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# Organic Television / Brief an die Fernsehfrau

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                     Twentysix; ISBN: 3740709561 see published edition).
              © 2016 Timothy Speed. All textual rights remain with the author.

                         https://doi.org/10.5281/zenodo.17864804

                      ORCID: https://orcid.org/0009-0002-0143-5949

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## Vorwort

Der 1973 geborene, britisch-österreichische Künstler und Schriftsteller Timothy Speed
beschäftigt sich in seinen Essays, Performances, sozialen Projekten und literarischen Arbeiten
mit der Rolle von selbstbestimmten, unangepassten und kreativen Menschen in
wirtschaftlichen und staatlichen Strukturen. In seiner Kapitalismuskritik werden die
Grundlagen einer kreativeren und humaneren Gesellschaft erforscht. Er setzt sich mit
Veränderungs- und Entwicklungsprozessen auseinander, löst diese mit ungewöhnlichen
Ansätzen selbst aus oder begleitet sie. Gerade in Zeiten, in denen Individualismus von Angst
verdrängt wird und ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis die kreativen Potenziale und
notwendigen, krisenhaften Bewusstwerdungsprozesse verhindert, bekommt seine Arbeit hohe
Relevanz und Bedeutung.
       Viele Jahre hat er die inneren Mechanismen von kreativen und freien
Gesellschaftsordnungen untersucht und entwickelte 2003 in dem Buch »Gesellschaft ohne
Vertrauen« eine eigene Theorie dazu, wie die Teilhabe vielfältiger, kritischer, unangepasster
Menschen in einem System gefördert werden kann und weshalb dies für die
Realitätskompetenz und Entwicklungsfähigkeit einer Gesellschaft entscheidend ist. Er zählt zu
den Pionieren im Bereich der »systemkreativen« Gesellschaftsgestaltung und eines
authentischen »Diversity-Managements«. In seinen Ansätzen wird die Gesellschaft nicht mehr
aus von Eliten gesteuerten, halb bewussten, politischen Ritualen gestaltet, sondern in
individuellen Prozessen ergründet und umfangreich diskutiert. Die Bedeutung kreativer und
systemischer Intelligenz wird erlebbar.
       Dafür braucht es laut Speed IndividualistInnen und Menschen, die sich subjektiven und
inneren Impulsen hingeben, welche die Strukturen auf der Werte-, Wissens- oder
Identitätsebene, durch neue Perspektiven oder Irritation ausreichend destabilisieren, um
Entwicklung und echte, demokratische Prozesse zu fördern. Darum spricht er von einem Recht
auf Krise und fordert ein positives Verständnis von abweichendem Verhalten, um komplexere
Ordnungen entstehen zu lassen. Wirtschaftswachstum tauscht er gegen Gestaltungskraft, weil
die Frage, was Menschen individuell im Leben gestalten können, mehr über den realen
Wohlstand in einer Gesellschaft aussagt und negative Erfahrungen nicht entwertet, sondern
integriert.
       Bereits im Jahr 2000 analysierte er in »Verdammt Sexy« die Probleme für Wirtschaft und
Gesellschaft, die aus zu viel Konformismus und Zwang zum Harmlosen und Glücklich-
Machenden resultieren. Mit dem amerikanischen Medienforscher Neil Postman diskutierte er
die Frage, mit welchem Recht die Medienmacher die Realität gestalteten. Schon hier zeigte sich
seine Suche nach der authentischen Gestaltung einer Gesellschaft und nach neuen Strukturen,
welche diese begünstigten.
       Später entwickelte er mit dem Managerberater Markus Maderner eine der ersten
Managementmethoden, welche bewusst die Komplexität nicht reduziert, um das Management
scheinbar zu erleichtern, sondern die Vielfalt sucht und integriert, also lernt, damit zu arbeiten.
Dadurch kann näher an der Realität, näher am Menschen gestaltet werden und automatisierte
Strukturen, die zu gigantischen Nebeneffekten, wie Umweltzerstörungen, Ignoranz oder
sozialen Problemen führen, werden von den in dem Buch »Inner Flow Management«
entwickelten Haltungen, wie einer bewussteren Form der Unternehmensführung, abgelöst.
       Speed zeigt auch auf, wie erst durch das Amateurhafte, Persönliche, Angreifbare und
Subjektive echte Innovations- und Entwicklungsfähigkeit möglich wird, da die
überprofessionalisierte Wirtschaft sich in ihrem Zwang zur Simplifizierung und zum
normierten Verhalten selbst von der Quelle neuer und unmittelbar realistischer Einsichten

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abschneidet. Für Bewegung notwendige Entwicklungsenergie geht in zu viel Ordnung verloren.
        Aus diesen Überlegungen heraus versuchte Speed 2010 selbstbeauftragt, als Künstler das
Unternehmen Red Bull umzugestalten. Er drohte vor der Zentrale in Fuschl einen Stier zu
töten, um einen subjektiven Prozess auszulösen, in dem die
Beziehung zwischen Unternehmen und Mensch neu verhandelt werden sollte. Er wollte sehen
was passiert, wenn ein Individuum sich mit allen Aspekten der eigenen Persönlichkeit in die
Wirtschaft einbringt, diese komplizierter, komplexer, vielfältiger macht und sich zugleich im
Dienst der Innovations- und Realitätskompetenz weigert, ein geschmeidiges, ein einordenbares
Produkt zu werden. Weil er in der subjektiven Differenz, im Nicht- oder Missverstehen, im
unangepassten Verhalten, die Chance der Erweiterung der Existenz und der
Lebenswirklichkeiten sieht.
        Zitat Speed: »Für eine Woche waren die Leute bei Red Bull gespalten. Sie wussten nicht, ob
sie als Mensch oder als Funktion auf mein Handeln reagieren sollten. Ich hatte das Gefühl, dass der
Mensch in ihnen mit mir den Stier töten wollte, während der Anwalt, der Milliardär, der Manager,
der aus ihnen sprach, dies um jeden Preis verhindern musste. In dieser Woche gehörte das
Unternehmen allein dem an der Welt zweifelnden Menschen. Der Gewissheit, dass jeder von uns
einen Konzern bezwingen, gestalten und verändern kann.«
        In einer Welt, in der sich Firmen durch einseitige Kommunikation in der Werbung und
hierarchischen Machtstrukturen dem Bewusstwerden jener Verstrickungen verweigern, jener
verborgenen Zusammenhänge, jener Auswirkungen, an denen immer mehr Menschen leiden,
kann Arbeit, Staat und Gesellschaft vom Persönlichen nicht mehr getrennt werden, ist alles mit
allem in Beziehung. Hier lebt Speed eine Form radikaler Beziehungsfähigkeit mit der
Gesellschaft und den Unternehmen und stellt sich sensiblen Wahrnehmungen und
persönlichem Schmerz. Dabei entstehen neue Lebensräume aus subjektiver Kommunikation in
Welten kommerzieller Gleichschaltung. Für ihn ist dies die Grundlage innovativer
Wertschöpfung, Authentizität und Menschlichkeit. Somit wird durch die eigene Sperrigkeit
mehr Entwicklungspotenzial in der Wirtschaft vorgelebt und dient so als Grundlage neuer
Märkte. Speed forderte den Konzern heraus, sich durch den Menschen hindurch komplexeren
und freieren Ordnungen, Weltbildern, Möglichkeiten zu stellen.
        Um seine Arbeit an Red Bull zu vertiefen, auf der Suche nach einer neuen Haltung zur
Wirtschaft, kündigte er seine Wohnung in Berlin, zog für drei Jahre in ein Zelt und schrieb den
Roman »Stieren des Weltdesigners«, in dem eine Gruppe von Individualisten in einem Bus zu
Red Bull fährt, um selbst zur Krise zu werden. Damit sie wieder selbstbestimmt ihr Leben
gestalten können, sich durch sie hindurch eine komplexere, vielfältigere Ordnung ausdrücken
kann, in der auch Probleme sichtbar und Beziehungen gestaltbar werden.
        Sie eben nicht in Kommerzwelten ihre Integrität verlieren und von einer vermeintlichen
Krise vor sich selber hergetrieben werden.
        Timothy Speed entspricht in seiner Arbeit nicht traditionellen Vorstellungen von
Literatur. Er bricht mit den klassischen Formaten und Zuschreibungen, lebt Themen subjektiv
aus, macht sich angreifbar, um den Blick für das Neue und Unmittelbare zu schärfen.
        Da Speed mit seiner eigenen Existenz versuchte, eine neue ArbeiterIn vorzuleben, die
sich der Simplifizierung und Effizienzsteigerung verweigert, um die Zerstörung der Vielfalt zu
stoppen, war es nur logisch, dass er dabei in einer auf Effizienz ausgerichteten Welt pleite ging
und somit auch für den Staat zu Sand im Getriebe wurde. Vom Arbeitsamt schikaniert und
völlig verarmt, schrieb er 2014 den Essay »Stärke in der Armut«, in dem er die zweifelhaften
Hartz IV Gesetze im Namen der Kunstfreiheit aushebelte und seinen fehlenden Gehorsam zu
einem Wirtschaftsförderungsprogramm erklärte. Damit brachte er die amtierende Ministerin
Andrea Nahles in Bedrängnis und gab den Armen eine Wirtschaftskompetenz zurück, die

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ihnen strukturell in der Armut genommen wird.
        Der Vizepräsident des Europaparlaments und somit der ranghöchste Österreicher in
Brüssel, Othmar Karas ließ über sein Büro ausrichten: »Herr Mag. Karas schätzt Ihren Text sehr,
da Sie versuchen ein Verständnis bzw. ein Bewusstsein für Ihre Situation und die von vielen
anderen, zu schaffen. Besonders den Aspekt – die volkswirtschaftliche Verantwortung und
Wertschöpfung aus einem ganz anderen Gesichtspunkt heraus zu beobachten, ist ihm ins Auge
gefallen…«
        Die österreichische Armutskonferenz hingegen lehnte sein Buch ab und verweigerte
dem Künstler den konstruktiven Dialog. Zu radikal anders wäre sein Verständnis von Armut.
Die selbstbewusste Haltung eines Armen stellte sowohl die traditionelle Postion der
Sozialorganisationen, wie auch die Armutsstrategien der Politik in Frage.
        Der Theologe Eugen Drewermann schrieb kurz darauf in einem Brief an Speed: »Ja,
warum stehen die Arbeiter nicht auf? Den Grund beschreiben Sie sehr zutreffend selbst. Weil sie
froh sind, eine Arbeit zu haben, und sich zu deren Erhalt in jeder Form anpassungswillig bearbeiten
lassen. Das tun Sie nicht, aber ich sehe die Gefahr, dass Sie dabei sind, sich in Aktionen zu
ruinieren, deren Motive mehr als verständlich sind, doch deren Ergebnisse vorhersehbar gering sein
werden....Es liest sich so gut, was Sie schreiben, und es sollte nicht verpuffen...«
        Durch die Arbeit von Timothy Speed wird ein veränderter Verantwortungsbegriff
definiert. Das Individuum steht nicht mehr nur in Verantwortung gegenüber den unmittelbaren
Pflichten des Alltags, sondern muss auch die Welt, das Innen und das Außen, das Persönliche
und das Allgemeingültige integrieren und in ein dynamisches Gleichgewicht bringen.
Verantwortung wird somit erst über die Aufforderung zur unmittelbaren Beziehungsarbeit
konkret, was Formen von »Scheinverantwortung«, wie der Gehorsam gegenüber
unreflektierten Regeln oder Autoritäten aushebelt. Speed lebt vor, wie radikal das in der Praxis
ist. Sowohl Institutionen, Unternehmen, aber auch der Staat wird bei der authentischen
Verantwortung gepackt. Das Individuum kann die Struktur im Sinne von Menschlichkeit und
Innovationsfähigkeit aufbrechen. In dem Versuch Verantwortung zu übernehmen, geriet Speed
darum ständig in Konflikt mit Institutionen und Systemen.
        Im September 2014 wurde der Roman »Stieren des Weltdesigners« vom Markt
genommen. Der Verlag fürchtete die Klage des Konzerns Red Bull. Der Autor sollte sich dem
Diktat der Wirtschaft fügen.
        Während dieser Tage der Zensur schrieb Speed den literarischen Essay »Intima«, indem
er sich mit den unbewussten Kräften des Marktes befasst. Er versucht über seine Theorie der
Sphären eine Sprache zu entwickeln, die ausdrückt, weshalb Menschen in Zeiten großer
Veränderungsnotwendigkeit,           angesichts     der     ökologischen,       kulturellen, sozialen,
wirtschaftlichen Krisen, in Schwäche und Passivität erstarren und dabei jede Irritation, alles
Neue und Fremde meiden, somit durch ihre Anpassung an den Markt Entwicklung blockieren.
Damit zeigte er einen zentralen Betriebsfehler des Kapitalismus auf, der die Lähmung der
kreativen Kräfte einer Kultur bewirkt, sowie Realitätskompetenz reduziert, der Kapitalismus
darum am Ende immer zur schwachen Planwirtschaft der großen Strukturen führt und freie
Eigeninitiative abbaut. Er entschlüsselt die durch Kapitalismus und Rationalismus entstehende
Trägheit der Massen. Wie die im Markt verordnete, systematische Verhinderung des
Authentischen, des freien Ausgleichs und der unmittelbaren, funktionslosen Begegnung
zwischen Menschen. Was auch moralische und soziale Erosion bedeutet. Die Abspaltung vom
unmittelbaren Geschehen, um produkthaft zu bleiben, weil sich scheinbar nur davon der eigene
Wert ableiten lässt.
        Er antwortet darauf mit einer neuen Physik des Individualismus, einem vom Bürgertum
ausgehenden, neuen Gesellschaftsdesign, als Disziplin für jeden Menschen.

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       Wenig später forderte er in einem offenen Brief Liz Mohn, die Eigentümerin eines TV-
Senders zum Totalumbau der Medien auf. In dieser einfachen Geste lebt er vor, wie der Mensch
sich von den Zwängen des Kapitalismus löst. Nicht ohne Schmerz und ohne Scheitern. Durch
das eigene Innere hindurch. Zerfallend, loslassend, bis teils unbewusst, teils bewusst, eine neue,
freiere und komplexere Beziehung entsteht, als Grundlage eines neuartigen und radikal
humanen Marktes.
       Die NGO »Dropping Knowledge« lud Speed bereits 2006, gemeinsam mit bedeutenden
Intellektuellen wie Wim Wenders, Hans-Peter Dürr, Jonathan Meese, Masuma Bibi Russel oder
Bianca Jagger, an den größten runden Tisch der Welt ein, um die 100 bedeutendsten Fragen der
Menschheit zu beantworten.
       Eine Zeit arbeitete er für die Organisation des amerikanischen Präsidentenberaters Don
Edward Beck.
       Als Speaker spricht er vor Top-Managern, hält Workshops, begleitet Prozesse,
provoziert und regt zum Nachdenken an.

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  Organic Television
Brief an die Fernsehfrau
    Timothy Speed

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Der folgende Brief ist Teil einer künstlerischen Performance und stellt somit eine bewusste
Zuspitzung dar. Der Brief wurde 2015 im Rahmen der künstlerischen Aktion an Liz Mohn
übergeben, die vermutlich mächtigste Medienfrauen des Planeten, um eine Reaktion
auszulösen. In der Hoffnung, sie würde daraufhin das Fernsehen im Sinne des Menschen
verändern. Dies ist leider nicht geschehen.
       Bei diesem Buch handelt sich nicht um ein Sachbuch, oder gar um einen
Tatsachenbericht und keine der darin geäußerten Behauptungen beruhen auf belegbaren Fakten.
Es sind bewusste Provokationen und subjektivierte Gedankenprozesse, die als
Diskussionsgrundlage dienen. Die darin erzeugte Unschärfe zwischen dem, was ist und dem
was sein könnte, ist notwendig, um das kreative Denken anzuregen und wichtige Perspektiven
zu integrieren, die in der Behandlung des Themas bisher fehlten. Mit den vorliegenden
Übertreibungen ist nicht beabsichtigt, die Adressatin zu beleidigen oder ihr gar üble Nachrede
zuzumuten. Es ist viel mehr ein kreatives Spiel, um ihr eine menschliche Regung zu entlocken.
Hier wird der Rahmen der Kunstfreiheit ausgeschöpft, um im Dialog mit einer Persönlichkeit
des öffentlichen Lebens wichtige Fragen von allgemeinem Interesse zu beleuchten, die anders
nicht in dieser Prägnanz darstellbar wären. Sollte die Adressatin dennoch aufgrund dieser
Aktion einen emotionalen Schmerz verspüren, müssen wir über diesen reden, uns darüber
austauschen, den Dialog suchen, den wir Kultur nennen. Die Konzerne stehen hier in der
Verantwortung. Die Zeiten, in denen in den Unternehmen nicht über die verborgenen
Auswirkungen des eigenen Handelns frei und offen gesprochen werden durfte, sind vorbei.

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Eine Frage, die ich im Jahr 2000, während eines Interviews, an den amerikanischen Medien- und
Fernsehkritiker Neil Postman richtete.
        Speed: „Herr Postman, stellen Sie sich einen wirren Traum vor. Wenn ein einzelner
Mediengestalter oder Medienkünstler schließlich die Welt als gigantisches Medienprojekt
wiedererschaffen würde. Und Sie wären die einzige Person, der es möglich wäre, diesen Gestalter
zu treffen. Und Sie hätten nur eine Frage. Was würden Sie ihn oder sie fragen?“
        Postman: „Mit welchem Recht und mit welcher Autorität beanspruchen Sie das Privileg, die
Welt zu gestalten?“ 1

Einen Brief schreibe ich Ihnen, Frau Mohn! Weil ich der Ansicht bin, dass jede große
Veränderung von Menschen abhängt und alle Theorie erst in der Verknüpfung mit der
unmittelbaren Möglichkeit, mit denen die es betrifft, Lebendigkeit entfalten kann.
        Das „organische Fernsehen“ ist kein fertiges Konzept, sondern ein Prozess, der eine
neue Denkrichtung, eine veränderte Haltung provoziert. Es dient dazu, Sie und Ihre
KollegInnen unter Zugzwang zu setzen. Dies ist ein sehr persönlicher Brief. Ich bin darin nicht
immer fair. Das aus gutem Grund. Denn wir haben uns zu sehr an die Zustände gewöhnt und
ein klares Wort, eine klare Emotion hat Sie in dieser Sache vermutlich schon länger nicht, wenn
überhaupt jemals erreicht. Wer schon knallt Ihnen die Mängel Ihres Fernsehens ins Gesicht?
Wie auch, wenn professionelle Differenziertheit zur Distanz führt? Ein Thema aus der Distanz
erscheint zwar in klaren Rubriken und Kategorien, während einem dabei jedoch unter
Umständen jede Fähigkeit der unmittelbaren, spontanen und authentischen Handlung
abhanden kommt und es weder einen kraftvollen Impuls gibt, der Veränderung los tritt, noch
ein herausforderndes Feedback, welches diese als Notwendig offenbart.
        Es geht um die Chance der selbstbestimmten Mitgestaltung, in der ganzen Breite des
Menschseins, was im Ideal aus einem Zusammenspiel zwischen rationalen und irrationalen
Anteilen entsteht. Wobei der Aspekt der Irritation das ist, was den Raum für Change öffnet,
das Eigentliche erst ans Licht bringt. Nur das Individuum verspürt Schmerz. Die
Grundvoraussetzung für Entwicklung und der wesentliche Unterschied zwischen reiner
Analyse und dem tatsächlichen Übernehmen von Verantwortung. Es ist eine Sache das
Fernsehen als mangelhaft zu erkennen, eine komplett andere, in einer Welt, die sich an dieses
Fernsehen gewöhnt hat, die sich alle Argumente über Jahre zurecht gelegt hat, eine radikale
Veränderung vorzunehmen. Das kann nur als Eruption, als Überfall passieren. Am Anfang ist
mein Tun darum für Sie und manch andere vielleicht nur Verwirrung. Dann, allmählich, treten
neue Strukturen aus dem Chaos hervor. Dahinter steckt eine wohl überlegte Strategie im
Umgang mit einem sehr komplexen Thema. Ich habe mir das neue Fernsehen nicht einfach
ausgedacht, sondern es entsteht in diesem Moment, da Sie diese Zeilen lesen und in den
kommenden Tagen, wenn Sie darauf reagieren. Andere werden diese Impuls aufgreifen.
Vielleicht erst Jahre später. Dies ist ein Anfang.
        Obwohl das Fernsehen bereits seit mehr als 50 Jahren die Verblödung der Bevölkerung
vorantreibt, hat Sie als Eigentümerin mehrerer TV-Sender erstaunlicher Weise noch niemand
zur Rechenschaft gezogen, oder Ihnen ins Gesicht gesagt, dass Sie offenbar nicht in der Lage
sind, ein Fernsehen zu gestalten, welches nicht die Kultur und Gesellschaft zu Grunde richtet.
Eine unerhörte Behauptung. Und doch erfrischend, um Menschen aufzuwecken und für die
nun folgenden, differenzierten Details des Themas zu öffnen.
        Provokation ist Teil des professionellen Prozesses, an dessen Ende komplexere Ordnung
sichtbar werden kann, die auch ich nicht kontrollieren will oder soll. Denn viele Probleme des

1
    Aus dem Buch „Verdammt Sexy – Die Mediengestalter in der Krise“ 2001 von Timothy Speed
                                                      8

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Fernsehens sind heute bekannt, ändern aber nichts. Auch weil das Thema nicht allein rational
gelöst werden kann, sondern ebenfalls die Bereitschaft ein Risiko einzugehen erfordert. Etwas,
was für viele Fragestellungen unserer Zeit gilt.
        Betrachte ich heute die Medienlandschaft, suche ich nach einer Ansprechperson und
finde keine. Da ist kein Mensch, der für all das Verantwortung trägt. Bis auf mich selbst,
vielleicht, im Sinne jener Verantwortung, die wir alle tragen. Eine bisher nur allzu schwache
Kraft. Die Medien sind ein Phänomen und niemand scheint sie zu besitzen. Bis auf Sie, Frau
Mohn.
        Lange habe ich mich gefragt, wie es möglich ist, dass die Menschen diesen Irrsinn
hinnehmen. Es liegt vielleicht daran, dass sie dessen Ursprung nicht erkennen. Das Fernsehen
ist eben so. Was in jedem anderen Kontext sofort zu Empörung führen würde, diese unwürdige
Bevormundung beispielsweise, findet im Fernsehen unter eigenen, scheinbar abgespaltenen
Regeln statt. Es sind unausgesprochene, undemokratische Regeln. Die Regeln des Fortschritts.
Und der Fortschritt ist immer unschuldig. Denn er passiert einfach. Das ist, wie Sie sicherlich
wissen, eine große Lüge.
        Erst wenn wir den Fortschritt als einen Akt der bewussten Gestaltung betrachten, haben
wir, habe ich als Individuum, haben Menschen die Macht und die Fähigkeit das eigene Leben
frei und in empathischem Zusammenspiel mit Anderen zu gestalten. Der Fortschritt als
abstrakte Übermacht erschafft nur unmündige Bürger.
        Die Technologie kann zu einem Ausdruck meiner selbst, des Menschen werden. In
dieser veränderten Haltung liegt der Unterschied zwischen dem Entwickler des Spieles, der
selbst die Grenzen der Entwicklung bestimmt und den Spielern, die darin gefangen sind.
Solange der Fortschritt als Zufall, als scheinbar positiver Unfall der Industrie betrachtet wird,
bleiben wir unbewusst agierende Spieler, unter den Anwendungsregeln neuer Technologien, die
unsere Realität, unsere Lebensweise, unsere Identität, ja unser ganzes Sein bestimmen. Wenn
aber der Fortschritt ein bewusster Akt ist, dann sind die Eigentümer der Infrastruktur dieses
Fortschritts für die Regeln des Spiels und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft
verantwortlich, ja vielleicht sogar schuldig. Sie müssen sich dann vor der Bevölkerung
rechtfertigen, oder werden ihrer Rolle enthoben, die mehr ist als ein bloßes Mitgestalten,
welches jedem zustehen würde. Und es stellt sich die Frage, ob nicht auch ein anderer
Fortschritt möglich gewesen wäre, ja möglich ist. Stellen Sie sich nur vor, die Menschen würden
den Firmen die neuen Technologien zurück geben und Änderungen im Sinne größerer
Zusammenhänge verlangen! Würden nicht unreflektiert die Paradigmen der Technologie
akzeptieren, wie Beschleunigung der Lebensprozesse, Vereinfachung, Verkürzung des Raumes,
Vereinheitlichung der Kultur.
        Schon bald könnten die Kinder in der Schule lernen, sich stets die Frage nach dem
Ursprung des Spiels zu stellen, statt nach dem nächsten Schachzug. Ihnen würde klar, dass sie
mit letzterem Schritt nie gewinnen, nie zu ihren tieferen Motiven finden können, sich nur in
Kämpfen mit der Gegenseite verstricken. Wodurch sie, für den Fall, dass sie dabei nicht zu
Verlierern werden, lediglich eine Belohnung erhalten, die nur dazu dient ihre Wertestruktur auf
eine Weise auszurichten, die ihren Wissensdurst sättigt und ihren Entwicklungsdrang auf
niederem Niveau hält.
        Auch die Medien sind ein Spielbrett und Sie Frau Mohn sind Eigentümerin, was Ihnen
eine gewisse Macht gibt. Sie zu hinterfragen ist also der nächste logische Schritt.
        Was nützt mir die ganze Medienwissenschaft? Was nützt mir der ganze Rechtsstaat,
wenn alles was ich letztlich an Veränderung in den Medien bewirken kann, nur zwischen uns
beiden möglich ist? Zwischen zwei Menschen, die wegen ihres Bewusstseins alle Macht in den
Händen halten und gleichzeitig vielleicht derart unvollkommen sind, dass ihnen eine

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Verbesserung nicht auf logischem Wege, sondern nur dadurch gelingen kann, dass sie sich
aneinander reiben, sich auseinandersetzen, sich annähern und einen kreativen Versuch wagen.
Keine Medienanalyse reicht an die Tatsachen heran, dass Sie Frau Mohn jeden Tag ein anderes
Fernsehen verkünden könnten. Es sind keine Naturgesetze, die das Programm bestimmen,
sondern es ist vielleicht die Art wie Sie sich der Realität verweigern und in ihrem eigenen
Imperium gefangen sind.
        Ich erwarte nicht, dass Sie das in den folgenden Seiten beschriebene eins zu eins
umsetzen, oder irgendein anderer Sender dies tut. Was ich will, ist einen Dialog darüber führen,
wie es mit den Medien neuartig und nicht im vorhersehbaren Diktat der Industrie weitergehen
kann, im offenen Prozess zwischen den ZuschauerInnen, den Kreativen, den JournalistInnen
und den EigentümerInnen der Sender. Das mag anmaßend klingen. Es ist frech. Es ist
unerwartet.
        Kritik am Fernsehen ist nicht neu. Heute mag man darüber die Augen verdrehen oder
die Dinge pragmatisch sehen. Das Bestreben, ein radikal neuartiges Fernsehen aus Gründen von
Menschlichkeit und Freiheit zu erschaffen, mag sogar absurd erscheinen, da nicht nur das
Internet, das moderne Medium scheinbar von den Usern mitgestaltet wird, ja von einer Freiheit
und Vielfalt zeugt, die in vergangenen Jahrzehnten nicht zu finden war. Darüber wird viel
gesprochen. Auch darüber, dass die KonsumentInnen mündiger geworden seien und nun selbst
Inhalte auswählten. Ja dass sie darum wohl dieses Fernsehen wollen.
        Hier wird in mehrfacher Hinsicht Chance mit Realität verwechselt, denke ich, und
Absicht mit Umsetzung, da die Infrastruktur, die Frage wie Medien gestaltet werden können,
noch immer von großen Konzernen und Medienanstalten definiert wird und Partizipation nur
in einem begrenzten Rahmen stattfindet. Zwar kann heute jeder einen Film ins Internet stellen,
die sprachlichen Ausdrucksmittel haben sich jedoch im „Youtubefilm“ weitgehend angeglichen.
Youtube hat die Dramaturgie verändert und verkürzt. In der Behauptung, dieser Fortschritt
bedeute automatisch mehr Freiheit, weil nun jeder einen Film veröffentlichen kann, steckt das
alte Spiel der Ablenkung. Man gibt den Leuten neue Freiheiten, wie neue Levels eines Spiels.
Trainiert wird dabei erwünschtes Verhalten. Das Kind in uns verwechselt das Mitmachen dürfen
mit Liebe, mit Sicherheit, mit Anerkennung. Das Bedürfnis, die Welt grundlegend
umzugestalten schwindet. Der eigene Weg wird nicht ergründet, ja überhaupt nicht als
erstrebenswert erlebt. Schließlich könnte Ausschluss aus der Gruppe drohen. Eine Angst, die
jene Unsolidarität in der Gesellschaft weiter verschärft. Man bevorzugt den leichten Weg, sucht
den Schutz in der Masse und im Mainstream, während einem die tieferen Schichten der
Wirklichkeit verborgen bleiben.
        Die Technologie diktiert die Kultur und die Kultur diktiert eben nicht die Technologie.
Obwohl dies, wie ich in den folgenden Seiten darlegen will, der kraftvollere Weg wäre. Man
stelle sich nur vor, wo wir sein könnten, würde die Kultur in einem umfangreichen,
zivilgesellschaftlichen Prozess formulieren, dass sie eine Technologie wünscht, die den
Menschen von der wirtschaftlichen Abhängigkeit befreit oder sogar von den Strukturen des
Machtmissbrauchs? Es ist denkbar, dass wir dann ganz andere Gerätschaften hätten. Die rasche
Einführung der Umwelttechnologie zeigt, wie schnell eine Industrie sich den politischen und
kulturellen Wünschen der Menschen anpassen und durch neue Zielsetzung auch entsprechende
Technologie liefern kann. Es ist Zeit, dass auch Medien verlangt werden, die im Sinne des
ganzen Menschen sind und nicht nur im Sinne einer Wirtschaft, die den Konsumenten
normieren, in ihrem Verhalten umbauen, vereinfachen und für sich als Ware nutzbar machen
will. Mit dem Ziel, die selbstbestimmte Entwicklung des Menschen zu manipulieren und die
kreative Energie im System zu kanalisieren, um damit eine Welt in Ihrem Sinne zu gestalten,
Frau Mohn. Ist es nicht so?

