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# Gesellschaft ohne Vertrauen - Die Grundlagen einer kreativen Gesellschaft

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Inhaltsverzeichnis
Das neurodivergente Erleben................................................................................................ 7
   Die Gesellschaft im Inneren .............................................................................................20
Das MNO-Modell ................................................................................................................38
Fixpunkte und Rahmen .......................................................................................................56
   Die Rolle der Angst im Schöpfungsprozess ........................................................................61
Dissoziation und Differenzierung .........................................................................................66
   Kernstrategien des fließenden Denkens in Kunst, Wissenschaft und Spiritualität .................75
   Der Aufbau einer Gesellschaft..........................................................................................79
   Don Beck und die inneren Hierarchien ..............................................................................95
Die Fantasie des Äthers als dynamisches Weltbild der Wissenschaft ................................... 102
   Sichtbare und fragliche Resonanzphänomene in der Arbeit von Emoto und Jenny .............. 107
Die Schule der Träume ...................................................................................................... 118
   Melancholie und die Suche nach der Form ...................................................................... 119
   Stanislav Grof, C.G Jung und die inneren Bilder höherer Ebenen ....................................... 123
Die Bildung von Rahmen durch Spaltung, Abhängigkeit, Wertung, Distanz und Gleichschaltung
....................................................................................................................................... 128
   Die Fotografie als Beispiel für die Dominanz wenig komplexer Bilder in den Medien ........... 130
Der innere Aufbau des Kosmos als Grundlage der Freiheit ................................................... 133
   Die Bran-Spirale als Struktur von Kultur und Bewusstsein ................................................ 146
   Die Morphologie aller Dinge ........................................................................................... 157
   Zusammenfassend: Die MNO-Theorie als morphogenetisches Weltmodell zwischen Kunst,
   Feldphysik und Neurodivergenz...................................................................................... 170
   Die Entstehung von Lebensenergie in Natur und Kultur .................................................... 171
Warum das alles? Freiheit, Singularität und die Antwort auf das Nichts – Die politische
Dimension der MNO-Theorie ............................................................................................. 173
   Für eine andere Politik - Das Ende des Herrschaftsprinzips .............................................. 175
   Eine alternative Idee von Justiz - Das Ende des Schuldprinzips ......................................... 183
   Neue Medien - Das Ende werbefinanzierter Inhalte .......................................................... 185
   Implosionswirtschaft – Die Rückbindung von Ökonomie an Sinn und Struktur ................... 187
   Produktentwicklung - Vertrauen in den Fluss ................................................................... 188
   Geld als soziales Konstrukt: Überfluss, Mangel und die Zukunft der Ökonomie .................. 190

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Inhalt:
Mit »Gesellschaft ohne Vertrauen« begann die Erarbeitung einer der radikalsten
Gesellschaftsentwürfe der Gegenwart, den Timothy Speed über 20 Jahre
entwickelte. In »Gesellschaft ohne Vertrauen« nahm seine lebenslange Suche
nach den verborgenen, kreativen Regeln von Natur, Kultur und System ihren
Anfang – nach jenen Prinzipien, die lebendige Gesellschaften entstehen lassen,
wenn man sie nicht durch Kontrolle, Angst und Anpassung erstickt.
Speed denkt Gesellschaft nicht als Maschine, sondern als lebendiges, komplexes
Feld – geordnet durch innere Rhythmen, durch Differenz, durch subjektive
Impulse. In diesem Frühwerk entwickelt er die Ideen, die später in »Radical
Worker« und »Die Physik der Armen« zu einem neuartigen Weltmodell
ausreifen: einer systemisch-poetischen Theorie des Bewusstseins, in der
Subjektivität, Wille und Erleben keine Störfaktoren, sondern Grundachsen jeder
gesellschaftlichen Ordnung sind.
Die vorliegende Neufassung von 2025 verankert das Buch in einem erweiterten
Kontext: Sie zeigt, wie die ursprünglich essayistische, persönliche Intervention
zur Geburtsstätte einer umfassenden Theorie wurde – der MNO-Theorie
(Minimal-Nicht-Objekt) – die nicht weniger will, als Gesellschaft, Arbeit, Politik,
Medien und Recht aus der Perspektive kreativer Systembildung neu zu denken.
Dabei bleibt der Fokus stets klar: die Stärkung der Freiheit des Einzelnen – nicht
als neoliberales Konsumideal, sondern als radikale, schöpferische Integrität in
einer Welt, die wieder lernen muss, Unterschied zu ertragen, statt ihn
auszumerzen.
Ein Werk für alle, die Gesellschaft nicht nur kritisieren, sondern mitgestalten
wollen. Ein Buch, das Theorie, Kunst und gelebten Widerstand vereint – und
dabei selbst zum lebendigen Organismus wird.

               Eine Einordnung der Arbeit von Timothy Speed
Als Timothy Speed im Jahr 2005 das Buch »Gesellschaft ohne Vertrauen«
veröffentlichte, existierte noch kein Vokabular für das, was er darin tat. Die
Begriffe neurodivergente Forschung, Artistic Research, epistemische
Gerechtigkeit, Critical Autism Studies oder embodied knowledge waren, wenn
überhaupt, nur in akademischen Nischen oder als ferne Vorboten im Entstehen.
Und doch lieferte Speed ein Werk, das in seiner Form, Methode und Tiefe vieles
vorwegnahm, was heute unter diesen Begriffen diskutiert wird – nicht als
Theoriepapier, sondern als gelebte, riskante Praxis.

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»Gesellschaft ohne Vertrauen« ist ein Meilenstein der Gegenwartsdiagnostik –
nicht, weil es aus der Mitte der Institutionen kam, sondern weil es sich von dort
ausgeschlossen wusste und dennoch einen präzisen Zugriff auf die systemischen
Schwächen westlicher Demokratien formulierte. Speed beschrieb mit analytischer
Schärfe, was anderen kaum auffiel: dass unsere Systeme nicht primär an
Ressourcenmangel, Technologiedefizit oder mangelndem Wissen leiden –
sondern an einem strukturellen Vertrauensverlust gegenüber Subjektivität. Er
erkannte früh: Eine Gesellschaft, die individuelle Wahrheit, innere Ordnung,
affektive Differenz und psychische Eigenlogik nicht integrieren kann, wird
dysfunktional – selbst, wenn sie formal perfekt organisiert erscheint.
Was »Gesellschaft ohne Vertrauen« leistet, ist die radikale Umkehrung einer
jahrzehntelangen Logik: Nicht das Äußere ordnet das Innere – sondern nur aus
innerer, individueller Ordnung kann äußere Systemkohärenz entstehen. Damit
bricht Speed mit technokratischen Utopien, mit kybernetischem Kontrollwahn
und mit neoliberalen Verwertungsideologien, die den Menschen auf Anpassung,
Leistung und Resilienz reduzieren.
Der Begriff, den Speed einführt – »systemkreativ« –, ist heute aktueller denn je.
Er steht im Kontrast zur »Systemrelevanz«: Während Letztere nur das
Funktionale meint, beschreibt Systemkreativität das Vermögen, Ordnungen zu
destabilisieren, Strukturen zu irritieren, Entwicklung durch subjektive Differenz
zu ermöglichen. Eine Gesellschaft, die diese Fähigkeit unterdrückt, verliert ihre
Lernfähigkeit – so Speed – und produziert stattdessen Erstarrung, Depression und
Kontrolle.
In seiner Arbeitsweise war und ist Speed damals und heute seiner Zeit weit
voraus: Er denkt nicht über Armut, über Arbeit oder über Machtverhältnisse – er
lebt in ihnen. Als neurodivergente Person mit (damals noch nicht
diagnostiziertem) Autismus und ADHS wurde seine Forschung zu einer
existenziellen Praxis: Er konfrontierte Behörden, Institutionen, Unternehmen mit
seiner Präsenz, seiner Weigerung zur Anpassung, seinem Denken. Damit ist er
Teil einer Tradition, die heute u. a. mit Paul B. Preciado, Chris Kraus oder bell
hooks in Verbindung steht: Theorie als verkörperter Widerstand, Erkenntnis als
Grenzerfahrung.
Inzwischen zählt er zu den Pionieren einer systemkreativen Gesellschafts- und
Organisationsentwicklung sowie eines authentischen Diversity-Managements.
Seine Arbeit geht dabei weit über bloße Kritik hinaus: Sie fordert radikale
Integrität und Selbstwirksamkeit in der Gestaltung von Zukunft. Speed fordert in
seiner »provozierten Empirie« ein »Recht auf Krise« und zeigt, dass
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gesellschaftliche Entwicklung nur dann gelingt, wenn die Systeme sich durch
subjektive Impulse destabilisierbar zeigen – nicht durch Anpassung, sondern
durch echte Reibung.
Diese Reibung inszeniert Speed auf ebenso provokante wie symbolisch dichte
Weise. So versuchte er 2010, das Unternehmen Red Bull durch eine künstlerische
Aktion zu irritieren – er drohte vor der Konzernzentrale einen Stier zu töten, um
den Konzern zu einer echten Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen
Mensch, Subjektivität und Unternehmensform zu zwingen. Zitat Speed: »Für eine
Woche waren die Leute bei Red Bull gespalten. Sie wussten nicht, ob sie als
Mensch oder als Funktion auf mein Handeln reagieren sollten. Ich hatte das
Gefühl, dass der Mensch in ihnen mit mir den Stier töten wollte, während der
Anwalt, der Milliardär, der Manager, der aus ihnen sprach, dies um jeden Preis
verhindern musste. In dieser Woche gehörte das Unternehmen allein dem an der
Welt zweifelnden Menschen. Der Gewissheit, dass jeder von uns einen Konzern
bezwingen, gestalten und verändern kann.«
Er diagnostizierte, was Philosophen wie Hartmut Rosa erst Jahre später mit dem
Begriff der »Resonanz« beschrieben: dass eine Gesellschaft, die Differenz nicht
mehr hören, fühlen, integrieren kann, in Entfremdung versinkt. Seine
Unterscheidung zwischen äußerer Funktionalität und innerer Wahrheit antizipiert
viele der späteren Arbeiten über subjektive Entkopplung und systemische Gewalt,
wie sie z. B. in den Critical Disability Studies oder bei Robert McRuer und Jasbir
Puar formuliert werden.
Und dennoch: In der Praxis scheiterte Speed an der Welt, die er zu verändern
suchte. Seine Methoden – radikal-subjektiv, nicht-klassifizierbar, ohne
institutionellen Rückhalt – wurden nicht ernst genommen. Er wurde nicht als
Forscher gelesen, sondern als Provokateur. Die kulturelle und akademische
Landschaft war nicht bereit für eine Erkenntnispraxis, die aus Armut, Scheitern
und Subjektivität ihre Kraft bezog. Der gesellschaftliche Apparat, den er so
präzise kritisierte, erkannte seine Intervention nicht als Beitrag, sondern als
Störung.
Dass er trotzdem weitermachte, seine Ansätze später in Radical Worker, Die
Physik der Armen und Speeds Arbeit vertiefte und dort eine umfassende
Ontologie (die MNO-Theorie) entwickelte, ist ein Beleg dafür, dass seine
damalige Analyse nicht nur richtig, sondern notwendig war. Die heutige Fassung
von Gesellschaft ohne Vertrauen macht diese Pionierleistung sichtbar. Sie zeigt
nicht nur, woran wir als Gesellschaft gescheitert sind, sondern auch, was es
braucht, um Vertrauen zurückzugewinnen: den Mut, dem anderen nicht als
Ausnahme, sondern als Ursprung zu begegnen.

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Ein Buch, das die Zukunft in sich trug, aber zu früh kam, um gehört zu werden.
Jetzt ist seine Zeit.

## Artistic Research

Künstlerische Forschung nutzt ästhetische Verfahren – Montage, Performance,
Materialexperiment – als eigenständige Erkenntnismethoden. Dabei schließt sich
die Künstler:in nicht selbst vom Erkenntnisprozess aus. Wissen entsteht nicht erst
in der nachträglichen Interpretation, sondern im Prozess des Gestaltens selbst:
Gedanken werden sicht- und hörbar, Hypothesen lassen sich probeweise
verkörpern. Statt Daten zu sammeln, erzeugt Artistic Research Situationen, die
Theorie und Praxis ineinander falten. So überschreitet sie die klassische
Disziplintrennung und macht Phänomene erfahrbar, bevor sie vermessen werden.
Die Inhalte dieses Buches beruhen auf Artistic Research.

## Neurodivergente Forschung

ist die spezielle Forschungmethode, die manche Autist:innen anwenden. – Dieser
Ansatz bringt Wahrnehmungsprofile hervor, die von der »statistischen Norm«
abweichen, aber gerade dadurch neue Muster erkennen lassen. Forschung aus
einer neurodivergenten Position nutzt diesen atypischen Filter bewusst als
methodischen Vorteil: Hyperfokus ersetzt Großgeräte; Musterempfindlichkeit
entdeckt Korrelationen, die im Störrauschen verschwinden. Statt Defizite zu
kompensieren, werden idiosynkratische Kognitionen als zusätzliche
Messinstrumente begriffen. Das erzeugt unerwartete Fragen, radikale
Querverbindungen und verdichtet Disziplinränder zu neuem Terrain.

Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zu den Critical Autism Studies (CAS), weil
hier die besonderen Perspektiven autistischer Forscher:innen Bedeutung
bekommen.

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## Das neurodivergente Erleben

Die erste Auflage dieses Buches erschien im Oktober 2005. Ich war damals 32
Jahre alt. Es handelt sich um eines meiner frühen Werke. 2025, also 20 Jahre
später habe ich es erneut überarbeitet und in den Kontext meiner späteren
Arbeiten gesetzt. Vieles von dem, was ich in »Gesellschaft ohne Vertrauen«
schrieb, war wichtiger Vorläufer meiner Forschungen, die zu »Die Physik der
Armen« (2015) führten, sowie zu »Radical Worker« (2019).

## Perspektiven eines Autisten

Dass ich Autist bin, erfuhr ich erst mit 51 Jahren, nachdem ich ein ganzes Leben
gegen eine unsichtbare Wand lief und nicht verstehen konnte, weshalb ich die
Gesellschaft und besonders die Ökonomie mit völlig anderen Augen, einem
biologisch bedingt anderen Gehirn betrachtete. Neben Autismus bin ich auch von
ADHS betroffen.
       Als »Gesellschaft ohne Vertrauen« entstand, wusste ich also nichts von
meiner Neurodivergenz. Die Ursachen, weshalb ich damals kaum Erfolg mit dem
Buch hatte, hängen wesentlich damit zusammen, dass in jenen Jahren kaum
jemand verstand, was neurodivergentes Denken eigentlich ist, und warum die
Zugänge zu Forschung und Kunst so anders sind, wenn man autistisch ist.
       Auch das Feld des Artistic Research wurde erst 2003–2005 akademisch
legitimiert. Erst 2005–2010 entstanden erste Doktoratsprogramme in Artistic
Research. (z. B. KASK Gent, KHiO Oslo, UdK Berlin experimentell, Uni Linz).
Die Vorläufer der Debatte waren damals: Henk Borgdorff – The Debate on
Research in the Arts, Robin Nelson – Practice as Research in the Arts, Mika
Hannula / Juha Suoranta / Tere Vadén – Artistic Research – Theories, Methods
and Practices (2005), Florian Dombois – als einer der ersten deutschsprachigen
Stimmen.
       Man kann »Gesellschaft ohne Vertrauen« als ein frühes Werk im Bereich
Artistic Research bezeichnen, auch wenn mir der Begriff damals nicht bekannt
war. Ähnliches gilt für das Feld der neurodivergenten Forschung. Denn dieses
Buch ist der Versuch eines ästhetischen Umbaus der Grundmuster der
Gesellschaft. Es ist ein künstlerischer Akt, der Inszenierung einer Möglichkeit,
die mehr Freiheit für den Menschen bedeuten kann.
                 Autist:innen erleben und forschen anders.
Autismus bedeutet eine andere neuronale Vernetzung des Gehirns, die tatsächlich
erheblich ist. Die Unterschiede im Hinblick auf Wahrnehmung, Sprache und
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Denkweise, sind beträchtlich. Aber auch im Fühlen. Manche Leute vergleichen
das mit dem Unterschied zwischen Betriebssystemen wie Mac, Windows, oder
Linux. Die Unterschiede, die durch neuronale Vernetzung entstehen, können aber
noch wesentlich prägnanter sein. Die Bedeutung frühkindlicher neuronaler
Verschaltung für das spätere Weltverhältnis lässt sich eindrücklich an drei gut
dokumentierten Fallgruppen zeigen: Am deutlichsten im Fall von Genie, einem
Mädchen, das bis zum 13. Lebensjahr in fast vollständiger Isolation aufwuchs.
Trotz intensiver Förderung lernte sie nie, Sprache funktional zu gebrauchen,
entwickelte kein stabiles Selbstbild und blieb in einer eigen weltlichen
Wahrnehmungsstruktur gefangen – nicht, weil sie »krank« war, sondern weil ihr
Gehirn nie an symbolische Weltmodelle gekoppelt wurde. Ähnlich drastisch
zeigen die Kinder in rumänischen Heimen der Ceaușescu-Ära, wie soziale
Verwahrlosung zu dauerhaft veränderten Hirnstrukturen und einer radikal
anderen Realitätsverarbeitung führt. Auch hier: keine einfache »Verzögerung«,
sondern eine andere Welt. Schließlich verdeutlichen Studien zu »kritischen
Zeitfenstern« in der Entwicklung, dass das Gehirn nur in bestimmten Phasen für
bestimmte Verknüpfungen offen ist – verpasst man diese, bilden sich alternative
Pfade. Diese Beispiele machen klar: Das, was wir für »Realität« halten, ist nicht
bloß Wahrnehmung, sondern Ergebnis sozial-sensorischer Ko-Konstruktion. In
diesem Licht erscheinen autistische Lebensformen nicht als Defizite, sondern als
stabile, anders verkoppelte Weltzugänge – strukturell verwandt mit jenen
Extremerfahrungen, aber nicht pathologisch, sondern kohärent in sich. Sie sind
Zeugnisse einer anderen Wirklichkeit.
       Diese Beispiele machen sichtbar, wie massiv das Gehirn durch
Umweltverhältnisse verschaltet wird – und liefert eine drastische Analogie zur
neuronalen Divergenz von Autist:innen: Auch hier ist das Welterleben nicht
falsch, sondern anders verschaltet – nicht defizitär, sondern außerhalb des
kulturell erwarteten Realitätsmodells. Der Unterschied liegt nicht im Willen,
sondern in der Verknüpfungsstruktur.
       Den wenigsten Menschen sind diese Auswirkungen und Zusammenhänge
bekannt, und darum überrascht es nicht, dass Menschen, die wie ich so spät
diagnostiziert wurden, ihr ganzes Leben mit erheblichen Problemen zu kämpfen
haben. Die Gesellschaft, die Mitmenschen werden zu einem unbegreifbaren
Phänomen, dem mache Autist:innen versuchen, mit Logik zu begegnen. So erging
es mir auch mit diesem Buch. Es war, als existiere ein permanentes
Übersetzungsproblem zwischen neurotypischen und neurodivergenten Gehirnen.
Was für mich selbstverständlich war und ist, erschien neurotypischen Menschen
unbegreiflich.
       Mit diesem Text entzog ich mich lange Zeit der akademischen Gewohnheit
der Referenz, wie für Autist:innen das eigene Innere als Referenz viel logischer

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erscheint. Wir wissen, weil wir erleben. Warum also sollten wir das Erlebte von
außen abstrakt legitimieren?
Das Verstehen der Welt ist bei Autist:innen wie mir darüber hinaus verkörpert,
was bedeutet, dass Sinneswahrnehmung, Erleben, Denken und Fühlen, somit auch
Arbeiten, sich nicht an sozialen Normen orientieren, sondern an einer manchmal
determinierenden Verbindung mit der Dynamik der Welt selbst. Es ist ein
enaktiver Zugang zur Existenz, was bedeutet, dass der Geist nicht einfach
entscheiden kann, eine Arbeit zu tun, die vom eigenen Körper, von den eigenen
Sinnen, vom eigenen Erleben entkoppelt ist. Die Fähigkeit zum reibungslosen
Funktionieren von Körper und Geist, im Dienst an einer äußeren Anforderung, ist
aber das fundamentale Wesen der Erwerbsarbeit. Entsprechend hatte ich in dem
Bereich viele Probleme. Autist:innen wie ich können unsere Körper nicht von
unserem Tun, Fühlen und Denken abspalten, ohne die eigene Integrität zu
verlieren, was einer Vergewaltigung, oder einer Selbstauslöschung gleichkäme.
Denn wir sind das, was wir tun, denken und fühlen. Diese Aspekte sind nicht nur
Optionen. Francisco Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch (1991) The
Embodied Mind: »Cognitive Science and Human Experience« → zeigen, dass
kognitive Prozesse grundsätzlich nicht entkoppelt vom Körper und seiner Umwelt
funktionieren – ein Denken, das nur in Ko-Regulation mit der Welt existiert. Bei
vielen Autist:innen ist dies wesentlich ausgeprägter. Daraus ergibt sich auch mein
enaktiver Zugang zur Arbeit. Damian Milton (2012) »On the ontological status of
autism: The »double empathy problem« → argumentiert, dass autistisches
Erleben nicht defizitär, sondern fundamental anders organisiert ist – verkörpert,
situativ, systemisch. Erin Manning (2009) »Relationscapes: Movement, Art,
Philosophy« → schreibt über »autistic perception« als sich verkörpernde
Handlung – ein Arbeiten, das nicht ausgeführt, sondern geschehen muss, im Takt
mit Welt, Sinn, Körper. Diese enaktive, verkörperte Bindung von Erleben,
Denken und Arbeiten ist im neurodivergenten Sein nicht wählbar, sondern
strukturell verankert. Chapman (2023), Milton (2012) und Varela et al. (1991) →
identifizieren die Unmöglichkeit funktionalisierter Handlung unter systemischer
Entkopplung von Sinn und Körper. Autist:innen wie ich sind somit sinnliche
Denker:innen, was bedeutet, dass unser Denken ein Denken in und mit der Welt
ist. Es ist ein Denken aus dem unmittelbaren Erleben heraus. Menschen wie ich,
deren Wissen ist ein erlebtes Wissen, weil wir umso rationaler verstehen, umso
emotionaler wir erleben. Die Welt ist Teil unseres nicht fest verorteten Geistes.
       In der Praxis zeigte sich dies dadurch, dass ich über Jahrzehnte Behörden
und Konzerne provozierte, um gewissermaßen einen »Essay in der Welt« zu
erarbeiten, also einen Essay, der aus meinen Gedanken und meinen Interaktionen
bestand. Ich stellte einen Resonanzraum her, zwischen mir und der Welt, indem
ich in Aktionen live über die Welt nachdachte, während ich in Form von
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Happenings in Firmen, Behörden und Gesellschaft eingriff. Diese sich oft über
Jahre wiederholenden Akte, waren rhythmische Resonanzräume, zur Erforschung
der Systeme, aber sie waren mir auch Lebensraum, als Wesen, dass im geistigen
Konstrukt der Welt, im unbewussten der Gesellschaft lebt, als wären Konzepte,
Ideologien, Regeln wie Bäume oder Häuser in einer Straße, in der ich lebte. Ich
meine damit die Frage der Existenz, nicht die Beschreibung einer abstrakten Idee.
Ich meine dies wörtlich.
      Als ich »Gesellschaft ohne Vertrauen« schrieb, war es das niederschrieben
eines Ausdrucks, eines Erlebens von Wissen, welches allein zwischen der Welt
und mir entstand. Daher band ich es damals nicht an akademische Konventionen,
verzichtete auf Zitate und Verweise (die ich hier teilweise ergänzte), weil
Autist:innen diesen anderen Zugang zu Wissen und Forschung haben. Uns geht
es nicht um die objektive Wahrheit, sondern um den Prozess des Erlebens von
Erkenntnis. Wissen ist bei mir manchmal eher wie eine Erfahrung des Erinnerns
zu beschreiben. Dies führt zu einem vollkommen anderen Stil der
Wissensvermittlung. Nicht selten in einer assoziativen Textwurst mit inhaltlichen
Wiederholungen, die daraus resultieren, dass wir das Wissen im Schreibprozess
hervorholen, wie Wasser aus einem Brunnen.
                               Das innere Labor
Autist:innen wie ich forschen also sehr anders. Robert Chapman (2023) »Empire
of Normality: Neurodiversity and Capitalism« beschreibt autistische
Denkprozesse als nicht-lineare, verkörperte und hyperreflexive Räume, die nicht
objektivierend, sondern interprozessual funktionieren. Der »neurotypische
Wissenschaftsmodus« (Peer Review, Hypothesenbildung, Messung) → wird als
strukturell exkludierend kritisiert – weil er nicht mit erkenntnisbildenden
Prozessen arbeitet, sondern mit Objektabschlüssen. Mel Baggs (2007–2020,
posthum veröffentlicht) »In My Language« → formuliert eine frühe, aber
paradigmatische Kritik an neurotypischen Wahrnehmungsstandards. Sie zeigt,
dass ihr Denken in einer Raum-Zeit-Struktur abläuft, die sich nicht von Sprache
trennt, sondern in einem enaktiven Feld von Wahrnehmung, Rhythmus und
Wiederholung operiert. Damian Milton (2012) »On the Ontological Status of
Autism: The Double Empathy Problem« → argumentiert, dass autistische
Personen oft über eine fragmentierbare, selbstreflexive Selbststruktur verfügen,
die es ihnen erlaubt, sich gleichzeitig von innen und außen zu betrachten.

