während die Kulissenmalerin den Wein nachschenkte.
»Wir Deutschen sind da etwas sachlicher ...«, sagte er arrogant und
belächelte unseren Zustand, weshalb ich in einem Schwall
entgegnete: »Ja, ich habe verstanden, dass Sie keinen offenen
Massenmord mehr begehen, aber damit wollen Sie mir doch nur
verbieten mich zu empören, laut zu brüllen und mein Entsetzen kund
zu tun«, sagte ich.
      Jede Woche kam jemand zu Besuch und wir diskutierten offen
über das Projekt, unsere Kultur und den drohenden Faschismus,
während der junge Journalist sich Notizen machte. Auf diese Weise
war schon mancher Artikel in einer wichtigen Zeitung erschienen,
was eine heikle Sache war. Wir durften um keinen Preis zu rasch
                                125

<!-- PDF page 126 -->

etabliert werden. Wenn erstmal der Fanclub vor einem stand,
konnte man nicht mehr frei arbeiten.
      Ich fühlte da etwas, das roch wie Faschismus, aber das Wort
passte nicht wirklich. Es hatte nur den Vorteil, dass es andere
Menschen derart rasend machte, dass sie die Fassung verloren und
unbewusste Dinge von sich gaben. Nähe. Verbindlichkeit.
      »Ich verbiete Ihnen doch nichts«, warf der Gast ein.
»Nichts, ist eine totalitäre Definition. Sie verbieten mir nichts. Eine
Lüge. Einen Massenmord würden Sie mir doch verbieten. Darüber
zu reden, würden Sie mir doch verbieten. Es ist doch eine Brutalität,
mit der Sie mir nichts verbieten. Als müsse ich um Ihre Erlaubnis
bitten.«»Die Dinge sind doch viel einfacher. Seien Sie doch froh,
dass Sie im Westen leben und von unserem Sozialstaat profitieren
können!«»Sie unterdrücken mich pausenlos, weil Sie es nicht
aussprechen, dass ich die Klappe halten soll. Sie sagen nur, dass Sie
nichts verbieten. Dass wir in einer Demokratie leben in der jeder
sagen kann, was er will. Damit schieben Sie mich von sich und
verweigern sich der Aggression, der Wut, dem sich Einlassen auf
das, was zwischen uns ist und uns vermutlich beide wie Narren
aussehen lässt.
      Es kann eben nicht jeder sagen, was er will. Es weiß ja nicht
mal jeder, was er will. Könnte ich mich mit Ihnen streiten, kämen
wir vielleicht dahinter.«»Aber doch nicht, weil ich sage, dass jeder
das kann«, meinte der Gast selbstbewusst, hielt er sich doch
rhetorisch für nicht unbegabt.
»Doch, genau deshalb. Weil Sie so tun als gäbe es eine Lösung,
wenn man wählen geht oder im Internet den Mund aufmacht.
Tatsächlich, wenn ich das tue, muss ich feststellen, dass es im
Internet keine Kraft, keine Relevanz mehr hat, weil ich mein
subjektives Unbehagen darin nicht ausdrücken kann. Es passt nicht
in die Eingabemaske. Nicht mit meinem Gesichtsausdruck, dem
Gestank meines Körpers, der Lautstärke meiner Stimme.«»Dann
twittern Sie es doch mehrmals. Das ist ja möglich!«»Ich kann den
Mund bewegen und Buchstaben übertragen. Die Relevanz dieses
Moments, dieser Situation aber kann ich nicht übertragen. Darum
brauchen wir eine andere Technologie. Eine Technologie, welche
die Abhängigkeit von Technologie endgültig zu überwinden hilft und
den Zugang zur tatsächlichen Situation nicht verstellt. Mir fällt
                                  126

<!-- PDF page 127 -->

gerade auf, dass jede Methode diesen Zugang letztlich verstellt.
Besonders Ihre so hoch geschätzten Diskussionskultur, die doch nie
die Möglichkeit offen lässt, dass man nichts zu sagen hat, es besser
wäre, darüber nicht zu sprechen, sondern zu fühlen, ob es einen
wirklich, also tatsächlich berührt oder interessiert und dann wüsste
man vielleicht auch, weshalb. Ihre Zivilisation, Ihre Kultur ist ein
Verbot lebendig sein zu dürfen.«»Warum sind Sie denn derart
angepisst? Wir sitzen in der Sonne und gleich gibt es was zu essen.
Das Leben ist großartig, finde ich. Im Grunde geht es uns doch gut.
Es ist doch alles gut.«»Nichts ist gut«, schrie ich. »Warum nur
distanzieren Sie sich von mir? Können Sie nicht zulassen, dass wir
ein Unbehagen teilen und es nicht nur mit mir zu tun hat? Wann
übernehmen auch Sie Verantwortung?«
Das verstand er nicht, weil er doch arbeiten ging und alles richtig
machte und Geld hatte. Da waren wir und da war er. Er hatte sich
schließlich durch harte Arbeit aus den Problemen befreit und begriff
nicht, dass alles Geld der Welt einen nicht zu einem Lebewesen
machte, welches außerhalb der Natur existiert. Das Geld befreite
einen nicht aus den Verstrickungen der Existenz. Es erweckte nur
den fatalen Eindruck, man habe es verdient, die Auswirkungen des
eigenen Handelns nicht mit anderen diskutieren zu müssen und
könne es sich leisten ein Arschloch zu sein.

                                 2

Im Hotel betrank sich der Journalist wieder. Der Fernseher lief und
seit Stunden ging er nicht mehr ans Telefon.
      Nachrichten ZDF: Berlin – Immer mehr Menschen haben
wieder Arbeit. Stuttgart – Die Zahlen psychischer Erkrankungen am
Arbeitsplatz explodieren. Besonders häufig treten Formen von
Aussetzern auf. Menschen vergessen, was sie eben noch getan
haben oder sprechen scheinbar in Rätseln. Wer seinen Job behalten
will, sollte sich klarer ausdrücken, also sagen, was die anderen,
besonders die Vorgesetzten, hören wollen. Frankfurt – Das
Jobcenter strich einer Schwangeren sämtliche Bezüge. Dass sie sich
das Leben genommen hat, soll eine Folge von starkem
Alkoholeinfluss gewesen sein, sagen die Experten. Stockholm –
Johnson Holgerson, der Europapolitiker, der letzte Woche
                                 127

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behauptete wir seien mit China, den Russen und den USA im Krieg,
ist heute überraschend zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft
ermittelt gegen ihn wegen einer möglichen Affäre mit einer 14-
Jährigen.
      Das Telefon klingelte. Es war meines, welches ich beim
Journalisten im Hotel vergessen hatte. Onkel Rodenhirsch war dran
und der Journalist hob völlig betrunken ab.
»Mein lieber Herr Speed. Eben habe ich mir die letzten Aufnahmen
angesehen. Die Szene mit Dr. Frank hat mich etwas irritiert. Dabei
ist mir aber bewusst geworden, dass ich gerne vor Ort wäre, um
mich vielleicht doch umfangreicher in das Projekt einzubringen.
Verstehen Sie bitte, dass das alles nicht persönlich gemeint ist, dass
ich Helena opfern will. Wir müssen heute alle Opfer bringen.«»Ich
bin nicht Speed«, antwortete der Journalist.
»Doch, natürlich sind Sie Speed. Sie wissen doch, dass die
Situation, in der wir uns alle befinden, Speed ist.«»Das verstehe ich
nicht.«»Es ist Speed. Denken Sie immer daran! Die Welt ist voll auf
Speed und es drückt sich durch Sie aus. Durch uns alle. Der Planet
will uns etwas mitteilen. Mit Hilfe von Red Bull. Wir müssen
loslassen, uns miteinander verbinden. Um zu dem Planeten zu
werden. Verstehen Sie das?«
Der Journalist warf das Telefon hinters Bett, wo ich es am nächsten
Tag fand. Es klingelte erneut.
      Ein weiterer Rodenhirsch, es müssen an diesem Donnerstag an
die sieben gewesen sein, legte auf und wandte sich seinem Gast zu.
Einem alten Freund aus dem europäischen Adel.
»Ein interessanter Mann«, sagte er, um seinen Gast über das
Telefonat aufzuklären, da dieser sich bereits etwas vernachlässigt
fühlte. Beide saßen in einem holzvertäfelten Schlosszimmer mit
historischen Bildern an der Wand.
      »Nur gut für uns, dass niemand diesem Speed zuhört, weil er
lediglich aus seiner subjektiven Perspektive spricht und nichts
Objektives beizutragen hat. Die Subjektivierung der Welt wäre das
Ende unserer Herrschaftsstruktur, kapierten die Menschen, dass es
ihre natürliche Sprache ist. Ihr Heimatplanet.«»Wie wurde die
Sprache der Subjektivität eigentlich zerstört, alter Freund? Ich war
damals nicht dabei.«»Das ist ganz einfach. Man muss dafür nur die
Intimität zerstören und Vergleichbarkeit herstellen und richtig und
                                  128