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        Im Laufe dieses Briefes will ich diese Zusammenhänge tiefer beleuchten und einen
Ausweg aufzeigen. Sie, Frau Mohn werden sich entscheiden müssen. Es gibt von diesem
Augenblick an kein Weitermachen wie bisher, denn Sie wurden als jemand enttarnt, der
tatsächlich etwas verändern könnte.
        Mir ist klar, dass Menschen sich ein solches Verhalten erst wieder erarbeiten müssen.
Mitgestaltung, Abweichen von der Norm, um die eigenen Bedürfnisse zu entdecken. Die
Grundlage neuer, selbstbestimmter Märkte. Ein Ausweg aus der Lethargie unserer Zeit.
        Es herrschen viele Denkverbote und die Erlaubnis sich frei zu entfalten, wurde zu lange
verwehrt, als dass diese sich kurzfristig erlangen ließe, oder gar durch das Fernsehen allein
initiiert werden kann. Was ich gerade mache, ist eine veränderte Haltung zu probieren. Dabei
integriere ich bewusst subjektive Anteile, breche den Zugang auf, erzeuge Reibung und
Eruption. Ein größerer Zusammenhang soll sichtbar werden. Größer, als mein Verstand es
leichtfertig begreifen könnte. Das Programm wird nicht über die Fernbedienung des Gerätes
gewechselt, sondern indem die EigentümerInnen zur Verantwortung gezogen werden. Ich füge
dem Spiel eine neue Regel hinzu. Eine zu tiefst menschliche und unvollkommene Regel.
        Wenn das Fernsehen nicht von Gott erschaffen wurde, also von einer unangreifbaren
Macht, sind die Auswirkungen der Medien nicht mehr Dinge die man hinnehmen muss,
sondern dann können sie juristisch verfolgt und politisch verändert werden. Systemische
Schuld, also die Anwendung von Macht, deren negative Auswirkungen zwar bewusst sind, aber
juristisch nicht erkannt, ist heute noch ein sehr neues Konzept. Die Schuld, die daraus
resultiert, sich zwar gesellschaftlichen Zusammenhängen und Auswirkungen des eigenen
Handelns bewusst zu sein, sich dieser Wirklichkeit jedoch zu verweigern, um davon einen
Vorteil zu haben, auf Kosten anderer, wird öffentlich nicht angeprangert. Das liegt daran, dass
wir uns alle jeden Tag selbst schuldig machen, weil wir die eigene Beteiligung an
gesellschaftlichen Missständen nicht offen diskutieren und eben diese meist unbewusste Schuld
erzeugt den inneren Druck, das Unrecht dieser Welt zu ignorieren. Die großen systemischen
Verbrechen unserer Zeit geschehen im Schutz dieser Ignoranz, welche uns als normal verkauft
wird, was tatsächlich reiner Irrsinn ist.
        In arbeitsteiligen Gesellschaften macht sich das System, die Industrie, das Politikmodell
stets unangreifbar, weil die systemische Schuld darin stets kein strafbarer Tatbestand ist. Damit
scheinen wir einverstanden zu sein, denn das macht es der BürgerIn leichter. Das Verbrechen
der Medien, an der Menschheit, ist in keinem Strafgesetzbuch verzeichnet und kaum ein
Staatsanwalt wäre heute in der Lage, es intellektuell zu begreifen. Nicht weil sie dafür zu dumm
sind, sondern weil es nicht sein darf. Sie müssten sich selbst als Teil des systemischen Unrechts
erkennen. Denn Bürokratie ist genauso ein Monster der Unmenschlichkeit, wie die Medien es
sind. Und sagen Sie jetzt nicht, man könne daran nichts ändern! Was uns hier vorliegt, ist
strukturelles Unrecht, welches von oben durchgesetzt wird und von einer charakterlich zu
schwachen Bevölkerung, die sich zur MittäterIn gemacht hat, zum eigenen Schaden gedeckt
wird. Es wäre zu schmerzhaft, die Wahrheit an sich heran zu lassen. Oder dieser wichtige
Prozess brächte uns endlich einander näher. Etwas was ich hier versuche.
        Ihr Handeln, Frau Mohn, hat andere Auswirkungen auf diese Gesellschaft, als mein
Handeln. Parke ich mein Auto falsch, muss ich eine Strafe zahlen, die dem derzeitigen
Monatseinkommen eines Sozialhilfeempfängers entspricht. Beeinflusst ein TV Sender das
soziale Verhalten von tausenden Kindern negativ, sind wir mit einem scheinbar abstrakten
Gebilde konfrontiert. Der Mensch wird darin zur ArbeiterIn mit begrenztem
Verantwortungsbereich. Das nennt man Fortschritt. Der Anfang vom Ende der freien und sich
ihrer selbst bewusst werdenden Zivilisation.
        Die klassische Definition von Verantwortung verschärft sogar die systemische Schuld

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jedes Einzelnen, da sie das Individuum zwingt, sich in der Funktion, in der Rolle konform zu
verhalten, was es unmöglich macht, der authentischen Verantwortung in einem breiten Sinne
gerecht zu werden, nämlich der unmittelbar erlebten Beziehung zu Personen, Umwelt oder
gegenüber dem eigenen Inneren. Dies kann nur aufgebrochen werden, indem ich als
Konsument eine persönliche, eine direkte Beziehung und Verantwortlichkeit zu Ihnen als
Eigentümerin des Senders aufbaue.
       Die Frage nach den Individuen, welche die Möglichkeiten hätten, ein System zu
verändern, dies aber aus niederen Motiven nicht tun, war bisher für die Justiz kein Thema. Ein
Schaden musste erst bewiesen werden, musste ins Bewusstsein breiter Teile der Bevölkerung
vordringen, um zu angeprangertem Verhalten zu werden. Somit geht die Justiz zunächst von
einem unbeholfenen, dummen Menschen aus, der ohne sich dessen bewusst zu sein, ganze
Volkswirtschaften ruiniert. Entspricht das dem Bild von Menschen wie Ihnen, Frau Mohn? Sind
Sie eine dumme Primitive? Oder haben Sie ein Bewusstsein über Ihr Tun und sehen dadurch
Zusammenhänge, die der Restbevölkerung vielleicht verborgen bleiben? Dies gilt es zu
ergründen und darüber sollten wir offen sprechen. Verweigern sich die Unternehmen dieser
Ebene des Austausches, schaffen sie jene Verschwörungstheorien, die uns heute in starre
Positionen zwingen, in einer Welt, die zunehmend undurchsichtiger wird und zugleich nach
einer brutalen Klarheit und Simplifizierung schreit. Es ist Ihre Verschlossenheit, die
Unreflektiertheit der Mediengestalter selbst, die ihnen den Vorwurf der „Lügenpresse“ oder der
„Propaganda“ einbringt. Darum ist es wichtig, sich nun zu öffnen und sich sogar kreative und
konstruktive Selbstzweifel zu erarbeiten.
       Doch wie könnte diese Verantwortung der Medien heute neu betrachtet werden, wenn
das konkrete Verbrechen am Menschen als solches überhaupt noch nicht erkannt wurde? Wenn
uns dafür sogar die Sprache, oder das geistige Konzept fehlt?
       Mit zunehmend komplexeren und nicht zu durchschauenden Systemstrukturen stellt
sich diese Frage als Frage unseres Überlebens. Die klassische Verortung von Verantwortung
entlang vordefinierter Handlungen, die richtig oder falsch sind, wenn sie im Vorfeld
entsprechend definiert wurden, macht es erst möglich, dass Ihresgleichen, wie ich in diesem
Brief aufzeigen will, nach meiner Ansicht, erschreckende Dinge mit den Menschen tun, dafür
aber politisch und juristisch unangreifbar bleiben. Denn Verantwortung wurde bisher entlang
einer Funktion, einer Rolle definiert und nicht entlang von Bewusstsein über Zusammenhänge
und Auswirkungen. Verantwortung wird nicht als lebendiger Prozess begriffen, der auf vielen
Ebenen ein individuelles Gleichgewicht sucht, sondern als statische und meist von oben
definierte Größe. Somit sind Kultur und investigativer Journalismus, was die Aufdeckung
dieser Dinge betrifft, weitgehend machtlos und deshalb drangen sie bisher in ihrer Suche nach
diesen Zusammenhängen nie zu Menschen wie Ihnen vor. Der zivilgesellschaftliche Prozess der
Auseinandersetzung fand am unteren Ende der Auswirkung statt, aber nicht dort, wo komplexe
Systeme oder Technologien entstehen. Stärker noch als von der Gewissensfrage leitet sich das
Recht und die Pflicht von Wesen mit komplexerem Bewusstsein von der Art ab, wie sie mit
ihrer Beziehung zur Welt umgehen. Sie dürfen sich nicht auf den Status Quo einer
rückschrittlichen Kultur beziehen, sondern erfüllen als jene, denen Leadership ermöglicht wird,
eine evolutionäre Aufgabe. Was gerade passiert, ist die Veröffentlichung Ihrer Zeugenschaft und
die Frage, ob Sie entsprechend Ihres Bewusstseins über Auswirkungen Ihres Fernsehens
Verantwortung für den Entwicklungsraum übernehmen wollen, der ihnen durch Ihr
Bewusstsein zugänglich ist und dessen Regeln sie verändern, wahrnehmen und überwinden
können. Ob Sie eine Selbstverpflichtung verspüren, Gerechtigkeit jenseits der Justiz zu leben
und somit zum offenen, transparenten und lebendigen Fortschritt der Gesellschaft beizutragen.
       Dafür ist es entscheidend, eines zu verstehen:

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        Die KonsumentIn ist keine freie Person. Sie verfügt weder über Ihre Kenntnisse über
Zusammenhänge, noch verfügt Sie über einen bewussten Handlungsspielraum, der ihr den
Zugang zu diesen ermöglicht. Das ist essenziell. Denn heute entschuldigt sich die Struktur, ich
sollte sagen, die EigentümerInnen der Struktur entschuldigen sich indirekt mit Hilfe einer
Vorstellung von Entscheidungsfreiheit, die in der Praxis von ihnen selbst längst aufgehoben
wurde. Ein Reflex, der in jedem Herrschaftssystem zu finden ist. Weder die ArbeiterIn, noch
die KonsumentIn entscheiden frei. Da der Mensch in die Funktion der ArbeiterIn und
KonsumentIn gezwungen ist, um überleben zu können, kann bei der KonsumentIn nicht von
einem Bewusstsein über die Breite menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten gesprochen
werden, welche ihnen tatsächlich die Selbstbefreiung ermöglichen würden. Nur Einzelnen mag
das gelingen. Dies ist durch eine Struktur bedingt, von der die einen profitieren, während die
anderen dies als Gehege erleben, in dem selbst die damit verbundene Leiderfahrung einem
durch geistige und physische Drogen des Konsums vorenthalten wird, was unerwünschte
Entwicklung bereits im Keim erstickt.
        Wer also behauptet, die Menschen seien ja an diesem Fernsehen selbst schuld, weil sie
sich für kein anderes entscheiden, darf nicht gleichzeitig alles unternehmen, um durch
Manipulation den Menschen zur ArbeiterIn und KonsumentIn zu machen. Diese Form der
Verteidigung des scheinbar mündigen Bürgers wurde bereits erfolglos von der
Zigarettenindustrie angewendet. Tatsache ist, dass die strukturelle Ordnung sich nie
demokratischen Prozessen stellt. Das heißt, das die Demokratie nur auf dem vordefinierten
und verengten Spielbrett real existiert und diese Struktur in sich bereits die
Entwicklungsfreiheit beschneidet. Der wahre Fortschritt der Menschheit hängt davon ab,
dieses Spielbrett zum bewussten Bezugssystem des kollektiven Gestaltungsprozesses zu
machen.
        Wenn MedienmacherInnen sich auf die freie Entscheidungsfähigkeit des Menschen
beziehen, müssen sie alles tun, um diese zu ermöglichen, statt sie über einen
Etikettenschwindel zu behaupten, also scheinbar den freien Menschen meinen, aber nur die
KonsumentIn erreichen. Sie können nicht EigentümerIn einer äußerst raffinierten
Manipulationsmaschine sein und sich gleichzeitig auf die Entscheidungsfreiheit des Menschen
beziehen, um Ihr Handeln zu rechtfertigen. Denn Sie sind sich der Auswirkungen Ihrer TV-
Sender spätestens nach diesem Brief bewusst. Sie werden darüber informiert, dass Menschen
unter Ihren Medien leiden und werden daran gemessen, wie Sie mit dieser Schuld umgehen. Ja,
dies ist nur der Brief eines einzelnen Menschen. Masse hat für die Frage nach der richtigen
Haltung zum Menschen aber letztlich keine Relevanz. Spürt nur eine Seele Leid, entlarvt sie ein
ganzes System als Tyrannei. Denn heute gibt es den Verweis auf die Minderheit nicht mehr, in
einer Welt, in der das Verdrängte, scheinbar Mindere, zu den größten Problemen und Krisen
unserer Welt geführt hat. Eine neue Haltung ist gefragt.
        Sie haben Ihr Vermögen der Werbung und den modernen Medien zu verdanken. Man
könnte auch sagen, der Täuschung von Menschen. Das ist kein Kavaliersdelikt. Und nochmal!
Ich will Sie damit nicht verleumden, oder Ihnen etwas Übles nachsagen, sondern lediglich die
Frage nach der individuellen Verantwortung stellen. Lassen Sie uns darüber diskutieren! Ihre
Sicht interessiert mich. Wir sollten davon erfahren. Die meisten Großindustriellen beziehen
sich auf die scheinbare Wahlfreiheit ihrer Kunden. Vielleicht denken Sie anders. Diese Freiheit
der Kunden leiten sie von deren Entscheidungsfreiheit innerhalb der begrenzten Auswahl ab,
die das System bietet. Die KonsumentIn hat scheinbar in diese Begrenzung eingewilligt, indem
sie am Spiel teilnahm.
        KonsumentIn zu sein, bedingt die Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse den Angeboten
innerhalb der Struktur anzupassen. Diese Grundentscheidung, wird bei der Einführung jeder

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neuen Technologie durch einen erschlichenen Vertrag erwirkt. Man kauft ein Produkt und wird
nicht darüber informiert, dass man dadurch eine Lebensweise oder gar eine Identität kauft. Um
nur ein Beispiel zu nennen. Der Konsument willigt unbewusst ein, das Verhältnis zwischen
Geld, Warentausch und Besitz zu akzeptieren, was keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist keine
Selbstverständlichkeit, dass Werbung existiert, welche Menschen manipuliert, also belügen darf,
dass es private TV-Sender geben darf, welche sich negativ auf das soziale Gefüge auswirken. Hat
man durch Gewohnheit diesem Vertrag zugestimmt, gibt es für die KonsumentIn nur noch die
Wahlmöglichkeiten innerhalb des Systems. Das ganze weitere Leben der KonsumentIn spielt
sich in den Paradigmen der Systemregeln ab. Was ihr Bewusstsein über andere Zusammenhänge
abbaut und sie zu einem willigen Opfer weiterer, unbewusster Verträge macht. Erst wenn der
Urvertrag, also das Spielbrett gekündigt wird, kann freie Entscheidung und somit auch die
Fähigkeit zur authentischen Verantwortung entstehen. Bis dahin lebt der Mensch als
KonsumentIn, als ArbeiterIn und unterwirft sich diesen Spielregeln, die wie gesagt nicht in
bewussten, demokratischen Prozessen entstanden sind. Die SpielerIn ist im Sinne der
Verantwortung ein Kind, während Sie Frau Mohn die Erwachsenenposition einnehmen. Diese
müssen Sie aber auch einnehmen. Das passiert leider nicht. Darum haben wir eine globale
Schwäche des Leaderships. Die Führungskräfte verhalten sich wie Kinder. Die Verantwortung
für die Auswirkungen des Fernsehens auf die sozialen Strukturen einer Gesellschaft tragen, ich
überspitze hier, Sie Frau Mohn. Denn Sie haben das Bewusstsein über die Zusammenhänge und
die Entscheidungsgewalt. Es mag wichtige Gründe geben, weshalb Sie sich dennoch vielleicht
machtlos fühlen, oder Ihre Pflicht an anderer Stelle verorten. Wenn Sie jedoch nicht mit uns
darüber sprechen, können wir das nicht wissen. Die Medien bleiben uns fremd. Wir bleiben
passive Teilnehmer. Die Gesellschaft bleibt ein ignorantes Gemeinwesen.
        Dass ein einziger Zuschauer aus diesem Vertragsverhältnis ausbricht und Sie zumindest
als Gedankenexperiment für Schäden an der Gesellschaft haftbar macht, genügt, um das ganze
System zu kippen. Dies ist eine Chance sich gegenüber den Menschen zu öffnen!
        Ich glaube nicht, dass Sie das Recht haben, dieses Fernsehen einen Tag weiter aufrecht
zu erhalten. Es ist nicht einmal Ihre Entscheidung, obwohl es auch Ihre Entscheidung ist. Wie
sollen wir nur mit Ihnen umgehen, mit Ihrer Rolle, mit Ihrer Position? Sobald die Justiz die
systemische Schuld begreift, was vielleicht nie passieren wird, ist es vorbei. Dann fliegen Sie
genauso auf, wie die Betreiber illegaler Glücksspiele, die Jugendliche süchtig machen. Dies hier
festzuhalten ist entscheidend, da alles was ich im Verlauf dieses Briefes darlegen werde, nun
zumindest in der Theorie zu konkreten Veränderungen führen muss. Die Zeiten, in denen es
ein Recht für das „dumme“ Volk gab und ein komplett anderes für jene, deren Verbrechen
überhaupt nicht definiert werden konnten, sind vorbei. Eine moderne Justiz wird sich vielleicht
in Zukunft mehr der zivilgesellschaftlichen Diskussion von Auswirkungen widmen, statt nur
der Überprüfung der Einhaltung von primitiven Regeln, die durch Abspaltung größerer
Zusammenhänge zu neuem Leid führen und die eigentliche Kontextualisierung des Unrechts in
unserer Welt auf eine Weise verhindert, die beispielsweise Medienmacher im Windschatten der
Justiz einige der größten Verbrechen an der Menschheit vollziehen lässt. Nur wer erkennt
dieses Verbrechen? Wer fühlt den Schmerz und kann diesen ausdrücken? Die kleinen Leute
hingegen werden von den Strukturen, durch existenzielle Not, in vorher definierte Regelbrüche
gedrängt und dafür bestraft, während die Oberschicht die Methodik der Beherrschung und
Kontrolle von Märkten, Menschen und Ressourcen der Definierbarkeit entzieht, durch die
Schaffung des Eindrucks großer Komplexität.
        Der Vertrag, der auch Ihnen ermöglicht, wirtschaftliche Absicht legitim von kultureller
oder ökologischer Wirkung zu trennen, ist nichtig. Ich hebe diesen auf und stelle ihn somit zur
zivilgesellschaftlichen Diskussion. Ich weiß, diese Macht habe ich nicht, aber es ist eine Geste

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menschlicher Verweigerung, die Nachahmer finden könnte.
        Die Verpflichtung zur allumfassenden Beziehungsarbeit ist die neue Grundlage allen
Handelns. Damit wird Idiotenfernsehen genauso strafbar, wie Vergewaltigung oder Nötigung.
Dabei geht es mir nicht um die Strafe, sondern um das Bewusstwerden der Auswirkungen.
        Es ist Zeit, dass die SpielerInnen ihre tiefer liegenden Möglichkeiten erkennen und diese
Ressourcen benutzen. Das aber zählt zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Einer
Zeit, in der die Veränderungswege zunehmend verengt und die Kultur des Wandels nicht mehr
gepflegt wird. Warum ist es mir derart wichtig, die Frage des menschlichen Bewusstseins in
einen Kontext mit der Frage des Fernsehens zu bringen? Weil Sprache, weil das Medium ein
Werkzeug der Bewusstseinserweiterung oder dessen Reduktion darstellt. Die Medien sind ein
entscheidender Schlüssel. Lerne ich anders mit ihnen umzugehen, finde ich auch die Sprache
um Kontexte sichtbar zu machen, ohne die ich weder den Schmerz wahrnehmen, noch eine
Alternative entwickeln kann, dann bleibe ich in den Lösungen, die mir vorgebetet werden und
die Krisen bleiben die Krisen, als die sie mir erklärt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass ich
als Individuum darin nicht mehr vorkomme, nicht mehr in den Medien vertreten bin, somit als
Ressource verloren gehe.
        Was ist Freiheit ohne die Sprache, die Fähigkeit, Bedürfnisse zu formulieren, die nicht
medial genormt, vereinfacht, reduziert, gekürzt wurden? Ich gefangen bin, in den Bedürfnissen
der anderen. Die mir die Werbung suggeriert.
        Betrete ich Ihr Spielbrett und spiele mit anderen Regeln und einem anderen Ziel,
weigern sich die anderen Spieler mit mir zu spielen. Denn ich komme für sie aus einer fremden
Welt. Die Menschlichkeit ist aber nur in fremden Welten zu finden. Das Bekannte macht
ignorant, gegenüber dem neuen Leben, der nachfolgenden Generationen.
        Viele Jahre hat dieser Umstand, fremd geworden und aus den Medien geflogen zu sein,
nicht mehr zur hippen Zielgruppe zu gehören, mich erheblich ausgebremst. Es hat mich Jobs,
Geld und Freunde gekostet. So ergeht es vielen. Du entsprichst nicht mehr den Vorstellungen
des Monitors, bist keine Schönheit mehr, nicht reich, nicht sexy, nicht erfolgreich. Nur eine
von Tausenden, über die niemand spricht. In einer Realität gefangen, die out ist. Um wieder
mitmachen zu dürfen, musst Du werden wie Sie, wie die im Fernsehen. Mit Konsum kann der
Schmerz eine Zeit lang gedämpft werden. Dann jedoch willst Du die Revolution. Es könnte
kippen. Auch dies ein Moment, an dem Sie das Medium öffnen könnten. Könnten Sie nur einen
Tag in meinen Schuhen laufen, oder in denen der Anderen, hielten Sie Ihr eigenes Programm
vielleicht nicht mehr aus. In diesem Prozess aber geraten die Regeln Ihres Spiels, Frau Mohn,
durcheinander.
        Diese Phase der Unklarheit gilt es auszuhalten. Das Fernsehen begegnet der
Wirklichkeit und verliert sich darin selbst. Relativieren sich schließlich die wesentlichen Regeln
des Spiels, werden auch andere Spiele vorstellbar. Die Spieler finden heraus was sie jenseits
Ihres Brettes tatsächlich wollen. Der Keim des Zweifels ist gesät.
        Wie kann ich wissen, was meine Bedürfnisse sind, wenn es mir nicht erlaubt ist, den
Mangel ohne die vom Spiel abverlangte Lösung, wie einen guten Job, eine Heirat, einen
Lottogewinn zu formulieren, weil ich meine Antwort zunächst nur hinaus brüllen will, mit
einer Sprache, die das Spiel nicht integrieren kann? Weil sie einer Ordnung entstammt, die weit
darüber hinaus reicht. Wenn ich nicht meiner Wut freien Lauf lassen kann? Jenen Anteilen
meines Selbst, welche eine Sprache sprechen, die wir verlernt haben und nicht mehr verstehen.
Sehen Sie es mir nach! Ich bin gerade nicht eloquent, sondern einfach, ein Mensch mit ganz
anderen Problemen, ein vergessener Teil der Welt. Weil die Medien unsere Formen kulturellen
Ausdrucks reduziert haben.
        Ihr Fernsehen macht mich derart wütend, dass ich jeden Tag einen Fernseher aus dem

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Fenster werfen könnte. Die mediale Mainstreamdefinition von Erfolg lehne ich genauso ab, wie
die Reduktion meiner Existenz auf Funktionen. Muss ich deshalb sofort eine Antwort darauf
haben? Nein. Es ist ein Prozess, indem ich nicht mehr funktioniere. Ich will Ihnen damit lästig
werden.
       Am Anfang passiert etwas, was niemand vorhersehen konnte. Dass der Spieler aufwacht
und das Spiel radikal verändert. Durch den Akt des Aufwachens und Umgestaltens. Nicht mehr
formattauglich.
       Ein turbulentes Vorgehen, das ungeplant eigenen Regeln folgt. Dieser Brief ist ein
solcher Bruch. Obwohl es der Versuch ist, genau jene strukturelle Distanz des Mediums zu
durchbrechen, meine eigenen Gefühle, Gedanken zu den Medien zu finden, die Medienwelt
durch meine Menschenwelt zu erweitern, sie einem persönlichen Gegenüber in den Medien
mitzuteilen, ist das keine Freiheit, die mir die Medien ermöglichen, sondern eine, die ich
einfordern, mir hart erarbeiten muss. Die eigene Sprache ist ersetzt in der
Informationsgesellschaft. Besonders diese freie Sprache. Das hier ist keine Information. Es ist
etwas Gelebtes, Lebendiges, Unkontrolliertes. Auswuchernd, sich erweiternd. Ich bin mehr.
       Einfach etwas einfordern, ohne wissen zu wollen, wie es passieren kann. Ohne die
Kontrolle der Wissenschaft, ohne die Begrenzung des Rechtsstaates. Direkt und
unvollkommen. Mein Unterfangen ist es, durch einen persönlichen Brief die kalte Oberfläche
des Mediums zu überwinden, die Zukunft der Medien zu einer Frage der Beziehung zwischen
Ihnen und mir zu machen. Zu etwas, was Menschen konkret verändern können. In einem
Augenblick, da die Geschichte die Chance dazu gibt. Ganz konkret. Jetzt.
       Wenn es jemanden gibt, dem die Medien gehören, dann gibt es auch jemanden, der diese
verändern kann. Dann sind es nicht mehr die Medien. Sondern die Sender der Frau Mohn.
Dann sind es nicht mehr die Monitore, auf denen etwas anderes läuft, sondern Gespräche,
Geschehen, in denen sichtbar wird, dass zu wenig sichtbar ist, indem das Medium versagt und
darum gut wird, menschlicher wird.
       Die Verlage der Frau Mohn. Die ruf‘ ich mal an oder ich schreib ihr einen Brief und dann
geht da was. Es kann doch nicht sein, dass Millionen Menschen sich Ihren Dreck ansehen
müssen. Ja, sicherlich. Jedem sein Dreck, jedem die Freiheit, den Dreck zu zeigen! Die Kritik
am Fernsehen ist immer der Ruf nach dem, was das Fernsehen nicht zeigen kann. Darum ist es
eine Kritik, die das Fernsehen scheinbar nicht erfüllen muss, weil es dies nicht kann, weil es um
seiner selbst willen existiert. Zur Unterhaltung, wegen der Information, aber nicht um die
Menschheit zu retten. Heute wird von allem erwartet, die Menschheit zu retten. Vom Auto,
von der Politik, von der Mülltonne, sogar von der Energie. Warum nicht auch vom Fernsehen?
       Nur weil wir denken das Fernsehen sei wie das Wetter. Stellen Sie sich vor, die Sonne
würde jemandem gehören! Es wäre undenkbar, dass es noch einen bewölkten Tag gäbe.
       Entweder das, oder dieser Person gehörte die Sonne bald nicht mehr. Uns umgibt zu
lange die scheinbare Ohnmacht, die nicht nur mich und meine KollegInnen, als Gestalter in den
Medien, sondern eben auch die Menschen da draußen lähmt. Ich stelle das fest. Das mag nicht
jedem so ergehen. Meine Kultur ist nicht zwangsläufig Ihre Kultur. Was ich erlebe, muss nicht
Ihr Erlebnis sein, aber wie soll ich mich ausdrücken, damit Sie mich verstehen, wenn diese
Kultur nicht von uns allen, in individuellen Prozessen, mit erschaffen wird? Wenn nicht auch
Menschen, die anders sind, vor die Kameras treten. Es ist eine Frage des Gleichgewichts, der
Ausgewogenheit, aber diese lässt sich ohne gelebte Beziehung zwischen Menschen nicht
verwirklichen. Sonst bleibt sie ein mechanisches Versprechen ohne umfassende Konsequenz.
Dann ist es nur die Ausgewogenheit innerhalb des immer kleiner werdenden, geistigen
Spektrums der MedienmacherInnen. Die Ausgewogenheit zwischen links und rechts, aber eben
nicht zwischen dem Neuen und dem Alten, dem Unverstandenen und dem Eindeutigen.