Autist:innen wie ich können wie in einem inneren Labor Emotionen von
Gedanken trennen und somit einen intersubjektiven, objektiven Raum im Inneren
herstellen. Das heißt nicht, dass wir unfehlbar sind, aber es ist ein weit
objektiverer Raum, als dies bei neurotypischen Gehirnen der Fall ist. Durch das

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bei manchen Autist:innen fragmentierte Selbst, ist es uns möglich uns zuzusehen,
während wir denken und fühlen und uns wie eine Schachfigur in einer inneren
Simulation zu verwenden. Es ist, als sei das Bewusstsein auf eine Weise
verkörpert, die zugleich den Körper in den erweiterten Raum transzendiert, als
wäre alles Aspekte desselben Puzzles. Yo Dunn (2021) »Epistemic Autonomy in
Autistic Research« → beschreibt, wie viele autistische Forscher:innen nicht
Hypothesen testen, sondern Erfahrung in Denkstruktur übersetzen, oft durch
»tacit resonance«, embodied recursion und nicht-lineares Tracking von Mustern.
Kristin Bumiller (2008) »In An Abusive State« → beschreibt, wie Wissenschafts-
und Rechtssysteme neurodivergente Denkweisen systematisch exkludieren,
indem sie das Subjekt auf Objektivität zwingen – während z. B. Traumalogik,
autistische Selbstreflexivität oder »rhythmische Sprache« keinen Platz haben. Die
in diesem Buch beschriebene Form der Forschung – als verkörperte, zirkuläre,
multisensorische Verdichtung von Erkenntnis – ist anschlussfähig an die enaktive
Kognition (Varela et al., 1991), an die Konzepte der Participatory Sense-Making
(De Jaegher & Di Paolo, 2007) und an Chapmans Beschreibung neurodivergenter
Epistemologien (2023). Was im neurotypischen Paradigma als »Mangel an
Objektivität« erscheint, ist aus Sicht neurodivergenter Forschung eine andere
Ontologie des Denkens: zyklisch, selbst transzendierend, fragmentiert-kohärent
und rhythmisch mit der Welt verwoben.
Bei Menschen wie mir dienen die eigenen Sinne und Emotionen als Verdichter
der Prozesse und Erkenntnisse. Es sind viel mehr Tools als Teile einer festen
Identität. Umso emotionaler, umso rationaler. Umso persönlicher, umso
analytischer. Daher muss man bei der Forschung, die ich als Autist und Künstler
betreibe, von einem eigenen Forschungszweig sprechen, nämlich von
neurodivergenter Forschung, die das Ich des Untersuchenden bewusst nicht
ausschließt. Denn unsere Gehirne erfordern ein Denken im realen Raum,
zwischen dem Erleben, Erfahren, dem Riechen oder dem Bewegen. Autistische
Forscher:innen pflegen wie zuvor besprochen eine eigene Sprache, die ein Prozess
ist, die Wiederholung und Verdichtung braucht, welche kein Endergebnis
erfordert, sondern sich in den unendlichen Fluss der Details einhängen will, um
der Welt zu lauschen, wie sie sich formt und tut. Man spricht hier in der Forschung
von Embodied Cognition. Geist »sitzt« nicht im Gehirn, sondern entsteht im
gelebten Organismus‑Welt‑Kreislauf. Der Begriff wurde Anfang der 1990er Jahre
durch Varela, Thompson & Rosch (The Embodied Mind, 1991) → popularisiert
und zugleich von Lakoff & Johnson, Barsalou u. a. in der Kognitionswissenschaft
verankert. Neuere philosophische Synthesen beschreiben Embodiment als
dynamische Kopplung von Gehirn, Körper und Umwelt, ohne klare Trennung von
»innen« und »außen«. Unser Ich ist wie gesagt keine abgeschlossene Kugel, keine
feste Form, sondern in den Begrenzungen sehr viel offener, für das Außen, dessen
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Lärm, dessen Helligkeit, dessen Gewalt und Inhalt, sowie dessen Form. Studien
zeigen, dass viele autistische Menschen atypische Sensorik‑, Motor‑ und
Interozeptionsprofile haben und dadurch andere Wege der Welt‑Erschließung
ausbilden. Viele autistische Menschen berichten von einem Erleben, in dem die
kartesianische Trennung zwischen Körper und Geist weniger ausgeprägt ist. Dies
entspricht Maturanas und Varelas Kritik am Dualismus und ihrer Betonung der
Einheit des lebenden Systems. Das Unvermögen, beliebig zu handeln oder sich
von bestimmten Wahrnehmungen zu distanzieren, könnte als intensiveres Erleben
der autopoietischen Geschlossenheit des Systems verstanden werden. Viele
autistische Menschen haben eine besondere Fähigkeit, Muster und Komplexität
in Systemen zu erkennen und zu bewahren, was mit Maturanas und Varelas
Betonung der Erhaltung der Organisation des lebenden Systems korrespondiert.
Dadurch kollidieren wir mit der klassischen Arbeitswelt, in dem Versuch uns aus
uns selbst heraus zu erhalten.
Berührt ist hier auch der Prozess der Autopoesis. Diese besagt, dass lebende
Systeme sich selbst erschaffen, indem sie ihre eigenen Komponenten produzieren
und organisieren. Leben ist durch Selbstorganisation gekennzeichnet. Lebewesen
sind autopoietische Systeme. Erkenntnis ist nicht die Repräsentation einer
vorgegebenen äußeren Welt, sondern ein aktiver Prozess, durch den ein
Lebewesen seine Realität erschafft. Kognition und Leben sind untrennbar
miteinander verbunden – »Leben ist Erkennen, Erkennen ist Leben«.
Wahrnehmung ist nicht passive Informationsaufnahme, sondern aktive
Konstruktion durch das wahrnehmende System selbst. In diesem Sinne könnte
das autistische Erleben als eine Form des Lebens betrachtet werden, die in
mancher Hinsicht näher an der unmittelbaren, nicht dualistischen Existenzweise
liegt, die Maturana und Varela beschreiben – eine Existenzweise, die weniger
durch soziale Konstrukte und kulturelle Filter vermittelt ist und stärker die
fundamentale strukturelle Kopplung zwischen Organismus und Umwelt erlebt. Ja,
ich lebe in einer eigenen Welt. Ich erschaffe sie aus mir selbst. So ist auch meine
Forschung. Ich schöpfe aus mir, in Interaktion und Intervention mit der Welt, in
der ich versuche, eine gemeinsame Form zu erschaffen, die sehr eng mit meiner
Existenz verknüpft ist. Die Kunst dient dabei als erweitertes Mittel, Werkzeug
und Medium.
Diese biologische Erkenntnistheorie führt zu einer radikalen Abkehr vom
traditionellen Repräsentationalismus und hat weitreichende Konsequenzen für
unser Verständnis von Bewusstsein, Wahrnehmung und dem Verhältnis zwischen
Organismus und Umwelt. Somit auch von Arbeit und Forschung.
                           Die Berufung des Autisten

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Der von mir geprägte Begriff der autistischen Berufung, also der biologisch
bedingt angeborenen Arbeit, bezieht sich darauf, dass ich mein ganzes Leben als
den Ausdruck einer geometrischen Form, einer Frequenz, eines Musters, eines
Tanzes, einer speziellen Sphäre, im Sinne, der in späteren Kapiteln dargestellten
Modelle und Theorien erlebe, die ich in Zyklen versuche durch mein Leben, in
meiner Arbeit zu verwirklichen. Damit ist ein biologisch fundiertes, verkörpertes
Lebensmuster gemeint, das nicht gewählt, sondern gelebt werden muss – als
epistemisch zwingende Arbeit in Symbiose mit Weltstruktur. Das ist eine
tiefgründige Form der autistischen Ontogenese, die sich nicht als Identität,
sondern als Lebensrhythmus entfaltet.
Nick Walker (2014, 2021) »Neuroqueer Heresies« beschreibt Autismus als »ways
of processing, being and becoming« – nicht als Eigenschaft, sondern als
verkörperte Ontologie. Besonders wichtig ist Walkers Betonung, dass
Autist:innen nicht anders denken, sondern anders existieren.
Genau dort setzt jene »Berufung« an: Die Welt ist nicht außen, sie entfaltet sich
durch das Subjekt, das aber nicht als Ego agiert, sondern als Formresonanz. Mel
Baggs (2007): »In My Language« → wiederum beschreibt auch, dass ihre Art, in
der Welt zu sein, nicht metaphorisch ist. Sie kommuniziert mit der Welt durch
Muster, Berührung, Bewegung, Echo. Damian Milton (2014): »Autistic
Expertise: A Critical Reflection on the Production of Knowledge« →
argumentiert, dass viele Autist:innen eine Form von »epistemischer
Notwendigkeit« spüren: eine zwanghafte Bindung an ein Thema, eine Form, eine
Ordnung. Yo Dunn (2021): Epistemic Autonomy and Autistic Methods →
beschreibt, dass viele Autist:innen nicht forschend entscheiden, sondern
verkörpernd forschen – als innere Notwendigkeit, durch Mustererfüllung.
Die hier beschriebene Forschung als »autistischen Berufung« ist kein
metaphorisches Bild, sondern eine in der neurodivergenten Forschung
beschriebene Lebensrealität. Walker (2021), Baggs (2007) und Dunn (2021) →
zeigen, dass autistische Erkenntnisprozesse nicht optional oder rational
strukturiert sind, sondern aus einer verkörperten, rhythmisch formierenden
Ordnung heraus operieren. Die Person wird dabei nicht Träger von Wissen,
sondern ein Aspekt der Struktur selbst, die sich durch das Subjekt verwirklicht.
Ich bin als Autist und Künstler von dieser Ordnung nicht getrennt, sondern wir
existieren in Symbiose. Neurotypische Menschen tun dies nicht auf diese Art. Sie
sind nicht derart eine Einheit mit der Welt. Sie können vergleichsweise wesentlich
willkürlicher darin agieren. Diese Musterordnung kann ich als Autist weder
ignorieren noch kann ich damit aufhören, sie zu erforschen, oder in meiner
Existenz auszudrücken. Sie ist mir folglich zur natürlichen Arbeit geworden, die
mir angeboren ist. Das Muster, die Form hat mir eine Aufgabe zugeteilt, nämlich
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eine Differenz zu beschreiben, zwischen ihr und der Zivilisation. Das mag für
neurotypische Menschen schwer zu verstehen sein, deren Handeln von ihnen
mehr oder weniger frei entschieden werden kann, die sozialen und
gesellschaftlichen Normen oder Bedingungen folgt, um möglichst einen Platz,
also einen Job in der Gruppe zu finden. Darin liegt ein gewisser, auf Anpassung
beruhender Möglichkeitsraum und eine Offenheit und Flexibilität, die vielen
Autist:innen fehlt. Das alles muss ich ignorieren, wenn es der Verwirklichung der
in mir verkörperten Ordnung widerspricht. Das ist kein Zwang, in dem Sinne, dass
ich darunter leiden würde, sondern eine Voraussetzung meines Seins. Ich muss
diese selbstbestimmte Arbeit machen, weil alles andere meine Auslöschung als
menschliches Wesen zur Folge hätte. Jobs, als fremdbestimmtes Handeln sind
somit nicht die Grundlage meiner Existenz, sondern waren und sind schon immer
eine Bedrohung dessen gewesen. Betrete ich ein Unternehmen, sehe ich überall
abweichende Ordnung, die korrigiert werden muss. Da Jobstrukturen
externalisiert über meinen Körper fremdbestimmt handeln sollen, verorten sie
mich in Raum und Zeit und zerbrechen mich auf diese Weise. Weil ich mein
Handeln als Autist nicht von der Notwendigkeit der Einhaltung jener Ordnungen
und Muster trennen kann, die mich selbst zu einer Art personifizierten Skulptur
meines Welterlebens gemacht haben. Ich bin in meiner ganzen Existenz ein
Wesen, dass den freien Selbstausdruck benötigt, wie andere Luft zum Atmen.
Meine neurologische Verschaltung erlaubt es mir nicht, getrennt von meinem
Erleben, meiner Wahrnehmung zu handeln, als hätte das eine mit dem anderen
nichts zu tun.
In der neurotypischen Bias nennt man mein Problem mit der Welt auch
»Pathological Demand Avoidance«. Also die Verweigerung äußeren
Anweisungen zu folgen. Es ist kein krankhaftes Verhalten, sondern ein
Mechanismus der Evolution, um Komplexität in Ökosystemen zu bewahren, die
Neurotypische nur allzu gerne ignorieren, wenn es ihnen einen Vorteil in der
Gruppe verschafft. Es muss also Menschen geben, die Abweichungen und
Unterschiede in Strukturen erkennen, die Muster präzise sehen können, ohne
subjektive Verzerrung, auch wenn es politisch und entlang sozialer Normen nicht
erwünscht ist. Diese Menschen können dazu beitragen die innere Ordnung der
Natur zu schützen und das, was Realität ist, fortlaufend zu erweitern.
Als Konsequenz dieses Buches, welches ich 2005 veröffentlichte, setzte ich eine
Forschung von Jahrzehnten fort, ohne dafür bezahlt zu werden. In den meisten
Jahren wurde ich als Folge diskriminiert und später staatlich verfolgt. Denn meine
Arbeit, siehe das später erschienene Buch »Speeds Arbeit«, führte mich tief in das
Unrecht einer Gesellschaft, die den Menschen nur noch als Objekt betrachten will.

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All das nahm seinen Anfang, bei einem Unglück, dass ich live über den Fernseher
miterlebte.
                           Der 11. September 2001
Das vorliegende Buch entstand vor dem Hintergrund der Anschläge in den USA,
die am 11. September 2001 in New York City stattfanden und das World Trade
Center zerstörten. 2977 Menschen wurden getötet und das Selbstverständnis der
westlichen Welt erschüttert. Die Stadt war durchzogen von Ruß, Trauer und einer
schwer greifbaren Mischung aus Angst, Patriotismus und Verunsicherung. In
Lower Manhattan lag noch der rauchende »Ground Zero«, während ab diesem
Zeitpunkt längst der Ausnahmezustand den Alltag der Menschen prägte: schwer
bewaffnete Soldaten in der U-Bahn, spontane Mahnmale an Straßenecken,
aggressive Rhetorik gegen das Fremde. Es war die Zeit, als der Boden unter den
Füßen der Weltordnung wegzubrechen schien – in dem Vertrauen durch
Überwachung ersetzt wurde, und auf das Trauma das Zeitalter des »War on
Terror« folgte. Wer sich zu dieser Zeit in New York bewegte, spürte das Ende der
90er-Jahre-Illusion – und den Beginn einer tiefgreifenden globalen Paranoia.
                             Worum ging es mir?
Mit dem vorliegenden Buch unternahm ich instinktiv eine Gegenbewegung. Ich
machte mich auf die Suche nach einer hinter der kreativen Dynamik von
Gesellschaft und Wirtschaft liegenden Ordnung. Nach Prinzipien und
Grundsätzen, an denen man sich orientieren könnte, um mehr Freiheit und
kreative Dynamik zu erreichen und um die Wirtschaft, Kultur und Demokratie zu
stärken. Dabei ging es nie darum, diese Ordnung in ihrer Existenz zu beweisen,
was einerseits größenwahnsinnig und zugleich sehr engstirnig wäre, käme dies
doch einer Weltformel gleich. Sondern ich suchte nach pragmatischen
Konsequenzen in unseren Haltungen zum Leben und unseren Gewohnheiten, bei
der Suche nach Innovationen, dem Umgang mit Krisen und dem Schaffen von
Neuerungen in Systemen. Zugleich sah ich 2003 in den Entwicklungen des
Kampfes gegen den Terror eine Gefahr für das Entwicklungspotenzial der
westlichen Gesellschaften. Es drohte eine Zunahme der Angst und sehr viel
Unheil sollte daraus resultieren. Die Art wie wir systemisch mit Krisen umgehen
wurde so zum Gegenpol der Suche nach kreativeren Strukturen.
                         Die Kreativität in Systemen
Den vom mir ersehnten neuen Umgang mit den Verhältnissen, nenne ich heute
den »systemkreativen« Ansatz. Ich verstehe darunter eine befreiende Haltung, die
Menschen aus dem Dilemma ein Stück löst, stets zwischen dem äußerlich
Anerkannten in der Welt und dem eigenen ganz individuellen Erleben gefangen
zu sein. Also in der Differenz zwischen dem inneren Fluss der Eindrücke,
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Kreativität, inneren Wahrheiten, Gefühle, Gedanken einerseits und den äußeren
Festlegungen durch Gesellschaft, normierte Realitätsvorstellungen, anerkannte
Weltbilder, Medien, Staat, Wirtschaft aber auch Natur andererseits fest zu hängen,
ohne das Innere angemessen nach außen in etwas Gemeinsames integrieren zu
können. Es ist die Sehnsucht nach dem gestaltbaren »Wir«, die mich und viele
Leser hier antreibt. Die Suche nach einer qualitativen Verbesserung der
Mitgestaltungsfähigkeit und Integration des Menschen in die Entstehung seiner
Systeme.
Der moderne Mensch ist heute sehr wenig ein gestaltender und überwiegend ein
sich an die Außenwelt anpassender Organismus. Aber tief in seinem Inneren
besteht, wie bei einem ausgeschalteten Gen, die Möglichkeit plötzlich zum
bewussten Mitgestalter zu werden. In der Geschichte hat der Mensch immer
wieder bewiesen, dass er bestehende Ordnungen durch eigene Erfahrungen
integrieren und erweitern kann. Dieses inaktive (geistige) Gen bezeichnete ich
später als den inneren Fixpunkt, den es im Individuum zu aktivieren gilt. Als das,
was uns antreibt, was wir als innere Kraft und Erkenntnis empfinden und bei
jedem Menschen anders gelagert ist. Gewissermaßen das innere Geschenk, dass
jeder Einzelne für die Gesellschaft mitbringt und je nach Situation immer wieder
neue Formen annimmt, der Veränderung gerecht wird, ohne sich einfach nur
anzupassen.
Doch gerade darin liegt eine Herausforderung. Denn wie soll man etwas in eine
Gemeinschaft integrieren, was so schwer greifbar und so relativ erscheint, wie die
inneren Motive, Werte, Ideen, Visionen und Impulse einzelner Individuen
innerhalb von großen Menschenmassen, Völkern oder Kulturen?
    Fixpunkte als subjektive Singularitäten und embryonale Faltungen
Dieses Buch dreht sich um einen Zentralen Begriff, der Fixpunkte. Gemeint ist
damit etwas wie der Funke einer Erkenntnis, die einen an eine höhere oder
komplexere Ordnung anbindet. Der Begriff der Fixpunkte steht in diesem Text als
frühe Chiffre für eine fundamentale Eigenschaft bewusster Systeme: die
Fähigkeit, an einem bestimmten inneren Punkt eine irreduzible Orientierung
auszubilden – eine Art subjektives alles, aus der heraus ein Mensch beginnt, Welt
nicht nur wahrzunehmen, sondern zu strukturieren. In der späteren MNO-Theorie
aus »Die Physik der Armen« beschreibe ich diesen Moment als Beginn der
Faltung, als einen ontologischen Einschlag, an dem aus diffusem Erleben eine
prägnante Wirklichkeitsordnung emergiert. Fixpunkte sind in diesem Sinne
epistemische Verdichtungen, in denen ein Bewusstsein eine Information nicht nur
aufnimmt, sondern in sich so verschaltet, dass sie zu einer neuen inneren Ordnung
führt – sei es in Form einer Idee, einer Erkenntnis oder einer ethischen
Entscheidung.      Diese Fixpunkte sind nicht verallgemeinerbar, nicht
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algorithmisch herstellbar. Von außen betrachtet bleiben sie vage, subjektiv,
idiosynkratisch. Doch in der konkreten Erfahrung – im Leben, in der Liebe, in der
Forschung – sind sie entscheidend. Sie sind jene Momente, in denen eine Person
etwas erkennt, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Nicht durch lineare
Argumentation, sondern durch das, was man als mikroskopischen
Realitätsumbruch bezeichnen könnte: ein Einbruch von Sinn, von innerer
Notwendigkeit, von Resonanz mit dem Eigenen.
       Ich kann nicht wissen, was in Ihnen gerade als dieser Fixpunkt wirkt – was
Ihre innere Logik antreibt, was Sie der Welt geben könnten, was sich in Ihnen
bereits in eine neue Ordnung faltet. Aber sobald ich Ihnen wirklich begegne, in
Resonanz trete, entsteht ein Raum, in dem solche individuellen Singularitäten
spürbar werden. Denken wir an den Mann, der sich in das unaussprechliche etwas
in den Augen einer Frau verliebt; an die Wissenschaftlerin, die plötzlich eine
Schwelle überschreitet und ein ganzes Paradigma kippt; an die Autistin, deren
sensorische Verdichtung zu einer präzisen ethischen Unverhandelbarkeit führt.
All das sind Fixpunkte: nicht wiederholbar, nicht planbar, aber wirkmächtig und
strukturbildend.
       Im Kontext der MNO-Theorie lassen sie sich als die ersten Stellen der
Selbstfaltung eines Systems beschreiben. Fixpunkte sind jene Orte, an denen ein
Bewusstsein beginnt, sich selbst als Ort von Wirklichkeit zu setzen – als ein
Realitätenauge, das nicht bloß abbildet, sondern aus der Spannung mit dem
Umgebenden eine neue Welt heraushebt.
                    Grundlagen von Innovationsfähigkeit
Die Grundelemente auf denen unsere Kreativität, Innovationsfähigkeit, Integrität
und unser Realitätsverständnis aufbaut, stehen außerhalb unserer systemischen
Ordnungen. Sie sind ihnen vorgelagert, aber werden in den gesellschaftlichen
Strukturen immer wieder auch blockiert.
Ein Beispiel:
Ein Mensch wacht eines Morgens auf und erkennt einen Weg für die Entwicklung
eines neuen Motors. In der daraus entstehenden Fabrik wird diese Qualität der
Innovationsfähigkeit nie wieder bestehen. Sie ist nur in der Phase der Geburt einer
neuen Struktur da, lässt sich aber selbst nicht strukturieren.
Ein anderer Mensch macht eine lange Krise durch, die ihn zur inneren
Beweglichkeit und Veränderungsbereitschaft zwingt. Diese Kraft hilft ihm später
erfolgreich zu werden. Im Zustand des Erfolges aber wird er satt, konservativ und
unbeweglich.
Eine Bevölkerung entdeckt eines Tages für sich ein neues Lebensgefühl, dass
mehr Freiheit gegenüber der Elterngeneration ermöglicht. Dieses neue Weltbild
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setzt sich durch, aber wird von der nächsten Generation als verklemmtes Dogma
verflucht und in Revolten abgeschafft.
Zwar lassen sich von diesen Fixpunkten später neue Ordnungen, Ideen, Strukturen
und Funktionsweisen ableiten, die eigentlichen Erkenntnismomente aber, also die
Sekunden in denen das Bewusstsein sich erweiterte sind einmalig, hoch komplex
und entziehen sich unserer direkten Kontrolle. Wir können das Erscheinen der
Fixpunkte nur begünstigen, nicht aber erzwingen.
Niemals aber sollten wir vergessen, dass der Ursprung all unserer Ordnungen auf
ihnen beruht und dass selbst jede noch so feste wissenschaftliche Theorie
irgendwann von den Fixpunkten gestürzt wird, die sich durch einzelne Menschen
ausdrücken werden.
Die Fixpunkte werden im Allgemeinen immer unkonkret/sehr individuell bleiben,
aber in dem erlebten Moment, zählen sie zu den wichtigsten Erfahrungen, die ein
Mensch in seinem Leben machen kann.
Sie sind ein Geheimnis, aber der eigentliche, wirkliche Garant für unsere Freiheit
und die fortwährende Veränderung unserer Systeme.
                   Die Systeme näher an das Leben rücken
Das Leben selbst, in dem Moment in dem wir einen neuen Fixpunkt integrieren,
ist sehr konkret und klar – Systeme sind es in der Regel nicht. Sie sind abstrakt
und verallgemeinern. Dies muss aber nicht generell der Fall sein. Es gibt Wege
die Systeme näher an die Fixpunkte zu rücken. Dafür bedarf es Strukturen, die auf
Bewusstseinswachstum ausgerichtet sind, statt den Menschen in Monotonie zu
verwalten.
Von den Fixpunkten gehen nicht nur Motive aus, sondern sie sind auch die
Drehpunkte zu neuen Wahrheiten und Innovationen. Somit ist ihre Integration
durchaus auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Fixpunkte sind innere Auslöser und
Katalysatoren von Veränderungsprozessen.
Menschen sind keine Maschinen – auch ihre Systeme sollten keine sein. Es bedarf
der ständigen Anpassung an die Lebendigkeit. Wir alle kennen die fatalen
Entfremdungserscheinungen in Firmen und Organisationen, die zu
Betriebsblindheit, menschlichen Fehlern, inneren Konflikten und Brüchen führen.
Sie alle resultieren aus dem nicht hinsehen wollen, aus der Verweigerung
gegenüber der Wichtigkeit der Fixpunkte.
So zerbrechlich und verschwommen sie auch im Theoretischen erscheinen
mögen, sollte man sich nicht in der Erkenntnis täuschen, dass sie eine

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entscheidende Rolle in unseren Systemen spielen. Sie sind die Grundlage unserer
inneren Ordnungen.
Darum befasste ich mich so umfangreich mit ihnen. Es ging mir, wie gesagt, nicht
darum, ihre Existenz zu beweisen, sondern die Auswirkung unserer Annäherung
an ihre Existenz in den Systemen zu beschreiben. Die Auswirkung auf unser
Freiheitsempfinden und die Innovations- und Kreativitätsfahigkeit der Wirtschaft,
denn gerade in schwierigen Zeiten wie diesen bietet das Verstehen der Dynamik
der Fixpunkte einen wichtigen Schlüssel zur kreativen Lösung von Krisen in
Wirtschaft und Gesellschaft.

               Die Fixpunkte sind der Schlüssel in jeder Krise.
                Wer die neuen Fixpunkte hat, hat die Lösung.
Die Geschichte der Menschheit zeigt dies in vielen Beispielen. Die Evolution
bricht immer wieder mit der Regel des angepassten Menschen und so macht es
Sinn sich einmal bewusst die andere Seite, nämlich die Eisbergspitzen dieser
inneren Ordnungen anzusehen. Das ist der systemkreative Teil, der meiner
Ansicht nach in westlichen Systemen zu kurz kommt, aber heute wieder stark
gebraucht wird, weil wir vor einer Zeit großer kultureller und systemischer
Wandlungsaufgaben stehen, in dem die Ressourcen eines jeden Einzelnen einen
großen Unterschied machen. Wir bewegen uns von einer Zeit des gesättigten
Wohlstandes in eine neue Phase des gemeinschaftlichen Kraftaktes. Vergleichbar
mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa.
       Also      eine     Verbesserung     der     Fähigkeit    unserer    Systeme
Entwicklungsdynamik zu integrieren. Der systemkreative Ansatz ist
gewissermaßen das »Web 2.0« für gesellschaftliche Systeme, ja für unsere
Weltbilder an sich. Der User wird aktiver Teil des Systems, statt nur dessen
Konsument zu sein. Dabei bestimmt er selbst und kreativ, wie er ein Teil werden
will. Er gibt sich nicht damit zufrieden auf eine Stimme, eine Zielgruppe oder eine
Rolle reduziert zu werden, sondern wählt selbst seine Rolle für das Ganze. Das ist
für viele menschliche Systeme in Wirtschaft und Gesellschaft etwas sehr Neues,
was unserem ganzen Denken gewisse Sprünge abverlangt. Schritte, die Sie in
diesem Buch langsam und verständlich beschreiten können.
Das Entscheidende an den Fixpunkten ist die Erkenntnis, dass ein jeder den neuen
Fixpunkt in sich tragen und zum Ausdruck bringen könnte. Fixpunkte orientieren
sich weder am Vermögen eines Menschen noch an seiner Stellung, seinem
Berufsstand oder seiner Bildung. Sie relativieren die Vorstellung von Eliten, die
unsere Gesellschaft tragen. Nein, es sind immer nur jene Individuen, die ihrem
Inneren folgen. In welcher Art auch immer. Es gibt zwar heute einen starken Fluss
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(Mainstream) von der Welt zum Individuum, aber nur ein kleines Bächlein vom
Individuum zur Welt. Das ist das integrative Thema dieses Buches.