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falsch, was von selbst entsteht, sobald das Wertvollste in uns von
jedem zu jeder Tageszeit bewertet werden kann. Zuerst muss man
die Eltern trainieren, ihre Kinder zu bewerten. Das tun sie
automatisch, wenn man ihre Existenz davon abhängig macht, dass
sie einer Autorität gefallen. Sonst kommt die Rübe eben ab. Zack,
zack!
       Im nächsten Schritt, ist das Kind erstmal verwirrt und
gebrochen, belohnen wir es immer dann, wenn es gehorcht, damit es
lernt, reflexartig zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
       Dann kann es kein Buch mehr lesen, welches nicht auf eine
simple Weise den Erwartungen entspricht, oder jemandem länger zu
hören, der einen komplexen und irritierenden Sachverhalt erklärt.
Diese rationale Kontrolle würgt den inneren Fluss ab und macht
orientierungslos. Die Grundvoraussetzung, um Menschen
manipulieren zu können. Sie glauben dann alles, weil sie ihre
natürlichen Instinkte abschalten, da sie mit dem Widerspruch nicht
zurecht kämen.
       Wir zerrten den Sex, die zärtliche und einzigartige Berührung
zwischen zwei Menschen, ans Licht, ersetzten ihn durch
Pornografie, die ewige Wiederholung identischer Empfindungen,
zerstörten die Ehe, zerstörten die Familien, mit TV Geräten, in
denen wir die Intimität ersetzten, durch die Erfahrungen der
anderen, die ihnen in Serien vorgelebt wurden. Es entstand die
konforme Identität des modernen Menschen, der sich vom
Gegenüber besser differenzieren muss, um überleben zu können.
       Am Ende werden sie Liebe bei der Maschine selbst suchen,
dem was wir vollkommen lenken können, was sich über die ganze
Welt als Kopie der Kopie der Kopie ausbreiten kann, bis niemand
mehr an die Realität komplexer Zusammenhänge glaubt oder in
diesen leben kann. Bis man schließlich sogar die Liebe für ein
sentimentales Gerücht hält. Für zu kompliziert. Das ist das Ende
jeder Solidarität.«»Ungewöhnlich«, unterbrach der Freund.
»Vielleicht müssen wir uns bald nicht mehr verstecken, sondern
können ganz öffentlich Menschen opfern. Wir müssen es nur
unlogisch erklären und es sollte wie die liebevolle, fürsorgliche
Antwort eines Vaters, einer Mutter klingen.«
Rodenhirsch hob das Glas und sprach theatralisch: »Im neuen
Faschismus töten sie den Andersdenkenden, den Fremden aus einem
                                 129

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Harmoniebedürfnis, das sie mit Liebe verwechseln, indem sie die
Beziehung verweigern, weil diese mit Schmerz verbunden ist. Das
ist wahrer Fortschritt.«

                                 3

»Keine Ahnung, wer ich bin«, rief ich dort, wo ich dachte, dass die
Mikrofone wären. Draußen die Lichter der Stadt, die doch nichts
erleuchteten. Alle sahen uns zu und bemühten sich leise zu sein.
Während Helena über mir saß, wie die entführte Milliardärstochter
Patty Hearst mit dem Armeehemd und dem Maschinengewehr im
Anschlag. Jetzt wo ich ein Rebell war, weil ich gegen die Rolle des
Rebellen rebellierte und bei Tyrannen Nähe suchte, wollte ich
verstehen, welche Rolle ich spielte, um sie dann eben gerade nicht
zu spielen.
      Konnte ich nur lange genug die Vermarktung unserer Serie
verhindern, würde ich Helena retten können. Befreien aus der Rolle,
die ihren Tod bedeutete.
      Sie dürfen es nicht mögen, was sie hören!
      Das ist kalter Entzug für Konsumenten.
      Dr. Frank spielte bevorzugt Jane und Jane spielte mich, weil
sie ja immer der Chef sein wollte. Sie sah das natürlich völlig
anders. Gelegentlich gab es Streit.
»Ich fühle mich wie eure Marionette«, brüllte sie. »Mal soll ich die
USA spielen, dann wieder Europa, dann einen Banker und ich fühle
mich missbraucht, vergewaltigt, gefickt. Als würdet ihr mich nur
wie ein Display zur Welt sehen. Menschliche Handlungen sind aber
nicht relativ. Es tut weh, wenn was falsch läuft.«»Das ist es doch«,
sagte ich.
»Es ist scheiße, Speed. Ich bin keine Eingabemaske für Experimente
mit eurer Wirklichkeit und den politischen Verhältnissen.
      Verschwindet! Ich kann das nicht. Die Welt spielen. Es ist
doch ernst, ihr Arschlöcher. Fühlt ihr es denn nicht? Wir brauchen
rasch eine Lösung!«
Jane rannte vom Set.
      »Wenn ich mich mehr so auf dich setze«, fragte Helena und
drückte das Fotostativ wieder gegen meine Brust, als wäre es der
Lauf einer Knarre. »Das ist noch nicht Porno, Schatz, und wenn
                                 130

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schon, dann ist eben Porno doch die Lösung.«
      Vielleicht war es der Anfang einer unkonventionellen,
europäischen Revolution. Die sperrige Revolution. Zu sperrig, um
die Massen in eine neue Ideologie zu treiben.
      Im Sex war alles erlaubt. Im scheiternden Sex noch mehr.
      »Das ist kontraproduktiv. Das ist geil kontraproduktiv«, sagte
ich zu Dr. Frank, der fasziniert mitschrieb.
»Nicht so doll«, stöhnte ich und warf Helena runter, woraufhin sie
neben dem Bett auf der Wiese hart aufschlug.
      »Wenn das meine Eltern wüssten«, schrie sie lachend, was ich
eine seltsame Aussage fand für eine 32-Jährige. Es war großartig,
dass es nicht passte, dass sie kein mexikanisches Luder mit einem
Patronengürtel und einer Machete war, sondern eine leicht hölzerne
Blondine, die teure Perlenketten und eine Frisur wie die Prinzessin
von Norwegen trug.
»Du willst es doch auch«, sagte ich mit einer Zigarette im Mund,
obwohl ich Nichtraucher war.
»Wenn ich dich eines Tages zwinge anders zu sein, wirst du es dann
tun?«, fragte ich sie und das kleine Mädchen in ihr rebellierte nicht.
Manchmal zog ich mir ein hellblaues Hemd mit Krawatte an und
eine biedere Stoffhose und behandelte sie wie ein Stück Dreck,
während ich ihr aus der Bibel vorlas. Wegen der moslemischen
Extremisten und dem Ausgleich.
      »Moslemische Extremisten, verdammt. Dass ich nicht früher
daran gedacht habe«, notierte Dr. Frank. »Wenn wir den
ungründlichen Deutschen etablieren könnten, ergäbe sich daraus
vielleicht der individualisierte Chinese ...«

                                  4

Szene 16: X steht im Supermarkt und hat vergessen, was er kaufen
will. Eine unheimliche Kraft hindert ihn daran weiter zu gehen. Sein
warmer Atem haucht auf die Glasscheibe der Kühlvitrine und bildet
einen runden Kreis. Dahinter steht eine Packung Wirsing mit Sahne.
Es ist ihm fast, als kommuniziere das Produkt mit ihm. In einer
Sprache, die wie eine Symphonie klingt. Komplexer und intelligenter
als er es begreifen kann. Er versteht nicht, wie er in diese Situation
geraten konnte, aber zum ersten Mal will er sich nicht mehr
                                  131

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dagegen wehren.
Er hat gelesen, dass die psychischen Erkrankungen in den Büros
zunehmen wegen der Komplexität. Er habe Speed in seinem Kopf
sagen hören, dass dies an der Abspaltung läge, an der
Arbeitsteilung. Die komplexere Ordnung versuche sich durch die
Mitarbeiter auszudrücken. Das Burnout sei die Verweigerung der
gelebten Beziehung und der Konsequenzen daraus. Man wolle nicht
von der Norm abweichen. Darum könne nur die radikale
Subjektivierung aller Arbeitswelten den Menschen wieder zum
Menschen werden lassen. Unperfekt, kreativ und schöpferisch. In
einem Markt mit echten Bedürfnissen.