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        Die Positionen, welche heute vom Mainstream abweichen, finden keinen Halt. Nicht,
weil sie falsch sind, sondern weil das Medium selbst eine glatte Oberfläche besitzt. Wer drin ist,
ist drin. Wer draußen steht, steht komplett draußen. Somit ist im Medium gesellschaftlicher
Wandlungsprozess nicht vorgesehen. Dieser wird nicht in der erforderlichen, organischen und
differenzierten Weise abbildbar. Wenn Sie, Frau Mohn, durch einen Apparat, durch eine
Tausendschaft sprechen können, indem das, was Sie wollen, weil es Ihr Sender ist, sich subtil
und unbewusst überträgt, bedeutet das ein Ungleichgewicht gegenüber den subtilen
Veränderungsströmungen in der Zivilgesellschaft. Das ist ein seltsamer Zustand. Wie würde
sich die Welt ändern, wenn ich der Eigentümer Ihrer Sender wäre? Mit dieser Position gilt es zu
spielen, damit das Fernsehen Teil der gelebten und lebendig mitgestaltbaren Realität werden
kann.
        Das ist ein anmaßender Gedanke, aber ist es nicht anmaßend, in diesem Besitzverhältnis
zu verweilen, als leite sich davon keine Verantwortung ab? Und warum sollen Sie das nur mit
sich selbst ausmachen? Sind sie Gott? Es ist das Verhalten eines Gottes.
        Ist es nicht wichtig, die damit verbundenen Gefühle und Gedanken in einem Dialog
sichtbar zu machen? Auch wenn es weh tut, wenn es weder das Beste über Sie oder mich
aussagt. Ich glaube nicht, dass man demokratisch über das Fernsehen abstimmen soll oder
kann, sondern ich glaube daran, dass es etwas fundamental ändern würde, wenn jene, die sich
darin ausdrücken wollen, es aber nicht können oder dürfen, sich an einander reiben, sich etwas
Gemeinsames erkämpfen, wenn daraus Reife wächst. Warum soll jemand über das Programm
abstimmen, dem es egal ist? Das ist nicht Relevanz. Seien wir nicht technokratisch! Sondern
unvollkommen.
        Dieser Zustand lässt sich durch keine Analyse überwinden, sondern allein durch die
Auseinandersetzung mit Menschen wie Ihnen, Frau Mohn. Indem die konkrete Person, die
unmittelbare Gelegenheit in den Vordergrund gerückt wird und die konkrete Verantwortung
erkannt und angenommen werden kann. Es werden neue Regeln hergestellt, indem neue
Verknüpfungen zu neuem Bewusstsein führen.
        Ihre Medien hingegen werden heute zunehmend zu einem Werkzeug der kollektiven
Vermeidung. Die Sicherheit, dass die Regeln eingehalten werden, wird zu dem Thema unserer
Gesellschaft. Unbewusst spüren alle, dass diese bald keine Gültigkeit mehr haben. Bedroht von
Auswirkungen des Terrors und des Umgangs damit. Konflikte werden ausgeblendet, um Angst
zu vermeiden. Schwierige Themen nicht mehr vertieft. Das Medium erzeugt die Welt als
Produkt, nach den Regeln des Produkthaften, des Marketings.
        Komplexere Zusammenhänge bleiben ungesehen und werden somit zu unbewussten
Schatten. Die Diskurse werden in Reflexen abgehandelt, bis sich Weltbilder verkürzen und
Toleranz abnimmt. Ausländer werden verprügelt. Psychische Störungen nehmen zu. Schließlich
kippt das Medium in den Bereich der Propaganda. Das Fernsehen behauptet nur noch eine
einzige Wahrheit und wiederholt diese in sich selbst, spaltet alle anderen Verknüpfungen ab, bis
nur noch die reine Information existiert. Ich bin der Frieden und Ihr seid der Krieg.
        Viele sagen heute, die Ukraine-Krise zeige den Verrat der Medien an den Menschen
deutlicher als je zuvor. Gestern wurden in Paris Journalisten und Künstler ermordet. Das Volk
tobt und die Medien stehen unter Verdacht. Ein Unbehagen ist entstanden. Schnell wird
Position bezogen. Das Unbehagen bleibt.
Dies ist ein schleichender Prozess. Es beginnt mit dem Zwang zur klaren und vereinfachten
Position. Ein Reflex, der in die Struktur des Mediums eingeschrieben ist. Eine Regel des Spiels,
Frau Mohn. Ihres Spiels. Ich will zeigen, wie die innere Struktur des Mediums als Spielbrett
Konflikte verschärft, ja sogar erzeugt.
        Der Moderator, ich nenne ihn Markus Franz, stellt wie getrieben diejenigen Fragen, die

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allein dem Zweck dienen, die Minderheitenmeinung seines Interviewpartners nieder zu
drücken, fort zu schieben. In diesem unheimlichen Gruppenzwang, der öffentliche Meinung
genannt wird. Es erfasst uns alle. Was denken die von mir? Wie werde ich gesehen? Auf keinen
Fall missverstanden werden! Er zittert, schwitzt, ist ängstlich und dennoch, sein ganzer Körper
muss es sichtbar zum Ausdruck bringen, dass er anderer Meinung, ja, der „richtigen“ Meinung
ist, aber er kann es nicht aussprechen, er kann nicht sagen, dass er die Dinge anders sieht, weil
er als Journalist neutral bleiben muss, die Zeiten hart sind, man die Schnauze hält und
entspricht. Also fragt er weiter. Selbst wenn sein Gegenüber überhaupt nicht antwortet, fragt
er, als hätte dieser etwas Verwerfliches gesagt, als sei etwas Anderes undenkbar. Keine
Berührung, kein Dazwischen. Der Andere hat eine Rolle zu erfüllen. Eine Funktion. Die
Funktion, vorgeführt zu werden, um die Positionen subtil und unbewusst zu stabilisieren und
ganz nebenbei fast unbemerkt mit Angst zu besetzen. Der Angst vor Nähe. Jene Nähe, die eine
abweichende Erkenntnis ermöglichen könnte. Einen Prozess der Auseinandersetzung.
        Das Medium verlangt nach einem Sieger. Es verlangt nach der einen Meldung, die
bedeutender ist, als alle anderen. Es verkürzt die Wirklichkeit auf das Format des Mediums. Im
Ruf nach dem Sieger erzeugt es einen Konflikt nach dem Nächsten und rechtfertigt dies mit
dem Ruf nach Klarheit, nach Sicherheit, nach Positionierung in der Welt der Bilder und
Überschriften.
        Franz wird niemals seine Meinung äußern, aber er wird Fragen stellen, die jene
Mainstreammeinung zweifelsfrei offenbaren und er wird nur Antworten hören, die seine Sicht
zweifelsfrei bestätigen. Die Sicht, die man haben muss, um als vernünftig, erwachsen,
verantwortungsvoll und zuverlässig zu gelten. Als Journalist verdient Markus Franz darum sehr
gut.
        Viel besser als seine KollegInnen. Es gibt nur wenige Arbeitsstellen, die derart gut
bezahlt sind. Diese subtile und doch kraftvolle Meinungsmacht des Mediums ist stets
anwesend. Es ist die sichere Meinung. Die in sich abgeschlossene Sicht. Die Meinung der
Mehrheit. Das ausgewogene Bild. Ja, die Ausgewogenheit selbst. Das Runde selbst. Die Sphäre.
Die Käseglocke als Qualitätsmerkmal der Wahrheit. Die Sicherheit, ja die Angst ist die
Meinungsmacht, die sich nie dem dialektischen Konflikt stellen wird, dem Diskurs, sondern aus
dem Hintergrund wirkt, die Realität somit im Sinne des Fertigen, des Abgeschlossenen, der
Welt die sich nicht mehr erweitern kann oder darf, festlegt. Im vorauseilenden Gehorsam wird
ihr gedient. Die Pressefreiheit kann ihr nichts anhaben. Irritation dieser Meinung ist ein
Monster, welches im Keller der Sender und Redaktionen lebt.
        Wer es freilässt, kann davon verschlungen werden. In diesen Zeiten darum Dienst nach
Vorschrift. Nun sind auch die Medien zahnlos. Stehen der Veränderung im Wege, weil jede
Veränderung unter Verdacht steht, dieses Monster zu sein. Es liegt an der inneren Struktur der
Medien, dass die Pressefreiheit von inneren Dynamiken des Mediums unterlaufen wird. Diese
Mechanismen interessieren mich. Die Frage ist, warum Sie Ihren Redakteuren diese Angst
nicht nehmen. Natürlich haben sie Angst vor Abweichung. Vielleicht werden Sie abstreiten,
dass dies so ist. Sowohl, dass es das von mir beschworene Monster gibt, als auch, dass Ihre
Redakteure gehorsam seien. Die Gehorsamkeit liegt in der Struktur, weil das Medium scheinbar
stets ein Produkt verlangt und das Produkt ist immer ein in sich abgeschlossenes, künstliches
Gebilde, welches vom Wesen her durch Ignoranz und Simplifizierung geprägt ist. Es verlangt
also nach Konsens und Konsens ist nicht Wahrheit.
        In der Struktur des Mediums liegt bereits die Verletzung, die Menschen durch Zeitungen
oder Fernsehen zugefügt wird. Die Verweigerung der Nähe und die Entwertung der
Subjektivität. Die Pressefreiheit schützt uns nicht vor der Brutalität des Mediums, die vielen
Wahrheiten genauso im Wege steht, wie so manche staatliche oder wirtschaftliche Repression.

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Es sind die Regeln Ihres Spiels, ja Ihre Regeln, Frau Mohn.
        Es braucht keine Denkverbote, wo Selbstzensur durch die Angst vor Irritation und
Nähe, vor Berührung und Verantwortung herrscht. Vor der ständigen Entwicklung neuer
Perspektiven und Meinungen, von denen sich kein Status ableiten lässt.
        Sie schafft Dogmen. Links ist falsch und rechts ist falsch und dann wieder ist auf jeden
Fall dieser Mensch falsch und wir sind richtig. Der Extremismus passiert heute auf der Ebene
der systematischen Verweigerung von Nähe und Berührung, mit den Bewegungen des Lebens,
die wie Ströme sind, wie das Ein- und Ausatmen eines lebendigen Wesens.
        Es wollte gerade noch was sagen, doch dann wurde es als eine absurde Meinung
missverstanden und konnte den Satz nicht zu Ende führen. Es hätte diese Zeit gebraucht, um
etwas Neues zu formulieren. Zunächst mit den verbrauchten Worten, dann in einem neuen
Kontext. Menschlich wäre es gewesen, auch wenn dem ungehörten Einzelnen oft die Sprache
zu extrem wird. Alle gegen alle und jeder gegen jeden. Ein Wort kann schon zu viel sein. Der
Verdacht ist überall. Für alles gibt es ein Label, nur eine Sprache gibt es nicht mehr dafür, gar
eine Kultur des Verstehens, dass was gesagt wird, nicht immer das ist, was jemand meint.
        Diese gespielte, diese inszenierte Distanz ist die Gewalt, die sich gegen unmittelbare
Erfahrungen und Realitäten richtet. Das Verbot der Ideologie ist die Ideologie. Die Angst vor
dem Faschismus ist der Faschismus. Die Medien sagen heute so viel und sprechen dabei immer
weniger aus. Das verletzt. Das macht ohnmächtig und wütend. Nicht zu berühren, ist die
Gewalt. Der Fortschritt selbst, der uns anderen wie eine Naturgewalt verkauft wird, hat ein
dürres Land geschaffen und draußen nur Schreie, die Sie Frau Mohn vielleicht nicht hören
können, die Ihre Medien niemals übertragen werden, weil es keine eindeutigen Schreie sind,
keine eindeutigen Antworten oder Funktionen, sondern Versuche, das Leben, das Spiel zu
erweitern. Unfertige, unkontrollierte Bewegungen, Gefühle, Gedanken, wie das Stöhnen eines
komplexen Lebendigen, welches gefesselt am Boden liegt. Viele spüren, dass etwas mit der Welt
nicht stimmt. Viele verschiedene Stimmen, die kein kollektiviertes Ganzes sein wollen oder
müssen, aber in den Medien wird ihnen nur die feste Position gewährt, nicht der Prozess der
Entscheidungsfindung.
        In Dresden, wo Menschen demonstrieren, oder in Berlin. Von links, rechts oder aus der
Mitte. Gibt es überhaupt einen Weg, denen zu begegnen, die nur noch wütend sind, ohne diese
Wut zu steigern, weil da auf beiden Seiten eine Angst ist, alles müsste sich ändern, nur man
selbst kann es nicht mehr, da man sich selbst nicht mehr kennt, und Position beziehen will, egal
zu welchem Preis? Und dabei sich selbst nur tiefer verletzt. Aber es muss doch raus, in die
Medien! Ganz groß! Sich abspalten von den anderen. Dagegen sein!
        Das nehme ich wahr, als Zeitgeist. Ohne Bewertung. Es ist ein persönlicher Eindruck,
den ich mit Ihnen teilen will. Wie gehen wir damit um?
        Ich habe den Verdacht, dass es am Medium selbst liegt, an der Art, wie Fernsehen
gemacht wird, dass sich der gesellschaftliche Diskurs, in den Tiefenschichten, darin nicht
abbildet, was ausgrenzt und verletzt. Es liegt an unserem Verständnis von Pressefreiheit,
welches zu oft nur ein leeres Versprechen ist, eine Hülle, wodurch die Errungenschaft im Kern
aus dem Blickfeld geraten ist. Journalistische Unabhängigkeit ist nicht das Selbe wie
systematische Distanz.
        Über die Art, wie berichtet wird, wird die persönliche und unmittelbare Wahrheit, das
Unbequeme, was einem zu nahe kommt, verdrängt. Dass es kaum noch abweichende
Meinungen gibt. Es muss kein Meinungsverbot geben, wenn die Infrastruktur strukturell
bereits Vielfalt abbaut. Aus Zeitgründen, wegen Geldmangel oder weil es Zielen der Industrie
entspricht.
        Diese Distanz ist eben keine Ehrlichkeit, kein „ich gehe zwei Schritte zurück um klar zu

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sehen“. Nein, es ist Ignoranz durch Abstand, Ignoranz durch Fragen, Distanz durch
Respektlosigkeit gegenüber der Person. In den Medien wird zu oft schon im Vorfeld gewusst
und zu wenig offen erarbeitet.
        In einem heute verbotenen Prozess, der schließlich zu Ihrer Haustüre führen würde. Es
geht um Integration. Um die Integration einer Leadershiphaltung, in der die Gesellschaft sich
wieder aus sich selbst heraus darstellt. Wie stellt man Ausgewogenheit intelligent dar? Wie kann
das Fernsehen als lebendiges System neu erfunden werden?
        Markus Franz hat es geschafft. Er hat die Frage fünf Mal gestellt und die Antwort nicht
gehört. Er ist ein Guter. Ein Reiner. Ein professioneller Journalist, der die Distanz wahrt und
die Authentizität verhindert. Den souveränen Umgang mit den Wahrheiten haben auch die
Medien verloren. Sie zittern, verstecken sich hinter Albernheit oder Kälte. Was ich versuche, ist
albern, ja verrückt. Es muss raus. Uns ist die Mitgestaltungsfähigkeit als BürgernInnen aus den
Händen genommen worden, mit der Behauptung, uns zu ernähren, uns Sicherheit zu geben
und Information. Kaum ein Versprechen wurde gehalten. Die Welt ist nicht komplizierter
geworden, sondern die Barrieren sind gefallen. Zwischen Kulturen, zwischen Identitäten,
zwischen Geschlechtern, zwischen Weltbildern. Das Fernsehen jedoch verhält sich so, als
lebten wir noch in den 50er Jahren, als gäbe es die Gesellschaft als von oben gelenktes Gebilde
aus klar definierbaren Fronten.
        Das ist nicht die ganze Geschichte. Sicherlich. Zuerst werde ich wütend. Dann versuche
ich tiefer zu verstehen. Darum verhandle ich jetzt mit Ihnen die Verhältnisse neu. Jeder andere
könnte es tun. Hätte vielleicht mehr das Recht, als ich. Aber sonst tut es niemand. Sie wissen
nicht, dass Ihnen der Fortschritt gehört, Frau Mohn.
        Da ist keine Verbitterung. Es ist ein Angebot. Ein kreatives Moment. Ich versuche
meine Emotion zu verstehen. Eine Verletzung. Durch 30 Jahre Fernsehen. Wenn ich nur diese
Gefühle verstehen könnte, übernehme ich dafür auch Verantwortung, handle, verändere. Durch
Irrtümer, Schmerz, Offenheit. Ich kann nicht sagen wer ich bin, oder wer Sie sind. Das können
wir nur gemeinsam erfahren.
        In diesem System haben wir alle die Finger drin. Aber die Profis arbeiten in den Medien.
Ich habe Schwächen, Fehler, Makel, Unvollkommenheiten. Weil ich lebe. Bei Ihnen ist alles
fertig. Makellos, scharf, eine Oberfläche, an der kein Schmutz haftet. Hier, in diesem Moment.
Ein Zuschauer bittet Sie, das Fernsehen zu verändern, weil es eine Lebenswelt ist, die sich des
größeren Lebensraumes bemächtigt hat und die Vielfalt der Existenz darin nicht überleben, sich
darin nicht abbilden kann. Warum eigentlich nicht? Erklären Sie sich!
        Morgen bereits kann ich zu ihnen reisen. Wir können es versuchen. Wir werden nicht
allein sein. Überraschend viele JournalistInnen und FernsehmacherInnen spüren innerlich, dass
sie mehr wollen. Die Menschen wenden sich von den alten Strukturen ab, die nicht mehr
stimmen, die nur noch Behauptung sind.
        Es ist eine gefährliche Zeit.
        Wer mit zu sehr anders gearteter Meinung auftritt, fliegt aus der Infrastruktur der heilen
Medienwelt der bunten Bilder, weil sie oder er den von Anspruch befreiten, einen reibungslosen
Ablauf sichernden Raum stört, in dem sich Produkte optimal verkaufen lassen. Wir sollen uns
wie naive, lächelnde Konsumenten benehmen, mit der harmlos tuenden Kindlichkeit einer
Angela Merkel in die Welt blicken. Es ist ja alles in Ordnung. Wenn wir nur alle fleißig sind und
tun, was man uns sagt, wird alles gut.
        Ich bin fleißig gewesen, habe ein neues Fernsehen erfunden. Wird jetzt alles gut? Man
hat es mir versprochen. Tue das Richtige! Tue etwas Gutes und es wird gut. Nichts ist gut
geworden. Ich ging pleite, musste Hartz IV beziehen, weil ich ein Jahr lang ein neues Fernsehen
versucht habe und Sie dieses Experiment ignorierten. Wo ist die Solidarität geblieben? Warum

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diese kalte Abweisung? Sogar die Verweigerung eines Gesprächs.
        Ich habe viele Jahre versucht, neue Programme zu machen, aber ich hatte nicht das Geld
und den Willen, um Programmchefs zu bestechen. Das Fernsehen ist korrupt, selbst das
Kinderfernsehen. Ich war selbst Opfer des KIKA Skandals. Nicht jeder wird vor eine Kamera
gelassen. Wer aber legt die Kriterien fest und wo stehen diese geschrieben? Man muss passen.
Man darf nicht irritieren, abweichen, von Erwartungen. Das richtige Auto fahren. Die richtigen
Dinge sagen. Den Job beim Fernsehen hat man. Es ist keine Berufung. Kein offener Prozess, in
dem Veränderung erarbeitet wird. Wer erfolgreich ist, ist kein vollständiger Mensch mehr, weil
Ihre Definition von Erfolg die Selbstreduktion nach Ihren Regeln erfordert.
        Vor einiger Zeit habe ich mich für den Job des Intendanten beim ZDF beworben. Aus
Hartz IV heraus. Ich war bereit den Job für 30.000 im Jahr zu übernehmen und zusätzlich
kostenlos „Wetten Dass?“ zu moderieren, das Format komplett umzubauen, während der
aktuelle Intendant an die 200.000 im Jahr verdient. Es war ein humorvoller Versuch der
Intervention. Ich hätte dem Staat ein Vermögen gespart und gewettet, dass wir es binnen eines
Monats schaffen, ein Geldsystem zu entwickeln, welches im Sinne des Menschen ist, oder dass
es unmöglich wäre, eine Sachbearbeiterin des Jobcenters dazu zu bringen, sich dafür zu
entschuldigen, etliche Menschen unter Hartz IV gefoltert zu haben. Ruprecht Polenz vom
Fernsehrat ist auf das Angebot nicht eingegangen. Ebenso wenig der Intendant Bellut. Feige
haben sie sich zurückgezogen. Dabei wäre es ein Format gewesen, welches die Realität da
draußen, meine Realität, die von vielen Menschen abzeichnet.
        Heute gibt es offiziell keine Zensur mehr und es werden auch keine Menschen vom
Staat unterdrückt. Auch verhungern keine Bürger als Folge der Sparmaßnahmen im
Sozialsystem.
        Diese Dinge existieren nicht, weil sie in den Medien nicht sichtbar sind. Sie wären eine
subjektive Meinung. Diese zu berücksichtigen oder zu fördern, käme einer subjektiven
Übertreibung nahe. Sichtbar ist nur die Wohlfühlzone derer, die noch gut bezahlte Jobs haben
und deren Meinung sich davon ableitet, dass sie jeden Tag mit Menschen verbringen, die
ebenfalls ein gutbürgerliches Leben führen, in dem Probleme und Eruptionen in ihrer
Symptomatik noch vom Wohlstand übertüncht werden. Die ärmeren Schichten ziehen sich
darum zunehmend von der politischen Bühne zurück. Sie dienen nur als Statisten, um
Funktionen zu erfüllen, als abschreckende Beispiele, um sich von ihnen abgrenzen zu können.
Sie werden immer mehr zu Objekten, zu Freaks, aber bewahre Gott, ihnen eine Stimme zu
verleihen oder Mitgestaltungsrecht zuzubilligen. Teile und herrsche, spalte und behalte die
Kontrolle.
        Das Medium kann das Diffuse nicht ausdrücken. Darum lässt es wie gesagt,
tiefgreifende und langwierige Entwicklungsprozesse nicht zu. Das wäre unprofessionell. Es
lässt den Menschen allein. Mit dem Misstrauen. Es ist, als existiere es nicht.
        Menschen gehen zur Arbeit. Die Russen könnten kommen. Es gibt klare Positionen.
Besser, man hat eine. Das verkleinert die Welt. Schließt andere aus. Schafft neues Leid.
        Der Wutbürger ist ein Produkt, wie alles das, was die Medien anfassen, heute zu einem
Produkt wird, zu einer Funktion. Das dahinter stehende Angebot eines Dialoges auf
Augenhöhe wird ausgeschlagen. Man berichtet über, aber nicht mit den Leuten. Nicht immer,
natürlich. Es ist eine Tendenz. Klar wäre es schmerzhaft. Man müsste sich schwierige
Positionen anhören und stünde daneben, könnte vielleicht nicht immer klug darauf antworten.
Aber es wäre ein Prozess der Auseinandersetzung. Es wäre human. Die Brutalität liegt in der
Distanz und distanziert sich die Welt von immer mehr Menschen, zwingt man sie in die
physische Brutalität, um sich zum Ausdruck zu bringen.
        Eine Beobachtung.

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        Vielleicht will man mit den Unvollkommenen keine Berührung, weil das Medium nur
dann Interesse an der Sichtbarkeit von Mangel hat, wenn dies zum Kauf eines Produktes führt.
Das tut es bei verarmten, arbeitslosen und ausgegrenzten Menschen aber nicht mehr. Wie auch?
Ich übertreibe. Tue ich das? Es ist ein Lebensgefühl geworden. Aufnahmestopp in den meisten
Sendern. Seit Jahren schon. Der Programmchef eines großen Radiosenders sagte mir, man habe
einfach nicht den Mut, etwas Neues zu probieren. So folgt eine lächerliche Show auf die
Nächste. JournalistInnen kommen nach oben, die verlernt haben, authentisch und spontan
Fragen zu stellen, deren Antworten wir noch nicht kennen, ja, nicht vorab kennen wollen. Die
Intelligenz der Interviewer passt sich dem Niveau künstlich dumm gerechneter Zielgruppen an.
Die Republik ist zu einem Theaterstück verkommen. Mehr Probleme als je zuvor und oben nur
Köpfe, die keine Probleme mehr haben, von denen man kaum annehmen kann, dass sie je echte
Probleme hatten.
        Wer bereits ganz unten war, geht vielleicht nicht derart mit Menschen um, wie Ihr
Sender RTL dies tut. Das Messie Team, die Geissens, die Zollfahnder, Frauentausch, Teenie
Mütter.
        Alles Programme, in denen das Verhalten von Menschen entsprechend niedrigster
Bedürfnisbefriedigung, herabgewürdigt, ein Menschenbild unkommentiert, unhinterfragt
versendet wird, durch welches Verhalten geprägt und soziokulturell entworfen, Menschen als
minderwertig behandelt werden.
        Sie sind die Königin des Unterschichtenfernsehens, Frau Mohn. Jenes Fernsehens,
welches Meinung, Lebensgefühl und Werte der unteren Schichten dominiert. Neben der
Bildzeitung des Springerverlages.
        Wenn Sie aber in Ihrer noblen Bertelsmann Stiftung sitzen, mag Ihnen diese Diskrepanz
vielleicht nicht auffallen. Aber wie glaubwürdig ist es, einerseits schicke Bildungsprogramme
für MigrantInnen zu entwerfen und politische Trends innerhalb der Gesellschaft zu erforschen,
während man, so kommt es mir nun vor, das Geld Ihrer Stiftung mit der Manipulation ganzer
Bevölkerungsgruppen und deren Verdummung verdient?
        Wenn Sie wirklich etwas für Einwanderer tun wollen, warum ändern Sie nicht das
erschreckende Menschenbild von RTL?
        Wie gesagt, Frau Mohn! Sie wissen zu gut, dass es immer nur darum geht, die Regeln des
Spiels, die dahinter liegende Struktur zu dominieren und nicht die eine oder andere Seite eines
dialektischen Konfliktes. Das Netz, die Infrastruktur war schon immer das, wodurch der
Mensch beherrscht werden konnte. Durch den Fortschritt, der niemandem gehört, der einfach
passiert ist. Es ist nicht die Frage, was wir tun, sondern wie wir es tun, die zwischen Evolution,
Massenkontrolle und individueller Freiheit entscheidet. Infrastruktur ist nicht dem Diktat der
Effizienz gefolgt, sondern dem Diktat der Reduktion der Vielfalt und der Kanalisation der
Gestaltungs- und Veränderungskräfte einer Gesellschaft. Es ging immer nur darum, den
natürlichen Ausgleich zwischen Menschen zu verhindern, Waren und Werte zu schaffen, deren
Zugang zu begrenzen und somit Lebens- und Gestaltungskräfte aufzustauen, diese für die
Schaffung einer eigenen Welt zu benutzen, von undemokratischen Eliten entworfen, an die sich
die Menschen anpassen sollen. Es wurde ein Markt durch Manipulation erreicht, in dem immer
weniger Unternehmerfamilien einen zunehmend größeren Anteil des Planeten in ihren Besitz
nehmen, um den scheinbar schuldigen und unvollkommenen Menschen zu dominieren, damit
später jeder als nicht ausreichend definiert werden kann, weil das Grundprinzip der
Entwertung, zur Unterhaltung, salonfähig gemacht wurde. Nun aber bröckelt die Fassade. Und
Sie sollten mir an dieser Stelle gut zuhören!
        Denn es liegt eine Gefahr darin, da Internet und Fernsehen wegen der Funktionsweise
der medialen Infrastruktur, menschenverachtende Vorurteile und wenig differenzierte

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Weltbilder erzeugen und fördern. Was die Werbung will, Differenziertheit, Sensibilität und
emotionale Reife bei den Leuten abzubauen, ein Bestreben welches auch Ihre Medien
mitgetragen haben, könnte sich mit der ganzen Aggression der nun aufwachenden Menschen
gegen Sie richten. Wer Gut und Böse stereotyp definiert, kann plötzlich selbst in die Rolle des
undifferenzierten Feindbildes geraten. Das Marketing könnte kippen. Eine zerstörerische
Kraft, die mir Mut macht, aber vor der ich Sie ernsthaft warnen will. Es könnte passieren, dass
der Mob, den Sie, den Ihre Medien nicht nur nach meiner Ansicht getäuscht haben, Sie eines
Nachts aufspürt und aus dem Haus zerrt. Sie fänden keine Gnade, keine Differenzierung, keine
Schattierungen in der Beurteilung Ihres Handelns. Mit der Brille von RTL betrachtet wären Sie
nichts als ein Mensch zweiter Klasse. Jemand könnte Sie erschlagen, wie einen Hund.
       Das ist die Stimmung, die heute in den Straßen zu spüren ist. Niemand traut mehr dem
Anderen. Keinem Medium kann vertraut werden. Nur in der unmittelbaren Beziehungsarbeit
wächst Vertrauen und Wissen. Verlieren wir den Kontakt zur Wirklichkeit, verlieren wir alles.
Ohne Vertrauen, ohne Solidarität, ohne Kultur sind wir nur Tiere.
       Ihre Unternehmen verbreiten Ihre Weltsicht in jedes Wohnzimmer. Sie mischen sich in
die Politik, sind, wie ich gehört habe, eine gute Freundin der Kanzlerin Angela Merkel. Ihre
Unternehmen gestalten die Realität in diesem und vielen anderen Ländern.
       Sie sind eine Meinungsmacherin.
       Ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil Sie mit Ihrem Weltbild mein Leben penetrieren. Sie
reden auf mich ein. Seit meiner frühen Kindheit. Aber umgekehrt bleibt mir die eigene Sprache
verwehrt. In den Beziehungen steckt das Wissen, steckt der Lebensraum. Diesen erarbeite ich
mir nun mit Ihnen. Das ist der einzige Weg, wie der Konsument wieder ein Mensch werden
kann. Und nur wenn das gelingt, sind auch Sie wieder sicher.
       Die Distanz zwischen uns ist ein Schmerz, den auch ich zu lange nicht beachtet habe.
       Am Ende ist heute jede Aussage eine Verschwörungstheorie. Darum habe ich nur die
eine Chance, wenn ich Sie persönlich berühren kann. Erst wenn Sie mit mir reden, kann ich mir
sicher sein, was stimmig ist. Ob der Amerikaner lügt, oder der Russe. Ob die IS mordet, oder
die Nato. Erst wenn ich verstehe wer Liz Mohn wirklich ist, kann ich wieder vertrauen, ja
Integrität besitzen, wissen wer ich bin und frei entscheiden.
       Es ist Zeit, die Medien grundsätzlich zu überdenken. Was schon vor Jahrzehnten gesagt
wurde, ernst zu nehmen und zu reagieren.
       Was machen die Medien mit uns? Warum spaltet das Medium den Menschen? Was ist der
Mechanismus, der die Menschen heute verletzt, ausgrenzt und auf die Straßen treibt?
       Ich will das hier vertiefen. Es ist eine Prozessarbeit, ein Versuch. Ich bin überzeugt, dass
sich der Umgang mit der Information ändern muss, soll die Gewaltspirale je durchbrochen
werden. Wir müssen einen Weg finden, das Fremde sprachlich zu integrieren, statt immer
wieder dieselben Herrschaftsmechanismen zu reproduzieren und um die ganze Welt zu senden.
Um die Entwertung zu verstehen, muss begriffen werden, wie der Umgang mit der
Information zur Waffe gegen die Menschheit geworden ist.
       Für die Bevölkerung ist mangels Aufklärung aus dem Blickwinkel geraten, dass die
Technologie, die Methodik, das Medium, wie schon Marshall McLuhan sagte, die
übergeordnete Botschaft bereits beinhaltet und jede darin geäußerte Information zuvor zu
einem Teil der durch die Infrastruktur begrenzten Realität geworden ist. Wie gesagt, das
Medium selbst schafft Spaltung. Wer das begreift, versteht auch weshalb die Medien ein
bewusst gestaltetes Spielbrett sind und nicht einfach nur ein Werkzeug, um Informationen zu
übertragen, welches sich in zufälligen Schüben der technologischen Emsigkeit entwickelt hat.
       Nur wenn es gelingt diesen Mechanismus zu verstehen und es den Leuten begreiflich zu
machen, können wir diesen auszuhebeln. Es gibt keinen Frieden, solange es diese Medien gibt.

