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# Stärke in der Armut - Ein Essay als Entwicklungsprozess.

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© 2014 Timothy Speed. All textual rights remain with the author.

Über den Autor: Timothy Speed ist ein britisch-österreichischer
Schriftsteller und Künstler, der sich mit der Rolle des freien und

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unangepassten Individuums in politischen und wirtschaftlichen
Systemen befasst. Er hat die Grundlagen der Kreativität in strukturellen
Evolutionsprozessen untersucht und dabei zahlreiche methodische
Ansätze entwickelt, die aufzeigen, wie mehr individuelle und
gesellschaftliche Freiheit, Innovation und Realitätskompetenz
entstehen kann. Wegen seiner unkonventionellen Ansätze, bei denen er
seine eigene Existenz riskiert, um wichtige Entwicklungsprozesse in
Wirtschaft und Politik anzustoßen, ging er 2013 pleite und wurde
anschließend wegen seiner Arbeit als Künstler von deutschen Behörden
verfolgt und in existenziell bedrohliche Situationen getrieben. Aus
dieser Erfahrung entstand der folgende Essay.

Über den Essay: In „Stärke in der Armut“ wird das Konzept des
„schuldigen Armen“ in Frage gestellt, auf dem die strukturelle
Entmündigung von Menschen und Staaten in Not beruht. Speed
entlarvt die traditionellen Vorurteile, Missverständnisse und
Rollenbilder in der Armut und auch, wie diese von den Eliten benutzt
werden, um die Meinungsmacht in der Gesellschaft zu lenken. Finden
die Armen zur verbotenen, inneren Stärke, ergründen ihr entwertetes
Wissen, durch welches Gesellschaft hinterfragt und neu gestaltet
werden kann, werden auch ihre natürlichen Kompetenzen sichtbar, die
teils bewusst vom Markt ausgeschlossen werden. In diesem Prozess der
bewertungsfreien Bewusstmachung von tieferen Zusammenhängen,
muss der Gesellschaftsvertrag, die Beziehung zwischen Armen,
Arbeitern, Unternehmen, Eliten und Staat neu und gleichberechtigt
verhandelt werden.
     Speed lebt hier einen selbstbewussten Verarmten vor, der
Ansprüche stellt und von der anderen Seite der Armutserfahrung
erzählt. In seinen „systemkreativen“ Ansätzen und Prozessen zeigt er
auch Antworten auf die Frage, wie neue Märkte, ja eine ganz andere
Ökonomie, durch einen offeneren Umgang mit der Armut entstehen
könnte. Eine verdrängte Perspektive, die gesehen und deren Stimme
gehört werden sollte.
     Dieser Essay bedeutet das geistige Ende von Hartz IV und der
zunehmenden Effizienzsteigerung in den Unternehmen, zu Gunsten

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einer Sperrigkeit, die sein darf, um Realitätskompetenz und
Innovationsfähigkeit zu entwickeln. Das könnte der Anfang von
kreativen und humanen Wertschöpfungsprozessen werden, die zu
breiterem Wohlstand führen. Ein spannender Ausblick, mit sehr vielen
provokativen und neuen Ideen.

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 Stärke in der Armut
Ein Essay als Entwicklungsprozess. Von Timothy Speed

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            Der selbstbewusste Arme. Eine Anmaßung?

Es liegt eine tiefe Wahrheit darin, dass die Armut nur von den Armen
überwunden werden kann. Ich selbst befinde mich seit geraumer Zeit
als Künstler in einer Situation großer wirtschaftlicher Armut und habe
zeitweise nicht genug Geld, um mir etwas zu essen zu kaufen. Kälte
und die Erfahrung von Wohnungslosigkeit sind mir vertraut. Dies mag
Sie erschrecken, denn zum Fluch und Segen der Armut, falls man das
sagen kann, zählt eben auch ihre Unsichtbarkeit in modernen
Gesellschaften. Die Armut steht im Widerspruch zu den meisten
Grundannahmen, welche wir von den „weiter entwickelten“
Industrienationen haben. Unsere Stellung, unser Weltbild, unsere
politischen Überzeugungen müssen sich in einem Land, indem es
scheinbar kaum Armut gibt, weniger einer transparenten Diskussion
stellen, als dort, wo Ungerechtigkeit und dessen Verursacher für jeden
sichtbar sind. Der Besitzstand muss nicht die durch moralische
Diskussionen oder neue Gesetze erzwungene Umverteilung fürchten,
solange die Armut als ein Randproblem betrachtet wird, um welches
sich Behörden kümmern, welches angeblich durch das Versagen von
anderen, besonders den Armen selbst erzeugt wird.
      Überhaupt ist Armut dort kein Thema, wo der Staat glaubhaft
machen kann, sich für den Bürger um den Abbau derselben zu
bemühen. Gerechtigkeit wird an dieser Stelle bereitwillig
institutionalisiert, anonymisiert und mit geordneten Verhältnissen
verwechselt, dem Zwang zur Unauffälligkeit. Was dahinter an neuer
Ungerechtigkeit passiert, bleibt auf bequeme Weise unsichtbar. Wo
diese Täuschung gelingt, sehen wir nicht mehr genau hin, achten nicht
auf die Vorgänge in Jobcentern, Kinderheimen, Jugendämtern oder
Firmen, die Menschen unter unmenschlichen Bedingungen
beschäftigen.

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      Was ich Ihnen heute anbieten will, ist das bisher noch
unentdeckte, verschmähte Wissen der Armen selbst, sowie eine neue
Form der gemeinsamen und bewussten Gestaltung von Gesellschaft. Es
wird Sie vielleicht nicht überraschen zu erfahren, dass viele Hindernisse
in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft auf den Mechanismus der
Armut zurückzuführen sind. Der Mangel an Geld ist überall spürbar.
Worum es mir hier geht, ist eine mögliche Entfesselung der kreativen
Schöpfungskräfte des Menschen, die ich im Mechanismus der Armut
blockiert sehe. Dabei verfolge ich einen neuen Ansatz, der
wirtschaftliche und kulturelle Innovation mit tieferem Verstehen der
Armutserfahrung verbindet. Dies meine ich wesentlich radikaler und
umfassender, als es vielleicht klingt.
      Die Armut ist ein besetztes Land und die Armen sind ein
besetztes Volk. Wer dieses Land beherrscht und darüber die
Deutungshoheit einnimmt, kann damit die Geschicke der Welt lenken.
Denn mehr noch als mit Geld, ermöglicht es die Dominanz darüber,
wie die Armen gesehen werden sollen, seien es Individuen oder ganze
Länder, viele der anderen Bereiche der Gesellschaft zu manipulieren.
Mit fein gestreuter Angst aber auch über Wertestrukturen und
Mechanismen der Zugehörigkeit und des Anpassungsdrucks. Die
subjektive Perspektive eines Menschen in Armut kann darum ein Hebel
sein, welcher überholte Überzeugungen mit den erlebten Realitäten
abgleicht, der im übertragenen Sinne Kontinente verschiebt.
      Dass dieses Angebot eines zivilisatorischen Fortschritts von
einem „Verarmten“ kommt, mag Ihnen merkwürdig erscheinen und
diese Irritation kann nicht nur für die Menschen in schwierigen
Lebensumständen eine Form der Befreiung aus statischen
Rollenbildern bedeuten. Findet die Arme zur Stärke, schwindet der
nicht selten heuchlerische moralische Druck, der auf uns allen lastet, zu
helfen. Gleichzeitig wächst unsere Verantwortung zur Mitgestaltung
auf Augenhöhe, zu Respekt gegenüber Menschen, die versuchen aus
schwierigsten Situationen das Beste zu machen und gegenüber jenen,
denen man wegen ihres Elends derart zusetzt, dass sie uns als
frustrierte Zeitgenossen, als Aggressoren erscheinen. Eine
Respektlosigkeit, die entsteht, da wir die dahinter liegenden

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Zusammenhänge missverstehen.
      In diesem Essay will ich eine Lanze brechen für jene Geschenke
an das Gemeinwohl, die zwar zum Prozess breit angelegter und darum
für eine offene Gesellschaft notwendiger Wertschöpfung gehören, aber
nicht selten in der Gestalt der Destruktion erscheinen. Jene Geschenke,
die nicht weniger wertvoll für die bewusste Gesellschaftsgestaltung sind
als der uns nicht selten zurecht langweilende Tugendterror der ewig
fleißigen Bienchen, die sich durch ihre Regsamkeit jenem Diskurs zu
entziehen versuchen, in welchem vielleicht verstehbar würde, dass auch
in den verachteten Handlungen und Ergebnissen wichtige Beiträge zum
Gesamten zu finden sind. Nur ist ihre Sprache eine andere. In ihrer
richtigen und missverstandenen systemischen Verortung liegt ein Land
von gewaltiger Größe, ein Universum voller unentdeckter Ressourcen
und Überraschungen, die bisher im mechanischen und linearen Denken
vieler Wirtschaftstreibender unbemerkt blieben. Die Armut, wie ich Sie
Ihnen darlegen will, ist wie die Entdeckung Amerikas durch Columbus.
Zunächst unterschätzt. Am Anfang nur eine Frage von Gold und
materiellem Reichtum. Erst später wird verstanden, dass die daraus
resultierenden Veränderungen, im positiven wie negativen Sinne, alle
Bereiche der Gesellschaft erfassen. Von der Wissenschaft, über die
Kultur bis hin zu den Lebensbedingungen.
      Sehen Sie es bitte als Chance, dass ich von Ihnen erwarte mich
nicht als Opfer zu betrachten. Was nicht zwangsläufig Gefühllosigkeit
zur Folge hat, sondern ich Ihnen viel mehr als gleichberechtigter
Partner begegne, indem ich ein Mitmachendürfen einfordere.
Allerdings mit dem Recht auch eigene Ansprüche, Vorstellungen und
Antworten zu haben. Wertvolle Entdeckungen, die ich erlangt habe,
weil ich durch die Erfahrung der Armut gegangen bin.
      Möglicherweise ist es Ihnen unangenehm, dass ich als
Schriftsteller aus der Position der Armut zu Ihnen spreche. Sie
kommen sich vielleicht dumm vor. Hören Sie einem Armen zu, oder
einem Schriftsteller? Was bedeutet dies für den Wert meiner Worte?
      Sie schämen sich möglicherweise sogar, dass dies passiert, im Land
der Dichter und Denker.
      Hier möchte ich Sie bitten genau hinzusehen, nicht

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wegzuschauen, sich nicht einzureden, ich käme leicht aus dieser Armut
heraus, weil ich mich ausdrücken kann, weil ich Gehör finde, weil ich
mich gewaschen habe und kreative neue Ideen einbringe. Dies ist kein
leichtfertiges Experiment, sondern etwas, von dem auch ich dachte, es
könne mir nicht passieren.
      Tatsächlich sind viele meiner Talente und guten Absichten der
Grund, weshalb ich verarmt bin. Ein Zusammenhang, der Sie
vermutlich irritiert. Gesellschaftliches Engagement, Idealismus,
Wagemut für eine gute Sache, können genauso zu Armut führen, wie
die Gründung eines Unternehmens mit guter Absicht in den Ruin
führen kann. Das „Richtige“ zu tun und etwas zu leisten ist kein Garant
für Wohlstand. Heute weniger denn je.
      Das mag Sie erschrecken, ja beunruhigen. Es kann aber auch neue
Haltungen ermöglichen, in denen Chancen liegen. Erwarten Sie von
mir keinen kurzen Weg. Diesen gibt es nicht.
      Ich versuche an einzelnen Schrauben zu drehen, Perspektiven zu
verändern, Haltungen zu finden, die später zu Konkreterem führen
können. Ist es nicht seltsam, wie wir das, was nicht konkret, was nicht
produkthaft ist, für wertlos erachten? Was tun wir damit jenen an, die
zum Beispiel in einer Entwicklungsphase sind? Besteht hier nicht eine
Pflicht, das Gefühl der Verwirrung, der Irritation, der Ungeduld, die
solche Prozesse in einem auslösen, auszuhalten?
      Weder Leistung führt zwangsläufig zu Wohlstand noch eine
entsprechende Ausbildung. Diese Zeiten sind vorbei. Verarmung kann
erschreckend schnell passieren und sie kann fast jeden treffen. Nur
wird darüber immer seltener berichtet. Da die Menschen in Armut
keine Stimme haben. Sie werden als Experten nicht anerkannt.
      Dies ist ein weiterer Grund, weshalb Sie vielleicht verzweifelt nach
einer äußeren, für Sie nachvollziehbaren, vielleicht sogar
biographischen Ursache für meine Situation suchen. Weil diese andere,
tiefere Wahrheit schwer zu ertragen ist. Spreche ich Sie hier direkt an,
dann nicht um ihnen etwas vorzuwerfen, sondern um Sie versuchsweise
an jenem Dialog teilhaben zu lassen, der einem Menschen in der Armut
fortlaufend begegnet. Mir geht es darum auch die Emotionalität des
Themas zu vermitteln. Die dunklen Gefühle, die Missverständnisse, die

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einen erfassen, sobald man mit der Armut in Berührung kommt.
     Sie fragen sich vielleicht: Was will er denn eigentlich? Nun,
worum geht es mir? Ich muss mir doch nur einen Job suchen. Mich
anpassen, rasieren und machen, was erwartet wird.
     Ich erlaube mir die Frage: Ist es möglich, dass ich als Mensch in
Armut besser die Lage einschätzen kann, meine eigene Situation besser
verstehe, als Außenstehende es können? Ist es denkbar, dass ich
Gründe habe zu tun, was ich tue, die jene einfache oder voreilige Sicht
widerlegen? Gilt nicht das, was für jede andere Spezialisierung
angenommen wird, auch für die Experten in der Armut? Sind Sie eine
kompetentere Arme als ich es bin?
        Ich möchte, dass mein aus der Armut gewonnenes Wissen als Kompetenz auch Teil einer Lösung sein
darf.
 Meiner Lösung. Eine Kompetenz, die ich für mich mit eigenen Worten
formuliere. Ich möchte, dass Sie mir zugestehen der Grund meiner
Armut läge möglicherweise nicht darin, dass ich etwas falsch gemacht
habe oder gescheitert bin. Dass ich Sie darum bitten muss, dies in
Erwägung zu ziehen, sollte Ihnen zu denken geben. Ein Dialog auf
Augenhöhe sollte selbstverständlich sein und wichtig, damit die
Gesellschaft wieder als Team arbeiten kann. Wollen wir klar sehen und
die Dinge beim Namen nennen, darf es keine verbotene, keine
entwertete Perspektive geben. Tatsächlich ist diese Zensur überall
anzutreffen. Weil die unabhängige Wertschöpfung selbst, welche nicht
in institutionellen Vorgaben, Arbeitsmärkten oder Gesetzen des
Wettbewerbs geregelt ist, unter permanentem Verdacht steht ein Risiko
zu bedeuten. Wichtiger noch, als dass die Wertschöpfung selbst
passiert, ist, aus der Sicht moderner Politik, ihre Standardisierung, ihre
Beherrschung. Reden wir von Wirtschaft, meinen wir Ordnung.
Sprechen wir von Geld, meinen wir Status. Ist von Arbeit die Rede,
meint man die zugewiesene Rolle innerhalb eines Arbeitsverhältnisses.
Überall missverstandene Begriffe und Motive, die wenig mit dem
breiten Wohlstand einer Gesellschaft zu tun haben.

 Was führt wirklich zu breitem Wohlstand? Schnell denkt man an
Marketing, an Wirtschaftsförderung, an Leistung. Doch was kommt
lange vor dem? Gibt es eine Kinderstube des Wohlstandes? Den wir
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    vielleicht verdrängen wollen, weil der Weg von dort bis zum
                unmittelbaren Gewinn ein langer ist?

      Werte sind ständigem Wandel unterworfen. Umso freier und
tiefgreifender dieser Prozess ihrer Entstehung, umso werthaltiger eine
Ökonomie. In den Anfängen ist Wertschöpfung immer zerbrechlich
und voller Makel. Keine Technologie war bei ihrer Entstehung frei von
Problemen. Jede benötigte bei den ersten Schritten Hilfe. Jede wurde in
der ersten Phase verachtet und unterschätzt. Sie ahnen es schon! Ich
will die Armut im wirtschaftlichen Kontext als ein Produkt begreifen,
als einen Dienst an der Gesellschaft, der gleichberechtigt und
revolutionär neuartig, einen Zugang zum Markt sucht. In der Armut
zeigt sich nichts Anderes als die Verdrängung jener Prozesse, die zum
Leben dazu gehören, zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Oben
und Unten, die aber eine Investition von Geld, Zeit und Energie
bedeuten, was heute zunehmend weniger Unternehmen leisten und
zunehmend weniger Politiker verteidigen wollen. Es ist schlicht
bequemer die komplexen und oft negativen Auswirkungen des nackten
Gewinnstrebens von sich zu weisen. Während die Kosten für die
beispielsweise    aus    politischer   Ignoranz    und     struktureller
Ungerechtigkeit entstandenen Entwicklungsprozesse zunehmend von
der Zivilgesellschaft übernommen werden, wie die Kosten für den
Ausgleich eines nicht funktionierenden Kapitalismus. Obwohl dies in
einem für die Gesellschaft unheilvollen Ungleichgewicht, zunehmend
erkennbarer wird, befassen Firmen sich nur noch mit der Gewinnzone,
die auch auf den Mühen anderer gebaut ist, die aber am Gewinn nicht
mehr, oder nicht ausreichend beteiligt sind. Jenen die man als
Konkurrenz verdrängt oder als Arbeiter ausbeutet hat, weil man für die
Folgekosten im Gesundheitssystem, oder die Umweltschäden
beispielsweise nicht aufkommen muss. Es ist Zeit die Teilnahme an den
nachhaltigen Prozessen einzufordern, die uns heute alle erfassen, oder
diesen Firmen unsere Unterstützung zu entziehen! Gelingt es nicht die
Prozesse, die wir alle mittragen in die wirtschaftliche Rechnung mit
einzubeziehen, wird der Wohlstand für die breite Masse schließlich
verloren gehen. Die Armen tragen in sich, mit ihrer Existenz diese

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Prozesse und sollten selbstbestimmt, wie ein Startup, mit ganz eigener
Lebensweise, Haltung, Sprache und Kultur damit umgehen können.
Möglicherweise brauchen wir genausoviel Zeit den Kapitalismus zu
überwinden, wie man benötigte um diesen aufzubauen. Es gibt keine
einfache Antwort und die braucht es auch nicht. Was es braucht, sind
Menschen, die sich auf den Weg machen und täglich das Recht
einfordern, sich auf den Prozess einzulassen. Auf die Fragen und
Zweifel, auf die Gefühle von Mangel und Frustration, welche die
moderne Arbeitswelt heute für viele bedeutet, in der kaum noch etwas
stimmig ist, oder als richtig und gerecht beschrieben werden kann. Es
mag manche frustrieren, dass es keine rasche Antwort gibt, keine
einfache Lösung. Diese würde das hinsehen, das tatsächlich sich auf den
Prozess einlassen, verhindern. Das Ergebnis wäre neues Leid und neue
Konflikte. Es ist heute keine Schande mehr wirtschaftliche
Schwierigkeiten zu haben. Es verschärft aber das Problem und das will
ich hier aufzeigen, sich nicht den Raum und die Zeit zu nehmen, die
benötigt wird, damit daraus eine selbstbestimmte Antwort hervorgehen
kann.
     Ich glaube nicht daran, dass der Weg der Anpassung die
Menschen aus der Armut führt. Doch gehen wir Schritt für Schritt!
Das Thema ist komplex und das ist gut so. Wer komplexer schaut,
blickt realistischer!
     Bitten die Verarmten heute um Hilfe - denn Gleichberechtigung
können sie nicht erwarten, da ihnen diese strukturell in der Armut
genommen wird- unterliegen sie systemisch zunächst der Entwertung.
In der Haltung der „Hilfe“ steckt schon die Verachtung gegenüber dem
von der Norm Abweichenden. Dass hier etwas in einer fremden
Kategorie als gleichwertig daher kommt wird ausgeschlossen, was jede
Wertschöpfung aus der Notlage heraus behindert. Wenn aber jede
Neuschöpfung zunächst eine Notlage, eine Krise ist, stellt die Haltung
der „Helfenden“ eine Form der Innovationsverhinderung dar. Wenn
diese Gesellschaft kreativer und innovativer, realistischer und
menschlicher werden soll, müssen wir uns von der Haltung der
„Helfenden“ hin zu einer gleichwertigen Partnerschaft bewegen,
zwischen denen die durch Krisen gehen, um sich zu entwickeln und

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denen, die sich im Zustand entwicklungsferner Stabilität befinden.
      Analog zum „bildungsfernen“ spreche ich provokant von den
„entwicklungsfernen“ Schichten und meine damit jene gutbürgerliche
Welt, oder die Ebenen der Reichen, für die Veränderung noch immer
mehr Risiko als Chance bedeutet. Da sie, um es mit Erich Fromm zu
sagen, mehr im Haben leben und weniger im Sein. Die
„entwicklungsfernen“ Schichten wollen den „entwicklungsnahen“
Gruppen ihre Veränderungsprozesse nicht zugestehen, weil diese über
kurz oder lang die Gesamtgesellschaft weiter entwickeln würden. In der
Armut sehen wir sehr viele „entwicklungsnahe“ Menschen, deren
Beitrag jedoch ausgebremst wird. Dies lässt sie für den
Außenstehenden als passiv oder statisch erscheinen. So entsteht das
Klischee des Arbeitslosen, der zu Hause vor dem Fernseher
dahinvegetiert. Ein Vorwurf, der ihnen häufig von den
„entwicklungsfernen“ Schichten in der Projektion vorgeworfen wird.
Von denen die Bequem im Wohlstand vegetieren.
      Natürlich erscheint uns darum die Armut nicht als Pool von
Kreativität und Innovation. Ohne aber die „entwicklungsnahen“
Menschen, deren Leben nicht im stabilen Statuserhalt verläuft, sondern
vielleicht im Ungleichgewicht, von den Ketten der Armut zu befreien,
landen früher oder später alle „Entwicklungsnahen“ in der Armut.
Während der ganze Wohlstand bei den „Entwicklungsfernen“ bleibt,
wo dieser aber dann nur noch mit Gewalt und Unterdrückung
eingefordert werden kann, weil der natürliche Fluss der
Neuentwicklung abgewürgt wurde. Wenn nur noch jene die
Gesellschaft mitgestalten dürfen, die es sich finanziell leisten können,
zu scheitern, leben wir bald nur noch in einer von Konzernen
gestalteten Welt. Armut und Innovationsfähigkeit einer Wirtschaft
hängen darum unmittelbar zusammen. Wer Armut oder Verlust
fürchtet, wird weniger kreativ, weniger mutig und bleibt im Status
Quo. Darum ist die Auseinandersetzung mit der Armut heute für
unseren nachhaltigen, wirtschaftlichen Erfolg zentraler, als die
Förderung      von Leistung und Elitenbildung. Nicht der
Konkurrenzkampf bringt die entscheidenden Impulse, sondern die
Integration verdrängten Wissens.

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      In einem tieferen Verständnis der Mechanismen, die zu Armut
führen,      wie     Risiken    einzugehen     oder      in   ungünstigen
Lebensbedingungen gefangen zu sein, kann die Beziehung zwischen
den „Entwicklungsfernen“ und den „Entwicklungsnahen“ neu
verhandelt und in ein sinnvolles Gleichgewicht gebracht werden. Es ist
für ein System einfach ungesund, wenn die „Gesättigten“ über die
„Hungrigen“ herrschen. Die Armut ist nichts was man verwalten und
regeln sollte, sondern ein natürliches Gegenüber, welches Bewegung in
die Strukturen bringen sollte. Viele großartige Dinge sind aus der
Mangelerfahrung heraus entwickelt worden. Sei diese nun geistiger,
materieller, kultureller oder sozialer Natur. Statt „Hilfe“ anzubieten, ist
es vielleicht heute an der Zeit die „Entwertung“ dieser Erfahrung zu
beenden und Respekt gegenüber „entwicklungsnahen“ Menschen zu
entwickeln und zuzulassen, damit die Veränderung weniger gefürchtet
werden muss. Der Blick der „Helfenden“ ist nicht an längerfristigen
Entwicklungsprozessen und Kontexten interessiert. Sondern der
„Helfende“ will etwas wegmachen, nicht etwas honorieren.
      Den „Helfenden“ ist es lästig, wenn ihr Angebot einer meist
simplen, sie selbst wenig belastenden Lösung nicht zum sofortigen
Erfolg führt und mit großem Dank angenommen wird. Denn sie leiten
von ihrer Entwicklungsferne einen höheren Status ab. Genau das aber
zerstört und behindert Wirtschaft und Gesellschaft in vielfältiger
Weise, weil das, was Evolution ausmacht, nämlich die Krise, vermieden
und in ihren Konsequenzen voreilig entwertet wird.
      Stellt sich für den „Helfenden“ keine Lösung des Problems ein, ist
im Zweifel immer der Arme selbst daran schuld. Dabei befindet dieser
sich lediglich noch immer im Prozess der Entwicklung, was in einem
lebendigen Organismus keine Schande sein sollte. Im Zweifel ist das,
was entstehen will, einfach größer, komplexer, großartiger, als die
Erwartung des „Helfenden“ es möglich machen will.
      Während            die   „Helfenden“      ihrerseits   mit    einem
Ressourcenverschleiß leben, der unangetastet und unhinterfragt bleibt,
sollen die Menschen in Notlagen ihre eigenen Ansprüche reduzieren.
Die Helfenden können für sich oft als „Lebensnotwendig“
beanspruchen, wovon anderswo ganze Familien leben müssen.

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      Dies ist nur eines von vielen Mechanismen, die dazu führen, dass
Menschen in Notlagen zu boshaften, unkooperativen oder
undankbaren Persönlichkeiten stilisiert und diffamiert werden. Somit
legitimiert sich schnell die Erhöhung des Druckes, im Sinne der
ruppigen Frage: „Was wollt Ihr denn noch? Ich habe Dir schon ein
Brot gegeben. Nun kannst Du doch wieder leben und Dich wie ein
normaler Bürger verhalten! Da ist ein Job. Irgendein Job. Wenn Du den
nicht annimmst, bist Du selbst schuld.“ Dabei wird vorausgesetzt die
Armen lebten in einer vereinfachten Welt der vielen Möglichkeiten,
und wären nicht ebenfalls den Regeln des modernen Arbeitsmarktes
unterworfen oder würden nicht nach Qualifikation, Motiven,
Wünschen oder Zielen gefragt, die immer im Widerspruch zu dem
jeweiligen „beliebigen“ Job stehen, sowie zu den Erwartungen der
Arbeitgeber. Die Armen werden, weil sie jeden Job annehmen sollen,
auch wenn ihnen dieser nicht liegt, in die Rolle der Inkompetenten
gezwungen, was ihre Situation nur verschärft. Oder würden Sie
jemanden einstellen, der genötigt wird diese Arbeit zu tun? Es gäbe nur
zwei Gründe als Unternehmer diese Person einzustellen. Ihre eigene
Inkompetenz, oder die Absicht die Situation auszunutzen, den in diese
Position genötigten Arbeitnehmer auszubeuten! Beides lässt Sie in
einem schlechten Licht dastehen. Die dritte Möglichkeit, anzunehmen,
dies aus Menschlichkeit zu tun, ist eine Form der Selbsttäuschung, die
weder Ihnen noch dem Menschen in Armut weiterhilft. Es wäre
lediglich ein bequemer Weg sich den grundlegenden Fragen und
Veränderungen nicht stellen zu müssen. Hier erfüllt die Armut und
unsere weit verbreitete Vorstellung von Hilfe häufig eine
missbräuchliche Funktion, die all zu oft eher den eigenen Motiven des
Helfenden dient und nicht generell dem Armen. Diese Art der Hilfe ist
häufig eine Beleidigung und Demütigung der Armen, die diese Art des
Selbstbetruges auf Grund des gesellschaftlichen Drucks glauben über
sich ergehen lassen zu müssen.
      Die Armen sollten sich erklären dürfen. Eigene Zusammenhänge
darlegen können. Zusammenhänge, aus denen sich eigene Strategien
entwickeln ließen. Wobei hier die Betonung auf Prozessen liegt, die
nicht zwangsläufig den Vorgaben einer Wirtschaft entsprechen müssen,

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die glaubt zu wissen, was in Zukunft wertvoll sein wird. Das bei den
„Entwicklungsnahen“ verborgene, systemische Wissen muss als
Potential gesehen und zugänglich gemacht werden. Nicht in erster
Linie, weil es den Armen hilft Arbeit zu finden, eingegliedert zu
werden oder Unternehmen zu gründen. Sondern weil ohne dieses
Wissen unsere regulierte Wirtschaft, unser von Machtstrukturen
durchsetzter Arbeitsmarkt die breite Wertschöpfung abwürgt und sich
gegenüber neuen Ebenen und Kontexten abschottet, auf oder in denen
heute Innovation passieren kann. Es ist nicht mehr der technologische,
sondern vielleicht der soziokulturelle und der kreative Bereich selbst, in
dem neue Märkte oder Ideen, wie Gesellschaft und Wirtschaft sich neu
zu einander verhalten, entdeckt werden können. Auch dieser Essay ist
ein solcher Ansatz.