## Die Gesellschaft im Inneren

Viele Menschen zu Beginn des 3. Jahrtausends erleben ihre Umwelt als hektisch,
befremdend und unpersönlich. Sie sind umgeben von großem Druck und der
ständigen Angst, ihren Job zu verlieren. Dazu kommt, dass die Welt unwirklich
und von Terror und den vielfältigsten Krisen bedroht erscheint. Sogar die
reichsten und mächtigsten Menschen werden von der leisen Existenzangst in
Zeiten des Umbruchs nicht verschont.
       Später bleiben viele hinter dem Rauschen der Welt zurück, lassen die Dinge
wie sie sind, und verbergen, was sie wirklich denken und fühlen in ihrem Inneren.
       Sie spalten sich von der Außenwelt ab und verlieren die Fähigkeit, ihre
Träume, Gedanken, Visionen und Gefühle in die Welt zu tragen. Somit drücken
sie sich selbst nicht mehr unmittelbar und bewusst aus. Sie spiegeln sich nicht
mehr in der Welt des Äußeren, sondern diese spiegelt sich viel mehr in ihnen. In
dem, was sie tun, was sie denken, was sie zu fühlen glauben. Mit der Zeit
verstehen sie darum jene leisen und verdrängten Töne des Inneren nicht mehr und
ihre wahren Motive werden schwer greifbar. Ihr freier Wille wird geschwächt. Sie
leben immer mehr in Rollen und immer weniger aus authentischen Emotionen
heraus. Die Innenwelt schweigt und drängt sich ins Unbewusste, bis dieses
irgendwann herausbricht.
In der modernen Welt fragt man sich vielleicht, was das alles mit der Gestaltung
von Gesellschaften zu tun haben soll? Es hat in der Tat sehr viel damit zu tun.
Aber wir haben gelernt, dass Gesellschaft sich im Äußeren abspielt und mit
äußeren Problemen befasst ist. Sei es nun die große Politik, die Justiz oder das
Bildungssystem. Auch die Wirtschaft scheint vollkommen ohne das funktionieren
zu können, was man als unsere innersten Absichten bezeichnen könnte.
Wir machen und tun und entscheiden, meist noch ehe wir innegehalten und uns
gefragt haben, warum wir das tun, ob es wirklich gerade die beste Option ist, oder
ob es Alternativen gäbe.
      Wir geben den äußeren Gegebenheiten einen sehr hohen Stellenwert und
den weltbildbezogenen und bewusstseinserweiternden Betrachtungen einen sehr
kleinen.
      Aber jedes Produkt, jede gesellschaftliche Errungenschaft, jede wirklich
wichtige Vision von einem besseren und sinnvolleren Zusammenleben, fand
immer schon seine Wurzeln im Inneren einzelner Individuen, die diese Träume
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nach außen trugen. Vergessen wir nicht, dass jede Gesellschaft mit einer Idee
beginnt. Ob es nun Königreiche, Diktaturen, Kolonialreiche oder Demokratien
waren.
       Sie alle begannen mit geistigen Vorstellungen, die zu abstrakten Modellen
des Zusammenlebens wurden. Immer konnte das Innenleben weniger Menschen
die Welt verändern, weil das Geistige der materiellen Welt gegenüber im Vorteil
ist. Es ist wandelbarer und lässt Veränderungen schneller erkennbar werden als
die sichtbare Realität. Darum nimmt jede Wandlung ihren Anfang in unserem
Bewusstsein. Von dort aus entfaltet sie sich langsam in der Welt.
       Erleben wir aber eine Umgebung voller Angst, erleben wir immer eine Welt
voller Stagnation. Der innere Wandel wird verschüttet.
Der Terror dient also nie der Veränderung oder den Innovationen, sondern immer
nur dem Stillstand in einer Gesellschaft. Wirtschaft und Kultur aber leben vom
Wandel und von der Freiheit. Nur äußere, politische Macht lebt von der
Stagnation. Insofern arbeitet die Politik in Zeiten des Umbruchs nicht selten gegen
Kultur und Wirtschaft. Leider sind die ökonomischen und politischen Systeme in
Krisenzeiten von zu vielen Beschränkungen geprägt, die uns schützen sollen. Was
die Krisen häufig nur verschärft.
                      Probleme des Krisenmanagements
Die Krise war schon immer ein Mittel der Macht, gegen welche die Demokratie
noch effektivere Wege entwickeln muss, um nicht immer wieder vom
vermeintlichen Feuerwehrmann der eigenen Werte beraubt zu werden. Gemeint
ist damit der Zerfall der Komplexitätskompetenz und der Bereitschaft zur Vielfalt
im politischen und wirtschaftlichen Management, angesichts schwieriger
Herausforderungen. Dies wird gerade für moderne Gesellschaften mehr und mehr
zum Konfliktgrund, weil diese heute wesentlich mehr Vielfalt und Kreativität
vereinen müssen, als dies in früheren Jahrhunderten der Fall war. Vereinigungen
wie die Europäische Union benötigen längerfristig sicherlich eine andere Kultur
der Integration von Diversität. Die Nationalstaaten haben noch nicht die optimale
Reife für multikulturelle und von Vielfalt geprägte Politik erreicht. Lagerdenken
ist immer noch viel bestimmender als integrative Ansätze. Denn noch immer gibt
es eine einfache Regel in der Gestaltung von Gesellschaften, die sich besonders
angesichts von Krisen zeigt.
       Je dramatischer oder unübersichtlicher die Situation, umso weniger
Menschen werden an der Lösung beteiligt. Je weniger Menschen an der Lösung
beteiligt werden, umso weniger nachhaltig, werteorientiert und gesellschaftliche
Errungenschaften hervorbringend sind die Gestaltungsansätze. Die Folge in einer
zunehmend komplexer werdenden Welt sind immer mehr oder immer größere
Krisen. Eine Form des integrativen und partizipativen Leaderships ist daher
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dringend erforderlich. In der ersten Version dieses Buches habe ich die integrale
Arbeit von Don Beck, Ken Wilber und Clare Graves stark betont. Die integralen
Modelle von Gebser, Wilber oder Beck sind inspirierend, poetisch, intuitiv
kraftvoll – aber metaphysisch überladen und methodologisch oft schwach. In
späteren Kapiteln gehe ich noch sehr genau darauf ein. Über mehrere Jahre habe
ich immer wieder persönlich mit Don Beck zu tun gehabt, weshalb mir diese
Theorien sehr nahe waren. Und man darf nicht unterschätzen, wie hilfreich diese
Ansätze um Spiral Dynamics 1 für die Bearbeitung vieler politischer Krisen
gewesen sind. Don Beck beriet Präsident Bush, vermittelte im Palästinakonflikt
in Israel und beriet Nelson Mandela bei der Auflösung der Apartheid. Dies nicht
ohne Grund. Ähnliche Ansätze, also Versuche Gegensätze in einer Gesellschaft
als konstruktive Pole neu zu integrieren, kamen aber auch aus anderen
Richtungen. Michael Tomasello »The Cultural Origins of Human Cognition
(1999)«, → zeigt wie Geist und Kultur sich aus geteilter Intentionalität, Sprache,
Normen und Kultur ko-evolutionär entwickeln. Er zeigt, wie sich das Bewusstsein
nicht linear, aber rekursiv in sozialen Schleifen formt – mit einer klaren
Ontogenese. Jürgen Habermas, bekannt für seine Entwicklungslogik
kommunikativer Rationalität, entwickelte eine Theorie der kommunikativen
Kompetenz in »Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln« (1983) und
baut darin auf Kohlberg, Mead, Piaget bezogen eine dialektische Erweiterung, in
der Gesellschaften und Individuen Stufen diskursiver Komplexität durchlaufen.
Ähnlich wie Wilber, aber säkular, sprachtheoretisch fundiert, diskursanalytisch
statt mystisch. Diese Modelle und Theorien sind alle Versuche der Integration des
Gegensätzlichen und der Auflösung von Blockaden in Gesellschaften. An diesem
Punkt versuchte ich Untersuchungen der Grundlagen der kreativen Prozesse in
Systemen weiterzutreiben.
       Es geht um Gleichgewicht in der Frage zwischen kreativer Dynamik, Krise
und konservativen oder festen Strukturen, Institutionen oder Kulturen, sowie um
Demokratisierung. Besonders wo heute Veränderungen konkret machbar wären,
weil wir beispielsweise gesellschaftlich reifer geworden sind, wesentlich leichter

1
 Spiral Dynamics ist ein entwicklungspsychologisches Modell zur Beschreibung von individuellen und
kollektiven Wertesystemen, das auf der Forschung des amerikanischen Psychologen Clare W. Graves
basiert. Dieser erkannte, dass Menschen und Gesellschaften sich nicht linear entwickeln, sondern in
Wellen („Spiralen“) von Weltbildern, die auf tiefen psychologischen Bedürfnissen basieren – von tribal
und autoritär über rational und pluralistisch bis zu integrativ und holistisch. Don Beck, ein Schüler und
Popularisierer von Graves, entwickelte das Modell weiter und setzte es praktisch ein: Unter anderem
beriet er Nelson Mandela und dessen Regierung in der schwierigen Übergangsphase nach der Apartheid,
um Spannungen zwischen unterschiedlichen Werteebenen zu moderieren. Später arbeitete er auch mit
Politikern wie George W. Bush, allerdings mit deutlich weniger integrativer Wirkung. Becks Zugang war
dabei stark von seiner eigenen Vergangenheit als Sportpsychologe und Trainer im College-Football
geprägt – er glaubte an typenspezifische Führung und Coaching, was er aus dem Mannschaftssport auf
ganze Gesellschaften übertrug. Spiral Dynamics wurde dadurch zu einem Management- und
Transformationsmodell, das zwischen Therapie, politischer Beratung und Ideologie oszillierte.
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die Mitbestimmung des Einzelnen integrieren können, als dies früher der Fall war.
Allein der technologische Fortschritt wäre in der Lage, komplexere Formen der
Partizipation zu ermöglichen. Aber hier geht es nicht um Internetdemokratie,
sondern um ein grundsätzliches Neuverständnis der kulturellen Grundlagen
unserer Systeme, um eine Veränderung im systemischen Denken. Zentral ist dabei
die Fähigkeit, die inneren Motive, den freien Willen des Menschen ganzheitlicher
und unmittelbarer in die Entscheidungsfindung einzubinden, als dies bisher
möglich war. Der Schlüssel dazu ist der Umgang mit den Fixpunkten des
Menschen. Erst wenn wir in der Lage sind, innere Individualität sinnvoller in
Systeme zu integrieren, ohne die individuellen Ressourcen des Individuums im
Vorfeld auszuschließen, erreichen wir die nächste Stufe der Mitbestimmung. Das
angestrebte Ziel ist eine Personalisierung der Mitgestaltung. Also eine
weitreichende Flexibilisierung der politischen und wirtschaftlichen Systeme,
entsprechend den tatsächlichen Notwendigkeiten und Erfordernissen.
Statt: »Du darfst mitreden, wenn Du in unser Raster passt!« geht es um den
Ansatz: »Wir wollen wissen, wer Du bist, damit wir verstehen können, wie wir
Dich mit all Deinen ganzheitlichen Qualitäten optimal integrieren können. Dies
wird uns allen einen großen Nutzen bringen und das demokratische wie auch das
wirtschaftliche System erweitern.«
Es geht darum, die Systeme in ihrer Monotonie aufzubrechen. Es ist heute nicht
mehr erforderlich, dass eine Gemeinde beispielsweise nach demselben Modell
funktionieren muss, wie ein Staat, oder ein Unternehmen. Ein Kindergarten, ein
Krankenhaus nicht so wie eine Fabrik.
       Der systemkreative Ansatz ist die Suche nach dem optimalen System,
Weltbild, der besten Philosophie und Strategie für die individuelle Situation. So
ineinandergreifend, dass das eine System das andere unterstützt, statt es zu
behindern und die Menschen vor Ort selbst an der Entwicklung ihres Systems
beteiligt werden. Das ist es, was Markus Maderner und ich mit unserer IFM-
Methode versuchten, auf die ich später eingehe. Wir stärkten die Individuen im
System und über sie dann wiederum das System an sich. Dazu unterstützten wir
sie bei der bewussten Arbeit an sich selbst, an ihren Fragen, ihrer Identität, ihren
Visionen und deren Auswirkung auf unterschiedlichen Ebenen.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel:
Angenommen Sie wachen nach einem Terroranschlag oder einer längeren
traumatischen Situation auf, in der ihr Lebensmotiv Angst, Ignoranz und
Einschüchterung war und haben über die Jahre vergessen, wer Sie sind, also was
in Ihrem Inneren liegt, was Ihre Integrität ausmacht. Sie müssen es vielleicht nicht
gleich vergessen haben, aber Sie sind sich Ihrer feinen inneren Wahrnehmungen
nicht mehr bewusst. Sie agieren wie durch einen Tunnelblick. Der Alltag hält sie
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gefangen. Sie bewegen sich wie in einer Tretmühle.
       Wenn Sie dann zur Arbeit gehen, hätten Sie in diesem leicht traumatisierten
Zustand große Schwierigkeiten damit, herauszufinden, was Sie dort machen
sollen. Ihre Kollegen würden Ihnen Arbeit zuweisen, aber Sie wären sehr verwirrt
und ängstlich. Nichts würde für Sie zusammenpassen.
       Sie wären nach kurzer Zeit abhängig von Fremden und kämen sich vor, als
lebten Sie das Leben von anderen. Ihre eigene Welt könnten Sie unmöglich dort
draußen finden, weil dort die Welten von Milliarden von Menschen sind. Es ist
wie ein Puzzle, in dem Sie sich selbst zusammensetzen sollen, ohne zu wissen,
wer Sie sind. In einer solchen Welt sind alle Handlungen der Menschen
geschwächt. Das Glück ist fern und unkonkret und wird nur in einer
oberflächlichen Welt gesucht, wo es stets unerfüllt bleibt. Diese Form der
Gesellschaft, ohne selbstbewusste Menschen, bietet die Möglichkeit dieses Volk
unendlich zu manipulieren. Vielleicht versuchen Sie diese innere Leere durch
übermäßigen Konsum auszufüllen, was eine Zeit lang die Wirtschaft beflügelt,
aber irgendwann versiegt die Fähigkeit Neues zu schaffen. Die Zeiten ändern sich,
eine Energiequelle verschwindet und die kreative Anpassungsfähigkeit wurde
verlernt.
Dieses Beispiel mag überspitzt erscheinen, aber tatsächlich beschreibt es das
Innen- und Gefühlsleben sehr vieler Menschen, die jeden Tag einem
ferngesteuerten Ablauf folgen. Die meisten merken dies gar nicht, weil sie den
Kontakt zu sich selbst, zu dem, was sie sich jeden Tag antun, über die Jahre
verloren haben.
Wir alle haben das in einer Form schon mal erlebt. Gewiss sind wir größtenteils
Herr unseres Lebens, aber zu einem anderen Teil auch nicht. Die äußeren Zwänge
sind groß und viele von uns sind eher orientierungslos. Dies aber schadet
Wirtschaft und Kultur für lange Zeit, besonders in einem Jahrhundert, in dem wir
den Menschen nicht mehr als Fließbandarbeiter, sondern viel mehr als
mitwirkende und mitdenkende Ressource integrieren sollten. Was also früher
vielleicht ein gutes System war, erweist sich nun als sehr negativ.
Nun stellen Sie sich die umgekehrte Variante vor:
Sie fallen in eine Welt, die Ihnen fremd ist, aber Sie wissen ganz genau, wer Sie
sind. Sie kennen Ihr Stärken, Ihre Schwächen, Ihre Vorlieben und Ihre Ziele, Ihre
Eltern waren stolz auf Sie. Sie haben eine tiefe Struktur und Integrität in sich, von
der Sie erfahren haben, dass andere Menschen diese an Ihnen schätzen und lieben.
Ihr innerstes ist so klar, dass Sie einen tiefen Sinn in Ihrer Existenz erkennen und
verstehen, dass Ihr Sein auf innerer Wandlung beruht. Sie haben erlebt, dass Sie
sich weiterentwickeln können. Die Welt steht Ihnen offen. Auf diese Weise
werden Sie nach kurzer Zeit in der neuen Welt zurechtkommen. Sie empfinden
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den Wandel nicht als Angriff und definieren sich nicht durch äußere Attribute,
wie Geld, Kleidung, religiöse Zugehörigkeit oder Ämter. Sie vertrauen Ihrer
inneren Struktur. Universelle Werte wie Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit wären
Ihnen viel zugänglicher und Sie würden diese im Augenblick und ganz individuell
verwirklichen, statt nur aus tugendhaftem Verzicht heraus auf sie zu hoffen.
In einer Gruppe von Menschen, die aus dem authentischen Moment heraus
wissen, wer sie sind, ergeben sich Strukturen und Prioritäten wesentlich
natürlicher, als in einer Horde von Schafen. Zu wissen, wer man ist, hängt von
der emotionalen Integrität ab, und von der Fähigkeit, das Bewusstsein ständig zu
erweitern. Somit werden wir zu einer Plattform für Individualität und
Innovationen. Wir werden unabhängig von äußerer Autorität.
Viele unserer modernen Institutionen und ökonomischen Systeme beruhen jedoch
auf der Erfahrung des ersten Beispiels. Kaum ein Bereich baut seine Struktur auf
der zweiten Erfahrung auf. Also auf der Förderung selbstbewusster Menschen.
Wir begründen Sicherheit auf Abhängigkeit, nicht aber grundsätzlich auf Freiheit.
So als würden wir dem eigenen demokratischen System nicht vertrauen, als wären
unsere größten Werte uns nicht so viel wert.
In einer durch die Industrialisierung und den Wohlstand von ihren inneren Werten
entkernten Gesellschaften baut die Sicherheit zu sehr auf den Bankkonten des
Mittelstandes und zu wenig auf dem, woran wir glauben, auf. Werden die
Bankkonten bedroht oder sehnt sich der Mensch nach einem Dasein jenseits des
Rädchens im System, entsteht die Notwendigkeit, die Stabilitätsgrundlage gerade
heute im Kulturellen und Integrativen zu sehen. Also in einem neu erlebten
»Wir«. Dies ist nicht nur eine Sicherungsmaßnahme für den Frieden in unseren
Gesellschaften, sondern auch eine Chance für große Innovationen in neuen
Märkten und Wirtschaften. Wir müssen verstehen, dass von der
Selbstverlorenheit einer Schafherde eine größere Gefahr für die natürliche
Ordnung und Sicherheit einer Gesellschaft ausgeht als von jedem Wolf, der in
einer offenen Gesellschaft zuschlagen könnte.
       Es ist bezeichnend, dass ich, als ich diese Worte schrieb, nicht wusste, dass
ich Autist bin. Ich erlebte mich als außerhalb der Gesellschaft, aber ich wusste
nicht, warum. Was ich also hier beschreibe, war auch der instinktive Versuch,
meine abweichende Wahrnehmung zu erklären und eine Strategie zu entwickeln,
wie Menschen wie ich in dieser Gesellschaft integriert werden könnten. Es war
mir ein existenzielles Bedürfnis.
                  Systeme für die Vielfalt des Lebens öffnen!
Betrachten wir den politischen Aspekt, also die Konsequenzen dieser
Überlegungen für Staaten und Gesellschaften.
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Für politische Systeme sollte stets gelten: »Das Leben selbst, in seiner
Undefinierbarkeit, steht immer über dem Gesetz. Gerechtigkeit ist stets ein
Prozess der Annäherung an Lebenswirklichkeiten, innere Werte und Ideale
einer Gesellschaft.«
Es ist ein Grundirrtum der Geschichte, dass Gerechtigkeit auf Gleichheit beruht
und dies die Gleichschaltung innerhalb von politischen Systemen rechtfertige.
»Gleichheit« ist ein tückischer Begriff, der im besten Sinne »Ausgewogenheit«
der Rechte und Pflichten meint, im schlimmsten Falle jedoch Gleichschaltung und
Leugnung der individuellen Lebenswirklichkeiten bedeutet. Die Grundlage für
sehr viel Unrecht. Das Ergebnis ist oft Ungerechtigkeit, die vom System selbst
geleugnet wird, weil das individuell als solches erlebte Unrecht, innerhalb der
Maßstäbe des Systems scheinbar nicht vorkommt. Zwar bedarf es auch einer
objektivierenden Sicht von außen, aber diese allein ist ähnlich brutal wie reiner
Egoismus. John Rawls, »A Theory of Justice« → zeigt, dass Gerechtigkeit nicht
durch Gleichheit, sondern durch Fairness unter Berücksichtigung struktureller
Ungleichheiten realisierbar ist; die bloße formale Gleichheit kann reale
Benachteiligung zementieren. Axel Honneth, »Das Recht der Freiheit« → erklärt,
dass soziale Gerechtigkeit ohne Anerkennung individueller Lebensformen in
systemischer Gewalt endet; normative Gleichheit ohne konkrete Lebensbezüge
führt zur Entfremdung. Michel Foucault, »Überwachen und Strafen« zeigt, dass
systemische Normierung im Namen der Gleichheit oft zur Disziplinierung und
unsichtbaren Machtausübung führt – Gleichheit wird zur Maske der Kontrolle.
Amartya Sen, »Development as Freedom« → argumentiert, dass Gleichheit nicht
als Ergebnis, sondern als Freiheit zur Unterschiedlichkeit verstanden werden
muss; Gleichheit der Ressourcen ohne Freiheit der Anwendung erzeugt neue
Ungerechtigkeit. Elisabeth Conradi, »Unsichtbare Frauen – das Politische in der
Privatsphäre« → zeigt, dass eine vermeintlich objektive Gleichheitslogik häufig
konkrete Lebenslagen von Minderheiten und Frauen systematisch unsichtbar
macht, weil deren Differenz nicht als normrelevant gilt.
       Gerechtigkeit kann nur als Bewusstseinsprozess gelöst werden. Als eine
Form der Annäherung von beiden Seiten. Das wäre der nachhaltige Weg.
Gerechtigkeit ohne Bewusstsein vermehrt häufig das Unrecht, durch system-
bedingte, blinde Flecken. Wird der Mensch auf den »Bürger« reduziert, wird er
nicht in seiner Ganzheitlichkeit betrachtet. Gerechtigkeit als Norm kann somit nur
die Gerechtigkeit unter Bürgern, nicht aber unter Menschen sein. Mit Zunahme
an Technologisierung der Systeme schwindet darum Gerechtigkeit und die
Fähigkeit die Wirklichkeit stets mit neuen Augen zu betrachten und sich
weiterzuentwickeln. Die einzig wahre Grundlage für individuelle Freiheit.

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Der systemkreative Ansatz dient dazu, dem System, um des Systems Willen,
etwas entgegenzusetzen – zum Wohle von Mensch, Innovation und Dynamik in
Gesellschaften. In Krisenzeiten ist dies besonders wichtig. Traditionell liegt das
Übel der Systeme in ihrem Umgang mit der Krise, mit dem Fremden. In ihrem
Streben nach Absicherung der eigenen Existenz, statt nach Absicherung der
Existenz des Einzelnen im System. Systeme opfern sich nicht zugunsten besserer
Systeme. Natürlich hat ein System keinen eigenen Willen. Da sich Menschen aber
so stark mit Systemen und deren Regeln identifizieren können, kann ein System
sich wie ein sich selbst erhaltender Organismus verhalten. Der Bürokrat wird eins
mit der Bürokratie – gnadenlos und unerbittlich. Max Weber, »Wirtschaft und
Gesellschaft« erklärt, dass der Bürokrat durch Rationalisierung zur »funktionalen
Rolle« wird, in der Pflichtgefühl und Regelbindung das Subjektive auslöschen;
der Mensch wird zur Maske der Institution. Stets auf äußere Absicherung des zum
»Ich« gewordenen Systems bedacht. Äußere Sicherheit geht immer auf Kosten
innerer Freiheit, während innere Sicherheit (Integrität) auf längere Sicht zu einer
offeneren und krisenstabileren Gesellschaft führt. Franz Kafka, »Der Prozess«
(literarisch, aber soziologisch interpretiert) → zeigt, dass Systeme sich gegen
Individuen richten können, ohne dass diese den Ort der Macht lokalisieren können
– die Bürokratie wird zum entkörperten Ich, das dennoch konkret wirkt. Niklas
Luhmann, »Funktion der Religion« → sagt, dass Systeme nie objektiv sind,
sondern rekursiv auf eigene Strukturen verweisen; Objektivität ist eine
Leistungsfiktion, die Sinn stabilisieren soll, aber keine Wahrheit garantiert. Erich
Fromm, »Die Furcht vor der Freiheit« → zeigt, dass Menschen zur Flucht in
autoritäre Systeme neigen, wenn sie sich von ihrer inneren Integrität abgetrennt
fühlen; Sicherheit wird zur Ersatzreligion, Freiheit zur Bedrohung. Integrität ist
der Schlüssel zur Bereitschaft des Menschen, Veränderungen als Chancen statt
als Bedrohung zu deuten, sich eben nicht mit dem System an sich zu identifizieren
und dadurch offene Gesellschaftsformen zu verdrängen. Wir sehen aber hier, dass
ein System immer eine Mischung aus unbewussten Anteilen von Menschen und
strukturellen Zwängen ist. Ein System ist in einem unbewussten Sinne immer
subjektiv, spielt nur die Objektivität vor. Es bleibt aber immer von Menschen
geschaffen und somit fehlerhaft.
       Hannah Arendt, »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« →
beschreibt, wie die totale Identifikation mit Systemlogik (z. B. Bürokratie) zur
Abschaffung moralischer Urteilsfähigkeit führt; Objektivität wird zur Maske des
moralischen Nihilismus. Christopher Lasch, »The Culture of Narcissism« →
erklärt, dass moderne Gesellschaften die äußere Kontrolle internalisieren, bis die
Menschen sich selbst wie ein System behandeln – Integrität wird ersetzt durch
Performanz. Je schneller sich Menschen entwickeln, umso rascher muss sich auch
das System anpassen können. Sonst entstehen immer mehr Systemkonflikte und

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Probleme und zugleich werden die Ursachen immer unbewusster, weil sie aus der
Verflechtung von menschlichem Bewusstsein und struktureller Notwendigkeit
nicht mehr zu entzerren sind. Das System wird dann unfähig zu führen, also
Ordnung vorzugeben, verliert sich in Orientierungslosigkeit und
Selbsterhaltungszwang.