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        Twitter bestimmt die Regeln, nach denen der kurze Satz wichtiger ist, als der lange
Gedanke, oder der komplexere Sachverhalt. Das Video auf Youtube ist zuerst ein Youtubevideo,
welches bestimmte Eigenschaften haben muss, um sich verbreiten zu können und erst danach
ein individueller Inhalt, der sich zuvor auch in der Bildsprache allen Vorgaben des Google
Konzerns angepasst hat und somit die Welt von Google, als globale Welt im Sinne Googles mit
erschafft, bis die Googlewelt unsere eigentliche Realität ersetzt. Die Realität der Konzerne, die
dann zu unserer Realität werden soll.
        Es geht mir nicht darum, diese Googlewelt zu dämonisieren, damit auch ich im Kampf
dagegen zu einem Label werde und die Spaltung sich fortsetzt, sondern ich will Google
subjektiv erleben dürfen und mit der subjektiv erlebten Information ein Teil der kollektiven
Wirklichkeit sein. Eine MitgestalterIn, welche die Welt durch sich selbst lebt und nicht im
Widerstand gefangen, nur als unterdrücktes Ich gestaltet. Vielleicht werde ich auch Google
einen persönlichen Brief schreiben und eine Begegnung anbieten? Sie sollen mich
kennenlernen. Mit mir einen Kaffee trinken. Wir sind alle ein Dorf.
        Mir ist klar, dass dies auch heute unglaublich klingt und dieser Effekt des Verlustes an
Identität und Kultur, wegen der Brutalität des Marktes, mal mehr mal weniger real erscheint.
Manchmal macht es auch Sinn dies zu relativieren. Zu relativieren, damit das Individuum wieder
frei atmen, frei denken kann. Das von Konzernen propagierte Menschenbild jedoch, ist nicht in
demokratischen Prozessen entstanden. Kaum jemand zweifelt heute noch daran, dass die
Wirtschaft die Ordnung in den westlichen Gesellschaften stärker bestimmt als die Parlamente.
        Die Infrastruktur definiert das Wie und wer das Wie definiert, der hat auch die Freiheit
des Individuums in den Händen. In einer Welt, in der jeder alles jederzeit veröffentlicht, ist die
einzelne Botschaft weitgehend relativiert, wird reduziert auf die Klickrate, auf die dadurch
erzeugten Reflexe einer Zielgruppe, die nur noch zu Reflexen fähig, sich immerzu selbst
bestätigt, dem Neuen nicht mehr begegnen, es nicht „liken“ will. Weil das Neue dann nur noch
im Sinne des Status, durch die hohe Klickrate, definiert ist, aber nicht durch den Inhalt.
        Das ist gut für die Industrie, weil der Konsument vom natürlichen Streben nach
Veränderung und komplexeren Zusammenhängen entwöhnt werden kann, durch Belohnung,
die einfach zu bekommen ist. Eine Generation, die bereits glücklich ist, wenn sie geliked wird,
richtet ihre Werte an äußeren Dingen aus, also an Marken, Design und Schönheit.
        Intelligenz bedeutet ihr genauso wenig, wie die Bereitschaft sich in einen Konflikt zu
begeben, um ein höheres Ziel zu verfolgen.
        Diese Konditionierung geschieht natürlich schleichend und darum scheinbar schmerzlos
und ohne Irritation. Das ist für die Industrie zentral, weil nur die Angleichung aller Bedürfnisse
große Massenmärkte ermöglicht, durch die Massen abgeschöpft und Individualismus geerntet
werden kann. Die Marken verwandeln das Individuum in ein Produkt der Marke und umso
mehr Menschen sie dabei der Marke anpassen, umso mächtiger wird ihre Macht im Markt. Die
Bedürfnisse sollen sich angleichen und nichts ist dafür geeigneter, als ein Medium wie
Facebook, welches ein Profil voraussetzt und in dem Kommunikation davon bestimmt ist, dass
man sich wie die Anderen verhält. Das passiert nicht sofort. Vielleicht über Generationen. Aber
es passiert.
        Es wird dem Nutzer nicht vorgeschrieben, was sie oder er sich anziehen soll, oder was
die Inhalte sind. Das würde als Diktatur empfunden. Das Wie wird vorgegeben. Versteckt als
Zwang des technisch Möglichen. Das Medium kann eben nur das. Darum können wir auch nur
auf diese Weise kommunizieren. Das Wie ist alles. Knapp und im Sinne der Klickrate. Im Sinne
der Belohnung.
        Kulturen werden umgebaut, Nationalitäten versetzt, Weltbilder auf- oder abgewertet.
Dabei erscheint es heute beispielsweise nicht verwunderlich, dass jene das Urheberrecht, also

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den originären Schöpfer von Inhalten, Gedanken, künstlerischen Werken anzweifeln, ja den
Individualismus selbst, wenn deren Selbstausdruck sich auf Klicks und das Kopieren von
vorhandenen Inhalten beschränkt. Weil die Technologie den persönlichen Selbstausdruck nicht
überträgt.
       Photoshop und Word haben die persönliche Handschrift verdrängt. Sie durch
Einheitsformate ersetzt, die wir leichter benutzen können, aber dabei einen Teil der Identität
aufgeben müssen. Das tun die Leute leider bereitwillig, um sich auf diese Weise einer möglichst
großen Gruppe zugehörig zu fühlen, davon die Illusion der eigenen Bedeutung und Sicherheit
abzuleiten. Da stört es natürlich, wenn man vor dem Klick um Erlaubnis zur Weitergabe fragen
soll. Wen soll man auch fragen, wenn das Gegenüber scheinbar ebenfalls nur eine austauschbare
Form des Selbstausdrucks vermittelt? Warum auch, wenn der Einzelne in der Masse anonym
geworden und sein Handeln nur noch als marginal wirkungsvoll, also auch nur als marginal
verantwortlich erlebt.
       Wenn man die eigene Stärke nur noch von der Stärke der Gruppe ableiten kann.
       Auch hier ist die Kultur das Ziel des Attentats der Industrie. Eine durch unbewussten
Konsum derart von den Konsequenzen des individuellen Handelns befreite Meute kann in jede
Richtung gelenkt werden. Wo der persönliche Handstrich schwindet, wo wir in der Masse
untertauchen, werden die Auswirkungen des eigenen Tuns nicht mehr bewusst. Sie werden
verschleiert, in der Angleichung. Im Mitschwimmen im Schwarm. Bis es ganz leicht ist, gegen
die Umwelt, gegen den Menschen, gegen die eigene Wahrheit zu handeln. Abgekapselt in
Sphären ohne kreative Kraft, ohne Eigenwillen.
       Dies ist nicht plötzlich passiert, sondern fing im Fernsehen an, wo der Konsument ohne
Bewusstsein über Konsequenzen des passiven Konsumierens konditioniert wurde.
       Wenn ich das sage, ist das natürlich eine Zuspitzung. Menschen lassen sich nur bedingt
kontrollieren. Unsere Natur ist zu komplex. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass dies
versucht wird, dass diese Auswirkungen bestehen und die Gefahr real ist.
       In durch das Medium erzeugten sphärischen Welten, in denen man dem Fremden wegen
dem „Matching“ nicht mehr begegnet, in denen abweichende Originalität abgelehnt wird, um
den eigenen Mangel nicht sehen zu müssen, der einem von frühester Kindheit an eingetrichtert
wird, wie von der Werbung, scheint jedes Mittel recht.
Tatsächlich kann heute niemand genau wissen, auf wessen Spielbrett sie oder er gerade spielt.
Was in Generationen aufgebaut wurde, muss vielleicht auch in Generationen aufgearbeitet
werden.
       Echter Individualismus ist ein langer Prozess, den man sich erarbeiten muss. Eine Phase,
in der man nicht verstanden, in der man fremd wird. Umso mehr uns Technologie den
Selbstausdruck erleichtert, durch fremdbestimmte Identität oder Software zur Gestaltung von
Freundschaften, umso schwieriger ist es, darin individuelle Positionen auszudrücken.
       Das Internet wie auch das moderne Fernsehen schafft Jugendkultur und die Jugend
schafft kein neues Fernsehen mehr, kein neues Internet. Jedenfalls nicht in der Grundstruktur
und die ist letztlich entscheidend. Technologie sollte ein Produkt des Menschen sein. Nicht der
Mensch ein Produkt Ihrer Technologie, Frau Mohn.
       Dies hier ist der Griff der subjektiven und freien Individuen, nach der Grundstruktur.
Dieser kann natürlich nicht aus konsensorientierten Institutionen kommen. Auch geht es nicht
darum, die eine HerrscherIn gegen die andere zu tauschen. Selbst wenn meine Ausführungen
nicht ganz stimmen, wenn es nur eine Angst ist, eine Ahnung, über die wir vielleicht in fünfzig
Jahren lachen, macht es doch Sinn, sich diesem Gefühl zu stellen, zu fragen, was daran durch
einen spricht. Als wer spreche ich und welche Auswirkung hat das auf die Menschen in meinem
Umfeld? Betroffen will ich sein. Gebrochen und zurückhaltend, sensibel, offen für das

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Gegenüber. Die Maschine entscheidet sich niemals freiwillig, nicht zu funktionieren. Das kann
nur der Mensch.

Das Wesen der Information und die Hoheit der Deutung.

Die Beschleunigung in unserer Welt, die eine natürliche Folge der Normierung und
Angleichung aller Lebensbereiche im Sinne einer von der Industrie, ja vom Industriellen,
Produkthaften selbst geprägten Wirtschaft ist, weil es kaum noch Reibung gibt, welche die
Krise als Chance, als Lebensraum begreift, hat das Wesen der Information in unserer Zeit
grundlegend verändert. Denn auch die Information ist ein Produkt geworden. Dies erscheint
zunächst selbstverständlich.
        Alles, was fertig ist, ist auch ein Produkt. Produkte müssen ja klar und eindeutig sein.
Sie brauchen eine abgeschlossene Form, die man mit anderen Produkten vergleichen kann.
Einen Wert. Etwas was definierbar ist. Allgemeingültig. Betrachte ich das einzelne Produkt,
mag einem auch möglicherweise nichts Verwerfliches in den Sinn kommen. Es ist wieder die
Frage der Normierung aller Lebensbereiche in die Wesenszüge des Produkthaften, des
Professionellen, leicht Zugänglichen und einfach zu Verstehendem, was mir Sorgen bereitet.
Umso weniger Abweichungen zwischen den Informationen kommuniziert werden können, was
die natürliche Folge der Professionalisierung der Informationsübertragung in unserer
Gesellschaft ist, umso weniger wird Information individuell verarbeitet.
        Dies liegt an der Arbeitsweise unseres Gehirns. Wenn ich keinen persönlichen Bezug zu
einer Information aufbauen kann, wird diese als abgespaltene Einheit integriert und verbleibt
passiv, als Form der Informationsüberforderung. Sie wandert direkt ins Unbewusste und wird
dort zum Übertragungsmittel von Ordnungsmustern, wie Werten, Weltbildern, Tabus oder
Idealvorstellungen. Es passiert aber keine bewusste Auseinandersetzung.
        Der individuelle Bezug ist nur dort herstellbar, wo eine Information offene
Verknüpfungen zulässt, weil sie beispielsweise keine fertige Wahrheit präsentiert, oder diese
vorgaukelt. Eine solche Information aber hat im Medienbetrieb keinen Wert. Sie ist auch in der
Wirtschaft praktisch wertlos. Für das Leben aber ist sie die Grundlage. Auf der Subjektivierung
der Information basiert, wie ich in dem Hörbuch „Working Economy“ und in vielen anderen
Werken zum Ausdruck brachte, die Quelle von Energie, Wissen, und Nahrung, in einem
lebendigen System. Ohne die Subjektivierung der Welt verarmt diese und noch lange haben wir
nicht begriffen, wie wichtig die subjektive Sicht für die Entwicklung einer Gesellschaft ist.
Meine Arbeit der letzten zwanzig Jahre hatte darum immer zum Ziel die Wissenschaft, die
Wirtschaft, die Kultur zu subjektivieren, sie zu einer hoch individuellen Lebenswelt
umzubauen. Nicht weil meine subjektive Sicht die Richtige ist, sondern weil wir nur in unseren
subjektiven Wahrnehmungen authentisch leben, ohne die diese Gesellschaft verarmt und die
meisten großen Probleme unserer Zeit resultieren, so dass die großen, vereinheitlichten
Informationen das lebendige System ersticken, wir einander nicht mehr verstehen, nicht mehr
zuhören können. Denn verstanden wird nur dort, wo man sich das Verstehen mühevoll
erarbeiten muss, wo es eine beidseitige Kultur ist. Die Wirtschaft jedoch hat wie die Medien
diese Kultur aufgekündigt.
        Das ist eine zentrale Aussage darüber, wie wir Information verarbeiten. Umso weniger
Bandbreite der Interpretation eine Information zulässt, umso weniger wird sie individuell
integriert, neu verknüpft, oder hilft sie dem Individuum, über sich hinaus zu wachsen.
Stattdessen überschreibt diese perfekte und objektivierte Information das Individuum.
        Dies mag uns mit Rückblick auf das angeblich finstere Mittelalter der willkürlichen
Deutung der Welt und der Geschehnisse als Fortschritt erscheinen. Doch haben wir dabei

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weitgehend übersehen, dass jede Welt, auch eine durchgehend von Maschinen dominierte,
letztlich eine Fantasie darstellt und die Natur diese stets zerstört, wie der Löwenzahn, der sich
durch den Asphalt schiebt, schließlich die gerade Straße vernichtet.
        Über den sprachlichen Ausdruck, über das Wie. Wie wir über ein Thema
kommunizieren, bestimmt, wie wir darüber denken. Dieses Wie gilt es zurück zu erobern, denn
es gehört dem Individuum. Das industrialisierte Wie schafft tiefe Gräben, aus denen
auszubrechen zunehmend mehr Energie kostet und die meisten von uns gehen bekanntlich den
Weg des geringsten Widerstandes, bleiben darin verhaftet. Was zu vielen Problemen führt.
        Fehlt der persönliche Bezug zur Information, wird die Gewohnheit der Amerikaner
beispielsweise, ständig neue Kriege vom Zaun zu brechen, zu einem natürlichen
Ordnungsmuster. Wird der Krieg in den Medien als schlüssig und zweifelsfrei verkauft, was die
Grundvoraussetzung dafür ist, dass überhaupt darüber berichtet werden kann, weil dies in den
modernen Medien stets eine klare Botschaft erfordert, passiert keine bewusste Beschäftigung
mit dem Geschehen und das Ordnungsmuster Krieg wird zur Realität der Massen. Sie sehen es
als normal an, dass Amerika ständig in Länder einfällt. Das Verhalten des hart Durchgreifens
überträgt sich auch auf andere Lebensbereiche und findet beispielsweise Anwendung im
Umgang mit Ausländern oder Arbeitslosen. Auf diese Weise werden die Ordnungsmuster einer
Gesellschaft durch das Medium umgebaut, während die ZuschauerIn stets nur fertige Aussagen
über politische Geschehen sieht, zu denen sie keinerlei persönlichen Bezug hat. Sie ist als
Subjekt, als Individuum ausgeschlossen.
        Die Information verbleibt im Besitz der Medien. Es passiert keine eigenständige
Aneignung, Veränderung oder Entwicklung durch die ZuschauerIn. Sondern diese nimmt sie
passiv und meist unbewusst auf. Was der industrielle Zweck der Informationsübertragung, ja
des Fernsehens selbst ist.
        Kostenlos angeboten wird die Information somit zum Lockmittel, um in den
Verkaufsraum einzuladen. Um die Identität des Verkaufsraums anzunehmen. Dies wird nie
ausgesprochen. Weil solange nichts in den Medien als das benannt wird, was es ist, bleibt die
Manipulation suggestiv und ohne Irritation zu erzeugen, die einen aus dem Schlaf reißen
könnte. Nur im Zustand der Suggestion kann die Bedeutung, die mit den Produkten
verknüpfte Lebensweise, das Wie, im Unbewussten deponiert werden. Die Lebenswelten und
Realitätsparadigmen, die damit verbunden sind, die der Patient mit dem süßen Bonbon bunter
Bilder in sich aufnimmt und konsumiert.
        Es entstanden in den letzten 50 Jahren Datenautobahnen des Mainstreams, auf denen
Information zunehmend stärker zur isolierten Einheit verkam. Auch durch ständige
Unterbrechung mit Werbung. Für abweichende oder tiefer gehende Fragen ist heute keine Zeit.
Durch die Zunahme der Beschleunigung erscheint der Diskurs, die Infragestellung, ja allein die
subjektive Abneigung gegenüber einer Information bereits zu viel Reibung zu erzeugen,
weshalb diese in den Medien und somit auch außerhalb weitgehend ausbleibt. Der einzelne
Journalist hat da kaum eine Chance. Diese Reibung aber wäre der Raum der freien
Entscheidungsfindung. Es stimmt schon. Niemand zwingt einen, dem Ruf der Medien zu
folgen. Auch wird einem keine Entscheidung verboten. Sie erscheint einem nur umständlich.
Das Medium nimmt uns darum diese Entscheidung ab und nennt es Dienstleistung. Die
ungebeten aufgedrängte Inszenierung ihres Lebens als Erfolgsgeschichte, mit Hilfe der Reizung
von Nervenbahnen, um Momente des Glücks mit Marken zu assoziieren und unterschwellig
damit das Verhalten zu prägen. Ab einer gewissen Schwelle des durch Normierung und
Beschleunigung verhinderten Aufnahmevermögens, kapselt sich die Information vom Kontext
ab und wird somit zur Überforderung für den menschlichen Geist. Immer mehr Komplexität
und Aufnahmevermögen wird abtrainiert, während zugleich zunehmend größere Hürden von

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den Synapsen überwunden werden müssen, um einen neuen Kontext abzubilden, statt schlicht
dem zur Gewohnheit gewordenen Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Der dadurch
subjektiv empfundene Überfluss der Informationen weist der Einzelinformation als
Schutzreflex die Eigenschaft des Fertigen und Objektivierten zu. Die Information wird
verwaltet und in den Medien dargestellt. Und sie trainiert somit meinem Gehirn die Fähigkeit
ab, in komplexen Verknüpfungen zu denken.
        Auch das Internet tut dies. Es trainiert zwar jede Information als Vernetzung, als
Verlinkung wahrzunehmen, aber eben nicht jede Information in Beziehungen zu erkennen.
        Vernetzung ist nicht Beziehung. Vernetzung ist die Angleichung einer Beziehung, oder
eines Kontextes, wodurch die Illusion der Nähe oder Gleichheit entsteht. Ich bin mit Dir
vernetzt, bedeutet, dass ich mit Dir eine Welt teile, eine Welt die durch die Vernetzung nie
größer wird, sondern in sich stagniert. Beziehung ist hingegen eine natürlich gewachsene
Struktur, in der auch sich einander nicht angleichende Partner in Kommunikation verbunden
sind, weil daraus für das Gesamtsystem ein qualitativer Wert erhöht oder weiter entwickelt
wird. Die Beziehung ist ein Prozess des inneren Wachstums. Vernetzung lediglich ein Prozess
des Abbaus von Vielfalt und der Angleichung von Interessen und Bedürfnissen an ein
vereinheitlichtes Weltbild.
        Internetuser sind untereinander vernetzt, weil sie in ihrem gemeinsamen Profil
vernetzbar sind. Sie teilen eine gemeinsame Rubrik. Sie haben aber kaum gelebte Beziehungen
zueinander, die vom Profil abweichen.
        Etwas Anderes wird von der Technologie des Internets überhaupt nicht zugelassen, weil
die Reduktion des Wahrnehmungs- und Kommunikationsspektrums ein essentieller Teil dieses
Mediums ist. Der Anspruch, Kommunikation zu vereinfachen, ist die Absicht, Identität zu
reduzieren, zu simplifizieren. Tragisch ist, dass diese Falle, die allen Medien eigen ist, von
denen, die sie über längeren Zeitraum benutzen, kaum noch erkannt wird. Das Medium
assimiliert ihre Benutzer.
        Somit wird die Beziehungsfähigkeit an sich durch die modernen Medien abgebaut. In
der Beziehungsfähigkeit aber steckt das Wissen. Mit Wissen meine ich das breite Bewusstsein
über möglichst viele Zusammenhänge, Auswirkungen, Ursachen und Verbindungen. Beziehung
ist das, was synaptische Verknüpfung im Gehirn ist. Die Voraussetzung für Intelligenz.
        Die kulturelle Beziehung bildet die Intelligenz einer Gesellschaft, während die
synaptische Verbindung die Intelligenz des Gehirns ermöglicht. Das bedeutet die Fähigkeit,
Informationen zu verknüpfen und selbstständig zu denken.
        Der Nutzer des modernen Mediums hingegen wird zum Empfänger von Reizen
degradiert, die dicke Bahnen im Gehirn, im Denken verfestigen und feine Querverknüpfungen
abbauen.
        Das Medium schafft die Kultur und trainiert dem Nutzer eigenständige, individuelle
Verknüpfungen ab. Dies hat zur Folge, dass wir Medien zunehmend weniger intelligent
benutzen, sprich nur noch passiv konsumieren. Im Netz wird die Kommunikation selbst
konsumiert. Information wird zu einem Reize übertragenden, geistig-seelischen Massagegerät,
um inneres Unwohlsein mangels fehlender Anforderungen und zur Linderung von verdrängter
seelischer Unruhe, durch die mehr Leid in der Welt erhalten bleibt, zu überspielen. Von Abend
zu Abend, Nachmittag zu Nachmittag, ein Leben lang. Die Konflikte unserer Welt bleiben auch
darum ungelöst, weil wir zu ihnen keine eigenständige Beziehung aufbauen und uns somit
gegenseitig permanent verletzen. Wir bleiben unfähig zur menschlichen Beziehung, zum
Prozess der Reife und dem Willen zur tiefgreifenden Beschäftigung, um eigenständige
Antworten zu finden, um eigenständige Leben leben zu können, die das Gesamtsystem
bereichern. Weil wir einander in kleine Stücke spalten. In Funktionen, Projektionen und

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Schatten. Als Völker, als Länder, als Militärs. Solange der Nachrichtensprecher behaupten kann,
ein Profi zu sein, behauptet eine Methodik zu benutzen, welche die objektive Wahrheit
abzubilden vermag, vergewaltigen wir einander, ohne es zu merken, trampeln über die Gefühle
der Individuen, ohne davon Notiz zu nehmen, unterstützen eine Methodik, die der Industrie
zu noch mehr Macht verhilft, während sie unsere Familien, unsere Identität, unsere Kultur
zerstört. Ich sage es nochmal. Vielen erscheinen diese Worte übertrieben. Viele sind bereits
selbst zu den Medien geworden, die sie konsumieren. Wir leben in der einen Welt, geschaffen
von Firmen, die uns versprechen, uns dafür zu ernähren. Wir haben verlernt, was uns
tatsächlich nährt, nämlich alles was ist. Eingekapselt in kontrollierten Verwertungsstrukturen,
bleiben wir stets abhängig von den Zielsetzungen und Erwartungshaltungen der strukturellen
Ordnungsmuster. Eine abstrakte Welt, die scheinbar keine Eigentümer kennt, keine Gestalter.
Die Gestalter sind verschwunden.
        Sie wissen nicht mehr, was sie verloren haben. Sie spüren diesen Schmerz nicht mehr.
Für sie ist es richtig, was die im Fernsehen sagen. Für sie ist das normal, also wieder
erkennbarer Teil ihrer Realität. Denn sie sind es, die darin dargestellt werden. Sie, die sie zur
richtigen Zielgruppe gehören, die noch gebraucht, das heißt weiterhin vorgeführt und verblödet
werden, um die Infrastruktur am Leben zu halten, von der Menschen wie Sie Frau Mohn,
profitieren.
        Die Information, somit auch die Wahrheit, ist wie gesagt zu einer Ware geworden, zu
einem Rohstoff und somit ist sie uns als subjektiver, individueller Lebensraum geraubt worden.
Darum schreibe ich Ihnen diesen Brief, damit ich mir diesen Lebensraum von Ihnen
zurückholen kann.
        Diese Professionalisierung der Gesellschaftsgestaltung ist die verdeckte Methodik der
faschistoiden Reduktion der Entwicklungsfreiheit einer Gesellschaft. Wir haben es zugelassen.
Auch die neuen Medien ändern daran nichts. Der Akt der Kommunikation ersetzt in den
sozialen Medien die Kommunikation selbst. Am Ende ist das Gelikedwerden als solches
wichtiger, als das, wofür man geliked wird. Darum können die Inhalte zu Stereotypen werden,
zu Modulen bestimmter Kategorien, wie Liebe, Sex, Vergnügen, Spass oder Politik. Das Wie des
Mediums ist übermächtig gegenüber den Inhalten, weshalb diejenigen, die Inhalte schaffen,
heute auch kaum davon leben können. Diese sind nichts mehr wert. Auch ein Grund, weshalb
das Fernsehprogramm derart schlecht ist. Die Entwicklung von Qualität will niemand mehr
bezahlen. Man müsste etwas individuell Neues riskieren. Eine Abweichung, die Verlust der
Zugehörigkeit zur Folge haben könnte. Die Sender verscherbeln nur noch das kulturelle Erbe.
Die logische Konsequenz der Verwandlung der Information in die Ware ist die Kategorisierung
und Abstrahierung der Information in ihren Zweck, als Aufmerksamkeit generierende Einheit.
Die Kategorisierbarkeit ist essenziell. Der Inhalt zweitrangig. Was nicht in eine Kategorie passt,
somit der Aufrechterhaltung des Programmes im Sinne der Industrie dienstbar gemacht werden
kann, kommt in den Medien nicht mehr vor. Damit wird die Welt automatisch verkleinert und
Unterschiede werden abgeschafft. Die Kategorie Unfall, Skandal oder Krieg lässt sich
schließlich über jede Kultur stülpen und nur der sich ewig wiederholende Rhythmus zwischen
Unfall, Skandal und Krisengebiet bietet ausreichend Bandbreite an Reizen, um den
Konsumenten in dessen Abhängigkeit von Stimulation, gegen die innere Leere, weiter an sich
zu binden.
        Schnell verkehren sich auch die Werte, um den Datenfluss niemals zu stören. Intelligenz
ist verantwortungslos und Dummheit das, was einem Freunde verschafft. Alles was zählt ist,
die Kontrolle der Reize, die zum erwünschten Kauf- oder Wahlverhalten führen. Die Macht der
Infrastruktur dominiert alles und trainiert uns, in dessen Sinne zu kommunizieren, somit in
dessen Sinne zu existieren.

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        Hier passiert kulturelle Prägung, durch die Industrie, durch die Infrastruktur, die nicht
zufällig entsteht, sondern hinter dem ein ökonomischer Wille steckt. Sie Frau Mohn, haben
auch diesem Umstand Ihr Vermögen zu verdanken.
        Der von der Wirtschaft dominant geprägte Kulturraum erscheint zwar bunt und
vielfältig, jedoch nur noch als Inszenierung, als Akt der Buntheit, nicht als gelebte Vielfalt, die
auch keine kurzweilig verwertbaren Konflikte und Abweichungen vom Gewohnten erfordert
und zulässt.
        Ist man den Medien erst verfallen, scheint einem zunächst nichts zu fehlen, weil Mangel
darin nicht mehr thematisiert wird, es den individuellen Schmerz darin nicht gibt, er würde ja
nicht sofort verstanden, da die Sprache der Medien an sich nicht mehr lebendig atmet, sondern
eine Massenware geworden ist. Irgendwann werden unsere Gedanken nur noch am anderen
Ende der Welt eingekauft, weil sie dort billiger zu haben sind.
        Man kann sich auch gleich dafür entscheiden, die komplexeren Gedanken nicht zu
kaufen, weil diese einen einsam machen. Auch unsere kulturelle Prägung von Liebe, Wahrheit,
Schmerz oder Originalität, wäre dort erhältlich. Wer noch Bonuspunkte gesammelt hat, kann
sich gleich dazu kostenlos eine neue Handyhülle bestellen, oder eine ganze Industrie. Alles ist
vergleichbar, alles ist ein Produkt.
        Sie, Frau Mohn, können diesen Irrsinn beenden. Vielleicht wird man Sie abknallen, wenn
Sie es ernsthaft versuchen. Oder aber wir haben die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und nun
ist möglich, was noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien.

Spaltung und Integration. Die Zwänge der Übertragbarkeit.

Weil die Information sich durch das Medium vom komplexen Kontext abspalten muss, um über
das Medium übertragbar zu werden, verlangt das Medium, wie gesagt, radikale
Beziehungsverweigerung. Diesen Mechanismus will ich weiter vertiefen.
        Die Dominanz der Medien in allen Lebensbereichen, weil nun von überall Botschaften
in unser Leben flackern, baut die Kultur, ja den Lebensraum um. Mit einem Impuls, einer
Frequenz der permanenten Spaltung. Es genügt schon ein Monitor im Raum, um die
individuelle Stimmung eines Raumes, das Angebrachte des Moments, mit aus dem
Zusammenhang gerissenen Bildern oder Geräuschen zu penetrieren, die sich nicht integrieren
lassen. Die Folge ist der Zerfall des authentischen, des unmittelbaren Ortes. Wo die flackernden
Bilder auch auftauchen, zerstören sie jeden Ort. Ihnen folgt die austauschbare Architektur der
Konsumpaläste.
        Die Information ist zum Selbstzweck für das Medium und deren Macher geworden und
die Medienmacher verschwiegen bisher gekonnt, dass es immer nur um die maximale
Verbreitung des Mediums als Infrastruktur ging und nur zweitrangig um die Verbreitung von
Inhalten. Die Nachrichten wurden eben nicht ausgebaut, um dem Menschen Informationen
über die Welt zu bringen, sondern um dessen Welt in die Medien zu verlagern, wo diese
normiert, kategorisiert und reduziert werden konnte. Das Ziel war immer, die Abschaffung der
kollektiven, der kreativen und freien Intelligenz, das Abblocken der direkten Verbundenheit
des Menschen mit der Natur, mit der Quelle des Wissens, welches zugleich dessen Lebensraum
ist. Die Medien sind Kolonialismus, Herrschaftsprinzip und wer sie benutzt, denkt manchmal
andere Inhalten würden etwas daran ändern. Doch die Form ist übermächtig und nur wer die
Form bricht, macht neue Inhalte möglich!
        In der Geschichte des Mediums Fernsehen kam es zu vielen Verdrehungen und
handwerklichen Kniffen, um grundlegende Widersprüche des Mediums zu relativieren und die
Annahme dieser neuen Technologie reibungslos zu gestalten.