      Wissen ist Macht. Eine Neubetrachtung der Kompetenz.

      Obwohl unser Bildungssystem uns das Gegenteil weismachen
will, liegt Kompetenz auf allen Ebenen der Gesellschaft. Bei den
alleinerziehenden Müttern, bei den Unterbezahlten, bei den
Entrechteten, bei den Jugendlichen, bei den scheinbar Verrückten,
sogar bei dem einen oder anderen Topmanager.
      Wie wir diese Kompetenz bewerten ist relativ und
situationsbezogen. Niemand würde sich anmaßen als Laie die
Fähigkeiten eines Atomphysikers zu beurteilen, oder sich gar in dessen
Situationsanalysen und Entscheidungen einzumischen. Beim Armen
tun wir dies dauernd.     Was ich hier sage ist provokant und auf den
ersten Blick mag man vielleicht aufschreien und widersprechen. Denn
auf dem Spiel steht der hart erarbeiteten Status, die erbrachte Leistung
und die damit verbundene wirtschaftliche Stellung, die als verdient
betrachtet wird und die es gegen den Armen abzugrenzen gilt. Aber
geben Sie bitte auch mir die Chance die Komplexität und
Vielschichtigkeit dieses Themas umfassend darzulegen, bevor Sie sich
für ein abschließendes Urteil entscheiden! Wir verhandeln in diesem

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Augenblick den Gesellschaftsvertrag neu. Die Armut sitzt mit am
Tisch und hat aufgehört aus falscher Scham zu schweigen. Das
Verhältnis zwischen Mensch, Staat und Wirtschaft darf neu betrachtet
werden. Hass und Verachtung sollen für den Moment als integraler Teil
der Betrachtung von Armut und als Werkzeug dienen, um mit ihrer
Hilfe die Hintergründe sichtbar zu machen und heraus zu schälen,
weshalb Menschen in Elend ihrer Rechte beraubt werden. Hier geht es
um ein Verhältnis, in dem ich mir nicht anmaßen möchte allein für die
Armen als solche zu sprechen. Mir geht es darum die Diskussion
anzustoßen, nicht diese zu dominieren. Ich möchte Ihnen meinen
Umgang mit der Situation des Armseins vorstellen, meinen Versuch die
Armut in Würde zu überwinden. Dies habe ich zur Stunde, was meine
finanzielle Armut betrifft, noch nicht geschafft, da ich es mir nicht
leicht machen will. Ich versuche die Armut selbst zu überwinden, nicht
nur meinen aktuellen Mangel an Geld. Das mag ein für KünstlerInnen
typischer, überhöhter Anspruch sein, aber wie Sie gleich erfahren
werden, ist Scheitern keine Folge mehr, die um jeden Preis verhindert
werden muss, sondern die Grundvoraussetzung für Fortschritt und
Entwicklung. Hier geht es um eine reifere Haltung. Um ein anderes
Wissen, dass kein Ingenieurswissen und kein Computerwissen ist,
sondern von einer anderen Kategorie, für die es vielleicht noch keinen
Namen gibt. Mit diesem Essay versuche ich einen Prozess auszulösen
und es hängt auch von Ihrer Bereitschaft ab, diesen Weg, der sicherlich
auch nicht immer perfekt verläuft, zuzulassen! Was hier im Kleinen
gilt, gilt auch für das größere System. Der Weg kommt vor dem Ziel.
Für den Entwicklungsweg braucht es andere Kompetenzen, als für den
Verkauf von Produkten. Zerbrechlichkeit, Sensibilität, zuhören
können, warten können.
      Es geht zunächst, wie in jeder Form der Kompetenz, um ein
sperrig sein gegenüber den scheinbar simplen Lösungen, die auf längere
Sicht betrachtet vielleicht keine sind. Vor uns liegt sehr viel Arbeit.
Sehr viel Enttäuschung und Irritation. Stärke in der Armut ist nicht die
Lösung für Alles und muss dies auch nicht sein. Ohne sie kommen wir
aber bei den psychosozialen und, was nicht weniger bedeutend ist, bei
den wirtschaftlichen Fragen unserer Zeit, meiner Ansicht nach, nicht

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weiter. Es ist eine Ironie der Situation, dass hier ausgerechnet jemand
aus der Armut heraus ein Programm der Wirtschaftsbelebung aufzeigen
will. Mein Motiv ist es nicht, so schnell wie möglich an Geld zu
kommen, sondern die Wirtschaft selbst lebendiger und dynamischer zu
gestalten. Weil ich für mich verstanden habe, dass der kurzfristige
Vorteil in unserer komplexen Welt keine Haltung mehr sein kann, aus
der heraus sich echte und nachhaltige Antworten erarbeiten lassen.
Dies ist auch ein Grund den Vorgaben eines Jobcenters zu
widersprechen. Die einfache Lösung ist keine Lösung. Die Frage nach
der Verantwortung muss neu und breiter gestellt werden, jenseits der
unmittelbaren Zuständigkeiten und der scheinbaren Notwendigkeiten.
Nur dadurch können wir in nachhaltigen Kreisläufen denken und
werden nicht beispielsweise von unbewussten Nebenwirkungen unserer
Industrie krank gemacht.
      Indem ich einen, kontrovers ausgedrückt, vielleicht zu
selbstbewussten Armen vorlebe, der es wagt eigene und
selbstbestimmte Bedürfnisse zu äußern, zu provozieren, von der Norm
abzuweichen, die Folgen daraus nicht als Makel definiert, sondern als
Dienst, um damit Augen und Herzen zu öffnen, Ihnen damit sogar auf
Augenhöhe begegnen will, weil auch Sie Makel haben, die auch Stärken
sein dürfen, verspricht dieser Diskurs jene Eruptionen, welche es
vielleicht braucht, damit wir die Kontrolle loslassen und sich
Alternativen im Umgang mit Armut zeigen können.
      Manche mag mein Ansatz wütend machen. Weil ich Forderungen
stelle, während ich scheinbar der Gemeinschaft auf der Tasche liege.
Diese Fehleinschätzung kann, für jene, die schlecht über wirtschaftliche
Zusammenhänge informiert sind, naheliegend erscheinen. Umso
wichtiger ist es, dass solche Ansätze, wie ich sie hier versuche, gehört
werden. Dies kann auch anderen Mut machen.
      Es wird viel über Arme geredet, aber sehr wenig mit ihnen.
Während wir die Erfolgreichen, die Mächtigen, die Studierten stets als
die ExpertInnen betrachten, die Armut überwinden oder lindern
können, weil sie davon nicht betroffen sind, weil sie wissen, wie Erfolg
geht, der keineswegs das Gegenteil von Armut ist, sondern eine völlig
andere Kategorie, bleibt die Kompetenz derer, die in schwierigsten

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Bedingungen leben, verborgen und unterschätzt.

Dabei rede ich, wie gesagt, nicht von jenen Kompetenzen, von denen
 die Wohlhabenden annehmen die Armen müssten sie besitzen, um
aus der Armut raus zu kommen, sondern beispielsweise von den viel
 realistischeren Einblicken, die arme Menschen in die Gesellschaft
                                haben.

      Vor nur zwei Generationen, noch bis in die 70er Jahre hinein,
musste eine Frau in Deutschland ihren Mann fragen, ob sie sich eine
Arbeit suchen darf. Die Beschränkungen des Zugangs zum Markt,
wegen Geschlecht, Hautfarbe oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe,
sind Teil unserer Geschichte und wie auch die Freiheit immer wieder
neu erkämpft und definiert werden muss, besteht eben auch jene
Diskriminierung heute in vielen Bereichen fort. In diesen
ausgegrenzten Gruppen steckt nicht nur die Information, weshalb sie
tatsächlich ausgegrenzt werden, weil jede Geschichte mindestens zwei
Seiten hat, sondern auch strukturelle und systemische Information
über den inneren Zustand einer Kultur. Über das, was gesehen werden
darf und was nicht. Die Ausschlusskriterien der Massen waren noch nie
der Weisheit letzter Schluss. Diese auch hinter der Armut verborgenen
Kompetenzen und Qualitäten sehen oft nicht aus wie ein
Universitätsdiplom, stellen aber Kompetenzen dar.
      Jede Gesellschaft ist zunächst davon überzeugt am Höhepunkt zu
sein und keine offene Entwicklung mehr zu benötigen. Die alten
Griechen wären beinahe ausgestorben, weil sie alle weiblichen
Nachkommen sofort umbrachten und nur Jungen wollten. Wir sehen
also wie die Zugangsbeschränkung zur Teilhabe an der Wertschöpfung
kein sehr schlaues Konzept darstellt. Es ist auf Angst begründet und
auf Macht. Gerade in Deutschland klingt es vielleicht seltsam, dass ich
meine Auseinandersetzung mit der Armut in der Diskussion über
Zugangsbeschränkungen beginne, weil immerzu so getan wird, als läge
beispielsweise das Problem eines Arbeitslosen an dessen eigener
Faulheit und der Markt sei total offen für jeden, der es nur will. Auch
herrscht die Illusion die Zugangsbeschränkung löse sich sofort auf,

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passe man sich nur der Dynamik von Angebot und Nachfrage an. Als
zahlten wir für diese Anpassung nicht einen sehr hohen Preis. Nämlich
jenen der Ignoranz und der inneren Beliebigkeit, die zu
Orientierungslosigkeit      und      Integritätsverlust   führt.    Die
Zugangsbeschränkung beruht eben nicht auf Angebot und Nachfrage,
sondern auf Kontrolle. Wir leben und arbeiten in weitgehend
kontrollierten Märkten mit Ausschlußkriterien, die wenig damit zu tun
haben, was Menschen wollen oder sich wünschen. Oder wünschen Sie
sich diese Wirtschaft?
      Die Nachfrage nach liebenden Müttern ist unbegrenzt, aber die
Kinder können ihre Mütter dafür nicht bezahlen. In einem von
Angebot und Nachfrage gesteuerten Markt müsste das jedoch möglich
sein, weil hier sowohl das Angebot, als auch die Nachfrage ähnlich groß
ist, wie der Bedarf an Erdöl. Der Zugang zum Markt ist beschränkt,
weil Mutterliebe nicht als Ware anerkannt ist. Mancher mag dies im
moralischen Sinne gut finden. Man sollte aber bedenken, dass in einer
materiellen Welt, dass was keinen monetären Preis hat, auch keinen
Wert darstellt.
      Macht, also der Einfluss weniger, ist das zugrundeliegende Motiv
der Zugangsbeschränkung und diese ist nie an breitem Wohlstand
interessiert. Diese verschleiert sich in der Entwertung der scheinbar
Armen oder weniger Qualifizierten. Wie in jedem anderen Jahrhundert
auch, findet sie stets neue Argumente, um die Leistungen anderer
Gruppen abzuwerten und als nicht willkommene auszugrenzen. Im
Idealfall für die Herrschenden erscheint es öffentlich nicht als
Ausgrenzung, sondern als ein scheinbar „natürlicher“ Makel der
Anderen, der sie, angeblich zu Recht oder logisch nachvollziehbar, an
der Teilhabe am Markt hindert. Davon wird ihre individuelle Schuld
abgeleitet, sowie beispielsweise der Zwang zur Umschulung. Nicht die
Struktur steht unter Verdacht, sondern das Individuum. Man entspricht
beispielsweise nicht den Vorgaben des Arbeitsmarktes, hat nicht das
richtige Diplom, oder hat nicht ausreichend Arbeitserfahrung. Die
dahinter stehenden Wertvorstellungen werden nicht hinterfragt,
obwohl viele davon hinterfragbar sind. Beispielsweise die Tatsache, dass
Arbeitnehmer ab 40 zunehmend größere Schwierigkeiten haben einen

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Job zu bekommen und ältere Menschen immer früher aus dem
Arbeitsmarkt gedrängt, jüngere zunehmend früher Führungspositionen
übernehmen sollen.
      Es ist wichtig zu verstehen, dass Zugangsbeschränkungen, die wir
über Ausbildungen oder Herkunft oder Seilschaften erfahren, stets im
Sinne der „Zucht“ der Stärkeren und Besseren geschehen, um es mit
dem Darwinismus zu sagen. Und ich verstecke mich hier bewusst nicht
hinter einem leichter verdaulichen Begriff wie der Elitenbildung.
Qualität ist auch erreichbar, ohne andere Menschen als qualitativ
minderwertig zu beschreiben. Qualität als Vitalität, als Vielfalt, als
Spannung, kann auch in der Gemeinschaft passieren, ohne
Ausgrenzung. Zugangsbeschränkung ist genau genommen eine Form
der Auslese die so tut, als pflege sie liebevoll die Gesellschaft.
Tatsächlich dienen diese Ansätze vor allem der Ausgliederung von
Menschen mit abweichenden Werten, die in Konkurrenz stehen zu den
geschützten Werten der MachtinhaberInnen und ihres jeweiligen
Status. Hier wird Wirtschaft zu Politik und Politik zu Wirtschaft.
      Wenn also heute ein Mensch in Armut vom Jobcenter
aufgefordert wird sich genormt zu verhalten, um dann an der
Wertschöpfung teilnehmen zu dürfen, hat dies nichts mit
volkswirtschaftlicher Verantwortung zu tun, sondern lediglich und
erbarmungslos mit Machtstrukturen und Verteilungskämpfen. Sonst
würde man Menschen auffordern kreative Risiken einzugehen und
etwas Neues auszuprobieren, was im Widerspruch zu den eigenen
Wertvorstellungen stehen könnte.
      Ist das nicht interessant? Die Jobcenter verhalten sich nicht im
Sinne der Verbreitung des Wohlstandes, da sie dann an neuen Ideen,
abweichendem Verhalten und an Prozessen interessiert sein müssten,
sondern im Sinne des Machterhalts, der dem Wohlstand entgegen steht.
Man mag anmerken, dass jemand vielleicht erstmal jeden Job annehmen
soll, die Gesellschaft nicht mehr belastet und dann später innovativ
werden kann. Diese Rechnung geht in der Praxis jedoch kaum auf. Zu
viele Menschen bleiben im Kompromis und verschieben die
Auseinandersetzung mit den eigenen Fragen, wie Mangel behoben, wie
ein neuer Zustand erreicht werden kann, weit in die Zukunft, wo diese

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nie stattfindet. Hier ist ein radikales Umdenken dringend erforderlich.
Worum es mir geht, ist die Grundlage kreativer, humaner
Gesellschaften zu beschreiben. Etwas, was eben gerade nicht in den
modernen ökonomischen Bestrebungen und Kompetenzen zu finden
ist. Moderne Manager sind genauso wenig an der Volksökomomie
interessiert wie ein großer Teil der politischen Parteien. Die Frage nach
breitem Wohlstand wird weder ausreichend erforscht, noch konsequent
gestellt. Alles dreht sich nur um Wachstum und höhere Gewinne für
immer weniger Unternehmen. Während das, was die Sozialsysteme in
Europa tun, eine verdeckte Form der Wertschöpfungs- und
Innovationsbeschränkung ist, zu Gunsten einiger weniger Industrien,
die auf diesem Weg billige Arbeitskräfte ohne Rechte erpressen
können. An die Stelle von Handelszöllen als Marktbegrenzung und
Schutz für bevorzugte Industrien, ist heute der eiskalte Sozialstaat
getreten, der die Unabhängigkeit der ArbeiterInnen mit hohen
Auflagen versieht. Dieser Wolf im Schafspelz ist am Wohl der
Arbeitslosen nicht interessiert, sondern ausschließlich an der
Entwertung der Arbeitsleistung, damit Firmen in Europa mit anderen
Ländern, in denen Arbeit noch schlechter bezahlt wird, konkurrieren
können.
      Die Bewegungsfreiheit der unteren Schichten ist nicht das, was
eine Gesellschaft belastet, sondern das, was diese florieren lässt.
Bedenken Sie! Hätten die entrechteten Gruppen in unserer Geschichte
sich nicht auf den Weg der Anerkennung ihrer Selbstbestimmung
gemacht, würden wir noch Großgrundbesitzern als Sklaven dienen, es
gäbe keine Mittelschicht und aller Reichtum würde in den Händen der
wenigen Adeligen landen. Selbstbestimmte Vielfalt ist auch für die
Innovationsfähigkeit zentral, denn eine kleine Gruppe von
Bessergestellten ist intellektuell und kreativ nicht in der Lage
Computer, Eisenbahnen oder die moderne Medizin zu entwickeln.
Dafür benötigt man eine Kultur der Öffnung, wie wir sie in Europa in
der Nachkriegszeit der 50er bis 90er Jahre erlebten.
      Ohne selbstbestimmte Entwicklung gibt es keinen Fortschritt.
Jede Form des Fortschritts ist nur möglich, wenn das Wissen der
entrechteten Gruppen integriert wird. Wer etwas Neues einbringt, oder

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wessen Existenz einen unangenehmen Kontext offenlegt, ist immer
zunächst ausgegrenzt. Das ist Psychologie. Aber ist dies nicht eine
erwachsene Gesellschaft, die mit derart banalen Mechanismen besser
umgehen könnte?
      Wir glauben heute die Außenseiter mit Hilfe der Wissenschaft
ersetzen zu können und erzeugen darum eine Wissenschaft mit
zunehmend weniger Außenseitern. Wer von der Erwartungshaltung
abweicht, verliert unter Umständen seinen Job, oder bekommt erst gar
keinen. Sehr viel Wissen liegt codiert im „Abgelehnten“. Den Schatten
offen zu begegnen bedeutet Humanismus und Evolution.
      Nehmen wir ein Beispiel aus der Natur! Meeresschildkröten legen
unzählige Eier. Die meisten Jungtiere werden gefressen. Man mag sich
fragen, welchen Wert das einzelne Ei hat, welches im Zweifel
unfruchtbar     bleibt?   Kreisläufe     funktionieren   nicht   ohne
Wertschöpfung auf vielfachen Ebenen zu begreifen, weil diese in einem
Austausch mit einer Umwelt, einem größeren Gesamtsystem stehen
und sich nicht wie lineare Prozesse nur auf ein Ziel hin orientieren
können. Die Faktoren, die solche lebendigen Organismen prägen,
können extrem komplex sein. Entwicklungsprozesse folgen einer
eigenen Logik, die wir trotz größter Bemühungen noch lange nicht
verstehen. Die Armen sind gezwungen oder haben das Los, oder Glück
die Welt anders zu sehen bzw. aus einer noch nicht kategorisierten,
vermarkteten und stereotypisierten Sicht zu betrachten.Sie fühlen
anders, sie erleben anders. Nicht jeder Arme bringt etwas Sichtbares
hervor, was uns wie ein Produkt erscheint, aber gemeinsam entwickeln
und tragen sie vielfältiges Wissen, was sie zu Katalysatoren, feinen
Sensoren und Mitspielern im Prozess der Veränderung innerhalb
unserer Gesellschaft macht. Nutzbar ist dieses Wissen aber erst, wenn
die Gesamtgesellschaft komplexer organisiert werden darf, also selbst
Schritte hin zu höheren Ordnungsformen leistet. Wer hat das Recht
den Wert eines Lebens zu bemessen? Sicherlich keine Bürokratie,
welche die Komplexität von Lebenssituationen wahrzunehmen
überhaupt nicht fähig ist. Die Dunkelheit, das Scheitern, muss
gleichberechtigt neben den hellen Dingen, dem Erfolg, stehen können.
Alles andere bedeutet ein Verlust an Realitätskompetenz, an

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unmittelbar hinsehen können und an dem was uns erst in die Lage
versetzt Qualität zu entwickeln.
      Die Geschichte lehrt, dass unser aller Fortschritt ohne die
Impulse der Außenseiter, kommen diese von ihnen bewusst oder
unbewusst, nicht gelingen kann. Eine hermetisch abgeriegelte
Gesellschaft ist eine tote Gesellschaft. Auch das Format Startup,
welches eine unserer jüngsten Bemühungen darstellt, dieses Wissen
verwertbar und vermarktbar zu machen, kann nicht an die Stelle des
Potentials rücken, welches entsteht, lässt man den Menschen den
eigenen Flow folgen.
      Machterhalt, ein Kontrollierenwollen von Vorgängen, die zu
reichhaltig sind, um sie zu verstehen, ist stets das, was breiten
Wohlstand verhindert, weshalb die Armen in ihrer Entwicklung
deutlich freier, vielfältiger und mit mehr Möglichkeiten ausgestattet
werden sollten, als moderne Sozialsysteme oder Hilfsprogramme dies
heute noch ermöglichen wollen.
      Natürlich kommt hier sofort der Gedanke der labilen,
geschwächten Armen hoch, die sich aber nicht derart kreativ verhalten.
Selbst wenn es diesen Armen gäbe, wäre diese Vorstellung in einer
Kultur wenig hilfreich, in der in jedem anderen Bereich das Glas stets
halb voll und nicht halb leer ist. Natürlich passiert auch status- und
gruppenbezogene Anpassung in der Armut. Auch Arme grenzen sich
gegenüber anderen Armen ab. Es ist Zeit den Mechanismus der Armut
von diesen emotionalen Verstrickungen zu lösen und sich die Frage zu
stellen, welche Art die Armut zu betrachten für die Gesamtgesellschaft
wertvoller ist. Die Armut sitzt ja in uns Allen. Sie ist eine Art zu
denken, zu fühlen, zu leiden, zu vermeiden.
      Der Verzicht, die Selbstreduktion, die wir jahrzehnte-, vielleicht
jahrhundertelang für eine Tugend hielten, ist vielleicht falsch
verstandene Verengung und Verdrängung von alternativen
Lösungsträgern. Weil wir denken die Welt müsse auf eine bestimmte
Weise funktionieren. Es ist denkbar, dass es wesentlich
unkontrollierter, demokratischer geht. Ohne das Wissen, welches von
den in Armut Lebenden entwickelt wird oder unbewusst durch sie
sichtbar wird, eine Kompetenz die häufig noch entwickelt werden

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muss, fehlt uns ein Teil der Vielfalt, die es braucht, um intelligentere
und nachhaltigere Lösungen für eine Gesellschaft ohne Armut
erkennen zu können.
       Der Blick der Armen ist nicht zwangsläufig ein realistischerer
Blick, aber ohne ihre Perspektive zu integrieren, blicken wir nicht auf
die wirkliche Gesellschaft, begreifen nicht den komplexen Organismus,
der uns darum als intelligentere, innovativere Ordnungsstruktur auch
nicht zugänglich wird. Was meine ich damit?
      Lebensbedingungen sollte man wechseln können, wie Kleider.
Weil sie den Boden darstellen, auf dem unterschiedliche Werte
wachsen. Und Werte sind Werkzeuge. Wer beispielsweise in Hotels
lebt, glaubt an Flexibilität und benutzt diese als Werkzeug. Warum aber
soll in einem Zelt zu leben weniger wichtige Werte-Werkzeuge
hervorbringen, als in einem Schloss zu wohnen? Status beschränkt die
Tools, die wir haben, um Gesellschaft und Leben zu formen.
Lebensbedingungen sollten darum nicht von Fleiß abhängen oder von
Ausbildungsgrad, sondern von der Frage was ein Mensch gestalten will.
Was er aus einer Erfahrung lernen und schaffen möchte und welche
Tools dafür hilfreich oder erforderlich sind. Hier gilt es radikal
umzudenken. Lifestyle als Tool und nicht als Status.
      Um innovativ zu sein müssen Menschen anders leben, handeln,
gestalten und daran ihre Werte anpassen, sprich neu definieren. Das
sieht man auf jeder Entwicklungsstufe einer Kultur. Von den Hippies
bis zum Internet. Man muss außerhalb der bürgerlichen Normalität
leben, um einen Mangel erkennen zu können, oder etwas sehen, was
andere nicht sehen bzw. nicht sehen wollen, um das Bedürfnis nach
neuen Ideen zu entwickeln. Halten wir all diese Menschen aus den
Gestaltungsprozessen einer Gesellschaft heraus, bleibt die
Gesellschaftsordnung primitiv. Sie hat weniger Brüche, aus denen
heraus sich Chancen und neue Perspektiven ergeben. In der
Wissenschaft wird oft von „Junk DNA“ gesprochen, also von scheinbar
wertlosen DNA Abschnitten, denen keine Funktion zugewiesen
werden kann. Dabei sollte klar sein, dass diese nicht wirklich Abfall
sind, sondern lediglich im Kontext mit komplexeren Vorgängen stehen,
die wir noch nicht begriffen haben. Ähnlich verhält es sich mit der

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Rolle der „Entwicklungsnahen“, deren Leben uns turbulent und im
Widerspruch zur eigenen Vorstellung von Harmonie und Ordnung
erscheint.
      Die Industrienationen sind letztlich primitiv organisiert und
haben längst nicht den Höhepunkt des Machbaren erreicht. Was nicht
möglich ist, ohne die Perspektive der Armen zu sehen und zu
wertschätzen. Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt.
      Heute werden ganze Länder wie Kinder behandelt, weil sie
scheinbar an den internationalen Märkten nicht mithalten können.
Tyrannen tarnen sich als Wirtschaftsexperten. Kaum jemand zieht in
Erwägung, dass ein Land wie Griechenland auf einer noch nicht
sichtbar gewordenen Ebene, gegenüber Deutschland fortschrittlicher
sein könnte. Was würde sich entwickeln, könnte die deutsche Kultur
die Griechische, oder Teile daraus integrieren? Kann es sein, dass es
dem Vorzeigeschüler Deutschland gut tun könnte, etwas mehr ein
Grieche zu werden? Was würde sich dadurch in ganz Europa
verändern? Ist nicht Kultur ein wesentlicher Faktor von Wirtschaft?
Was ist wenn Autos bald wo anders billiger und besser produziert
werden können, weil vielleicht Afrika oder Asien genug Hunger spürt,
um auf kreative Ideen zu kommen? Lohnt es sich nicht unsere
Verachtung gegenüber den „Schwachen“ zu hinterfragen?
      Diese Komplexität ist ganz im Sinne breiter Wertschöpfung und
breiten Wohlstandes. Sie muss aus den konkreten Lebensrealitäten
heraus, von den Armen selbst formuliert und kommuniziert werden.
Wenn die Griechen nicht ihre Vision von Europa formulieren, werden
die Deutschen sie nicht integrieren. Ich bin ein komplizierter Mensch.
Die Evolution will komplizierte Menschen, weil sie, wenn man sie lässt,
unabhängigere, vielfältigere Gesellschaften zur Folge haben. Es ist gut
und wichtig, dass ich Sie belaste. Wir sollten die einfache Welt
moderner Politik mit der Realität unserer Lebenswirklichkeiten
belasten! Vielleicht wachen die Verantwortlichen dann auf, erlauben
sich selbst kompliziert zu sein, statt immerzu Einfachheit einzufordern.
Simplizismus ist Barbarei.
      Jede politische Entscheidung, von der Energiefrage, über die
Wirtschaftsförderung, den Wohnungsbau, die Innovationsentwicklung,

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findet statt, ohne dazu Menschen in Armut befragt zu haben. Warum
dürfen Sie an diesen Prozessen nicht teilnehmen, können sich nicht
einbringen und bleiben ausgeschlossen? Politikverdrossenheit ist in der
Unterschicht derart hoch, weil es zum Alltag dieser Menschen gehört
nicht ernst genommen zu werden. Sie leben nicht in einer Demokratie,
wie wir sie im Wohlstand kennen. Es ist scheinbar einfacher für den
Staat und die Wirtschaft, ohne die Komplexität ihrer
Lebenswirklichkeiten zwischen Kindern, Geldmangel, Ängsten und
Frustrationen, zu gestalten. Diese reduzierte Demokratie ist eine
brutale und primitive Demokratie, die heikle Diskurse meidet, indem
sie Volksgruppen, deren Realität im Widerspruch zum vorherrschenden
Mainstream steht, systematisch ausgrenzt und auf eine
Ordnungsstruktur beharrt, in der es nur den normativen Idealbürger
gibt, der im Job den Mund hält und keine Probleme macht. Dieser
statistische Max Mustermann kann nicht der Maßstab sein, an dem
unsere Realität gemessen und Rechte definiert werden. Natürlich will
die Wirtschaft gerne einen derart genormten Konsumenten. Aber das
ist kein ökonomisches Denken derjenigen Unternehmer, die mehr
Wohlstand in der Breite wollen, sondern von solchen, die große
Konzerne leiten möchten. Und das geht zunehmend an der Realität
vorbei.
      Diese Befürwortung der komplizierten Lebenswirklichkeiten
klingt merkwürdig, weil der Zeitgeist uns vormacht, der einfachere
Weg sei der bessere Weg. Die Werbung vermittelt uns das täglich.
      Das ist jedoch ein gewaltiger Irrtum, denn die Vereinfachung ist
immer Abspaltung. Wenn wir die Armen nicht sehen, funktioniert der
Kapitalismus natürlich scheinbar besser. Nach dieser Logik werden
zunehmend größerer Teile der Bevölkerung von der Wirtschaft
ausgeschlossen und am Ende ihres smarten und reibungslosen Weges
hat nur eine kleine Gruppe das Maximum an Glück, Erfolg und
Harmonie erreicht, welches es vermeintlich zu erreichen gilt. Ein Weg
der ermöglicht wird, weil ihnen weder Menschen mit anderer Meinung
begegnen sollen, noch solche mit abweichenden Bedürfnissen, die
Erfahrungen von Schmerz, Hoffnung, Herausforderung erzeugen
könnten. Dann existiert nur noch diese Elite selbst, als der eine große