                               New Leadership
Natürliche Führungsstärke resultiert in einem gesunden System aus Menschen,
die ihre einzigartigen und neuen Fixpunkte in die Gesellschaft tragen und
integrieren, somit zum Vorbild für andere werden. Die Führung durch ein System
hingegen ist nicht selten von denen geprägt, die innere Fixpunkte unterdrückten
zugunsten von äußeren Ordnungen, die Menschen mit ihren individuellen
Potenzialen und Ressourcen gleichschalten und ausgrenzen.
       Darin liegt das Kernübel der Politik. Es mangelt an »Leadership durch
Vorbildwirkung des Individuums«. Es gibt mehr als genug Vorstellungen von
äußeren Ordnungsprinzipien als Heilmittel gegen jede erdenkliche Situation.
Ohne dabei die Entfremdungskonsequenzen zu beachten. Dies sehen wir nicht nur
in der Politik, sondern auch in großen Unternehmen. Das System verschlingt die
Ressourcen und die Innovationsfähigkeit der einzelnen Mitarbeiter und des
mittleren Managements. Die Strukturen verkrusten. Blindheit gegenüber den
Veränderungen des Marktes ist die Folge.
Der erste Schritt hin zu einem Systemwandel ist die Anerkennung der Rolle
der Fixpunkte im System. Wird der individuelle Wert des Einzelnen nicht
respektiert, gibt es keine Grundlage und Motivation für ehrliches,
vorbildliches Handeln. Also den Wunsch, sich zu integrieren, wie man ist.
Sonst bleibt nur Anpassung und dem System gehen Ressourcen verloren.
Diese Überlegungen mögen eine große Herausforderung für Politik und
Demokratie sein, aber ich halte diesen Weg für essenziell, angesichts der
wachsenden Komplexität in unserer Entwicklung. Wir können diese Komplexität
nicht mehr von außen kontrollieren, wir können Ordnungen vielfach nur noch von
innen heraus inspirieren und die Eigenverantwortung stärken. Das Modell des
Moderationsstaates, wie es im hinteren Teil des Buches vorgestellt wird, ist ein
experimenteller Ansatz der Erweiterung der Demokratie, um die Integration
innerer Freiheit herbeizuführen.
Diese Haltung, die uns zu den Wurzeln der Gesellschaft in Form ihrer inneren
Werte führt, erhöht die Verantwortung derer, die ein System verwalten, und führt
zu mehr Selbstverantwortung innerhalb einer Gesellschaft. Macht und Stillstand
dürfen nicht mehr die alleinige Entscheidungsgrundlage der Gestaltung von
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Systemen sein. Der Verwalter muss zuerst dem Menschen in die Augen sehen,
bevor er das Datenblatt des Gesetzestextes zur Hand nimmt. Das ist ein
entscheidender Unterschied. Der Unternehmer muss zuerst den eigenen
Mitarbeiter in seiner Ganzheitlichkeit erkennen, um zu sehen, was für das
Unternehmen wesentlich ist, statt sich beispielsweise in der Analyse von
abstrakten Zielgruppen zu verlieren.
Dabei ist eines zentral: Systeme, bzw. ihre Verwalter sollten lernen den
individuellen Entwicklungsweg eines Menschen mehr zu respektieren, denn es
muss immer um die innere Freiheit gehen als Voraussetzung für Vernunft in der
äußeren Freiheit, wenn das sensible Gleichgewicht zwischen Systemeffizienz und
Entwicklungsdynamik erhalten bleiben soll.
Die innere Freiheit ist das Grundrecht des Einzelnen, sich selbstständig des
Lebens bewusst zu werden, durch seinen oder ihren individuellen Weg das Ganze
zu bereichern. Dies klingt selbstverständlich, ist aber noch längst nicht erreicht.
Betrachtet man die durchschnittliche Schule, findet man rund 90 % Anpassung
des Einzelnen an äußere Normen und 10 % Versuche der Gesellschaft, die
individuellen Talente und Fähigkeiten jeder neuen Generation in die Gesellschaft
zu integrieren. In innere Freiheit muss man sehr viel Arbeit investieren. Ganz
anderes ist es bei der äußeren Freiheit. Diese kann man durch einfache Regeln
gestalten. Innere Freiheit ist mit der kontinuierlichen Arbeit an sich selbst
verbunden. Eine Arbeit, die der Staat und auch das Unternehmen fördern sollten,
denn diese Arbeit führt zu natürlicheren Ordnungen und mehr Dynamik.
       Im Zentrum des Fortschritts steht also immer die Arbeit des Menschen an
sich selbst. Eine harte Arbeit, die nie aufhört. Kein System kann dem Menschen
diese Arbeit wirklich abnehmen. Dessen Verpflichtung der inneren Wahrheit
gegenüber. Denn ein System stellt keine Fragen nach dem, was wirklich ist und
was nicht. Das kann nur das Individuum.
Selbst Systeme, wie die freie Marktwirtschaft sind Systeme, welche Ressourcen
reduzieren, statt sie zu fördern. Wenn wir nur die äußere Freiheit des Marktes
beispielsweise fordern, fordern wir zugleich ein Herrschaftssystem, dass dieses
gegen andere durchsetzt. Das ist der Nachteil in Gesellschaften, die sich mit
äußerer Freiheit begnügen und die daraus entstehenden Konflikte nur durch
äußere Maßnahmen bekämpfen. Darum kann man die innere Freiheit niemals mit
Gewalt in einer Gesellschaft verankern. Darum besteht immer ein Konflikt
zwischen äußerer Macht und innerer Freiheit, mit dem wir umzugehen lernen
müssen. Eine Aufgabe, die stets eine Herausforderung in jeder Zeit bleibt.
Die Freiheit sollte sich immer von innen und unten entfalten. Dies bedarf aber
einer Lebensgrundlage, bei der man zumindest bemüht ist, die Existenzangst zu
reduzieren. Diese Grundlage muss immer wieder neu gefunden werden, weil
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unsere Ängste im Laufe der Geschichte subtiler werden. Während es früher
beispielsweise, um die Schaffung von Rechtsstaatlichkeit oder die
Gleichberechtigung der Frau ging, geht es inzwischen mehr um Dinge, wie ein
bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Bürger oder die Partizipation für
Mitarbeiter. Die innere und äußere Freiheit sollte in jeder Zeit stets neu definiert
werden, weil sie zunächst immer eine individuelle ist. Es gibt eigentlich kein
freies System. Ein System ist immer eine Norm gegen das Individuum. Es gibt
aber integrative Systeme, die sich der Freiheit besser anpassen können als andere.
Berücksichtigen wir dies nicht, vernichten wir die innere Freiheit des Menschen
als Basis starker, innovativer und dynamischer Gemeinschaften. Somit
schwächen wir auch Wirtschaft und Kultur. Die Angst und Stagnation nehmen
dann zu.
                        Die Freiheit, sich zu verändern
Wenn die Stärke einer Gesellschaft im Bewusstsein seiner Menschen liegt, dann
muss der Weg hin zu einer solchen freien Kultur der Weg nach innen sein.
Dorthin, wo alles Denken und Sein beginnt.
Um das Vertrauen in die natürliche innere Ordnung im Menschen und seinen
Gesellschaften zu stärken, machte ich mich auf die Suche nach Anhaltspunkten
und einem tieferen Verständnis dessen, was uns auf natürliche Weise
gesellschaftsfähig macht.
Wenn der freie Wille in der Evolution einen Sinn hat, liegt dieser in der Ordnung,
die sich aus der Freiheit ergibt. Eine solche Ordnung ist nur begreifbar, wenn wir
in der inneren Freiheit des Einzelnen das große Gemeinsame erkennen. Wenn wir
also verstehen, dass hinter dem Traum jedes Menschen ein größerer, universeller
Traum liegt. Dass also der Weg des Menschen zu sich selbst automatisch
allgemeingültige Erkenntnisse und Werte hervorbringt und die Abkehr vom
Bewusstsein des Individuums letztlich eine Abkehr von der inneren Ordnung
einer Gesellschaft ist.
Was meine ich damit?
                          Die Rolle der inneren Werte
Liebe ist beispielsweise ein universeller Wert, ohne den Moral, Motivation,
Innovation, Kunst und Wirtschaft in einem nachhaltigen Sinne undenkbar wären.
Wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, in ihrem Leben eine individuelle
Entsprechung von Liebe zu erfahren und zu verwirklichen, sondern nur eine
gesellschaftlich vorgegebene Form nachleben, geht dieser Wert für die
Gesellschaft verloren, wird schwammig und entwickelt sich nicht weiter.
Menschen arbeiten nur noch fürs Geld, nicht mehr, weil sie etwas interessiert. Die
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Folge ist ein Verlust an Qualität. Die Ersatzliebe »Geld« vernichtet innere Werte
und somit natürliche innere Ordnungen der Gesellschaft. Irgendwann versteht
kaum noch jemand, was Liebe eigentlich sein soll, weil die Gesellschaft das Recht
zur eigenen Erfahrung und dem daraus resultierenden Bewusstseinsprozess
verweigert.
Werte zerfallen, Systeme werden zu zerbrechlichen Hüllen. Eine Gesellschaft, die
degeneriert, ist nicht mehr in der Lage, die einfachsten Dinge zu bewältigen; sie
verliert an Überlebenskraft.
Dies sehen wir heute an fast allen gesellschaftlichen Fronten. Man regelt jahrelang
einen Bereich und wundert sich über die Konsequenzen, welche dies auf andere
Bereiche hat. Die Kluft zwischen der Schaffung von Arbeitsplätzen, dem Preis
für einen Liter Milch, die Gehälter von Managern, die Veränderungen des Klimas
oder die Investitionen in Schulen stehen in keinem natürlichen Verhältnis
zueinander. Sie sind systembedingt im Kampf gegeneinander voneinander
entfremdet worden. Am Ende haben wir im Extremfall keine Luft zum Atmen,
nichts mehr, um unsere Autos zu befüllen, sitzen aber auf überteuerter
Infrastruktur mit gewaltigen Wartungskosten. Die Systeme werden so sperrig,
dass das direkte Überleben durch sie gefährdet wird. Innovationen werden immer
schwieriger, Preise stürzen ab oder schießen in die Höhe.
Fördert man aber in Gesellschaften ganz einfache Dinge, wie die Suche des
Individuums nach sich selbst, entdeckt dieses immer nach geraumer Zeit innere
Werte wie Liebe, Wahrheit, Schönheit, Gesundheit, Freiheit und all die andere
allgemeingültigen Ordnungsfaktoren von Gesellschaften, aber ist in der Lage
diese individuell zu erweitern und in neuer und zeitgemäßer Form zu integrieren.
Der Mensch beteiligt sich dann aktiv mit seinen persönlichen Ressourcen an der
Weiterentwicklung des Systems und bleibt nah an den Lebenswirklichkeiten.
Entfremdung passiert nur dort, wo niemand mehr inneren Werten folgt.
Ohne innere Werte gibt es keinen Bewusstseinsfortschritt.
Natürlich entdeckt der Mensch auf der Reise zu sich selbst auch die dunkleren
Seiten seiner Natur. Dinge wie Hass, Gewaltbereitschaft und Aggression. Aber ist
es nicht viel sinnvoller, wir ergründen diese bewusst, statt sie aus unserem
Bewusstsein zu verdammen? In Gerichtssälen, wo sie nicht in einem Diskurs mit
der Gesellschaft zur Veränderung von Missständen führen, sondern das System
sich lediglich selbst aufs Neue als makellos präsentiert, als gäbe es keine
ganzheitlichen Zusammenhänge, nur Schuld und Unschuld.
Schreibt eine Gesellschaft vor, was wertvoll ist, entsteht eine oberflächliche und
innerlich instabile Gesellschaft. Wenig stark, einfallsreich und kreativ, sondern
vorsichtig, zurückhaltend und unterdrückend. Das Individuum kann diese äußere
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Werteordnung nicht mehr bewusst mittragen. Er partizipiert nicht mehr an der
inneren Grundlage der Gesellschaft. Sondern konsumiert diese nur noch. Das
Interesse an der Mitgestaltung der Gesellschaft geht verloren. Der Preis ist ein
Nachlassen der kreativen Dynamik und eine Schwächung der Wirtschaft.
Es ist seltsam, dass gerade die alten humanistischen Werte einen solch großen
Einfluss auf moderne Wirtschaften haben können. Sie erklären, warum Länder
wie die USA traditionell so stark in ihren Entwicklungsdynamiken sind. Sie haben
starke innere Werte, die von der Kindheit an gefördert werden. Ganz anders
verhält es sich im sehr viel rationaler und selbstkritisch agierenden Europa, der
Hochburg der Aufklärung und des Rationalismus.
                         Der Sinn der Individualität
Die Suche nach dem allgemeingültigen inneren Wert, in dem so viel
zusammenschweißende Kraft liegt, ist als innere Erfahrung immer eine Reise zum
»Ich«, also zur eigenen Identität und zum eigenen Bewusstsein. Es ist stets eine
Projektionsfläche archaischer Identifikation mit der Gemeinschaft, der
unmittelbar erlebbaren subjektiven Wahrheit, dem inneren Wert. Also ein sehr
lebendiger Prozess, der sich von innen nach außen entfaltet.
Es ist wichtig zu begreifen, dass innerer Individualismus zu verbindenden
Erfahrungen führt, während äußerer Individualismus Unterscheidungen und
Trennungen sichtbar macht.
Wenn ich mir meiner eigenen Gefühle bewusst werde, entdecke ich Erfahrungen,
die ich mit anderen Menschen teilen kann. Ich stoße auf universelle Erfahrungen,
die Gesellschaften und ein starkes »Wir« erst möglich machen.
Carl Gustav Jung, »Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten«
zeigt, dass die Reise zur Individuation ein Prozess ist, bei dem der Mensch sein
archetypisches Selbst vom kollektiven Unbewussten heraus differenziert, ohne es
zu verleugnen – Individualität wird hier zur Brücke, nicht zum Bruch. Paul
Tillich, »Der Mut zum Sein« → erklärt, dass wahre Individualität nur aus der
Tiefe existenzieller Selbstbegegnung entsteht, nicht aus Abgrenzung, sondern aus
der Verwurzelung im Sein – ein Mut, der Gemeinschaft nicht ausschließt, sondern
tiefer ermöglicht. Charles Taylor, »Sources of the Self« → sagt, dass unsere
moderne Vorstellung vom Selbst immer schon aus dialogischen, kulturell
eingebetteten moralischen Quellen stammt – Individualität ist daher kein
isoliertes Phänomen, sondern ein Ausdruck gemeinsamer Wertekonstruktion.
Martin Buber, »Ich und Du« → zeigt, dass das »Ich« erst durch ein echtes »Du«
lebendig wird – Individualität als Begegnung, nicht als Trennung. Die
Subjektivität entfaltet sich im Zwischenraum. Jean Gebser, »Ursprung und
Gegenwart« → beschreibt die integrale Struktur des Bewusstseins als eine, in der
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Individuation und Ganzheit kein Widerspruch mehr sind, sondern transparent
füreinander – das Ich als Durchlassform des Ganzen. Antonio Damasio, »Self
Comes to Mind« → erklärt neurologisch, dass das Ich-Bewusstsein aus
körperlich-emotionaler Selbstbezüglichkeit entsteht, und dass diese verkörperte
Individualität die Voraussetzung für soziale Kohärenz ist.
Wenn ich mich aber äußerlich unterscheide, durch ganz andere Kleidung
beispielsweise, teure Autos oder mehr Geld auf dem Konto, stelle ich eine Distanz
innerhalb der Gemeinschaft her. Ich distanziere mich und Gruppen entwickeln
dann äußere Ordnungen, die sich immer gegen den anderen definieren. Dies ist
nicht grundsätzlich schlecht, aber man sollte sich der Auswirkungen im Klaren
sein. Innerer Individualismus stärkt das verkörperte, konsistente Selbst, das
Konflikte integrieren kann und nach Wahrhaftigkeit strebt. Äußerer
Individualismus erzeugt ein fragmentiertes, performatives Selbst, dass sich über
Reaktion, Image und Bestätigung definiert. Innerer Individualismus fördert
Vielfalt, aber mit Bindung – er trägt zur sozialen Kohäsion bei, weil Menschen
aus Integrität heraus handeln. Äußerer Individualismus zersetzt im Extremfall den
Gemeinsinn – er produziert Wettbewerb, Vereinsamung, soziale Fragmentierung.
Innerer Individualismus bringt authentische Kunst, existenzielle Tiefe, spirituelle
und intellektuelle Erneuerung hervor. Äußerer Individualismus führt zu Trends,
Markenidentität, Moden und Dauerinnovation ohne Tiefe – Kultur wird zur Ware.
Auch politische Parteien spalten durch ihre Struktur. Sie definieren sich gegen
den anderen, obwohl ihre Werte, würden sie mehr innerlich gelebt werden, eine
verbindende Kraft über die eigene Partei hinaus haben. Mitmenschlichkeit,
Freiheit, Tradition oder materielles Glück müssen keine Widersprüche sein.
Wenn aber das nach innen gewandte Individuum das Tor zum Gemeinsamen
darstellt, ist der innere Individualismus der Grundlage des Gemeinwohls viel
näher als bisher angenommen. Das Gemeinwohl baut also mehr auf der inneren
Authentizität einer Gesellschaft, also der Bereitschaft mitzufühlen, mitzuerleben
auf, als auf äußeren Moralvorstellungen und sozialistisch geprägten Normen
beispielsweise. Ein natürliches Gemeinwohl resultiert aus der Erkenntnis eines
kollektiven Verbundenseins mit Anderen.
Martha Nussbaum, »Upheavals of Thought« → zeigt, dass empathisches
Mitfühlen und emotionale Intelligenz zentrale Bedingungen für eine gerechte
Gesellschaft sind, nicht bloß moralische Regeln oder staatlich gesetzte Normen.
Hartmut Rosa, »Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung« → erklärt, dass
Gemeinwohl nur dort entsteht, wo Menschen eine lebendige, nicht-instrumentelle
Beziehung zur Welt und zueinander erleben; Resonanz ersetzt Kontrolle. Elinor
Ostrom, »Governing the Commons« → zeigt empirisch, dass gemeinschaftliches
Handeln zur Erhaltung öffentlicher Güter nicht durch äußeren Zwang entsteht,
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sondern durch Selbstorganisation, Vertrauen und geteilte Verantwortung – also
innere Orientierung. Charles Taylor, »Sources of the Self« → argumentiert, dass
moderne Gesellschaften nur dann moralisch tragfähig sind, wenn Individuen eine
ethische Tiefe in sich selbst erfahren, die über äußere Normen hinausgeht – das
Gute wird innen erlebt, nicht auferlegt. Albert Schweitzer, »Kultur und Ethik« →
betont, dass wahres Gemeinwohl aus innerer Ehrfurcht vor dem Leben erwächst
– nicht aus politischen Programmen; Mitgefühl ist hier konstitutives Ethos. Ivan
Illich, »Tools for Conviviality« → zeigt, dass Gemeinschaft nur gedeihen kann,
wenn der Einzelne sich als kreatives, mitfühlendes Subjekt einbringt, nicht als
normierter Funktionsträger – also: innere Freiheit als Grundlage sozialen
Friedens.
Es gibt in unserer Kultur ein Missverständnis bezüglich der Nützlichkeit von
Egoismus. Während äußerer Egoismus gewiss Schatten auf die Freiheitsausübung
in Gemeinschaften wirft, aber zum natürlichen Menschsein gehört, ist der innere
Egoismus, also die Integrität des Ich, etwas sehr zentrales, ohne welches eine
stabile Persönlichkeit kaum entstehen kann. Auf sich selbst zu achten, darauf, dass
es einem emotional und geistig gut geht, ist etwas anderes, als jemandem aus
Habgier etwas wegzunehmen. Dazu zählt auch die Nähe zur eigenen
Wahrnehmung und zum eigenen individuellen Realitätsempfinden (die eigene
Wahrheit).
Zu oft aber wird zwischen innerem und äußerem Egoismus nicht unterschieden.
Wenn aber das Gemeinwohl an der Fähigkeit des Einzelnen sich selbst zu spüren
hängt, wird klar warum Menschen auf äußere Solidaritätsstrukturen kaum
reagieren. Sie kommen gar nicht zu einer emotionalen Identifikation. Darin liegt
beispielsweise aber ein Dilemma der sozialen Marktwirtschaft und ihrer
dazugehörigen Politik, denn Sie kennt nur das Handeln von außen. Sie spricht von
der Seele, aber sie hat keine. Insofern gibt es keine soziale Marktwirtschaft. Es
gibt nur Menschen die sich in einem Markt sozial verbunden fühlen. Alles andere
ist nicht real. Dies erklärt die Hilf- und Machtlosigkeit des Staates gegenüber dem
sozialen Unrecht, aber auch gegenüber der innovativen Entwicklungsdynamik.
Man kann es nur von innen, aber nicht von außen auflösen oder fördern.
Hier beginnt also auch eine Suche nach einer neuen Form des Leaderships. Nach
der Führungskraft, die innere Stärke vorlebt, statt sie von außen vorzu- schreiben
und selbst nicht danach zu handeln. Der systemkreative Ansatz ist also kein
Ersetzen des einen Systems durch ein anderes, welches andere Menschen
ausschließt, sondern die Bereitschaft des Individuums zum natürlichen
Leadership. Es ist die Erkenntnis, selbst etwas Einzigartiges zum Ganzen
beitragen zu können. Es ist die Aufforderung an den Anderen, auch
voranzugehen, als Beispiel eines erfüllten Lebens.
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Erfüllt zu sein, ist ein ganzheitlicher Anspruch. Das Leben zu bewältigen eine
Kunst, die jedoch nicht übertragbar ist, nur inspirierend, nicht aber kontrollierend,
oder anordnend dienlich ist.
Betrachtet man den modernen Politiker, wird klar, wie wenig dieser als Typus der
Führungsperson zur integrativen Politik fähig ist. Als Experte führt er nur aus
einem isolierten Bereich (Soziales, Finanzen, Recht, Verteidigung …),
beansprucht aber bestimmendes für viele Menschen, die er weder persönlich
kennt, deren Werte ihn nicht weiter interessieren. Der moderne Politiker ist ein
Leader in einem virtuellen Staat, der seine Kraft aus der Trägheit derer schöpft,
die systembedingt den Wunsch, die Möglichkeit der direkten Mitbestimmung
weitgehend verloren haben. Er führt nicht entsprechend seiner eigenen
Individualität, kann somit als Mensch kein Vorbild sein. Er ist nur eine
Verkörperung des Systems. Darum ist der moderne Politiker gegenüber Krisen
und den wirklichen Hintergründen machtlos und eingesperrt, in einem sinnlosen
Kampf gegen seinesgleichen. Um oft hohle Werte, die meist der Vergangenheit
entstammen und in der Bevölkerung längst nicht mehr gelebt werden. Es mangelt
der Demokratie noch immer an Werkzeugen, um von innen heraus belebend auf
eine Gesellschaft zu wirken. Es mangelt an Konzepten eines neuen Führungsstils,
der inspiriert und Vorbild ist. Diese Nähe zum Menschen ist dem System noch
fremd. Es ist zu grob strukturiert. Wenig intelligent und in sich zutiefst
widersprüchlich.
Im Laufe dieses Buches werde ich noch sehr oft auf dieses Thema zu sprechen
kommen und schrittweise neue Perspektiven dazu vorstellen.
                       Die Suche nach neuen Ordnungen
Auf der Suche nach einem Ordnungsprinzip, dass sowohl nach innen wie auch
nach außen orientiert ist, also das Individuum in die Entstehung des Systems
bewusster integriert, entdeckte ich zu Beginn meiner Forschungsreise das Beispiel
der Musik. Warum ist Musik universelle Ordnung und Bewegtheit,
Individualismus          fördernd         und        verbindend         zugleich?
       Es liegt wohl daran, dass das Ordnungsprinzip der Musik erst durch die
Interpretation, also durch die Selbstbestimmung des Individuums, durch dessen
eigene Erfahrung im jeweiligen Moment entsteht, die Noten also nur das Subjekt
in seiner eigenen Entfaltung unterstützen sollen. Victor Zuckerkandl, »Sound and
Symbol« → zeigt, dass Musik nicht einfach ein System von Tönen ist, sondern
ein dynamisches Spannungsfeld, das seine Bedeutung erst durch das Hören und
Fühlen eines Subjekts entfaltet. Musik ist Ordnung, die durch Zeit und Erfahrung
lebendig wird. Das Individuum und der Augenblick sind gegenüber der Norm im
Vorteil. Sonst wäre die Musik leblos. Theodor W. Adorno, »Einleitung in die
Musiksoziologie« → erklärt, dass Musik immer beides ist: Struktur und
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Ausdruck, und dass ihre soziale Kraft darin liegt, individuelle Erfahrung mit
kollektiv geteilten Formen zu vermitteln. Musik »erzwingt« nichts – sie lädt zur
Deutung ein. Dennoch ist Musik immer Ordnung, aber sie entwickelt ihre Stärke
erst durch die Interpretation des Einzelnen und durch die gemeinsame Resonanz,
basierend auf allgemeingültigen und absoluten Tönen. Maurice Merleau-Ponty,
»Phänomenologie der Wahrnehmung« → analysiert (indirekt), dass Kunstformen
wie Musik eine leibliche, subjektive Form der Ordnung darstellen, in der sich das
Individuum in der Welt situiert. Manfred Spitzer, »Musik im Kopf« → zeigt
neurowissenschaftlich, dass Musik Ordnung in Bewegung ist, die das Gehirn
nicht nur analysiert, sondern verkörpert interpretiert – Bedeutung entsteht durch
Resonanz, nicht durch Kodierung.
In gesellschaftlichen Systemen ist dies anders. Wenn wir nun ein politisches,
religiöses oder ökonomisches System betrachten, das für sich beansprucht das
Sein über den Augenblick und das innere Selbst hinaus zu definieren, egal in
welcher Form, kommt dies fast immer einem Verlust an Wahrhaftigkeit in
Gesellschaften gleich. Das Individuum ordnet sich in seiner unmittelbaren
Realität einem äußeren Konzept unter. Weil das Authentische und Universelle des
großen Gemeinsamen verloren geht. Wir verdammen dann Formen der Existenz.
Bis es uns selbst trifft, wir selbst für unwert und falsch erklärt werden. Doch wer
hätte dazu das Recht, wenn nichts sicherer als unsere innere Existenz ist? Welche
direkt erlebt und erfahren wird. Niemand außerhalb von uns Selbst kann unsere
Rolle für das Ganze erkennen, ohne zu uns selbst zu werden. Dies ist aber nur von
innen möglich, oder eben über die Beschäftigung mit gemeinsamen, lebendigen
Werten.
Alle Versuche die Welt zu erklären, werden nie die Konkretheit erreichen, die in
der Selbstbestimmung des Menschen liegt. Diese Konkretheit der eigenen
Erkenntnis des Augenblicks ist der einzige Garant für unsere Freiheit. Darum
sollte das Ich im Selbstausdruck seines Lebens durch Angst oder Mangel nicht
behindert werden. Sonst verlieren wir alle den Zugang zum Hier und Jetzt, was
zu einer Entfremdung der Ordnung von Gesellschaften führt. Dieses Schicksal
aber widerfährt den meisten Menschen, von der Schule bis zum Ende ihres
Arbeitslebens, fortwährend. Es ist darum die wichtigste Aufgabe zivilisierter
Kulturen, mit Anfang des neuen Jahrtausends, Wege zu finden, wie mit Krisen so
umgegangen werden kann, dass diese nicht jedes Mal ganze Gesellschaften
gefährden, damit der Rückgriff auf die äußere Ordnung nicht zum Automatismus
wird, der einer individuellen und neuen Lösung von Problemen vorgreift. Diese
Werte müssen aber als Wandlungsprozess begriffen werden, weil sie sonst als
äußere Strukturen verfestigt werden und Krisen provozieren. Die Folge sind
Kulturkonflikte.

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       Wir brauchen Strukturen in Bewegung statt Ordnungen, welche die Macht
konservieren. Was ich vorhin als Auswirkung des Terrors und der
Wirtschaftskrise beschrieb, ist tatsächlich auch die Auswirkung aller Versuche,
das Leben zu kontrollieren. Sei es nun das Notensystem in der Schule oder die
Überwachungskamera im Supermarkt. All diese Dinge, obwohl sie teilweise
notwendig sind, tragen dazu bei, das Vertrauen einer Gesellschaft in den
natürlichen Wandel zu schwächen. Bewusstsein wird ausgeschlossen. Man muss
über das eigene Verhalten nicht weiter nachdenken, wenn es äußere Regeln gibt.
Mir ist klar, dass die Vorstellung, eine Gesellschaft bedürfe der äußeren Autorität,
in uns so tief sitzt, dass manche Menschen meine Worte als anarchistischen
Utopismus empfinden. Dabei leugne ich weder die Notwendigkeit von Struktur
und äußeren Grenzen noch von Autorität in einer Gesellschaft. Mir geht es aber
darum, diese so zu gestalten, dass sie dem Augenblick und dem Unmittelbaren
gerecht werden, nicht nur dem System. Dies ist für Wirtschaft und Gesellschaft
lebenswichtig, weil diese mehr und mehr von Dynamik und Vielfalt leben, aber
auch in der freien Marktwirtschaft oft nur Zwänge und Vorbehalte vorfinden. Die
angeblich freie und moderne Gesellschaft, die noch von unseren Eltern gepriesen
wurde, erscheint uns in diesen Tagen (Während G.W. Bush den Irak erobert.)
oftmals wenig frei zu sein. 2025 könnte man auf AI-Politik, Cancel Culture,
Klimapolitik verweisen. Man könnte sagen, dass die Freiheit ein natürliches
Verfallsdatum hat, dass uns immer wieder in ein Gefühl der Unfreiheit treibt, weil
nur so die Evolution voranschreitet.
Freiheit ist stets ein Prozess, keine auf ewig stabile Errungenschaft, weil sie nicht
gut normierbar, stets vom Individuum neu definiert werden muss. So ist es mit
allen inneren Werten des Menschen.
»Die Liebe« wie vorhin beschrieben, erfährt ihren Höhepunkt im Moment der
Erfahrung und verflacht in der Erinnerung und der duplizierten Wiederholung.
Die Struktur ist also nur so lange scharf, solange sie authentisch existiert. Wird
sie konserviert, verliert sie die Konturen. Der Mensch verliert an Orientierung,
weil ihm die klare Entscheidungsgrundlage genommen wird. Er folgt nur noch
der Rationalität äußerer Strukturen.
Leiten wir von der Wertekopie ökonomische und politische Strukturen ab, richten
diese sich gegen den Menschen. Wie ein Ersatzdasein, dass uns roboterhaft nicht
nur der unmittelbaren Menschlichkeit entfremdet.

                            Das Böse und die Freiheit

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Man will heute aber in Gesellschaften, und das ist das eigentliche Problem, oft
nur den guten freien Willen, den guten inneren Wert, nicht aber den bösen. Doch
wir sind die Kraft, die alles schafft.
Das eine ist ohne das andere nicht möglich, ohne Entwicklung auszubremsen. Der
Mensch lernt schließlich von seinen Fehlern, von den dunklen wie von den hellen
Momenten. Das Dunkle zu leugnen, es gesellschaftlich durch Normen bannen zu
wollen, statt es der offenen Diskussion zu stellen, fördert den Verlust an
Bewusstsein über Ursache und Wirkung, ja letztlich über die wahren
Konsequenzen           von         Politik     und        Gesellschaftsgestaltung.
       Wir werden eines Tages verstehen, dass lebendig Gesellschaften die
grundsätzliche Liebe zu allem Sein leben und die Angst vor dem Bösen die Quelle
des Bösen ist. Wenn wir verstehen können, dass jeder freie Wille des Inneren,
mag er uns als gut oder böse erscheinen, stets aus einer höheren Sicht betrachtet,
ein Werkzeug der Entfaltung des Ganzen ist, werden wir das Böse und deren
Infragestellung der gesellschaftlichen Ordnung nicht als sinnlose Kriminalität
verdrängen müssen, sondern gewissermaßen den Teufel als Lehrmeister
Widerwillen verstehen. Die Freiheit einer Gesellschaft ist wesentlich davon
bestimmt, wie sie mit dem Bösen umgeht. Ist sie in der Lage die Ursachen des
Bösen in der Unfreiheit des Menschen zu erkennen, wird sie eine gerechte
Gesellschaft werden. Sie wird die individuelle Lebenserfahrung integrieren.
Bekämpft sie aber das Böse oder begründet gar ihre Ordnung auf dem Kampf
gegen das Böse, wird sie selbst die Tyrannei in der Welt vermehren. Sie wird die
Freiheit verlieren. Ich spreche in diesem Buch von der Ordnung, die in der wahren
Freiheit liegt; eine natürliche Ordnung, die sich meiner Ansicht nach in allem
Leben findet. Keine Pflanze, kein Tier wird regiert und verwaltet, und doch finden
sie zu großer Schönheit und Stärke. In Resonanz zwischen Innen und Außen.

## Das MNO-Modell

2016 erschien mein Buch »Die Physik der Armen – Eine neurodivergente Meta-
Theorie des Bewusstseins«. Darin wurde ein physikalisch-mathematisches
Modell des Bewusstseins entworfen, welches auf einem produktiven Nichts
beruht. Mein Ziel war es, die Physik im Sinne der Armen umzuschreiben, also
nicht die Dinge zur Grundlage der Welt zu machen, sondern das Nichts. Das führte
mich weit tiefer, als es damals meine Absicht war. Es entstand ein neues Meta-
Modell, welches die meisten bisherigen Erklärungsmodelle des Bewusstseins
integriert und erweitert. Das MNO-Modell entstand aus den Gedanken die ich
erstmals in »Gesellschaft ohne Vertrauen« formulierte. Da der Begriff der
Fixpunkte, durch diese Theorie wesentlich klarer beschrieben werden kann, habe
ich das MNO-Modell nun nachträglich als eigenes Kapitel eingefügt.