                                 5

»Könnt ihr uns hören? Over«, kam es aus dem CB Funk. Dr. Frank
stellte lauter und nahm das Mikrofon zur Hand.
»Wir hören euch klar und deutlich. Over!«»Gestern haben wir die
siebte und achte Folge gesehen. Die meisten von uns sind begeistert.
Wenn nur mehr Menschen es sehen könnten. Over.«
Die Stimme am anderen Ende war manchmal nur undeutlich zu
verstehen und der Funk krachte und fiepte immer wieder.
»Wir sind bei euch und wollen euch nur sagen, dass es jetzt
Gruppen im ganzen Land gibt. Auch haben wir schon mit
Engländern und Franzosen gesprochen. Sogar welchen in Brüssel.
Wir lernen uns langsam näher kennen. Einige haben Fertigprodukte
ausgesetzt und viele versuchen intime und ganz persönliche
Beziehungen zu Menschen aus der Wirtschaft aufzubauen und sich
darin zu verstricken. Dafür danken wir euch. Lebt intensiv und
ungenau!«
       Wir alle standen betroffen, mit Tränen in den Augen, um den
CB Funk im Bus herum.
Schnitt.
       Christine in den Straßen von Leipzig, eine Woche später:
»Viele Menschen hier draußen verstehen noch immer nicht, warum
man die Sache nicht einfach durchzieht und den Bullen kalt macht.
Stattdessen spielt man sowas wie ein Theaterstück. Eine seltsame
Kunstform, die aber, das denken hier viele, eben nichts Konkretes in
der Welt verändern wird, in der Leute Arbeitsplätze wollen.«
                                 132

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Sie richtet das Mikrofon in die Menge. Ein Arbeiter beginnt zu
sprechen, geht ganz nah ran, weil es überall ziemlich laut ist.
»Sie sollen es tun, finde ich! Wir können das verstehen, dass Sie
vielleicht Angst haben, aber man lebt nur einmal.«»Die sollen doch
endlich arbeiten gehen«, brüllte eine Frau dazwischen.
»Glauben Sie, dass es eine zweite Staffel geben wird?«»Einsperren
sollte man die! Asoziale Schmarotzer.«»Warum haben die sich mit
Onkel Rodenhirsch, mit den Eliten verbündet? Das ist Verrat«,
schrie wieder jemand aus dem Hintergrund. «Die stecken mit den
Bankern unter einer Decke!«
      »Nein, dass lassen die nicht durchgehen. Der Mensch ist
bequem und will nicht nachdenken. Das schadet ja der Wirtschaft.
Unser einer. Der kleine Mann, verstehste? Der begreift die Welt
nicht mehr. Uns haben sie in Stich gelassen. Es ist wie damals. Für
uns fährt kein Bus in den Westen. Die Kreativen haben es doch
immer leichter. Am Ende aber können die das Problem auch nicht
lösen. Niemand kann es lösen. Außer die Politiker und die wollen es
nicht lösen. Wenn du mich fragst, Mädchen. Ich denk, die wollen,
dass es noch schlimmer wird, damit wir nach dem starken Mann
rufen. Nach der Weltregierung.«
      »Wenn es keine Lösung gibt, gibt es keine Lösung. Ich glaube,
dass man das heute sagen kann«, ergänzte Christine, in die Kamera
sprechend. »Das ist ja das Problem. Dass wir keine Lösungen
haben. Nirgends gibt es Lösungen. Darum wird das nichts. Darum
kann man es gleich lassen. Eine Lösung hat nur die EU und die
funktioniert nicht. Darum muss ich eines klar und deutlich sagen:
Ich will keine Lösung, sondern das Ende der Ignoranz.«
      »Das hat doch alles nichts mit der realen Unterdrückung zu
tun, die wir im Job spüren«, schrie ein Mann im Blaumann
aufgebracht. »Das, was die da fabrizieren. Diese Freiheit. Das
sollte man verbieten, wenn Sie mich fragen. Wir lösen die Probleme
der Welt doch nur anständig, wenn wir uns sachlich
zusammensetzen und dann muss man das durchziehen. Ich finde, die
sollten verboten werden. Weil sie die Unterdrückung, von der sie
reden ... Das ist doch eine Verarschung. Das sind doch Witzfiguren.
Dafür haben die wieder Geld. Uns aber lassen sie arbeiten, bis wir
tot umfallen. Das versteht doch keiner mehr. Anständige Leute
braucht das Land. Die zeigen, wo es lang geht. Die anpacken
                                133

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können, fleißig sind und mitmachen. Da müssen vernünftige
Experten ran! Damit da mal Ruhe rein kommt. Die da, die sollte
man wegsperren, wie damals! Das ist meine Meinung.«
      Und Christine beendet mit den Worten: »Schalten Sie nicht
aus! Bleiben Sie an der TV-Serie dran. Dann werden es auch andere
tun. Dann müssen wir nicht nach den Populisten rufen!«

                                 6

Am nächsten Morgen zündet X den Papierkorb unter dem
Schreibtisch einer anderen Sachbearbeiterin an. Es qualmt. Er
versucht das Feuer mit dem Aktenordner, in dem fünfzig Profile von
Arbeitslosen aufbewahrt werden, zu löschen.
     Andere Kollegen wollen ihn davon abhalten. Nun brennt auch
der Aktenordner. Der Qualm wird immer dichter. Schließlich
schüttet jemand eine Kanne Kaffee in den Eimer. Es stinkt
fürchterlich. Man fragt, wie das passieren konnte. Niemand hat was
gesehen. Vermutlich ein Arbeitsloser. Das klingt logisch.
     Jemand ruft den Sicherheitsdienst. Man kehrt zum Platz
zurück. X ist kurz verschwunden und kommt nun mit einer Packung
Vanilleeis. Seine Kollegen essen viel Vanilleeis, weil es gegen das
Unwohlsein hilft.
     Es stinkt noch immer nach Qualm, aber die meisten
Sachbearbeiter in dem Großraumbüro löffeln nun Vanilleeis aus
kleinen Glasschüsseln.
     50 Arbeitslose müssen erneut anrücken, um ihre Daten
anzugeben. Alle werden verdächtigt Brandstifter zu sein.