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Konzern oder die eine genormte Perspektive. Der Rest der Welt
kommt darin nicht vor. Darum ist der einfache Weg abzulehnen.
Darum gilt es, die Komplexität und Vielschichtigkeit auch von Armut
zu berücksichtigen und im Gestaltungs- und Entwicklungsprozess
zuzulassen.
     In diesem Sinne zeugt es auch von Verantwortungsbewusstsein,
wenn ich mich Anweisungen des Jobcenters widersetze, oder wenn
Griechenland sich gegenüber dem IWF widersetzt, oder die
sogenannten unterentwickelten und Schwellenländer gegenüber dem
Westen.
     Der eigene individuelle Weg, das ständig Neuverhandeln der
Beziehungen, Bedürfnisse, Visionen und Ziele zwischen Individuum
und Staat oder Wirtschaft, Institution oder Unternehmen, ist das, was
Demokratie, Bewusstsein, Kreativität und Menschlichkeit erhält und
neu schafft. Als Prozess, den wir das Leben nennen. Das Elend in der
Armut resultiert aus dem Verbot darin lebendig sein zu dürfen.
Lebendigkeit und Fülle dürfen darin nicht vorkommen. Weil sie nicht
kontrollierbar, nicht reduzierbar sind. Diese Gegenübertragung des
Normalbürgers, der früh lernt durch Verzicht und Abspaltung einen
Status zu erlangen, erträgt es nicht, wenn die Realität der Armen als das
gesehen wird, was sie ist, nämlich die Ergänzung, der Mehrwert, ohne
den die gesamte Gesellschaft verarmt. Die Armut ist ein Mechanismus
der Verdrängung von Kompetenz und keine Folge von fehlendem
Wissen oder falschen Handlungen.
     Dieses neurotische Verhalten der Mittelschicht gegenüber den
Unterschichten, verteidigt Freiheits- und Grundrechteverzicht, für
Fülle in materiellen Dingen, um Wohlstand für Wenige zu rechtfertigen
und darum dürfen jene die arm sind nicht für sich beanspruchen einen
eigenen Weg zur Fülle zu haben, der nicht ebenfalls auf
Freiheitsverzicht beruht. Sondern beispielsweise auf Widerstand
gegenüber zu engen Weltbildern oder das Formulieren von eigenen
Haltungen, Werten und Ideen. Dabei sollte es hier nicht um einen
Kampf der Armen, um Status gegen die Reichen gehen, sondern um
vom Status befreite Wertschöpfungsprozesse. Wer nicht bereit ist
Status zu verlieren, auch mal dumm dazustehen, kann sich nicht

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entwickeln.
      Wenn Sie aber heute versuchen in oder mit einem Unternehmen
neue Wege zu gehen, werden Sie permanent von Statusfragen
behindert, die sich in scheinbaren Sachzwängen und Hierarchien
verstecken.
      Ich selbst erlebe die Konsequenzen aus meiner Zivilcourage in
Form bürokratischer Brutalität, aber auch die Ablehnung meiner
innovativen Arbeit mit Firmen. Laut einer SachbearbeiterIn des
Jobcenters führt der Weg zu mehr Wohlstand in Deutschland, also zur
vermeintlichen Entlastung des Sozialstaats, was eben nicht dasselbe ist,
über die erzwungene Integration meiner Person in den Arbeitsmarkt.
Genau genommen über fünf Bewerbungen am Tag, die ich an
Unternehmen richten soll, die meine selbstbestimmte Arbeitskraft und
mein eigenständiges Angebot mit Füßen treten oder ignorieren.
Obwohl es in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung läge, hier mit mir
in einen Dialog zu treten, an dessen Ende für beide Seiten eine
Mehrwert entstehen kann. Man hat zu viel Angst vor den Vorschlägen
der scheinbar Untergebenen. Dass, wie in meinem Fall, der Weg über
die Verweigerung zur Zusammenarbeit führt, kann die Sachbearbeiterin
sich nicht vorstellen. Ich belege meine ökonomische Kompetenz,
indem ich mich aus ihren zu vereinfachten Regelungen befreie. Auf
diesem Weg ermögliche ich es gegebenenfalls einem Dritten darauf
aufmerksam zu werden, dass ich unter Umständen viel mehr zu bieten
habe, in meinen selbstständig formulierten Bedürfnissen ein anderer
Markt liegen könnte. Tatsächlich habe ich zahlreiche unkonventionelle
Tools und Ansätze entwickelt, in denen Unternehmertum innovativ
gefördert wird. Es sieht aber nicht aus wie das, was man gewohnt ist.
Positive Destruktivität als systemkreativer Input, zur Belebung der
ökonomischen Entwicklungskompetenz. Man sollte nicht vergessen!
Vielfalt macht jedes System krisenfester. Das ist das Geheimnis von
medizinischen Impfungen. Die Vielfalt kleiner Krisen sorgt für höhere
Intelligenz beim Immunsystem. Ein Gedanke der für die einfache
Struktur und Aufgabenverteilung im Jobcenter schwer nachvollziehbar
ist und sogar gemaßregelt wird, weil es ihre Autorität in Frage stellt. Es
geht also auch hier von Seiten des Staates wieder nicht um die

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Vermehrung von Wohlstand, sondern um Machtmissbrauch durch
Behörden. Ein Paradoxon: Solche Menschen sollten im Staatsdienst in
diesen Positionen nichts verloren haben, da sie bei genauer Betrachtung
der Volkswirtschaft eher schaden als nutzen, sie gleichzeitig jedoch
genötigt sind blind und taub zu agieren um die eigene Stellung zu
erhalten.
      Natürlich spielen hier noch andere Faktoren eine Rolle. Würde
der volkswirtschaftliche Wert von Menschen in Armut nicht
regelmäßig künstlich aberkannt oder sogar zerstört, zerbräche
beispielsweise auch der Status der Mittel- und Oberschicht, welcher
ähnlich wie bei den Eliten in der Abgrenzung zu den Ärmeren generiert
wird. Man könnte sich selbst nicht mehr entlang dieser Grenze
definieren, legitimieren und überhöhen. Das klingt für Manche
dramatisch. Im Grunde ist das nur der Fall, wenn man die unmittelbare
Leistung, das Abenteuer der Arbeit, die Entwicklung neuer Produkte
fürchtet. Sich in der Stellung, in der zugewiesenen Rolle vor dem
Fortschritt verstecken will, weil man selbst fürchtet, nichts Wert zu
sein, wenn erkannt wird, wie lächerlich die Verhältnisse in den
Wertestrukturen und Hierarchien vieler Unternehmen sind. Die einen
werden solange befördert, bis sie nicht mehr kompetent sein können,
während die anderen Dienst nach Vorschrift machen, um ihren Status
nicht zu gefährden. Engagierte, kreative Menschen erscheinen darum
als Gefahr für das durchschnittliche Büro. Volkswirtschaftlicher
Irrsinn! Wie nur konnte man Führungskräfte derart selbstzerstörerisch
ausbilden?

           Warum verdienen Ärzte mehr als Mechaniker?
                    Irrtümer der Belohnung.

     Die Arbeitswelt ist voller Mythen und Vermeidungen, welche den
Armen als Orientierungspunkt benötigen. Viele Menschen denken ein
Arzt verdiene mehr als eine Verkäuferin, weil er mehr leistet, weil er
eine höhere Form der Qualifikation vorweisen kann. Leistung ist eine

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relative Größe. Für unterschiedliche Individuen kann dieselbe Leistung
eine unterschiedlich hohe Leistung bedeuten. Jemand der intelligent
geboren wurde, ein gutes Gedächtnis hat und leicht lernt, kann ein
Medizinstudium mit deutlich geringerem Aufwand abschließen, als eine
Person, die zwar viele soziale Kompetenzen hat, gut Gespräche mit
Patienten führen kann, aber sich schwertut das entsprechende
Fachvokabular zu merken. Wenn Leistung wirklich das Kriterium für
den höheren Wert einer Dienstleistung, oder des Wissens eines
Menschen bedeutet, müssten weniger talentierte Leute mehr verdienen,
weil sie es viel schwerer hatten sich dieses Wissen anzueignen. Es sind
ja auch Produkte teurer, die einen weiteren Weg zurücklegen mussten.
      Natürlich kann man dem entgegnen, dass die Leistung in Bezug
auf den Nutzen für die Gesellschaft gemessen wird. Doch wie lässt sich
das messen, in einer Welt die ständig neue Formen von Leistung
benötigt, darin neue Bedürfnisse erzeugt, aus denen neue Werte und
Nützlichkeiten entstehen, um wiederum Wachstum zu erzeugen? Und
warum ist ein Diamant nützlicher als ein Spaten?
      Die Höhe der Gehälter hängt vielleicht mit völlig anderen
Kriterien zusammen? Hier noch ein Beispiel:
      Ein Handwerker vollbringt unter Umständen eine deutlich höhere
Leistung, als ein Staatsanwalt, wenn er beispielsweise eine wertvolle
Geige baut, bekommt aber dennoch weniger bezahlt, als der
Staatsanwalt, der vielleicht eine Woche lang nur Akten las. Was in der
Bewertung den Unterschied ausmacht, ist häufig allein die Komplexität
von Tätigkeiten. Wobei sich auch hier in die Tasche gelogen wird. Die
Arbeit, die ein Handwerker vollbringt, ist nur scheinbar weniger
komplex, als die eines Chirurgen. Der Chirurg kann die Komplexität
einer ganzen Wissenschaft in die Rechnung einbeziehen, während es
dem Handwerker nicht möglich ist, seine ganze Lebenserfahrung, oder
jene seiner Zunft mit zu berechnen. Auch ein Abflussrohr wurde über
Generationen hinweg, quer durch Weltkulturen, mit sehr viel Aufwand
entwickelt. Könnte die zunächst nur angenommene aber nicht
zwangsläufig umgesetzte Kompetenz, wie beim Arzt abgerechnet
werden, wäre ein Tisch vom fünfzigjährigen Tischler teurer als einer
vom Zwanzigjährigen. Nun ist es sehr fraglich, ob 20 Jahre Erfahrung

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als Handwerker weniger Wert ist als fünf Jahre Studium an einer
Universität. Natürlich übertreibe ich hier. Auch spielt höheres Risiko
eine Rolle. Ein Obdachloser, der unterbezahlte Gelegenheitsjobs
annimmt, die er nur machen kann, weil er keine Wohnung bezahlen
muss und sich darum weit unter Wert verkaufen kann, macht
möglicherweise diese Arbeit unter deutlich höherem Risiko, als ein
Zeitsoldat. Ein Zeitsoldat hat ein geringeres Risiko zu erfrieren.
      Letztlich könnte man sagen, dass für jeden Job beliebige Kriterien
herangezogen werden können, weshalb dieser besser bezahlt werden
sollte. Müllbeseitigung ist ekelig. Büroarbeit fördert Depressionen. Der
Wirtschaftskriminelle lebt unter dem ständigen Druck erwischt zu
werden. Was ist der tatsächliche Hintergrund der unterschiedlichen
Bezahlung?
      Anwälte, Ärzte, Manager werden vielleicht darum deutlich besser
bezahlt als Schriftsteller, Mütter oder LokomotivführerInnen, weil, wer
höher bezahlt wird, zufriedener ist und darum nicht am System
zweifelt. Zufriedenheit ist hier erwünscht, während man beim Arbeiter
ein Klima der Unzufriedenheit anstrebt, er scheinbar nicht genug
Druck aufbauen kann, keine Lobby hat. Was ist hier los?
      Die Berufsgruppen an den Schaltstellen müssen künstlich höher
bewertet werden als Menschen, die im Beruf keinen tieferen Einblick in
systemrelevante Zusammenhänge haben. Wer weniger Bezahlung
bekommt, hat auch weniger Möglichkeiten seine Kritik öffentlich zu
machen. Wären Ärzte schlecht bezahlt, würden sie Fragen stellen und
kritischer werden. Was der Pharmaindustrie Probleme machen könnte,
um nur ein Beispiel zu nennen. Außerdem haben sie wegen ihrer hohen
Bezahlung mehr zu verlieren, und werden sich eher überlegen, ob sie an
Demonstrationen und Streiks teilnehmen, während die unterbezahlte
Verkäuferin sofort mit dabei ist, weil sie eh nichts zu verlieren hat.
Schlimmer kann es für sie kaum noch werden.
      Es gibt also gute Gründe, weshalb viele Berufsgruppen künstlich
arm gehalten werden, während andere privilegierter sind. Höhere
Belohnung macht uns letztlich auch korrupt und trainiert uns von den
Unternehmen erwünschtes Verhalten an.
      Dies bedeutet aber zugleich, dass die Perspektive der weniger

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Privilegierten nun umso wichtiger erscheint. Wenn ihre Arbeit nicht
weniger wert ist, aber ständig aus dem Markt rausgehalten oder
unterbewertet wird, wäre es doch denkbar, dass eine Aufwertung ihrer
Arbeit zu einer viel großartigeren Welt führen könnte. Es könnten
mehr Werte geschöpft werden, für die aktuell kein Geld da ist, weil
diese Tätigkeiten nicht ausreichend bezahlt und dadurch verhindert
werden. Es würden sich ziemlich alle Regeln der Wirtschaft
verschieben.
      Da der Normalbürger davon ausgeht in einer freien
Marktwirtschaft zu arbeiten, bleiben diesem die tatsächlichen Faktoren
verborgen, die entscheiden, ob ein Produkt, eine Arbeit, eine Leistung
in einem Markt Erfolg hat und angenommen wird. Angebot und
Nachfrage sind nicht das, was Märkte bestimmen. Konsum und Arbeit
sind nicht voneinander getrennt zu betrachten. Sie sind miteinander
verzahnt. Im Job wird Verhalten und Wertehierarchie antrainiert. Im
Markt wird das in der Abhängigkeit antrainierte Verhalten abgefragt,
um den in der Arbeit verdienten Lohn abzuschöpfen. Das ist ein
regulierter Kreislauf, der über Zugehörigkeit zu einer Gruppe
funktioniert, weniger über freie Auswahl. Der Markt wird gezielt
begrenzt. Wesentlich ist hier die Abspaltung und der damit
einhergehende Zwang eigene und ganz persönliche Bedürfnisse zu
reduzieren, sie dem Belohnungssystem anzupassen. Man kauft die
Autos, die auch die Kollegen kaufen. Man zieht sich ähnlich an,
definiert Erfolg und Wohlstand anhand vergleichbarer Markenattribute.
      Sie müssen ein tolles Auto haben wollen, um Belohnung und
Aufstieg im System erwarten zu können. Sie müssen scheinbar
Randgruppen genauso verachten, wie ihr Chef, um zu diesem Nähe
aufzubauen. Das vielfältige Angebot wird künstlich reduziert und die
Belohnung geht über den Status, der dann gelenkt werden kann und
vorhersehbar ist. Dieser Faktor wird stets vernachlässigt, als sei der
Markt tatsächlich ein Ort freier Auswahl und Entscheidungen. Die
Einschaltquoten im Fernsehen sind eben keine freie Entscheidung. Um
im Büro mitreden zu können, geschieht eine Anpassung an immer
weniger immer ähnlicheren Formaten. Tatsächlich werden andere
Bedürfnisse mit sozialem Abstieg bestraft. Sie müssen diese Werte

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kaufen, weil Sie sonst nicht zu Ihren Kollegen passen. Das Ergebnis
sind globalisierte Märkte, die von wenigen Global Playern dominiert
werden, mit Produkten, die jeder haben muss, um einen Job oder
Freunde bekommen zu können. Die Armen werden dadurch zum
Sammelbecken verhinderter Konkurrenz, was natürlich für die
Mittelschicht nur erträglich ist, werden diese dämonisiert. Die
modernen Märkte werden also nicht von Angebot und Nachfrage
gestaltet, sondern von Abspaltung und Entwertung der Konkurrenz
und dem Druck zur Zugehörigkeit. Umso mehr Abspaltung passiert,
umso verunsicherter sind die Teilnehmer des Marktes, weil es natürlich
innere Integrität abbaut, sich ständig anderen anzupassen und keine
eigene Meinung mehr zu vertreten. Darum brauchen diese braven
MitarbeiterInnen wie ein Junkie unbedingt diese Marken und sind
bereit dafür als Sklave zu arbeiten. Indem Sie ihre Bedürfnisse alle
abschalten, um das zu erreichen, verhindern sie breiteren Wohlstand,
für die anderen, deren Produkte sie nicht kaufen, weil sie davon keinen
Status ableiten können. Darum ist das was ich sage derart schwer zu
verdauen. Weil es bedeutet, dass die Wertvorstellungen der Arbeiter in
Wahrheit viel mehr die Ketten sind, mit denen die Oberschicht sie von
ihren eigenen Bedürfnissen fern hält und von vorhersehbarem
Verhalten abhängig macht.
     Nicht nur der technologische Fortschritt, die Roboter, dünnen
die Arbeiter aus. Es ist die Denkweise der modernen Wirtschaft selbst,
die den Arbeiter gegen den Konsumenten ersetzen will, weil der
Konsument die Wirtschaft und den Markt braucht, aber der Arbeiter
nicht zwangsläufig die Wirtschaft, wie sie sich die Eliten vorstellen.
Immer mehr Menschen werden auf diese Weise aus dem Markt
gedrängt und sind gleichzeitig gezwungen, die geringe Vielfalt an
Waren zu kaufen, wodurch die Gewinne in die Hände immer weniger
Firmen gespült werden.
     Wer also individuelle Bedürfnisse entwickelt und einfordert, setzt
Ressourcen und Kräfte in der Gesellschaft wieder frei. Bedürfnisse sind
positiv gewerteter Mangel, den wir brauchen, um uns auf die Reise zu
begeben, die Innovationsentwicklung bedeutet. Was auch immer in der
jeweiligen Zeit darunter zu verstehen ist. Bewusst will ich das hier noch

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nicht konkretisieren. Es ist wertvoll, dass dieser Gedanke in Ihnen
vielleicht andere Überlegungen auslöst als in mir.
       Nur der selbstbewusste Mensch kann sich von den Ketten des
Zugehörigkeitszwangs befreien und echte Beziehung entwickeln. Der
Gruppenzwang ist eben keine Beziehung zwischen Individuen, sondern
eine Vereinheitlichung der Interpretation einer Welt, einer Erfahrung,
eines Gedankens. Echte Beziehung zu entwickeln ist sehr viel Arbeit
und in den Zwischenräumen, in den Diferenzen zwischen Menschen,
Werten und Vorstellungen, passiert ein authentisches „Wir“, in dem
mehr Alternativen sein können. Darauf könnte dann in Folge ein
tatsächlich freier Markt aller Waren basieren. Zunächst ist es ein
Gedanke, wie auch der Kapitalismus oder der Sozialismus am Anfang
Gedanken waren. Vielleicht ist es eine Emotion, eine Ahnung, ein
Gefühl. Ein anderer Blick auf das Leben. Angeblich sind die Utopien
tot. Daran glaube ich nicht. Natürlich war die Vorstellung man könne
Utopien 1:1 umsetzen eine törichte Vorstellung. Ohne aber Utopien
zu entwerfen, gibt es keine Entwicklungsprozesse. Gegenentwürfe sind
fruchtbar und müssen überhaupt nicht die Lösung sein, um großen
zivilisatorischen Wert zu entfalten.
       Weil Abgrenzung und Spaltung gegenüber den scheinbar weniger
wertvollen Berufs- und Randgruppen für den modernen Menschen
derart entscheidend sind, um den scheinbaren Selbstwert zu erhalten,
der auf minimalen Bedürfnissen beruht, die wiederum auf die Wünsche
der Industrie zugeschnitten sind, wird die Abweichung von der Norm
für denjenigen, der es sich finanziell nicht leisten kann, schnell zur
Abwärtsspirale und zum sozialen Abstieg, der den finanziellen Ruin zur
Folge hat, weil er diesen zur Folge haben muss. Es ist das Ssich-
lossagen von der Gruppe, welches bestraft wird. Nicht so sehr die
Tatsache, dass man arbeitslos ist, oder in prekären Verhältnissen lebt,
um beispielsweise etwas Neues zu entwickeln. Abweichende
Bedürfnisse zu haben wird einem in unserer Gesellschaft zum
Verhängnis. Der Vorwurf, ein Träumer zu sein, ist der Vorwurf eigene
Wünsche zu haben, die noch nicht derart vom Druck des Arbeitsalltags
verkleinert wurden, dass sie dem Verwertungsvorgaben der Industrie
entsprächen. Wünsche zu formulieren birgt eine latente Gefahr für die

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Autoritäten, da keine Zuordenbarkeit gegeben ist, keine Kontrolle
ausgeübt werden kann.
      Die moderne Arbeitswelt mit ihren Denkenmustern entlang von
Titel, Status, Auf- und eben auch Entwertung der Arbeit, verstärkt den
Mechanismus der Verarmung und macht es den Menschen in Armut
derart schwer diesem zu entkommen. Da ist es natürlich wenig fair,
wenn gerade diese besser gestellten, den Armen ständig vorwerfen, für
sie eine Belastung darzustellen.
      Nicht die Arbeiter benötigen diese Muster, sondern die Eliten tun
es, um den Arbeiter zu steuern. Es müssen quasi laufend Arbeitende
entwertet werden, um die Gewinne für die Unternehmen zu erhöhen
und die Kosten der Arbeit zu schmälern.

                Wie aber durchbricht man die Spaltung,
         erhöht die Vielfalt an individuellen Bedürfnissen?

      Indem die Dunkelheit, der Ekel, als Projektion der eigenen
Überhöhung erkannt und als verlorenes Wissen neu integriert wird. Es
ist das Wesen des Paradoxons, der Wahrheit stets ein Stück näher zu
sein. Wer arm ist, ist reich. Der Schuldige ist unschuldig. Sowohl als
auch. Was getrennt war, kommt wieder zusammen und wird relativiert.
      Wer durch Arbeitslosigkeit scheinbar zum Problem wird, ist
immer Botschafter einer Problemfrage. Statt den Boten zu erschießen,
sollten wir lieber die Botschaft lesen! Darin steckt das Wissen, welches
mit der Sprache des Prekariats zu uns spricht. Die emotionalen Krisen
einer Gesellschaft zeigen sich zwar zuerst bei denen die nichts haben,
sind aber darum nicht nur ein Problem der Unterschicht. Dort
scheinen sie erklärbar und sind sichtbar, wohingegen das drogenkranke
Neureichentöchterchen zur Therapie kann und erst bei
Teenagerschwangerschaft oder Suizidversuch auffällig wird.
      Weil der Normalbürger das Privileg hat eine Krise zu verdrängen,
sie sich im Konsum und Abgrenzung durch Eigentum auf Distanz zu
halten, muss er sich den tieferen Zusammenhängen und quälenden

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Fragen nicht stellen. Diejenigen Menschen, die sich konstruktive
Ablenkung finanziell nicht leisten können, und denen auch kein Gehör
geschenkt wird, brüllen sich im Zweifel gegenseitig an, bis die Polizei
kommt. Ihr Verdienst ist es, just diese Ressourcen und Informationen
sichtbar und für ein Aufmerksames gegenüber verwertbar zu machen.
Weil dies ihnen jedoch häufig nicht bewusst ist und auch keinesfalls als
Wert oder Leistung honoriert wird, entwickeln sie kein
Selbstbewusstsein für ihr Tun, ihr Sein und bieten eben diesen Wert
nicht in einem freien Markt der Kompetenzen an. Könnten die
Gescheiterten, die Verachteten, die Ausgestoßenen selbstbewusst
auftreten, wären sie in der Lage den Bürger aus dem „Zwang zur
Zugehörigkeit, auf Kosten der eigenen Bedürfnisse“, zu befreien. Diese
paradoxe Feststellung soll nicht zur Idealisierung jener Konflikte
führen, sondern schlicht aufzeigen, wie die Armut eine wichtige Rolle
in einer Gesellschaft spielt bzw. spielen könnte, die endlich konstruktiv
genutzt werden sollte.
      Vor zehn Jahren schrieb ich, wir sollten dem Dieb danken, dass
dieser uns die Ungerechtigkeit der Welt vor Augen führt, statt ihn
wegzusperren und die Ungleichheit bestehen zu lassen. Das ist auch
heute noch aktuell.

                Wer das Richtige tut, tut das Falsche!
               Wer Fehler begeht, macht keine Fehler.

      Stehe ich als Einzelner auf und sage, was ich denke, verliere ich in
dieser Welt zu oft meinen Job, werde meiner Rechte beraubt. Und
gerate ich in Armut, werde ich wie ein Verbrecher behandelt. Alles was
nicht sofort stimmt und abgesichert ist, steht im ständigen Verdacht
wertlos zu sein. Dabei sind es die ersten Schritte auf dem Weg zu einem
umfassenderen Verständnis eines neuen, eines inneren Kontinents,
voller Entwicklungspotenzial. Es ist uns als scheinbar weniger
Erfolgreiche verboten in einem weiteren Kontext zu leben und
kompliziert zu sein, weil es uns verboten ist reichhaltig und vielfältig zu
sein. Je vielfältiger wir leben, desto freier ist unser Denken und umso
intelligenter. Umso mehr Vielfalt kann darin gedeihen, was die echte

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Basis von breitem Wohlstand und hoher Innovationsdichte ist. Dieser
Gedanke steht im großen Widerspruch zu den meisten anderen
Gesellschaftansätzen und zum Wissenschaftsbegriff, der sich im 19.
Jahrhundert durchgesetzt hat. Es lohnt daran festzuhalten und
gleichzeitig einen neuen Weg zu beschreiten, da ohne das, was wir als
„irrational“, „subjektiv“ oder „dunkel“ bezeichnen, kein freier
Selbstausdruck möglich ist. Wenn nur noch die Sprache der Analyse
oder     des    Marketings     gesprochen    wird,   können    andere
Lebenswirklichkeiten nicht mehr sichtbar werden. Sind alle Menschen
zu Wissenschaftlern oder seriösen Profis geworden, ist niemand mehr
da, der das Leben unmittelbar und ohne Distanz weiterlebt. Der sich
einlässt auf etwas Unbekanntes.
      Die Verachtung der Armen, der „Entwicklungsnahen“, die ja
angeblich noch nichts sind, ist darum die Verachtung des Wohlstandes,
die Verachtung der Fülle selbst. Ein Paradoxon, welches Sie sich zu
vergegenwärtigen sehr viel Zeit nehmen sollten. Denn es ist der
Schlüssel zur Lösung einiger der spannendsten Problemfragen unserer
modernen Politik. Denn alternativlos erscheint uns die moderne Welt
nur aufgrund des eklatanten Mangels an aussprechbaren, an
kommunizierbaren, individuellen Erfahrungen und Bedürfnissen.
Bedürfnisse, die Kräfte in sich bergen, welche Bewegung motivieren
könnten. Also ein Vorwärtsgehen, ein Suchen nach unmittelbaren und
ganz eigenständigen Antworten. Dabei würden Einblicke entstehen, die
aufzeigen, wie dort Wertschöpfung entsteht, wo wir sie nicht
vermuten. Was der Normalfall wäre, denn Fortschritt ist normalerweise
eine Überraschung. Sie ist es nur dann nicht, wenn in der Bevölkerung
kaum noch subjektive, individuelle, noch nicht marktgerechte
Bedürfnisse und Verortungen vorhanden sind, weil diese im
Anpassungsdruck verschüttet wurden und der Mensch darum keine
Innovationen mehr hervorbringt, sondern nur noch Formen von
schneller, billiger, kleiner, was die Zukunft der Menschheit
vorhersehbar und für bestimmte Interessensgruppen leichter
kontrollierbar macht. Technologien wie Google sie benutzt, bündeln
Bedürfnisse, verdichten sie und konsolidieren den Prozess der
Entdeckung des Neuen, durch das Aussieben von unerwarteten

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Ergebnissen. Es ensteht dadurch ein Tool, mit dem die Zukunft
vorhersehbar ist, was unendliche Macht bedeutet. Dann gibt es den
Konzernen schließlich die Möglichkeit Lebensbedingungen als
„normal“ und „anerkannt“ zu labeln und abweichende Handlungen
frühzeitig erkennen zu können. Auf diese Weise kann leicht verhindert
werden, dass die Bevölkerung je auf die Idee kommt die Problemfragen
unserer Zeit würden vielleicht nicht von Wirtschaft und Wissenschaft,
von Technologie und den Waren der Großindustrien gelöst, sondern
von unmittelbareren Ressourcen, wie der Kultur, oder der hier
beschriebenen Akzeptanz des Wertes von Krisen und der
Notwendigkeit sich auf Lebensrisiken einzulassen. Vielleicht sogar die
Erkenntnis, dass wir keine Lösung wollen, sondern ein
Akzeptiertwerden, mit den Schwächen und Stärken, die uns
ausmachen. Eine Intervention, die in der Regel deutlich billiger und
wesentlich wirkungsvoller ist, jedoch den Vorstellungen der Konzerne
zuwiderläuft, die keine freie Entfaltung der Kultur wollen, weil sie
wissen, welche Macht und Kraft darin freigesetzt werden kann.

                Die Reduktion des Menschen im Job,
       ist der Wohlstand der Wenigen auf Kosten der Vielen.