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       Der Begriff der Fixpunkte steht in diesem Text als frühe Chiffre für eine
fundamentale Eigenschaft bewusster Systeme: die Fähigkeit, an einem
bestimmten inneren Punkt eine irreduzible Orientierung auszubilden – eine Art
subjektive Singularität, aus der heraus ein Mensch beginnt, Welt nicht nur
wahrzunehmen, sondern zu strukturieren. In der späteren MNO-Theorie
beschreibe ich diesen Moment als Beginn der Faltung, als einen ontologischen
Einschlag, an dem aus diffusem Erleben eine prägnante Wirklichkeitsordnung
emergiert. Fixpunkte sind in diesem Sinne epistemische Verdichtungen, in denen
ein Bewusstsein eine Information nicht nur aufnimmt, sondern in sich so
verschaltet, dass sie zu einer neuen inneren Ordnung führt – sei es in Form einer
Idee, einer Erkenntnis oder einer ethischen Entscheidung.
       Diese Fixpunkte sind nicht verallgemeinerbar, nicht algorithmisch
herstellbar. Von außen betrachtet bleiben sie vage, subjektiv, idiosynkratisch.
Doch in der konkreten Erfahrung – im Leben, in der Liebe, in der Forschung –
sind sie entscheidend. Sie sind jene Momente, in denen eine Person etwas erkennt,
das sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Nicht durch lineare Argumentation,
sondern durch das, was man als mikroskopischen Realitätsumbruch bezeichnen
könnte: ein Einbruch von Sinn, von innerer Notwendigkeit, von Resonanz mit
dem Eigenen.
       Ich kann nicht wissen, was in Ihnen gerade als dieser Fixpunkt wirkt – was
Ihre innere Logik antreibt, was Sie der Welt geben könnten, was sich in Ihnen
bereits in eine neue Ordnung faltet. Aber sobald ich Ihnen wirklich begegne, in
Resonanz trete, entsteht ein Raum, in dem solche individuellen Singularitäten
spürbar werden. Denken wir an den Mann, der sich in das unaussprechliche Etwas
in den Augen einer Frau verliebt; an die Wissenschaftlerin, die plötzlich eine
Schwelle überschreitet und ein ganzes Paradigma kippt; an die Autistin, deren
sensorische Verdichtung zu einer präzisen ethischen Unverhandelbarkeit führt.
All das sind Fixpunkte: nicht wiederholbar, nicht planbar, aber wirkmächtig und
strukturbildend.
       Im Kontext der MNO-Theorie lassen sie sich als die ersten Stellen der
Selbstfaltung eines Systems beschreiben. Fixpunkte sind jene Orte, an denen ein
Bewusstsein beginnt, sich selbst als Ort von Wirklichkeit zu setzen – als ein
Realitätenauge, das nicht bloß abbildet, sondern aus der Spannung mit dem
Umgebenden eine neue Welt heraushebt.
       Das MNO-Modell liefert einen Rahmen, der beschreibt, wie Dinge, Wille
und Erleben sich gegenseitig erzeugen – und warum jede Ökonomie scheitert, die
eines davon ausblendet. Die Kombination dieser drei Aspekte bildet integrativ das
was ich in diesem Buch den Fixpunkt nenne.
       Im MNO-Modell gehe ich davon aus, dass Realität nicht nur aus dem
erkennbaren Phänomen (Objekten) und einem bewussten Subjekt besteht,
welches dieses observiert, sondern aus einer Dynamik zwischen der Manifestation
von Objekten, dem Willen eines Menschen und dessen Erleben. Die Integration
von Willen und Erleben ist essenziell. Man kann sich diese ontologische
Dreiteiligkeit als ein symbiotisches Dreieck vorstellen: Auf der einen Seite stehen
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die konkreten Gegenstände und Ereignisse, die in Raum und Zeit erscheinen. Auf
der anderen ist das Erleben dieser und als dritte Kraft wirkt, was ein Mensch will.
Daraus bildet sich eine instabile Konstellation, eine Dynamik. Instabilität ist
immer dort wichtig, wo es um Energie geht, und was könnte bei der Arbeit
relevanter sein als die Frage von Energie? Bewusstseinsprozesse finden im sich
öffnen und schließen dieser Dynamik statt, in dessen Pulsieren. Gleichzeitig
entfernen wir uns damit aus dem Käfig einer Subjektivitätsvorstellung, die das
innere Erleben des Menschen in den Strukturen der Welt entwertet, also Energie,
die im freien Willen steckt, blockiert. Das ist entscheidend, denn das
Rollenmodell des Menschen als handelnden Roboter, als äußeres Ding, ist eine
objektivierte Funktion, während das Innere, der Wille, das Erleben ins Private
gedrängt wurden, wo sie die Arbeitsabläufe nicht mehr stören sollen. Mit dabei
das Gewissen, welches aus der Ökonomie vielfach verschwunden ist.

## (Bild fix)

Der hier sichtbare Fixpunkt ist die Bündelung dieser drei Kräfte, die wir als
Energiequelle, als intrinsische Motivation in der klassischen Arbeitswelt meist
ausbrennen oder verhindern. Beispielsweise, indem das Erleben keine Rolle
spielen darf, Kritik an der Unternehmensführung erstickt wird, folglich was
Mitarbeiter:innen wollen, nicht Teil der Wertschöpfung werden kann.
      Ein Student beispielsweise will studieren, um eine bestimmte Karriere zu
machen. Die Karriere ist ein Objekt, dass von außen definiert ist. Es ist
größtenteils fremdbestimmt. Während des Studiums erlebt der Student den
künftigen Beruf schon in der Theorie und dieses Erleben hat Auswirkungen auf
das, was er nun will, oder nicht mehr möchte. So manche Enttäuschung prägt die
eigene Absicht. Mit der Veränderung von Willen und Erleben, verändert sich seine
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Beziehung zu dem Objekt der Begierde. Man könnte sagen, dass die Realität sich
in dieser Beziehung abzeichnet, und weder im Objekt für sich noch allein in dem
was jemand will, oder im isolierten Erleben zu finden ist, was es ohne Bezüge
nicht gäbe. Das Erleben ist dabei das offene Element, denn es lässt sich für sich
weder als innere Kraft noch als äußeres Objekt definieren. Es verhindert, dass sich
die Wirklichkeit schließt, dass sie statisch wird. Das Erleben ist, so meine These,
darum offen, weil es auf der Existenz eines Nichts basiert, auf einer Lücke, oder
anders gesprochen auf der Abwesenheit von Etwas.
        Dieser offene Bezugspunkt hält den Menschen dynamisch, ja ermöglicht
überhaupt erst Bewusstsein. Die moderne Erwerbsarbeiter:in aber agiert in sich
geschlossen, definiert, vermessen und kontrolliert. Sie agiert fremdbestimmt und
ist somit eine Projektion von Nützlichkeit und Sinn, um der Effizienz willen. Sie
arbeitet folglich aber an der realen Welt nicht mit. Sie ist keine Mitarbeiter:in des
Planeten, gar der Realität, sondern eine Funktion der Ausblendung von
Komplexität und Relevanz. Würde die Arbeiter:in diese in ihre Erwerbsarbeit
integrieren, würde sie den Unternehmen entgleiten. Sie wäre nicht kontrollierbar,
sondern ihre Arbeit wäre eine auf Augenhöhe. Autonom, aber solidarisch.
        Alles in natürlichen Systemen passiert, weil da etwas nicht Greifbares ist,
welches aber im Kontext eines Potenzials steckt und genau dieses Verhältnis
zwischen Nichts (Abwesenheit) und Potenzial habe ich mit dem MNO-Modell
mathematisch und physikalisch untersucht. Wir sprechen hier nicht von Meta-
Physik, sondern von konkreten Wirkprinzipien des Universums und der Natur.
Man kann diese berechnen und beweisen. Terrence W. Deacon, dessen Werk ich
bei der Arbeit an »Die Physik der Armen« nicht kannte, beschrieb in »Incomplete
Nature« (2011) ein ähnliches Modell, das ebenfalls auf einer Abwesenheit beruhte.
Meine MNO-Dreiteiligkeit (Objekt–Wille–Erleben) lässt sich als Deacons
Homeo-/Morpho-/Teleo-Tripel neu kodieren. Er lieferte eine feinmaschige,
empirisch anschließbare Theorie, wie Leben und Geist aus »abwesenden«
Constraints entstehen. Ich lieferte eine radikale Ontologie, in der dieselbe Absenz
die ganze Realität faltet – von Quanten über Bewusstsein bis zu Klassenkampf.
Setzt man beides zusammen, erhält man eine mehrstöckige Theorie der Emergenz,
die Detail-Mechanik (Deacon) auf ein meta-ontologisches Fundament (Speed)
stellt – und damit sowohl physikalische als auch soziale Lücken schließt.
        Niklas Luhmann (1992) Operational Closure and Structural Coupling –
Recht, Wirtschaft etc. »schließen« ihre Operationen, brauchen jedoch Umwelt-
Reize, um Sinn neu zu generieren. Sie brauchen also Lücken. Ilya Prigogine /
Dissipative-Structure-Ansatz: »Eine dissipative Struktur ist ein offenes System,
das nur fern vom Gleichgewicht durch permanente Energie‐ und Stoffströme
Ordnung erzeugt.« Stuart Kauffman – Konzept des »Adjacent Possible«:
Evolutionäre Systeme halten sich am Rand des Bekannten, öffnen ständig Türen
ins nebenan Mögliche. Gregory Bateson (1972) »difference which makes a
difference« – Information existiert nur als Abstand zwischen Mustern; ein völlig
geschlossenes System würde keine »Differences« registrieren. Review zu
dissipativen Strukturen in Städten: Open-System-Logik erklärt, warum urbanes
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Leben nur in Durchflussökonomien (Mobilität, Input) stabil bleibt. CALResCo-
Notiz zu »structural coupling«: Zwei Systeme bleiben nur ko-evolutiv lebensfähig,
wenn ihre Kopplung partiell ist – also nie vollständig determiniert. Das ist eine
Bestätigung einer Forderung nach flexiblen Arbeitsschleusen zwischen Menschen
und Organisation.
       Die Grundvoraussetzung für ein lebendiges System ist somit eine ständige
Koppelung an etwas Abwesendes, an eine Lücke und aus dieser Dynamik speist
sich die Freiheit unserer Handlungen und die individuell besondere Perspektive
auf die Realität, die folglich zum Beitrag eines komplexen Ganzen wird, zu einem
gemeinsamen Erleben, welches wir gemeinsam erarbeiten, wobei es nie ein
abgeschlossenes, fertiges Produkt geben kann, weil eine jede von uns darin etwas
anderes sehen, hier etwas anderes wollen und erleben würde. Insofern leben wir
in einer multirealen Welt, in einem Markt der offenen Ergänzungen und
Erweiterungen, haben aber eine ökonomische Theorie, die davon ausgeht, alles
drehe sich um in sich geschlossene, fest abgegrenzte Objekte.
       Der Materialismus ist zu primitiv, um ein gemeinsames Arbeiten an einer
gemeinsamen Realität zu ermöglichen, weil dieser Prozess Selbstbestimmung
erfordert und impliziert. Wir müssen Arbeit, materielle, aber auch an Gesellschaft,
somit wesentlich stärker als selbstbestimmten Beitrag (individuelle Abweichung
als Notwendigkeit) begreifen, oder wir werden jene Probleme des Ökosystems
nicht los, die auf einer Arbeitsweise beruhen, die zu wenig Bewusstsein über die
Realität besitzt. Partizipation ist ein Realitätsfaktor. Arbeit erschafft nicht nur
Wohlstand oder Geld oder Werte, sondern eben Lebensraum, Ökosystem oder
Wirklichkeit.
       In meinem Modell werden Objekt, Wille und Erleben als Strukturmuster
einer Physik des Ökosystems beschrieben, die das Gestalten von Morphologien
als Formen von Gesellschaft und Welt begreifen. Ich übersetze diese
Strukturmuster, oder Wirkhebel auch mit den Begriffen wie Submergenz,
Indimergenz und Emergenz. Wie gesagt, Deacon spricht von Homeo-/Morpho-
/Teleo-Tripel. Die Submergenz als Objekt, die Indimergenz als Akt der
Willensentscheidung und die Emergenz als den offenen Raum der Erweiterung.
Darin geht es um einen Zyklus. Es sind Abläufe wie Jahreszeiten, die in
unterschiedlichen Qualitäten, als Filter, Form verfestigen, oder wieder auflösen.
Es geht um die Frage, wie Freiheit in einem dynamischen System erhalten bleibt,
während dieses wie bei einer Ökonomie die Welt konstruiert. Folglich geht es
auch um die Demokratisierung der Arbeit und jedes Beitrags zur Gesellschaft. Um
Freiheit als Faktor der Emergenz und Innovation.

## Submergenz, Indimergenz, Emergenz

Submergenz = unbestimmtes Potenzial (wie ein Origami-Blatt vor dem Falten).

Indimergenz = erste Faltung / Entstehung eines Objekts oder Impulses.

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Emergenz = das Beziehungsnetz, das daraus entsteht – lebendige Systeme.

Jeder kreative, soziale oder ökonomische Prozess durchläuft diese Phasen.

(bild faltung)

Wie man hier sieht, ist da zunächst nur toter Raum, eine Submergenz, also ein
Potenzial, indem nichts differenziert ist, quasi ein leeres Blatt Papier. Es folgt ein
Akt (Impuls), eine Definition, ein Wille, etwas zu ändern, der zur Erschaffung
eines Objektes, oder eines Unternehmens führt. Das ist die Indimergenz. Die
Konzentration auf das Ding. Spätestens ab dem zweiten Ding (Objekt-Betrachter-
Koppelung) folgt eine Beziehung zwischen diesen und jede Beziehung erweckt
neue Assoziationen, weil es Faltungen in einer Singularität unendlichen
Potenzials sind, die aus dem immerzu selben Potenzial hervorgehen. Submergenz
entspricht dem »ungefalteten« Zustand bzw. gleichgewichtigen Kontinuum.
Singularitäten markieren als Potenzialraum die Stelle, an der das Kontinuum reißt
(Indimergenz) und dadurch neue Beziehungen/Phasen (Emergenz) entstehen – ob
als schwarzes Loch, Stoßwelle oder Origami-Knick. Hawking & Penrose:
Singularity Theorems (1970) – bildet einen mathematischen Nachweis, dass das
Universum in endlicher Eigenzeit in einer raum-zeitlichen Punkt-Singularität
beginnt und dort jede klassische Koordinate kollabiert. Vor dem »ersten Knick«
existiert nur eine unbestimmte Einheit (reine Krümmung) – alle späteren Raum-
Faltungen sind Ausrollungen dieses Anfangspunkts. Edward Tryon: Hypothese
des »Universe as a quantum fluctuation« – besagt das gesamte Kosmos könne aus
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einer Vakuum-Fluktuation hervorgegangen sein. Das Quanten-Vakuum fungiert
als ständig faltbares Null-Potenzial; jede reale Struktur ist eine temporäre
»Ausstülpung«. I. Prigogine, Nobel-Vorlesung 1977: dissipative Strukturen
entstehen nur, wenn ein offenes System fern vom Gleichgewicht »an einer
Singularitätsstelle instabil wird und sich neu organisiert«. Die Singulärität ist hier
der kritische Falt-Knoten, an dem sich Roh-Energie in Muster übersetzt; ohne
Durchfluss erstarrt das Blatt. Kawasaki-Theorem besagt: Ein einziges Blatt kann
an einem Vertex gefaltet werden, falls die alternierende Winkelsumme Null ist;
der Vertex ist eine Singularstelle des Faltpotenzials. Mathematisiert das Bild eines
unendlich formbaren, aber zusammenhängenden Mediums.
       In der Emergenz tritt eine Art Musterboden aus der Singularität hervor, als
ein Gewebe an unendlich vielen Beziehungen zwischen den Dingen. Es bildet sich
ein Weltmuster, ein Ökosystem.
 (bild zyklus_b)

Das eine Blatt Papier (Singularität/Submergenz), im Sinne von Origami, aus dem
alle Formen hervorgehen, wodurch unter den Formen als ewig wiederkehrende
Regeln, Naturgesetze und Selbstähnlichkeiten verbleiben. Die Welt zerfällt nicht,
sondern bildet sich als Sphäre, als in sich geschlossener Kreislauf. Dies führt dann
zur Emergenz, zu Rückkoppelungen, die aus Beziehungen, Objekten und
Absichten bestehen, die vor dem Hintergrund einer Abwesenheit gebildet werden,
einer Lücke, einem Nichts.
       Ob Kosmos, Strömung oder Papier – überall zeigt sich dasselbe
Grundprinzip: Eine einzige kontinuierliche Entität (Singularität/Vakuum/Blatt)
birgt alle möglichen Formen in sich.
(Bild 5)

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Dies ist zentral, weil wir hier die strukturellen Probleme in unseren
Systemstrukturen der Gesellschaft erkennbar machen können, die auf Fehlern
gegenüber den Wirkprinzipien der Natur und des Universums beruhen. Wenn
nämlich alle Beziehungen ökonomischen und politischen Handelns auf die
Objekte reduziert sind, bleiben hinter diesen nur noch flache Repräsentationen –
sogenannte Simulakra (Jean Baudrillard). Die Objekte treten hervor, die Bezüge
und Beziehungen zwischen ihnen, geraten in den Hintergrund. Übertreibt man
dies, entstehen hohle Objekte. Ein Phänomen des Massenmarktes. Ein Phänomen
der Übertreibung von Entfremdung in der Produktion.
       Man erfindet beispielsweise ein Auto, den ersten Benzinmotor. Das ganze
geht in Massenproduktion. Was anfangs noch hoch emergente, intelligente und
bewusste Strukturen einer Innovation waren, wird zum Alltag, verflacht und führt
zu Produktionen um ihrer selbst willen. Der Wille, die Indimergenz erschöpft in
der Fixierung auf das Objekt und dessen Wiederholung, im Glauben auf diese
Weise den Erfolg ewig zu verlängern. Man verschläft dadurch den Sprung zum
Elektromotor. Das zwingt Arbeitende und Unternehmen in einen neuen Zyklus.
Wenn das aber nicht passiert, werden die Produkte zu hohlen Objekten, sie
entfremden sich von dem, was sie einst als Emergenz waren, nämlich mehr als die
Summe ihrer Teile. Ein Kulturphänomen in einer Gesellschaft. Inzwischen sind
sie aber zu Wüsten der Bürokratie verkommen, oder zu toter Materie. Übertragen
wir das auf die ganze Gesellschaft, kann man in unzähligen Beispielen ablesen,
wie der Kapitalismus, aber auch die Bürokratien die Gesellschaft erschöpfen,
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ausgebeutet und verdinglicht haben. Wir sind alle zu hohlen Produkten in einem
digitalisierten Markt geworden, zu Funktionen. Wir haben ein Stückweit unsere
Freiheit und Dynamik verloren und leben in verkrusteten Strukturen, über die wir
sehr wenig Bewusstsein haben. Innovation ist die Ausnahme, nicht die
Grundkultur.
        Indem man eine Welt nur aus Objekten und deren Strukturmustern
(Indimergenz) erbaut, verschwindet insgeheim die Welt selbst, weil sie eben mehr
ist als die Summe ihrer Teile. Es kommt zur Verflachung, zur Submergenz. Mit
der Erklärung aller Winkel, aller Tiefen der Welt, geht der Tod der Welt einher,
weil wir dann nur noch ein absolutes Ding erkennen und nicht mehr jene
Verzerrung, die jeder Mensch mitbringt, jede eigenständige Perspektive, die eine
andere Antwort auf das Nichts ist, auf die Lücke, die allen Dingen und Zuständen
innewohnt und uns mit einem »verschobenen Sein« (Seinsverschiebung) auf das
Große und Ganze antworten lässt, wodurch Diversität und Dynamik auf ewig
gewahrt bleiben.
        Wir verlieren unsere Beziehungsfähigkeit, unsere Resonanzfähigkeit, um
es mit Hartmut Rosa zu sagen.
        Betrachtet man die Dreiteiligkeit Submergenz, Indimergenz und Emergenz,
oder Objekt, Wille, Erleben als Kreislauf, wird erkennbar was passiert, wenn
dieser Kreislauf stockt, oder anhält.
        Im folgenden Beispiel eines Brunnens versuche ich das Prinzip zu nochmal
etwas anders illustrieren.
        Die Gestaltung der Welt, an der wir alle durch Handlungen, Erkenntnissen
oder Arbeit teilnehmen ist wie das Hochziehen oder das Herablassen (falten der
Formen) eines Eimers in einem tiefen Brunnen. Der Boden des Brunnens ist die
Singularität, die Lücke, das Nichts. Durch den Akt des Herablassens des Eimers
entsteht eine Polarität, zwischen Tiefe und Höhe, zwischen oben und unten,
zwischen der sich durch das Definieren von Objekten, durch ihre Manifestation,
durch den darin veränderten Willen einer Betrachter:in schließlich ein
eigenständiges Erleben der Welt als Brunnen bildet. Dieser Akt ist auch als der
Ur-Akt der Arbeit zu verstehen. Wir investieren in die Welt, wir schaffen, wir
holen hervor.

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Bewusstsein ist in meiner Forschung ein Polaritätserleben angesichts einer
Abwesenheit, einer Verdeckung innerhalb eines unendlichen Potenzials. Es ist
eine Antwort auf das Nichts, auf das noch ungefaltete Blatt der Singularität. Was
dabei entdeckt und reintegriert wird, das ist der jeweils neu Fixpunkt, als Potenzial
neuer Faltungen in der Struktur. Dies wird durch einen Musterzyklus
gewährleistet. Den ich den Sphärenzyklus nenne, weil dadurch jedes Mal eine
eigene Sphäre, oder Welt entsteht. Es ist wie ein Atmen zwischen Verfestigen und
Loslassen, zwischen Form und Freiheit. Das System bleibt dadurch durchlässig
und übertragbar. Menschen können sich darin frei bewegen, ihren
selbstbestimmten Beitrag erarbeiten, oder zwischen Tätigkeiten wechseln, weil
die Sphären nicht abgeschlossen sind, nicht wie Personalabteilungen moderner
Konzerne. Nicht wie überbürokratisierte Märkte, oder abgeschottete
Arbeitsbereiche. Es ist ein viel intelligenteres System. Wie das im Detail aussehen
kann, wird im Laufe dieses Buches genauer erarbeitet.

         Jedes Produkt, jede politische Idee ist nur eine Verzerrung.
            Jede Arbeiter:in ist eine Akteur:in der Verschiebung
               von Wirklichkeit, in einem gemeinsamen Tanz.

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Die Indimergenz, also das Definieren, das Manifestieren eines Objektes, bewirkt,
dass das Potenzial dieses Dings, noch vor dessen Festlegung, Verfestigung, durch
eine Polarität getauscht wird, also durch eine Koppelung zwischen Betrachter und
Objekt, oder mit jeder erdenklichen Polarität, wie oben und unten, oder tief und
breit oder kalt und warm, oder links und rechts. Hier geht es um ein weiteres
wichtiges Musterprinzip. Nichts ist eine identische Kopie des Vorherigen. Die
Abläufe sind nicht darauf ausgelegt, keine Abweichung zuzulassen, sondern ganz
im Gegenteil. Wir sprechen hier von analogen Systemen, im Gegensatz zum
Digitalen. Es entstehen Missverständnisse in der Übertragung. Auf diese Weise
findet Evolution statt. Unser ökonomisches System aber ignoriert das seit Henry
Fords Fließbandsystem und begreift Innovation als einen domestizierten Prozess
für spezielle Experten. David Noble (1977) »America by Design: Science,
Technology, and the Rise of Corporate Capitalism« → analysiert das Fließband
bei Ford als Ursprung des modernen »Maschinenmenschen«: ein Mensch, der
nicht kreativ tätig ist, sondern nur Mechanismus im vorgegebenen Takt.
Innovation ist hier nicht Emergenz, sondern Top-down-Anweisung. Natürliche
Systeme, die weit komplexer sind als der Kapitalismus, haben einen hohen Grad
an erlaubten »Fehlern« und an »offener Überlagerung«, wodurch die
Energieschwellen für das ganze System niedrig gehalten werden. Die
»Bewegung« macht das System durchlässig und dynamisch. Überall findet man
Synergien und selbstähnliche Formationen. Nichts ist völlig abgeschottet oder
isoliert. Nichts gehört nur einem allein.
       Antonio Gramsci (1929–1935) in Gefängnishefte, speziell Hefte zu
»Amerikanismus und Fordismus« → beschreibt: Fordismus bedeutet nicht nur
technische Effizienz, sondern sozial-moralische Normierung. Gilles Deleuze
(1968) »Differenz und Wiederholung« → liefert die philosophische Grundkritik:
                                      48

<!-- PDF page 49 -->

Wiederholung ist nie identisch. Systeme, die Identität erzwingen, ersticken
Emergenz. Jean-François Lyotard (1979) »Das postmoderne Wissen« →
beschreibt die moderne Ökonomie als »diskrete Maschine«, die Wissen auf
funktionale Module herunterbricht. Das widerspricht analogem, verkörpertem
Wissen, wie es in der Natur dominiert.
       Es gibt zunehmend interdisziplinäre Ansätze, die das derzeitige
ökonomische System als strukturell dumm, erschöpfend und systemblind
kritisieren – und alternative Intelligenzformen vorschlagen. In der Post-Growth-
Ökonomie (u. a. Tim Jackson, Jason Hickel) wird wirtschaftliche Intelligenz nicht
mehr an Wachstum, sondern an planetarer Tragfähigkeit und sozialer Resonanz
gemessen. Commons-basierte Ökonomien (Ostrom, Helfrich) zeigen, dass
kooperative, nicht-marktliche Systeme hochkomplexe Ressourcenverteilung
intelligent und lokal steuern können. Aus der kulturellen Praxis fordern Projekte
wie Arts of the Working Class oder Precarias a la Deriva eine ästhetisch-politische
Ökonomie, die nicht nur Güter, sondern Bedeutung zirkulieren lässt. In der
neurodivergenten Theorie (Chapman, Walker) wird Intelligenz als strukturelle
Durchlässigkeit verstanden – Systeme gelten als intelligent, wenn sie auf
Abweichung, Differenz und Emergenz adaptiv reagieren, statt sie zu unterdrücken.
Diese Strömungen skizzieren eine zukünftige Ökonomie, die nicht auf Kontrolle,
sondern auf intelligenter Beziehung zur Welt basiert.

Ich fasse zusammen:

Was ist das MNO-Modell?

Es beschreibt die drei Grundachsen jeder Wirklichkeit: Objekt, Wille, Erleben.
Diese drei erzeugen sich gegenseitig – sie sind nicht hierarchisch, sondern
zyklisch verbunden. Wenn einer der Pole dominiert (z. B. das Objekt = Geldwert),
kollabiert Bewusstsein. Das Modell liefert einen Gegenentwurf zur
ökonomischen Reduktion auf messbare Objekte.

Singularität als Ursprung aller Faltungen

In Physik & Origami: Singularitäten sind Punkte, an denen sich Systeme
»knicken«. Das Universum beginnt als Singularität: reine Einheit, in sich faltbares
Potenzial. Die MNO-Struktur ist eine ständig aktivierte Faltung dieser Einheit.
Lücken sind notwendig – sie ermöglichen Bewegung, Differenz, Entwicklung.

Was sind die Fixpunkte?

Fixpunkte sind in der MNO-Theorie jene temporären Stabilitätskerne, an denen
das dauernd gefaltete Wirklichkeitsgewebe für einen Moment »einrastet«. Sie
entstehen, wenn die ontologische Lücke (∆) – das Minimal-Nicht-Objekt – und
die drei Polgrößen Objekt, Wille, Erleben in einer bestimmten Konstellation
                                        49

<!-- PDF page 50 -->

kurzzeitig zur Ruhe kommen. In diesem Augenblick schließt sich der
Resonanzraum, die Verschiebung verdichtet sich, und aus dem Fluss der
Verzerrungen tritt ein klar erkennbares Muster hervor: ein Wort, ein Wert, eine
soziale Ordnung, eine physikalische Konstante. Fixpunkte sind also keine ewigen
Wahrheiten, sondern Momentaufnahmen der Emergenz – Marker dafür, wo die
offene Struktur der Welt sich selbst für einen Herzschlag lang festlegt, bevor sie
im nächsten Faltungszyklus erneut aufbricht.