                                 7

»Sie dürfen auf keinen Fall nach Fuschl kommen«, meinte Herr
Maderthaler beunruhigt am Telefon. Maderthaler war früher
Snowboardweltmeister gewesen und leitete nun die Kulturabteilung
von Red Bull.
      »Die in Fuschl haben Angst vor Ihnen. Wenn Sie noch ein
weiteres Mal unangekündigt über das Gelände laufen oder gar wie
das letzte Mal eine Staffelei aufbauen, ist es nicht auszuschließen,
dass jemand dort die Antiterroreinheit Kobra ruft. Haben Sie mich
                                 134

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verstanden? Und kommen Sie auf keinen Fall zum Hangar 7 am
Flughafen. Hier ist alles terrorismusgefährdet. Red Bull könnte
jederzeit von Terroristen angegriffen werden.
      Red Bull ist ein ganz normales Unternehmen, in dem fleißige
Menschen arbeiten. Die in Fuschl, die verstehen das nicht! Hier ist
nichts unbewusst!«
      »Wir sind seit einem Monat auf dem Weg zu Ihnen,
Maderthaler«, sagte ich, während Dr. Frank mir Red Bull
nachschenkte. Wir fühlten uns hellwach und ein wenig überdreht.
»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir in Fuschl auftauchen. Onkel
Rodenhirsch wird uns auf keinen Fall daran hindern. Da Sie das
letzte Mal erwähnten, dass Red Bull immer wieder von
Wahnsinnigen bedroht wird, habe ich nun versucht, diese ausfindig
zu machen. Damit wir herausfinden können, ich meine erforschen,
warum diese Menschen Red Bull zerstören wollen. Ich glaube, dass
es um eine unbewusste Botschaft geht, die größer ist als Ihr Red
Bull.«
Maderthaler schnaubte ins Telefon:
»Herr Speed. Sie sind doch ein so netter Mensch. Bitte tun Sie es
nicht!«»Ich bin kein netter Mensch, auch wenn ich manchmal nett
bin.«

                                 8

Dr. Frank zog sich ein Red Bull Kostüm an und spielte nun den
Maderthaler. Im Hintergrund eine Kulisse mit Bergen und dem
kleinen Dorf Fuschl.
      Maderthaler rief sofort in der Zentrale in Fuschl an: »Wer ist
denn jetzt zuständig wegen dem Speed«, fragte er verzweifelt.
»Das war früher der Herr Mayer«, sagte eine nette Frauenstimme
am anderen Ende.
»Was ist mit dem Herrn Mayer?«»Der ist letzte Woche an Krebs
gestorben.«»Dann geben Sie mir wen anderen!«
Sie flüsterte ins Telefon: »Herr Maderthaler. Wir können ihnen
niemanden geben, weil in diesem Monat schon fünf Mitarbeiter an
Krebs gestorben sind und wir darum die Konferenz wegen der neuen
Umsatzzahlen verschieben mussten. Ich fürchte, dass Sie allein mit
dem Speed klar kommen müssen. Aber rufen Sie doch bei den
                                 135

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Deutschen Behörden an. Vielleicht können die Ihnen helfen, solange
der Bus noch in Deutschland ist. Es kann doch nicht jeder einfach
eine Beziehung zu einer Firma aufbauen. So funktioniert das nicht.«
      Maderthaler konnte in Berlin niemanden erreichen. Dann
plötzlich die männliche Stimme eines älteren Herren am anderen
Ende: »Hören Sie, Maderthaler. Wir müssen die Kontrollen
verschärfen. Jeder, der krank wird, muss das ab sofort beweisen.
Auch die Ärzte müssen wir überprüfen lassen. Das Leben gerät
sonst völlig aus den Fugen. Wir brauchen mehr Wachstum, aber
eben keine Krebszellen. Notfalls durch die Krankenkasse alles nach
Standards prüfen lassen, weil die ein Interesse daran haben, dass da
nichts ist. Die Simulanten zerstören das Land, Maderthaler. Der
Speed hat sie auf die Idee gebracht. Einfach mal eine andere
Realität simulieren und übersensibel zu werden. Das nennen die
authentisches Gefühl. Als würde das, was ich hier sage, eine tiefere
Wahrheit über unsere Welt offenbaren. Schwachsinn! Als ginge
davon die Arbeit weg.
      Verstehen Sie das nicht? Wer nicht arbeitet, stellt Fragen, auf
die wir keine Antwort haben.«»Aber der Speed. Er ist auf dem Weg
zu uns und das ist nicht legal. Das kann nicht legal sein.«»Genau
meine Rede, Maderthaler! Das ist doch krank, dass es legal sein
soll, dass alle krank sind. Oder kompliziert. Einfach mal an Krebs
sterben statt arbeiten gehen. Das kann sich ein modernes
Unternehmen nicht leisten und ein Staat sowieso nicht. Den Krebs.
Wo kommen wir da hin. Wir von der SPD verlangen darum
schärfere Kontrollen. Ob es denn überhaupt Krebs ist. Es kann doch
nicht jede Wucherung behaupten, Krebs zu sein. Wir müssen es als
Normalfall der Natur begreifen, dass einige einfach schon mit 30
sterben. Das war früher auch so. Als es noch nichts zu fressen gab.
Die Amerikaner können ja nicht jeden erschießen. Auch wenn das
eine sichere und demokratische Welt zur Folge hätte.
      Jetzt im Überfluss sollen wir plötzlich dafür aufkommen, dass
da welche nicht mehr weiterarbeiten können bis 85. Es ist unsere
Aufgabe als Sozialdemokraten, weil die Liberalen das nie
durchbekämen, nicht mehr jeden Krebs als Krebs anzuerkennen. Im
Grunde ist es ja eine Form von Freitod durch Konsum. Wegen des
Giftes in den Lebensmitteln und den unterdrückten, inneren
Konflikten. Wer heute einen Apfel kauft, muss eigentlich schon eine
                                 136

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Steuer zahlen für den Freitod, weil der Apfel gespritzt wurde. Das
ist nur logisch. Sonst geht uns ja das ganze Sozialsystem den Bach
runter und dann haben wir alle keine Jobs mehr, Maderthaler! Die
Sozialdemokraten zerstören das Sozialsystem, während die
Konservativen die Wirtschaft vernichten. Das kaufen uns die Leute
immer ab, weil das ja überhaupt nicht logisch ist. Immer freundlich
lächeln beim Kunden und weiter machen. Das ist meine Devise.
      Wie sollen wir denn der Verkäuferin vom Aldi, die für drei
Euro die Stunde arbeitet, erklären, dass wir für ihre Rechte
kämpfen, wenn wir die Krebstoten nicht zur Rechenschaft ziehen,
die einfach blau machen? Und Sie mit ihrer giftigen Cola wollen
doch auch Umsatz machen. Ist ja richtig so. Damit Sie Steuern
zahlen können. Vorbildlich. Deswegen müssen die Freitod-Krebsler
eben zahlen. Sollen doch deren Verwandte zahlen! Für die Ausfälle.
Die haben denen ja nicht gesagt, dass Sie sich das Gift nicht
reinstopfen sollen! Darum sind die mitschuld. In der Familie sorgt
man sich doch umeinander. Liebe ist Pflicht und darum zahlen auch
die Verwandten für den Freitod-Krebsler. Meine Meinung,
Maderthaler!
      Schuld sind die mit dem schlechten Erbgut, weil sie den
Genmais nicht vertragen. Was kann denn Monsanto dafür, dass die
Leute einen derart schlechten Genpool haben?
      Sollen doch die mit dem schlechten Genpool auch höhere
Schulgebüren zahlen, weil die früher abkratzen, weil sie
beispielsweise Ihre Limo nicht vertragen. Rein fachlich gesprochen
ist das nur vernünftig und wissenschaftlich abgesichert.    Und
überhaupt in der EU braucht es den Österreicher oder den Belgier
eigentlich nicht mehr. Wenn es nur noch eine Handvoll
Nahrungsmittelproduzenten gibt, muss die Bevölkerung sich eben
denen anpassen, rein biologisch. Natürliche Auslese. Wer nach dem
Besuch bei Aldi oder im Kaiserssupermarkt eine Allergie bekommt,
gehört zu einer aussterbenden Art.
      Krebs ist jetzt so häufig geworden, dass wir mit der
Krebssteuer die Mehrwertsteuer glatt ersetzen könnten.
      Ich bin für hart durchgreifen. Wir tragen schließlich die
Verantwortung.
      Die Leute sind ja selbst schuld. Wir übernehmen hier die
Verantwortung. Nicht der Speed und diese Verrückten. Wir
                                137