      Wollen wir in dieser beschränkten Wirtschaft einen Status
erreichen, sind wir gezwungen unsere Komplexität und unser
differenziertes Wissen auf ein erlaubtes Minimum zu reduzieren. Wir
nennen es Spezialisierung, während es viel mehr eine Form der
Selbstzerstörung ist. Das ist die Perversion der modernen Arbeitswelt.
Sie muss den Reichtum der Welt, die Vielstimmigkeit, etc. loswerden
und nennt diesen darum wertlos. Täte sie dies nicht, könnte Reichtum
nicht künstlich kanalisiert werden. Der Ausschluss von Werten aus
dem Markt ist die Grundvoraussetzung für die Ausbeutung des
Menschen und der Umwelt. Der vorhandene, große Wert des ganzen
Planeten muss negiert werden, damit die einzelne Ware als etwas
Besonderes hervorgehoben werden kann. Der Mangel an integrierter
Vielfalt erzeugt Ungleichgewichte, die Suchtverhalten und
Orientierungslosigkeit fördern. Der Mensch versucht den Mangel an

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natürlicher Fülle, die Abwesenheit von innerem Glück, durch Konsum
zu kompensieren. Ein Kreislauf der zu mehr Konflikten, Spaltungen
und Abgrenzungen führt und damit Lebensbedingungen betoniert,
sowie Emotionen wie Neid, Missgunst, Konkurrenzverhalten
hervorbringt. Was dann zu Macht und Status einiger Weniger führt.
Dies kann nur gegen das Leben selbst gerichtet passieren. Darum
empfinden viele Menschen den Kapitalismus als einen Mechanismus
der Verhinderung und der Lebensfeindlichkeit. Natürlicher Reichtum
wird entwertet, weil dieser von der Teilhabe an den Finanzmärkten
ausgeschlossen ist. Reichtum, die Sperrigkeit, Kompliziertheit,
Unwillen genannt wird. Der Mensch als Mensch darf nicht genügen,
sondern muss durch ein Studium, ein Handwerksdiplom, einen Beruf
weniger werden. Somit wagt der Normalbürger sich niemals dorthin, in
dieses fremde Land, in dem Menschen nach ganz anderen Regeln,
Vorstellungen und Gefühlslagen existieren und vielleicht zumindest
teilweise über mehr Wissen verfügen, weil sie in einem komplexeren
Lebensraum leben. Ein Ökosystem voller Möglichkeiten ist einem
künstlichen Finanzmarkt in vielem überlegen, aber deutlich schwerer
zu dominieren. Man kann nicht Wohlstand und Kontrolle gleichzeitig
erreichen. Fälle wie China funktionieren nur, weil Know-How aus dem
Westen dort hin abgewandert ist. Wo aber sind die intellektuellen
Leistungen, die einen zivilisatorischen Fortschritt bedeuten?
      Natürlich kann man diese Frage auch an den Westen richten und
sollte dies auch tun.
      Es ist wichtig anzuerkennen, dass unglaublich viele Menschen
versuchen etwas zu ändern, sich engagieren, etc., aber kaum eine Idee
zu Armut und Wirtschaft aus der Gesellschaftsmitte kommt, und die
wenigsten Menschen wagen, diese Themen auf sich zu beziehen und
zum eigenen Anliegen zu machen. Auch gibt es oft genug die
Hoffnung, doch noch reinzupassen, durch Anpassung und Negation
der eigenen Bedürfnisse, die die von Armut Betroffenen von
konsequenteren Haltungen wie auch Handlungen abhalten.
      Das stille Unbehagen in vielen Menschen, basiert auf der Ahnung,
dass ihnen viel genommen wird. Dieses Ungleichgewicht erzeugt
Aggression und jenes Gegeneinander, welches wir vollends

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automatisiert und unbewusst betreiben, in dem Versuch die eigene
Position, die eigene Realität zu erkämpfen. Weil Menschen diesen Weg
nicht weiter gehen dürfen, weil sie brav sein sollen und unauffällig,
gelangen sie nie zur Klarheit über das, was sie wirklich wollen, wirklich
wissen, tatsächlich erleben.
      Daraus lässt sich schlussfolgern: Die Sperrigen, die uns Probleme
bereiten, haben unseren Respekt verdient. Denn sie versuchen im Sinne
Platons die Kugel wieder zusammen zu fügen, die Ganzheitlichkeit zu
erreichen.

                Das Unwissen der Massen und ihre
           neurotische Verachtung gegenüber den Armen.

      Die Mittelschicht ist die am schlechtesten informierte Gruppe
innerhalb moderner Gesellschaften. Sie sehen wenig, haben keine Zeit
über Dinge nachzudenken und sind das Hauptziel der Werbung, die
ihnen ständig einredet, die Welt sei in Ordnung und sie gehörten zu
den Guten. Mit demjenigen, der Probleme hat, muss folglich etwas
nicht stimmen. Man selbst braucht sich nicht den eigenen, inneren
Dämonen zu stellen. Jenen Schatten, die den Ausstoß aus der Gruppe
zur Folge haben könnten. Es stimmt nicht, dass die Armen weniger
verdrängen als die Wohlhabenden. Sie zahlen aber einen deutlich
höheren Preis um Vermeidung aufrecht zu erhalten. Die Konflikte
entgleiten ihnen öfter und werden sichtbar. Würden diese ohne
Bewertung betrachtet, käme strukturelles Wissen zum Vorschein und
die Struktur spräche gewissermaßen durch Menschen in Krisen.
      Während weite Teile der Mittelschicht beispielsweise den
Umstand ausblenden, dass man auch heute noch in eine bestimmte
Familie hinein geboren, einen bestimmten Stallgeruch haben muss, um
in Deutschland ein Topmanager werden zu können, ist es den Ärmsten
häufig viel klarer, welche Ungerechtigkeiten, welche tatsächlichen
Mechanismen Wirtschaft und Gesellschaft gestalten, um nur ein
Beispiel zu nennen. Denn den Armen gegenüber verschleiert sich weder

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die Politik noch der Besitzstand. Die Armen werden nicht belogen,
weil sie als außerhalb der Gesellschaft stehend angesehen werden. Wer
arm ist, erfährt ungeschönt, wie eine Gesellschaft denkt, was sie fühlt,
was sie fürchtet und wer in ihr zu Wort kommen darf. Die Tabus, die
Verdrängungen. All das wird nicht vor ihnen verborgen.

     Man könnte auch provokant formulieren, dass ohne
Armutserfahrung ein großer Teil der Bevölkerung ein Leben unter
einer Käseglocke verbringt. Ein Leben, in dem Verantwortung an
Politiker und Vorgesetzte abzugeben einem ein ruhiges und
angenehmes Leben bescheren kann und kaum jemand in modernen
Gesellschaften jene persönliche Verantwortung und Einsichtigkeit
im täglichen Leben mitbringt, die von den Armen immerzu verlangt
wird. Der Arme soll der bessere Bürger sein, wie die Frauen die
besseren Führungskräfte sein müssen, um überhaupt mitreden zu
dürfen.

      Der Armut hängt eine gewisse Hysterie an, wodurch leicht
vergessen wird, dass wir an Krisen wachsen und der Mensch
Herausforderungen braucht, um sich zu entwickeln. Doch nur wenn
der Entwicklungsprozess selbst erlaubt ist, können die Armen in der
Armut Stärke entwickeln. Dies braucht Zeit und Existenzangst ist kein
hilfreicher Weggefährte. Zu dieser Erlaubnis gehört sicherlich auch ihr
ungehinderter Zugang zu Bildung und noch wichtiger, zu jenem
Wohlstand, der das Interesse für Bildung erst hervorbringt. Einen von
dem Leben in Reflexen des unmittelbaren Überlebenskampfes zu
befreien, ist erforderlich. Wer im Prekären leben muss, steht unter
permanentem Rechtfertigungsdruck, psychisch und materiell. Wir alle
kennen wie gesagt die Armen, die ständig Konflikte provozieren. Wer
selbst arm gewesen ist, begreift, dass dies an den Lebensumständen
liegt, die keine Distanz, keine Großzügigkeit in den Weltbildern
zulassen. Es erfordert eine unglaubliche Stärke und innere Disziplin,
um aus der Armut heraus konstruktiv, zielgerichtet und abgegrenzt
vorzugehen. Der Selbstwert ist ständig unter Beschuss und innere und
äußere Gewalt eine direkte Folge davon. Es sind die Lebensumstände,

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<!-- PDF page 42 -->

die das Bild ergeben, welches wir abfällig als Milieu bezeichnen. Es liegt
nicht an den Menschen selbst.
     Wir sehen den aggressiven Armen und denken diese Aggression
sei nicht konstruktiv. Sie ist der Versuch Integrität zu erlangen und
eine eigene Sicht haben zu dürfen. Wurde einem diese lange genug
verwehrt, ist man eben nur noch in der Lage zu brüllen. Weil hier viele
Vorurteile und viel Unwissen über psychologische Zusammenhänge
herrschen, braucht es Zeit, bis wir diesen Umstand sehen können.
Wenn wir uns angesichts der Armut – gegenüber einer von Armut
betroffenen Person, nicht selbst stets derart moralisch überhöhen
würden, sondern die Dinge etwas lockerer und großzügiger betrachten
könnten, wäre schon viel getan. Niemand von uns ist perfekt.
Destruktion ist die Vorstufe zu Integration. Die Ordnung muss erst
einmal zerschlagen werden, um sie selbst neu zusammensetzen zu
können, bis es stimmt. Wir haben nicht das Recht über diese Prozesse
zu urteilen, nur weil sie uns lästig sind und unserem verfestigten Bild
eines reibungslosen Ablaufs widersprechen.
     Zu oft wollen NGO, Institutionen und „Helfende“ nur die
Menschen ändern, nicht die Lebensumstände. Es sollen nette, fröhliche
Bürger in Baracken sitzen und sich dann daraus von selbst befreien,
indem sie einfach aufstehen und morgens zur Arbeit gehen. Eine
unglaublich naive Vorstellung.
     Darum scheitern die meisten Konzepte wie zum Beispiel „Hilfe
zur Selbsthilfe“ oder „Fördern und Fordern“. Sie erwarten von den
Armen das souveräne Verhalten von gutbürgerlichen Menschen,
während an den Lebensbedingungen, die jeden in Sucht, Aggression,
Verwahrlosung oder Verblödung treiben würden, nichts verändert
wird. Können sie es sich nicht leisten mit den Kindern in den Zoo zu
gehen, muss der Fernseher für die nötige Abwechslung sorgen. Jede
Beziehung, in der ein Partner sich finanziell nicht über Wasser halten
kann, ist extrem belastet. Studien belegen, dass dies in besonderer
Weise zutrifft, wenn der Mann betroffen ist. Keine Familie hält ewig
die Konfrontation mit immerzu neuen Formen des Elends aus, ohne in
sich zu zerbrechen. Armut erzeugt soziale Bruchstellen und nicht
umgekehrt. Soziale Bruchstellen erzeugen nicht zwingend Armut. Mit

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<!-- PDF page 43 -->

einem guten Gehalt und einer 100qm Wohnung kann ich mir leisten
dem Partner aus dem Weg zu gehen und die angestauten negativen
Emotionen mit Urlaubsreisen oder teuren Therapien zu übertünchen.
Wer nichts hat, was eine Distanz ermöglichen könnte, muss sich
irgendwann selbst isolieren.
      Solange die Armutsbekämpfung sich allein der Frage widmet, wie
den Armen kurzfristig geholfen werden kann und nicht der Frage, was
in der Gesamtgesellschaft geändert werden müsste, wird die Armut
nicht wirklich reduziert. Und die Gesamtgesellschaft bleibt der
nächsten Stufe ihrer Entwicklung fern, weil sie sich den eigenen
Schatten        nicht      stellt.     Armutsbekämpfung          ohne
Entwicklungsbereitschaft bei denen die haben und bei den Firmen, ist
nichts Anderes als Fortschrittsbekämpfung.
      Erst wenn die Armen im übertragenen Sinne in denselben
Häusern leben dürfen, wie der Normalbürger, werden sie sich auch wie
solche verhalten. Darum denken moderne Sozialsysteme falsch. Die
Lebensbedingungen müssen sich ändern, damit das Verhalten sich
ändern kann. Damit bestimmte Werte entstehen, welche zivilisatorische
Werkzeuge der Lebensgestaltung sind. Breiter Wohlstand wird
möglich, wenn mehr Menschen in Lebensbedingungen leben können,
die wir mit Wohlstand assoziieren. Nicht indem wir es den unteren
Schichten schwerer machen, nach oben zu gelangen. Dass sich
Herausforderungen stellen, um Fortschritt und Innovation zu
provozieren, wie oft argumentiert wird, kann aber nur über alle
Schichten hinweg, gemeinsam passieren und nicht in der
Unterdrückung der einen Schicht gegenüber der anderen. Im Sinne
von: „Das tut denen gut, wenn die schuften müssen! Dann kommen die
auf neue Ideen und leisten mehr.“ Das ist absurd, wenn die Eliten
gleichzeitig passiv verharren und deren Zutun unerkannt bleibt.
Wertschöpfung muss heute nicht erkämpft werden, um passieren zu
können, sondern ist viel mehr in unserer Zeit eine Frage der
intelligenteren Orfganisationsstrukturen, in einer Gesellschaft. Hier
muss im Denken ein neues Paradigma passieren! Das ist eine kulturelle
Frage, die man zur Abwechsung mal an Innovationsentwickler stellen
sollte statt an Juristen und Bürokraten. Erst wenn die Armen

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Gleichberechtigung im Zugang zu Wohlstand einfordern, kann man
auch von ihnen erwarten zu Wertschöpfern im traditionellen Sinne zu
werden. Sie sind jetzt bereits Wertschöpfer. Nur wird das nicht
gesehen, weil es nicht immer daher kommt, wie das obere Ende der
Wertschöpfungskette.
      Reflexartig fordern wir, damit meine ich den konditionierten,
westlichen Menschen, die Armen sollten sich diese Stellung erst
erarbeiten. Von dieser Behinderung haben wir jedoch letztlich nichts,
außer einer Form falscher Genugtuung gegenüber Schwächeren. Es ist
zentral zu begreifen, dass deren Wohlstand unser Wohlstand ist.
Warum sollte es sinnvoll sein, dass sie ebenfalls hundert Jahre
benötigen, um diese Stufe des Wohlstands zu erreichen? Vielleicht
verstehen sie darunter auch etwas komplett anderes. Dieser
Möglichkeit verwehren wir uns, wenn wir deren Entwicklung
behindern, durch Ausbeutung. Nicht selten leitet sich von der
Verachtung gegenüber den Armen auch das Recht ab diese über den
Tisch ziehen zu dürfen ab. Was sich in teuren Krediten an korrupte
Politiker in Afrika, dem nahen Osten, den osteuropäischen Ländern
oder Griechenland zeigte. Um ein Land anschließend in den Konkurs
zu treiben, um noch günstiger deren Rohstoffe aufkaufen zu können.
      Dieses Unrecht bleibt ausgeblendet, weil die Armen doch
schuldig sind. Wir so viel besser, da wir verzichten, opfern,
verbrauchen, zerstören. Weil sie nichts leisten. In gewisser Weise mag
das stimmen. Die Armen leisten nicht, oder nicht in dem Umfang, jene
Abspaltung und Zerstörung der Vielfalt des Lebens, für die der
gutbürgerliche Angestellte jeden Tag zur Arbeit geht, um provokant
und sicherlich überspitzt gesagt, Alibiwerte zu schaffen, die ihren Wert
nur behalten, wenn dafür anderswo Dinge und Menschen wertlos
werden. Wenn die Eiche die Fichte entwertet, ist der ganze Wald
weniger wert.
      Das Privileg mit angebotener Hilfe konstruktiv umzugehen, ist
kaum möglich, wenn die Lebensumstände prekär bleiben. Die Armen
müssen sich weiter entwickeln dürfen, noch bevor sie unserer
Vorstellung des Idealmenschen entsprechen, an der auch wir Anderen
permanent scheitern. Dieser Prozess wird den Armen - und ich sage es

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nochmal ganz deutlich - in der Regel verwehrt, indem man sie
systemisch und strukturell entmündigt. Und sei es nur, indem man
voraussetzt unsere Werte, die Werte des abgesicherten
Mittelschichtbürgers, müssten auch für sie gelten und unsere Visionen
und Vorstellungen einer besseren Welt müssten auch ihre sein. Wie
bereits verdeutlicht birgt eine solche Haltung die Gefahr, die
Bedürfnisse der Armen über einen Kamm zu scheren, ihnen die eigenen
überzustülpen und im Weiteren zu verhindern, dass sie selbst einen
eigenen Entwicklungsprozess entwickeln oder anzuerkennen, dass sie
bereits eine eigenständige Kultur sind.
      Der Begriff der Kultur ist weit gefasst. Gemeint sind hier
abweichende Kulturen, also Bündel soziokultureller Codes, die sich
parallel zum Mainstream, ungesehen oder unterschätzt entwickeln.
Nennen wir es Kultur und nicht Milieu, ändert sich die Haltung
gegenüber abweichendem Verhalten.
      Dieser Gedanke ist radikal, aber wesentlich! Sind die Armen eine
andere Kultur? Eine Kultur, die es zu respektieren gilt? Entwickelt sie
sich gar, wenn man sie lässt hin zu einer Hochkultur, die unserer
überlegen sein könnte? Vielleicht sogar zu einer Kultur von der wir
lernen können, die ein höheres Wissen in sich trägt, aber sich wie die
Opfer des Kolonialismus durch Entwurzelung und Verfolgung in
einem Zustand innerer Ohnmacht und Destruktivität befindet, weil
man ihnen ihre eigenen Integrität genommen hat, durch das Verbot
ihrer eigenen Wertvorstellungen und das Label der Primitivität. Haben
die Armen nicht eine eigene Sprache? Haben Sie nicht das Recht sich
aus sich selbst heraus zu entwickeln, ohne Bevormundung? Ist
Entwicklung überhaupt möglich, indem man eigene Erkenntnisse
überspringt und sich sofort den angeblich höher zu bewertenden
Vorgaben der Institutionen anpasst? Oder sorgt das nur in weiterer
Folge für wesentlich größere Probleme? In den 50er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts war ein Unternehmen von Dogmen
beherrscht. Die alten Herren bestimmten, was passierte und allein das
Lebensalter beschränkte den Zugang zu Führungspositionen. In den
70er Jahren kam die sexuelle Revolution und schließlich die Kultur der
Selfmade-Manager, die alles erreichen konnten, wenn sie nur frech,

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mutig und rücksichtslos waren. Nach dem großen Crash entwickelten
sich Führungskräfte, die an Nachhaltigkeit und neuen Regeln
interessiert waren, die Individualismus und Gemeinschaft verbanden.
Nun frage ich Sie! Hätte man von den 50er Jahren in das Jahr 2014
springen können, ohne all diese kleinen Schritte, Irrtümer und Prozesse
zu durchlaufen? Ist es realistisch und sinnvoll anzunehmen, jemand
hätte aus der Zukunft kommend, zu den Russen, Amerikanern,
Iranern, Israelis, Chinesen und Deutschen sagen können, wie es besser
geht, ohne die Identität, den inneren Zusammenhalt, die kreative Kraft
all dieser Nationen nachhaltig zu schwächen? Mit dem Ergebnis
gleichgeschalteter Kulturen, die zwar denselben Fortschritt teilen, aber
weder wissen, wie sie dahin gelangt sind, noch, wer sie darin eigentlich
sind? Entwicklungsprozesse sind eine sehr heikle Angelegenheit. Man
sollte nicht in ihnen herumpfuschen, wenn man nicht selbst ein Teil
davon ist, mit ihren Stiefeln gegangen ist und in ihren Leben gelebt hat.
Mit welchem Recht, mit welcher nicht vorhandener Intelligenz bricht
also ein Staat in mein Leben ein und stellt Forderungen, Behauptungen,
was richtig ist und wertvoll, weil ich arbeitslos bin, oder kein Geld
habe? Macht nicht gerade dieses Verhalten alles schlimmer? Ist nicht
dieses Verhalten das, was ganze Länder in ihrer Entwicklung behindert?
      Die Natur in uns folgt anderen Rhythmen und Prinzipien, als die
Bürokratie dies tut. Man beachte nur wie die handwerklich bBegabten
im Zeitalter der Roboter scheinbar nicht mehr gebraucht werden und
die Natur sich dummerweise nicht den zivilisatorischen
Produktionsvorgaben anpasst, die ja ach so gut den Wohlstand der
Menschheit sichern und darum die Reproduktion des handwerklich
begabten Menschen ignoranterweise nicht eingestellt hat. Wie
uneinsichtig und primitiv von der Natur, der allwissenden Wirtschaft
nicht zu folgen und mehr Facharbeiter zur Welt zu bringen, statt
nachdenklicher      Naturwissenschaftler!     In    einer   industriellen
Gesellschaft sind diese natürlich nicht zu gebrauchen. Aber wollen wir
immer nur in einer solchen Gesellschaft leben, ja genügt diese
überhaupt unseren Ansprüchen und könnte es nicht sein, dass die
Natur mit der vermeintlichen Überproduktion von nachdenklichen
Menschen etwas beabsichtigt? Nennt man das nicht Fortschritt und

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Evolution? Wäre es nicht nachhaltiger hinzusehen, ob nicht
unbewusste, oder uns noch nicht zugängliche, noch nicht leicht
verstehbare, wichtige Entwicklungen passieren? Möglicherweise die
fehlenden Puzzleteile, um eine fortschrittlichere Gesellschaft bauen zu
können? Wobei Fortschritt etwas völlig anderes sein könnte, als wir
heute denken? Menschen im Mittelalter erwarteten nicht die
Renaissance, den gebildeten Individualisten, sondern nur einen noch
stärkeren Gott, mit noch konservativeren Vorstellungen. Seit der
Industrialisierung glauben wir, dass jeder Fortschritt auf neuen
Technologien (bei gleichbleibender Ausbeutung) beruht. Vielleicht
erkennen wir schon bald, dass Technik auch nichts anderes als ein
kultureller Inhalt ist. Dies würde bedeuten, dass technologischer
Fortschritt auf kulturellen Entscheidungen beruht, und nicht auf der
Evolution von Geräten. Das Internet ist ein gutes Beispiel dafür. Die
Grenzen zwischen kulturellen und technologischen Formen des
Fortschritts verschwimmen darin. Niemand kann genau sagen was
vorher da war. Das Bedürfnis nach einem Werkzeug wie Facebook,
oder die dafür notwendige Technologie. Natürlich stehen im Internet
nicht nur die soziokulturellen Bedürfnisse der User, sondern auch der
Industrie im Vordergrund. Hier wird über kulturelle Evolution
Verhalten konstruiert. Ein Experiment an dem wir bewusst teilnehmen
sollten, statt dies nur den Firmen zu überlassen! Dies würde auch zur
Stärke des Konsumenten führen. Der Mensch würde sich direkt in die
Wirtschaft einmischen und darin eigene Wünsche und Visionen
formulieren, wie ich es in dem Roman „Stieren des Weltdesigners“
beschrieben habe. Dort fährt eine Gruppe von Leuten zur Zentrale der
Firma Red Bull um dort einen Stier zu töten. Sie wissen selbst nicht
genau warum, wollen aber ausprobieren, was es bedeutet selbstständig
und ohne Auftrag ein Unternehmen umzubauen. Sie wollen sich auf die
Krise einlassen und somit selbstbestimmt werden, aus der Rolle des
unmündigen Konsumenten herauswachsen.

                       Das vermiedene Wissen.

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     Die Armen leben eine Kultur des Konsumverzichtes und der
Reduktion. Jedoch ohne Ideologie und mehr pragmatisch als
konsequent. Ein Beispiel für das verbotene Wissen der Armen ist der
moderne Wohnungsbau. Es ist möglich in einem Zelt, einer Jurte oder
einem Bauwagen zu leben und dies als angenehm und würdevoll zu
empfinden. Es ist möglich Wohnraum günstig und flexibel zu gestalten.
Wir müssen diese Lösungen als Behausungen dämonisieren, weil es das
Ende überhöhter Mieten wäre. Immobilienspekulanten hätten keine
Chance mehr, wenn selbst große Unternehmen in Zelte ziehen, weil es
salonfähig geworden ist, wenn die Armut, die materielle Reduktion, die
auch inneren Reichtum bedeuten kann, als eigenständige Kultur und
nicht als Makel begriffen würde. Dies muss kein Zwang sein, keine
Ideologie. Mir geht es darum aufzuzeigen, dass an diesen Stellen große
Innovationsräume entstehen können, durch eine Aufwertung des
Wissens aus der Armut.

                        Die Ware der Armut.

      Soziales Kapital, geistiges Kapital hat häufig eine viel geringere
Chance als materielles Kapital. Niemand wird bestreiten wollen, dass
unsere Wirtschaft und Kultur von anderen Kapitalformen profitiert.
Man denke auch an die Kosten der Umweltzerstörung, oder des
Burnouts, die bereitwillig von der Breite der Gesellschaft übernommen
werden. Unzählige engagierte Menschen übernehmen Care Work oder
andere Formen von Verantwortung. Die Gewinne jedoch fließen
überproportional in die Hände der Großkapitalisten.
      Die Armen werden gezwungen nur jene Produkte und
Dienstleistungen anzubieten, die sie als minderwertigere Arbeitskraft,
als schwächere Wertschöpfer erscheinen lassen. Dafür sorgt auch ein
rigides Bildungssystem, welches Diplome über reale oder selbst
erarbeitete Kompetenz stellt. Darin ist kaum Flexibilität. Die Armen
werden von ihrer eigenen Stärke und Integrität abgespalten. Würde
man ihnen eigenständig definierbare Kompetenzen zugestehen, wären

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sie Teil des Marktes, könnten diese anbieten und das Kapital würde
breiter verteilt. Darum muss es im Sinne des Kapitals verbotene Waren
geben. Dazu zählen beispielsweise künstlerische, soziale, freigeistige
Waren, aber auch Dienstleistungen, die wir auf den ersten Blick nicht
als solche erkennen würden, weil sie als Konflikt, als Irritation
daherkommen. Grundsätzlich fällt es uns in der Erfolgsgesellschaft
schwer etwas scheinbar Negatives als positiv gemeintes Angebot, als
positive Ware zu erkennen. Dies zu tun wäre eine Revolution in der
Menschheitsgeschichte. Es wäre der Schritt von einer auf
Machtverteilung basierenden Wirtschaft, zu einer die Gesellschaft
tatsächlich in ihrer Breite ernährenden Ökonomie.
      Ein Mensch, der von Drogen abhängig ist, wirkt nicht wie ein
Forscher, wie ein Unternehmer. Aber was wäre, wenn seine Sucht eine
Sprache wäre, mit der die Beziehung zwischen einem Armen und der
Wirtschaft, der oft verblendeten und zu simplifizierten Denkweise des
Normalbürgers, der emotionalen Verstrickungen und ungesehenen
Verletzungen innerhalb unserer Gesellschaft begreifen würde? Was
wäre, überspitzt formuliert, wenn sein Produkt der Schrecken wäre,
den er uns zufügt? Könnte es nicht sein, dass der Wert dieses
Produktes nur dann gesehen werden könnte, wäre es diesem erlaubt
Teil des frei zugänglichen Marktes zu sein? Wenn es Märkte für
virtuelle Welten und Computerprogramme gibt, warum dann nicht
auch für soziale Programme, die Aufdeckung sozialer Konflikte und
Problemfragen? Liegt nicht auch darin ein Wert?
      Dies mag für manche zynisch klingen, ist aber nicht so gemeint.
Denn wegen der kompletten Entwertung der Existenz eines
Drogenabhängigen, sterben zu viele von ihnen und es ändert sich nichts
an den Strukturen. Die dahinter stehende Information wird nicht in
die Gesamtgesellschaft integriert.
      Was ist der Unterschied zwischen einem Universitätsprofessor,
der in einem Hörsaal in geschliffener Sprache einen Vortrag hält, dafür
mehrere Tausend Euro im Monat erhält, weil er diese Privilegien hat,
oder einem Unternehmer, der ein Bedürfnis zum Ausdruck bringt,
durch die Entwicklung eines neuen Autos, weil er diese Privilegien hat
und einem Drogenabhängigen, der in der Straße verreckend ein