 Die Notwendigkeit der individuellen Abweichung und somit die Relevanz
  der selbstbestimmten Arbeiter:in und Gestalterin von Gesellschaft und
                               Beziehung.

Das Prinzip der Autopoesis, also der Schaffung aus sich selbst heraus, ist überall
in der Natur zu finden. Dennoch ist das was und das wie geschaffen wird, kein
isolierter Prozess, sondern ein Rückkoppelungsverfahren. Ich meine damit, dass
wegen der Singularität, die allem zugrunde liegt, in den individuellen Faltungen
nie ein Alien entsteht, also etwas komplett Anderes, das nicht von dieser Welt
wäre. Das aber ist eine Grundangst vieler Unternehmer:innen, die denken, das
Unternehmen würde zerfallen, gäbe man den Arbeiter:innen nur mehr
Selbstbestimmung, oder würde noch mehr in der Gesellschaft demokratisiert
werden. Es ist denkbar, dass die Konzerne sich deutlich transformieren und
erweitern, aber die Ökonomie an sich würde durch Selbstbestimmung nicht ins
Chaos stürzen, sondern wir könnten uns intelligenteren Strukturmustern öffnen
als     jenen    der     hierarchischen    Kontrolle     durch     fremdbestimmte
Leistungsbewertung. Somit kann dieser Akt der Selbsterschaffung, der
selbstbestimmten Arbeit auch nicht zu einer nutzlosen Form führen, also zu etwas,
was nicht Beitrag und Teil des Universums ist. Verweigert man sich aber der
Beziehungsfähigkeit und reduziert alles auf einen isolierten Wert, wie Geld, dann
kann man die Bedeutung eines jeden Lebewesens in einem System durch
Konstruktion negieren, indem man lineare Wirkungen als die Ursachen der Welt
begreift und alles, was nicht linear einer bestimmten Produktion folgt, dann das
falsche Produkt erzeugt, oder eben das Wertlose. Ich will damit verdeutlichen,
dass es wichtig ist, dass jede Arbeiter:in eine Abweichung in ihrer Arbeit
durchführt, jede Bürger:in einen eigenständigen Beitrag bedeutet, die ihr
entspricht, weil erst die Vielfalt an Formen, die Diversität, dazu beträgt, die Welt
umfassender auszudifferenzieren, was wiederum erst das Erfassen und Erleben
von Realität ermöglicht. Wir benötigen das Fremde, das Andere, um zu wissen,
wer wir sind. Die Abweichung ist notwendiger Prozess einer jeder Formbildung,
somit auch des Bruttosozialproduktes. Viele verstehen das instinktiv und es gibt
Marketingabteilungen, die dazu ihre Sprüche haben, aber wer versteht wirklich
das strukturelle Prinzip? Denn wenn wir dieses klar genug sehen, dann wird das
Recht der Arbeiter:in auf Selbstbestimmung ein Naturgesetz, was in der Praxis ein
erheblicher Unterschied ist.
                                        50

<!-- PDF page 51 -->

      Zunächst ein einfaches Beispiel: Stell Dir vor, Du hast reines weißes Licht
– es enthält alle Farben in sich, ohne dass eine einzelne Farbe dominiert. Dieses
weiße Licht ist wie die Singularität – der Ursprung, das ungeteilte Potenzial von
allem. In dem Moment, in dem Du aus diesem Licht z. B. Blau herausfilterst,
benennst und als »Blau« festhältst, verlierst Du das Ganze. Denn blau ist jetzt
nicht mehr das Ganze, sondern nur eine selektierte Ausprägung – eine bestimmte
Erscheinung des ursprünglichen Potenzials. Alles andere (Gelb, Rot etc.)
erscheint nun in Bezug auf das Blau, verliert seine ursprüngliche Offenheit und
wird relativ. Das ursprüngliche Licht ist damit nicht zerstört, aber nicht mehr
zugänglich – weil wir durch unsere Benennung, unsere Wahrnehmung und unser
Handeln eine neue Wirklichkeit erschaffen haben, in der alles, auch das »Nicht-
Blau«, verschoben ist. So funktioniert jede Realität: Indem wir etwas gestalten,
benennen, benutzen – erzeugen wir nicht nur ein Objekt, sondern auch einen
Verlust an Ganzheit, und gleichzeitig eine neue Ordnung, in der sich andere Dinge
um das Benannte herum verschieben müssen. Die Welt wird also durch unsere
Arbeit, unsere Sprache und unser Bewusstsein nicht objektiv abgebildet, sondern
immer als Teil einer Sphäre erzeugt, die verzerrt ist – weil das, was fehlt (nämlich
das ursprüngliche Potenzial), durch Repräsentanzen ersetzt wird, die nie ganz sind.
      (Bild prisma)

       Wir alle – Pflanzen, Ideen, Tiere, Städte, Gefühle – sind in diesem Sinn
Gestalten, die aus dem Licht ausgeschnitten wurden, und tragen diese
Abwesenheit in uns wie einen Schatten. Aber gerade dieser Schatten, diese
Differenz, macht Leben, Bewegung und Freiheit überhaupt erst möglich. Die Welt
ist kein Objekt – sie ist eine dauernde Reaktion auf ihr eigenes Verschwinden.
       Das folgende Beispiel zeigt, wie Identität, Produkt, Indimergenz immer zu
eigenen Sphären führen, also zu einer abweichenden Verzerrung. Die Kunst
besteht darin, diese Sphären offen und dynamisch zu halten. So wird daraus ein
gemeines Ganzes, ein Akte der gemeinsamen Gestaltung von offener und
humaner Gesellschaft.

                                        51

<!-- PDF page 52 -->

Wir nennen etwas G. Dadurch wird das Potenzial dessen, was G ursprünglich in
der Singularität war, ausgelöscht und durch eine polare Beziehung ersetzt. Warum
wird es ausgelöscht? Weil jede Definition, jede Verfestigung, eine Reduktion von
Potenzial bedeutet. Man kann nicht Teilchen und Welle gleichzeitig sein. G wird
nun, da es durch Definition als Qualität verschwunden ist, betrachten wir in
diesem Beispiel die anderen Buchstaben als den Rest der Farbpalette, der
Potenziale, also als Repräsentanzen der Singularität, von den anderen Buchstaben
»zum Ausdruck gebracht«, also nicht mehr korrekt dargestellt, wodurch sie sich
selbst ebenfalls in ihrem Kontext, ihrer Ordnung verschieben. Mit Repräsentanz
meine ich, den Vorgang der Herauslösung aus der Singularität. Etwas wird zur
Repräsentanz, ist aber nicht mehr das volle Potenzial, sondern beispielsweise ein
Symbol dessen. Ein E, welches Teil einer G-Welt ist, erscheint nicht mehr als
dasselbe E, wie ein E, welches nur E sein muss. Jeder Akt der Arbeit, der
Gestaltung, der Benennung, erzeugt wie zuvor besprochen eine individuelle
Realität, eine Sphäre. Alles wird zu einer Repräsentanz der Singularität, jedoch in
der Verzerrung, die durch die Manifestation des Objektes entstanden ist (ihre
Abwesenheit), oder durch einen individuellen Betrachter. Es entsteht nicht nur
eine eigene Realität, die latent von G abweicht, die also eine unscharfe Realität in
einer Sphäre bildet, sondern es bilden sich in der Polarität auch Ausformungen
und Morphologien, die zwar in G integrierbar sind, die aber ohne die Abwesenheit
von G nicht existieren könnten.
       Diese Buchstaben-Morphologien kann man übertragen auf Lebewesen, die
Formen von Pflanzen, politische Konzepte, oder schlicht alles, was in der Welt
herumsteht und als Objekt beschreibbar wird. All das ist aber nicht G. Es ist nicht
Gott und auch nicht MNO. Und es ist auch nicht das Bewusstsein.
       Die Seinsverschiebung ermöglicht die Integralität der Welt. Dadurch ist
Freiheit und Ordnung gleichermaßen möglich. Lebensraum wird immer wieder
aus sich und in sich selbst geschaffen, also impliziert. Wir sind alle Mutationen
einer Ur-Form, die eine Antwort auf das Nichts ist.
                                        52

<!-- PDF page 53 -->

      Es geht hier darum zu verstehen, dass die »gemeinsame Welt«, die
»gemeinsame Wirtschaft« keine in sich feste Welt ist, sondern ein Organismus in
sich verschobener Realitäten und Formen, denen wir gerecht, also die uns
bewusstwerden müssen, damit die Arbeitsweise integrativ und innovativ bleibt.
Es macht keinen Sinn, Arbeit zu sehr zu normieren. Die Arbeit muss davor
geschützt sein, um Selbstbestimmung zu schützen. Nur so können wir uns auf die
Suche nach den neuen Fixpunkten machen und die Gesellschaft authentisch, offen
und human halten.

      Das folgende Bild zeigt das ganze Modell zusammengefasst.

                                      53

<!-- PDF page 54 -->

Der Mensch, die ökonomische Produktion, die Gestaltung von Gesellschaft ist
demnach nicht Folge einer linearen Ordnung, also kausale Folge von Dingen und
deren Abläufen, sondern eine verschobene Welt, eine einzigartig verzerrte Sphäre,
die zwar allem ähnlich erscheint und doch Grund verschieden ist. Zwar in
Beziehung zu allem steht, innerhalb und außerhalb der eigenen Welt, aber weder
diese Beziehung noch das eigene Wesen jemals vollenden, gar abschließen kann,
weil Existenz immer eine Lücke, ein Unbekanntes, etwas Offenes beinhaltet und
                                       54

<!-- PDF page 55 -->

wie diese Lücke, dieses Nichts zum Bezugspunkt von Bewusstsein und Realität
wird, das habe ich mit dem MNO-Modell sehr umfassend beschrieben. (Siehe
»Die Physik der Armen«) Dieses möchte ich nun als natürliche Grundlage
ansehen, um die Frage der Fixpunkte weiter zu vertiefen.

                    Arbeit als Beitrag in einem Ökosystem.

In der Vorstellung, dass Bewusstsein, Realität, Gesellschaft, Ökonomie nur
Antworten auf das Nichts sind und eben keine Dinge, die auf Dingen basieren,
wird uns später ein tieferes Verständnis der Dynamik zwischen Markt, Politik und
Arbeit eröffnen. Denn hierin wird eine Notwendigkeit erkennbar, die
Andersartigkeit des Weltbezugs einer jeden Bürger:in oder Angestellten oder
Selbstständigen in die Ökonomie und Politik zu integrieren, statt sie dem reinen
Objektbezug unterzuordnen, wollen wir nicht den realen Bezug zur Wirklichkeit
verlieren. Wenn wir also Realität nicht wie die Malocher als hartes Leben im
Angesicht der Kälte des Kapitalismus begreifen, sondern als Weltbezug einzelner
Menschen in einem Zusammenspiel, aus dem eine organische Welt entsteht, oder
eine humane Gesellschaft. Also Synergien fördern, statt nur Anpassung. Hier zeigt
sich der Unterschied zwischen einer Simulation und einem Ökosystem. Eine
Simulation ist wie eine Welt in einer undurchlässigen Kugel. Ein Ökosystem ist
ein lebender Organismus von Wesenheiten, die selbstähnliche Einheiten bilden.
        Es ist nicht nur eine politische Frage, was dem Leben ein Existenzrecht gibt,
sondern eben auch eine physikalische, oder biologische. Wir können keine
Existenzgrundlage konstruieren, die den Menschen als Ökosystem ignoriert, in
dessen struktureller Einbindung in die physikalischen Grundlagen der Realität
und des Bewusstseins. Eine Ökonomie oder ein demokratisches System der
Zukunft, muss sich als Ökosystem versteht, als Ausdruck der komplexen Formen,
nicht als Festlegung der primitiven und von Macht geleiteten Muster.
        Das kapitalistische System, welches Arbeit allein als Funktion begreift und
nicht als selbstbestimmten Beitrag freier Wesen, zu einer Realität, die offen und
vielschichtig ist, hat dem Menschen im Materialismus versenkt und sich selbst
darin im Potenzial gelähmt. Wir bezahlen Menschen dafür, dass sie oft eine Arbeit
tun, die sie nicht machen wollen, die Werte behauptet, ihrem eigenen Erleben
widersprechen. Dass der Sinn in der modernen Arbeitswelt keinerlei Rolle mehr
spielt, hat den Menschen zerstört und zu einem gewaltigen Verlust an Potenzialen
geführt, weil der Beitrag des Einzelnen nun mal wesentlich mit dessen Begreifen
von Sinn und Relevanz im eigenen Weltbezug verbunden ist. Die Abweichung ist
nicht Störung der Produktion, sondern Grundlage einer Produktivität, die zu einer
gemeinsamen Welt beiträgt, die alle als eine Welt erleben, die auch ihnen als
ganzen Menschen zum Überleben hilft.

Mein Ansatz führt zu einer fundamentalen Aufwertung einer jeden Arbeiter:in als
selbstbestimmtes Wesen, das in dessen Andersartigkeit gewollt ist.

                                         55

<!-- PDF page 56 -->

## Fixpunkte und Rahmen

Wo aber liegt nun die Ordnung des Inneren eines Systems, mit deren Hilfe
sich Gesellschaften in alltäglichen Fragen organisieren lassen?
Erinnern wir uns! Die Fixpunkte sind wie die kleinsten Bausteine der materiellen
Welt. Sie verändern ihr Erscheinen pausenlos. Sie sind in gewisser Weise schwer
berechenbar, es sei denn wir zwingen sie in einen kontrollierten Raum. Sie zu
definieren ist schwierig, aber wir gehen davon aus, dass sie da sind. Weil wir
davon ausgehen, haben wir uns ihnen angenähert, unserer Welt aus diesen
Erkenntnissen heraus verändert. Die Fixpunkte sind im übertragenen Sinne das
für die Schöpfungskraft und Kreativität des Menschen, was die kleinen Teilchen
für die Materie sind. Manchmal erscheinen sie uns wie Kräfte, oder wie Motive.
Wie absolute Ideen oder wie Attraktoren die Menschen seit Tausenden von Jahren
prägten. Wie Gefühle, Inspirationen oder intuitive Erkenntnisse. Die Reise zu
diesen Fixpunkten ist die Grundvoraussetzung für neue Perspektiven, neue Ideen,
neue Produkte, neue Gesellschaften. Und doch bleiben sie ein Geheimnis. Alles,
was sich in uns bewegt, geht von einem Kern aus. Es gibt keine Bewegung, ohne
dass irgendwann der Impuls dafür gesetzt wurde. Dieser Impuls aber löst eine
Welle aus, die gewissermaßen in der äußeren Welt, also in unseren Handlungen,
ausläuft. So formen die Fixpunkte unsere Welt durch uns, durch unser
Bewusstsein.
Es beginnt mit wenigen Fragen:
Wer bin ich?
Was will ich?
Was liebe ich?
Mit wem möchte ich zusammen sein?
Warum machen wir die Dinge so und nicht anders? Ist es wirklich?
Was ist der Sinn?
Warum reagiere ich auf diese Weise? Wovor habe ich Angst?
Lassen Sie uns diesen Gedanken weiter verfolgen: Stellen Sie sich vor, Ihr Sein
wäre ein akustischer und absoluter Ton, der im Moment aber durch Rauschen
überlagert, nur schwach zu hören ist. Je näher Sie dem Ton, oder dem Impuls
kommen, umso kraftvoller beginnt dieser zu schwingen und umso klarer wird der
Rhythmus. Erinnern Sie sich an einem Moment im Leben, an dem Sie sich voll
und ganz einer Sache bewusst wurden und diese Erkenntnis Ihr ganzes Sein, Ihren

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Körper, Ihre Gefühle ergriff. Das sind die Momente, in denen wir den Fixpunkten
ganz nah sind.
Machen Sie sich bewusst, dass es so viele absolute Töne, also über das
Individuelle hinaus verbindende Fixpunkte im Universum gar nicht gibt, und der
Unterschied zwischen den Menschen im Grad des Rauschens liegt. In der Form
wie sie die Struktur der Natur ausleben, in jeder Sekunde neugestalten. Eine
Gesellschaft mit viel Rauschen beispielsweise hätte Schwierigkeiten, eine
gemeinsame Ordnung, wie eine Oktave, zu finden. Je mehr Menschen aber zum
Kern vordringen, umso stärker wird die Resonanz. In einem geschlossenen
System entsteht dadurch rhythmische Ordnung. Dies liegt daran, dass das, was
uns im Inneren ausmacht, stets von universeller Qualität ist. (Singularität)
Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Humor, Mut, Schönheit und Glück
sind Motive, die jeden Menschen durchdringen. Jenes gefühlte Sein berührt uns
alle und verleiht uns Zusammenhalt, und somit auch Struktur. Ich spreche also
von jener Ordnung, die man Wahrhaftigkeit, Liebe oder Resonanz nennen könnte.
Jene Ordnung, die beispielsweise das Verhältnis einer Mutter zu ihrem Kind
bestimmt. Jener Instinkt, der uns das Richtige tun lässt, ohne dass dies von außen
bestimmt werden könnte.
Diese Begriffe sind nicht nur Schlagwörter, sondern sie bestimmen unser
Handeln, ja oft ein ganzes Leben. Sie sind das universelle Gerüst jeder
Gesellschaft, dass aber im Rauschen verborgen bleibt. All unser Handeln geht im
Kern von wenigen Grundmotiven des Menschen aus. Entfernen wir uns von
diesen, können wir nicht mehr begreifen, was unsere wirklichen Motive sind. Wir
entfremden uns von den Chancen unserer Zeit.
Dies hat klare praktische Konsequenzen. Die Fixpunkte zu suchen, ist kein Trip
der Selbstverliebtheit, sondern der Schlüssel, um Bewusstsein in die größten
Konflikte und Probleme dieser Welt zu bringen. Die Fixpunkte wirken sich,
werden sie bewusst integriert, auf die Art aus, wie wir mit Konflikten und
Veränderungen umgehen.
Der Gegenspieler zum Abenteurer und Fixpunktejäger ist der Rahmenbauer, also
der Mensch der sich dem Umfeld anpassen möchte, Sicherheit in einem nach
außen definierten Rahmen sucht. Wir alle tun das. Die Frage ist nur wann es
sinnvoll ist die Welt in Arbeitsabläufen und Masterplänen festzulegen und wann
wir konkret hinschauen müssen um zu sehen was da Neues vor unseren Augen
ist, wie wir die Ressourcen von Menschen in besonderen Situationen integrieren
können. Die Frage lautet: Wollen wir Gesellschaften verwalten, oder wollen wir
sie beleben? Die Kardinalfrage lautet: Wie können wir beides verbinden?

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<!-- PDF page 58 -->

Ich möchte mit einem Beispiel (Abb. 2) beginnen das verdeutlichen soll, wann es
sinnvoll ist, Rahmen als Grundlage der Gestaltung zu verwenden und wann nicht.
Dieses Beispiel verdeutlicht, wie eine Gesellschaft auf der Basis des ständigen
Wandels bereits im Kleinen aufgebaut sein müsste, um sinnvolleres Handeln zur
Folge zu haben und mehr innere Wahrheit auszudrücken.
(abb 2)

Die zwei Typen, ein Poet und ein Krieger, begegnen sich in zwei
unterschiedlichen Situationen. Beide stehen gegensätzlich zum Paradigma des
jeweils anderen. Beide sind zunächst Ausdruck von Wahrheiten (Fixpunkten). Sie
leben ihr Leben vom selben gemeinsamen Kern ausgehend, haben sich aber in
andere Richtungen entfaltet. Das Schlachtfeld ist der Ort an dem der Krieger zu
Hause ist. Die Kulturveranstaltung ist dem Poeten vertraut. Innerhalb ihrer
jeweiligen Welt drücken Sie wichtige Fixpunkte aus.
Der Krieger verkörpert Mut und Kampf als universelle und absolute Fixpunkte.
Der Poet verkörpert Schönheit als wichtigen Fixpunkt. In ihrer jeweiligen
Umgebung ermöglichen ihnen ihre Kerne, den Augenblick komplex
wahrzunehmen und entsprechend den Erfordernissen zu handeln. Doch sobald sie
in das jeweils andere Paradigma wechseln, also die Zeiten sich verändern, der
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Poet also auf dem Schlachtfeld steht und der Krieger bei der Kulturveranstaltung
auftaucht, werden ihre Fixpunkte zu Rahmen, die sie daran hindern,
situationsgerecht zu agieren. Sie haben so lange in der einen Welt gelebt, dass sie
den Bezug zu ihrem inneren Wandel verloren haben. Sie haben sich selbst nur
noch mit dem jeweiligen Fixpunkt identifiziert, statt zu verstehen, dass alle
Fixpunkte in unserem Inneren in großen und kleinen Zyklen fließen und unser
Selbst aus dem jeweiligen Augenblick erwächst und nur als Integration aller
Fixpunkte für die Ewigkeit gebaut ist. Der moderne Mensch aber hat innere
Integrität nie gelernt, weil er sich in einer Leistungsgesellschaft stets gegen den
anderen definiert.
Dies passiert, weil die Angst vor innerer Veränderung, die möglicherweise den
äußeren Status gefährdet, die Menschen dazu bringt, sich nur noch am Äußeren
zu orientieren. Auch unsere Universitäten, ja die ganze Wirtschaft ist heute darauf
ausgelegt Menschen an äußeren Dingen zu definieren. Und das ist der Punkt.
Der Poet schreibt beispielsweise ein Gedicht und wird währenddessen erschlagen.
Denn was in einem anderen Kontext ein wichtiger Fixpunkt ist, nämlich
Schönheit, wird plötzlich zu einer Mauer der Voreingenommenheit. Er merkt
nicht mehr, wie sein Inneres stagniert, wie sein Handeln ihn längst in eine an der
Oberfläche liegende Rolle gedrängt hat. Er kann seine innere Stimme nicht mehr
hören, die laufend sagt, dass er nun weglaufen soll. Das am nächsten liegende
wird nicht erkannt. Diese Erfahrung machen moderne Gesellschaften laufend. Sie
geraten in eine Krise, die so lange andauern wird, bis sie sich von der verkrusteten
Rolle lösen, und neue Kerne integrieren. Indem also der Poet Mut entfaltet, und
der Krieger Sensibilität. Dadurch wächst eine Gesellschaft zusammen und wir
erkennen uns selbst im Anderen. Die Krisen- und Realitätskompetenz nimmt zu.
Es eine Rückbewegung von der Entfaltung des Einzelnen zurück in die
Singularität des ursprünglichen Origami-Blattes, also in die gemeinsame Struktur.
Ohne diese Bewegung des Selbstausdrucks aber, würde sich die Struktur nicht
erweitern, sie bliebe unterkomplex.
Natürlich ist eine Gesellschaft umso dynamischer, umso mehr Kerne von den
Menschen integriert werden. Angst nimmt ab und die Produktivität und
Kreativität in der Wirtschaft steigt. Ich denke Sie verstehen, wie oberflächliche
Gesellschaften die Angst vor Veränderung verstärken, während nach innen
gewandte Gesellschaften Veränderung als Aufrechterhaltung der Ordnung und
des freien Willens begreifen.

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Indem eine Gesellschaft lernt, immer besser aus dem Augenblick und dem
Unmittelbaren herauszuhandeln, wird sie offener, toleranter, dynamischer und
kraftvoller, und stürzt sich eben nicht in Anarchie und Chaos. Sie erkennt
natürliche Hierarchien des Moments.
Gewiss ist es hier für manche noch schwer vorstellbar, wie das Gemeinwesen mit
all den komplexen Zusammenhängen wie Infrastruktur, soziale Sicherung, Justiz
usw. geregelt werden kann, wenn von äußeren Rahmen abgewichen wird. Auch
dies wird im Laufe des Buches erklärt werden. Zunächst ist es wichtig zu
verstehen, dass Freiheit nicht mithilfe globaler Bestimmungen bewahrt werden
kann ohne soziale Krisen heraufzubeschwören.
Carl Gustav Jung, »Psychological Types« zeigt, dass einseitige Identifikation mit
einer Typfunktion (z. B. Krieger = Tat, Poet = Gefühl) zu neurotischer Starre
führt, während Individuation verlangt, die komplementäre Seite zu integrieren.
Kazimierz Dąbrowski, »Positive Disintegration« → erklärt, dass Krisen erst
entstehen, wenn ein Mensch an einer alten Rollen-Struktur klebt; Wachstum
erfordert Zerfall fixierter Ich-Schichten und Rekombination der inneren Kerne.
Robert Kegan, »In Over Our Heads« → zeigt empirisch, dass Komplexitätsstufen
des Selbst vom »sozialisierten Ich« (äußere Bestätigung) zum »selbst-
transformierenden Ich« (Integration widersprüchlicher Werte) führen; wer
steckenbleibt, scheitert an neuen Lebenskontexten. Edgar Morin, »La Méthode 2:
La vie de la vie« → argumentiert, dass lebendige Systeme nur durch die Dialektik
von Ordnung und Störung lernen; Fixierung auf eine einzige Organisationslogik
macht sie fragil. Heifetz & Linsky, »Leadership on the Line« → zeigt, dass
»Adaptive Leadership« verlangt, eigene Kernkompetenz zu verlassen (Krieger ↔
Sensibilität, Poet ↔ Mut), um kollektive Krisen zu bewältigen. Hartmut Rosa,
»Resonanz« – belegt, dass Resonanzfähigkeit (Offenheit für das Unerwartete)
höhere Krisen- und Realitätskompetenz erzeugt als rein funktionales
Rollenhandeln. Victor Turner, »The Ritual Process« beschreibt Liminalität: wer
von einer festen Rolle in eine Fremdzone tritt, erfährt Auflösung der alten
Ordnung und kann neue Gemeinschaft (»Communitas«) stiften – vorausgesetzt,
beide Pole (Mut & Schönheit) werden integriert.
Wir alle kennen die Ungerechtigkeit der Bürokratie, die unfähig ist, individuelle
Leistung, Schuld oder Freiheit differenziert zu betrachten. Ungleichheit und
Gleichheit kann man nicht von außen, nur auf einer Ebene beurteilen. Alles hängt
mit allem zusammen. Wir sind miteinander verbunden, können nur gemeinsam
die großen Fragen des Lebens lösen.
Die Fixpunkte, also unsere inneren Motive, sind vom sie umgebenden Raum nicht
getrennt, sie sind nur durch ihre Bewegung im jeweiligen Moment

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herausdifferenziert. Jedoch sind sie, weil Sie eben Bewegung darstellen, wie
Abschnitte von Wellen, die sich aus den inneren Kräfteverteilungen ergeben.
Sie unterliegen einer Struktur, die ich mit diesem Buch zu erforschen begann. Sie
sind nicht zufällige Anordnungen von Wünschen und Sehnsüchten, sondern
gehören zu größeren Prinzipien der Natur und Evolution.