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kümmern uns um alles und dann kommt der und will, dass wir mit
ihm Mitgefühl haben und Händchen halten, während er uns bedroht.
Was ist das denn für eine Beziehung?«»Aber der Speed kommt«,
brüllte Maderthaler ins Telefon.
      »Machen Sie sich mal um den keine Sorgen, Maderthaler. Er
hat kein Produkt. Womit will er uns denn angreifen? Mit einem
Fragezeichen? Das Leben muss weitergehen. Die Leute wollen was
Konkretes und wenn es sie umbringt, ist ihnen das noch allemal
lieber als allein zu sein mit ihrem Innenleben. Die Leute sind eben
so. Ich werd mich mit 60 erschießen, mit einer Flasche Whiskey in
der Hand und der Musik von Curt Cobain im Hintergrund. Darüber
werden sie in der Zeitung schreiben. Das ist Unsterblichkeit. Tun,
was von einem erwartet wird, im Dienst an der Menschheit. Was
denken Sie, wie gut das meinem Co2 Footprint tut? Vielleicht kann
meine Familie dann noch ein zweites Auto haben oder ein halbes
Kind. Ich bin ein guter Mensch. Ich mache alles richtig. Wir haben
auch einen Social Responsiblity Report vorzuweisen.«»Aber er sucht
einen tieferen Sinn in Red Bull.«
      Nachdenkliche Stille am anderen Ende.
»Das, mein lieber Freund, wird vermutlich Ihr Ende sein. Keine
Marketingabteilung der Welt kann die Frage nach dem tieferen Sinn
ihrer Marke beantworten. Das ist der Tod jedes modernen
Produktes.
      Macht nichts, Maderthaler!
      Sie müssen sich einfach eine gigantische Lüge ausdenken und
diese mit einem Lächeln vertreten, als wäre es selbstverständlich.
Das ist am glaubwürdigsten. Behaupten Sie doch einfach, dass Red
Bull der CIA gehört. Dann können Sie dem Speed öffentlich
vorwerfen, dass er die ganze Zeit nur aufdecken will, dass Red Bull
zum Einschläfern eines Großteils der Bevölkerung entwickelt wurde.
In geheimen CIA Labors. Das glaubt dann natürlich niemand, weil
das Zeug ja wach macht und dann werden sie über den Speed
lachen und Sie sind fein raus.«»Das ist brillant«, schrie
Maderthaler begeistert. »Das könnte klappen.«»Im Anschluss
müssen Sie die öffentliche Diskussion nur dorthin lenken, dass nur
noch über das Verhindern von beunruhigenden Fragen als
Gesundheitsvorsorge diskutiert wird. Dafür braucht es Standards
und klare Regeln. Wenn dann der Speed kommt, können Sie sagen,
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<!-- PDF page 139 -->

dass Sie nichts gegen frei Meinungsäußerung haben, aber dies dürfe
nicht zu weiteren Krebstoten führen, weshalb Speed seine Absichten
zunächst von einem Amtsarzt genehmigen lassen muss.«»Großartig,
woher wissen Sie nur all diese Dinge?«»Wir von der SPD
beherrschen das Framing perfekt. Wie glauben Sie, hätten wir sonst
Hartz IV durchbekommen? Über Grundrechte redet niemand mehr,
wenn der Hungertod und die Armut nun auf der Ebene von faul oder
fleißig diskutiert werden. Im Zweifel ist das Opfer immer selbst
schuld, weil es ja zum Zeitpunkt des Todes keinem Job nachging,
was immer suspekt ist. Wir haben keine unbewussten Gefühle,
sondern wir haben die maximale Kontrolle.
Darum sind wir Manager. «

                                139

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## Episode 9: Bittere Wahrheiten

                                 1

»Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten«, rief Frau Müller-Franz.
Draußen vor dem Bus waren wieder all diese Leute. Manche
prügelten sich mit Beamten.
»Wenn Sie mir bitte zuhören möchten!«»Aber da draußen. Sehen
Sie es denn nicht«, fragte einer der Mitreisenden.
      Sie lächelte freundlich und fuhr unbeirrt fort: »Sie als
Teilnehmer von ‚Kunst trifft Wirtschaft‘, können sich glücklich
schätzen ...«
      Endlich hatte man einen Begriff und einen Rahmen für unser
Tun gefunden und glaubte aus der Sache raus zu sein. Jetzt war alles
klar. Es handelte sich um eine Kunstaktion.
      »Hört, hört«, unterbrach Dr. Frank, um sich anschließend
gleich wieder zu setzen wie ein auffälliges Schulkind, welches man
mit Blicken zurechtweisen konnte. Jane war als Friseuse in die
Künstlersozialkasse gerutscht und Dr. Frank sah aus wie ein
russischer Künstler, während ich nur manchmal so tat, als wäre ich
Künstler. Für das Amt war die Sache klar. Der Bus musste ja gefüllt
werden und so bekam das Ganze für sie wieder einen Sinn. Künstler
auf dem Weg zu einem Unternehmen, um dort zu lernen, wie man
mit Geld umgeht und richtig arbeitet.
      Frau Müller-Franz fuhr fort: »Trotz der großen
Herausforderung ist es mir gelungen, diese Reise finanziert zu
bekommen. Besonders die Kunstfreiheit liegt uns am Herzen und
                                 140

<!-- PDF page 141 -->

die schwierige Lebenssituation von Kulturschaffenden. Die
Bevölkerung ist überaus solidarisch mit Ihnen und findet diese
Ausgaben sehr sinnvoll. Haben alle diese Erklärung
unterschrieben?«
      In dem Moment flogen wieder Eier gegen die
Windschutzscheibe.
      Ich stand auf: »Frau Müller-Franz! Den Punkt 12.4 verstehe
ich nicht ganz. Ist das nicht ein Zitat aus der britischen BBC Serie
»Fawlty Towers«? »Don´t mention the war!« Was soll das bedeuten,
wir sollen den Krieg nicht erwähnen? Und wussten Sie, dass der
Krieg eigentlich eine Marketingstrategie von Mars ist?«»Vom
Mars«, unterbrach die Kettler, eine blonde Musikerin,
Universitätsdozentin, Alpakawollverspinnerin und Genie aus Berlin,
begeistert.
»Nein, vom Schokoriegel, Blondie! Mars macht mobil! Der Gott des
Krieges.«
Dr. Frank war amüsiert von diesem Vergleich.
      Müller-Franz verdrehte die Augen und wandte sich flüsternd
dem Fotografen von der Presse zu: »Versuchen Sie ein nettes Foto
von denen zu machen und dann nichts wie raus hier! Wer mit seiner
Kunst nichts verdient, muss akzeptieren, dass es darum geht, sich
einen anständigen Beruf zu suchen. Dumme Sache mit der
Kundenfreundlichkeit. Manche Menschen werden dadurch einfach
unrealistisch.«
      Sie lächelte wieder, wünschte uns noch eine schöne Fahrt, bei
der wir viel übers Arbeitengehen lernen würden und stieg
gemeinsam mit dem Typ von der Presse aus.
»Kopf hoch! Wir vom Jobcenter glauben an Sie! Und vergessen Sie
nicht den Speed und den Herrn aus Rumänien später mit der
Europafahne zu fotografieren. Sonst müssen wir die EU-Gelder
rückerstatten.«
Lärm. Plötzlich. Hektische Unruhe. Wir müssen los. Der Fahrer
drängte. Rocko lief nun schneller. Wir waren auf der Flucht. Die
Kamera wackelte.
      »Ich wusste überhaupt nicht, dass das österreichische
Fernsehen die Aktion begleitet«, sagte Frau Müller-Franz
verunsichert und duckte sich hinter einer Tonne, während alle rasch
ihre Sachen packten.
                                 141

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»Wir sind immer dabei.«»Wann wird der Beitrag gesendet?«»Es ist
eine Reality TV Serie. Das wissen Sie doch? Diese Vision von
Menschen, welche die Gesellschaft allein durch das, was sie
authentisch tatsächlich sind, neu erfinden wollen, was aber niemand
hören möchte, weil es wie eine Verarschung klingt für die Opfer, die
aufgebrachte Menge. Weil sie nicht funktionieren, sondern ihre Zeit
verschwenden für unverständliche Handlungen. Übrigens finde ich,
dass Sie Ihre Rolle als Beamtin glaubwürdig darstellen.«
Geschmeichelt sagte sie: »Man hat es nicht leicht, wenn man vom
Amt kommt. Die Menschen mögen einen nicht.«»Das ist großartig,
wie Sie das sagen. Dieser innere Konflikt. Ausdrucksstark«,
analysierte Rocko und sie fragte höflich, aber bestimmt: »Haben Sie
eigentlich eine Drehgenehmigung?«»Der war gut«, sagte Rocko und
lachte dreckig.
      Frau Müller-Franz blickte irritiert in die Kamera und dann
wieder zu Christine. Hinter ihr brannte ein Auto.
»Diese Kreativen sind alle wahnsinnig. Das habe ich immer gesagt.
Wenn man die mal fünf Minuten aus den Augen lässt, entwickeln die
glatt eine bessere Gesellschaft aus reiner Langeweile. Darum muss
man die beschäftigen«, begann sie mit dem Mann von der Presse zu
diskutieren, während sie zu ihrem Auto zurücklief.
Es flogen wieder Eier und Flaschen.
Feuer. Schreie. Liebe. Sex.
      Irgendwann waren wir wieder uns selbst überlassen und die
eigene Wahrnehmung der Geschehnisse kehrte zurück.