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gesellschaftliches Problem aufzeigt, da er diese Privilegien nicht hat, um
darüber einen Vortrag zu halten oder dazu ein Produkt zu entwickeln,
welches gefälliger wäre?
      Er wird nie ein Professor werden. Keine Bank wird ihm je das
Geld für die Entwicklung eines traditionellen Produktes geben. Sein
Geschenk an die Welt ist es auf der Straße zu verrecken.
      Wenn schon freier Markt, dann doch wenigstens freier Markt für
alle Menschen und alle Waren und Dienstleistungen! Auch die Kultur
ist ein Markt. Ein Markt des Dialoges, des geistigen Austausches.
Nehmen wir an diesem Markt nicht teil, zerfällt Kultur. Wenn niemand
mehr ins Theater geht, gibt es bald kein Theater mehr. Wenn niemand
mehr an der Breite des Lebens teilnimmt, gibt es bald kein vielfältiges
Leben mehr. Wir stehen in der Verantwortung als menschliche Wesen
uns an diesem breiteren Markt zu beteiligen, indem wir auch das
Sperrige, das Unheimliche, das noch nicht Verstandene an uns heran
lassen. Kaufen bedeutet es in sich aufzunehmen. Kaufen wir nur einen
kleinen Teil der Welt, bleiben wir hungernd, weil dies den Markt
verengt und der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern von
unzähligen anderen Bereicherungen, Geschenken, Ressourcen.
      Darum sollten wir auch das „Scheitern“ als ein Produkt
anerkennen. Es ist ein Produkt voller wertvoller Erfahrungen.
Behandeln wir es wie Dreck, zerstören wir geistiges und letztlich auch
materielles Kapital und schädigen die Gesellschaft.
      Ebenso wesentlich ist es dem Menschen ein Grundrecht auf Krise
zuzugestehen. Wie das Grundrecht auf Wasser oder künstlerische
Freiheit. Wenn es ein Recht auf Krise gibt, kann die Krise auch offen
auf dem Markt gehandelt werden, als Ressource in dem Wissen und
Erfahrung steckt. Vielleicht müssten wir dann viele Krisen nicht
ständig wiederholen. Kaufen bedeutet, in sich aufnehmen. Das klingt
jetzt einfach und natürlich gibt es da im Detail viele Fragen und
Konflikte. Ich möchte, dass Sie diese Denkrichtung kennenlernen. Es
muss nicht perfekt sein.
      Wenn nicht mehr in der ganzen Breite produziert und nicht mehr
in der Vielfalt gekauft, nicht mehr ausgesprochen und nicht mehr
zugehört wird, verlieren wir als Menschheit. Wir können nicht alle

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Banker, Anwälte oder Politiker werden, damit die Eigentümer von
Banken, Kanzleien und das Establishment allen finanziellen Reichtum
kanalisieren und abschöpfen können. Auch auf der Straße zu verrecken
ist ein Produkt, ein Angebot. Wir haben kein Recht dieses Angebot zu
verbieten oder gering zu schätzen.
      Auch wenn ich mich als Künstler weigere zu funktionieren, um
das Leben komplexer zu machen, um mehr Lebensraum für Menschen
zu schaffen, ist das eine Dienstleistung. Mit welchem Recht behauptet
die hier wenig kompetente Sachbearbeiterin eines Jobcenters, dies sei
kein Job? Wussten Sie eigentlich, dass der Beruf des „Freischaffenden
Künstlers“ im Computer des Jobcenters überhaupt nicht existiert? Ich
habe darauf bestanden, dass dieser aufgenommen wird. Kein Wunder,
dass sie meine Arbeit als asoziales Verhalten deuten. Es steht ja nicht
im Rechner. Das Universum steht auch nicht im Telefonbuch. Es muss
erlaubt sein Systeme zu erweitern, ohne als Mensch mit der
Anschuldigung konfrontiert zu werden, nicht zu passen.
      Das Produkt des Menschen, der in den Straßen verreckt, ist die
Ungerechtigkeit der Welt. Würden wir sie kaufen, könnten wir
verstehen, dass das Universum viel komplexer ist, als wir es uns
vorstellen können und Chancen, neue Ideen, Haltungen würden aus
der Differenz und aus den Widersprüchen sichtbar. Die Wahrheit ist
ein Paradoxon, ein Sowohl-als-auch und eben keine für alle Zeit
feststehende Gewissheit. Es gilt den Widerspruch auszuhalten, damit
zu leben, dafür Verantwortung zu übernehmen. Denn dieses
Ungleichgewicht der Kräfte ist Lebensenergie, ist Bewegung. Das
selbstbestimmte Angebot sollte ein Grundrecht sein. Was auch möglich
ist, wird akzeptiert, dass Angebot und Nachfrage die Märkte nicht
wirklich bestimmen. Erst dann kann sich ein neues, ein natürliches
Verständnis von Arbeit und gemeinsamer Gestaltung der Gesellschaft
entwickeln.
      Was aber passiert in der Praxis? Es geschieht das, was wir
alltägliche Normalität nennen und was tatsächlich absoluter Irrsinn ist,
verpackt in Strategien simplifizierter Verdrängungsmuster.
      Wir wollen, dass der Drogensüchtige sich schnellstmöglich einen
Job sucht und aus unserem Blickfeld verschwindet. Seien Sie mit Ihrer

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Forderung vorsichtig! Stünde dieser Drogensüchtige auf, um bei einer
Fastfoodkette zu arbeiten und gerade über die Runden zu kommen,
denn einen besseren Job bekäme er in der Regel nicht, müssten an
seiner Stelle andere verrecken, deren Leid unerkannt bliebe. Für jeden
von uns der es schafft erfolgreicher zu werden, müssen Hunderte
andere sich in ihrem Scheitern verstecken, weil „Scheitern“ in unserer
Gesellschaft Rückzug aus dem Licht, aus der Sichtbarkeit bedeuten
muss. Für jeden von uns, der es schafft erfolgreicher zu sein, müssen
Andere ein Leid ertragen, welches sie nicht zum Ausdruck bringen
dürfen. Solange ihr Scheitern, ihr Aus-der-Rollefallen, durchs System
rasseln, keinen Wert hat.
      Was passiert mit denen, die nicht die Besten sein können? Das
sind die schweigenden Massen in den Firmen, die niemals aussprechen,
was alles schief läuft. Die Scham, die Schuld haben, die ihnen den Mund
verklebt. Sie alle können von der echten Welt erzählen, aber nur den
von ihrem Ego berauschten Siegern wird zugehört. Das sind die, denen
vorgegaukelt wird, dass es eine Hierarchie gibt, in der andere besser
sind. Warum dürfen sie nicht an dem Arbeitsplatz, an dem sie sich wohl
fühlen einfach gut sein, ohne Zwang zum Besseren, Aufstieg, etc. Ohne
Demütigung durch sogenannte Höherrangige.
      Wer sich im negativen Sinne als „gescheitert“ akzeptiert und
zulässt, dass ein Jobcenter einen deswegen als unmündigen Abfall
behandelt, unterstützt die Wirtschaftskrise und schädigt die
Gesellschaft. Wir alle haben die Pflicht unseren Wert zu bewahren und
zu verteidigen und dieser Wert ist immer selbstbestimmt und muss es
sein. Nur auf diese Weise verhindern wir, dass eine kleine Elite uns
vorschreibt, was einen Wert hat und dabei den Großteil des
Universums für wertlos erklärt. Sie tut das, um uns schleichend zu
enteignen. Wann endlich werden wir das verstehen?
      Leadership bedeutet aufzustehen, sperrig zu sein und sich mit
dem eigenen Leid, dem eigenen Schmerz nicht zu verstecken. Denn es
ist ein Produkt. Es bewirkt einen Prozess. Einen lebendigen Prozess,
der Reibung und Konflikt sein darf. Diese Zeit müssen wir uns
nehmen!
      Denn darin liegen - verdammt nochmal - Lösungen und

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Einsichten, die mehr sind als ein Porsche. Ein Porsche ist relativ
primitiv im Vergleich zu einem Menschen in einer Lebenskrise. Auch
ein Computer wird nicht von jedem sofort verstanden. Man muss sich
die Nützlichkeit erarbeiten. Das ist die andere Seite des Fortschritts.
Entwicklung passiert nicht vom Sofa aus. Menschen, die mit neuen,
ungewöhnlichen Produkten und Dienstleistungen etwas ausprobieren,
damit leben, den Wert selbst darin entwickeln und entdecken, haben
das Recht Käufer zu finden. Das ist Kultur und Menschlichkeit. Ein
Handy wäre immer ein Handy geblieben, hätten Menschen nicht
irgendwann versucht damit Fotos zu machen.
      Lassen wir uns doch auf einen Prozess ein! Wie man das umsetzen
kann, ist nicht leicht zu beantworten, was gut ist.
      Der Kompromiss des Drogensüchtigen, der nun in unserem
Beispiel bei der Fastfoodkette arbeitet, hat die Armut in der
Gesellschaft nicht gelindert. Er ist nur von verrecken in vegetieren
übergegangen.
      Damit will ich keineswegs Menschen in Fastfoodketten
geringschätzen, aber Sie werden mir zustimmen, dass auch dort viel
nicht gelöst wird, weil Menschen im Zweifel gehen und sich einfach
anderswo ein mehr oder weniger ähnliches Leid als Job suchen. Ich will
Ihnen mit diesem Beispiel verdeutlichen, wie komplex die Verhältnisse
sind und warum ich von Kompetenz, Verantwortung und Stärke in der
Armut spreche, von verborgener Information, ohne die unser Blick auf
die Gesellschaft nicht vollständig sein kann.
      Diese Ignoranz hat die großen Wirtschafts- und Umweltkrisen
bewirkt. Ignoranz ist heute der Kern vieler Probleme.
      Darum suche ich mir nicht sofort den nächstbesten Job, für den
ich nicht geeignet bin, in dem ich nicht glücklich werde, in dem die
meisten meiner Talente und Fähigkeiten verloren gehen, weil das der
Gesellschaft und mir selbst gegenüber, ja sogar meinen Kindern
gegenüber unverantwortlich wäre. Im unmittelbaren Augenblick ist das
hart. Auf längere Sicht gesehen der bessere Weg. Wissen verpflichtet.
      Ich bestehe darauf, die Wertschöpfung neu zu verhandeln,
zwischen Unternehmen und mir, zwischen Ihnen und der Politik,
zwischen der Kultur und der Wirtschaft.

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                    Wer Arm ist, bestimme ich!
                Das Entwicklungsverbot im Westen.

     Es braucht Zeit, bis wir eine solche Haltung als sinnvoll
annehmen können, weil wir ein Leben lang gelernt haben, dass die
Verweigerung des Gehorsams in jedem Fall verwerflich ist und nur dort
möglich, wo großes Unrecht herrscht, der Arme aber niemals
selbstbestimmt das Unrecht definieren darf, sondern stets von der
scheinbar überlegenen Sicht der Außenstehenden dazu befähigt werden
muss. Damit komme ich zum nächsten, wesentlichen Punkt, wenn wir
Armut richtig und human begreifen wollen, und zwar zu der Frage:
Wer eigentlich definiert, wer arm ist und wer nicht? Denn: Wer dies tut
bestimmt auch, wie die Armut überwunden werden soll.
     Wer sich in Deutschland selbst als arm definiert, ist in der
Vorstellung der Leute faul. Weil es einem untersagt ist, nicht motiviert
zu sein. Doch wer die notwendige Trauerarbeit nach dem Verlust des
Einkommens nicht leisten, wer sich der Vorstellung nicht annähern
darf, das einem ganz schön viel Unrecht geschieht, verliert an
Realitätskompetenz und Integrität. Übermotivierte Menschen sind
nicht die erfolgreicheren Menschen. Manie ist kein nachhaltiges
Konzept der Lebensbejahung.
     Der Arme in China ist für uns abstrakt, er ermöglicht es, das
eigene System daran als das „Bessere“ zu bemessen. Diese Armen sind
weit weg. Der Arme in Brandenburg hingegen hält unserer Gesellschaft
einen Spiegel direkt vor die Nase, was für viele unerträglich ist. Darum
muss Armut um jeden Preis von außen definiert bleiben. Und wer diese
Deutungshoheit hat, besitzt Macht über die Armen. Kann ihnen Schuld
zuweisen oder davon einen Arbeitszwang ableiten und Grenzen der
Zumutbarkeit festlegen. All das gehört zur narzisstischen Kränkung
der Mittelschicht, die heute mehr denn je um ihren eigenen Wert
fürchtet und darum, wie ein verwundetes Tier bereitwillig die
Arbeitslosen herumkommandiert, statt sich mit ihnen gegen die

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Manager zu verbünden.
      Armut in Europa darf vor diesem Hintergrund keine
strukturellen, keine systemischen Ursachen haben, weil dies an der
Ideologie des westlichen Kapitalismus kratzt, an dessen Legitimation,
mit deren Unterstützung diese in der Welt großes Unrecht verbreitet,
ohne sich je dafür rechtfertigen zu müssen, weil man angeblich im
„besseren“ System lebt, im Reich der Freiheit, des Anstandes und der
Brüderlichkeit.
      Darauf begründet sich das verborgene „Entwicklungsverbot“ im
Westen selbst. Das Verbot zur kreativen Arbeit an der
Weiterentwicklung des Westens, auf politischer, kultureller und
wirtschaftlicher Ebene. Weil es keine tieferliegenden Eruptionen,
Konflikte und Probleme in Deutschland, Frankreich oder England
geben darf.
      Wir befinden uns in einem Vakuum, in dem Nachdenken und
kritische Fragen stellen nicht erlaubt ist. Wer keine Arbeit hat, muss
eben in die Arbeit gezwungen werden. Im Zweifel nur, um die Statistik
zu frisieren und um den Eindruck zu erwecken, es gäbe kein
grundsätzliches Problem im Verhältnis zwischen Arbeit, Mensch,
Angebot und Nachfrage.
      Die Verachtung großer Teile der Bevölkerung im Nahen Osten
oder den ehemaligen Kolonien gegenüber dem Westen liegt vielleicht in
unserer Unfähigkeit begründet, den „Armen“ auf Augenhöhe zu
begegnen. Gelingt es den Armen in Europa, gegen den eigenen
Regierungen aufzustehen, können wir wieder jene Empathie
entwickeln, die uns den südlichen Ländern gegenüber fehlt und uns
überall dort, wo wir erhaben glauben die Lösung zu kennen, als
arrogante Entwicklungshelfer auftreten lässt, während die weniger
Edelmütigen unter uns mit unserer stillen Duldung dafür gesorgt
haben, dass diese Länder für lange Zeit von unseren globalisierten
Märkten ausgeschlossen bleiben, wenn sie sich nicht unseren Vorgaben
unterwerfen.
      Während Wissenschaftler oft Jahre an ihren Prozessen arbeiten
dürfen, ist das Experiment Armut in den Industrienationen bereits
beendet, bevor es angefangen hat. Die Erkenntnisse werden vorab als

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wertlos definiert und nicht weiter verfolgt. Es wird auf ein logistisches
Problem reduziert. Job oder kein Job! Die Antwort der Politik ist stets
nur die Hülse der Arbeitsplatzbeschaffung um ihrer selbst willen. Die
kulturelle Revolution bleibt aus. Noch.
     Wertschöpfung kann sehr teuer sein, wenn Neuentwicklung, auch
Innovation genannt, von der Wertschöpfungskette ausgeklammert
wird. Wenn nur noch unmittelbarer Gewinn zählt. Wenn niemand
mehr säht.
     Ich passe nicht in das Bild des Hartz-IV-Empfängers. Weil das
Bild falsch ist. Denn ich bin in höchstem Maße erfolgreich, verdiene
nur dabei fast nichts. Es ist Zeit sich die Systemfehler genauer
anzusehen!

                    Ein ungewollter Wertschöpfer.

      Geboren wurde ich als das Kind einer Österreicherin und eines
Engländers. Mit acht Jahren zogen wir in ein Tiroler Bergdorf, wo ich
überwiegend Ausländer war. Zu diesem Zeitpunkt erlebte ich keine
Armut, sondern das Fremdsein, sowie die Folgen der außenstehenden
Perspektive. Die Problematik viel zu sehen, weil man nicht Teil des
Systems ist und gleichzeitig wenig damit machen zu dürfen, weil man
im System nicht akzeptiert und integriert ist. Wissen wird hier schnell
zur Belastung. Anderssein zur existenziellen Bedrohung. Es gibt
Gesellschaften, in denen ein Mensch mit Talenten eine arme Sau ist.
Denn Talente sind Verpflichtungen und damit wird man den Leuten
lästig.
      Als ich 17 war, hatte ich in der Schule einen Kunstlehrer, der Dias
von historischen Gemälden an die Wand warf. Diese Abbildungen
waren nach Jahren der Benutzung in unzähligen Klassen und
Generationen schließlich verdreckt, unscharf, erodiert und zeigten nur
einen Abglanz des abfotografierten Originals.
Die Schüler wurden regelmäßig aufgefordert die gezeigten Bilder,
Skulpturen, Bauwerke anhand der Dias zu beschreiben und zu

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analysieren. In der Regel beschrieben eine Schülerin oder ein Schüler
das, was der Lehrer hören wollte. Ein Verhalten, welches sich in jedem
Unternehmen findet, eine Form der Anpassung, die wir alle mehr oder
weniger durchleben und aufrecht erhalten, obwohl die Folgen davon zu
den großen Problemen geführt haben, die man auch heute in
Wirtschaftskrisen und sozialen Verwerfungen sehen kann.
      Erfolg bedeutet fast immer den Erwartungen zu entsprechen,
weshalb der Erfolg als Ideologie die Ignoranz zur Grundstimmung
einer Kultur macht. Ignorant zu sein ist die Grundvoraussetzung, um
das Bild des Erfolgreichen zu erfüllen. Natürlich gibt es auch
erfolgreiche Menschen voller Sensibilität, Qualität und Leistung, aber
die Kultur des Erfolges fördert Anpassung, was letztlich die
Entwicklungschancen der Gesamtgesellschaft behindert.
Was die Schüler bereitwillig taten, war Erfolg zu simulieren, Erfolg zu
spielen, zum Preis der Lebenslüge. Sie taten es, um Zugehörigkeit
abzusichern.
      Irgendwann war ich dran und erzählte von dem, was ich wirklich
sah. Weil ich dachte, dass sei der eigentliche Sinn dieser Übung. Sehen
zu lernen. Weil daraus Realitätsbewusstsein wächst und Qualität.
      Zerkratzte Landschaften, verschwommene Untiefen, fettige
Flecken vor öligen Gesichtern. Ich beschrieb ein Haar vor der Linse des
Projektors, als einen Ast in einer gemalten Landschaft des Künstlers
Caspar David Friedrich.
      Staatliche Stellen hatten mich zu einem Künstler ausgebildet, zu
einem Menschen, der hinsieht, der anders hinsieht und dabei zu
anderen Schlüssen kommt. Sie forderten mich auf, in die Welt hinaus
zu gehen und für nützliche Unruhe zu sorgen.
      Nun aber wollten die Vertreter der Schule davon nichts wissen, da
es ihre Autorität in Frage stellte. Es kam zum Eklat und ich musste
wenige Monate später die Kunstschule in Graz verlassen.
      Diese Erfahrung wiederholt sich nun fast mein ganzes Leben und
hat mich wirtschaftlich ruiniert. Wäre ich weniger engagiert, weniger
konsequent, weniger getrieben, hätte ich vielleicht als Wissenschaftler
oder irgendwo anders in der akademischen Welt eine Karriere machen
können. Doch es gibt keinen Lehrstuhl für Revolution und auch keinen

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wirklich ernst gemeinten für Innovation. Diese Ausgrenzung
unbequemer Fähigkeiten erleben viele Künstler und Andersdenkende.
Ist das, was wir tun, deswegen falsch? Nein. Natürlich nicht. Es ist viel
mehr unser Job in einer innovativen, freien und humanen Gesellschaft.
Die kreativen Problemlöser aber werden vom Besitzstand heute
häufiger als in den 80er oder 90er Jahren in die Arbeitslosigkeit
getrieben, weil Gehorsam höher bewertet ist als Wertschöpfung und
Anpassung mehr wert sein soll, als innovativ, provokativ und
ungewöhnlich vorzugehen. Ergebnisse sind ganz groß und angesehen.
Bewusste, offene Prozesse hingegen ganz klein. Obwohl die großen
Wirtschaftskrisen, wie man in den Medien mitverfolgen konnte, häufig
auf Ignoranz und Nichthinsehen beruhten.
      Da raus zu fallen mag man KünstlerInnen noch zugestehen, wenn
Leute sich gebildet und aufgeschlossen geben und die Zusammenhänge
zwischen Kreativität und Volksökonomie begreifen, oder die
menschliche Größe besitzen, diesen Nutzen mit dem Herzen
wahrzunehmen. Was aber ist mit MigrantInnenen, deren Bildung und
Status an der Grenze zur Festung Europa null und nichtig werden, mit
Menschen ohne Bildung, mit Kranken oder Menschen, die wegen ihrer
Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder schlicht darum abgelehnt
werden, weil sie nicht zur richtigen Seilschaft gehören? Haben Sie nicht
auch Talente, von denen wir noch nie erfahren haben, oder die
unbequem sind?
      Ich bin also diesen Weg der Herausarbeitung der Kompetenzen
und Stärken in der Armut weitergegangen. In diesem Prozess wurden
mir Heizkosten verwehrt und zwischenzeitlich das Existenzminimum
gestrichen. Es gab eine Wohnungsdurchsuchung in einem Zelt und
ziemlich jede Behörde hat gegen mich ermittelt und tut es teilweise
noch, weil ich in der Armut Stärke und Eigenständigkeit entwickle und
Bedingungen für meine Kooperation stelle. Manchmal glaube ich, das
Finanzamt vermutet bei mit geheime Geldreserven, weil es sonst nicht
zu erklären ist, dass ich immer noch dieses Selbstbewusstsein aufbringe.
      Natürlich zweifle ich auch, viel sogar, und dieser Weg ist alles
andere als leicht oder leichtfertig.
      Die Konzentration auf das, woran man glaubt, auf das eigene

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Ding, ist das, was man Professionalisierung nennt. Etwas solange gut
zu machen, bis man es verkörpert und es jedem absurd erscheint, man
könnte jemals wieder etwas Anderes tun. In jedem anderen Beruf
verdient man nach der Professionalisierung mehr Geld und das Leben
kommt in ruhigere Bahnen, was man dann wohl auch verdient hat.
      Als Künstler ist man, wenn man nicht das Glück hat eine der
wenigen Professuren zu bekommen, oder irgendwo rein zu rutschen,
weil ein Freund jemanden kennt, nichts anderes als ein Mensch, der
nirgends mehr hin passt, der von jedem Unternehmen gemieden wird,
wie die Pest.
      Vergessen wir nicht! Ich wurde in jungen Jahren von Staat und
Wirtschaft dazu animiert und ausgebildet gegen den Strom zu
schwimmen. Die Kunstfreiheit ist nett, als Theorie. Werden unsere
Grundrechte gelebt, werden sie für manche bedrohlich. Weil die
Kunstfreiheit funktioniert. Die Kunst, wie auch der kreative Eigensinn,
decken auf und machen bewusst.
      Ich bin nicht unflexibel. Sie haben mich auch dazu ausgebildet
ständig Dinge zu tun, die ich noch nie gemacht habe. Darum bekomme
ich heute so schwer einen Job, oder die Beteiligung an einem Projekt,
usw. Entwicklungsnahe Kompetenzen werden nicht als solche erkannt.
Ich war Leichenfotograf, hab als Speaker auf großen Bühnen
gesprochen,      habe     eine     Managementmethode         entwickelt,
Zeichentrickserien produziert, war Kameramann und Alpakazüchter.
Das habe ich viele Jahre getan, weshalb mein Lebenslauf aussieht wie
ein Minenfeld. Solange ich jung und dumm war, verursachte das keinen
Schaden, weil ich harmlos erschien. In jungen Jahren bekam ich damals
fast jeden, wenn auch häufig schlechtbezahlten und immer prekären
Job, weil es normal aussieht, wenn ein junger Mensch sich ausprobiert.
Jetzt, da ich sehr viel mehr begreife, sehe, ausdrücken kann, bringe ich
aus den vielfältigen Erfahrungen Wissen mit. Manager fürchten
Künstler, die etwas von Leadership, Unternehmertum und Innovation
verstehen, wie sie auch intelligente Frauen fürchten, die viele
Kompetenzen haben. Die Old-School-Manager wollen mich nicht in
ihrer Firma haben. Was ist mit den Neuen, die Leadership neu
verstehen und sich nicht vor kreativer Auseinandersetzung fürchten?

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Wo seid Ihr? Wir brauchen Euch jetzt!

       Wir wollen nicht wirklich, dass Arme bestraft werden!

      Wenn ein Wohlhabender ein teures Auto kauft und sich damit
finanziell übernimmt, ist da eine Schuld, eine direkte Verkettung
zwischen Handeln und Wirkung, die man moralisch hinterfragen kann.
Selbst das ist nicht eindeutig, weil beispielsweise viele Unternehmen
davon Leben, dass ihre Kunden sich regelmäßig übernehmen. Das kann
auch Wirtschaft fördern, ja notwendig sein, um beispielsweise neue
Innovationen zu ermöglichen. Die sind immer ein hohes Risiko,
welches wir nicht meiden sollten.
      Wenn dieser Wohlhabende aber dadurch derart verarmt, dass er
sich nichts mehr zu Essen kaufen kann, gehen auch viele seiner anderen
und für uns positiven Ressourcen verloren. Er verliert den Lebensmut,
kann sich nicht mehr bewegen, wird vielleicht süchtig oder verliert
seine Frau. Das zieht eine Gesamtwirtschaft runter. Auch andere
werden von dessen Schicksal demotiviert. Hartz IV sowie die
Sparpakete in ganz Europa demotivieren ganze Bevölkerungsschichten.
Die Zahl der mutigen Selbstständigen geht zurück. Überall macht sich
eine biedermeierliche Stimmung der Vermeidung breit. Die Kanzlerin
spricht von „Alternativlosigkeit“. Dadurch verschärfen sich
längerfristig weitere Probleme für die Volkswirtschaften, während die
großen Unternehmen nun keine Konkurrenz fürchten müssen. Für sie
eine bequeme Lösung.
      Wollen wir als Gesellschaft diese Auswirkungen der Armut? Ich
denke nicht. Wir wollen eigentlich, dass dieser wohlhabend bleibt und
eine positive Lebenseinstellung behält, weil ihn das toleranter macht
und großzügiger. Jeder hat Fehler und Schwächen. Dies ändert in der
Regel nichts an unserem Kontostand und sollte diesen auch nicht
derart verringern, dass wir in Armut fallen. Soziale Verantwortung
wurde noch nie über das Mittel der Pfändung oder des Arbeitszwangs
erreicht. Wer arm ist, muss das, was sie oder er besitzt stets unter Wert
verscherbeln, während es für Wohlhabende leichter ist einen guten
Preis zu erzielen. Während der Normalbürger die Krise fürchtet,

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arbeitet diese für die Reichen. Denn nichts erzeugt mehr Wachstum als
ein Krieg oder eine Katastrophe, die alles zerstört und es dann mit
geringen Investitionen und hohem Wertzuwachs neu aufgebaut werden
muss. Es ist Zeit, dass auch die Armen an den Lebenskrisen verdienen!
Dies ist nur möglich, wenn wir wie die Reichen die Krise als Chance, als
unser Kapital verstehen dürfen. Warum haben Arme nicht dasselbe
Recht auf Chancengleichheit im Markt? Armut ist ein Hebel, der die
Gesellschaft selbst trifft und Armut als Instrument der Bestrafung zu
betrachten, bedeutet nur, sich als Volk ins eigene Fleisch zu schneiden.
     In hundert Jahren wird man die Vorstellung, der Arme sei an
seiner Armut selbst schuld, vielleicht ähnlich lächerlich finden, wie die
Behauptung, die Erde sei eine Scheibe. Es gehört vielleicht zu den
großen, kulturellen Zielen unserer Zeit, endlich die Ideologie der
Armut zu überwinden.
     Weil die Armut ein Mittel der Enteignung der Bevölkerung ist,
ohne dass diese sich dagegen wehren kann, weil damit eine angebliche
Schuldhaftigkeit der Bevölkerung einher geht, ist eine neue Perspektive
längst überfällig. Die Definitionshoheit muss zurückgeholt werden!
Man braucht kein Militär, um die Menschen zu bezwingen, wenn man
dafür die Armut benutzen kann, die scheinbar wie eine schicksalhafte
Naturkatastrophe daher kommt und für dessen Überwindung jeder
angeblich jedes Opfer bringen muss. Auf diese Weise wird die Armut
nie beendet.

                   Neue Formen des Widerstandes.