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        Die mediale Wahrheit ist ein künstliches Produkt, welches beispielsweise der
Legitimation der Nachrichtensendung dient. Doch als Wahrheit angenommen wurde es nach
dem alten Herrschaftsprinzip, nach dem, wer die Macht hat, auch vor den Massen spricht,
weshalb dem zugehört wird, dessen Autorität sich von der Menge an ZuhörerInnen ableitet. In
der Verleugnung der missbrauchten Macht bleibt dann nur die behauptete Wahrheit als solche
anzunehmen. Alles andere würde zur Revolution führen.
        Die Information muss darum im Fernsehen zunehmend weniger Wahrheit werden, um
möglichst viel Produkt zu sein. Das Image zählt. Das Bild, welches zur Abwertung anderer
Bilder führt. Man eignet sich die Information an, um darin sich selbst als Verkünder von
Wahrheiten zu inszenieren.
        Ich mag darüber nicht sachlich sprechen. Es kotzt mich an. Ich bin irritiert. Diese
Irritation soll bleiben dürfen. Lange vor der Lösung gilt es diese auszuhalten.
        Die Wahrheit ist das Produkt, ein Fake. Und der Fake ist nichts Leichtes, nichts
Harmloses, sondern der Fake vergewaltigt irgendwo jemanden. Harmlos erscheint er nur
denen, die nicht hinsehen wollen, die sie abtun, die Scheiße der Welt. Als Fake erkannt werden
kann diese aber nur, wenn der Betrachter in Beziehung zum Umfeld, zur Welt ist. Bleibt dieser
ebenfalls isoliert und produkthaft, ist es ihm unmöglich die Information als Fake zu erkennen.
Bewusst oder unbewusst wird sie als Wahrheit aufgenommen. Man selbst wird zur Wahrheit
dieser Information und überträgt sie weiter auf Andere. Ihr tut mir damit weh. Ihr schiebt mich
fort. Ich darf nicht mehr sein.
        In der Redaktion ist heute wieder keine Zeit. Die News kommen direkt von den
Agenturen. Schlagworte. Man will der Erste sein. Es ist eine eigene Sprache. Eine Gewohnheit.
Am Abend kommen wieder Tausende zusammen, auf den Straßen.
        Was wollen sie sagen. Alles wäre zu kurz. Kein Satz kann genügen, die Unzufriedenheit
zu erfassen. Sie wissen nicht, was sie wollen. Nur was sie nicht wollen. Das Fremde. Sie reden
von ihrer Kultur und haben dabei keine mehr. Der Rassismus ist die Sprache derer, die selbst
keine Kultur mehr besitzen, die auf der Flucht vor sich selbst sind. Mit den Worten aus den
amerikanischen Serien lässt sich ihr Leben nicht vergleichen.
        Fuck, Shit, trifft es nicht. Wie sollen sie sprechen, haben sie doch nur gelernt Ja zu sagen
und zu konsumieren, alles cool zu finden, oder Shit eben. Gewalt ist, was bleibt - und
Schweigen. Sie bedingen einander. Die Schläger auf den Straßen und die Produzenten in den
Studios.
        Es ist wieder spät geworden, in der Redaktion. Sie wollte noch was sagen, tat es aber
nicht. Mitbekommen was läuft, drückt Naivität aus. Wer damit klar kommt, ist stark. Zynismus
ist die neue Form von Gerechtigkeit. Kultureller Zerfall.
Sprachlosigkeit. RTL.
        Die Technik diktiert wie gesagt, dem Menschen das Wie. Der Mensch orientiert sich
zunehmend am Funktionieren. Hat von der Maschine die Funktion übernommen, als ein
Heilsversprechen. Mediale Informationen und Wahrheiten können, so lautet die Regel, nur von
der Technologie übertragen werden, wenn die Information zuvor von den vielfältigen
Kontexten vor Ort abgespalten wurde. Wieder spricht die Infrastruktur mit der Sprache der
scheinbaren Vernunft und Richtigkeit. Es muss ja funktionieren. Darin liegt das
Selbstverständnis der modernen Presse. „Die Menschen haben ein Recht, die Information zu
erhalten“. Somit ist die Information im Besitz der Öffentlichkeit, nicht im Besitz derer, die sie
vor Ort unmittelbar erfahren. Von diesen muss sie um jeden Preis genommen werden. Sie wird
bearbeitet und geschnitten, reduziert und stereotypisiert. Die Betroffenen dürfen nicht für sich
sprechen, nicht über das kurze, aus dem Kontext gerissene Zitat hinaus, sondern für sie wird
gesprochen. Sie werden ins rechte Licht gesetzt. Durch ExpertInnen. Dadurch schafft das

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Medium sich eine eigene Welt. Die Medienwelt. Sie ist die maximale Verweigerung von breiter
Verflechtung, um die Information in Besitz zu nehmen.
       Weil die BesitzerInnen der Information diesen Anspruch legitimieren müssen, sind sie
gezwungen, sich auf die Wahrheit, auf die eine Wahrheit zu beziehen, die sie hierarchisch
beherrschen. Sie müssen sich gegenüber den vielen Perspektiven überhöhen, damit man ihnen
zuhört. Damit es nicht eine Frage ist, weshalb diese Information und nicht jene ausgewählt
wurde, sondern allein die Akzeptanz erreicht wird, dass es um die große Wahrheit geht. Die
sich den Bedürfnissen der Maschine anpassen muss. Darum die Show. Darum die Verkleidung
als Journalisten und Moderatoren. Um zu legitimieren, dass sie das Wissen der Menschheit
reduziert haben, um sich selbst in den Vordergrund zu rücken und vom Gefühl des Mangels
einen Wert abzuleiten, den wir bezahlen sollen. Damit verstärken sie die Eigenschaft der
medialen Information, eine abgespaltene Wahrheit zu sein, die sich dem Wissen fundamental
verweigert. Jenem Wissen, welches in den Verknüpfungen steckt.
       Die Medien bauen also Wissen in der Welt ab, um die Herren über die Information zu
werden. Sie lassen Dich weg. Behaupten aber die Welt mit Wissen zu versorgen, was sie nicht zu
großzügig oder zu sehr in die Breite der möglichen Perspektiven teilen dürfen, wollen sie ihren
Status nicht gefährden. Schnell könnte dem Betrachter bewusst werden, dass auch dessen Sicht
eine Berechtigung hat, wenn es nicht nur zwei, sondern drei oder gar 50 Sichtweisen eines
Themas gibt. Die Definitionshoheit der Medien würde sich in der Welt auflösen und wir
bräuchten sie nicht mehr. Denn es könnten die Menschen eigenständig zu denken und sich
Wissen zu erarbeiten beginnen und es wäre das Ende von Sendern und Zeitungen. Dies scheint
heute zwar in den neuen Medien zu passieren, wäre da nicht die Infrastruktur, die wiederum im
Dienst an der Übertragungstechnologie das Wissen wieder in abgespaltene Information
rückbaut, je nach verwendetem Logarithmus der jeweiligen Suchmaschine, oder der jeweiligen
Social-Media Plattform. Solange Wissen von der Industrie immer wieder auf Information
reduziert wird, bleibt die Menschheit unfähig, fundamentales Wissen zu teilen und sich aus den
Verflechtungen mit der Industrie zu befreien.
       Wenn ich lokales Wissen abgebe und internationale Information zu erhalten, hat dies nur
zur Folge, dass der Lebensraum vor Ort verschwindet, sich an die internationalen
Gewohnheiten anpasst, damit das Dorf zu den globalen Marken passt, die Produkte überall
akzeptiert werden. Somit wird der Lebensraum, der noch Freiheit und Individualismus
ermöglichte, scheinbar freiwillig aufgegeben, um zu Dienern der Industriellen und der
Medienleute zu werden, bis schließlich der Lebensraum von immer mehr Menschen
verschwindet, sie keine Jobs mehr bekommen, weil ihre Fähigkeiten nicht gefragt sind, im Spiel
nichts mehr bedeuten.
       Seit Anbeginn moderner Medien und Informationsübertragung stand immer die Frage
im Mittelpunkt, wie das Wissen in der Breite in möglichst kleine Einheiten zerlegt werden
kann, um diese möglichst störungsfrei zu übertragen. Wobei unter Störungsfreiheit die
Vermeidung von abweichenden Verknüpfungen gemeint ist.
       Die Wirklichkeit, die wir sehen, musste in Bildzeilen zerlegt und am anderen Ende der
Übertragung wieder identisch zusammengesetzt werden. Es stimmt, dass die Information
identisch übertragen wird, aber bevor sie übertragen wird, wird sie auf das Format der
Übertragbarkeit, auf das Profil des Mediums reduziert. Hier passiert der Sündenfall, den die
Medienmacher stets verheimlichen. Ihr Anspruch die Wahrheit zu transportieren, weshalb nur
ihnen zugehört werden soll, resultiert aus ihrem Umgang mit dem technischen Medium.
Obwohl die öffentlich-rechtlichen Sender den Bildungsauftrag auf ihre Fahnen schreiben,
haben auch sie kaum Kompetenzen im Sinne des Wissens und dessen Vermittlung, sondern
überwiegend ein Können im Sinne der Informationsbeherrschung und der geradezu

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technokratischen Ausgewogenheit zwischen zwei Perspektiven, die wiederum im Rahmen eines
Framings völlig unreflektiert reduziert werden. Es herrscht ja keine Ausgewogenheit zwischen
dem, was wir zu wissen glauben und dem, was wir nicht wissen, sondern immer nur zwischen
zwei behaupteten Positionen, meist etabliert, die sich im dialektischen Streit befinden. Das ist
keine Ausgewogenheit, sondern die Inszenierung von Aufmerksamkeit, zu Gunsten eines
Machtapparates, der uns zwischen zwei Positionen kontrollieren und manipulieren will.
        Die Macht der Struktur, des Mediums selbst bleibt dabei stets im Hintergrund.
Sicherlich, der Konflikt zwischen der Realität und dem Abbild dessen ist so alt wie die
Menschheit selbst. Wir versuchen seit Jahrtausenden, die Wirklichkeit über das Bild zu
beherrschen, es mystisch zu meistern. Doch das Abbild bindet, isoliert und verzerrt das reale
Erleben, das Original. An diesem Versuch, an diesem Pulsieren zwischen der Vielfalt des
Universums und der Abspaltung eines Aspektes in Form von Bildinformation, ist zunächst
nichts Verwerfliches. Es gehört zur Dynamik des Lebens und bildet die Grundlage des
kreativen Geistes. Fällt jedoch das Pulsieren zwischen der Vielfalt, zwischen dem Wissen,
welches in den Verknüpfungen steckt und der Wahrnehmung eines Teilbereichs weg, um dieses
benennen und definieren zu können, nimmt die Lüge, der Fake die dominante Rolle ein und das
breite Wissen (Bewusstsein), welches die Grundlage einer humanen, einer vielfältig
begreifbaren, darum dem Fremden gegenüber toleranten Gesellschaft ist, wird zerstört. Da das
Fernsehen überwiegend ein Mittel der Reduktion ist, baut es Wissen ab, um Information zu
generieren, weshalb innerhalb des Fernsehens eine neue Struktur entwickelt werden muss, die
dem etwas entgegensetzt. Dies ist nicht der Aufstand der Vergessenen und Frustrierten,
sondern die Rückkehr der MitgestalterInnen, ja des kreativen Menschen selbst. Aus dem Dreck
trete ich hervor. Habe nie studiert, habe nie Erfolg gehabt, bin gescheitert. Ich weiß wovon ich
rede.
        Das ist der Urauftrag der Medienethik, sowie der politischen Bildung. Heute, da die
Massen sich missverstanden und nicht wahrgenommen fühlen, erscheint dies wichtiger als je
zuvor. Sprich aus, was in Dir ist! Unperfekt und subjektiv. Sprich es aus, bis das Medium daran
zerbricht! Die wahre Pflicht der Armen und Unterdrückten ist es, sich bedingungslos zum
Ausdruck zu bringen. Nur sie haben diese kreative Kraft, weil nur sie den Schmerz berühren.
        Auch hier muss begriffen werden, dass die Infrastruktur die Ebene ist, auf der
entschieden wird, welchen Einfluss das Fernsehen auf die Gesellschaft hat, nicht die einzelne
Redaktion, oder die Frage, ob man mehr Beiträge über Emanzipationsthemen oder mehr über
Umweltschutz senden sollte. Es ist der elementare Aufbau des Fernsehens, der die
demokratische Gesellschaft, ja sogar die Volkswirtschaft nachhaltig schädigt. Ohne ein
Gleichgewicht zu leben, zwischen Informationsvermittlung und Wissensbildung, zwischen
Spaltung und Integration, entsteht eine scheinbar aufgeklärte Gesellschaft ohne Empathie für
abweichende Handlungen, Geschehnisse, oder Denkweisen. Eine beziehungslose
Antigemeinschaft, ohne kulturelle Identität, im ständigen Kampf um Aufmerksamkeit,
gegenüber einer Reizüberflutung, die jeden tieferen Sinn abbaut. Es entsteht eine vollkommene
Monotonie und Gleichschaltung, innerhalb derer zwar bunte Bilder gesendet werden, aber nur
noch strukturelle Befehle empfangen. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen
und zu verarbeiten, wird von Generation zu Generation geringer. Wobei hier die qualitative
Intelligenz gemeint ist. Die Fähigkeit, mit Komplexität lebendig und selbstbestimmt zu
arbeiten, sie sich zu erarbeiten. Eben nicht die reine Fähigkeit, auf möglichst viele Reize
gleichzeitig reagieren zu können. Die Reaktionsgeschwindigkeit sagt nichts über die
Entscheidungsfähigkeit aus. Junge Menschen können heute scheinbar schneller auf
Veränderung reagieren, aber nicht intelligenter. Sie reagieren, aber sie entscheiden nicht. Das
sind keine Entscheidungen in einem humanistischen Sinne. Keine Entscheidung, sich treu zu

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bleiben oder das eigene Leben für das Wohl der Welt weiter zu entwickeln. Es sind
Kaufentscheidungen, Reflexe, Unruhezustände. Natürlich nicht alles. Ich versuche hier eine
Tendenz zu beschreiben.
        Diese Tendenz mag zwar zu einer scheinbar pflegeleichten Menschheit führen, aber was
für ein Verbrechen ist es gegenüber der Schönheit und Vielfalt des Lebendigen, gegen die
natürliche Schöpfung selbst? Gebt uns unsere Prozesse! Unsere Krisen! Es ist meine Krise,
mein nicht Verstehen und meine Suche! Sie ist mein Geschenk an Dich!
        Wir leben in Zeiten, in denen allgemeine Alternativlosigkeit und Ratlosigkeit herrscht.
Immer mehr Konflikte wachsen zwischen Ländern, Religionen und Kulturen. Ist es nicht Zeit,
einen der wesentlichen Wirkungshebel all dieser Probleme zu betrachten? Die Medien!
        Da ihr Wahrheitsbegriff ein Konstrukt ist, eine Schutzbehauptung, um ihre Arbeit zu
legitimieren, orientiert sich die MedienmacherIn stets am Naturwissenschaftlichen, also an der
Technologie und deren Notwendigkeiten. Wäre der Wahrheitsbegriff der Medien an eine
ethische Maxime oder Philosophie geknüpft, würden wir täglich darüber streiten, ob nicht wer
anderer die Nachrichten verlesen sollte. Wir würden Nachrichtenredaktionen in Wahlen
bestimmen. Intendanten müssten sich demokratischen Prozessen stellen.
        Die Macht der fotografischen Technik hingegen diktiert die Kriterien der Wirklichkeit
mit Begriffen wie „Schärfe“, „Zeit“, „Aktualität“ oder „Professionalität“. Darin gibt es keine
Relativierbarkeit. Ein Bild ist scharf oder unscharf, richtig oder falsch belichtet. Die Aktualität
ist das, was jetzt passiert, unabhängig vom historischen oder kulturell bedingten Bezug.
        Dort wo die Kamera auftaucht, hat sie Vorfahrt, wie die Polizei oder Feuerwehr. Die
Pressefreiheit ist zuerst die Freiheit der Kamera, erst dann die Freiheit der Meinungsbildung.
        Die Technologie verspricht Realismus und wer die Technologie in ihrem Sinne perfekt
beherrscht, der dient auch dem Realistischen. Die JournalistIn hält darum sachliche und
technische Kriterien ein, die immer darauf abzielen, die Information rein zu halten, ja in ihrer
Reinheit zu entdecken.
        Es wird so getan, als könne die Information vom Wissen unabhängig existieren und als
sei diese reduzierte Nachricht in jedem Fall eine nützliche Form der Wahrheit, die nicht auch
schädliche Auswirkungen hat. Weil sie eine Abspaltung, eine Reduktion ist. Man setzt die
Fähigkeit des Betrachters, die Information selbstständig zu verarbeiten voraus, tut aber nichts,
um diesen Prozess der Integration und Verarbeitung in irgendeiner Weise zu unterstützen.
Ganz im Gegenteil. Es wird kein Raum gelassen, um die Information zu verarbeiten. Die
Meinungsfreiheit, die in erster Linie die Freiheit ist, sich eine Meinung zu bilden - was Zeit und
Raum benötigt - bleibt im Medienbetrieb ein abstrakter Begriff, ohne praktische Relevanz für
die Arbeit der Mediengestalter.
        Die Meldung von einem Brand in einem Hochhaus in New York beispielsweise hat in
New York als Kurzbotschaft eine bestimmte Berechtigung. In Berlin aber ist dies unter
Umständen nur noch eine Botschaft, die Beziehung zum Berliner Alltag verweigert, irritiert
und ablenkt. Sie besagt, dass ein Hochhaus in Amerika auf jeden Fall bedeutender ist, als ein
Kindergarten in Berlin. Das Medium schafft diese Verknüpfung und negiert den Umstand, dass
der Betrachter kaum eine Chance hat, diese Verbindung eigenständig zu verarbeiten, weil das
Format dies nicht vorsieht. Die Information wird von oben herab versendet, ohne die
Möglichkeit zu eröffnen, diese auch in Frage zu stellen, oder von Berlin aus individuell und
anders zu gestalten. Das passiert zwar vielleicht, aber nicht weil das Medium bewusst etwas
dazu beigetragen hätte. Eine eigenständige Verknüpfung zu erarbeiten, als Voraussetzung,
damit eine Gesellschaft sich eigenständigen und vom Mainstream abweichenden Meinungen
annähern kann, bleibt dem Einzelnen überlassen. Man lässt diesen damit allein. Zweck einer
solchen Botschaft in Berlin ist es deshalb vielleicht, viel mehr eine Information als Reiz zu

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setzen, um zu dominieren und eben kein Angebot einer gegenseitigen Beziehung. Es suggeriert,
Mitgefühl erzeugen zu wollen, baut aber in der Struktur Mitgefühl ab. Weil es echte,
authentische Beziehung behindert.
       Die     Folge    ist    das    überall    zu     beobachtende      Geheuchel    medialer
Betroffenheitsberichterstattung, in der Hierarchien verfestigt werden und Verknüpfungen
abgebaut. Man könnte sagen, umso mehr man Informationen überlappt, aneinander reiht, ohne
dass diese die Kontrolle der Berichterstatter verlassen und wieder zu assoziativer und frei
gestaltbarer Beziehung werden kann, umso weniger wissen wir. Umso weniger sind wir, ja leben
wir unser ganzes Potenzial als Individuum und Menschheit.
       Uns werden Machtstrukturen durch die Infrastruktur des Informationsaufbaus
vermittelt, aber wir dürfen nicht an der Intelligenz der Welt teilhaben. Nicht selbst erfahren.
Die einzelne Nachricht bedeutet nichts. Es ist die Art, wie sie uns vermittelt wird, die unser
Leben dominiert und unsere Freiheit abbaut. Eben diese Macht der Vermittlung müssen wir uns
von den Konzernen zurück holen. Um sie selbst zu gestalten. Egal, was es kostet. Die Medien
sind eine Festung, die wir erobern müssen. Sonst ist unsere Zivilisation verloren.
       Dies mag heute wie eine romantische Fortschrittskritik klingen, ist aber tatsächlich das
genaue Gegenteil davon. Die traditionellen Medien stehen einem Fortschritt im Weg, in dem
mündige Bürger die Technologie diktieren, die sie haben wollen und sich am bewussten
Gesellschaftsdesign beteiligen. Die Zeit der oligarchischen Eliten, die aus dem Adel hervorging
und Titel gegen Nadelstreifen tauschte, ist vielleicht vorbei. Mehr Kreativität, mehr
Überraschung sollte gewagt werden, um wieder aus der wirtschaftlichen und kulturellen
Schwäche heraus zu kommen, die der Kapitalismus heute bedeutet. Diese ist nicht die stärkste,
denkbare Wirtschaftsform, sondern die Schwächste. Sie ist zu einer Behinderung von
Fortschritt geworden, nicht zu einem Mittel, um eine in sich vielfältige und breite Kultur und
Gesellschaft zu entwickeln und erhalten. Wir brauchen dynamischere Weltbilder und mehr
Integration, mehr Kreativität.
       Medieninformation ist immer ein gewählter Ausschnitt, eine reduzierte Perspektive, wie
das viereckige Fernsehformat in einer organischen, rundlichen Welt. Keine gute Grundlage, um
komplexe Probleme zu lösen, oder gar vielfältige Menschen an neuen Lösungen zu beteiligen.
       Information ist nicht Wissen, weil Wissen ein Prozess der Verarbeitung von Information
ist. Was dafür notwendig ist, wird von den Fernsehmachern nicht beachtet, weil sie sich allein
an den Bedürfnissen der Kamera, der Technologie der Informationsübertragung orientieren.
Und dies geschieht, weil es um die Art der Vermittlung geht, nicht um die einzelne
Information.
       Die Frage lautet darum heute nicht mehr vorrangig, ob die Information richtig oder
falsch ist, sondern wie sie verbreitet wird. Gelingt es, die Infrastruktur wieder unter die
Regierung durch die Bevölkerung zu bringen, sie den Konzernen und den politischen Parteien
zu entreißen, kann es zu einer Liberalisierung und Öffnung des Umganges mit Wissen und
Information kommen. Die Infrastruktur muss im Auftrag der Bevölkerung erschaffen werden
und entsprechend hinterfragt, ständig kontrolliert, diskutiert, erweitert und im transparent
gelebten Dienst am Menschen verbessert werden. Wir können die Konflikte dieser Welt nicht
bearbeiten, ohne unsere Kommunikationsmethode zu verändern, die uns immer weiter von
einander abspaltet. Ohne andere Medien ist kein Frieden möglich.
       Natürlich ist heute nicht alles im Fernsehen schlecht. Ich selbst habe viele Jahre als
Kameramann, als Trickfilmproduzent, als Autor, als Journalist, als Pressefotograf, als
Konzeptioner von Medienformaten gearbeitet. Überall entstehen auch spannende,
unterhaltsame Beiträge und es gibt wirklich gute JournalistInnen. Immer mehr von uns fühlen
aber heute, wie Zensur und Verhinderung zunimmt, wie die Medien sich immer weiter von dem

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entfernen, was Presse oder Kreativität eigentlich sein sollte.
        Wir sind sensibilisiert. Noch vor 13 Jahren hielt ich einen Vortrag vor 1000 Art-
Direktoren und Medienkreativen, in dem ich die Werbung als die Gesellschaft schädigend
darstellte. Damals verließen viele aufgebracht den Saal. Heute stellt sich die Frage, ob Werbung
in der jetzigen Form nicht komplett verboten werden muss. Sie verzerrt den Wettbewerb und
reduziert den Markt auf die Marken einiger weniger Konzerne, die sich landesweite Spots
leisten können. Dies hat Zentralisierung und Monopolisierung zur Folge, was letztlich die
breite Volkswirtschaft schädigt. Ein Umstand, den genauer auszuführen, hier zu weit führen
würde, worüber ich viel in „Working Economy“ gesagt habe. Ich will damit ausdrücken, dass
alles in den Medien auf dem Prüfstand steht und es keine Tabus in dieser Diskussion geben
darf. Es wird schwer möglich sein, die Struktur des Fernsehens grundlegend zu ändern, wenn
nicht auch die Werbung darin eine veränderte Rolle und Position einnimmt.
        Das Organische Fernsehen ist ein Ansatz, indem die Wissensentwicklung die
Informationsübertragung fundamental ergänzt. Es ist ein Fernsehen, welches nach dem Vorbild
des Menschen entwickelt wird und nicht nach jenem der Technologie.

Die Schaffung eines neuen Fernsehens

Im organischen Fernsehen ist die Information von dem Anspruch der statischen, sachlichen,
objektiven Wahrheit befreit und es wird der Frage nachgegangen, wie Information als geistiges
Ökosystem, als lebendiges Wissen optimal und nachhaltig behandelt und gepflegt werden
sollte, um dem Menschen in dessen Breite und Vielfalt gerecht zu werden. Ich kann und will
hier nur einen Weg andeuten, eine veränderte Haltung. Diese soll sich subjektiv weiter
entwickeln und auch von Ihnen verändert werden! Es passiert zwischen uns.
        An dem Tag, an dem das organische Fernsehen begann, entstand erstmals wieder eine
Beziehung zur Information. Sie wurde zu einem Angebot an die eigene, subjektive Weltsicht,
ohne diese zu penetrieren, zu entwerten.
        Ein Gefühl großer Erleichterung war im Land zu spüren. Ein Aufatmen. Endlich war
man in Ordnung. Gesehen, wahrgenommen und hatte eine eigene Stimme.
        „Ich darf mir also wirklich, tatsächlich eine eigene Betrachtung aneignen? Mir ein Bild
machen und abweichend darüber denken? Sogar über den Terrorismus“, fragt die junge
Journalistin in der Redaktion.
„Ja, Terrorismus kann vieles bedeuten. Es ist heute schwer, direkt darauf zu reagieren. Darum
hat es kaum noch Macht über die Leute“, antwortet die ältere Kollegin.
        Organisches Fernsehen will die Information als Lebensform betrachten, die
Perspektiven benötigt, wie Nährstoffe, Polaritäten wie Vitamine, Integration wie Luft zum
Atmen und Zyklen wie Herbst und Frühjahr. Weil all das erforderlich ist, damit der kollektive
wie der individuelle Geist diese verarbeiten und zu lebendigem Wissen integrieren kann, statt
nur unbewusst von den Medien programmiert zu werden.
        Im Mittelpunkt steht die assoziativ, ja frei verknüpfte Information als Baustein von
Wissensprozessen. Das Recht auf Information ist nun das Recht auf organische Information,
statt auf eine behauptete Wahrheit, die den Betrachter entmündigt und von dessen Erweiterung
ausschließt.
        Die Meinungsfreiheit beruht nicht auf nackter Information, sondern auf der
Möglichkeit, sich Wissen zu erarbeiten. Also auf dem Recht, Information selbstständig
verarbeiten zu können. Dies darf nicht eine Behauptung sein, sondern muss Teil des Mediums
werden. Es darf den Medienmachern nicht zur Ausrede werden, dass man ja nur die
Information liefere und es in der Verantwortung des Betrachters liegt, daraus Meinungsfreiheit

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zu machen, wenn gleichzeitig die Information durch den Aufbau der Medien strukturell
verkürzt und Wissensprozesse weitgehend ausgeschlossen sind. Es darf keine Abspaltung
zwischen Information und Wissen geben, sondern beide müssen von Anfang an ineinander
verwoben, miteinander in Kontext gesetzt und wie ein Ökosystem gepflegt werden. Im Sinne
des Wissens und nicht im Sinne des Mediums.
        Viele sehnen sich nach einem echten Journalismus, nach Qualität und Unterhaltung,
nach Intelligenz, Tiefe und Humor. Die Art, wie das Fernsehen heute Wissen, Information und
Unterhaltung vermittelt, ist nicht zufällig entstanden und hat einen Hintergrund. Auch sind die
negativen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen des Fernsehens erforscht und
bekannt. Darum bedeutet dieses Konzept, weil es eine qualitative Verbesserung des Fernsehens
zur Folge hat, nicht zwangsläufig, dass diese Ideen keine Reibung, keinen Widerspruch bei
jenen auslösen wird, die vom Status-quo profitieren. Etwas zu verbessern, ist heute selten eine
Tätigkeit, bei der man offene Türen eintritt. Auch dieser Prozess muss moderiert, muss
begleitet werden. Wo nötig, gilt es, Ängste und Tabus zu überwinden.
        Seit 50 Jahren flackern unzusammenhängende Inhalte, zunehmend schneller
geschnitten, immer öfter unterbrochen, in den Wohnzimmern, über Computer, Telefone oder
andere Bildschirme. Lediglich die optische Qualität hat sich gesteigert, die Effekte und die
Fähigkeit, die dreidimensionale Realität abzubilden, scheint kaum noch steigerbar. An der
inneren Struktur des Fernsehens hat sich, wie gesagt, wenig verändert.
        Es gab das eine oder andere neue Format. Dabei wurden gesellschaftliche Grenzen meist
weiter abgebaut, neue Spaltungen geschaffen und weitere Formen der Demütigung,
Demoralisierung und Verdummung erzeugt. Was an der Spaltung schaffenden Struktur des
Fernsehens liegt. Das öffnet Tür und Tor für unbewusste Rituale des Machtmissbrauchs, der
Vorurteile, der Denunziation von Randgruppen und der Entwertung von Menschen mit
abweichenden Lebensmodellen. Das Medium baut demokratische Strukturen ab. Auch die
zunehmend häufigeren Verknüpfungen mit dem Internet bedeuteten, wie erwartet, bisher
keinerlei strukturelle Innovation, die dazu geführt hätte, dass der Umgang der Medien mit
Wissen sich den natürlichen Bedürfnissen des menschlichen Organismus, ja des menschlichen
Bewusstseins im konstruktiven Sinne angepasst hätte.
        Wissen, Kultur, Intelligenz, Humor, sind keine Fabrikwaren, die man beliebig
aneinander reihen und summieren kann, ohne sie elementar zu schwächen. Was ist
beispielsweise durch das Fernsehen aus der Musik, in kultureller aber auch wirtschaftlicher
Hinsicht, geworden? Sie wurde austauschbarer und Originalität, radikal neue Ansätze sind
kaum noch umsetzbar. Man hat die Zuschauer auf eine Art erzogen, die es neuen Innovationen,
ja allem, was zunächst irritiert, extrem schwer macht. Denn an dieser Stelle widerspricht das
Wissen den Kriterien der Medieninformation, die stets einseitig klar, einseitig unterhaltsam,
eine eindeutige Tendenz spiegeln soll. Darin gibt es keine Unsicherheit, die dem Zuschauer die
Chance gäbe, selbst eigene erste Schritte hin zu eigenständigen Gedanken zu gehen, sondern
überall sprechen „professionelle Präsentatoren“ und jeder, der im Fernsehen zu Wort kommt,
steht als fertiges Produkt im Raum, als abgeschlossene Information, die wie gesagt nicht mehr
verändert, interpretiert und vereinnahmt werden kann. Die Information wird darum
versachlicht und stereotypisiert. Gut oder Böse, selten etwas dazwischen, noch seltener eine
unerwartete Wendung, die nicht im Angenehmen aufgelöst wird. Ich betone diese Dinge derart
häufig, weil ich Ihnen vermitteln will, warum hier Probleme sind, damit Ihnen später das
organische Fernsehen nicht absurd, sondern als konsequente Reaktion auf die
Fehlentwicklungen des modernen Journalismus und der Mediengestaltung klar wird.
        Wegen dem Zwang zur Reinheit der Information kann auch die Dramaturgie zur
Fabrikware gemacht werden, die am Fließband produziert eindeutigen Strickmustern folgt. Hat