                   Die Rolle der Angst im Schöpfungsprozess

Schauen wir uns nun eine wesentliche Dynamik bei der Entstehung von
Fixpunkten und deren Integration in Systeme genauer an. Wenn wir die
menschliche Evolution, und vor allem die Evolution von Gesellschaften
betrachten, wird erkennbar, dass Liebe und Angst als wesentliche Impulse des
Menschen, diese stets in einen Kampf um die Freiheit verstrickten und es immer
noch tun. Während die Liebe oftmals den erwünschten Fixpunkt fühlbar,
erfahrbar macht, verkörpert die Angst mehr die ungeliebte Wahrheit (Erkenntnis,
Fixpunkt), die innere Struktur, die wir nicht sehen möchten. Während die Liebe
stets zu den Stärken der neuen Fixpunkte führt, die integriert werden wollen, lässt
die Angst den Menschen in Regression verfallen und somit strukturell schwach
werden. So bleiben wir den inneren Realitäten des Moments stets fern.
       Humberto Maturana & Francisco Varela, »The Tree of Knowledge« →
zeigen, dass Liebe als ursprünglicher »Erhalt des Anderen im Sein« die ko-
evolutionäre Basis sozialer Systeme bilden, während Angst defensive
Strukturbildungen erzwingt. Antonio Damasio, »The Feeling of What Happens«
→ belegt neurowissenschaftlich, dass positive Affekte (Nähe/Liebe) das
Bewusstsein erweitern und neue »proto-Selbst«-Karten (Fixpunkte) einzeichnen,
während Furcht-Netzwerke die Reflex-Abwehr aktiviert. Stephen Porges, »The
Polyvagal Theory« → erklärt, dass das autonome Nervensystem zwischen
sozialem Bindungsmodus (love/safety) und Kampf-/Fluchtmodus (fear)
umschaltet; dieser Switch bestimmt, welche inneren Wahrheiten zugänglich oder
abgewehrt werden. John Bowlby, »Attachment and Loss« → zeigt, dass sichere
Bindung (Liebe) exploratives Lernen fördert, unsichere Bindung (Angst)
hingegen zu fixierten Abwehrstrukturen führt; so entstehen unterschiedliche
Entwicklungs-Fixpunkte. Erich Fromm, »Die Kunst des Liebens« →
argumentiert, dass Lieben eine aktive Kraft der Integration und Freiheit ist,
während Angst zur Flucht in Konformismus und Autoritarismus zwingt – zentrale
Dynamik gesellschaftlicher Evolution. Sheldon Solomon, Jeff Greenberg & Tom
Pyszczynski, »The Worm at the Core« (Terror-Management-Theorie) → zeigen
empirisch, dass Angst vor Vergänglichkeit kulturelle Abwehrmechanismen

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produziert, während Liebe/Verbundenheit Offenheit für andere Weltbilder
ermöglicht.
Weil die Natur sich in Zyklen wiederholt, immer wieder dieselben grundlegenden
Werte in uns wirken, neigen wir manchmal dazu, diese in ihrer aktuellen
Erscheinung als die negativen Erfahrungen, die sie mal waren, oder als die
Künftigen, die wir uns erhoffen, misszuverstehen. Wenn Sie beispielsweise
einmal von der Liebe enttäuscht wurden, glauben Sie, immer von der Liebe
enttäuscht zu werden. Sie verwechseln den Fixpunkt Liebe mit den äußeren
Bedingungen früherer Augenblicke. Wenn also das nächste Mal der Fixpunkt
Liebe in ihrem Leben die Bühne betritt, meldet sich sofort die Angst. Das ist die
Wurzel der Voreingenommenheit und zugleich die Dynamik vieler sozialer
Probleme in Gesellschaften. Wenn Gesellschaften sich innerlich nicht mehr der
Wandlung gegenüber öffnen, entstehen Parallelwelten, die sich über Spaltung und
Missverstehen definieren und die Entwicklung einzelner Menschen blockieren.
Wenn das Gegenüber immer nur im Äußeren wahrgenommen wird, entsteht
beispielsweise schnell Rassismus, also die grundlegende Angst vor Menschen
einer bestimmten Gruppe. Man sieht die innere Wandlung derer nicht, die von zu
Hause fortgegangen sind, um etwas Neues zu erfahren und verteilt Stempel, die
sie dazu zwingen, sich mit dem Alten wieder zu verbrüdern. So ist es mit dem
Islam in Europa viele Male passiert. Innere Fixpunkte sind universell und kehren
immer wieder zurück. Die Suche nach absoluten, spirituellen, emotionalen oder
idealistischen Antworten auf Fragen des Lebens, hört nicht einfach auf, weil es
zu bestimmten Zeiten glückliche oder weniger glückliche Umsetzungen davon
gab. Wie Sozialismus, Faschismus, Gottesstaaten, Rationalismus oder die
Antiatomkraftbewegung. Sondern die darin tief verschütteten Fixpunkte kehren
immer wieder, weil sie für uns wichtig sind, weil wir uns ohne diese Fixpunkte
nicht weiterentwickeln und Teile unseres Selbst zum Leidwesen vieler Menschen
verdrängen. Dies ist die Folge, wenn politische, ökonomische und religiöse
Strukturen sich zu sehr an Äußerlichkeiten orientieren und ihre Werte zu Rahmen
werden, statt einfach nur dynamische Kräfte zu bleiben. Fortschritt ist immer ein
Prozess der Integration. Wenn eine Gesellschaft Dinge ablehnt, ohne den
dahinterstehenden Wert zu betrachten und zu integrieren, kommt sie nicht weiter.
Sie verliert Struktur und Bewusstsein.
Diese Worte schrieb ich angesichts der Folgen den 11.September 2001. Heute ist
es schwer nachzuvollziehen, wie die Stimmung damals war. Wie groß die
Sehnsucht nach innerer Freiheit und Authentizität, angesichts des Aufstiegs
populistischer Politik und offenen Hasses gegen Fremde. Für Menschen, die nach
diesem Tag geboren wurden, ist es vielleicht schwer zu verstehen, wie anders die
Welt davor war. Zumindest im Westen, in Europa und den USA lebte man in einer

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Zeit, in der es ewig aufwärts gehen sollte. Man dachte die Zeit der großen Krisen
wäre vorbei und es würde keine großen Konflikte mehr geben. Die Welt schien
auf dem Weg zu einer globalen Menschheit zu sein, die in Frieden und
Gemeinschaft leben könnte. Heute haben wir Donald Trump im Weißen Haus. Es
ist seine zweite Amtszeit. Jeder Tag ist von neuen Lügen und mehr Hass geprägt.
Welche Gesellschaft aber ist in der Lage ihre Probleme darin zu sehen, dass sie
das Innere nicht mehr wahrnimmt? Dass sie nicht mehr über den Fake hinweg ins
authentische Innenleben ihrer selbst blicken kann?
Zeige mir Deine Ängste, und ich zeige Dir Deine Vergangenheit und Deine
Zukunft! Deine Gegenwart aber ist darin nicht zu erkennen. Die Evolution ist in
gewissem Sinne die Geschichte des Kampfes zwischen Vergangenheit und
Zukunft um das Deutungsmonopol des Hier und Jetzt. Immer wieder rangen neue
Strömungen mit alten Ängsten wurden zu neuen Stärken und neuen Ängsten. Und
doch wurde der Mensch immer differenzierter und sicherer in seiner
Lebensführung. Die Fixpunkte entfalten sich entlang zweier wesentlicher
Prinzipien, die ich als die zwei Sätze der Erweiterung des Individuums und seiner
Gesellschaft beschreiben möchte. Wenn jene Kraft, die diesen zwei Sätzen am
stärksten entspricht, verwirklicht wird, kann eine Gesellschaft, eine Firma, ein
Mensch den nächsten Fixpunkt finden.
1. Die Kraft nimmt zu mit der Authentizität der inneren Entfaltung einer
Bevölkerung.
2. Die Angst nimmt ab mit der Zunahme an Integration in einer Gesellschaft.
(Abb.3)

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Beide Punkte werden auch in der repräsentativen Demokratie nur sehr reduziert
umgesetzt, und schon gar nicht in einem Prozess ständigen Wandels. Statt Punkt
1 verwirklichen die meisten Regierungen entfremdete Konzepte, die sich gegen
Vielfalt und unmittelbare Lebenswirklichkeiten wenden. Statt Punkt 2 basiert die
Ordnung von Nationalstaaten häufig auf Spaltung. Es wird pausenlos gewertet
und ausgeschlossen.
      Unter Integration verstehe ich das Einbinden von immer mehr Fixpunkten
des Augenblicks, was eine Gesellschaft immer vielfältiger und ganzheitlich
macht. Dadurch wächst die Akzeptanz der Bedeutung aller Lebensformen für das
Ganze. Dualistische Rahmen des Äußeren, wie Gut und Böse, nehmen ab.
Wenn diese zwei Prinzipien verwirklicht werden, finden sich die Lösungen von
selbst. Wir verstehen dann, was gewollt ist. Wir verstehen das »Warum« in
unserer Existenz. Diese zwei Sätze zeigen auch die Richtung in die moderne
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Demokratie verbessert werden kann. Ganz wesentlich bei der Beurteilung einer
Entscheidung ist aber immer folgende Überlegung.
Die Hierarchie sollte stets in der inneren Kraft einer Sache gefunden werden,
nicht in der Angst. Vorrang hat also, was starke innere Kraft (nicht äußere)
ausstrahlt, und zugleich Angst nimmt.

## Zusammenfassend

Die Evolution ist das ständige Streben nach innerer Freiheit. Weil dadurch
Komplexität, also weitere Entfaltung der Singularität möglich wird. Eine freie
Gesellschaft ist nur denkbar, wenn der Mensch zu einer natürlichen Ordnung des
Inneren findet. Wird diese zum Ausdruck gebracht, entfaltet eine Gesellschaft
große Klarheit und Vitalität. Dafür aber ist es erforderlich die Gesellschaft so
umzubauen, dass sie äußere Strukturen bildet, die sich in einem Gleichgeweicht
zwischen äußerer Ordnung und innerer Dynamik entfalten. Die
Existenzgrundlage von Gesellschaften sollte also mehr auf innerer Bewegtheit,
statt auf äußerer Normierung beruhen, um eine wahrhaft freie Gesellschaft aus
heutiger Sicht zu ermöglichen. Zumindest geht es um ein gesundes
Gleichgewicht. Weder Kapitalismus noch Demokratie bilden in ihren heutigen
Formen ausreichend Dynamik. Das Problem des Kapitalismus ist die starke
Ausrichtung auf rein materielle Werte, auf Objekte und Produkte, sowie auf die
Arbeit als objektiviertes Produkt. In den demokratischen Systemen ist die
Partizipation noch immer zu schwach ausgebildet und viel zu stark in Ritualen
und institutionellen Formen verankert, als lebten wir noch in Gesellschaften des
19. Jahrhunderts, ohne Globalisierung in heutiger Form und ohne soziale Medien.
Stuart Kauffman, »At Home in the Universe« zeigt, dass Selbstorganisation und
steigende Komplexität nur in Systemen entstehen, die zugleich strukturiert und
dynamisch offen bleiben – innere Freiheit ist Evolutionsmotor. Ilya Prigogine,
»Order out of Chaos« → erklärt, dass dissipative Strukturen (offene Systeme
fernab des Gleichgewichts) ihre Vitalität aus innerer Bewegtheit schöpfen; zu viel
äußere Normierung erstickt Evolution. Amartya Sen, »Development as Freedom«
→ belegt, dass gesellschaftlicher Fortschritt auf der Entfaltung individueller
Freiheits-Kapazitäten basiert, nicht auf top-down Normierung; wahres Wachstum
ist »inner freedom first«. Abraham Maslow, »Toward a Psychology of Being« →
sagt, dass Selbstaktualisierung = höhere Komplexität des Selbst; Gesellschaften,
die innere Ordnung fördern, werden kreativer und stabiler. Peter Senge, »The
Fifth Discipline« → zeigt, dass lernende Organisationen ein Gleichgewicht
zwischen klarer Struktur (äußere Ordnung) und kontinuierlicher innerer
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Erneuerung halten müssen, um vital zu bleiben. Karl Popper, »The Open Society
and Its Enemies« → argumentiert, dass nur offene, evolutionsfähige
Gesellschaften dauerhafte Freiheit sichern; feste Dogmen blockieren
Komplexitätsentfaltung. Niklas Luhmann, »Soziale Systeme« → beschreibt
Gesellschaft als autopoietisches System, das Ordnung durch rekursive innere
Dynamik erzeugt; äußere Steuerung allein kann diese Komplexität nicht leisten.
Edgar Morin, »La Méthode 3: La Connaissance de la Connaissance« → betont,
dass Komplexitätsdenken eine Balance von Struktur und Bewegtheit verlangt;
ohne innere Selbstorganisation kippt ein System in Starrheit.
Außerdem muss die Liebe zu Etwas stärker gewichtet sein als die Angst vor
Strafe. Die meisten modernen Gesellschaften sind aber nach wie vor auf Angst
begründet und verwirklichen darum nur äußere scheinbare Freiheit. Von innerer
Freiheit aber ist auch in modernen Demokratien noch immer zu wenig zu finden.
Alle Konflikte, von der Globalisierung bis zum Zerfall der Kulturen, kreisen um
den Mangel an innerer Autonomie und Partizipation des Menschen.
In meinen späteren Büchern »Die Physik der Armen«, »Radical Worker« und
»Speeds Arbeit« habe ich diese Grundprinzipien jeweils für andere Bereich
vertieft und weiter ausgeführt. All diese Überlegungen aber nahmen mit
»Gesellschaft ohne Vertrauen« ihren Anfang.

## Dissoziation und Differenzierung

Wandlung als wissenschaftlich fundierter Prozess, als kulturell getragenes
Wissen, ist in den meisten Gesellschaften immer noch ein großes Tabu. Man lässt
häufig weder freie Prozesse laufen, noch werden diese intelligent begleitet. Mit
Zunahme an äußerem Aktionismus der Politik oder des Managements gehen
immer mehr die wesentlichen Dinge einer Gesellschaft verloren. Sie werden
durch ritualisierte Formate ersetzt. Die Bevölkerung spürt dies, findet aber nicht
zu sich selbst. Es weiß nicht mehr, was es will. Zu lange wurde es vom Inneren
getrennt, sprich hat verlernt, oder nie erlernt, wie Wandel geht. Diese Zeit ist
wesentlich davon geprägt, dass Träume und innere Kreativität fehlen. Die
Menschen trauen sich nichts mehr zu. Sie finden nicht zu ihrem inneren
Rhythmus. Kurt Lewin, »Frontiers in Group Dynamics« erklärt, dass echter
Wandel nur gelingt, wenn das soziale Feld auftaut, sich neu strukturiert und
wieder stabilisiert; ohne innere Unfreezing-Phase bleiben Systeme in
oberflächlichem Aktionismus stecken. William Bridges, »Transitions« zeigt, dass
Organisationen und Gesellschaften äußere Veränderungen scheitern lassen, wenn
sie den psychologischen Übergang (Loslassen, Leere, Neubeginn) tabuisieren.
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Otto Scharmer, »Theory U« – argumentiert, dass Transformationsprozesse eine
kollektive Innenschau (»Presencing«) erfordern; ohne Kontakt zur inneren Quelle
verlieren Akteure Klarheit und Kreativität. Edgar H. Schein, »Organizational
Culture and Leadership« belegt, dass kultureller Wandel misslingt, wenn Führung
nur Strukturen manipuliert und nicht die tiefliegenden gemeinsamen
Grundannahmen adressiert. Jack Mezirow, »Transformative Learning in
Practice« illustriert, dass Menschen erst durch kritische Selbstreflexion ihrer
Deutungsmuster zu handlungsfähiger Autonomie finden; wird dies unterdrückt,
entsteht Orientierungslosigkeit. Hartmut Rosa, »Beschleunigung und
Entfremdung« legt empirisch dar, dass politischer und ökonomischer Aktivismus
ohne Resonanzbeziehungen zu inneren Bedürfnissen in kollektive Sinnleere und
Ohnmacht führt. Teresa Amabile, »Creativity in Context« weist nach, dass
kreative    Motivation      verkümmert,     wenn    externe     Kontroll-   und
Bewertungsfaktoren dominieren und Innerlichkeit keinen Raum erhält. Erich
Fromm, »Die Furcht vor der Freiheit« erklärt, dass Gesellschaften, die Menschen
von ihrer Innenwelt abtrennen, zu Konformismus und Passivität neigen; wahre
Selbst- und Gesellschaftsentfaltung benötigt inneren Mut. Victor Turner, »The
Ritual Process« zeigt anthropologisch, dass gemeinschaftliche Krisenrituale
Liminalräume eröffnen, in denen Individuen neue Identitäten und kollektive
Visionen finden; fehlt dieser Rahmen, bleibt Wandel tabuisiert.
Weil der Rahmen immer weniger passt, wachst die Orientierungslosigkeit, weil
zunächst ein Vakuum hinterlassen wird, in dem der Augenblick keine neue
Struktur erkennbar werden lasst. Diese entsteht in komplexen Welten im
Hintergrund und wird zunächst kaum bemerkt. Der Zerfall schleicht durch die
Hintertür einer fragmentierten Gesellschaft und wird höchstens als Kulturzerfall
beschrieben, aber stets dem Fortschritt untergeordnet, ohne zu erkennen, dass der
aktuelle Fortschrittsrahmen das ist, was gerade zerfallt.
Die meisten Rahmen bemerken ihren eigenen Tod nicht. Ihre Vertreter neigen
dazu zu klammern, was das Vakuum und die Orientierungslosigkeit, natürlich
auch die Angst im Hintergrund zunehmen lässt. Umso vielschichtiger eine
Gesellschaft ist, umso länger dauert es, bis eine breite Masse den Zerfall bemerkt.
       Der Untergang des Sozialismus war ein langsamer Prozess, der lange Zeit
vielen Menschen nicht bewusstwurde. Der Untergang des Kapitalismus hingegen
dauert noch wesentlich länger. Weil wir heute durch unsere Medien wesentlich
mehr nach außen orientiert sind. Wir bemerken zwar, dass dieser Rahmen nicht
mehr passt, aber wir können nicht sagen warum. Denn in einer solchen
Individualkultur und einer solchen Globalkultur, die an sich sowieso wenig
strukturelle Scharfe aufweist, ist der Zusammenhang sehr schwammig. Darum
haben wir heute viele Protestbewegungen, aber wenige alternative Ideen über das

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Zusammenleben. Diese lassen eine gewisse Zeit auf sich warten oder werden von
den inneren Ängsten der Protestbewegungen sogar unterdrückt. Denn es ist
einfacher gegen etwas zu sein, was offensichtlich ein Problem ist, als für etwas zu
sein, von dem man noch nicht weiß, ob es der richtige Weg ist.
Tatsachlich machen wir in solchen Phasen viele Fehler, was auch der eigentliche
Sinn ist. Denn die neuen Fixpunkte entstehen nur, wenn wir uns ein Stück weit
dem Chaos hingeben und die Ängste integrieren. Wenn wir so lange warten, bis
wir ein fertiges Ergebnis anbieten können, werden wir sehr lange leiden müssen
und meist von gewaltsamen Revolutionen überholt. Doch in diesem Prozess des
Überganges von der Dissoziation zur neuen Differenzierung liegt der Ursprung
der neuen Fixpunkte. Was ich nun beschreiben mochte, ist ein grundlegender
Prozess, der als Phase der Wandlung beschrieben werden konnte.
Diese Phase könnte irgendwann ständiger Bestandteil einer neuen Gesellschaft
sein, der aber, weil nicht mehr verdrängt, viel weniger Schaden anrichtet als in
der Vergangenheit, als wir überwiegend von statischen Gesellschaftsformen
bestimmt waren. Wenn wir das Wesen der Veränderung kennen, kann die
Gesellschaft diese für sich nutzen, statt sie zu bekämpfen. Das ist das Ziel der hier
vorgestellten Gesellschaftsordnung der Fixpunkte.
Das nachste Bild (Abb. 5) zeigt die zwei Phasen Dissoziation und Differenzierung
und beschreibt, wie der Mensch mit dieser Welle der Wandlung, die von der
Quelle ausgeht, heute in der Regel umgeht und wie er später damit umzugehen
lernt.
(Abb. 5: )

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In Zeiten der Dissoziation geht Struktur verloren und Gesellschaften beginnen zu
zerfallen. Die Probleme mit Rahmendenken werden immer starker. Denken Sie
an das alte römische Reich beispielsweise, das mit Zunahme der
Globalisierungstendenz immer mehr an Zusammenhalt und Struktur verlor, und
schließlich zerfiel. Zeiten der Dissoziation sind Zeiten, in denen Kultur, Kunst,
Spiritualität weitgehend aus Gesellschaften verdrängt werden und stattdessen
Ökonomie, Krieg und Realismus hervortreten. Diese versuchen dann krampfhaft
den konservativen Rahmen aufrecht zu erhalten. Aus diesem zunehmenden Chaos
erwächst aber schließlich eine neue Differenzierung aus dem Nichts heraus. Es
wird also innerhalb dessen, was außerhalb des alten Rahmens liegt, ein neuer Wert
erkennbar. Dieser wird in dem Moment so scharf erkannt, wie später kaum noch,
wenn er selbst zu einem Rahmen wird.
Diese zwei Phasen, Dissoziation und Differenzierung, beschreiben immer
bestimmte Abschnitte in der Geschichte der Menschheit in denen unterschiedliche
Gesellschaftsmodelle entstanden. Hochkulturen, die überwiegend in
differenzierten Zeiten wuchsen, basieren alle auf ganzheitlichen Weltbildern,
während in Zeiten des Zerfalls meist eine zusammenhangslose Welt aus
chaotischen Machtblöcken, aus einzelnen Glaubensströmungen, oder aus der
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Dominanz einzelner Gesellschaftsbereiche heraus entstand. Oswald Spengler,
»Der Untergang des Abendlandes« zeigt, dass Hochkulturen ganzheitliche
»kulturelle Seelen« besitzen, die in der Spätphase zerfallen, sobald einzelne
Funktions-Bereiche (Technik, Ökonomie) das Ganze dominieren. Pitirim
Sorokin, »Social and Cultural Dynamics«              unterscheidet »Ideational«
Hochphasen (ganzheitlich-transzendent) und »Sensate« Zerfallsphasen
(fragmentiert, materialistisch) – zyklischer Wechsel zwischen Fülle und
Dissoziation. Hochkulturen sind wesentlich von Ganzheitlichkeit und Fülle
geprägt. In diesen Zeiten gab es beispielsweise immer ein Leben nach dem Tod
und die Welt war voller übergeordnetem Sinn und das Nichts existierte nicht.
Arnold J. Toynbee, »A Study of History« → beschreibt das Aufkommen von
Zivilisationen als Antwort auf ein kreatives »Challenge-and-Response«; scheitern
sie daran, verengen sie sich zu dominanzgetriebenen Machtblöcken. In
dissoziierten Phasen gewann stets ein einzelner Gesellschaftsbereich die
Oberhand und unterdrückte alle anderen Bereiche. Jean Gebser, »Ursprung und
Gegenwart« → skizziert Bewusstseins-Epochen; die integrale Phase ist
ganzheitlich, während die mental-rationale Spätmoderne in »defizitäres«
Rahmendenken zerfällt. Die Rahmen wurden zu dominant. Entweder alles wurde
beherrscht von einem Diktator und Militärmachthaber oder alles drehte sich nur
um Ökonomie oder um Religion. Sie sehen schon, dass die Moderne demnach
keine Phase der Entstehung einer neuen Hochkultur aus einem wichtigen
Fixpunkt heraus ist, sondern eine Phase der Dissoziation, also der Blockade durch
Rahmendenken. Es ist eine Phase des Zerfalls von klarer Struktur in der
auslaufenden Welle. Ilya Prigogine & Isabelle Stengers, »Order out of Chaos« →
erklärt, dass Systeme in Phasen hoher Struktur-Dichte instabil werden und in
»dissipative« Zerfallszustände kippen, bevor neue Ganzheiten entstehen. In der
Tat weist die Moderne keine ganzheitliche Struktur mehr auf. Der moderne
Mensch ist, wie zuvor besprochen, dissoziiert, was bedeutet, dass seine
Gestaltung in den leeren Raum hinein passiert. Es gilt nur noch das eigene
Paradigma, also nur die eine Perspektive, die sich nicht selbst als Aspekt des
Ganzen begreift. Der Kern ist verschüttet. Gregory Bateson, »Steps to an Ecology
of Mind« → führt das Konzept der Schismogenese ein: wenn ein Teil-System
(Militär, Religion, Ökonomie) die Regelungshoheit gewinnt, zerbricht die
Gesamtökologie. Immanuel Wallerstein, »World-Systems Analysis« →
beschreibt, wie kapitalistische Weltsystem-Zyklen Perioden hegemonialer
Monokultur erzeugen, die anschließend in fragmentierte, konkurrierende
Machtkerne zerfallen. Dissoziierte Gesellschaften in Zeiten höchster
Rahmendichte gestalten ihre Welt auf Grund ihrer abstrakten Geschichte, nicht
aber auf Grund einer umfassenden Wahrnehmung des Hier und Jetzt, in einem in
sich geschlossenen System, in dem alles im Kontext zueinandersteht. Joseph

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Tainter, »The Collapse of Complex Societies« → zeigt, dass
Komplexitätssteigerung ohne integratives Sinn-Narrativ Kosten explodieren lässt
und Systeme in Zerfall (Dissoziation) treiben.
Das folgende Bild (Abb. 6) zeigt, wie diese zwei Phasen sich beim Wandel eines
Paradigmas auswirken und wie fließendes Denken zu einem intelligenteren
Management solcher Übergange führen kann. Wenn bereits auf Stufe 2 damit
begonnen wird die neuen Werte zu integrieren und den alten Rahmen gehen zu
lassen, kann man Stufe 3, also Krieg, sowie die nachfolgenden Konflikte, die aus
4 und 5a resultieren, verhindern, oder zumindest abschwächen. Weil man dann
eher zu 5b kommt, also zu einer integralen Gesellschaft. Das wäre das Ergebnis
von fließendem Denken, spätestens ab Stufe 2 also ab einem Zeitpunkt, ab dem
die Rahmen immer größer und dominanter werden und deren Zerfall beginnt.
Abb 6

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So ist zwar das moderne Deutschland gestalterisch durch seine von Angst
geprägter Überregulierung viel eingeschränkter als beispielsweise das archaische
Ägypten, aber natürlich war das archaische Ägypten bei weitem barbarischer. Die
Dissoziation hat auch einen Sinn. Sie führt dazu, dass die Welt immer vielfältigere
Formen annimmt. Der Streit definiert uns auch, und schafft Neues aus dem Chaos.
Allerdings kann man eben nicht immer nur im Chaos leben, ohne den Sinn des
Ganzen zu negieren und aufzuheben. Die Evolution entfaltet eine immer höhere
Komplexität und fordert darum jede ganzheitliche Harmonie, sei sie noch so
simpel oder noch so vielfaltig, durch die Bedingungen des Augenblicks neu
heraus. Es ist eine ständige Neuorientierung und ein zyklisches Kreisen um die
immer gleichen Fragen der Existenz.
Das folgende Bild (Abb. 7) zeigt, wie das Raster immer feiner wird und wir somit
immer deutlicher die Kräfte differenzieren können, die sich in jedem Einzelnen
entfalten wollen. Denn wie zuvor beschrieben, reichen alle Fixpunkte auf einen
gemeinsamen Ursprung, auf eine gemeinsame Bewegungswelle zurück, die über
viele Ebenen hinweg gebrochen wird, bis das Bild vom Ganzen vollkommen
verschwimmt und die Rahmen sehr groß und grob werden. Doch mit fortschreiten
der Evolution entsteht immer mehr Gleichgewicht und Bewusstsein, obwohl es
immer Dissoziation geben wird. So grausam die Dissoziation auch sein mag. Sie
zerteilt uns, um uns später in einen noch komplexeren Kontext zusammenfügen
zu können.
Abb7

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Wären all die Opfer nicht von der Evolution erbracht worden, würden wir heute
noch in einer Welt leben, in der es nur richtig oder falsch, Gut oder Böse gäbe. Es
würde somit noch viel mehr Ungerechtigkeit herrschen. Frauen, die vor der Ehe
schwanger werden, würde man erschlagen, weil das Böse in dieser Vorstellung
kein Recht auf Leben hat.
Die große Kunst im Umgang mit Dissoziation und Differenzierung liegt darin, die
Zeitspanne zwischen den Beiden zu verkürzen. Somit werden sie bewusst
gestaltet und Gesellschaften können mehr direkten Nutzen als Schaden daraus
ziehen. Die innere Führung durch die immer bewusster werdende Quelle wird
umso stabiler, umso besser wir mit diesen beiden Phasen umgehen können. Wenn

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die Dissoziation zu lange dauert, wird die Differenzierung immer schwächer
ausfallen. Denn sie verlieren zu viel Energie.
Es geht mir darum, dass Sie verstehen, dass Wandel natürlich ist und es für
Gesellschaften vorteilhafter ist den inneren Wandel bewusst zu gestalten, statt von
diesem überrollt zu werden, in Form von gewaltsamen Rebellionen,
Wirtschaftskrisen oder Terrorismus.
Aktuelle Transformationsforschung – von adaptive governance in der
Klimasoziologie über conflict transformation in den Peace Studies bis hin zur
neurobiologisch unterfütterten resonance theory – zeigt verblüffende
Konvergenz: Übergangs- und Krisenphasen lassen sich stabilisieren, wenn
Gesellschaften den »leeren Raum« zwischen alter und neuer Ordnung bewusst
choreografieren. Erfolgreiche Beispiele – Truth-and-Reconciliation-Prozesse in
Südafrika, deliberative Bürger:innenräte in Irland oder die partizipativen
Verfassungsforen in Chile – folgen alle demselben Muster: 1. Frühzeitige
Anerkennung der Dissoziation (Benennung der Angst, Offenlegung der
Machtasymmetrien), 2. sichere liminale Gefäße schaffen, in denen divergierende
Werte als gleich legitime Perspektiven auftreten dürfen, 3. Koproduktive Formate
(iterative Bürgerdialoge, multimodale Medienkunst, systemisches Stakeholder-
Coaching), die einen raschen Übergang in eine neue Differenzierungsphase
ermöglichen. Neuere neuroaffektive Studien belegen, dass kollektive Lernzyklen
umso energieeffizienter verlaufen, je schneller Menschen in diesen Gefäßen eine
Resonanz zwischen emotionaler Selbstregulation und gemeinschaftlicher
Sinngebung finden – was exakt die »Verkürzung der Spanne« bedeutet, von der
ich spreche. Kurzum: Wenn wir Dissoziation nicht verteufeln, sondern als
notwendigen Nullpunkt gestalten, kann Differenzierung als kreative Fülle
zurückkehren, bevor Angst und Erschöpfung die Systeme entleiben. Das ist kein
Soft-Skill-Gerede, sondern polit-ökonomischer Realismus: Jede Milliarde, die
wir in intelligente Übergangsarchitekturen investieren, spart ein Vielfaches an
Repressions-, Wiederaufbau- und Traumafolgekosten.