     Auch der Widerstand der Zivilgesellschaft kann eine Form
wirtschaftlicher Verantwortung und Unternehmergeistes sein.
     Die klassischen Methoden des Widerstandes, die ich hier nicht
schmälern möchte, bestehen aus Demonstrationen und aus passivem
Widerstand. Die eine Methode erzeugt Gegenwehr und ist oft ein Blick
von Außen, was stets eine schwache Position ist. Sobald Menschen sich
zu Gruppen oder gar Massen zusammenschließen, müssen sie ihre

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Absicht abstrahieren, was Positionen schwächt. Quantität ist eben
nicht Qualität. Konsequenz wird in Grabenkämpfen schnell
ausgehöhlt.
      Der passive Widerstand hat wie auch die Demonstration seine
Berechtigung, aber in Zeiten, in denen die Medien darüber nicht mehr
berichten, ist die Blockade eines Systems, welches zunehmend auch
ohne zu große Teile der Bevölkerung weiterläuft, zunehmend weniger
wirkungsvoll. Auch die klassische Kritik der Intellektuellen vermag
kaum noch Gehör zu finden. Denken gilt perverser Weise als wenig
sexy in einer Welt, in der das einfache und meist käufliche Glück das
Ideal darstellt.
      Ich möchte Sie bitten sich klar zu machen, dass ein perfektes
System immer ein dummes, ein reduziertes, ein unkreatives System ist.
Es kennt nur eine Perspektive und idealisiert diese bis ins Krankhafte.
Ein solches System glaubt möglicherweise ohne alternative Ideen oder
Konzepte auskommen zu können, ist aber nicht in der Lage auf höhere
Intelligenz und Kreativität zu reagieren. Darum ist der
„systemkreative“ Ansatz, analog zur „systemkritischen“ Betrachtung,
möglicherweise ein Hebel, an dem ein starres System zerbricht, wenn
es nicht in der Lage ist unmittelbare Gewalt gegen Menschen
anzuwenden und ein Mindestmaß an freier Presse und Zivilgesellschaft
vorhanden ist. Die selbstbewusste Arme, welche die Beziehungen mit
Wirtschaft und Politik neu verhandelt, ist eine kreative Kraft, auf die
dieses System keine andere Antwort hat, als dümmliche Gewalt und
Befehlston, was sie selbst als inkompetent, spießig und wenig
zukunftsfähig entlarvt.
      Ich möchte nun ein wenig in meine Arbeit als Künstler einführen.
Mein Weg ist nicht ein Weg, der auch für Sie passen muss. Aber in der
Differenz zwischen meinen Versuchen und den Ihren, werden neue
Möglichkeiten sichtbar. Mir ist irgendwann klar geworden, dass in der
Rolle des Künstlers, der in uns allen steckt, ein großes Geschenk liegt.
Kaum eine Funktion in unserer Gesellschaft erlaubt es von der Norm
abzuweichen, sich lächerlich zu machen, sich Extremen hinzugeben,
den dunklen wie auch den hellen Seiten und gleichzeitig in einem
Dialog mit der Zivilgesellschaft, den Unternehmen, der Politik zu

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bleiben. Sicherlich ist auch die Kunst, wie die Wissenschaft auf vielen
Ebenen zu einem unhinterfragten Ritual geworden und der Kunstmarkt
hat wenig mit dem Wert zu tun, den ich im künstlerischen Schaffen
sehe.
      Der Mensch im Alltag sucht die feste Rolle und die Sicherheit,
weil ihm ein anderer Weg versperrt erscheint. Dies hat zur Folge, dass
man oft gewissermaßen außerhalb von sich selbst lebt, distanziert und
abgespalten von der Unmittelbarkeit.
      Eine neue Identität und Realität vorzuleben, indem originäre,
individuelle Bedürfnisse entwickelt und formuliert werden, ist nicht
wirklich verboten. Aus der Mangelerfahrung heraus neue Ideen zu
entwickeln ist ein Weg, der einen selbst erschüttert, Brüche erzeugt
und natürlich auch Irrtümer. Oft begegne ich der Haltung, dass dies ja
OK sei, wenn es denn zu konkreten Ergebnissen führt. Wer auf diese
Weise denkt, lockert sich nicht ausreichend, um sich auf einen Flow
einzulassen, der einen auf ganz andere Ebenen bringen kann. Die weder
argumentativ noch wissenschaftlich, noch sprachlich einfach verdrängt
werden können, weil sie eine komplexere Ordnung offenbaren und auf
Erlebnissen beruhen, weil sie zeigen, dass das Leben komplizierter ist
als ein Sachbearbeiter beim Jobcenter es sich vorstellt, den Prozess zum
sinnvollen und verantwortungsvollen Angebot macht, hat sich dann
bereits eine Alternative durchgesetzt, weil sie bereits gelebt wird. Sie
muss nicht eingefordert werden, sondern braucht nur unsere Erlaubnis.
Eine Befreiung von innen. Sie sieht nicht aus wie Verweigerung. Sie
sieht nicht aus wie Widerstand. Sondern wie Lebendigkeit. Das
wünsche ich mir.
      In meiner Arbeit ist die Bereitschaft zentral, sich ins
Zerbrechliche, Dunkle, Unklare oder Angst machende fallen zu lassen.
      Vor vielen Jahren habe ich mich mal selbst als
Gesellschaftsphilosoph definiert und darüber die Presse informiert. Es
gibt diese Kategorie eigentlich nicht, aber die Presse hat diese
übernommen. Schon schien es akzeptiert, dieser Tätigkeit
nachzugehen. Ein Investmentbanker macht auch nichts anderes, oder
glauben Sie, es gab eine demokratische Abstimmung darüber, dass man
als    Investmentbanker      arbeiten   darf?    Natürlich     hat    der

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Gesellschaftsphilosoph einen Nutzen. Man muss diesen nur lange
genug herausstreichen. Schon bald wollten mich Firmen deswegen auch
zu Kamingesprächen einladen. Von der Leichtigkeit erschrocken, stellte
ich dieses Unterfangen wieder ein, weil es meine eigene Vorstellung der
Zusammenhänge zwischen Angebot und Markt irritierte. Ich meine
damit nicht, dass wir uns alle Fantasieberufe überlegen sollen. Umso
mehr Menschen sich in Richtung unerwarteter Wendungen bewegen,
umso eher geraten die Strukturen aus den Fugen. Dabei geht es nicht
um Kreativität oder Irritation aus einem Prinzip heraus. Viel mehr ist es
so, dass wer sich auf das authentische, eigene Innenleben einlässt,
immer aus dem starren System fällt und in innere und äußere Bewegung
gerät. Die Erlaubnis zur Kreativität ist letztlich die Erlaubnis man
selbst sein zu dürfen. Von Augenblick zu Augenblick. Das bedeutet
Erruption, Revolution, Konflikt, aber im Kern ist es Achtsamkeit,
Sensibilität, Idealismus, bewegt sein. Ein fast heiliger Akt, der viel mit
dem Leben und der schöpferischen Gestaltungskraft zu tun hat, die uns
vorantreibt. Kreatives Verhalten kann nur schwer aufgehalten werden.
Das ist der Nachteil in mehr oder weniger aufgeklärten und
hedonistisch geprägten Gesellschaften des Westens. Der Spaß hat eine
gewisse Legitimation als Wirtschaftsfaktor. Warum nicht mit ein wenig
Intelligenz verbinden? Es kommt auf die Absicht an. Tiefere
Wahrheiten sind meist paradox. Der Kapitalismus schlägt sich
irgendwann selbst.
      Ich habe mal aus einem spontanen Reflex heraus die
Schokoladenfirma Ritter Sport aufgefordert den „Ritter Sport“ als
ritterliche, als sozial engagierte Sportart zu fördern. Wenn man also die
Marke subjektiv missversteht, etwas anderes darin sieht und das sich
entwickeln darf. Man hilft Menschen ritterlich und betreibt das wie
einen Sport. Den „Ritter Sport“. Dieser mündige Konsument könnte
eines Tages ein neuer Unternehmertyp werden. Herr Ritter aber hat
meinen Versuch abgelehnt. Betrachten Sie das hier nicht als Idee, denn
kreative Ideen gibt es viele und so wichtig ist diese hier nicht.
Entscheidend ist, das veränderte Verhalten, welches ich hier zuließ.
Etwas was ein Mitarbeiter, ein Mangager nie tun würde. Einfach
ungeschützt eine ziemlich seltsam klingende Idee zu äußern und

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umsetzen zu wollen. Denken Sie das noch hunderfach existenzieller,
radikaler, als jeden Tag neu gelebte Haltung, explodiert eine
Gesellschaft in kreativen neuen Kontexten, Verknüpfungen,
Differenzen, aus denen komplexere Strukturen entstehen.
     Wir sollten nicht kleinlich denken! Wer weiß was am Ende
dadurch entstanden wäre? Vielleicht ein neues Geschäftsfeld. Ein
Unternehmen in dem sich die Grenzen zwischen Zivilgesellschaft und
Marke     auflösen.    Für     die    einen    ist  dieses Verhalten
wirtschaftsschädigend, für die anderen der nächste Hype. Wichtig ist,
wie man sich selbst dabei definiert. Das braucht Mut.
     Es geht nicht darum, dass Sie jetzt einen Druck empfinden
verrückt agieren zu müssen, sondern um das was abweichendes
Verhalten anderer Menschen mit Ihnen macht. Wie gehen Sie damit
um? Was könnte ein positiver Umgang damit bedeuten?
     Möglicherweise passiert der nächste Evolutionsschritt unserer
Ökonomie auf der Ebene der Identität, und weniger im Feld der
Wissenschaft. Warum sollte das weniger kraftvoll einschlagen können,
wie das Internet beispielsweise. Für all das fehlen uns noch Worte,
Begriffe und Kontexte, aber wer wußte in den 70er Jahren schon was
Email oder Vernetzung bedeutet?

                Grundlagen kreativer Wirtschaften.

      Vor zehn Jahren schrieb ich in meinem Buch „Gesellschaft ohne
Vertrauen“ über die Suche nach den Grundlagen einer kreativen,
innovativen und humanen Gesellschaft. Die meisten Zivilisationen und
Kulturen neigen dazu Errungenschaften, Erkenntnisse, Werte und
Kompetenzen zu betonieren, sobald sich der Mensch damit aus
Unterdrückung und Unwissen befreien konnte. Darum entwickeln sich
alle Zivilisationen vom Einfachen zum Komplexen, vom weniger Freien
zu neuen Formen von selbstdefinierter Freiheit. Aufgrund der
Grabenkämpfe zwischen konkurrierenden Gruppen, um die bessere
Stellung, finden wir nicht zu einem lockereren Umgang mit

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Veränderung. Wir surfen nicht auf der Welle, sondern bauen Burgen,
um uns vor den Wellen zu schützen, die wir als Bedrohung durch die
andere Gruppe fehlinterpretieren. Dieses Problem wollte ich ergründen
und dafür musste ich tiefergehend verstehen, wie die Wellen sich durch
die Individuen immerzu neu ausdrücken und weshalb man diese von
der Burg aus nicht erkennen kann. Man muss sich ins Chaos stürzen,
riskieren zu scheitern, wie ein Idiot dazustehen, um auf was Neues
stoßen und Muster erkennen zu können.
      Damals identifizierte ich die sogenannten „Fixpunkte“ als
Grundpfeiler natürlicher Ordnungen, die von innen heraus motiviert
sind, die das kollektive Unbewusste durch das einzelne Individuum
ausdrücken, um auf diese Weise Kulturen oder Märkte neu zu prägen.
Dies sind keine echten Punkte, oder kleine Männchen, sondern stehen
für dynamische Kräfte, in einem in sich geschlossenen System, als
Veranschaulichung einer Entwicklungsdynamik. Aus den Fixpunkten
bilden sich später Memes oder kulturelle Wertecodes.
      Im Gegensatz zu Institutionen und Systemen können Individuen
Schmerz empfinden. Darum sind sie in der Lage Abweichungen vom
Stimmigen rascher und besser wahrzunehmen als Systeme,
Regierungen, Organisationen. Auch wenn dies wie gesagt den
beteiligten Individuen nicht immer bewusst ist. Ein großer Teil passiert
durch unbewusste Prozesse. Wie eine KünstlerIn, die sich in einem Bild
zum Ausdruck bringt. Der Bürger benutzt dafür seine ganze Existenz,
sein Denken und Handeln, wie auch seine Krisen und Brüche. Umso
mehr Subjektivität in einem System lebbar ist, umso mehr abweichende
Wahrnehmung gibt es, die komplexere Ordnungsmuster abbilden und
integrierbar machen kann. In einer Gesellschaft, die aber durch falsch
verstandenen Zwang zum Objektiven und Objekthaften das
Individuum normieren und die subjektive Erfahrung abschaffen will,
kann die Realität nicht im Gesellschaftskörper, in der Kultur
ausreichend klar abgebildet werden. Armut wird eben auch als
Erfahrung überwiegend von außen definiert. Es gibt sehr wenige
subjektiv abweichende Berichte über diesen Zustand, weil auch die
Armen selbst sich irgendwann nur noch mit der Brille der offiziell
definierten Armut betrachten. Indem wir das Subjektive ablehnen,

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sperren wir den Zugang zu Wissen und Innovation. Dieser falsch
verstandene Realismus, der sich auf Härte, lineares Denken und
Durchsetzung, statt auf Sensiblität, individuelle Abweichung oder
Brüche bezieht, hält uns davon ab mutig neue Visionen und Träume zu
formulieren, weil diese nach der „realistischen“ Voreingenommenheit
in der Praxis scheitern könnten. Dies macht eine Gesellschaft dümmer
und gegenüber Krisen schwächer.
      Man muss eines verstehen! Das Wissen der Welt ist nur darum so
schwer zugänglich, weil ein Verbot des subjektiven Zuganges besteht.
Denken Sie mal darüber nach!
      Natürlich braucht es auch objektive Bewertung. Aber ist das am
Anfang eines Prozesses nicht regelrecht kontraproduktiv?
      Diese Objektivität halten wir für eine Errungenschaft der
Aufklärung und der modernen Wissenschaft. Tatsächlich ginge es viel
mehr um ein Gleichgewicht zwischen innerer Sicht und äußerer Sicht,
zwischen Nähe und Distanz. Wer nur aus der Distanz betrachtet, sieht
lediglich einen Teil und dessen Stimme bleibt unkonkret, schwach und
unpersönlich. Wir brauchen genauso den Menschen, der aus der Wut,
aus dem kreativen Impuls heraus agiert, wie den, der sich von den
Verwerfungen fern hält und diese von außen betrachtet.
      Die von der Norm abweichende „Arme“, die vielleicht überhaupt
nicht arm ist, spielt also eine zentrale Rolle auf dem Weg zur Frage, wie
Wertschöpfung für mehr Menschen tatsächlich erreicht werden kann.
      Wenn ein Mensch mit weniger komplexem Bewusstsein auf eine
Erfahrung stößt, welche eine komplexere Ordnung offen legt, durch
eine Irritation, Chaos, Regelbruch, entsteht eine Differenz, die eine
Veränderungsenergie erzeugt, hin zum Komplexeren.
      Wir kennen diese Erfahrung. Wir können uns etwas nicht erklären
und Neugier führt uns zu den wichtigen Fragen. Dabei werden wir im
Idealfall zu einem anderen Menschen. Es ist eine Form der
Transformation.
      Das Individuum muss nun in sich zerfallend (Lebenskrise), sich
selbst in der neuen Ordnung gebären, was eine starke Anziehungskraft
im Inneren erzeugt, welche als Motivation, als innerer Antrieb erlebt
wird. Dieser innere Antrieb wird ausgelöst, vom Fixpunkt.

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      Das sind die Wellen auf denen wir reiten sollten, statt uns in den
Normen und Regeln vor ihnen zu verstecken und die Überbringer
neuer, schräger Ideen zu bestrafen.
      Das kann bedeuten, dass jemand seinen gehassten Job kündigt
und dann sieben Jahre lang nach sich selbst sucht, um schließlich ein
gutes Produkt anzubieten. Das muss möglich sein, wenn wir als
Menschheit weiter kommen wollen. Die Fixpunkte oder Wellen oder
tiefer liegenden Motive gehorchen anderen Gesetzen, als dies eine
Bürokratie oder eine zu sehr auf Effizienz gebügelte Wirtschaft gerne
sehen will.
      Diese Prozesse kosten zunächst viel, reduzieren aber später die
Folgekosten von Alternativlosigkeit und Ignoranz.
      Viele Jahre habe ich mich mit der Physik psychologischer,
kreativer, sozialer Prozesse beschäftigt und ihre Formbildungsabläufe
studiert. Dabei entdeckte ich für mich, wie auch andere vor mir, dass
Chaos in geschlossenen Systemen, immer komplexere Ordnung
hervorbringt. Krisenhafte Entwicklungsprozesse erzeugen am Ende
immer höhere Werte und Gesellschaften mit höherer Vielfalt an
lebbaren Entwürfen in Wirtschaft, Kultur oder Politik. Man darf den
Prozess aber nicht abwürgen, weil sonst nur Orientierungslosigkeit und
Schwäche betoniert wird. Zu viel Ordnung, zu viel Konservativismus
ist etwas, was Wirtschaft abwürgen kann. Ein ganz neuer Gedanke.
Gerade in Deutschland. Krisen sind OK und notwendig. Was nichts
anderes bedeutet als das Vorhandensein höherer Lebensformen und
vielfältigerer Ökosysteme, die in Bewegung und Veränderung kodiert
sind. Bewegung ist Geometrie in einer Zeitlinie. Das klingt abstrakt
und ich will damit nur verdeutlichen, dass Irritation nicht bedeutet,
dass keine Ordnung vorhanden ist, sondern diese lediglich noch nicht
zu erkennen ist. Ordnungslosigkeit ist eine falsche Grundannahme, in
geschlossenen Systemen, in denen Energie nicht entweichen kann und
sich Gleichgewichte niemals in vollkommener Harmonie herausbilden
können. Bewegung, Veränderung selbst ist eine Form von Ordnung.
Dabei gibt es zahlreiche Faktoren, die ein lebendiges System
begünstigen. Es ging mir nie darum etwas zu beweisen, sondern um die
Suche nach praktischen Konsequenzen. Nach Haltungen, nach einem

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Verstehen, weshalb der Instinkt kreativer Menschen nicht irrt, wenn
wir uns für Ungleichgewicht entscheiden, für Krisen, für
Herausforderungen, weil die Folge stets, wird der Prozess nicht
ausgebremst, schönere und komplexere Ordnung hervorbringt. Es gibt
keinen Verlust an Energie in einem geschlossenen System. Es gibt darin
kein Scheitern. Was es gibt ist aber der Verlust an Entwicklungskraft,
wenn zu viel Harmonie angestrebt wird. Wenn Sie durch die Ozeane
der Welt ein Schachbrettmuster von Mauern ziehen würden, gäbe es
keine hohen Wellen mehr und auch keine Klimaunterschiede. Der
Planet wäre praktisch tot. Das Jobcenter sollte mir für mein
abweichendes Verhalten danken. Denn damit erhalte ich den Prozess
der Wertschöpfung. Diese Haltung aber wird heute in Deutschland als
unerhört betrachtet und bedeutet eine Revolution in unserer
Vorstellung davon, was Wirtschaft und Unternehmertum sein kann
und vielleicht auch sein soll.
     Mein Fall zeigt, dass unternehmerische Verantwortung auch
bedeuten kann bewusst pleite zu gehen, weil dies eine wirtschaftliche
Krise erzeugt, aus der ein ganz neues Verständnis von Wertschöpfung
hervorgehen könnte, oder es möglich macht, dass etwas Neues den
Markt betritt, was nur unter hohem finanziellen Risiko schaffbar ist.
Dies widerlegt die moderne Ökonomie komplett und trennt das
verdienen von Geld von der Frage, was eine Volksökonomie wirklich
stärkt, was Menschen tatsächlich auf ganzer Breite ernähren kann. Erst
wenn Manager entscheiden ihr Unternehmen zu zerschlagen, weil es
beispielsweise der Gesellschaft als Marktführer schadet, was für fast alle
großen       Konzerne       zutrifft,   kann      von     zeitgemäßem,
verantwortungsvollen Management gesprochen werden. Vielfalt,
Unmittelbarkeit und Differenzierung sind die Perspektiven, die uns
krisenfest und kreativ machen.

                     Die Angst vor Entwicklung.

     Aber wie gehen wir hier mit dem Sicherheitsbedürfnis der

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Menschen um? Der Profilneurose, die stets das große Ding will, den
Konzern, die Sieger, die Besten und Erfolgreichsten.
Innere Sicherheit ist möglicherweise wertvoller als äußere Sicherheit.
Die Natur unterstützt äußere Sicherheit nicht dauerhaft. Auch der
stärkste Löwe fällt irgendwann vor Altersschwäche um. Der Mensch
befreit sich zwar historisch immer in Richtung Komplexität und
Freiheit, strandet aber dann stets im Bedürfnis nach Sicherheit und
Stabilität des Status Quo. Dieser Glaube an die äußere Sicherheit ist
nicht völlig unberechtigt und bietet eben auch Schutz für
Entwicklungsprozesse, die in turbulenten Umfeldern sonst
gegebenenfalls nicht möglich wären. Man denke nur an den Schutz, der
Kindern zukommt.
In zu geordneten Gesellschaften ist es schwerer inneres Selbstvertrauen
zu entwickeln. Darin stemmen wir uns gewissermaßen gegen Wandel,
gegen den Tod, bleiben Kinder und wollen nicht akzeptieren, dass
Vergänglichkeit der Lebendigkeit dient. Könnten wir Vertrauen in die
Prozesse des Lebens haben, die jeder Mensch durchmacht, wären wir
vielleicht auch offen für die darin liegenden Chancen und Einblicke.
      In „Gesellschaft ohne Vertrauen“ stellte ich den Verdacht in den
Raum, die inneren Motive der Individuen trugen in sich, ausgelöst von
Resonanz und Ungleichgewichten, Formbildungsprozesse, über die wir
sehr wenig wissen. Ließe man nur genug kreative Freiheit zu,
entstünden höher entwickelte Ordnungsmuster, die sich in clevereren
Philosophien, Produkten, politischen Strukturen, künstlerischen
Arbeiten oder industriellen Innovationen ausdrücken würden. Durch
die Individuen hindurch, unbewusst und als Lösungsinformation, um
dann in der Kultur des Dialoges bewusst gemacht zu werden. Das
versuche ich in meiner Arbeit, wenn ich Firmen konfrontiere.
Beispielsweise bewarb ich mich kürzlich aus der Position des Hartz-IV-
Empfängers, als neuer Intendant des ZDF, um mit den Prozeduren und
Traditionen der Jobvergabe zu brechen und aufzuzeigen, dass wir in
unserer Gesellschaft eben nicht jeden Job bekommen können, was ein
Problem ist, wenn es um Fortschritt und Kreativität geht. Weil nur ein
System, welches uns zu überraschen vermag, ein lebendiges System ist.
Daraus entsteht gerade ein interessanter Prozess, der den Leuten beim

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ZDF natürlich zunächst nicht gefällt, der aber das System ein wenig
kitzelt und dabei unbewusste Informationen sichtbar macht. Um
soweit vorzudringen, muss ich mich selbst angreifbar machen. Ich muss
bereit sein selbst dumm dazustehen und auch meine Schwächen zu
offenbaren. Das ist ein kreativer Tanz, eine Art Trance zwischen
Individuum und System. Wir alle müssen dafür ein Stück weit loslassen,
gewinnen aber am Ende durch Integration der Perspektiven des
jeweiligen Gegenübers. Von außen sieht das bedauerlicherweise nicht
so aus, als bemühe ich mich ernsthaft um Arbeit, führte sogar zu
offenen Anfeindungen in der kleinen Gemeinde, in der ich derzeit lebe.
Tatsächlich arbeite ich wie ein Bär am ZDF, bringe mich mit unendlich
vielen Nerven, Schweiß und Verzweiflung ein. Das ist hartes
Management, hartes Verhandeln und strategisches Vorgehen.
      Natürlich hat niemand mich darum gebeten. Es ist Zeit sich von
der Vorstellung zu verabschieden, Eigenverantwortung ginge nur,
indem man einen ausgeschirebenen Job annimmt und bei Einstellung
die Befehle eines Vorgesetzten befolgt. Modernes Leadership bedeutet
Fehler zuzulassen und auf die Bewegung, auf den Prozess zu setzen.
Warum soll nicht jeder, der es wirklich will, auch Intendant des ZDF
werden können? Notfalls haben wir mehrere Intendanten. Wo liegt das
Problem? Ist es nicht für eine Wirtschaft sinnvoller, wenn man
tatsächlich versucht scheinbar Unerreichbares zu erreichen und dabei
Hindernisse sichtbar werden, die wir vielleicht nicht mehr brauchen
oder selbst absurd finden?
Ein wenig Humor braucht es natürlich auch.
      Niemand wird einem je die Erlaubnis für abweichendes Verhalten,
Fühlen, Denken geben. Das kann nur das Individuum selbst. Damit
können die Armen beginnen.
      Wie Sie sehen macht mein „Fehlverhalten“ die Strukturen
sichtbar. In ihren Schwächen und Stärken. Indem ich die Kontrolle
loslasse, kann sich durch mich etwas ausdrücken, was sonst unsichtbar
bliebe. Indem ich mich wie ein Amateur verhalte, ermögliche ich eine
neue Form von Leadership und Organisationsmanagement. Natürlich
ist es schwer dafür eine Bezahlung zu erwarten, dass man stört und
ergebnisoffen vorgeht. Es wäre aber vielleicht richtig. Was hier

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geschaffen wird, sind neue Werte. Ein schrittweiser Umbau der
Industrie, durch die Individuen hindurch. Die Bill Gates und Richard
Bransons von Morgen, tun vielleicht genau das.

 Die wünschenswerte Solidarität der Arbeiter mit den Arbeitslosen.

      In der Ignoranz gegenüber den Armen versteckt sich die
Entwertung der Arbeit. Stünden die Arbeiter auf, um sich vor die
Armen zu stellen, könnten sie den Eigentümern Veränderung diktieren.
Indem sie die Armen verachten, weil diese scheinbar nicht wie sie hart
schuften, ihnen sogar vorwerfen von ihren Steuergeldern zu leben,
spielen sie den Kapitalisten in die Hände, die schon bald auch die
fleißigen Arbeiter weiter in Richtung Armut treiben, sie jederzeit mit
dem Elend erpressen können. Denn erst dadurch kann man auch ihre
harte Arbeit zunehmend entwerten, bis sie noch mehr und noch mehr
arbeiten müssen, um ihre Kinder zu ernähren. Man führt einfach
immerzu neue Kriterien ein, auch Zertifikate oder Beurteilungen
genannt, die das Abspalten von noch mehr Arbeitern in Richtung
Armut ermöglichen.
      Eine Revolution von unten ist möglich, wenn die Arbeiter sich
mit den Armen solidarisieren. Die intelligenten und mutigen Manager
würden dann auch rasch erkennen, das dies die Grundlage für deutlich
stärkere Unternehmen bieten würde, eine Kraft freisetzt, die viele
Unternehmen heute noch nicht kennen, in denen Menschen wie in
Legebatterien Arbeit simulieren und Auseinandersetzung, echtes
Engagement aus Angst vor Ausgrenzung und möglichen Fehlern
scheuen. Darum jenes Mittelmaß leben, welches in fast jedem Büro
heute zu finden ist. Keine Höhen und keine Tiefen. Nur jeden Tag
derselbe Alltag, in dem die Toleranzen für Abweichung zunehmend
geringer werden. Vielleicht übertreibe ich?
      Um sich daraus zu befreien müsste an den inneren Hemmnissen,
den falschen kulturellen Prägungen, Verboten und blinden Flecken
gearbeitet werden. Etwas, was in einer am Materialismus orientierten

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Welt eher gegenteilig passiert. Weltbilder werden heute standardisiert,
durch Medien und Globalisierung vereinheitlicht, was die Menschheit
in ihrer strukturellen Intelligenz, in ihrem kollektiven Unbewussten
verstummen, ja verarmen lässt.
      In der Praxis liegt das große Problem darin, dass die unangepasste
IndividualistIn, die sich in Wahrheit einer höheren Ordnung anpasst,
statt sich in eine primitivere zu zwängen, in der sie nicht als ganzer
Mensch überleben könnte, von den Strukturverteidigern in Wirtschaft
und Bürokratie als Feind der Ordnung, als kreative Terroristin verfolgt
und möglichst verhindert wird. Diese Vermeidung der Überbringer
neuer Fixpunkte, neuer Orientierungspunkte komplexerer Ordnung
treibt Künstler, Andersdenkende, Menschen, die sich nicht
normgerecht verhalten in die Armut, wo sie noch weniger gehört
werden. Eines der großen Paradoxien der modernen Arbeitswelt. Wer
Kreativität simuliert wird akzeptiert, wer kreativ ist, muss gehen.
      Obwohl ich noch immer derselbe Mensch bin, der noch vor
wenigen Monaten auf großen Bühnen zu Managern über
Innovationsentwicklung sprach, werde ich von den selben Leuten nun
nicht mehr eingeladen, weil ich verarmt bin und darum den Status
gefährde. Während ich zuvor wegen meiner Arbeit Anerkennung fand,
muss ich mich nun von Sachbearbeitern des Jobcenters wie ein
unwissendes Kind behandeln lassen. Was ist weniger geworden?
Nichts, außer meinem Budget. Mein Mut, meine Kompetenz, mein
Wissen haben sich in der Krise vermehrt.
      Seit ich verarmt bin, bin ich empathischer, sensibler, wacher,
mutiger und entschlossener. Aber es fällt mir unglaublich schwer mich
in eine Struktur einzugliedern, die ich glaube als falsch, dumm, schwach
und menschenverachtend durchschaut zu haben. Was ist falsch daran?
Bin ich darum ein schlechterer Mensch?
      Stellen Sie sich vor Sie müssten unter 12-Jährigen arbeiten!
Vermutlich kommt es Ihnen manchmal vor, als arbeiteten Sie unter 12-
Jährigen. Natürlich fallen Sie denen irgendwann ins Wort und sagen:
„Lass doch mal die Erwachsenen reden! Du bist 12. Du kannst nicht
der Bestimmer sein, nur weil wer festgelegt hat, dass 12-Jährige die
Welt beherrschen sollen, weil sie vielleicht jung und dynamisch sind

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und 100m in kürzerer Zeit laufen können. Es mag ja im Gesetz stehen.
Es mag sogar für Blinde moralisch richtig erscheinen, aber verdammt,
ich stelle jede Kooperation sofort ein.“
      Das mag arrogant klingen, aber die ganze Leistungsgesellschaft ist
arrogant. Wenn Sie einen Augenblick annehmen, Sie hätten das
verdient, was Sie verdienen, sind sie gegenüber den Armen unglaublich
arrogant!
      Akzeptieren Sie bitte, dass es Versagen nicht gibt, weil die Natur
vom abweichenden Ergebnis ihre Entwicklungsenergie bezieht. Ohne
Ungleichgewicht keine Bewegungsenergie. Die Differenz zwischen
dem einen und dem anderen Zustand erzeugt das Ungleichgewicht,
welches das Negative ins Positive, das Warme ins Kalte, das Laute ins
Ruhige lenkt, treibt, motiviert, wirft oder fallen lässt. Und umgekehrt.
Daraus entsteht Bewegung.