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man einmal kapiert, wie Film geht, wie großer Kinoerfolg funktioniert, ist man sich darüber
klar geworden, brauchen diese Prinzipien nur noch kopiert werden. Bis Erfolg nur noch ein
Zitat des letzten Erfolges ist und individuelle Erfahrung nur noch ein Trigger eines Reizes, der
an Erfolg erinnert, während wir uns längst ausgehöhlt und unterfordert fühlen.
        Medienunternehmen haben sich jahrzehntelang geradezu mit wissenschaftlicher
Präzision der Effizienzsteigerung aller Prozesse verschrieben und die Budgets zunehmend
gekürzt.
        Das hat zwar die Gewinne für die Eigentümer der Sender kurzfristig gesteigert, aber
langfristig die kreative Dynamik unserer Kultur zerstört, also die Grundlage unserer geistigen
und kreativen Gestaltungskraft, sowie die Glaubwürdigkeit der Medien. Vieles besteht schlicht
aus Formaten, die zuvor in den USA oder England liefen und in der Globalisierung günstiger
zu haben sind. Was zu einer Angleichung aller Kulturen führt.
        Doch wie ändert man das? Was kann ein neuer Weg sein? Es sind ganz einfache
Prinzipien, die den Status-quo verändern würden. Die MedienmacherInnen zeigen heute keine
Schwäche. Sie machen sich nicht angreifbar. Dadurch trainieren sie dem Zuschauer ab, kritische
Fragen zu stellen, oder eine eigene Meinung zu entwickeln. Die Selbstkontrolle der Medien
wird hier zur Behinderung der Meinungsfreiheit in der Gesellschaft. Darum dürfen die
Medien, wie auch die Kunst, sich nicht den Kriterien der Wirtschaft unterwerfen, wie der
immerzu positiven und perfekten Selbstdarstellung, sondern müssen lebendiger Kulturraum
bleiben. Bereit, Fehler zu machen und eigenständige Positionen zu vertreten.
        In der Praxis führt dieser Gedanke zu revolutionär anderen Vorstellungen davon, was
guter Journalismus, gute Unterhaltung, gutes Fernsehen tatsächlich sein könnte.
        Nämlich nicht mehr professionell im Sinne der Wirtschaftlichkeit und der schlanken
Wahrheiten, sondern menschlich und ein Risiko eingehend.
        „Wer zum Fernsehen will, muss verrückt sein“, werden Menschen vielleicht nach
Einführung des organischen Fernsehens sagen: „Es hat was mit der Authentizität zu tun“,
behaupten die Leute. „Wenn die im Fernsehen sich nicht mehr wie Freaks, Kinder und Idioten
benehmen, geht es auch der Wirtschaft schlecht. Weil denen dann nichts mehr einfällt und das
Leben monoton wird. Deutsch.“

Ein neues Verständnis von Informationsverarbeitung

Die Problemfragen bezüglich der Medien sind natürlich vielschichtig und das bisher gesagte
sollte nur eine Einleitung sein, Frau Mohn, um zu illustrieren, weshalb dieser Versuch, die
Struktur des Fernsehens im Sinne des Menschen umzubauen, wichtig erscheint, nein, ist! Mir
geht es in den folgenden Seiten darum zu vermitteln, wie Wissen im menschlichen Geist
entsteht, wie es sich weiterentwickelt, wie dieses integriert wird und wie diese Prozesse mit der
Gesellschaft und der kulturellen Entwicklung verknüpft sind.
        Ich will die Medien zu einem Impulsgeber, zu einer Plattform für geistige, kulturelle,
politische und ökonomische Entwicklung machen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.
        Mir geht es darum, Medien zu gestalten, die auf die Bevölkerung motivierend und
zugleich Bewusstsein erweiternd wirken, ohne diese Effekte durch Manipulation zu erzielen,
sondern in ganz transparenten Prozessen. Indem die Bevölkerung sich schrittweise erarbeitet,
wie der kreative Geist des Menschen wirkt und schafft. Das ist anmaßend formuliert. Ich spiele
Größenwahn. Warum auch nicht? Es macht menschlich. Es verrät so vieles, was einem selbst
nicht bewusst ist. Durch die Öffnung der Struktur und die Integration der Grundlagen, die
jedes lebendige System braucht, um wachsen, florieren und sich erweitern zu können.
        Mein Verfahren ist der bewusst subjektivierte Zugang. Wenn ich in meinen Fehlern lebe,

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meine Identität aus meinen scheinbaren Schwächen wächst, weil Abweichung zu
Individualismus und Individualismus zu kulturell vielfältigen Gesellschaften mit hoher
Lösungs- und Innovationskompetenz führt, muss ich damit aufhören, mich zu kontrollieren
und muss ich mich im Job so verhalten, dass Sie mich raus werfen, um als Mensch und eben
nicht mehr als von außen definierte Funktion in die Firmen zurückkehren zu können, um die
Strukturen von innen aufzubrechen. Ich lasse meinen Gedanken und Emotionen als
ProgrammmacherIn Freiraum. Es ist nicht entscheidend, ob ich richtig liege, sondern allein, ob
ich etwas in Ihnen in Bewegung versetzen kann. Das ist ein anderer Stil. Ein Essay, der nichts
beweisen will, sondern ausspricht, irritiert, verändert, um zu sehen was dadurch entsteht. Ich
will dem Wissen selbst dienen. Auch wenn es bedeutet, dass ich dafür selbst zum Problem
werden muss.
        Das kann auch bedeuten, dass Sie aus meinen Irrtümern lernen. Ich bin nicht hier, um
recht zu haben, sondern um lebendig zu sein. Ich will zulassen, dass etwas durch diesen Akt ans
Licht kommt, was mir selbst noch verborgen ist. Es ist mir ein Anliegen das Gesagte auch
vorzuleben, es zu durchleben, mit all den damit verbundenen Schmerzen, Irrtümern, Erfolgen
und Durchbrüchen. Ich kann mich selbst in diesem Prozess opfern, auflösen, ein anderer
werden. Das ist wichtig und die klassischen Medien mögen keine Meinung haben, aber sie
besitzen ein Ego. Sie leben eine Identität, die sie selbst nicht zur Diskussion stellt, sich selbst
nicht sehen kann. Der blinde Fleck des Mediums.
        Es gibt eine kollektive Intelligenz, wie es eine gemeinsame Kultur gibt. Diese ist nicht
ein Ablageplatz für geistige Bestandteile ohne jeden Zusammenhang, sondern ein Ort der
Evolution einer Gesellschaft. Definierte ich diese Zusammenhänge jedoch zu statisch,
beschränkte ich die Entwicklung. Wissen braucht auch „falsche“ Information. Denken Sie neu!
Erfahren Sie neu!
        Entwicklung bedarf der Irrtümer. Wissen braucht Information, die wie ein lebendiges
Wesen ist. Nicht kontrollierbar und dennoch gewissen Regeln des Lebendigen folgend. Das
Wissen ist größer als ich, weil darin im Zweifel mehr Lebensmöglichkeiten Platz haben sollen,
als es sich ein TV-Sender vorstellen kann. Die Information kann ich beherrschen. Das Wissen
hingegen nicht. Ich kann damit nur spielen, dem Raum geben. Es ist unser Lebensraum. Vom
Wissen einer Gesellschaft leitet sich alles andere ab. Die Struktur der Politik, der Wirtschaft,
der Wissenschaft. Darum hat für mich das gelebte Wissen Priorität gegenüber der Information.
Dieser Anspruch ist nicht weniger bedeutend, als die Ethik der klassischen Presse, wie
Ausgewogenheit oder das Streben nach objektiver Wahrheit. Es ist eine Erweiterung, der
Ausgleich eines zu einseitigen Umgangs mit Information. Was meine ich damit?

## Radikale Anti-News. Ein verändertes Haltungsexperiment

„In der Ukraine ist Krieg. Hundert Flüchtlinge sind im Mittelmeer ertrunken. Die kalte
Progression soll abgeschafft werden.“
       Das ist die Priorität der Information. Um dem Wissen Priorität zu verleihen, muss die
Information zunächst von ihrem Anspruch auf Wahrheit getrennt und lediglich als Impuls
innerhalb eines Wissensraumes behandelt werden. Damit Sie verstehen können, was
organisches Fernsehen bedeutet, spiele ich Ihnen jetzt Anti-News vor. Das Gegenteil dessen,
was Sie gewohnt sind, als Strategie, um das Bewusstsein zu erweitern.
       Wenn aus Information Wissen werden soll, muss diese sich einem Prozess unterwerfen.
In diesem Prozess lernt die Information zu atmen, zu laufen, selbstständig zu denken, sich frei
zu entwickeln. Das klingt zunächst, als ließe man somit jede Lüge zu. Vergessen Sie nicht! Das
objektive Medium ist eine Illusion. Jetzt kommt Anti-News.

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       Die Wahrheit kann nur aus dem Moment heraus, aus dem direkten Kontext heraus
begriffen oder angenommen werden. Das ist für die JournalistIn in diesem Versuch ganz neu.
       Wenn Sie mir durch Ihre Sender sagen, Frau Mohn, dass in der Ukraine Krieg ist, kann
ich das nur als die Erfahrung annehmen, als die ich sie in dem Moment erlebe. In der Form des
Nachrichtensprechers, der mir dies nüchtern, und ohne breiten Kontext mitteilt. Vom Krieg in
der Ukraine habe ich hier nichts begriffen. Ich wurde lediglich informiert.
       Ich brauche darum die Erlaubnis, die eigene Wahrheit im unmittelbaren Moment höher
zu bewerten, als jene, die der Nachrichtensprecher mir mitteilt. Ich brauche nicht nur eine
Pressefreiheit, sondern auch eine Narrenfreiheit des Rezipienten. Ich nenne sie
Rezipientenfreiheit. Alles andere bedeutet, ich muss die Wahrheit des Nachrichtensprechers
annehmen, obwohl von vornherein klar ist, dass diese der Wahrheit nicht entsprechen kann.
Darum liegt es in der Pflicht des Senders, alles zu tun, damit der Nachrichtensprecher nicht den
Eindruck erweckt, tatsächlich die Wahrheit zu verkünden.
       Die Professionalisierung muss sich zum Rezipienten verlagern. Damit die Entscheidung,
die Hoheit über die Information und deren Verarbeitung allein beim Betrachter liegt. Sofort
kommt hier der Reflex des Journalisten, dass es dann ja nur noch subjektive Perspektiven gäbe.
Ja. Es gibt nur subjektive Perspektiven, weil Weltbilder Lebensräume sind und das Medium
bestenfalls einen Dialog zwischen den Perspektiven zeigen kann, niemals aber eine
Entscheidung zu treffen hat, welche Perspektive die Richtige ist, es sei denn, das Medium
erklärt sich selbst zur Subjektivität, gibt sich nicht als Experte, sondern als Zweifler, als
Fragende.
       Wenn im Sinne Marshall´s das Medium die Botschaft ist, dann darf das Medium sich
niemals dessen selbst sicher sein.
       Es muss die Position des Kindes einnehmen und nicht jene des Erwachsenen. Erst wenn
es das tut, fühlen sich die Menschen befähigt, die Information selbst zu verarbeiten. Natürlich
gibt es auch ein Dazwischen, Grautöne, Übergänge usw. Aber dies soll ein Beispiel sein, um
etwas zu erklären.
       Um dies zu fördern, ist es notwendig, dass die Medienmacher die Information auf eine
Weise aufbereiten, die dem Wissensprozess dienlich ist, also das Gehirn, die Emotionen, die
Perspektiven auf eine Weise stimuliert, die nicht Neutralität, oder Ausgewogenheit von zwei
Perspektiven anstrebt, sondern Dynamik maximale Lebendigkeit einer Information. Somit
kann sie von möglichst vielen Menschen auf eine ganz eigenständige Weise aufgenommen
werden. Was dann zwischen den Leuten im Austausch als Realitätsraum gestaltet wird,
entspricht wesentlich mehr dem, was uns als Wirklichkeit nah ist, womit wir etwas konkret
anfangen, was wir mitgestalten können. Es gibt dann keine abstrakte Information vom anderen
Ende der Welt, die hier zur identischen Antworten führt, sondern regional bildet die
Menschheit auf dasselbe Problem komplett andere Antworten, was der für eine freie
Gesellschaft bessere Zustand ist. Globale Probleme werden geringer und Macht wird
gebrochen. Lebensgestaltung wird für mehr Menschen unmittelbar zugänglich. Das
Aufbrechen der Weltbilder und Wirklichkeiten in subjektive Räume, führt zu einer
lebendigeren      Wirtschaft,    einer   stärkeren      Kultur    und    festen,   solidarischen
Beziehungsstrukturen. Menschen müssen sich einander wieder annähern. Das organische
Fernsehen ist also ein Schritt zur Belebung der Gesellschaft.
       Natürlich ist das am Anfang ein Krampf. Eine Übertreibung. Es geht mir um den
natürlichen Flow. Folgen Sie dem, was stimmig ist! Mal hat man einfach Autorität. Eine
natürliche Autorität. Aber eben nicht jeden Tag und das fünf Tage die Woche, in einem Büro,
einer Redaktion mit den immerzu selben Gesichtern und hunderten Zusammenhängen, die
verborgen bleiben, die ich nicht erwähnen kann, darf und will.

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        Wie aber sieht diese neuartige Behandlung der Information konkreter aus?
Mein Geist muss die Polaritäten der Information in die Extreme denken, um abwägen zu
können. Um den Flow zu finden. Der Wissensprozess braucht also Polaritäten.
        Klassischer Journalismus nimmt stets die zwei naheliegenden Pole und versucht diese
ausgewogen darzustellen. Damit wissen wir aber nur über einen beschränkten Bereich des
Themas bescheid. Nämlich über den Machtkampf zwischen zwei Sichtweisen. Unsere
Wahrnehmung wird im klassischen Journalismus also geframed und reduziert, auf den
Machtbereich von zwei Parteien, was diese durch erhöhte Aufmerksamkeit fördert. Im
Hintergrund wird dadurch wieder Verhalten und Akzeptanz für die Beschränkung auf diese
zwei Pole manipuliert. Im Sinne des Wissens braucht es deutlich mehr Polarität. Die Frage, ob
die linke oder die rechte Seite den Krieg angefangen hat, sagt nichts über den Krieg aus. Ist es
überhaupt Krieg genug, um ein Krieg zu sein? Wo sind die extremen Ecken des Themas? Darf
in Europa überhaupt über einen Krieg berichtet werden, wenn hier niemand mehr versteht, was
Krieg überhaupt ist? Müssten wir nicht andere Worte finden, um den Schmerz überhaupt
vermitteln zu können? Wem nützt es, darüber zu berichten? Wo in der Ukraine ist jetzt
Frieden? Wo überall wird in diesem Moment nicht gekämpft? Was bedeutet das? Wie sieht das
aus? Dass ich den Flow erwähne, ist ganz zentral, denn ich meine mit dem organischen
Fernsehen keineswegs einen willkürlichen Raum kreativen Irrsinns. Sondern die Befreiung der
Information, von den Ketten des klassischen Journalismus, um näher an das Stimmige ran zu
kommen. An den stimmigen Moment. In jedem Thema verdichtet sich ein Momentum. Dinge
passieren, Perspektiven kommen hinzu. Es passiert nicht alles gleichzeitig. Die ganze Welt. Es
gibt etwas, wie natürliche Relevanz. Eine Relevanz, die nicht manipuliert wird. Diese ist ohne
den persönlichen, individuellen Zugang des Betrachters jedoch nicht auffindbar. Das klingt
jetzt wie ein Widerspruch, weil ich doch gerade geschrieben habe, dass es keine objektive
Botschaft gibt. Das stimmt. Aber das, was als Realität passiert, geschieht auch nicht willkürlich.
Es geht um die Annäherung innerhalb eines dynamischen Bezugssystems. Das Unbewusste wie
das Bewusste sollten in einem Gleichgewicht stehen. Dafür braucht es dieses kreative Moment.
Die Möglichkeit, dass im organischen Fernsehen etwas zum Ausdruck kommt, was vom
rationalen Gehirn sonst ausgeblendet werden würde. Oder was durch die Entfernung des
Subjektiven aus der Dynamik der Wahrnehmung unerkannt bleibt. Das Bewusste wie das
Unbewusste müssen gleichermaßen in den Vordergrund gelangen können. Dadurch wird
lebendiges Wissen generiert.
        Es ist eine Kunst, das Momentum aufrecht zu erhalten, also nicht zu schnell feste
Strukturen anzustreben, um davon beispielsweise einen Status abzuleiten. Belohnt werden in
unserer Welt meist nur jene, die etwas Fertiges, etwas Statisches geschafft und durchgesetzt
haben, aber nicht jene, die lange genug unsicher waren, damit sich eine komplexere, neue
Ordnung herausbilden konnte. Die immer in einem Dreiecksverhältnis steht zwischen dem
Individuum, der Gesellschaft, der Welt, oder zwischen Sender, Zuschauer und Ort des
Geschehens. Im organischen Fernsehen wird zu der Seriosität des klassischen Journalismus ein
instabiles Teilchen hinzugefügt, welches die ganze Sache erst lebendig macht. Eben dieses
Handwerk will ich hier erläutern.
        Indem die Pole weiter ins Extrem getrieben werden, entstehen Assoziationen, die das
Gehirn anregen. Es kommt zu Ungleichgewichten, zu einer Unausgewogenheit. Diese ist im
organischen Fernsehen essenziell, denn sie bedeutet, dass die Zuschauer selbst zu denken
beginnen und mit ihren eigenen Vorstellungen die Welt mitgestalten. Es ist das erste Ziel des
organischen Fernsehens, den Zuschauer zu verunsichern.
        Gibt es die Ukraine überhaupt? Wer sagt das? Im Sinne des Wissens muss die
Information auch in Bereiche entfaltet werden, die man im Interesse der medialen

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Informationsregeln nie betreten würde.
        Man hält heute die traditionelle Vorgehensweise für richtig, nennt es seriös, aber
dadurch werden Verknüpfungen reduziert und Wissen geht verloren. Das Wesen des Wissens ist
die Breite. Die Information, dass in der Ukraine Krieg ist, kann dazu führen, die Frage zu
stellen, was diese Information in Berlin oder Wien oder London bedeutet und was es dort mit
einem macht. Wie verändert es den Umgang mit der eigenen Politik? Manches mag hier
abwegig erscheinen, was daran liegt, dass uns antrainiert ist, die Realität als etwas Reduziertes,
etwas beweisbar Einschränkbares zu begreifen. Und nicht als dynamisches Bezugssystem, in
dem wir als komplexe Wesen existieren. Für den menschlichen Geist jedoch, ist
außerordentlich wichtig, dass das Wissen sich frei entfalten kann, weil es eine Lebensform ist.
Ein Ökosystem, welches dazu dient, möglichst vielen und möglichst unterschiedlichen
Menschen Lebens- und Entwicklungsraum zu geben.
        Klassische Medien roden den Wald, in dem wir leben. Für die einen wird das
Sozialsystem von Faulen und von Migranten geplündert. Für die anderen gibt es nur das hohe
Ideal der Menschenrechte, welches aber nicht mehr finanzierbar scheint. Das Leid dazwischen
hat keine Sprache. Auch keine Dynamik, um zu einer neuen Antwort gelangen zu können.
Ebenso wenig gehört werden die vielen Alternativen, die es zu den zwei Hauptpolen des
Themas gäbe. Weil die Medien die Information zunehmend isolieren, um sie verbreiten zu
können, schaffen sie selbst Dogmen und Einschränkungen, die sich fortpflanzen, bis nur noch
über Vorurteile diskutiert wird. Diese findet man in politischen Talkshows, wo die bestehenden
Sichtweisen gegeneinander inszeniert werden, ohne sich aber je weiter zu entwickeln oder zu
erweitern. Daran sterben Menschen - Frau Mohn. Wissen Sie das nicht?
        Es hat einen tieferen Grund, warum die Welt nicht auf den Punkt reduziert werden
kann. Denn dies bedeutet die in den Abweichungen von der praktischen Norm lebenden
Menschen und geistigen Konzepte, Emotionen, kollektiver und individueller Natur zu
verletzen und zu entwerten. Das ist eine der Grundlagen sozialer Verwerfungen und Kriege.
Weil sich, was in den Medien an Verhaltensmustern dargestellt wird, in die Verhaltensmuster
von Familien, ArbeiterInnen oder PolitikerInnen überträgt. Die ständige Herabsetzung der
einen Information gegenüber der anderen, um Status zu generieren.
        Was glauben Sie, was den Schmerz von Israelis und Palästinensern von Generation zu
Generation aufrecht erhält? Oder die Vorurteile von Amerikanern und Russen? Es ist nicht die
richtige oder falsche Aussage, die Ungerechtigkeit und soziale Kälte, wie
Innovationsunfähigkeit in der Welt vermehrt, sondern die Vorstellung, es gäbe richtig oder
falsch über den Moment hinaus. Es ist die Infrastruktur, das System, welches uns
aufgezwungen wird, welches die Probleme erzeugt. Und dieses erstreckt sich weit über das
Fernsehen hinaus.
        Darum ist es aus meiner subjektiven Sicht notwendig, eine Methodik zu integrieren, in
der die Information wieder im Sinne des Wissens und nicht im Sinne der Technologie und der
industriellen Funktion vermittelt und bearbeitet wird. Es braucht also das Prinzip der freien
Beziehungsgestaltung, der Kultur, der eigenständigen Verknüpfung.
        Kultur und Wissenschaft müssen strukturell wieder gemeinsam in Dialog treten. Das
Prinzip objektiver Wahrheit muss ein dynamisches Gleichgewicht mit subjektivem, kreativem
Impuls finden. JournalistInnen und KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und PsychologInnen,
engagierte BürgerInnen und Menschen aller Denk- und Lebensrichtungen könnten sich daran
beteiligen. Vom Profifernsehen zum Bürgerfernsehen. Das aber ist ein langer Weg, der bereits
in den Schulen beginnen muss. Bis letztlich die Frage gestellt werden kann, welche
Kommunikationstechnologie die Menschen wirklich wollen. Da entstehen Fragen, die nie
gestellt wurden.

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<!-- PDF page 43 -->

        Aber auch für diesen offenen Prozess braucht es eine zugrunde liegende Struktur. Eine
Ordnung. Und die entsteht im organischen Fernsehen über die Orientierung an der
Entstehung von Wissen, als Mechanik der Natur. Sie ist nicht reduziert auf die Frage der
effizienten Vernetzung von Information, sondern will gelebte Beziehung. Das ist eine komplett
andere Zielsetzung. Ein gewaltiger Unterschied. Blicken Sie mit mir in eine mögliche Zukunft!
        Bei der Pressekonferenz am Samstag in Berlin. Plakate zum organischen Fernsehen sind
schon gedruckt. Es herrscht Aufregung. Wir sind jetzt fünf, die dafür Geld bekommen haben,
es zu versuchen.
        Journalistin: „Warum dieses neue Fernsehdingens denn an Prinzipien der Natur
ausgerichtet ist? Das würde mich mal total interessieren.“
Ich räuspere: „Das hat mit den Organen zu tun. Mit der Funktionsweise. Wie die Natur Dinge
aufbaut. Lebensformen. Es ist eine Vermutung. Ich kann es nicht wissen, bevor ich es nicht
tue.“
        Journalist: „Was denn für Lebensformen? Sind Sie denn hier ein Zoo, oder was?“
        „Nee. Zoo sind wir nicht. Wir sind das organische Fernsehen. Wir machen die Dinge
nicht nach einem professionellen Prinzip, sondern wie sie uns gerade kommen.“
        „Ist das lustig, oder wie?“
        „Keine Ahnung. Wir probieren einfach mal. Oder wissen Sie etwa schon, was das
organische Fernsehen ist?“
„Aber Sie haben es doch erfunden.“
„Gefunden. Zwischen den Zeilen. Es ist mir passiert. Es ist, was es ist. Sicher nicht der
schlechteste Anfang. Was würde Sie denn interessieren?“
„Wie soll das professionell, also konkret umgesetzt werden.“
„Wir sind doch schon da. Hier jetzt, meine ich.“
„Aber es passiert nichts.“
„Wir machen jetzt gerade Fernsehen. Ich für meinen Teil bin noch etwas müde, weil ich sonst
nicht so früh aufstehe und darum bin ich gerade etwas langsamer. Die Kathrin hingegen ist ein
ganz anderer Mensch.“
        Kathrin: „Es wurden gerade vier Karikaturisten in Paris ermordet. Darum fühlen wir uns
wie Satiriker, die schlecht drauf sind. Ist doch ehrlich, oder nicht.“
„Ist das nicht pietätlos?“
„Ist mir grad rausgerutscht. Passt doch. Sagt doch was aus. Darf ich denn nicht komisch sein.
Warum darf ich darüber keine Witze machen? Was ist eigentlich hier los? Das ist doch
organisches Fernsehen. Dass sich hier keiner mehr traut, komisch zu sein.“
        Nachdenklichkeit. Es folgen Tage der Irritation. Langsam entstehen neue Formate. Es
ist schwer, die Information von der Kontrolle zu befreien, sie sich entwickeln zu lassen, durch
einen selbst hindurch. Weil man dabei selbst sichtbar wird. Die Kritiker meiner Haltung werden
mir vorwerfen, dass ich zur journalistischen Todsünde der Spekulation aufrufe, dass ich die
Tradition des Journalismus in Frage stelle. Dies stimmt nur im Paradigma eines traditionellen
Wahrheitsbegriffs. Also der Annahme von Autoritäten und Eliten, sie könnten durch
festgelegte Methodik die Wahrheit für andere, also in Arbeitsteilung, in der Welt besorgen und
in die Wohnzimmer liefern. Ohne diese Wahrheit in irgendeiner Weise zu verzerren, denn sie
sind ja Profis. Profis der Informationsübertragung, aber eben nicht Profis des Wissens, denn
dafür müssten sie sich auf offene Prozesse einlassen, ja unsicher bleiben, was in direktem
Widerspruch des inneren Zwangs zum selbstsicheren Vortrag, zur perfekten Vermittlung von
Information steht. Sie müssten den Umstand akzeptieren und integrieren, dass sie in jedem
Fall die Information verzerren. Sie könnten subjektive Menschen werden, was auch immer das
ist.

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      Nur die NärrIn kann die Wahrheit ungehemmt aussprechen und niemals wird eine
NärrIn die Nachrichten verlesen dürfen.

Die neuen Eigenschaften der Information

Aufregung. Ein wesentlicher Baustein im organischen Fernsehen ist die Eigenschaft einer
Information.
        Es geht um Qualitäten, Kräfte und Dynamiken. Um Perspektiven und Dimensionen.
Das Fernsehen wird zur Plattform für das kollektive, kreative Gehirn der Menschheit.
„Ach, sie meinen also gar nicht Fernsehen?“
„Doch, es ist nie wieder etwas nur Fernsehen. Die Verantwortung für das Ganze bleibt. Ich
gehe nicht zur Arbeit, arbeite nicht für Unternehmen, sondern an Unternehmen. Ich bringe die
ganze Welt, meine ganze Welt mit und am Abend ist es ein anderes Unternehmen, als noch am
Morgen.“
„Wer soll das bezahlen?“
„Andere, die an Unternehmen arbeiten und wiederum an anderen Projekten arbeiten. Wenn
jeder für jeden arbeitet, arbeitet niemand mehr für niemanden, sondern nur noch für sich selbst
und gleichzeitig für die ganze Welt. Es gibt nur noch für sich selbst und gleichzeitig für die
ganze Welt, oder für das Unternehmen und dann nur noch für das Unternehmen, während das
Unternehmen für die Welt nichts mehr leistet, außer Werte zurückzuhalten, deren Verteilung
zu regulieren und das Medium zu benutzen, um Werte zu schaffen, die andere Werte abwerten.
Die Wirtschaft zerfällt und der breite Wohlstand entsteht. Die Firmen lösen sich im
authentischen Menschen auf und mit ihnen auch die Armut, die sie erzeugten.
        In der Welt des organischen Fernsehens löst sich sogar das Fernsehen selbst auf. Es wird
zu einem Werkzeug der Kultur.“
        Ein Medium, welches nicht nur eine neutrale Projektion darstellt, die es nicht gibt,
sondern mit einem Bein in der Haltung des Beobachters steht, mit dem anderen jedoch bewusst
mit erschafft und diesen lebendigen Prozess transparent hält. Die JournalistInnen dieses neuen
Mediums mischen sich in die Welt ein. Sie verlassen die Neutralität und tauschen diese gegen
eine Ausgewogenheit, die vom Zulassen und Fördern maximaler Vielfalt geprägt ist. Der
Ausgleich der Kräfte passiert nicht mehr durch Kontrolle des dialektischen Konfliktes
zwischen den Perspektiven, sondern durch Bearbeitung der Information im Sinne maximaler
Breite an möglichen Betrachtungen. Ein komplett anderes Paradigma, eine ganz andere
Grundlage, die nicht nur die Arbeitsteilung zwischen Medien, Politik, Kultur und Wissenschaft
komplett verändert, weil diese integriert werden, statt gespalten zu bleiben, sondern
Gestaltungskräfte in der Gesellschaft freisetzt, von denen wir bisher keine Ahnung hatten, dass
sie mobilisierbar sind. Sicherlich gibt es große Ängste davor.
Entscheidend ist es, eine Gemeinschaft auf Individualismus zu bauen und eben nicht den
Verführungen des Kollektivistischen zu verfallen, die sich in der Vergangenheit sofort
einstellten, als große emotionale Eruptionen Gesellschaften bewegten, die dann von
Manipulatoren für eigene Zwecke benutzt werden konnten. Es ist ein langer Weg und natürlich
kann heute niemand mehr sicher behaupten, ein freies Individuum zu sein. Was das bedeutet,
erfordert Bewusstsein, welches man sich erarbeiten muss.
        Wie gesagt, erwarte ich nicht, dass jemand dieses Konzept umsetzt. Es ist aber ein
wichtiger Beitrag, als die Stimme eines Einzelnen, die in Zeiten großer Ängstlichkeit, das
Scheitern riskiert, um etwas Großes zu versuchen. Meine Absicht ist es, dass Sie dasselbe tun.
Dass auch Sie die Gesellschaft umbauen. Wie es für Sie stimmig ist. Was dazwischen passiert, ist
das wofür sich zu leben lohnt.        Das organische Fernsehen ist bestimmt von dem bewussten

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und verantwortungsvollen Umgang mit der Tatsache, dass wir die Welt nicht nur subjektiv
umbauen, sondern auch subjektiv umbauen sollen und verzerren und der Wissensraum in dem
wir leben davon geprägt ist, wie umfangreich wir den Prozess der Annäherung, des
Zusammenspiels der unterschiedlichen Sichtweisen frei leben können, ohne von Dogmen
behindert und in ständigen Stellungskämpfen verwickelt zu werden. In den heutigen Medien ist
die Information wie ein Kind, dessen Elternteile der Ansicht sind, es sei allein ihr Kind und der
Vater oder die Mutter müsse besiegt werden, damit das Kind eine Existenzberechtigung hat.
Die Eigenschaften einer Information sind wie die Eigenschaften der Eltern, der Kräfte, die am
Ursprung der Information wirkten.          Soll das Kind wachsen, sich entwickeln, müssen
weitere Einflüsse hinzu kommen. Soll das Kind sich in die Gesellschaft integrieren, muss es mit
den Traditionen, Werten und Glaubensvorstellungen vertraut gemacht werden und zugleich frei
bleiben und eigene Entscheidungen fällen dürfen. Umso vielfältiger die Einflüsse, umso größere
Formen der Komplexität können abgebildet werden, weil diese langsam eingeführt wird.
        Die schnelle Aneinanderreihung von Informationen ist eine Form überfordernder
Komplexität, aber Komplexität an sich ist keine Überforderung, sondern die Grundlage
intelligenten Lebens. Es kommt darauf an, wie das Gleichgewicht zwischen Integration und
Abspaltung von etwas Neuem, von einer eigenen Identität eingespielt ist. Das gilt für jede Zelle
in einem Körper, wie für das Entstehen neuer Arten oder die Denkweise von Menschen. Krebs
ist beispielsweise, man könnte es vielleicht auf diese Weise sehen, die Folge von zu viel
Spaltung, zu viel Wucherung von Information, die nicht mehr integriert werden kann. Eine
Zivilisationskrankheit, die sich auch im Denken spiegelt, ja in allen Ebenen der Gesellschaft.
Die multikulturelle Gesellschaft muss nach meiner Ansicht genauso einen Weg finden,
Integration und Spaltung als dynamischen und lebendigen Prozess zu leben, wie auch die
Medien dies sollten. Wir sind alle am Gesamtzusammenspiel beteiligt. Es ist eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Menschheit in den Prozess von der Abspaltung von
Umwelt, Fremdartigem, Neuem, Altem hin zur Integration zu begleiten, dabei aber, und das ist
entscheidend und wird stets vergessen, die Integration nicht über die Spaltung zu stellen, das
Kollektiv nicht über das Individuum. Heute wird Integration ohne neue Vision des Großen und
Ganzen betrieben, was Verletzung und Konflikt bedeutet. Weil sich die, welche sich integrieren
sollen, wie auch jene, an die sich die Aufgabe des Aufnehmens stellt, an die sich jene anpassen
sollen, von beiden Seiten als Verlust, als Spaltung empfunden wird. Was Widerstand erzeugt.
Das ist Gleichsetzung von oben herab und eben nicht Integration.
        Diese ist, das denke ich zumindest, ein Prozess hin zu komplexerer, freierer, größerer
Ordnung. Durch die alle über sich hinaus wachsen können. Die große Vision muss aber ein Teil
davon sein und zwar nicht durch Institutionen formuliert, sondern aus der Zivilgesellschaft
heraus. Das braucht Zeit und Freiraum und eben auch Medien, die in der Lage sind, einen
solchen Prozess hilfreich zu begleiten und davon vielfältig zu berichten, eben ein Teil dessen zu
werden. Integration ist nicht das Diktat der größeren Gruppe über die Kleinere, sondern die
Verschmelzung abgespaltener Ordnungen zu einer komplexeren, neueren Ordnung, durch die
alle Einzelteile sich selbstbestimmt und zugleich solidarisch weiter entwickeln. Alle modernen
Probleme mit der Integration resultieren aus dem Umstand, dass die Individuen keine
eigenständigen Visionen des neuen Gemeinsamen formulieren dürfen. Sie werden weder in
einem solchen Vorgehen unterstützt, geschult, ausgebildet, noch kommen ihre Sorgen und
Schmerzen in den Medien vor, ohne diese zu vereinfachen, zu reduzieren, zu abstrahieren.
        Im organischen Fernsehen wird integriert, durch den Aufbau von kreativer Beziehung
zum Geschehen, um einen herum. Beziehung ist wie gesagt, etwas anderes, als die nackte
Nachricht. Es ist auch mehr als Recherche. Es ist ein Teil davon werden, sich darin ein Stück
weit verändern.