                                 2

Diese kleinen Wohnzimmer mochte ich besonders. Sie besaßen
etwas von Höhlen. Helena hätten sie bestimmt gefallen. Darin
konnte man eine ganze Weile sitzen, ohne bemerkt zu werden.
Manchmal saß ich auch zwei, drei Stunden auf einer der
Ausstellungstoiletten, weil diese oft noch verwinkelter waren und
man dort in Ruhe auf dem Klodeckel sitzend ein ganzes Buch lesen
konnte, ohne dass jemand einen dabei störte. Glücklicherweise gab
es in Berlin sechs Ikea Filialen und in Deutschland und Österreich
gefühlt hunderte. Wenn ich meine Aufenthalte gut aufteilte, konnte
ich mehrere Monate bei Ikea leben, ohne dass mich Mitarbeiter
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erkannten. Wir machten unsere Lagebesprechungen oft bei Ikea. Die
ganze Welt bestand aus Ikea. Ikea war eine wahr gewordene Utopie.
Eine Welt ohne Konflikte.
       Irgendwann, das dachte ich, würden die anderen Menschen
auch erkennen, dass es viel einfacher wäre, gleich bei Ikea
einzuziehen, statt immerzu die Möbel da raus zu schaffen.
       »Sie weiten Ihre Arbeit auf andere Firmen aus?«, fragte mich
der Journalist, als wir viele Monate später in einem Café saßen. Er
schien nicht glücklich zu sein. Noch immer versuchte er etwas zu
verstehen, was er den Leuten verkaufen konnte.
»Ich wartete auf Helenas Rückkehr«, erklärte ich.
»Aber Sie waren noch immer auf dem Weg nach Fuschl. Sie hatten
mit dem Faschismus große Erfolge gefeiert. Viele Menschen
probierten diesen bei sich im Unternehmen aus, um wieder eine
Beziehung zu sich selbst aufzubauen und erstmals ihre eigenen,
wahren Gefühle zu entdecken. Diese Wut und Frustration konnte
erstmals angesprochen werden. Und dann zogen Sie sich zurück. Es
kam ganz plötzlich.«»Es gab diesen Vorfall, der alles schlagartig
veränderte. Dazu komme ich noch.«
       Ich fuhr fort von unseren Erlebnissen bei Ikea zu erzählen.
»Wie findest du das Sofa? Ich finde, es sitzt sich auf dem Ektorp
besser als auf dem Karlstad«, meinte ich zur Kettler.
»Wann legen wir endlich die Arbeitsministerin von der Leyen um?«,
unterbrach ein Typ vom Ikea Lager.
Wir sahen ihn verwundert an.
»Das ist eine legitime Frage«, sagte ich. »Ich finde, dazu haben wir
aktuell keine klare Position. Was wohl daran liegt, dass wir in
diesem Moment gerade nicht unterdrückt werden. Wir die ganze
Breite der Existenz eben nur leben können, wenn wir nicht
permanent der Ansicht sind in einer Diktatur zu leben. Schließlich
ist Ihre Diktatur nicht meine Diktatur.«
       »War das der Vorfall? Der Plan, die Ministerin zu ermorden.
Aus Notwehr?«, fragte er und bestellte sich noch einen Kaffee. Ich
verneinte.
       »Wie Sie selbst erlebt haben, hatten wir die Hoffnung, uns
selbst zu finden und nicht nur Marionetten jener Krise zu sein, die
uns in den Medien verkauft wurde. In Russland, im nahen Osten.
Der NSA Skandal. Der Zusammenbruch der Börsen. Es hat uns
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bescheiden gemacht und ängstlich. Wir waren uns sicher, nun
unsere eigene Krise geschaffen zu haben«, sagte ich und der
Journalist wirkte versöhnlicher als sonst. In dem Kaffee war es ruhig
und wir waren praktisch allein. Draußen ging das Leben weiter.
Zwei Männer, die gemeinsam viel erlebt hatten und nun bereit
waren, sich Zugeständnisse zu machen und sich Respekt zu
erweisen. Es war wohl das letzte Interview, welches der Journalist
und ich führten.
      Irgendwann hatten wir das Gefühl, dass wir uns in die Augen
sehen konnten und wussten, wer wir, ich meine, wozu wir geworden
waren. Es schienen Wochen, ja Monate in diesem Bus vergangen zu
sein.
      Schmerzen.
      Verzweifelte Versuche.
      Jetzt in diesem Moment sah ich auf meine dreckigen Hände
und empfand Reife. Für eine Woche gehörte Red Bull nur uns. Es
war ein Rausch. Eine Party. Ein Abschied.

                                 3

Die Dienerin brachte das Essen und wir setzten uns an diese riesige
Tafel. Helena am einen Ende. Ich am anderen. Der Fernseher lief
weiter im Hintergrund. Diese leise rieselnde Unruhe ...
»Das ist aufregend«, sagte ich. »Die Bullock. Ich mag die. Sie
strahlt etwas Normales aus. Ein netter Mensch, der in diese wilden
Situationen gerät und einfach nur mit Freunden und Familie zu
Hause auf dem Sofa sitzen will und Chips essen.«
      Helena und ich saßen in ihrer Villa, die wir am Set aus Pappe
nachgebaut hatten und sahen uns den Hollywoodfilm »Speed« mit
Sandra Bullock an, in dem sie einen Bus lenken musste, unter dem
eine Bombe hing. Ich starrte auf den Fernseher.
      »Das mit der Bombe. Ich denke die ganze Zeit, wo eigentlich
die Bombe abgeblieben ist?«»Ja, wo ist jetzt die Bombe«, fragte Dr.
Frank lautstark und stand vom Regiesessel auf. Nach einem Moment
der Verwirrung machten wir weiter.
      »Wie ist es so, wenn man ein Menschenopfer ist«, fragte ich
einfach mal drauf los. »Moment«, unterbrach ich sie: »Jetzt kommt
gleich die Stelle mit der scharfen Kurve.«
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Wir schauten den Film und wie ferngesteuert sagte sie: »Hoffentlich
hat Rodenhirsch nicht alle Details verraten. Das wäre mir
unangenehm.«
      Im Film raste Sandra Bullock auf das Ende der Autobahn zu
und Keanu Reeves versuchte die Bombe unter dem Bus zu
entschärfen.
      Das Licht des Bildschirms flackerte im Raum. Im Bus kochten
die Emotionen und das Drama beherrschte alles. Helena hingegen
blickte, als gebe es nichts mehr, was sie berühren könne. Etwas
stimmte nicht.
Schnitt.
      Dr. Frank als Helena. Wir saßen vor dem Fernseher und da
bekam ich diesen sonderbaren Gesichtsausdruck. Im Off sagte ich
von inneren Zweifel irritiert: »Und in diesem Moment wurde es mir
bewusst, dass ich vielleicht alles doch im Fernsehen gesehen hatte,
in »Speed« mit Sandra Bullock und Dennis Hopper. Bullock oder
Bull-OK. Is the bull OK?
      Spielten   wir     die    Ganze     Zeit   etwa   nur    den
Hollywoodblockbuster »Speed« mit Sandra Bullock nach? War das
die Botschaft aus unserem Unbewussten? War es etwa nie um Red
Bull oder die Gesellschaft gegangen, gar um den Faschismus?
Versuchte unser Inneres, sich die ganze Zeit nur an dem Thriller
»Speed« aus dem Jahr 1994, zu orientieren?