              Eine Ökonomie des Unfertigen anstreben!

     Darum ist es vernünftiger, weiser, intelligenter eine Wirtschaft
anzustreben, die auf Prozessen beruht und nicht auf Ergebnissen.
Teilhabe muss honoriert werden, nicht das Fertige, das Abgesicherte,
die feste Aufgabenstellung. Es braucht eine Ökonomie, die das
Unfertige dafür aber Lebendige anstrebt, anstelle des Profis, des
Marktführers, des Besten oder Teuersten. Das klingt paradox, aber
darin liegt eine tiefe Wahrheit. Nur der lebendige Organismus der
Wertschöpfung kann die Menschheit dauerhft und nachhaltig ernähren.
Niemals die Dominanz der festen Marken, der dominanten Produkte,
der auf Status gebauten, rein materialistischen Wirtschaft. Diese ist eine
Form der Ausbeutung, eine Form des Aufstauens von Lebensenergie,
zu Gunsten einer immer kleiner werdenden Gruppe von Leuten, für die
der Kapitalismus scheinbar noch funktioniert.
     Ohne Saat keine Ernte. Das Problem ist, dass die Saat zu oft
ausfällt, weil sie Zeit und Geld kostet. Menschen in Wohlstand sind
gesättigt und haben keine Vorstellung was Saat sein könnte.
Diejenigen, die durch realistische Krisen gehen, wissen, was sie säen
könnten, dürfen es aber nicht. Kreative Menschen säen pausenlos,

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<!-- PDF page 75 -->

während andere nur ernten. Daran sollte sich etwas ändern!
      OK! Wie funktioniert Wirtschaft auf der Basis offener Prozesse?
Warum fallen wir dann nicht in Anarchie und niemand räumt mehr den
Müll weg?
      Zunächst eine Frage: Mit welchem Recht fordern Sie von einem
ergebnisoffenen Prozess, sich vorab unter denselben Kriterien der
Nützlichkeit zu rechtfertigen, wie Sie es gegenüber einem Produkt oder
einer Dienstleistung tun? Gibt es einen schlechten Prozess?
Es gibt einen verhinderten Prozess.
Aber gibt es einen schlechten Prozess?
Nein. Weil Prozesse solange fortgeführt werden, bis es sich stimmig
anfühlt.
Haben Sie Angst dabei zu verlieren?
Ja.
Können Sie in einer Welt, die den Prozess über das Ergebnis stellt,
verlieren?
Nein. Weil jedes scheinbare Scheitern ein neuer Anfang ist.
Wie wird Arbeit hier erledigt? Notwendige Arbeit, wie Rettungswagen
fahren oder an der Supermarktkasse das Band bedienen?
Warum denken Sie, dass in einer Welt, in der sich alles um Prozesse
dreht, wichtige Dinge übersehen werden oder nicht beachtet? Sterben
nicht mehr Menschen, weil wir darauf vertrauen, dass Produkte das tun,
was Sie häufig nicht tun? Weil wir feste Ergebnisse erwarten, statt auf
die lebendigen Abläufe zu achten? Produkte sind immer eine Lüge.
Prozesse sind ehrlich. An Prozessen sind viele verschiedene Menschen
aus allen denkbaren Professionen und mit Erfahrungswerten beteiligt,
so dass es wert ist, dem zu vetrauen. So könnte es klingen: Ich weiß
nicht genau, ich probiere mal. Vielleicht hast Du eine Idee. Ach schau,
da passiert was, worauf man reagieren sollte. Diesmal anders als
gestern, hier anders als dort. Deine Erfahrung erlaubt einen anderen
Blick, etc. Indem man Prozesse aus der Wertschöpfungskette verdrängt
hat und nur mit Produkten, aber nicht mit Prozessen gehandelt wird,
funktioniert vieles in unserer Gesellschaft sehr schlecht. Da wir von
einem statischen Universum ausgehen, während wir unser Verhalten
aus Verzweiflung zunehmend den Produkten anpassen. Das ist ein

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Innovationskiller. Das ist ein Fortschritt, der die Freiheit reduziert.
      Ist es Ihnen schon aufgefallen, dass die modernen Computer in
erster Linie unser Verhalten verändert haben und es für uns kaum eine
Möglichkeit gibt, in partizipationsfernen Industrien, in einem offenen
Prozess individuelle Lösungen zu entwickeln, die zu mehr Vielfalt,
mehr Arbeitsplätzen, mehr Wohlstand führen würden? Stattdessen
dominieren wenige Unternehmen alles. Sie dominieren unsere Zukunft.
Weil wir die Produkte über die Prozesse stellen! Wir belohnen nicht
Lebendigkeit, sondern Stillstand und Status, den wir im Marketing
„Erfolg“ nennen. Darum forderte ich bereits vor zehn Jahren, das
Wirtschaftswachstum als Kriterium müsse gegen die Gestaltungskraft
ersetzt werden. Was ein Volk in der Breite und Freiheit der Bedürfnisse
und individuellen Visionen gestalten kann, ist entscheidend, weil
Wachstum auch ohne einen Großteil der Bevölkerung passieren kann.
Wachstum ist also kein Maßstab für ein gutes Leben, von dem die
Breite der Bevölkerung profitiert.
      Wir bejubeln Großkonzerne dafür, dass sie Entwicklungsprozesse
verhindern, indem sie die Konkurrenz ausschalten, statt
Zusammenarbeit zu ermöglichen. Wer zum Global Player wird hat bei
genauer Betrachtung zuvor Vielfalt zerstört und damit die
Volkswirtschaft geschwächt. Von den Steuern, die sie dann nicht
zahlen, will ich überhaupt nicht reden. Das sind Piraten, aber keine
verantwortungsvollen Leader.
      Ohne Herbst und Winter keinen Frühling. Sicherheit ist Lüge.
Status ist Lüge. Gewinn ist Lüge. Verlust ist Lüge. Nur Veränderung ist
Wahrheit.
      Nur eine Maschine kann nicht funktionieren. Ein Mensch ist im
Zweifel schlicht komplexer als die Absicht oder Erwartung des
Betrachters es in einer linear strukturierten Welt gerne hätte.

           Die Sucht nach Harmonie überwinden lernen!

     Der Ruf nach den Heilsbringern ist wieder überall zu hören.

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Darauf kann ich nur antworten, dass Orientierung sich aus bewusst
durchlebten Konflikten ergibt, nicht aus Vermeidung. Ich beobachte,
wie viele Menschen sich nach dem großen „Wir“ sehnen, nach einem
Aufgehen im Monster des bescheidenen, bürgerlichen Glücks, mit
kommerzialisiertem,        ökologisch     zertifiziertem   Profil   der
Harmlosigkeit. Das kann ich verstehen, weil ich diese Gefühle auch
kenne. In diesem großen „Wir“ gibt es nur ein Weltbild und nicht viele.
Dass es ein gutes Weltbild sein soll, macht die Sache nicht weniger
beängstigend. Dieses gute Weltbild irritiert nicht. Das Leben wird
einfacher.
      Was versuche ich mit meiner neuen ArbeiterIn? Was entwickle ich
für eine neue Form der Wertschöpfung? Was bedeutet diese in der
Praxis. Hier ein Beispiel.
      Im Sommer 2010 drohte ich vor der Weltzentrale der Firma Red
Bull einen Stier zu töten, um die Menschheit wach zu halten. Ich wollte
aus der Blutlake die Marke Red Bull neu erfinden, im Sinne des
Menschen. Natürlich wollte ich den Stier nicht wirklich töten. Es ging
um den Prozess. Darum herauszufinden was passiert, wenn wir uns als
Individuen ungefragt in die Wirtschaft einbringen. Mit ganz eigenen
Ideen und Haltungen. Wenn der Prozess immer OK ist, spielt es keine
Rolle mehr, ob jemand kompetent ist oder inkompetent, richtig oder
falsch. Es gibt keinen Hinderungsgrund, weshalb ich nicht als neue
ArbeiterIn an Red Bull arbeiten sollte. Also machte ich es einfach. Als
neue ArbeiterIn. Es war ein Innovationsprogramm. Ungebeten.
Selbstbeauftragt.
      Ein Ergebnis daraus ist der Roman „Stieren des Weltdesigners“,
der kürzlich veröffentlicht wurde, sowie dieser Essay über die Stärke in
der Armut.
      Von Außen betrachtet sieht das, was ich da getan habe und mit
anderen Firmen noch immer tue, latent wahnsinnig aus. Es gehört sehr
viel Mut dazu, durch all die juristischen und emotionalen Verwerfungen
zu gehen, die ein solches Unternehmen auslösen.
      Warum habe ich das getan? Hätte ich nicht einfach nett fragen
können, ob die von Red Bull mich mitmachen lassen? Weil ich
vielleicht auch ein Teil der Wirtschaft bin und nicht nur Konsument.

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<!-- PDF page 78 -->

Ich meine, ihre Getränkedosen dominieren jeden Supermarkt, den ich
betrete. Red Bull drängt sich in meine, in Ihre Realität, mit größter
Selbstverständlichkeit, und legt fest wie die Beziehung zwischen Red
Bull und uns sich zu verhalten hat. Sie kaufen und die verkaufen.
Mitreden ist nicht.
     Ich kam da als Mensch hin. Nicht als Mitarbeiter. Ich dachte mir,
wenn die neue ArbeiterIn mehr sein soll als ein reduzierter Mensch,
muss man als Mensch an was arbeiten. Mit all den eigenen
Vorstellungen und Visionen. Das ist doch nicht falsch! Ungewohnt,
befreiend, revolutionär und kreativ, aber nicht falsch! Störung ist Liebe.
Liebe ist Wertschöpfung.
     Neulich habe ich die Firma Bionade darüber informiert, dass ich
demnächst nichts mehr zu Essen habe. Sie haben darauf nicht reagiert.
Ich wollte von ihnen kein Geld haben, sondern nur einen Dialog. Eine
Neuverhandlung unserer gegenseitigen Beziehungen innerhalb dieser
Wirtschaft. Immerhin verkaufen sie sich als verantwortungsvoll und
ökologisch. Doch wurde von Seiten der Geschäftsleitung geschweigen.
Weil diese Beziehung natürlich komplex ist und es einfacher ist sich
dem zu entziehen. Noch.
     Weil zu viele Menschen sich wie Mitarbeiter verhalten und nicht
wie kreative Menschen mit Bedürfnissen und Visionen auf denen neue
Märkte beruhen.
     Darum schreibe ich jetzt an einem Roman mit dem Titel:
„Mahnmal Now. Bionade ließ ihn verrecken.“ Und ich biete einen
Dialog und Austausch an. Wir werden sehen, was dabei für ein
spannender Prozess entsteht.
     Es gab einen Moment, in der Arbeit an Red Bull, in dem die
Leitung gespalten war, zwischen dem Menschsein und der Rolle als
Manager oder Anwalt. Red Bull als Mensch wollte sich dem Prozess
öffnen. Die Funktion musste um jeden Preis verhindern, dass ich
öffentlich die Marke in Bewegung versetze, mit unbekanntem,
unkalkulierbarem Ausgang.
     Natürlich ist diese Arbeit auch verstörend, provokant und ich
kann manchmal auch mitfühlen, wie schwer es für die beteiligten
Führungskräfte sein muss, darauf angemessen zu reagieren. Trotzdem

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halte ich diese Arbeit für wichtig. Es ist notwendig die Grenzen
zwischen Konzernen, dem Menschen, dem Fremden, dem Neuen und
Subjektiven aufzubrechen. Diese „systemkreative“ Auseinandersetzung
erweitert die Möglichkeiten, weil dadurch eine Differenz geschaffen
wird, was nichts anderes ist als die Aufforderung zum Dialog, zu dem
was Kultur ausmacht. Gerne beansprucht der Manager für sich die
„ernste Sache“, die Schwere der Verantwortung und lehnt darum meine
scheinbare Spielerei ab. Aber warum sollte ich aus Spaß riskieren, nichts
zu Essen zu haben? Weil ich das lustig finde? Ernsthaftigkeit drückt
sich nicht immer in dunklen Anzügen aus. Der Wert ist nicht immer im
vorgespiegelten Status erkennbar. Die Zeiten sind vorbei, in denen
Firmen sich vom Rest der Gesellschaft abgrenzen konnten, um nicht
nach ihrer Mitverantwortung gefragt zu werden. Freiwillig werden sie
sich nicht öffnen. Auch hier haben die Armen einen sehr mächtigen
Hebel, wenn Sie nur ihr Wissen erkennen, den Wert ihrer Realität und
sich den Raum nehmen, den sie selbst brauchen, um wertvoll zu sein.
Ich weiß, dass ich hier sehr viel erwarte und diese Entwicklung kann
Jahrzehnte benötigen. Es ist verdammt schwer und ich muss mich
selbst immer wieder motivieren, um nicht zu verzweifeln.

                  Die Verbrechen unter Hartz IV
             und den neuen Sparmaßnahmen in Europa.

     Ich möchte vor diesem Hintergrund ein letztes Mal auf Hartz IV
eingehen und die Verbrechen, die unter dem Deckmantel der
europäischen Sozialsysteme und anderer angeblicher Hilfsprogramme
an der Menschheit begangen werden.
     „Es gibt kein Hartz-IV-Gesetz“, sage ich: „Es gibt nur Menschen,
die Angst vor Konsequenzen haben.“ Da weder die Bundesministerin
Andrea Nahles, noch das Jobcenter die Eier besitzen, mich öffentlich
verhungern zu lassen, ist das Spiel für sie gelaufen. Sie haben keine
Macht über den kreativen und lebendigen Menschen. Es ist Zeit den
Armen ihre Würde zurückzugeben und ihre Kultur zu akzeptieren. Es

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ist Zeit gemeinsam Gesellschaft zu gestalten.
      Es können die Kunstfreiheit und Hartz IV nicht zur gleichen Zeit,
in der elben Gesellschaft existieren. Entweder es ist richtig und
notwendig, dass ich als Künstler die Strukturen hinterfrage und
unangepasst agiere, weil Reibung die Gesellschaft voran bringt, oder
2000 Jahre Kulturgeschichte waren sinnlos. Eine Frage die wohl kaum
vom Jobcenter Teltow Fläming entschieden wird.
      Wenn Sie heute nach der Lösung eines Problems fragen, erhalten
Sie fast überall dieselbe Antwort. Das ist das Problem. Krisen sind
deswegen global, weil wir zu viel Gleichschaltung in unseren Köpfen
und in den Strukturen haben. Auch im Kapitalismus, wo die Weltbilder
von den Produkten erschaffen werden und nicht mehr in
demokratischen Entscheidungsprozessen.
      Hat jemand hier ein anderes Weltbild als dort, kann keine Krise
dieser Welt sich jemals soweit ausbreiten, dass daraus globale, politische
Systeme entstehen, die natürlich ungerecht sind. Demokratie hat eine
Größenbeschränkung. Umso kleiner eine Demokratie, umso
lebendiger, unmittelbarer und lokaler kann sie sein. Die Größe von
Strukturen ist der         Maßstab ihrer Ungerechtigkeit und
Lebensfeindlichkeit, ja ihres Realitätsverlustes. Weil Unmittelbarkeit
und Individualismus darin nicht sein dürfen, sie den reibungslosen
Betrieb lahmlegen würden. Gerechtigkeit ist nur dort möglich, wo der
Einzelfall auch tatsächlich unmittelbar erkannt und in dessen
Vielschichtigkeit wahrgenommen werden kann. Das ist Realismus,
nicht Idealismus.
      Für den Einzelnen bedeutet dies eine eigenwillige IndividualistIn
zu werden, die ihrer eigenen Wahrnehmung vertraut und zu dieser
steht. Die in der bewussten Beziehung mit Anderen und dem Umfeld
Beziehung erarbeitet. Unangepasstheit ist hier Verantwortung.
Aufschrei ist hier Liebe. Kreativer Widerstand ein Angebot an die
Gemeinschaft.
Zu funktionieren ist Ignoranz. Zu gehorchen bedeutet die Schwächsten
ihrem Schicksal zu überlassen. Wegzuschauen ermöglicht die
Herrschaft der dümmlichen Strukturen, welche in ihrer
menschenverachtenden Routine immer mehr Lebensraum zerstören

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und die Integrität des Menschen schwächen.
      Die hysterische Hetze und Verfolgung von Hartz-IV-
Empfängern, die wir dieser Tage in Deutschland erleben, illustriert
deutlich, wie eine Gesellschaft den Armen jedes Mitspracherecht, jede
Äußerung von abweichenden Wahrheiten verbietet und dadurch die
Wertschöpfungskräfte selbst abwürgt. Hartz IV ist das Ergebnis
wirtschaftlicher und politischer Inkompetenz, oder erheblicher
krimineller Energie, im Sinne der Absicht der Ausbeutung und
Enteignung breiter Schichten der Bevölkerung. Indem die Politik den
Armen ihre Rechte nimmt, verhindert sie einen realistischen Blick der
vielleicht offenbaren würde, dass die Situation nicht alternativlos ist,
sondern uns lediglich alternativlos erscheinen soll. Was wir miterleben
ist auch der mögliche Übergang von der Industriegesellschaft zu einer
neuen Form der soziokulturellen Revolution. Ein Fortschritt, der
durch ein verändertes, kulturelles Bewusstsein entsteht. Der Ursprung
des Verhaltens wird in den Lebensumständen entdeckt, nicht im
Charakter und im Makel des Individuums. Das Management der
Lebensumstände, der Lebenswirklichkeiten als Entwicklungsimpuls für
neues Verhalten wird wichtig und in der Bedeutung anerkannt. Was die
Kultur, sowie die Arbeit an der Kultur, bei der Frage nach der
Überwindung der Armut, zur ersten Priorität machen würde. Etwas
was wir nicht den Firmen überlassen dürfen, die mit Hilfe ihrer
Produkte unsere Kultur prägen.
      Es ist wichtig Reissäcke zu den Armen zu transportieren. Nicht
weniger wichtig ist es an der Armut in den Köpfen vieler Menschen im
scheinbar reichen Westen zu arbeiten.

              Das Ende der Komplexitätsreduzierung.

     Kein Produkt, von der Milchpackung bis zum Auto, wird in der
Berechnung ihres Wertes, ihrer Bedeutung und Rolle für die
Gesamtwirtschaft derart isoliert betrachtet wie Menschen in Armut.
Würde das Existenzrecht einer Milchpackung mit den Normen

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moderner Sozialsysteme betrachtet, gäbe es keine Milch mehr, weil die
Kuh Gras frisst oder weil der Transport Geld kostet. Alle Faktoren
würden ausgeblendet, bis auf das Verhältnis zwischen unmittelbaren
Kosten und unmittelbarem Gewinn. Vom Armen wird erwartet, was
selbst Top-Manager niemals erreichen. Den sofortigen Gewinn. Ohne
Risiko und augenblicklich. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie
wirtschaftlich inkompetent und müssen entmündigt werden. Im Armen
wird die Komplexität moderner Wirtschaft auf den Stand der Steinzeit
zurück geworfen, wo Nahrung gleich Existenz bedeutete und Arbeit
gleich Nahrung.
      Selbst das Existenzrecht einer Milchpackung bezieht sich auf
einen komplexen und vielschichtigen Kreislauf, mit direkten und
indirekten Auswirkungen und vielschichtigen Bedürfnissen und
Märkten. Der Arme aber darf sich auf diese Komplexität, die gerade
höheren Lebensformen eigen ist, nicht beziehen. Den Armen wird
verboten, sich selbst als Teil der wirtschaftlichen Kreisläufe zwischen
Erfolg und Misserfolg, zwischen Wagnis und Gewinn, zwischen Säen
und Ernten zu verstehen. Als gäbe es Gewinn ohne Verlust. Als
existiere die ideale Milchpackung, die nur Bedürfnisse befriedigt und
den Wohlstand vermehrt. Die keine indirekten, positiven und negativen
Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit, das Leben von Bauern, die
Energiepreise usw. erzeugt.
      Sobald die Armen von der Schuld befreit werden, kann die
konstruktive Prozessarbeit in Wirtschaft und Gesellschaft beginnen.
Dafür stehen bereits viele fruchtbare Tools, Ansätze, Haltungen und
Methoden        bereit.   Sowohl      die     Sozialwissenschaft,    die
Friedensforschung, wie auch die moderne Kybernetik oder das
systemische Denken ermöglichen Hebel für brauchbare Antworten.
Verbindet man diese mit der kreativen Kraft der Kultur, die dann ihr
Existenzrecht nicht mehr rechtfertigen muss, haben wir wieder eine
starke Entwicklungsdynamik. Ich selbst habe mit einem
Managerberater zusammen einen methodischen Ansatz (Inner Flow
Management) entwickelt, der es ermöglicht mit komplexen Situationen
zu arbeiten, ohne die Vielfalt in einem System vorher reduzieren zu
müssen. Was dagegen im klassischen Management stets der Fall ist und

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stets auch zu weiteren Entlassungen und Reduktion von Einfluss der
einzelnen ArbeiterIn führt. Das wäre eine Form von Leadership ohne
Profilneurose, Abspaltung und Entwertung.
      All das kann nicht passieren, solange die Armen in uns drinnen
nicht zu selbstbewussten Armen werden, wir nicht in ihnen die
Projektionen entlarven, die wir fürchten und die Menschen dahinter
sehen, die wir bisher schlicht missverstanden haben.
      Das ist mein Wunsch. Dafür will ich meine ganze Arbeitsleistung
investieren. Meine Stimme sollte als eine von vielen, wie auch die Ihre,
gehört werden.

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Brief an die Ministerin Andrea Nahles

                 85

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Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Bundesministerin Andrea Nahles
Wilhelmstraße 49
10117 Berlin

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Offener Brief im Rahmen der Kunstfreiheit. Antwort auf das
Schreiben der Frau G. sowie auf die Diskriminierung von
Kulturschaffenden durch das Jobcenter Teltow Fläming

Sehr geehrte Frau Nahles,

im kommenden Jahr erscheint, wie Sie bereits wissen, im Rahmen des
Mahnmals für die Opfer von Hartz IV ein Buch. Darin werden Belege
veröffentlicht, die das moralische, politische und möglicherweise das
tatsächliche Ende von Hartz IV bedeuten. Die Redaktion des Spiegels
hat mir bereits schriftlich mitgeteilt, dass man an der Sache dran ist.
Bisher warten wir nur auf weitere Vergehen seitens der Behörden.
Neben      dem      dokumentierten,      fahrlässigen  Umgang       mit
selbstmordgefährdeten Personen, der Neigung zu rechtsnationalem
Gedankengut unter Sachbearbeitern, kommt nun auch die
dokumentierte Unterdrückung der Kunstfreiheit hinzu.
Eben erhalte ich einen Brief von einer Frau G., mit dem offiziellen
Briefpapier der Bundesagentur für Arbeit/Regionaldirektion Berlin
Brandenburg, indem sie mir als Künstler im Namen der Bundesrepublik
Deutschland mitteilt, dass meine Aussagen, die ich als Schriftsteller
über die Arbeit des Jobcenters Teltow Fläming, in einem öffentlichen
Brief getätigt habe, nicht „gebilligt“ werden. Meine Arbeit als Künstler
wird als persönliche und subjektive Auffassung verzerrt und der
Verurteilung durch eine Behörde unterworfen, die mich zuvor im

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<!-- PDF page 87 -->

Winter erfrieren lassen wollte und weiterhin über meine Existenz,
meine Gesundheit entscheidet. Politisch ist dies eine extrem heikle
Angelegenheit.
Was mir hier vorliegt ist der dokumentierte, direkte Versuch der
Einflussnahme eines Staatsorgans in die Belange der Kunst.
Vergleichbar mit dem wütenden Anruf des Bundespräsidenten Wulff,
bei dem Redakteur der Bildzeitung. Ein Skandal, der in einer
Demokratie schwerwiegende Konsequenzen haben muss. Sollte sich
Ihr Haus davon nicht öffentlich distanzieren, müsste Ihr Rücktritt als
Ministerin eingefordert werden. Das Ausmaß des Skandals hat nun die
Ebene der Bundesregierung erreicht.
Hier versuchen einzelne Beamte im Wissen, im Auftrag der
Bundesregierung oder eigenständig, massiv die Veröffentlichung
kritischer Positionen zu Hartz IV zu verhindern. Da ich aus dem
Schreiben dieser Dame weitere Konsequenzen für Leib und Leben
fürchten muss, mache ich hiermit die Verfolgung öffentlich, die mir im
Rahmen meiner Arbeit als Künstler durch Entscheidungen und die
Untätigkeit der Deutschen Bundesregierung zuteil wird und bitte Sie
endlich einzuschreiten und Verantwortung zu übernehmen.
Diese Dame kann privat sagen was sie will, aber in der Rolle staatlicher
Organe hat sie mich als Künstler nicht zu maßregeln. Besonders nicht
wenn auf ihr Schreiben die Ankündigung folgt, mir die
Existenzgrundlage erneut zu entziehen, wenn ich paradoxen
Anordnungen nicht gehorche.
Welche Worte ich als Schriftsteller für meine Kritik an einer Behörde
wähle, ist allein meine Angelegenheit. Über diesen schwerwiegenden
Verstoß gegen das Grundgesetz wurde bereits das PEN Zentrum und
die Jury dies Ingeborg Bachmann-Preises informiert, sowie die
Staatsministerin für Kultur. Befreundete Autoren werden sich gewiss
meiner Ansicht anschließen, dass hier auf unterträgliche Art eine
Grenze überschritten worden ist.
Harsche Begriffe und Beschreibungen meinerseits sind an dieser Stelle
berechtigt, menschlich nachvollziehbar und als derjenige, der
gelegentlich nichts zu Essen und im Winter nichts zu Heizen hatte,
habe ich jedes Recht aufgebracht zu sein. Ich erinnere nur daran, dass

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<!-- PDF page 88 -->

bis heute Heizkosten nicht erstattet wurden. Befänden wir uns im
Winter, wäre mein Leben erneut bedroht.
Möglicherweise findet unter Anweisung von Frau G., oder der Leitung
des Jobcenters Teltow Fläming nun eine massiver Anschlag gegen mich
als Kulturschaffenden statt. Einen Tag nach Erhalt des Briefes von Frau
G., bekomme ich nach monatelangem Schweigen des Jobcenters einen
Brief, in dem ich aufgefordert werde, Unterlagen einzureichen, die
bereits mehrfach und das seit Monaten eingereicht und deren Erhalt
vom Amt bereits schriftlich bestätigt wurde. Es klingt absurd, aber zur
Anwendung kommt hier eine in Stasikreisen bekannte Form der
Zermürbungstaktik. Man wird immerwieder aufgefordert eine
Handlung zu wiederholen, während die eigene Wahrnehmung, dass dies
bereits geschehen ist, durch Forcierung einer bürokratischen
Parallelrealität solange in Frage gestellt wird, bis die eigene Integrität
daran zerbricht. Es besteht der Verdacht, dass Frau G., oder die
Leitung des Jobcenters nun, von Wut geleitet, wie aus ihrem Schreiben
deutlich herauszulesen ist, in einem persönlichen Rachefeldzug
versuchen mich als Künstler mit allen Mitteln in den Selbstmord oder
erneut in die Obdachlosigkeit zu treiben. Kurz vor einem
Nervenzusammenbruch, werde ich mich möglicherweise deswegen in
Kürze ins Krankenhaus begeben müssen. Meine Arbeitsfähigkeit ist
wegen dieses Terrors schon lange eingeschränkt, wodurch erheblicher
wirtschaftlicher Schaden entstanden ist.
Das bewusste Vernichten von Dokumenten im Jobcenter Teltow
Fläming scheint nach Google Suche eine beliebte Methode der
Sachbearbeiter vor Ort zu sein, Menschen zu zerstören und mit
gigantischen Bearbeitungszeiten von fünf Wochen bis mehreren
Monaten laufend in existenzielle Bedrängnis bringen. Man muss mit
jeder Angabe im Jobcenter ständig fürchten alles zu verlieren und
darauf Monate warten, bis einem auf unmittelbare Notfälle geantwortet
wird. Eine Form unterlassener Hilfeleistung, die beispiellos ist.
Da nun auch zeitgleich die Steuerfahndung gegen mich als fast schon
obdachlosen Schriftsteller eingesetzt wird, entsteht der Eindruck, dass
die Deutsche Bundesregierung mit allen Mitteln kritische Stimmen
beseitigen will. Möglicherweise wollen hier aber auch nur einzelne

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Beamte ihren Arsch retten, weil zunehmend größere Missstände
sichtbar werden. Vielleicht hofft man auf diese Weise ein Mahnmal für
die Todesopfer von Hartz IV doch noch verhindern zu können.
Während mir Frau G. über drei Seiten hinweg erläutert, das Jobcenter
habe nicht versucht mich zu ermorden und nur mit einem einzigen Satz
bedauert, dass mir monatelang keine Heizkosten erstattet wurden,
weshalb von einem Glücksfall zu sprechen ist, dass ich nicht erfroren
bin, zeigt den Realitätsverlust und die Brutalität dieser Behörde.
Zur Erinnerung halte ich fest, dass ich im Rahmen eines
Kunstprojektes und unter dem Schutz der Kunstfreiheit im Winter von
einem Zelt in einen Bauwagen gezogen bin. Dies geschah im Rahmen
meines durch das Grundgesetz geschützten Werks- und
Wirkungsbereichs als Künstler. Da ich das Jobcenter nicht vorher um
Erlaubnis gebeten habe, mein Zelt im Spätherbst verlassen zu dürfen,
nachdem ich mir das Heizen kaum noch leisten konnte, behauptet Frau
G. allen Ernstes ich habe die Einstellung aller Zahlungen, kurz vor
Weihnachten, selbst verschuldet. Weil ich von meinem Recht als
Künstler gebrauch machte, im Rahmen eines Kunstprojektes meiner
Arbeit frei und von Behörden unangetastet nachzugehen, mit dem
Ergebnis, dass dadurch sogar die Wohnungskosten für das Amt auf 0
gedreht werden konnten. Meinen Verdienst nimmt sie zum Anlass um
mir auf unverschämte Weise zu erläutern, mein Verhalten habe zur
existenzbedrohenden Einstellung meiner Existenzgrundlage geführt.
Eine Verdrehung des Opfer-Täter Verhältnisses, welches in höchstem
Maße bedenklich ist.
Obwohl ich am Tag des Umzugs ihre Beamten direkt informiert habe.
Der Umzug zu dem Zeitpunkt noch überhaupt nicht vollzogen war.
Trotz meiner vollkommen Kooperation gegenüber den Beamten, die
auf menschenverachtende Weise meinen Intimbereich durchwühlten,
abfällige Bemerkungen über mich als Künstler tätigten und die
zuständige Sachbearbeiterin meine Telefonnummer hat, mich jederzeit
hätte über die Vorgänge informieren können, um eine humane Lösung
zu finden, zog man es vor eiskalt einen Menschen in einer schwierigen
Situation in lebensgefährliche Bedrängnis zu bringen. Ich stand zu
Weihnachten ohne Mittel da und konnte meinen Kindern nichts

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<!-- PDF page 90 -->

schenken. Im Anschluss wurde dies durch mehrere Schreiben seitens
unterschiedlicher Behörden bagatellisiert.
Wäre ich psychisch in schlechterer Verfassung gewesen, hätte ich mir
an diesem Punkt das Leben genommen. Weder die zuständige
Sachbearbeiterin fand es erforderlich mich direkt zu kontaktieren, noch
gab es eine Entschuldigung dafür, dass ich wegen meiner Arbeit als
Künstler von Seiten der Behörden verfolgt wurde und noch immer
werde, was man sonst nur von Berichten aus China und Russland
kennt.
Die neuerliche Aufforderung Dokumente einzureichen, die ich längst
eingereicht habe, mit Androhung der erneuten Streichung aller Mittel,
macht den Verdacht plastisch, dass von Seiten des Jobcenters Teltow
Fläming, sowie durch die Bundesagentur für Arbeit massiv versucht
wird unangepasste Künstler mit allen Mitteln zu brechen. Selbst wenn
dies bedeutet gegen das Grundgesetz und die darin festgeschriebene
Freiheit der Kunst zu verstoßen. Ich fordere Sie auf die
Staatsanwaltschaft zu informieren und daraus Konsequenzen zu
ziehen! Sonst werde ich es tun.