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        Es zählt zu den Mechanismen des Kapitalismus, dass jene, die Produkte herstellen und
auch die Medien ein Produkt sind, sich im Prozess der Produktion selbst nicht mehr weiter
entwickeln, weil alle Abläufe identisch und stabil bleiben sollen. Produkt werden ist nichts
anderes, als der Rückbau der Beziehung, hin zur abgekapselten Behauptung. Aus Dialog wird
Handel, wird Zurückhalten von Wert, von dem, was für Lebensvorgänge erforderlich ist, um
eine gewünschte Handlung zu erzwingen und dadurch den eigenen Status zu erhöhen. Ein
ewiger Kreislauf der Spaltung beginnt. Offene Entwicklung hingegen kostet stets Energie, also
Geld, was den Gewinn für die Eigentümer der Sender und Fabriken schmälern würde. Darum
ist es nicht erwünscht, dass der Arbeiter sich und das Produkt individuell während der Arbeit
weiter entwickelt, oder verändert. Sich darin ergänzt, integriert. Es kommt zur Monotonie der
modernen Erwerbsarbeit, der modernen Produktion. Dadurch fehlt es der Gesellschaft und der
Volkswirtschaft an Reibungsenergie und an ausreichend Instabilität, um Bewegung zu
generieren, als Grundlage von Evolution. Die Industrie profitiert davon, weil dadurch die
Wertschöpfung zentralisiert, die Entwicklungsrichtung einer Gesellschaft kontrolliert werden.
Im organischen Fernsehen geht es um das genaue Gegenteil. Um die Frage, wie man die freien
Gestaltungskräfte einer Gesellschaft anregt. Dafür ist es notwendig, tiefer zu verstehen, wie die
Natur gestaltet. Etwas, womit ich mich deshalb seit über 15 Jahren befasse.
        Ich will jene Mechanik des Lebendigen nicht beweisen, sondern einen Weg finden, mich
dem anzunähern. Kreativität ist nicht Willkür. Ein Narr zu sein, ist ein Handwerk, welches aus
einem tieferen Verstehen natürlicher Ordnungsmuster gewachsen ist. Das Unkonkrete ist eine
Notwendigkeit. Es soll auch für das Platz sein, was ich noch nicht verstehen kann. Wann aber
bemüht sich das Fernsehen, Unschärfe zu senden, aus Achtung gegenüber der Natur? Wann
schalten alle Maschinen sich ab, um einmal am Tag die absolute Stille zu hören, das Rauschen
aller Dinge?
        Alles, was in Natur oder Universum eine Form annimmt, sich heraus differenziert,
unterliegt ähnlichen formbildenden Prinzipien. Dazu zählt Polarität. Starke und schwache
Energie, wodurch Ungleichgewichte entstehen. Resonanz, Bewegung, Geometrie. All diese
Eigenschaften oder Ausformungen lassen sich als Spaltungen von sich selbst erschaffen. Feuer
ist eine polare Abspaltung von Wasser. Ein Gegensatz. Stein ein Gegenpol zu Luft, Materie zu
Antimaterie. Manches fließt ineinander. Dieser Flow ist nichts anderes als der Ausgleich
zwischen zwei Zuständen, in einem in sich geschlossenen System, aus dem Energie nicht
entweichen kann, sondern sich stets nur verwandelt, indem es sich heraus differenziert, um
dann wieder im Ganzen zu zerfallen. Diesen sehr komplexen Vorgang beschrieb ich
umfangreich in „Gesellschaft ohne Vertrauen“ und in dem Buch „Intima“, weshalb ich diese
Dinge hier nur andeuten will.
        Das Fließen, das Gasförmige steht in einer Dynamik zu Schwingungsprozessen oder
Formen fester Materiebildung. Man könnte sagen, dass das, woraus die Welt gebaut ist, immer
wieder durch Abtrennung, Gegensätzlichkeit, viel oder wenig Energie, Bewegung, Ausgleich
von Anziehung, Abstoßung usw. entsteht. Dabei entstehen selbstähnliche Formen. Die Welt ist
sich selbst immer wieder ähnlich, was die Form des Ganzen stabilisiert und zugleich darf darum
im System nichts von Dauer sein, oder exakt definiert, weil es sonst keine Bewegung, keine
Veränderung gäbe. Die Annäherung, die Assoziation ist der Mörtel, mit dem gebaut wird.
Verstehen Sie, dass ich Ihnen gerade versuche, den kreativen Geist zu vermitteln, damit wir dem
entsprechend das Fernsehen, das Medium umbauen können? Verstehen Sie, wie großartig
dieser Versuch ist? Die Frage ist nicht, wie wird die Wahrheit optimal übertragen, sondern wie
wird mit dem Medium die Lebendigkeit gefördert, die Kultur, die tatsächliche Grundlage von
starker Wirtschaft und Innovationsfähigkeit. Die Fähigkeit, nah an der Realität zu sein und sich
die Berührung nicht durch einen verlängerten, elektronischen Arm selbst abzutrennen.

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        Egal, ob es sich um materielle oder geistige oder emotionale Prozesse handelt. Alle
Prozesse der Natur sind in sich ähnlichen Prinzipien unterworfen. Subjektivität und
Objektivität. Innen und Außen. Die Reise ins Innere des Menschen, hin zu den tiefsten
Motiven und unbewussten Emotionen und dann wieder zurück in die Welt hinaus, wo diese
Kraft schließlich in Umsetzungen ausläuft, um dann wieder das Innere von Menschen in
Bewegung zu versetzen. Der ewige Kreislauf. Du spaltest Dich ab und integrierst Dich wieder.
Zur Information, dass es mir beispielsweise gut geht, gehört ein Gedanke, ein Satz, eine
Emotion, ein körperlicher Zustand.
        Jede Übersetzung in eine andere Lebensform, einen anderen Aspekt ist der Wechsel in
eine andere Perspektive oder Dimension. Sie alle verhalten sich in einem dynamischen
Bezugssystem zueinander. Das Ergebnis sind komplexe Lebensformen. Auch die Information
muss sich diesem Prozess stellen.
        Die großen Medienkonzerne jedoch versuchen die Information gegen das Leben zu
konservieren, zu konstruieren und zu verwalten, sie zurückzuhalten, um davon Einfluss
abzuleiten. Alles im Aufbau von Fernsehanstalten ist darauf ausgelegt, dass die Journalisten
neutral bleiben, die Information also nicht persönlich berühren, von ihr berührt werden, aber
gleichzeitig soll das Wissen sein. Wissen ohne eigene Erfahrung. Natürlich bin ich hier nicht
immer fair gegenüber denen, die alles versuchen, um einen guten Journalismus, gutes
Programm, gutes Fernsehen zu machen. Auch ich kämpfe mit der Suche nach einem neuen Weg
und den vielen Hindernissen der Praxis. Das organische Fernsehen ist nicht mit einem
Masterplan umsetzbar. Es ist eine Handlung, die Bewusstsein über Zusammenhänge
voraussetzt und wäre dieses Bewusstsein bereits ausreichend vorhanden, wären wir vielleicht
schon dort.
        Es bestünde die Erlaubnis mit der Information kreativ zu arbeiten, KünstlerIn und
JournalistIn, WissenschaftlerIn und PolitikerIn gleichzeitig zu sein. Das Zusammenspiel zu
leben.
        Warum ist es derart wichtig, die Dimensionen und Ebenen zu wechseln, um sich eine
Information zu erschließen? Bleibe ich in der Mainstreambetrachtung, sehe ich nicht das Leben
selbst, sondern die Landkarte des Ortes, ohne den Ort je zu betreten. Das Gehirn ist bei zu
vielen Menschen, wegen unserer auf Rationalität begründeten Erziehung, kaum noch in der
Lage, richtig Kontakt aufzunehmen. Wir leben in Programmen. Wir sehen ein Land mit dem
Namen Amerika, und sehen was Hollywood seit Jahrzehnten dazu produziert. Es ist nicht
einfach, sich davon zu befreien.
        Wissen braucht Emotion und Emotion ist Information, ganz konkret. Sie ist jetzt. Sie
wartet nicht. Sie passt sich nicht an. Sie kann nur unterdrückt werden oder man selbst hört auf,
zu fühlen, hört auf, von der Welt berührt zu werden. Diese emotionale Bindung ist für den
Menschen lebenswichtig. Sie ist wie Liebe, ja vielleicht ist sie sogar die Liebe. Die Sicherheit, im
Augenblick mit dabei zu sein, gesehen, pulsierend, wahrgenommen, ausgesprochen. Ohne
etwas emotional zu berühren, weiß der Mensch nichts Wesentliches über die Welt und verliert
die Fähigkeit, in ihr in der ganzen Breite zu existieren. Die Emotion, das konkrete
Unmittelbare, muss immer Vorrang haben gegenüber der Funktionalität des Mediums. Die
Technologie muss sich dem Menschen anpassen, wollen wir nicht auf unsere Technologie
reduziert werden. Das Wie ist die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Liebe ist Information.
Liebe ist Beziehung, ist Verstehen.
        Wenn ich eine feste Vorstellung einer Situation habe, versuche ich sie zunächst mit
Gerüchen zu beschreiben, oder auf Farben zu reduzieren. Welche Farbe hat dieses Land?
        Welche Farbe hat das, was da passiert, von dem ich noch keine Ahnung habe. Dann
skizziere ich Formen, Linien. Was ist da für eine Form? Welche Temperatur hat sie? Was für

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eine Bedeutung ist damit verbunden? Im Remote Viewing wird dieser Ansatz viel verwendet,
um den rationalen Verstand, der sofort alles definieren will, davon abzuhalten, die sinnliche
Wahrnehmung zu blockieren. Jeder künstlerische Prozess verläuft auf ähnliche Weise. Etwas
wird offen gelassen. Man lässt sich darin fallen, zerfällt selbst, erfährt etwas und kehrt damit ins
Bewusste zurück - drückt es aus. Im Umgang mit der Information im Fernsehen ist es wichtig,
dieses Handwerk zu integrieren und nicht nur über etwas zu berichten, von dem man glaubt, es
vor sich zu sehen, sondern auch das zu transportieren, von dem man vielleicht selbst noch
überhaupt nicht gemerkt hat, dass man es gerade zum Ausdruck bringt.
        Das ist die hohe Kunst der Vermittlung und Bereitstellung von Wissen. Die Auflösung
der Grenzen zwischen Pressearbeit, Kunst und Wissenschaft, ja sogar bis hin zu dem, was man
Intuition nennen würde. Das ist durchaus im Sinne der Effizienz, im Sinne des Realismus.
        Durch Polarisierung werden Grenzen ausgelotet. Wurzeln der Tradition schaffen
Identifikation und Vertrauen, was wiederum die Grundlage von Öffnung und Respekt ist. Sie
können heute jede beliebige Zeitung aufschlagen und finden stets eine in dieser Hinsicht
einseitige Prägung. Zu wenige JournalistInnen stellen sich die Frage, welche Eigenschaften eine
Information haben muss, um zu Wissen zu werden, oder das Wissen der Menschheit zu
erweitern. Für die einen ist Tagesaktualität und Relevanz bedeutend. Ist das erfüllt, erhält die
Information ein Alleinstellungsmerkmal, wird isoliert und herausgehoben. Sie erhält eine
Tendenz. In dieser Tendenz bleibt sie weitgehend statisch, weil die Schnelligkeit der
Verbreitung davon bestimmt ist, wie festgelegt, wie bewiesen die Information ist, damit andere
Journalisten diese nur noch kopiert weitergeben müssen. Die Meinungen verändern sich darum
in der Medienlandschaft kaum. Es gibt eine klare Auslegungsrichtung, vielleicht zwei, um die
politischen Flügel links und rechts abzudecken und das war‘s dann. Der Leser muss das
schlucken und wer einmal in der Presse negativ dargestellt wurde, hat kaum noch eine Chance
jemals wieder das verfestigte Bild zu ändern.
        Indem aber der Fokus dieses neuen Journalismus darin besteht, die Dichte an Wissen zu
erhöhen, richtet sich alles auf die Ergänzung von Eigenschaften und Dimensionen eines
Inhaltes, bis dieses zu einem Entwicklungsprozess, zu einem echten Bewegungsimpuls wird,
aus dem auch gesellschaftliche Veränderung resultiert. Dabei ist der Inhalt relevant, der einem
unmittelbar begegnet. Zu dem man einen Bezug aufbauen kann.
        Von dort aus entwickelt sie sich weiter. Im klassischen Journalismus passiert das nicht,
weil man zwar informiert, aber eine weitere Entwicklung der Information verhindert, weil die
Interpretationsbandbreite scheinbar eingeschränkt werden muss, damit die Zeitung oder das
Medium seriös und professionell rüber kommt.
        Im organischen Fernsehen werden die Börsennachrichten vielleicht nur noch von
Historikern verlesen und kommentiert. Es sind ältere Damen und Herren mit Hornbrillen, die
zwischen Geschichtsbüchern sitzend die Historie einzelner Firmen erforschen. Man fährt zu
Gründern, deren Großvätern und erforscht die Historie des Mobiltelefons, schließlich sogar
die Geschichte der Krise selbst. Auch das Thema Armut wird umfangreich in geschichtlichem
Kontext diskutiert und in einen Zusammenhang mit aktuellen Schwankungen der Kurse
gebracht. Seit Historiker das Parkett erläutern, wächst die Wirtschaft wieder.
„Zum ersten Mal in 100 Jahren begegnet ein Anleger einer Arbeiterin. In diesem Moment, die
Kameras zeigen es ganz deutlich, geht der 80 Jährige Rudolf von Hohenstein auf die 55 Jährige
Brigitte Maasen zu. Er ist sichtlich tief berührt.
Eine Angst umgibt die Situation. Es ist wie das Zusammentreffen von Benjamin Franklin, Thomas
Jefferson und George Washington, im Rahmen der Unabhängigkeitserklärung. Würde die Börse nur
jeden Tag die Geschichte zelebrieren, wären wir mit unseren Wurzeln verbunden und es wäre egal,
wenn alles zerbricht, denn was könnten wir schon verlieren?“

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Die Frage, was Eigenschaften oder Attribute einer Information sind, ist ebenfalls einem
ständigen Prozess unterworfen. Wie in den verschiedenen Kunstrichtungen findet jede Zeit ihre
eigenen dominanten Eigenschaften und Gestaltungsformen von Information. Nirgendwo mehr
nackte, unbefleckte News.
       Ich gebe dieser Information zunächst die Eigenschaften von Feuer, Wasser, Erde und
Luft. Es klingt komisch, etwas derart Bodenständiges mit dem filigranen, elektronischen
Medium zu verbinden. Gerade darum, weil es ein Bruch ist, nützt es dem Wissen, weil das
abweichende Erfahrungen erzeugt. Wie anders wäre unsere Welt, hätten die Medien in den
Tagen nach dem 11. September 2001 die Information in die Breite weiter entwickelt? Wäre
Amerika dann in Afghanistan einmarschiert?
       Gäbe es den international agierenden Terrorismus? Würden wir es Terrorismus nennen?
Gäbe es diese gigantische Verunsicherung oder hätte man aus diesem grauenhaften Impuls
etwas entwickelt, was zu einer kreativeren, menschlicheren Gesellschaft geführt hätte? Ich weiß
es nicht.
       Niemand kann das heute sagen, aber der Verdacht besteht, wir hätten mit diesen
Informationen vielleicht anders umgehen sollen.
       Das folgende Bild zeigt, wie Wissen durch formgebende Eigenschaften in Resonanz
gerät und sich assoziativ erweitert, neue Verknüpfungen schafft. Dabei spielen auch
Zeitrhythmen eine große Rolle. In welchen Zyklen muss eine Information beispielsweise
wiederholt werden, um verarbeitet werden zu können. Wie viel Zeit braucht der Mensch, um
sich eine Meinung bilden zu können? Weicht in der Wiederholung die Information stets ein
wenig von ihrer vorherigen Präsentation ab, kann das Gehirn diese besser integrieren und
verarbeiten.

## BILDMARKE

       Aus der leichten Irritation wird Energie gewonnen, weil Reibung der Entwicklung die
Power gibt. Starke Motivationen werden dadurch im Individuum angeregt.
       Ich benutze die Grundelemente nicht zufällig als erste Eigenschaften der Information.
Wir sind durch unsere Evolution von diesen natürlichen Grundprinzipien geprägt. Es sind
archaische Kräfte, die sich in der Kultur spiegeln, aber auch in der Physik. Alles entwickelt sich
zwischen Polen, transformiert sich durch Feuer, Konflikte oder fließt ineinander wie Wasser.
Durch das natürliche Ungleichgewicht der Kräfte bleibt das Wissen lebendig. Wobei ich das
Wissen als den gelebten, geistigen Lebensraum definiere. Ohne Wind, ohne Chaos in den
Gedanken, ohne die milde Integration durch die fließenden Übergänge, ohne die dicken
Wurzeln unserer Kultur, entstünde keine lebendige Entwicklung. Es gäbe kein Wissen, keine
breites Sein, sondern alles wäre nur von Feuer, nur von Wasser oder nur von Tradition
bestimmt.
       Wie aber ist demnach die Eigenschaft der Information, dass in der Ukraine Krieg ist? Ist
sie Feuer, Wasser, Erde oder Luft? Das ist nicht das, was ich meine. Die Frage lautet, ob die

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Aussage, dass in der Ukraine Krieg herrscht, einen Weg findet, mehr zu sein als eine
Information, die in der Gesellschaft die Eigenschaft des Feuers verstärkt. Dafür muss die
Information sich den Elementen stellen. Ist sie bereits ausreichend übertrieben und zugespitzt
worden, um sicher zu sein, ausreichend prägnant, also mit ausreichend Feuer dargestellt
worden? Kann die Information fließend mit anderen Informationen erweitert werden? Was
macht das mit der Information, dass in der Ukraine Krieg herrscht, wenn diese Frage
schwammiger formuliert und Schärfe raus genommen wird? (Element Luft). Ist die
Wirklichkeit vor Ort ausreichend mit anderen Aspekten verknüpft worden, um den Begriff des
Krieges auch mal zu relativieren und somit den Blick für andere Informationen zu öffnen, die
jetzt gerade passieren, aber von zu viel Feuer, zu viel Polarität verdeckt wurden? Was ist die
Geschichte, der Hintergrund unserer Wahrnehmung von Krieg? Ist uns diese bewusst, als
Bewohner der Länder, die für die Kolonien verantwortlich waren und sind?
        Letztlich ist jeder Mensch eine eigene Dimension und wenn jeder die Geschichte
eigenständig erzählen würde, wie es vielleicht früher die alten Geschichtenerzähler taten, würde
diese sich verändern. Ein Mann, der sich gerade von seiner Frau getrennt hat, würde den Krieg
aus der Sicht einsamer Männer beschreiben. Ein Bäcker wäre vielleicht daran interessiert, den
Geschmack des Brotes im ukrainischen Krieg zu beschreiben. Ein Feuerwehrmann würde
berichten, wie viele Leben er gerettet hat. Wir würden das Wissen der ganzen Welt erfahren und
wären zugleich dieses Wissen. Was ist verächtlich daran?
        Würde das unsere Zivilisation zerstören? Wäre es wirklich ein Verlust, ginge uns die
vereinheitlichte, für alle sofort verständliche Realität ein Stück weit verloren? Wem dient diese
überhaupt? Was ist Realität? Berührung, Unmittelbarkeit, Abstraktion oder Bürokratie?
        Was ich hier versuche, ist nicht einfach, weil wir verlernt haben, frei zu assoziieren. Die
Information soll rein bleiben. In der Schule lernt man das Richtige anzukreuzen. Warum kann
etwas Wesentliches nicht einfach wesentlich sein, weil es inhaltlich Wesentliches bewirken
kann? Es geht nicht darum, es genauso umzusetzen, wie ich es beschreibe. Ich will nur ein
verändertes Gefühl, eine veränderte Beziehung simulieren, herstellen, provozieren. Wie kann
ein Medium aussehen, welches sich mehr dem menschlichen Organismus anpasst? Ist auch in
diesem eine Gefahr? Etwas was ich noch nicht sehe?
        Der amerikanische Präsidentenberater Don Beck hat mal zu mir gesagt, dass jede
Lösung ein neues Problem erzeugt.
        In dem, was dazwischen passiert, liegt aber die Welt, in der Menschen wieder atmen
können, ja vielleicht zu tatsächlicher Authentizität finden.
        Das Ideal des organischen Fernsehens ist dann erreicht, wenn jede Information sich
selbst in allen Extremen und allen Positionen, integrierend und abspaltend, von links nach
rechts, schwammig und klar, offen und pointiert, radikal und versöhnend erleben und zum
Ausdruck bringen durfte. Die Aufgabe der Fernseh- und Medienmacher ist es, die Information
als Lebensform im Wissen, als Ökosystem zur Geburt zu verhelfen. Die Frage lautet nicht,
welche Positionen sind da, sondern welche Positionen können ergänzt werden.
        Mir ist klar, wie kontrovers dieser Ansatz ist. Mir geht es um das, was zwischen Ihnen
und diesen Gedanken passiert. Wenn Sie das hier Geschriebene verarbeiten, sich dem öffnen.
Was machen Sie dann morgen anders? Wer sind Sie dann? Aber ist es nicht auch die Aufgabe
der Presse und der Medien zu bewerten, einzuordnen, zu kategorisieren, also zu spalten, um
Klarheit im chaotischen Weltgeschehen zu vermitteln? Ja, aber eben nicht nur. Und was ist die
Ursache des scheinbaren Chaos? Der Mangel an Verknüpfungen oder das Zuviel davon? Wo
besteht hier der qualitative Unterschied?
        Wie viel interessanter wären politische Talkshows, in denen man am Ende einen
tatsächlich neuen Einblick in ein Thema erlangt, weil es darum geht, weil Moderatoren das

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Handwerk dazu gelernt haben. Etwas, was heute die wenigsten beherrschen. Das erfordert vom
Moderator sehr viel kreative Intelligenz und innere Flexibilität. Dafür muss man vielleicht ein
Leben voller Krisen, voller Vielfalt, voller Abwechslung gelebt haben. Man darf keine Angst
haben, was die Anderen wohl über einen denken könnten. Es käme zu Überraschungen, aus
dem Umstand heraus, dass der Sendungsablauf nicht nur von dialektischem Streit bestimmt ist,
sondern von der bewussten Suche nach neuen Eigenschaften des Themas. Eine Talkshow sieht
dann vielleicht mehr aus wie ein Workshop. Und das über einen längeren Zeitraum hinweg.
Vielleicht sogar dieselbe Talkshow jedes Jahr, über viele Jahre, bis ein neuer Kern, ein
Durchbruch erreicht wird. Was für ein Signal wäre das in die Gesellschaft hinein? Wie würde
das die Art verändern, wie Menschen auch im Alltag miteinander umgehen? Wie viel
intelligenter und wissender wäre unsere Welt, würde ich in jeder Begegnung versuchen, neues
Wissen zu leben?

## Die gesamtgesellschaftliche TV-Serie

## BILDMARKE

Es gibt im modernen Fernsehen einen Bereich, der bereits heute Entwicklungsprozesse
angemessener abbildet. Die TV-Serie. Über viele Jahre und Staffeln hinweg entwickeln sich
Charaktere und Handlungen. Die Zuschauer können mit den Figuren eine Entwicklung
durchleben. Daraus resultiert der starke Sog, den diese Serien bei vielen auslösen. Das
Organische Fernsehen ist in gewisser Weise auch der Versuch, das Prinzip der Serie auf das
Fernsehen und auf die Gesellschaft zu übertragen. Indem die Sender sich darin zyklisch, durch
jahrelange Entwicklungsprozesse hindurch immer wieder um ähnliche Themen drehen, sich auf
die Vergangenheit beziehen, in die Zukunft erweitern und den Zuschauer auf eine Reise
mitnehmen, Inhalte verdichten und spiralförmig erweitern, während die Information zwischen
Sender und Zivilgesellschaft pulsiert. Somit wird das Medium zum Träger eines geradezu
mythologischen Schöpfungsprozesses, an dem wir alle bewusst beteiligt sind. Statt mit
unzusammenhängender Information bombardiert zu werden, können wir in Resonanz mit dem
neuen Fernsehen die Gesellschaft grundlegend umbauen, erweitern und entwickeln. Intelligent,
kritisch, impulsiv und unterhaltsam. Dafür aber ist es notwendig, die Medien auf eine Weise
umzubauen, damit sie ein Abbild unseres Gehirns werden, unseres kollektiven Geistes. Das
sind sie auch heute, aber eben nicht bewusst, was bedeutet, dass niemand dafür Verantwortung
übernimmt. Für die Auswirkungen und Wechselwirkungen, die Fernsehen auf das
Gesamtsystem Gesellschaft hat.

## Die Bildung neuer Informationscluster

Klassisches Fernsehen gestaltet Programme, die linear ablaufen, aber es bildet kaum
thematische Gruppen oder Cluster. Von Themenabenden abgesehen. Wobei ein Themenabend
nur die einfachste Form dessen ist, was ich mir unter Clusterfernsehen vorstelle, statt reiner
Programmgestaltung. Cluster sind im organischen Fernsehen sich spontan bildende
Kontextualisierungen, die entstehen, um der Information neue Eigenschaften zu geben. Dazu

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muss die Produktionsweise von Medienformaten erweitert werden, was durch
Produktionstechnologie, die zunehmend unkomplizierter erscheint, leichter machbar ist, als zu
Zeiten, in denen man für alles einen Ü-Wagen brauchte und die Rekorder noch von den
Kameras getrennt, als schwere Boxen umher geschleppt werden mussten. Heute kann ich mit
jedem Handy in wenigen Minuten einen Beitrag produzieren, ein Interview filmen oder einen
Spielfilm drehen. Natürlich nicht „Herr der Ringe“ und im Clusterfernsehen geht es auch nicht
darum, den anspruchsvollen Film abzuschaffen, sondern schlicht mehr Flexibilität ins
Fernsehen zu bringen, damit die ganze Konzentration der Förderung des Wissens dient und wir
uns möglichst nicht reduzieren oder zurücknehmen müssen.