                                  4

X springt vom Schreibtisch auf.
»Verdammt. Der Film.«
Er reißt die Schublade auf und zieht eine DVD mit der Aufschrift
SPEED und ein Bild von Bullock im Bus hervor. Daneben liegt eine
Dose Red Bull.
»Ich bin nicht wahnsinnig«, schreit er und seine Kollegen blicken
irritiert. Nun kann er doch im Jobcenter bleiben.Er tanzt wild um
den Tisch herum, wirft Aktenblätter durch die Gegend.

                                  5

Der Journalist legte nun den Stift beiseite und erschüttert fragte er:
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»Sie stellten fest, dass alles, die ganze Reise völlig umsonst war,
dass es nie darum ging, die Gesellschaft zu verändern, sondern diese
große Idee nur dazu diente, das Unbewusste eines Mitarbeiters der
Jobagentur zu erhellen, damit dieser einen ausgeliehenen Film
rechtzeitig zurückbrachte? Wie konnte es denn danach weiter
gehen?«»Es ging nicht und es ging doch.«»Aber was ist mit Ihnen
und Red Bull? Der Verdacht, dass etwas nicht stimmt. Es gab mir
Hoffnung. Vielleicht wäre unsere Situation nicht alternativlos.
Sagen Sie schon, dass da mehr ist!«»Sie haben Recht, dass wir X
nur gespielt haben. Aber im Kofferraum vom Bus lag tatsächlich die
DVD. Wir hatten sie die ganze Zeit dabei, in einer Reisetasche des
dicken Chemiestudenten.
      Es ist naheliegend, dass wir es unbewusst mitbekommen
haben, dass uns dies zusammen mit den tausend Red Bull Dosen,
die wir leer getrunken haben, beeinflusst hat.«
Er wollte das nicht akzeptieren und es war ihm deutlich anzusehen,
dass er mit sich haderte.
»Wenn ein Zusammenhang da ist, dann ist er da«, sagte ich. »Dann
kann ich ihn nicht ignorieren. Ich muss mir treu bleiben.«»Aber eine
Ausnahme, Speed. Können wir keine Ausnahme machen? Wir
waren so nah an einer Befreiung aus dem psychologischen
Gefängnis des Kapitalismus.«»Zu welchem Preis? Heute finden wir
es cool die Erlösung zu finden, aber was ist morgen? Nein. Ich
bleibe mir treu.
      Wir haben einen Hollywoodstreifen nachgespielt und sind
Marionetten ohne eigene Seele. Unsere Emotionen sind
austauschbar und ich bin ein Narr. Aber wir folgen jetzt dem Flow
der Geschehnisse. Ich glaube nicht, dass das schlechter ist.«»Warum
entschuldigen Sie sich nicht gleich bei Rodenhirsch und Red Bull«,
sagte er enttäuscht: »Für all die Mühe. Dafür, dass Sie diese mit sich
selbst unheilvoll verstrickt haben.«»Nein, es geschieht alles aus
einem bestimmten Grund und für diesen tatsächlichen Grund will
ich offen sein.«

                                  6

»Ich werde mich nicht an das Steuer des Busses setzen«, schrie Jane
damals, als es uns allen klar wurde. »Ich bin doch nicht die Bullock
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wie in dem Film.«
     Sogar die Rodenhirschs wirkten betroffen, hatten sie doch
eben noch ihren Individualismus wiedergefunden. »Alles nur eine
Kopie? Dabei hatte ich mir schon mehr erwartet, Speed. Dass Sie
uns eine neue Welt offenbaren. Wo ist denn nun das Ergebnis?«
     Ich sah den einen Rodenhirsch verlegen an und fast schämte
ich mich dafür. Niemand wollte sich eingestehen, möglicherweise
einem Selbstbetrug aufgesessen zu sein.
»Vielleicht, es wäre doch möglich«, begann ich zu schildern:
»Vielleicht ist das, was im Zuseher nun passiert und sei es auch eine
Enttäuschung, ein Moment des Aufwachens, als hätte man eine
Dose Red Bull getrunken.«»Hör auf, Speed«, schrie Jane
aufgebracht. »Du könntest das ewig behaupten und wieder hätte es
eine neue Bedeutung und dann nochmal und höher und komplexer
und in der Zwischenzeit haben alle abgedreht, weil auf einem
anderen Kanal was Simples, was Lustiges läuft. Es ist vorbei, Speed.
Der Mensch ist vielleicht nie dafür geschaffen worden, um in echten
Beziehung und Zusammenhängen zu leben. Wir ertragen es nicht.«
Monatelang sprach niemand von uns darüber. Als wir auseinander
gingen, gestand ich mir nicht ein, dass es eine Erleichterung war.

                                 7

Ich vermisste sie. Doch jetzt konnte ich endlich selbst nach Helena
suchen. Nach meiner Helena.
      Ich hatte kein Produkt. Keine Dienstleistung anzubieten.
Keinen Job. Keinen Nutzen. Nur bewusst werdende Verflechtungen,
eine Form ungeliebter Intelligenz. Am Ende ist Bewusstsein das,
was alles zusammenhält und Chaos der Treibstoff des Lebens.
      Es gibt Menschen, die einen Aspekt eines Moleküls entdecken
und lange Zeit hat niemand eine Ahnung, was man damit anfangen
soll. Könnte ich nur die Beziehungen in die Unternehmen
hineinleben, stünden uns die Unternehmensstrukturen bei der
Wertschöpfung nicht mehr im Weg. Sie würden nicht verlangen,
dass wir für sie funktionieren. Dass das komplexere Leben sich ihrer
simplen Abstraktion unterordnet. Der Reichtum liegt in den
komplexen Verstrickungen. Sie bilden das Gehirn, die Intelligenz.
Es geht nicht darum Probleme zu lösen und einfacher zu leben,
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sondern in Herausforderungen zu leben, bis sich durch die
unabhängigen Individuen freiere, vielfältigere Ökosysteme
entwickeln, in denen die Wertschöpfung zwischen den Menschen
entsteht, nicht als Tauschgeschäft, als Arbeitsteilung oder als
monetäres Geschäft, das nur ein Machtverhältnis ist. Sondern als
gemeinsame Schöpfung, als bewusst mitgestaltete Realität, die
daraus entsteht, dass ich wahrnehme, hinsehe, fühle, erfahre und
eine Beziehung aufbaue.
      Die Beziehung nährt uns.
      Die Beziehung ist der Nährboden einer Kultur.
      Aber diese muss offen und frei zugänglich sein und vielfältige
Formen annehmen können. Ganz privat und intim sein, einzigartig
und ungewöhnlich. Intensiv und kaum in Worte zu fassen.