Da die vom Amt angeforderten Dokumente offenbar die zuständigen
Beamten nie erreichen oder bewusst vernichtet werden, was es noch zu
untersuchen gilt, biete ich Ihnen an die Belege einem unabhängigen
Mitarbeiter des Ministeriums, unter Beisein eines Journalisten des
Spiegel, oder einer Tageszeitung vorzulegen. Damit komme ich meiner
Mitwirkungspflicht neuerlich nach. Sollte dies im Jobcenter Teltow
Fläming stattfinden müssen, werde ich zuvor Polizeischutz beantragen,
da ich mich als Künstler vom Wachschutz massiv bedroht fühle.
Selbstverständlich bin ich auch dann als Künstler vor Ort und werde
alles im Rahmen der Kunstfreiheit per Video dokumentieren.
Bei dieser Gelegenheit werden auch die unglaublichen Missstände im
Jobcenter per Video festgehalten. Beispielsweise die extremen
Verletzungen des Datenschutzes vor Ort. Menschen werden im
Jobcenter Teltow Fläming gezwungen ihre persönlichen Angaben in
einem Großraumbüro zu tätigen, wo alle die privaten Schicksale des
jeweiligen Nachbarn mithören können. Durch die Akustik des Raumes

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können alle geführten Gespräche auch vom Warteraum aus problemlos
belauscht und mitgeschnitten werden. Was in einer Kleinstadt ein
unerträglicher Zustand ist. Allein deswegen müssten Sie die Behörde
bis zur Aufklärung sämtlicher Mängel vollständig schließen und die
Leitung zur Verantwortung ziehen.

Ich weise darauf hin, dass durch meinen Umzug und den Umstand,
dass ich freiwillig auf eine Wohnung verzichte, somit der
Bundesrepublik Deutschland jeden Monat an die 400 Euro erspare und
laufend bemüht bin eine Lösung für mein finanzielles Problem zu
finden, die Lächerlichkeit einer erzwungenen Vorlage von Belegen aus
denen keinerlei praktische Konsequenz folgt, auch für die Presse
erkennbar wird. Umso augenscheinlicher wird sich dann der Verdacht
erhärten, dass Sachbearbeiter im Jobcenter ihr Amt für persönliche
Rache missbrauchen, um das Mahnmal für die Todesopfer von Hartz
IV, vor ihrer eigenen Haustüre, zu verhindern. Die Mitarbeiter des
Jobcenters haben ein eindeutiges Motiv und offenbar auch die
konsequente Absicht mir keinerlei objektive Behandlung zukommen
zu lassen.
Hiermit setze ich Sie offiziell und gerichtsverwertbar in Kenntnis, dass
dies kein Einzelfall ist, sondern ein strukturelles Problem. Befolgen die
Sachbearbeiter die Vorschriften von Hartz IV, hat dies zur direkten
Folge, dass sie kritische Künstler und Intellektuelle oder Menschen,
deren berechtigte Wut schlicht missverstanden wird, in die
Obdachlosigkeit treiben müssen, was im Winter nichts Anderes ist als
Mord.
Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie hiermit offiziell informiert
wurden, dass Menschen in direkter Folge von Hartz IV sterben
könnten, oder bereits gestorben sind. Sie haften somit persönlich für
jeden künftigen Hartz-IV-Toten. Sicherlich werden sich auch andere
Schriftsteller dieser Sichtweise anschließen und dafür sorgen, dass die
erwähnten Verbrechen nicht vergessen werden.
Als jemand, der nach staatlicher Prüfung zur Durchführung von
Psychotherapie berechtigt ist, halte ich aus fachlicher Sicht fest, dass
die psychosoziale Abwärtsspirale von Seiten der Jobcenter fahrlässig

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verschärft wird. Hier wird Selbstmord provoziert. Möglicherweise um
Menschen mit allen Mitteln aus der Statistik zu bekommen. Überhaupt
wird menschliches Verhalten gemeingefährlich fehlgedeutet. Um der
mit meiner Ausbildung verbundenen gesetzlichen Verpflichtung
gegenüber dem Gesundheitsamt nachzukommen, melde ich Ihnen und
dem Sozialpsychiatrischen Notdienst, dass davon auszugehen ist, dass
durch die Arbeit der Jobcenter Menschen zu Tode kommen.
Dies geschieht beispielsweise durch die Kommunikationsweise des
Amtes, in der Menschen einer ständigen Mischung aus abstrakter
Schuldzuweisung,       existenzieller   Bedrohung       und     brutalen
Automatismen ausgesetzt werden. Verbunden mit als sinnlos erlebten
Maßnahmen, die ins Nichts führen. Gerade Menschen mit psychischen
Störungen oder in psychologisch schwieriger Situation, was auf fast alle
in diesem Kontext zutrifft, sowie Jugendliche werden psychologisch in
ein extremes Abhängigkeitsverhältnis getrieben, während sie
gleichzeitig als vollwertig verantwortliche Erwachsene zur
Verantwortung gezogen werden. Diese Doppelbotschaft zerstört auf
Dauer die Integrität und erzeugt laufend Erfahrungen von Ohnmacht.
Man wird in eine Kindposition gedrängt. Der Versuch die
Erwachsenenposition einzunehmen und sich zur Wehr zu setzen, um
sich aus der Abhängigkeit zu befreien, wird bestraft, was das Gefühl
von Ausweglosigkeit verschärft. Statt mit Sozialarbeitern zu antworten,
schickt das Amt in diesen Fällen den Wachschutz vor. Dies erzeugt ein
Klima, in dem Menschen sich weiter isolieren, bis zum Selbstmord. Der
Versuch der zunehmenden Effizienzsteigerung Ihrer Behörde wird
diesen Umstand nur verschärfen und in Zukunft Amokläufer,
massenhafte Suizide und einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden
zur Folge haben. Selten ist mir derart viel Inkompetenz und
rechtsstaatliches Unwissen begegnet, wie unter den Beamten Ihrer
Behörde.
Wenn ich als Künstler, der seit zwei Jahrzehnten die Kultur im
deutschsprachigen Raum mitträgt, meine im Grundgesetz verankerte
Rolle als engagierter Kritiker wahrnehme, wird mir von Menschen wie
Frau G. eine Art Berufsverbot erteilt. Mit allen Mitteln wird angestrebt,
meine Position als Künstler zu untergraben. Es entsteht der Eindruck

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es solle bewiesen werden, dass ein Künstler, der an seiner
gesellschaftlichen Arbeit pleite geht, kein Künstler mehr ist. Ihre
Behörde hat der Kunst selbst den Krieg erklärt.
An dieser Stelle halte ich nochmals fest, dass Sie verpflichtet sind mich
als Schriftsteller vor Übergriffen durch Behörden und Unternehmen zu
schützen. Da ein großer Teil der Kultur in Deutschland von Menschen
getragen wird, die skandalöserweise davon nicht leben können, aber ihr
Leben lang hart dafür arbeiten müssen, steht wohl außer Frage, dass
eine moralische und politische Verpflichtung besteht, die
Kulturschaffenden zu unterstützen. Wir sind eben nicht, entgegen der
Ansichten Ihrer Behörde, wirtschaftlich unfähig oder müssen
umgeschult werden! Vielmehr verdrängt die Bundesregierung hier die
Realitäten. Neue Wege zu gehen und die in einer Demokratie
erforderliche Reibung zu erzeugen, kann für die Pioniere nicht
wirtschaftlich sein. Besonders nicht in einer Welt in der Unternehmen
die Vielfalt zunehmend reduzieren und Menschen mit ungewöhnlichen
Biografien aussortieren. Dass wir als Künstler in höchstem Maße mit
unserer Arbeit unsere Existenz riskieren ist eben nicht ein Mangel an
unternehmerischem Verständnis, sondern das Mittel, um Innovation,
Evolution und Freiheit weiter zu entwickeln. Wir agieren darin nicht
verantwortungslos, sondern in höchstem Maße verantwortlich.
Neuentwicklung kann nicht nur denen überlassen werden, die es sich
finanziell leisten können. Ansonsten wachen wir Morgen in einer Welt
auf, in der nur noch große Konzerne unsere Wirklichkeit definieren.
Künstler stellen sich täglich den Schmerzen und dem Unrecht in
Unternehmen, Politik und Gesellschaft, statt diese im Funktionieren
zu verdrängen. Dazu wurden wir von staatlichen Institutionen in vielen
Jahren ausgebildet.

Darum sind Sie aufgefordert sich öffentlich zur Kunstfreiheit zu
bekennen und Ihre Mitarbeiter darüber in Kenntnis zu setzen, dass die
Hetze gegen Künstler asoziales und gesellschaftsschädigendes
Verhalten ist. Der Eingliederungszwang für professionel arbeitende
und oft auch international anerkannte Kulturschaffende stellt eine
Zumutung für die Zivilgesellschaft dar. Dieser steht in direktem

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Widerspruch zur Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Kunst ist
keine Privatbeschäftigung, sondern passiert bei professionellen
Kulturschaffenden unter öffentlichem Auftrag. Lediglich aus Scham
verheimlichen auch staatlich ausgezeichnete und in der Öffentlichkeit
bekannte Künstler ihre schwierige finanzielle Lage. Die Realität sollte
in der Politik endlich erkannt und die Verantwortung dafür
übernommen werden. Die Wahrheit ist erschreckend. Ein großer Teil
der Künstler müssen sich bewusst wirtschaftlich ruinieren, damit die
Kultur in diesem Land weiter bestehen bleibt.
Auch wenn die unmittelbare künstlerische Arbeit in Form von
„Selbstbeauftragung“ geschieht, ist sie eben nicht privat. Wir kommen
damit unserer Verpflichtung als fünfte Gewalt im Staat nach.
Eine Freiheit, die wir nicht genießen, um uns ein schönes Leben zu
machen, sondern weil nur auf diesem Weg die Freiheit des
Individuums, sowie das Recht auf Meinungsfreiheit bewahrt werden
kann. Ohne diesen staatlich geschützten Freiraum, der in die
Gesellschaft und die Wirtschaft hinein ragt, kann die Freiheit nicht, was
erforderlich ist, immer wieder neu mit der Realität abgeglichen,
definiert und wo notwendig auch erweitert werden. Gerade weil immer
wieder ein erweiterter Kunstbegriff zum Tragen kommt, kann es
keinen Automatismus im Verhältnis zwischen Staat und Künstlern
geben. Alles muss laufend diskutiert und neu hinterfragt werden. Dies
tue ich nicht um Beamte zu ärgern, sondern um tatsächliche Missstände
sichtbar zu machen. Wenn ich als Künstler diese Verantwortung nicht
übernehme, überlasse ich die Schwachen in der Gesellschaft schutz-
und sprachlos der Willkür politischer Interessensgruppen.
Da ich jede Kürzung des Existenzminimums durch Ihre Behörde als
Mordversuch wahrnehme, werde ich diese öffentlich auch als solchen
bezeichnen. Denn es besteht in den Medien die Tendenz die
Verweigerug der Existenzgrundlage als pädagische Maßnahme zu
pervertieren und bezüglich Hartz IV von einer freiwilligen Leistung des
Staates zu sprechen. Ein starkes Stück, wenn man betrachtet, wie
Konzerne und Politik systematisch große Teile der Bevölkerung im
Rahmen der Marktliberalisiserung und Globalisierung strukturell
enteignet und in die Armut getrieben haben. Sie wissen vielleicht nicht

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was es bedeutet im Winter im Freien zu schlafen. Was -20 Grad mit
einem Körper macht, wenn man nur mit einem klammen Schlafsack auf
dem nackten Boden liegt. Ich habe es drei Winter hindurch erlebt. Mir
ist klar, dass die Sanktionierung bis auf 100%, verbunden mit der
verbreiteten Inkompetenz der Mitarbeiter in den Jobcentern und der
Gewohnheit der Sachbearbeiter, im Zweifel Menschen zu opfern, um
den eigenen Job zu erhalten, zu strukturellem Massenmord führen
kann. Da die Jobagenturen keinerlei Aufzeichnungen über von ihnen
verursachte Todesfälle führen, muss von einer möglicherweise
gewaltigen Dunkelziffer ausgegangen werden. Ich erwarte, dass künftig
jeder Todesfall eines Hartz IV Empfängers von der Staatsanwaltschaft
untersucht wird. Da ohne Zweifel solche Fälle früher oder später
bekannt werden, teils bereits bekannt sind, liegt es nun an Ihnen tätig
zu werden. Ansonsten wird man Ihnen in dieser Sache Untätigkeit
nachweisen können. Dieser offene Brief wird nicht nur in der
Deutschen Nationalbibliothek für alle Zeit abgelegt, sondern weitere
Zeugen aus Wirtschaft, Medien und Kultur haben diesen bereits
erhalten.
Ebenfalls die umfassende Dokumentation, wie die internen
Mechanismen der Jobcenter, verbunden mit der auch von den Medien
mitgetragenen Ausgrenzung von Arbeitslosen, zur Schädigung der
Volkswirtschaft, zur Enteignung großer Teile der Bevölkerung, sowie
zu fahrlässigen Todesfällen führen.
Armut ist ein Prozess, in dem das Individuum sich aus Scham
zunehmend abgrenzt und dabei Wut und Verzweiflung erlebt. Isolation
ist die psychologische Folge. Diese Abwärtsspirale führt natürlich auch
zu Suchtverhalten und Abwehr. Ein unweigerlicher Rückzug aus der
Mitte der Gesellschaft, dem sich auch eine AkademikerIn, eine
ehemalige BankerIn, sogar jemand wie Sie nicht würden entziehen
können. Dank Ihrer Behörde wird Armut in Deutschland auf eine
Weise mißverstanden, die jene Abwärtsspirale verschärft, um daraus
einen politischen Vorteil zu gewinnen. Indem Sie Menschen von einer
Geldsumme abhängig machen, von der niemand leben kann, erzeugen
Sie selbst angeblichen Sozialbetrug. Denn eben dieser Hebel, durch den
die Armen in scheinbar kriminelles Verhalten getrieben werden, weil

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niemand auf Dauer den Anforderungen Ihrer Behörde entsprechen
kann, wo Willkür und Perversion an der Tagesordnung stehen, um
damit noch härtere Regelungen durchsetzen zu können, ist
widerwärtig.
Es ist Zeit die Bevölkerung über diese Mechanismen aufzuklären, die
auch Sie weiter mittragen.
Jeder kann heute zu Hartz IV gemacht werden. Jeder, dessen Weltsicht,
dessen Ideen, dessen Gesichtsfarbe einem nicht passt. Dieser Prozess
geschieht ohne große Auffälligkeit, in Form einer stillen Verdrängung
und Ausgrenzung von Menschen, die zur Vielfalt einer Gesellschaft
beitragen, aber industriell weniger verwertbar sind. Jedenfalls für die
Nutznießer dieser Entwicklung, denen ein großer Teil der Bevölkerung
am Arsch vorbei geht.
Der unheilvolle Pakt zwischen Unternehmen und Regierung, in dem
die einen jede Solidarität aufkündigen, damit die anderen noch mehr
Umsätze generieren können, zeigt erneut schreckliche Auswirkungen.
Während Deutschland verspießert, Rechtspopulisten die Ärmsten zum
Abschuss freigeben und die Wirtschaft Innovationsfähigkeit verliert,
werden auf diese Weise die kreativen und unangepassten Köpfe des
Landes zermürbt. All das lässt sich systemisch erklären, weil ein für
zunehmend mehr Menschen dysfunktional wirkender Kapitalismus sich
mit allen Mitteln gegen das eigene Ende oder jede Reform zu wehren
versucht, und darum alternative Lesarten erstickt. Dieser historisch oft
beobachtete Automatismus rechtfertigt nicht die moralischen
Vergehen der Politik und vieler Unternehmen gegenüber
Andersdenkenden. Das stille Schweigen, der einfache Satz: „Sie passen
nicht zu uns“, führt zur legitimierten und für die Unternehmen
schmerzfreien, existenziellen Hinrichtung tausender Menschen, die
dann von einer Bürokratie ohne jede menschliche Empathie verfolgt
werden. Niemand hat es verdient, dass Staatsdiener bei einem zu Hause
in den dreckigen Unterhosen wühlen oder mit einer Mängelliste durch
das eigene Privatleben marschieren.
Ich bin an diesem Punkt, weil ich mich engagiert, auf großen Bühnen
unbequeme Wahrheiten ausgesprochen habe und mit meinem Gewissen
nicht mehr vereinbaren konnte, blind zu funktionieren. Ich bin an

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diesem Punkt, weil ich in 15 Jahren Arbeit alternative Antworten,
Methoden, Ideen, Haltungen entwickelt habe, von der Unternehmen
und Gesellschaft profitieren können. Das Neue aber macht Angst. Eine
Angst, die wir überwinden sollten.

Wie Sie wissen, werden Kulturschaffende in Deutschland massiv in
zunehmend prekärere Lebensverhältnisse gedrängt, während sie mit
ihrer eigenen Existenz, mit ihrem Privatvermögen, mit ihrer
Selbstausbeutung die Kultur dieses Landes subventionieren und am
Leben erhalten. Was der Staat an Kulturförderung leistet ist ein kleiner
Bruchteil dessen, was KünstlerInnen für die Kultur leisten. Würden
KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, SchauspielerInnen, TänzerInnen
nicht unter diesen Bedingungen weiterarbeiten, würde eine Kinokarte
vielleicht 50 Euro kosten und ein Buch an die 100. Die Fernsehsender,
Theater, Büchereien und großen Kulturstätten wären nicht arbeitsfähig
und unsere Kultur wäre vollständig der Deutungshoheit kommerzieller
Mainstreamwelten ausgeliefert. Eine gigantische Gefahr für
Demokratie und Freiheit.
In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass Unternehmen und Staat
sich von Künstlern abwenden und versuchen die Kunst als
Privatbeschäftigung, als Hobby zu brandmarken. Dieser Angriff gilt
der Kunst selbst, dem kreativen und unabhängigen Menschen, der den
Unternehmen zunehmend lästig wird. Offizielle Anfragen im Rahmen
der Kunstfreiheit werden darum immer öfter einfach ignoriert oder
juristisch verfolgt.
Obwohl wir Jahrzehnte unseres Lebens und unfassbare Arbeitsstunden
zur umfassenden Professionalisierung unserer Tätigkeit investieren, die
staatliche Ausbildung von Künstlern zur teuersten überhaupt zählt und
wir in jener Ausbildung von Seiten des Staates dazu im Dienst an der
Demokratie befähigt werden kritisch, unabhängig, frei und unangepasst
vorzugehen, scheint dies alles nun nichts mehr wert zu sein. Noch
schlimmer. Wir werden von einer raffgierigen Wirtschaftselite zum
Feind des Gemeinwohls erklärt. Zu Arbeitsunwilligen.
Dass wir die Freiheit in der Demokratie erhalten, ist den Mitarbeitern
der Jobcenter offensichtlich nicht bekannt, was belegt, dass sie nicht

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auf der Basis des Grundgesetzes arbeiten. Auch was ich aktuell tue ist
nichts Anderes als meine Arbeit als Künstler. Ich stelle mich mit
meinem ganzen Leben in die Bruchstelle, wo heute mitten in
Deutschland Menschen gefoltert, gedehmütigt, psychisch und physisch
zerstört werden.
Dies verdeutlicht das Schreiben von Frau G. auf skandalöse Weise.
Ebenfalls das fahrlässige Verhalten des Jobcenters Teltow Fläming, wo
bald ein Mahnmal entstehen wird. Diese Leute verstehen bis heute
nicht was Kunstfreiheit bedeutet.
Ihre Bildungslücken stellen eine unmittelbare Gefahr für Gesundheit
und Leben von Kulturschaffenden dar. Die Sachbearbeiter sind fachlich
nicht in der Lage die Situation und die Grundrechte von Künstlern
richtig einzuschätzen, weshalb anzunehmen ist, dass es auch in anderen
Jobcentern permanent zur Misshandlung von Kulturschaffenden
kommt, sowie zu groben Verstößen gegen die Kunstfreiheit.
Wenn Künstler dafür bestraft werden, dass sie aus der Reihe tanzen,
bedeutet dies in indirekter Konsequenz immer auch beim Arbeiter und
Bürger einen Verlust an Rechten, Freiheiten und Lebensqualität. In
weiterer Folge verarmt eine Gesellschaft geistig und kreativ. Es
entstehen keine neuen Bedürfnisse und somit auch keine neuen Märkte.
Kunst und das kreative Potenzial einer Gesellschaft sind eben kein
Luxus, sondern für eine freie und humane Wirtschaft und Gesellschaft
lebensnotwendig. In diesem Augenblick versuche ich zu verhindern,
dass Ihre Behörde das kreative Potenzial des Landes, die
Innovationsfähigkeit der Wirtschaft mit Angst und Terror nachhaltig
beschädigt.
Die Politik hat es seit Jahrzehnten versäumt, die wichtige Rolle der
Kreativen in der Bevölkerung zu vermitteln, weshalb uns Resentiments,
gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Vorurteile und Gewalt
entgegen gebracht wird, die wir gewiss nicht verdient haben.

Ich halte fest, dass Frau G. vermutlich aus subjektiver Wut und einer
Bildungslücke heraus handelte und, da sie systemischen Zwängen
unterliegt, nur bedingt persönlich für ihr Schreiben verantwortlich ist.
Sollte ich also erfahren, dass Sie Frau G., oder die Leitung des

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Jobcenters Teltow Fläming entlassen haben, werde ich dies als Versuch
werten, die tatsächlichen Hintergründe des Skandals zu vertuschen.
Was ich aber erwarte ist ein Disziplinarverfahren und eine unabhängige
Untersuchung       der    Vorgänge.     Möglicherweise     muss     die
Staatsanwaltschaft hier auch umfassend gegen die Bundesagentur für
Arbeit ermitteln.
Mir ist klar, unter welchem Druck diese Damen und Herren stehen.
Auch sind sie offensichtlich sehr unerfahren im Umgang mit
KünstlerInnen und der Öffentlichkeit. Der Brief von Frau G. illustriert
aber das grundsätzliche Problem. Die MitarbeiterInnen Ihrer Behörde
benutzen ihre amtsbedingte Machtposition, um KünstlerInnen in ihrer
regierungs- und wirtschaftskritischen Arbeit zu behindern und was
kriminell ist, dafür sogar zu bestrafen. Aus Unwissenheit oder aus
Resentiments heraus. In jedem Fall aber sind die SachbearbeiterInnen
Ihrer Behörde persönlich, emotional kompromitiert. Unter diesen
Bedingungen muss ich davon ausgehen, dass sie nicht mehr in der Lage
sind meine Situation objektiv zu bewerten. Anweisungen und
Entscheidungen Ihrer Behörde stehen darum von nun an unter
dringendem Verdacht des Amtsmißbrauchs und der Rechtsbeugung.
Nun liegt es in Ihrer Verantwortung Schlimmeres zu vermeiden und
sich schützend vor die Kulturschaffenden in diesem Land zu stellen.

Da mittlerweile die halbe Führungsriege der deutschen Wirtschaft und
etliche Prominente in meinen Fall positiv und negativ verstrickt sind,
müssen Sie davon ausgehen, dass jedes weitere Fehlverhalten Ihrer
Regierung den Skandal nur vergrößern wird. All diese Personen werden
bei einem Gerichtsverfahren als Zeugen geladen. Da auch Sie mir als
Künstler bisher jeden Dialog verweigern, verstärken Sie den Eindruck,
dass man die Arbeit von Künstlern in Deutschland nicht respektieren
muss. Dies hat möglicherweise die unmittelbare Auswirkung, dass
Unternehmen wie die Firma Bionade, SAP, das ZDF, die Deutsche
Bahn, die Bertelsmann Stiftung oder Red Bull davon ebenfalls das
Recht ableiten Künstler ignorieren oder diskriminieren zu dürfen. Das
Verhalten von Ihnen allen hat dazu geführt, dass ich meine Kinder
nicht ernähren kann, dass ich seit drei Jahren durch die Hölle gehe und

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dafür bestraft werde, dass ich meine Arbeit als Künstler, von der
Zivilgesellschaft beauftragt, seit fast zwanzig Jahren gut und
professionell mache.

Ich erwarte von Ihnen ein öffentliches Bekenntnis zur Kunstfreiheit
und konkrete Maßnahmen die verhindern, dass Künstler in Deuschland
psychisch oder physisch mißhandelt und sogar ermordet werden.
Besonders die existenzielle Situation für Künstler über 40 ist
unerträglich. Die deutsche Wirtschaft gibt zu vielen von uns praktisch
keinerlei Möglichkeit existenziell zu überleben. Selbst wenn wir
schweigen und aufhören als Künstler zu arbeiten, was ein gewaltiger
Verlust für die freie Zivilgesellschaft und die Demokratie wäre, werden
wir von Unternehmen wegen unserer Arbeit als Künstler abgelehnt.
Gerade meine Arbeit offenbart diese Zusammenhänge auf sehr
plastische Weise.
Alles, was ich will, ist die Möglichkeit mich in diese Gesellschaft, mit
meinen Ressourcen und indivdiuellen Fähigkeiten, einzubringen.
Offenbar ist das nicht erwünscht, wenn selbst staatliche Unternehmen
wie die Deutsche Bahn oder das ZDF mir die Türe vor der Nase
zuknallen und sich dem in der Demokratie erforderlichen Mindestmaß
an Dialog und Austausch mit Kulturschaffenden verweigern.

Sollten Sie weiterhin tatenlos bleiben, wird die Situation unerträglich
eskalieren. Sie persönlich tragen die Verantwortung für jede weitere
Bedrohung meiner Existenz. Ich bin bereit zu kooperieren, werde aber
nicht zulassen, dass die Position freischaffender Künstler in
Deutschland auf diese widerwärtige Weise untergraben wird.

## Mit freundlichen Grüßen

## Timothy Speed

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