## BILDMARKE

        Es ist 20.00 Uhr. Die Kameraleute schrauben noch am Licht. Im Loop laufen die
Hintergrundgrafiken ab. Der Countdown. 5,4,3,2,1 und ab!
„Es ist 20.00 Uhr. Willkommen bei der Tagesschau. Mein Name ist Rudolf Hausner. Bayreuth.
Die Festspiele wurden dieses Jahr abgesagt, um eine unbekannte Komponistin und Bekannte
Wagners, Hiltrud Wegenkittl zu präsentieren. Eine Komponistin, die Jahrhunderte vergessen
wurde, weil sie eine Frau war. Ukraine. Heute ist,... Ach, Frank, gib‘ mir doch bitte mal eine
beliebige Telefonnummer aus der Ukraine. Ich will da mal anrufen und fragen, was wirklich los
ist.“
Eine Frau reicht Hausner ihr Handy. Er googelt eine beliebige Nummer. Es läutet.
„Guten Tag, mein Name ist Rudolf Hausner vom ZDF. Können Sie mich verstehen? Spricht
hier jemand Ukrainisch, oder Deutsch?“
Verwirrung.
„Er sagt, er holt seinen Nachbarn. Wir warten einen Moment.
Können wir das direkt rauf schalten? OK.“
„Alloo! Wer da spricht?“
„Hausner, ZDF. Sie sind auf Sendung.“
„Abe ich gewonnen?“
„Nein, nein. Sie wurden beliebig angerufen. Ganz spontan. Wir wollen wissen, wie der Krieg ist.
Bei Ihnen.“
„Abe ich Auto gewonnen. Deutsche Auto?“
„Nein, kein deutsches Auto. Wie ist der Krieg.“
„Hier ist kein Krieg. Hier bin nur ich und Olaf. Wir spielen Schach.“
„Schach. Wer gewinnt?“
„Hier ist kein Krieg.“
„Im Schachspiel. Ich meine im Schachspiel.“
„Olaf gewinnt immer.“
„Was ist Olaf für ein Mensch? Erzählen sie uns doch bitte!“
„Das dauert zu lange“, sagt eine Stimme aus dem Off.
„Wir haben Zeit. Ich nehme mir jetzt einfach die Zeit. Wenn die Zuschauer wissen wollen, was
noch auf der Welt passiert ist, können sie ja im Internet nachsehen. Ich will jetzt wissen, was
Olaf zu erzählen hat, wer Olaf ist.“

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„Olaf ist ziemlich ruhiger Mensch. 1966 haben wir uns an der Uni in Belgrad kennengelernt.
Ich bin Lehrer geworden und Olaf Spitzensportler. Er hat bei Olympiade 1972 glaube ich, oder
Olaf, es war doch 1972, als Du über die Stange gesprungen bist. Höher als je ein Ukrainer
zuvor. Der Olaf hat es jetzt mit dem Rücken. Aber das damals war eine Stimmung. Nette
Russen. Viele nette Russen und Jugoslawen und Rumänen hat er kennengelernt bei Olympiade
und einen Amerikaner. Heute ist andere Stimmung. Stimmung schlecht. Nix gut für Leute...“
        Eine Woche Später. Der Cousin von Olaf ist dran, zusammen mit der Mutter seiner
Schwägerin, die in der Nähe der Kämpfe lebt. Noch immer wurde über nichts Anderes
berichtet, als über das Leben der Familie Branzlow in der Ukraine und wie das so ist, wenn man
Mutter ist, oder Schach spielt, während draußen Krieg ist, die Läden aber noch offen haben,
weil man ja auch Beschäftigung braucht und die Menschen noch immer alltägliche Bedürfnisse
haben. Vom CDU-Parteitag kein Wort. Auch die Neujahrsansprache des Bundespräsidenten
wurde nicht mehr übertragen. Nur bei diesem anderen Sender, der komische Dinge sammelt
und versucht, über den Humor zu begreifen, was eigentlich die Weltformel ist.
„Aber die Leute haben doch ein Recht auf Information“, brüllt zwischendurch ein
alkoholisierter Redakteur in die Kamera. Dann wurde eine Woche darüber diskutiert, in der
Ukraine, im Wohnzimmer von Olaf, was mit dem Deutschen los ist. Dies mag für manche
lächerlich erscheinen, weil man sich fragt, was das mit dem Wesentlichen zu tun hat und mit
dem Recht auf Information, darauf über das Wichtige informiert zu werden. Was aber soll das
Wichtige sein? Wer legt das fest? Und obwohl man hier das Gefühl haben kann, dass dieses
„dem Flow folgen“ nirgends hinführt, zeigt sich bereits hier, wie die Information durch das
Hinzugewinnen neuer Eigenschaften zu mehr und mehr Wissen wächst. Manche Zuschauer
kennen sich jetzt in der Ukraine besser aus, wollen da in Urlaub hin fahren.
        Im nächsten Schritt wird zyklisch wiederholt. Das bedeutet, dass Olaf oder seine
Schwester nächsten Donnerstag eine neue Person mitbringen. Dann vielleicht der Dorflehrer
oder ein anderer Mensch ganz wo anders. Was hier passiert ist, der Aufbau von Beziehung. Die
Information, dass in der Ukraine Krieg herrscht, kann vom Zuschauer authentischer verarbeitet
und integriert werden. Information wird organischer erlebt. Die ganze Gesellschaft wird
plötzlich solidarisch und sozial. Es gibt weniger Burnout.
        Wie nur kann das Fernsehen eine Beziehung mit der Bevölkerung leben? Damit wir auch
Teil unserer eigenen Kultur werden können?
        Dabei meine ich nicht, dass jede Nachrichtensendung im organischen Fernsehen daraus
besteht, willkürlich Menschen anzurufen, sondern es die Nachrichtensendung nicht mehr gibt,
nur noch den Flow, dem die Medienmacher folgen, während sie sich um Themen drehen, die
draußen in der Welt oder bei ihnen ganz persönlich etwas bewegen oder berühren. Ich bin der
Ansicht, dass jedes Thema in der Welt, befasst man sich nur lange genug damit, schließlich in
alle anderen Themen mündet. Gehe ich einer Sache auf den Grund, stoße ich auf den Ursprung
vieler anderer Dinge. Die Bedeutung, die eine Information hat, leitet sich also mehr davon ab,
wie ich diese verarbeite, also davon, wie ich sie im Vorfeld entsprechend künstlicher Kriterien
der Relevanz bewerte. Das ist ganz zentral. Was ich hier versuche, bedeutet nicht, dass das
Fernsehen willkürliche Themen versendet, je nach persönlicher Neigung der jeweils dort
arbeitenden Medienmacher. Sondern die Priorität wird schlicht auf die Suche nach dem
relevanten Wissen verlegt, welches in allem steckt. Das Individuum bringt zwangsläufig immer
das hervor, was in der jeweiligen Zeit wichtig ist. Dafür sorgt schon das Unbewusste in den
Leuten. Es kommt an die Oberfläche. Aber manchmal weiß der Verstand einfach nicht, wie das
passieren soll und darum ist die Orientierung an der organischen Dynamik zentral. Weniger
Kontrolle der Information. Mehr passieren lassen und durch jedes Thema gehen, vertiefen,
verdichten, bis man darin auf die Welt stößt, auf unsere Welt, auf jene, die gerade jetzt existiert

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und konkret ist.
        Wenn Putin nur böse ist, gibt es keine Hoffnung mehr, keine Grundlage für Gespräche.
        Manipulative Machtzentren der Informationshoheit können sich hingegen im
organischen Fernsehen nicht derart stark herausbilden. Abweichende Meinung passiert
automatisch. Um dies umsetzbar zu machen, muss das Personal des Senders entsprechend
destabilisierend aufgebaut sein. Also viele Künstler, viele Frauen, viele Ausländer, viele Mütter,
viele Arbeitslose, viele Unternehmer, Gescheiterte, Clowns usw.
        Menschen, die nicht einer Meinung sind und nicht aus dem selben Lebenskontext
kommen. Wenn ich heute die Redaktion des Spiegel betrete oder die Studios des ZDF, sehe ich
zu oft Menschen der ähnlichen Schicht, der ähnlichen Perspektive auf die Welt.
        Das Schaffen von Informationsclustern ist das spielerische Assoziieren und neu
Zusammenbauen des Wissensstandes der Bevölkerung.
        ARD: „In Dresden demonstrieren diese Woche wieder 15.000 Menschen im Rahmen der
PEGIDA-Bewegung gegen Ausländer und Islamisierung. London: David Cameron will sich
2016 dem Volksentscheid über den möglichen Austritt Englands aus der EU stellen.“
        Es genügt nicht, diese Dinge so stehen zu lassen. Davon das Recht abzuleiten,
Aufmerksamkeit zu erfahren und als Sender Steuergelder zu erhalten. Dafür kann man mehr
erwarten. Staatsfernsehen, welches sich in die Themen reinkniet und bis zur Wurzel vordringt,
verbindet und größere Zusammenhänge erkennt. Das gilt auch für die Privaten, Frau Mohn!
        Man kann diese zwei Informationen, dass in Deutschland Tausende gegen Ausländer
demonstrieren und England sich von der europäischen Gemeinschaft absondern will, nicht
unkommentiert stehen lassen und nicht sichtbar machen, dass diese in einem Zusammenhang
stehen. Dass da etwas ist, eine Entwicklung, die wir noch nicht begreifen, die aber heikel, ja
gefährlich für unsere Gesellschaft werden kann. Philosophen in die Redaktionen! Soziologen
vor die Kameras! Bloß keine Experten!
        Bleibt die Spaltung einfach stehen, setzt sich diese in der Gesellschaft fort. Sie überträgt
sich. Sie wird gesendet und empfangen, wiederholt und unhinterfragt inhaliert. Ich will damit
sagen, dass alles in den Medien in Beziehung, in Bezug gesetzt werden sollte, damit auch alles in
Bezug wahrgenommen werden kann und sich somit durch die veränderte Haltung, veränderte
Struktur des Fernsehens Verbindungen ergeben, die wir heute zu wenig sehen. Dass im
Mittelmeer gerade 400 Flüchtlinge in Seenot geraten sind, darf nicht unkommentiert neben den
PEGIDA-Aufmarsch gestellt werden und auch noch von Werbung unterbrochen, wollen wir als
Kultur jemals wieder zu aktiven Mitgestaltern dieser Welt werden.
        Ja, mir ist schon klar, dass das Mittelmeer nicht in Paris ist und Dresden nicht im nahen
Osten liegt, man scheinbar nicht alles miteinander verknüpfen kann. Warum eigentlich nicht?
Was passiert, wenn Dresden und Jerusalem in einen Bezug gebracht werden, wenn vier Tote
Karrikaturisten in Paris und 400 ertrunkene Flüchtlinge einen neuen Zusammenhang eröffnen
über den Zustand dieser Gesellschaft?
        Verschwörungstheorie ist oft nur der Versuch der Erweiterung der Welt, in eine Utopie
hinein, um die scheinbare Alternativlosigkeit, die brutale Logik einer Nato, das Diktat der
Wirtschaft, die Fabrikhaftigkeit und Identitätslosigkeit des modernen Lebens zu erklären und
überwinden. Das Ergebnis mag, bleibt es isoliert, fraglich sein, weil es eine statische Perspektive
ist, aber die Absicht liegt tiefer. Wir brauchen mehr Verschwörungstheorien, mehr Theorien,
die die Welt anders sehen. Die Medien sollten sie selbst erfinden. Jeden Tag, neu und möglichst
großartig und verrückt. Das dient der Demokratie. Das dient dem intelligenten Geist.
        Im organischen Fernsehen wird das Thema aufgegriffen und solange daran gearbeitet,
bis es als breites Spektrum an Perspektiven wahrgenommen wird und sich somit
menschenfeindlicher Extremismus, ja jedes Extrem, sich in Vielfalt und offenen Prozessen

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auflöst. Dann brauchen wir nicht mehr die Redaktion, die auf Ausgewogenheit achtet und dabei
nicht merkt, wie parteiisch sie agiert. Weil der Zwang zur Ausgewogenheit in den Medien
immer die Stärkung der etablierten Position ist. Die Meinung, welche neu oder nicht etabliert
ist, braucht immer mehr Einführung, mehr Förderung, mehr sich kümmern, als das was eh alle
wissen, oder zu wissen glauben. Überlässt man das Neue und das Alte einem neutralen Raum,
gewinnt für die Massen immer die etablierte Position. Sie hat zwar dann im Medium scheinbar
keinen Vorteil, aber in der Gesellschaft, in der öffentlichen Meinung einen erheblichen
Vorsprung. Darum ist es wichtig, jede Position in sich aufzulösen, zu bearbeiten und wieder an
den Punkt zu führen, von dem man die Dinge wie ein Kind und ein Erwachsener zugleich
betrachten kann.
        Keine Nachricht im organischen Fernsehen wird isoliert stehen gelassen, sondern die
Journalisten suchen selbst nach Lösungen, setzen sich mit Politikern und Demonstranten
zusammen und gehen durch Prozesse der Weiterentwicklung, der Kritik, der
Auseinandersetzung und berichten gleichzeitig davon. Sie engagieren sich für das Wissen. Das
geschieht im klassischen Journalismus auch, aber der ZDF Journalist in Bagdad engagiert sich
in der Regel nicht um ganz neue Betrachtungen der Verhältnisse, beispielsweise zwischen
amerikanischen Soldaten und Einwohnern. Er ist vor Ort, aber verwickelt sich nicht. Das hat
seine Berechtigung, ist aber gesellschaftlich betrachtet zu wenig. Wir verpassen eine Chance,
wenn die Medien nur Kopiermaschinen bleiben. Sie sind eine Infrastruktur, die man auch
anders benutzen kann.
        Eine Infrastruktur, die sich die Menschen aneignen können, mit radikaler Subjektivität.
Das ist Innovation. Integration bedeutet nicht zwangsläufig Einmischung von oben herab und
subjektiver Zugang ist ein Wert, kein Fehler. Wenn dieser Journalist nun auf ein Problem stößt,
beispielsweise die Bildungssituation junger Frauen in einem Dorf und über Jahre hinweg immer
wieder davon berichtet, mit den Leuten arbeitet, sich vor Ort engagiert, ist das, wovon er
berichtet, gelebtes Wissen und nicht nur ein Zitat ist, welches ähnlichen Situationen in
ähnlichen Regionen der Welt ähnelt und weshalb sich der Zuschauer diesen scheinbar großen
Problemfragen gegenüber ohnmächtig fühlt, bis uns die Welt nur noch alternativlos erscheint,
wir nach den großen Strukturen, nach der Zentralisierung der Macht rufen, was die Industrie
will.
        Egal, welches Thema. Nach einigen Tagen bildet sich ein Cluster heraus, ein Bündel von
Aspekten, von ungelösten Fragen, von Bezügen zur Geschichte, zu Entwicklungen innerhalb
des Themas, sowie zu ganz anderen Themen, wie Freiheit oder die Verbesserung der
Arbeitsbedingungen. Die Vertiefung führt zur Relevanz für die Welt. Ein Wichtiger Satz! Nicht
die Vorauswahl nach Kriterien wie Aktualität, Ort oder Wer, Wo, Wie, Warum. Es muss möglich
sein, dass eine JournalistIn, die einen Beitrag über Krebs dreht, derart intensiv am Thema dran
bleibt, dass Sie Jahre später schließlich selbst ein Heilmittel gegen Krebs entwickelt. Oder -
wenn Durchbrüche geschaffen werden - zumindest dabei ist, dazu etwas beizutragen.
        In solchen Geschichten wird das Innere der Welt erzählt.
        Darin kommt alles vor, was die Menschen wissen müssen, wissen sollten. Diese Frau
wird der Korruption begegnen, leeren Versprechungen, Skandalen, beeindruckenden Menschen
usw.
        Das würde sie auch, wenn sie in dieser Zeit von 1000 zusammenhangslosen Themen
berichten müsste. Der Unterschied liegt darin, dass die Zuschauer und somit auch die
Gesellschaft Zeit hätte, diese Informationen zu integrieren, zu verarbeiten und ein Teil
gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu sein, statt nur deren Zuschauer.
        Natürlich wachsen JournalistInnen dann stärker in vorhandene Strukturen außerhalb
der Medien hinein, was nach klassischer Ansicht ihre Distanz, ihre Neutralität behindern

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könnte. Also die Reinheit der Information. Wie absurd. Welches Menschenbild steckt dahinter?
Wie wenig Vertrauen in das Individuum? Die Grenzen der Arbeitsteilung verschwimmen. Wenn
die Gesellschaft sich durch das organische Fernsehen hin zu mehr Vielfalt und Dynamik, hin zu
transparenten und offenen Prozessen entwickeln würde, wäre die Distanz und
Unbestechlichkeit des Journalisten nicht mehr derart gefährdet, dass Distanz ein Prinzip, ein
Dogma sein müsste.
        Es wäre eine Selbstverständlichkeit, wie Höflichkeit. Es wäre ein natürlicher Prozess,
eine tägliche Haltung, immerzu auf der Suche nach einem neuen stimmigen Gleichgewicht,
zwischen Nähe und Distanz, zwischen beteiligt sein und sich neu erfinden können. Wer nur
Distanz lebt, weiß zu wenig, erlebt nicht, entwickelt sich nicht.
        Mir fällt hier wieder auf, wie ich mir selbst ein Fernsehen erschaffe, dass meinen
Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht. Ich wäre selbst gerne eine solche JournalistIn, die auf
diese Weise arbeiten würde. Dieses Fernsehen würde ich selbst gerne leben, weil dieses meiner
persönlichen Struktur, meinem Wesen entspricht. Ich sage das, um nochmals zu betonen, dass
Subjektivität nichts Schlechtes ist. Es ist eine wichtige Bedingung für Bewusstsein und Vielfalt.
Eine Ressource. Dies ist kein Sachbuch. Was für mich stimmt, muss nicht für Sie stimmen.
        Indem ich durch mich hindurch die Welt suche, finde, neu baue, fordere ich auch Sie auf,
das zu tun. Was ich hier vorlebe, hat vielfach noch keinen Namen, kein Label. Das Wie ist hier
ein selbstbestimmter Versuch, die Zukunft auszuloten. Andere Rollenbilder zu entwickeln,
noch bevor man sie rational plant, strategisch vorschreibt, in Konzepte fasst, für die jemand
Geld auf den Tisch legt.
        Es passiert einfach, darum auch frei, im Zusammenspiel zwischen unbewussten und
bewussten Strategien, um sich die Welt anzueignen und mit einem eigenen Beitrag zu erweitern.
Das Grundrecht jedes Menschen. Auch das ist Forschung. Es passieren lassen. Was auch immer
es ist, wohin auch immer es führt. Verstehen ist der Raum, in dem das Gehirn Cluster bildet.
Ordnungsmuster und Lebensräume. Eben die Entstehung dieser Cluster nachzuahmen, ist das
Ziel des organischen Fernsehens.

## BILDMARKE

        Die Bildung der Cluster wird wie gesagt, von der JournalistIn vor Ort, die Jahre lang an
dem Thema ist, gefördert. Gleichzeitig aber müssen auch die in den Redaktionen Ihr eigenes
Interesse verdichten und zyklisch an Themen dran bleiben, sowie Brücken bauen,
Assoziationen zwischen Themenfeldern. Das kann dazu führen, dass ein Sender über Jahre
hinweg nur ein Thema verfolgt. Bis es sich gesellschaftlich erschöpft. Auch hier kann ein
ganzes Universum durch die Vertiefung eines Themas sichtbar werden. Warum nicht die Welt
mit der Brille der Gesundheit oder durch die Perspektive von Zwangsarbeitern betrachten?
        Wie verändert das unsere Wirtschaft, die Vorstellung von Armut? Die Perspektive, die
Medien einnehmen, ist ein Werkzeug. Sie sollte nicht von Ideologie bestimmt sein, sondern
allein von der Frage, wie sich die Welt verändert, wenn die Perspektive sich verändert. Zunächst

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eine wertfreie Frage. Eine Erfahrung.
        Was hier in einem Rausch unbewussten Selbstausdrucks passiert, geschieht nicht
willkürlich, sondern in einem Kontext. Der Kontext wird ein Teil davon. Vor zwei Tagen fand in
Paris das Massaker an den Journalisten von Charlie Hebdo statt. Diesen Zusammenhang habe
ich nicht geplant. Überall ist von Presse- und Meinungsfreiheit die Rede. Dieser Brief ist daraus
entstanden.
        Die Fragen, die ich hier aufwerfe, sind in vielen von uns, als Ahnung, als Zweifel an den
Strukturen. Unbewusst. Noch ungeklärt. Es ist Zeit, tiefer zu schöpfen und im Medium tiefer
zum Ausdruck zu bringen, wer wir sind und wahrzunehmen, wie wir dabei mit einander
umgehen. Es muss noch nicht die fertige Antwort sein.
        Bernd stellt den Besuchern des neuen Senders eine kleine Präsentation zusammen. Er
empfängt die Gruppe von Studenten am Eingangstor und führt sie ins Herz der Anlage, dem
Programmzentrum. Bernd ist ein korpulenter Typ mit warmherzigen und großen Augen: „Das
hier, meine Freunde, ist das große Ding!“
Er wedelt mit den Händen ruhig, als würde er einen Takt anschlagen: „Das ist das Big Baby. Das
müsst Ihr Euch reinziehen. Was hier auf der Schalttafel steht, sind nicht einfach nur
Programme, die demnächst gesendet werden. Es sind verdammte Flugzeugträger, voller Wissen.
Sie bewegen sich wie in einem Meer. Priorität hat das Schiff, auf dem die fette Information
gelagert wird. Rundum kleine und wendige Kreuzer. U-Boote, die nach unbewussten
Kontexten suchen. Es ist fabelhaft. Einfach unglaublich. Lasst Euch nicht davon irritieren, dass
da amerikanische und schwedische Fahnen an den Zerstörern sind. Die waren im Modellbau
einfach billiger. Vielleicht haben die aber auch eine Bedeutung. Die Willkür des Krieges.
Terrorismus oder Coca Cola. Letztlich das Selbe. - Bob, was haben wir heute im Wasser?“
        Der bärtige Bob holt sein Klemmbrett raus: „Wir nennen es übrigens „The Big Water“.
Nur falls Bernd das noch nicht erwähnt hat.“
„Mach weiter Bob. Die Kids wollen wissen, was im Programm los ist.“
Bob räuspert sich.
„Wir hatten Gestern echt Probleme. Eine Moderatorin von Studio Sieben hat sich versprochen
und den amerikanischen Präsidenten „Obahner“ genannt, statt „Obama“. Seitdem diskutieren
wir landesweit darüber, was hier „gebahnt“ wird. Ob sich was „anbahnt“ und was die deutsche
„Bahn“ gerade zur Lage der Welt sagt. Eigentlich senden wir nur noch aus Zügen.
„Auszüge“ von Mitschnitten, die wir auf Stoff-“Bahnen“ drucken.
        Das hat was mit der globalisierten Wirtschaft zu tun. Und noch was. Da sitzt ein Typ
seit drei Tagen in einem Aufzug fest. Wir stellen ihm stündlich Fragen über den Krieg in der
Ukraine. Hat sich so ergeben.“
„Ist das nicht unglaublich, Leute? Alles hängt mit allem zusammen. Ich bin so aufgeregt. Ich
fühle, wie sich was Großes anbahnt.“
„Wir haben noch eine Staffel der TV Serie „Homes of Vampires“, die gerade in Zügen neu
gedreht wird, die nach Amerika fahren, um dann, in einem Jahr, wenn wir das Thema zyklisch
wiederholen, eine Assoziation zu unserem kollektiven Unbewussten herzustellen. Das wissen
wir ja heute schon, dass das kommen wird. Das sich was anbahnt. Und auf jeden Fall gibt es bei
der Bahn wieder einen Strike. Ganz großes Ding. Da halten wir voll drauf. Sonst noch was,
Chef?!“
Bernd lächelt seine Gäste an: „Na, wer will heute die Nachrichten sprechen? Du da! Ich hab‘s
verdammt nochmal in den Eiern, dass Du was zu sagen hast. Du da, mit der Mütze. Ist das ein
Boot auf dem Shirt?“
        Sicherlich haben Sie selbst bereits oft genug erfahren, wie Ihr Geist Wissen verarbeitet,
dass dies Zeit braucht, dass man sich ständig zyklisch immer wieder um den selben Punkt

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<!-- PDF page 58 -->

dreht, dialektisch von einem Extrem zum Anderen pendelt. Dahinter steckt eine Physik. Ich
sage bewusst nicht Verstand, weil sowohl emotionale, rationale wie auch intuitive, assoziative
Prozesse dabei ablaufen. Ein Freiraum, der notwendig ist, damit Wissen integriert und Kultur
dadurch erweitert werden kann. Tatsächlich hat die Vermittlungsmethode, mit der Information
verbreitet wird, eine entscheidende Auswirkung auf unsere sozialen Beziehungen. Denken Sie
nur daran, welchen Einfluss Daily Soaps auf das Familienleben der Leute haben. Also Formate,
in denen eine mehr oder weniger heile Fernsehfamilie vorgespielt wird. Das wird nicht bewusst,
wenn die Serie isoliert bleibt, wenn sie keinen Bezug zur Welt entwickeln darf. Was ich hier
beschreibe, ist natürlich verrückt und komisch, Frau Mohn. Bitte bleiben Sie bei mir! Wir
brauchen Sie noch! Ich will damit etwas illustrieren!
        In der Soap wird der private Raum der Familie öffentlich inszeniert und somit
vereinheitlicht. Der Zuschauer passt sich der Information an, was überwiegend unbewusst
passiert, wie ich vorhin schon ausgeführt habe, weil das Medium keine Kultur des
Wissensaustausches auf Augenhöhe zulässt. Im organischen Fernsehen kann diese passive
Haltung durchbrochen werden. Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit
verschwimmen.
        Im klassischen Fernsehen wird das Intimste in die Öffentlichkeit gezerrt und man
normt damit unsere Identität. Dabei wird die reine Unterhaltung zu einer stärkeren
Normierungsform, als die ernste Nachrichtensendung. Weil sie auf das Unbewusste abzielt. Die
Nachrichten inszenieren das Ernste in der Welt und erlauben somit dem Unernsten nicht
relevant zu sein. Darum sehen wir da nicht hin, übernehmen dafür keine Verantwortung. Dabei
ist der Humor ein Werkzeug, um Wahrheit sichtbar werden zu lassen. Der Humor ist der
Wahrheit näher als der Ernst. Humor und Intelligenz müssen darum zusammen gebracht
werden. Es war der Sündenfall des Fernsehens, den Humor von der Intelligenz und
Ernsthaftigkeit zu trennen, um den Humor zu einer banalen Sache zu degradieren. Die Satire
ist eine Waffe, eine Waffe auf der Suche nach der Wahrheit.
        Die Soap als Gefängnis des Humors, ist auch eine Form der Verdrängung des Privaten,
des Ernsten im Privaten zu Gunsten einer seichteren Rolle, die weniger weh tut, die eben nicht
auffordert, an den Beziehungen zu arbeiten und somit der Fähigkeit der Individuen, ihren
eigenen Schmerz, ihre eigenen Erfahrungen selbstbestimmt zu leben, mit eigenen Worten zu
benennen und darauf eine eigene Kultur zu bauen. Jede Mutter leidet am Hollywoodbild der
idealisierten Mutter, ja der verdinglichten Frau. Oder nicht, Frau Mohn? Aber jetzt wieder zum
Thema zurück!

Und wieder ein anderes Fernsehen versuchen

Alles was Menschen schaffen, geht von einem Impuls aus. Ein Impuls, der sich... Schnitt. Wie
groß sind eigentlich Ihre Titten? Schnitt. Kaufen Sie unser Produkt! Schnitt. In Indien wurde
eine Frau vergewaltigt. Schnitt. Das Wetter wird morgen heiter bis bewölkt. Schnitt.
       Was wollte ich eigentlich gerade sagen? Ich bin verwirrt. Ich muss meine Emotionen
zurücknehmen, weil ich so viel Emotion nicht ertrage, wenn ich nicht weiß, wohin damit und
ich schalte auch ab, weil ich diese ganze Information nicht verarbeiten kann. Ich fühle mich
leer. Gleichzeitig wurden meine Gefühle getriggert, mein Geist irritiert. Darum schalte ich
wieder ein, schaue ich mir diese Shows an, starre wieder hin, weil da Leute lachen und dumme
Dinge tun. Ich kann endlich innerlich abschalten. Ich brauche das irgendwie, weil es sich in mir
verwirrt anfühlt, erschöpft, weil ich mich dann noch spüre und das Gefühl habe, wie die zu sein
und denen geht es doch gut. Oder nicht?
       Schnitt.

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        Die flimmernden Bilder halten mich gefangen, in Aufmerksamkeit, die solange nirgends
hin führt, bis allein das Triggern eines kurzen Impulses genügt, um in mir die Erinnerung an ein
erfülltes Leben entstehen zu lassen. Wie bei einem pawlowschen Hund genügt mir bereits die
Andeutung von Unterhaltung, Information und Wissen, um mich informiert, geborgen und
akzeptiert zu fühlen. Ich suche nur noch den Trigger, das Gefühl einer Assoziation mit Glück,
mit Geborgenheit, eine Erinnerung an die Fernseherlebnisse meiner Kindheit. Ich weiß, dass
ich sie leicht erreichen kann.
        Es braucht nur das Drücken eines Knopfes, um wieder in der Welt der Liebe zu sein.
Somit muss ich diese Dinge im Leben nicht mehr einfordern. Ich tausche meine Existenz gegen
das bloße Zitieren einer erfüllten Existenz, von Abend zu Abend, vollkommen passiv, bis es mir
vorkommt, als bewirke die Anwesenheit von Markenartikeln und Abendunterhaltung ein
erfülltes Leben.
        Schnitt.
        Das ist das, wofür Sie Menschen bezahlen, Frau Mohn! So gehen Sie mit den Gefühlen,
den Gedanken der Menschen um.
Warum tun Sie das? Wie gehen Sie mit uns um? Warum lassen wir zu, dass Sie das tun?
        Ich erinnere mich wieder, was ich eigentlich sagen wollte. Alles was Menschen schaffen,
geht von Impulsen aus. Von inneren Impulsen, die sich durch jedes Individuum abweichend
spiegeln und ausdrücken. Jedenfalls sollten sie das. Weil jeder lebendige Organismus Vielfalt
und Abweichung benötigt.
        Dazu zählten auch Prozesse von Reibung, von Langsamkeit, von Irritation und
Integration. Es kommt auf die Ausgewogenheit, auf die Dynamik an. Es braucht viele Jahre, bis
Menschen in der Lage sind, sich individuell, originär, selbstbestimmt auszudrücken. Dies gilt
auch für eine Gesellschaft. Es braucht viel Kraft, um sich Wissen zu erarbeiten. Diesen
Menschen sagen Sie, Frau Mohn, dass dies nichts wert ist, weil jede Information nur wenige
Sekunden hat, jederzeit von einer Rolle Klopapier unterbrochen werden darf. Eine Rolle
Klopapier hat mehr Relevanz im Fernsehen, als der individuelle Gedanke eines Menschen, weil
eine Rolle Klopapier von jedem sofort verstanden wird. Verstehen Sie mich überhaupt?
Die Klo-Rolle braucht die restliche Welt nicht. Sie braucht den Kontext nicht, in dem vielleicht
Leid oder Unrecht geschieht. Sie ist auch in der schlimmsten aller Welten noch schön und wird
benötigt. Weil Firmen daran interessiert sind, ihre Waren an möglichst viele Menschen zu
verkaufen, müssen wir alle zu Massen umgebaut werden und darum produzieren die Sender nur
noch Massenware und bieten sie eine Plattform für Firmen, auf der unsere Identität zur
Massenkultur umgebaut wird. Die Entwicklung neuer TV-Formate muss in immer kürzerer
Zeit stattfinden. Die Formate müssen sich weitgehend ähneln. Die Lebensmodelle sollen sich
vereinheitlichen. Nur auf diese Weise lässt sich das Vermögen der breiten Bevölkerung in die
Hände weniger übertragen.
        Vielfalt würde Konkurrenz beflügeln. Global Player wären nicht möglich. Und das hätte
zur Folge, dass der Wohlstand in der Breite entsteht und nicht den wenigen Konzernen
zufließt, den die Medien und die Unternehmen gehören. Es ist ein großes Netz, welches
behauptet, uns alle zu nähren, dass sich an uns nährt.
Ich muss mich konzentrieren, mich erinnern, diesen Brief zu Ende schreiben, bevor der
Bildschirm übernimmt.
        Wir werden Ihren Sender plündern, Frau Mohn! Vielleicht, irgendwann, wenn nichts
passiert. In der Nacht, oder bei Tag.
        Es wird unerwartet geschehen und Menschen werden vor die Kameras treten, deren
Gesichter noch nie im Fernsehen zu sehen waren und sie werden von neuen Zusammenhängen
berichten.

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      Ich habe die Hoffnung, Frau Mohn, dass dieser Brief sie verändert.

## Alles Liebe

## Timothy Speed

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