                                 8

Am ersten Jahrestag der Befreiung von Walter erhielt ich eine
Nachricht aus Fuschl. Dieser Tag erschien mir grau und realistisch.
Als wäre unsere Reise ein verblasster Moment der Vergangenheit
und wir wären wieder zur Alltagswirklichkeit zurückgekehrt.
      »Wir möchten uns gerne mit Ihnen treffen, Herr Speed! Wo
sind Sie denn«, fragte eine Männerstimme am Telefon.
»Im Moment in Wien«, antwortete ich.
»Das ist großartig«, sagte er. »Wir wollten eigentlich den Jet nach
New York nehmen, aber jetzt drehen wir einfach um und kommen
zu Ihnen. Beinahe hätten wir das Flugzeug verpasst. Lassen Sie uns
im Café Landmann treffen. Gleich morgen Vormittag?«
Ich willigte ein.
      »Sie sind ein netter Mensch«, sagte der als Kulturbeauftragter
getarnte Jurist, als wir uns an einem Donnerstag in Wien trafen, um
davon abzulenken, dass es einen moralischen Konflikt in seinem
Auftrag gab, als mir der Kellner gerade eine Sachertorte brachte.
      Was es wohl mit ihm machte, dass ich ein netter Mensch war?
      Weil ich doch harmlos aussah und alle dachten, ich wollte die
Welt verbessern. Die PR Abteilung war wohl ratlos und sah keine
Möglichkeit mehr, mich als böse zu stilisieren.
      Ich wäre irgendwie lustig, betonte der Dickere, der selbst
etwas jugendlich Freches an sich hatte. Der Ältere, etwas hager,
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hörte nur zu, als wäre »Zeuge« sein Job und er selbst von
Berufswegen ein Mikrofon, welches einfach konspirativ mit dabei
saß, innerlich Paragrafen blätternd, während ich erzählte, was ich
vorhatte.
»Sagen Sie mal, ganz unter uns, das war doch alles eine
Inszenierung, oder? Sie wollten doch nicht wirklich einen Stier
töten«, sagte der Freche, was dem Langen offenbar nicht gefiel, weil
in dem Begriff »Inszenierung« so etwas wie »Spielerei« steckte und
allein die Anreise der beiden vermutlich bereits eine stattliche
Summe verschlungen hatte.
       Es folgten eine Reihe von juristisch sinnvollen Fragen und
man gewann den Eindruck eines schwerfälligen Apparates im
Hintergrund. Als ginge es gerade um ein Milliardenprojekt, während
da aber dieser Mann saß, den sie nicht zu fassen bekamen.
       »Warum wollten Sie den Spaßvogel Stefan Raab einladen?
Das habe ich nicht verstanden«, äußerte Schmand, als wäre er jetzt
Kulturkritiker.
»Vielleicht war das ein Fehler«, sagte ich nachdenklich und
deprimiert, während ich unauthenisch lächelte, als sei ich eine
Witzfigur. »Vielleicht war alles ein Fehler.«
       Tatsächlich hatte ich kurz überlegt, den deutschen Showmaster
Raab, der Metzger gelernt und einst meiner Ex-Frau ein Ständchen
gesungen hatte, einzuladen, weil ich von der Nähe meines
Vorhabens zu den Wiener Aktionisten genervt war und das Ganze
aus der Kunstecke herauslösen wollte.
       »Das ist aber ungewöhnlich, für einen Künstler, einen Fehler
zuzugeben«, sagte Schmand süffisant lächelnd.
»Ja, Sie haben Recht, ich bin schwach und vielleicht bin ich gar kein
richtiger Künstler«, sagte ich, um gleich zu ergänzen: »Ich denke es
ist richtig Red Bull komplett umzubauen. Die Menschen sind jetzt
offen für einen radikalen Schritt! Für radikale Beziehungsfähigkeit.
       Ich habe das Recht gehört zu werden. Ihre Dosen sind überall
und es ist nicht richtig, dass nur sie die Welt gestalten und wir uns
fügen müssen«, sagte ich fordernd, was den Herren ernste Mienen in
die Gesichter trieb.
       Man könnte mir eine Kunstförderung anbieten. Red Bull tat
sehr viel für die Kunst und in ca. drei Jahren würde über den
nächsten Etat entschieden.
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»Das ist großzügig«, sagte ich: »Aber ich finanziere das, was es
braucht, damit wir einander näher kommen können, lieber selbst. In
diesem Moment habe ich 50 Euro und mit diesen habe ich immerhin
einen Teil des Benzingeldes von Jane bezahlt. Eine Friseuse aus
Königs Wusterhausen, die eigentlich das Projekt sponsert, indem sie
schwarz anderen Leuten die Haare schneidet. Und dann ist da ja
noch das Arbeitsamt. Man kann ja nicht von einem Unternehmen
erwarten, dass es jene Dinge leistet, die einzelne Menschen zu
vollbringen in der Lage sind.«
»Außerdem geht es ja darum den Faschismus aufzuhalten.«»Wie
bitte?«, fragte Schmand verwirrt. Sie hatten gehofft, dass ich dieses
Wort nicht mehr benutzen wollte, waren von einer anderen
Abteilung deswegen gewarnt worden. Es hatte da wohl schon einen
Briefverkehr gegeben.
      »Der Faschismus. Sie wollen sich doch nicht gegen eine
Aktion gegen den Faschismus stellen«, sagte ich.
»Natürlich nicht. Das müssen Sie mir nochmal genauer erklären.«
      Dass dies völlig offensichtlich sei, betonte ich. Wolf Lotter
von der Zeitschrift Brandeins meinte eine Woche zuvor am Telefon,
ich hätte vollkommen Recht damit, dass der Mensch sich der
Marken bemächtigen sollte, nur nicht prinzipiell, warf der Lotter
ein, weil das ja dann rasch Sozialismus sei oder so ähnlich. Später
hatte ich dem Lotter geschrieben, dass ich mit 99 Prostituierten ein
Manifest über den Sinn der Werbung verfassen wollte. Seit dem
hatte ich nichts mehr von ihm gehört, wäre aber zuversichtlich
Brandeins brächte schon bald einen Artikel über die Vorgänge und
warum der Stier bereits tot ist.
»Der Stier ist schon tot?«, fragte Schmand und sein Begleiter wurde
von Minute zu Minute blasser.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte ich. »Glücklicherweise bin
ich kein verrückter Künstler, sondern ein einfacher Bürger. Man
könnte sagen, ich bin ein Kunde von Ihnen. Übrigens, was ich schon
die ganze Zeit sagen wollte: Red Bull wirkt überhaupt nicht. Ich
merke keinerlei Unterschied. Ich fühle mich völlig normal.«
      Das machte Ihnen Angst. Einige Tage später erhielt ich erneut
Nachricht. Man überlege mich wegen Nötigung und Erpressung zu
verklagen. Herr Mateschitz und ein paar andere waren allerdings
daran interessiert mehr zu erfahren, erklärte Schmand, als würde
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mich das beeindrucken, als wäre es ein Hinweis, dass man mir
vielleicht einen Job anbieten könnte, möglicherweise als Test, ob
dies mein Verhalten veränderte.
»Ich will doch nur mit Ihnen über unsere Beziehung sprechen«,
sagte ich, aber niemand rief zurück.

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Schließlich stellte der Journalist eine letzte Frage. Wir hatten uns bei
Jane getroffen. Er kam als Freund. Ohne Aufnahmegerät und ohne
seinen Notizblock. Er atmete tief durch. Offensichtlich hatte er sich
lange darauf vorbereitet.
      »Wie ist Helena gestorben?«
      Seine Frage durchbohrte mich, denn nie hätte ich damit
gerechnet, dass er es die ganze Zeit wusste. Mit ruhig gefasster
Stimme sagte ich: »Es war völlig sinnlos. Ich konnte nichts dagegen
tun. Ich habe sie nicht rechtzeitig gesehen.«
Es blieb ein Moment der Irritation. Warum es mir noch immer
schwer fiel auszudrücken, was sie mir bedeutet hatte? Ich kam mir
dumm vor, dass ich deswegen Red Bull bedroht hatte. Dass ich der
Welt die Schuld gab, dafür dass ich sie nicht mehr fühlte.
»Du bist nicht allein«, unterstützte er mich. Es kam ihm nun
wohltuend komplexer vor. Geradezu menschlich.

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Es war ein Donnerstag, als ich in Fuschl eintraf. Es müssen an die
fünfzigtausend Menschen gewesen sein. Männer, Frauen und
Kinder. Helena war auch da und Dr. Frank, Jane und Igor.
»Ist das Sandra Bullock?«, fragte ich Dr. Frank erstaunt und er
nickte. Sie gab den Leuten die Hand und sagte immerzu, dass es OK
wäre.
Viele brachten den Helenas Blumen und waren erstaunt, dass so
viele gekommen waren.
Der dicke Chemiestudent führte den Bullen. Ein kräftiger Bursche
mit dunkelbraunem Fell und Flecken in Form europäischer Länder
und Kontinente. Wir halfen Helena hoch.
Sie nahm die Zügel und rief: »Was für ein süßer, kleiner Moloch!
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Seht her und begreift ihn selbst!«
Hunderte Hände betatschten den Stier.

Für einen Moment war es ganz still in Janes dunkler Küche.

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