Im Wechsel von Dissoziation und Differenzierung, also von Form und Krise,
erkennen wir, warum Gesellschaftsordnung stets mit dem Zerfall der äußeren
Machtblöcke in immer feinere Formen der Selbstbestimmung der Bevölkerung
verbunden ist. Es ist das Ziel der Evolution, innere Freiheit zu verwirklichen, weil
darin die optimale Nutzung jeder einzelnen Kraft für das Ganze liegt.

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Umso unabhängiger die Zivilgesellschaft von äußerer Regulierung wird, umso
stabiler wird sie. Freiheit ist nicht nur die Grundlage von Frieden, sondern auch
von Stärke und Integrität. Die Suche nach der Freiheit hört aber, wie inzwischen
häufig betont, nie auf, weil ansonsten die Evolution aufhören würde.

Kernstrategien des fließenden Denkens in Kunst, Wissenschaft und Spiritualität

Ich möchte hier kurz erwähnen, warum ich in diesem Buch neben Kunst und
Wissenschaft auch Spiritualität als wichtigen Aspekt von Transformation
integriere. Denn ein zentrales Element darin ist der »Glaube«. Damit meine ich
nicht die dogmatische Seite davon, sondern den offenen, den empfangenden
Aspekt. Ich meine also eine Haltung gegenüber einer Lücke, einer Offenheit, die
Ambiguität zulässt, sowie humane Varianten davon, wie Hoffnung oder
Solidarität. Das sind zentrale Bausteine einer jeden Gesellschaft. Damit sind nicht
unbedingt die Kirchen gemeint, sondern das Prinzip des Glaubens selbst. In
diesem Buch untersuche ich auch die Frage, ob nicht erst das Zusammenspiel aus
Kunst (indimergente, enaktive Aktion), Wissenschaft (Erweiterung der
Komplexität und Emergenz) und Spiritualität (offenen, undefiniert submergenten
Raum) fundamentale Transformationsprozesse ermöglicht. Eine Wissenschaft,
die nur auf Objekte setzt, kann die Erfahrung von Existenz eben nicht
befriedigend beschreiben.
       William James, »The Varieties of Religious Experience« → zeigt, dass
glaubensbasierte Offenheit (»faith-state«) eine psychologische Ressource für
radikale Selbsterneuerung ist, jenseits dogmatischer Religion. Viktor E. Frankl,
»Man’s Search for Meaning« → belegt, dass Sinn- und Hoffnungsperspektiven
(noetische Dimension) Resilienz und gesellschaftliche Rekonstruktion in
Extremsituationen ermöglichen. David Bohm, »Wholeness and the Implicate
Order« → erklärt, dass kreative Transformation ein Feld braucht, in dem
Wissenschaft, Kunst und kontemplative Offenheit ein »undefiniertes Zwischen«
teilen. John Dewey, »Art as Experience« → argumentiert, dass ästhetische
Erfahrung eine Schwellenpraxis ist, in der Erkenntnis, Gefühl und transrationale
Offenheit verschmelzen – Grundlage sozialer Erneuerung. Otto Scharmer,
»Theory U« → zeigt praxisnah, dass systemische Wandelprozesse nur gelingen,
wenn Akteur:innen eine Haltung des »Presencing« (empfangende Leere,
spirituelle Aufmerksamkeit) kultivieren. Hartmut Rosa, »Resonanz« → belegt
soziologisch, dass Transformationsfähigkeit von Gesellschaften an resonante
Weltbeziehung geknüpft ist; diese erfordert offene, nicht-instrumentelle Haltung
(Glaube als Grundvertrauen). Andrew Newberg & Eugene d’Aquili, »Why God
Won’t Go Away« → zeigt neurophysiologisch, dass spirituelle Praktiken
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neuronale Netzwerke aktivieren, die Ambiguitätstoleranz und Kreativität steigern
– Ressourcen für kulturelle Innovation.
Fließendes Denken ist in meiner Arbeit die bewusste Fähigkeit, den eigenen
Wahrnehmungs- und Bedeutungsstrom ununterbrochen mit dem jeweils
lebendigen Augenblick zu koppeln – ohne sich an vorgefertigte Kategorien,
Rollen oder Fixpunkt-Identitäten festzuklammern. Es ist ein bewegliches
Bewusstsein: Es gleitet von der innersubjektiven Erfahrung (Gefühl, Intuition,
Körper-Resonanz) zur äußeren Struktur (Sprache, Konzept, Handlung) und
wieder zurück, wie ein Atem- oder Faltvorgang. Fließendes Denken integriert
widerstreitende Impulse, statt sie binär abzutrennen; lässt Ambiguität zu, weil es
in jedem Moment neu prüft, welche Bedeutung sich aus der Situation emergiert;
verankert sich an wechselnden Fixpunkten, verweilt dort gerade so lange, bis der
nächste Wahrheits- oder Handlungsimpuls auftaucht; erlaubt kreative Selbst- und
Systemtransformation, weil es starre Rahmen durchlässig macht.
Damit ist fließendes Denken das mentale Pendant zum Minimal Necessary
Ontology: eine dynamische, selbst-reflexive Bewegung, die Komplexität erhöht,
indem sie fortwährend zwischen innerer Singularität und äußerer Vielheit pendelt
– ohne den Fluss abzuschneiden.
Um fließendes Denken in Gesellschaften zu etablieren, entwickelte die Evolution
drei wesentliche Strategien, die dazu dienen sollten, den Menschen immer wieder
auf die Suche nach einem neuen Paradigma zu schicken. Doch die Tücke dieser
drei Strategien liegt darin, dass sie in der Geschichte der Menschheit auch mit
jenen Phasen zu kämpfen hatten, in denen Sie von den Menschen selbst als
Rahmen betrachtet wurden. Sie sind aber nur Werkzeuge der Evolution, deren
Sinn es ist, beweglich zu sein.
Wenn die Kunst zum Rahmen wurde, dann passierte Zensur und die Kultur wurde
nur so oder so akzeptiert. Dadurch wurde sie daran gehindert, neue Paradigmen
zu finden. Wenn die Spiritualität zum Rahmen wurde, entstanden Religionen, in
denen das Wort, wie in der Bibel oder im Koran, wichtiger wurde als das
Bewusstsein über den höheren Sinn in jedem Augenblick oder jedem einzelnen
Menschen. Wenn die Wissenschaft zum Rahmen wurde, erstarrte Sie in
verbohrtem Traditionalismus und Rationalismus und behinderte sich selbst auf
der Suche nach Wahrheit in der jeweiligen Welt.
Die Essenz dieser drei Strategien ist meiner Ansicht nach in ihrer fortwährenden
Suche nach einem tieferen Sinn allen Lebens zu finden. Denn sie sind für
Gesellschaften die drei wesentlichsten Strategien, um neue Paradigmen zu finden
und somit ins Innere vorzudringen.

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Leider haben wir Wissenschaften, die zu oft in Rahmen denken, Religionen, die
immer wieder das Hier und Jetzt verdrängen und Kunsteliten, die sich manchmal
selbst aus den Lebenswirklichkeiten und Grundkonflikten ihrer Gesellschaften
weitgehend entfernt haben. Es gibt tausende Ausnahmen. Aber vielfach haben wir
die Werkzeuge der Innovation in den Zeiten der Differenzierung lahmgelegt und
können sie nun in Zeiten der Dissoziation nicht mehr recht in Gang bekommen.
Ein Weg, Gesellschaften in der Krise zu stabilisieren, ohne sie zum Stagnieren zu
bringen, ist die Förderung dieser drei Bereiche, sowie die grundsätzliche
Existenzsicherung.
Es ist aber erforderlich, dass Kunst, Wissenschaft und Spiritualität im Sinne der
Lebendigkeit des Inneren verstanden werden. Es nützt also nichts, einfach nur
Universitäten, Kirchen und Museen mit mehr Geld auszustatten. Es geht vielmehr
um die Wiederbelebung dieser Bereiche, damit sie ihr inneres Feuer finden und
sich aus der Institutionalisierung befreien.
Unter Labels wie »social practice art«, »citizen science«, »living labs« und
»integral ecology« sind seit gut zwei Jahrzehnten Räume entstanden, in denen
Kunst, Wissenschaft und spirituell-reflexive Praxis bewusst ineinandergreifen: So
lädt die Long Now Foundation (San Francisco, 1996 / Seminarreihe seit 2003)
mit ihrer 10 000-Jahre-Uhr zu kontemplativer Zeitskalierung in technologischer
Forschung ein; das partizipative Protein-Spiel Foldit (Seattle, 2008) → zeigt, wie
Bürgerinnen-Kreativität wissenschaftliche Durchbrüche anstoßen kann; Science
Hack Day (erstmals 2010, seither weltweit) verknüpft Maker-Kultur mit
improvisierter Kunst und Datenethik; das Berliner Prinzessinnengarten Kollektiv
(2009) kombiniert urbane Permakultur, Klangkunst und Community-Forschung
als »ökologische Kathedrale« im Alltag; und das Amazonas-Residency-
Programm LABVERDE (Brasilien, 2015) bringt Künstlerinnen, Biolog:innen
und Indigene in ein gemeinsames »immersives Feldlabor«, in dem ökologische
Spiritualität, sensorische Kunst und citizen science zu neuen Narrativen
verschmelzen. Solche Formate machen erfahrbar, dass Transformation heute dort
am stärksten zündet, wo transdisziplinäre Praxisräume die strenge
Institutionalisierung von Universität, Kirche oder Museum aufbrechen und
stattdessen Erfahrungs-, Sinn- und Forschungslücken als schöpferische Ressource
kultivieren.
Diese drei Strategien Wissenschaft, Kunst und Spiritualität gehen für sich sehr
unterschiedliche Wege und es ist klar, dass sie einen Dreiklang bilden sollten
wenn es darum geht, die Realität einer Welt universell zu entdecken. Denn
während die Kunst davon ausgeht, dass Wirklichkeit ein Schaffensprozess ist,
geht die Spiritualität davon aus, dass Wirklichkeit eine Sache des Seins ist.
Während Wissenschaft davon ausgeht, dass Wirklichkeit eine Sache der
                                       77

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Wahrnehmung oder der beweisbaren Regeln ist. Alle drei haben recht. Weil alle
drei Geburtsphasen von neuen Paradigmen beschreiben.
Die Kunst drückt einen neuen Aspekt durch das Individuum aus. Die
Wissenschaft erkennt diesen Aspekt und stellt einen Kontext her. Die Spiritualität
wiederum lebt das neue Paradigma von innen heraus. Natürlich sind alle drei
Stufen sowohl innerhalb des Künstlerischen als auch innerhalb des
Wissenschaftlichen, wie innerhalb des spirituellen Prozesses zu finden. Sie sind
nicht voneinander trennbar. Sie finden aber ihre Höhepunkte in den jeweiligen
drei Ebenen.
Durch ihr Wechselspiel ermöglichen Sie es, dass ein neues Paradigma geboren
wird. Heute ist es vor allem die Lähmung der Wissenschaft, die in ihrem
materiellen und objektivierenden Rahmen verkrustet ist, die fließendes Denken
behindert. Kultur und Spiritualität haben an Einfluss wesentlich verloren. Die
Wissenschaft besitzt immer noch eine dominante Stellung, die aber heute mehr
von Rahmen, als von der Suche nach neuen Kernen und Werten geprägt ist. Sie
erlebt, so eine These, auch darum eine fundamentale Krise und scheint innerlich
auszubrennen. Die Dichte an neuen Entdeckungen lässt nach. Nicholas Bloom,
Charles Jones, John Van Reenen & Michael Webb, »Are Ideas Getting Harder to
Find?« (American Economic Review, 2020) → zeigt quantitativ, dass
Forschungsaufwand exponentiell steigt, während die Rate fundamentaler Output-
Zuwächse sinkt; Produktivitäts-Schub pro Forscher:in seit 1950er Jahren stark
rückläufig. David Park, Jeroen Baas & John Ioannidis, »Meta-research: Evolution
of the Most Cited Papers in Science (1900 – 2020)« (PLOS One, 2023) → finden,
dass Anteil radikal neuer Paradigmen-arbeiten an Top-1%-Zitationen
kontinuierlich sinkt, obwohl Publikationsvolumen explodiert. Pierre Azoulay,
Joshua Graff Zivin & Gustavo Manso, »Incentives and Creativity: Evidence from
the Academic Life Sciences« (Rand Journal, 2011) → zeigen, dass
Förderstrukturen zunehmend inkrementelle statt transformativer Forschung
belohnen, was Entdeckungsrate fundamental verlangsamt.
Damals 2005, als ich diese Worte schrieb, war das ein Bruch mit
wissenschaftlicher Konvention, den man mir nicht verzeihen wollte. Heute 2025
hat sich die Forschung geöffnet und wir sehen viele Diskurse in dieser Richtung.
Wissenschaftssoziolog:innen wie Bruno Latour oder Richard Whitley sprechen
von einer »Mode-2-Wissenschaft«, in der Publikations- und Drittmittellogik
Erkenntnisinteresse ersetzt. Das Schlagwort »Evaluation Gap« (Marc Edwards)
→ markiert den Spalt zwischen innerem Erkenntnisdrang und äußerer Metrik –
entsprechend der hier beschreibenen »Rahmendominanz«. Hier reiht sich die
Replication Crisis ein: Wenn 50 % psychologischer Top-Findings nicht
replizierbar sind, deutet das auf ein System, das Output simuliert, statt Substanz
                                       78

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zu                                                                     erzeugen.
       Ökonom Tyler Cowen (2011) popularisierte die »Great Stagnation«: Nach
Elektrizität und Computern keine großen General Purpose Technologies mehr.
Umstrittene Techno-Philosophen wie Peter Thiel werfen unserer Zeit
»technologische Mut- und Sinnlosigkeit« vor – viel App-Innovationslärm, wenig
fundamentale Physik. Hier knüpft meine Differenzierung/Dissoziation an: äußere
Beschleunigung, innere Leere. Forscher wie Doyne Farmer oder Safi Bahcall
argumentieren systemisch: Sobald ein Forschungs-Ökosystem zu dicht reguliert
und »investorized« ist, kippt es in Phase Separation – inkrementelle Exploitation
verdrängt explorativen Suchraum. Die Lösungsvorschläge (DARPA-Copy-
Modelle, »skunkworks«, Long-Shot-Funds) zielen auf entdichtete
Resonanzräume, in denen »fließendes Denken« und neue Fixpunkte wieder Pulse
setzen können. Studien von Teresa Amabile und Adam Grant zeigen, dass
intrinsische Motivation, Ambiguitätstoleranz und Flow zentrale Prädiktoren für
Durchbruchsideen sind – alles Qualitäten, die in Score-getriebenen Umgebungen
abgewürgt werden. Damit liefern sie die mikro-kognitive Entsprechung zu der
hier beschriebenen makro-kulturellen Kritik.

## Der Aufbau einer Gesellschaft

Wie kann es gelingen aus einer dissoziierten Gesellschaft eine neue und starke
Gemeinschaft aufzubauen, die in sich den Werten des Augenblicks folgt und
somit große innere Dynamik besitzt, ohne im Chaos zu verfallen?
Lassen Sie uns die bisher besprochenen Grundlagen einer neuen Gesellschaft
noch einmal verdichtet betrachten.
                           1. Lerne Gleichgewicht!
Gleichgewicht und Ganzheitlichkeit sind wichtig, um den Druck der Dissoziation
abzumildern, damit die Wahrnehmung für andere Dinge geöffnet werden kann.
Bewusstsein wächst aus dem größeren Überblick, aus der Fähigkeit neue
Positionen und Betrachtungswinkel einzunehmen. Die meisten Menschen machen
in ihrem Leben viele Male die Erfahrung der Erweiterung ihres Horizonts. Meist
ist dies der einzige Weg, um ein natürliches Gleichgewicht im Leben herzustellen,
um sich immer wieder neuen Gegebenheiten des Lebens anzupassen. Als Markus
Maderner und ich »Inner Flow Management« (Methode im gleichnamigen Buch
beschrieben) entwickelten, ging es auch darum, ein Tool zu schaffen, mit dem wir
mehr Ganzheitlichkeit in das moderne Management bringen. Ohne die
Möglichkeit, komplexe Problem- und Wandlungsfragen bewusst aus der Breite
an Perspektiven herauszubetrachten und zu erarbeiten, vergessen Manager zu
                                       79

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schnell, wie Wandel eigentlich sinnvoll bewältigt wird, wie neue Dinge entstehen.
Sie verkrampfen sich dann in einer Reduktion der Komplexität und verfallen
einem »Tunnelblick«. Dafür braucht es aber Freiraume. Man muss akzeptieren,
dass man gegen eine Veränderung nicht ankämpfen kann, sondern nur die
Integration bleibt.
Die Methode Inner Flow Management (IFM) ist unser Versuch, die in
Gesellschaft ohne Vertrauen ausgerollte Theorie der Fixpunkte in die Praxis
von Organisation und Gesellschaft einzuschrauben. Markus Maderner und ich
entwickelten IFM 2006 – 2008 genau dort, wo klassische Management-Routinen
versagen: im Spannungsfeld zwischen hochkomplexen Systemzwängen und der
unbändigen Kreativität einzelner Menschen.
1 | Warum wir IFM entwickelten
Konzerne hatten sich an den eigenen Effizienzdogmen stranguliert:
Entscheidungskraft wanderte zu Headquartern und Kennzahlen, während
Manager:innen zu »kastrierten Haien« degradiert wurden. Ergebnis: Burn-out
statt Innovation, Tunnelblick statt Ganzheit. IFM sollte jene innere Quelle wieder
freilegen, die jedes System ursprünglich antreibt – denselben existenziellen Kern,
den ich im Buch als Fixpunkt bezeichne.
2 | Die Grundstruktur
Der Name zerlegt sich in drei Funktions‐Module:
Modul          Bedeutung                           Verbindung zum Fixpunkt

                                                macht den verborgenen
               die subjektive Ressource: Werte,
Inner                                           Fixpunkt    bewusst und
               Träume, Nerv des Einzelnen
                                                ansprechbar

               der lebendige Bewegungsrhythmus hält den Fixpunkt beweglich,
Flow
               komplexer Systeme               verhindert Verkrustung

                                                 verankert den beweglichen
           strukturiertes Einbetten in Projekte,
Management                                       Fixpunkt    in  greifbaren
           Märkte, Politik
                                                 Aufgaben
Das Werkzeug basiert auf einer Maske – einem mehrschichtigen Raster aus
horizontalen Ebenen (Person – Struktur – Environment) und vertikalen Phasen
(Vision – Analyse – Implementierung – Auswirkung – Integration). Zentral darin
verläuft die Achse der Identifikation: Sie prüft ständig, ob Individuum,
Organisation und Umwelt noch auf denselben inneren Kern geeicht sind.
Abb IFM Maske
                                       80

<!-- PDF page 81 -->

3 | So funktioniert die Methode
   1. Selbst-Kalibrierung
      Jeder Beteiligte beginnt mit einem »Höllenritt« nach innen: Wo stehe ich?
      Was hemmt, was treibt mich? Erst wenn das persönliche Fixpunkt-Signal
      klar ist, lohnt der Blick aufs Gesamtsystem.
   2. Masken-Navigation
      Mittels Fragenkatalog und Visualisierung werden die Daten quer über alle
      Ebenen gelegt. So entstehen blinde Flecken-Karten, aus denen sich
      Prioritäten ableiten lassen: Welche Perspektive fehlt? Wo erstickt
      Rahmendenken den Fluss?
   3. Partizipative Schleifen
      IFM fordert radikale Partizipation. Teams iterieren zyklisch durch
      Vision → Analyse → Implementierung, bis Flow spürbar wird. Jede
      Schleife verdichtet den Fixpunkt, ohne ihn zu versteinern.
   4. Rückkopplung auf Wirkung
      Kontinuierliche Prüfung, ob Auswirkung noch mit dem inneren Sinnkern
      korrespondiert. Weicht das System ab, beginnt der Zyklus erneut.

4 | Ziel- und Einsatzfelder
   •   Projekt- und Change-Management – komplexe Initiativen ohne
       Reduktion auf »Excel-Realität«.
   •   Innovationszyklen – Integration divergenter Expertisen, bevor Marketing-
       Hype das Produkt bestimmt.
   •   Krisen-Moderation – schneller Zugang zu verborgenen Ressourcen, um
       Dissoziation zu verkürzen.
   •   Politische & NGO-Arbeit – große Gruppen durch polarisierte Themen
       führen, ohne moralische Schablonen.

5 | Relevanz für die Arbeit an Fixpunkten
Fixpunkte sind nur dann gesellschaftsnützlich, wenn sie atmen dürfen. IFM
liefert das Atem-Gerüst:

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      •   Bewusstmachung: Die Identifikations-Achse legt den inneren Kern frei.
      •   Dynamisierung: Der Flow-Begriff hält den Kern in Bewegung, verhindert
          dogmatische Erstarrung.
      •   Institutionalisierung ohne Einmauerung: Management-Module
          verankern die bewegliche Wahrheit in Strukturen, ohne sie zu
          strangulieren.
Kurz: IFM ist der praktische Schraubenschlüssel, um Fixpunkte aus der Sphäre
heroischer Einsichten herunterzuholen und in Teams, Märkte und Kommunen
einzubauen – ohne ihr anarchisches Potenzial zu dämpfen. Damit verkürzt sich
die gefährliche Lücke zwischen Dissoziation und neuer Differenzierung: Wandel
wird moderierbar, statt als Krise über uns hereinzubrechen.
IFM war der Versuch dies als Managementmethode umzusetzen. In den Jahren
danach erarbeitete ich eine noch wesentlich komplexere Form der enaktiven
Intervention in Systeme, Konzerne und Institutionen, die ich in Büchern wie
»Radical Worker« oder »Speeds Arbeit« beschrieb.
Es gibt hier auch andere Ansätze. Der Wiener Psychologe Gerald Kreutzbruck,
ein alter Freund, entwickelte beispielsweise aus Freuds acht Pathologien, welche
die acht Grundcharaktere der menschlichen Psyche beschreiben, einen Würfel, an
dem man die Zusammenhinge und Dynamiken der unterschiedlichen Charaktere
und Aspekte des Menschen besser begreifen kann. Zu den acht Pathologien zahlt
die Qualitat hysterisch, psychopathisch, schizoid, oral, depressiv, phallisch
narzisstisch, weiblich passiv und masochistisch. Diese Charaktere sind
Grundeigenschaften des Selbst, die von Natur her vorgegeben sind. Es sind
absolute Fixpunkte, die in uns allen wirken. Kreutzbruck beschreibt die Aufgabe
des jeweiligen Charakters als eine Reise zu seinem direkten Gegenüber. Dabei
durchwandert das Bewusstsein die dreidimensionalen Eckpunkte eines Würfels,
an dem die acht Charaktere entsprechend ihrer Qualitäten angeordnet sind.
Dadurch werden auch Zyklen und Reihenfolgen oder Wege erkennbar. Es werden
also die natürlichen Kräfterichtungen der Fixpunkte beschreibbar. Er sagt dazu
über die Qualitat dieser 8 Identitaten: »Pathologisch ist daran nur die relative
Unbeweglichkeit, denn es handelt sich eigentlich um gesunde Polaritäten
                                                                               2
menschlichen                             Verhaltens.«
       In der modernen Wirtschaft beispielsweise, besonders unter den
Werbegestaltern, beobachte ich oft die Rolle des Psychopathen (des
Antreibenden) und die Rolle des phallischen Narzissten (des perfektionistischen
Professionellen). In diesen zwei Ecken hangt ein großer Teil der
Mediengestaltung fest. Wir erkennen also mit Hilfe der Landkarte von
2
    Aus einem Seminarpapier von Gerald Kreutzbruck, zum Atman Training
                                                  82

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Kreutzbruck, wo das vordringliche Problem liegt, aber das bedeutet natürlich
noch nicht, dass wir wissen, was im jeweiligen Fall konkret zu tun ist. Dafür
müssten wir dieses Wissen vor Ort erneut infrage stellen und schauen, was sich
wirklich zeigt. Kreutzbrucks System zeigt auf, dass es für viele Gestalter dieses
Charakters nur natürlich ware, sich (aus dem Psychopathischen heraus) zum
Depressiven oder (aus dem Narzisstischen heraus) zum schizoiden Träumer zu
bewegen. Kreutzbrucks System führt also den kommerziellen Gestalter in diesem
Fall wieder zurück zu Bereichen, die wir überwiegend aus der Kunst kennen. Eine
gesunde Depression würde den Werber wieder in Kontakt mit dem Kern, mit dem
Sinn seiner Gestaltung bringen.
Gleichgewicht und Ganzheitlichkeit ist aber nur die Basis, von der aus eine
Gesellschaft errichtet werden kann. Ist dieses Gleichgewicht aber einigermaßen
hergestellt, folgt der zweite Schritt.

                           2. Geh in den Höllenritt!
Innere Ganzheitlichkeit wird nach geraumer Zeit zu äußerer Ordnung. Unser
freier Wille kann sich aber darin ab einem bestimmten Punkt nicht mehr entfalten.
Es entstehen Muster aus der Leugnung der sich wandelnden Emotionen heraus.
Wir verbergen die dunklen Seiten, weil diese die lieb gewonnene Ordnung
zerstören wollen. Um die Ordnung also lebendig zu halten, müssen wir die
Ganzheitlichkeit wieder verlassen und zum Kern vordringen. Wir müssen den
authentischen Impuls finden, um die Dissoziation verkürzen zu können. Auf
diesem Weg begegnen uns die verdrängten Emotionen als Dämonen, als Krisen
und Konflikte. Je mehr eine Gesellschaft aus ihren authentischen Emotionen
heraus lebt und somit äußere Ganzheitlichkeit zugunsten innerer Geometrie
auflöst, umso weniger dramatisch ist die Reise zum Kern.
       Der Weg zum Kern verlauft in gewisser Weise entsprechend dieser drei
Ringe, die in dem nächsten Bild (Abb. 8) gezeigt werden. Der moderne Mensch
gestaltet seine Welt überwiegend im äußeren Ring und treibt all seine Energie in
den leeren Raum. Er gestaltet also dissoziiert. Er dringt nicht vor zum Kern des
Augenblicks. Er bleibt in der äußerem Ganzheitlichkeit behaftet, wo sein innerer
Ton nicht zu finden ist. Denken Sie nur daran, wie jedes Unternehmen
irgendwann von Gewohnheiten bestimmt wird, die den Wandel und das
Bewusstsein behindern.
Abb 8

                                       83

<!-- PDF page 84 -->

Die Kraft liegt in der Resonanz zwischen dem Kern und dem äußeren Ring. Der
Weg hin zum Kern ist beschwerlich und voller Krisen. Der mittlere Ring ist
turbulent und das Ich hat stets das Gefühl, sich darin zu verlieren. Es weiß noch
nicht, was der nächste Fixpunkt ist. Also bleibt es lieber an der Oberfläche und
meidet den inneren Bereich. Den inneren Ring hält der moderne Mensch
irrtümlich oft für den Bereich der Täuschung oder des Chaos. Man denke nur an
die     Abwehr       der     meisten     psychologischen        Techniken     der
Bewusstseinserweiterung, die Psychologie an sich, sowie alle spirituellen und
künstlerischen Bewegungen.
Joseph Campbell, »The Hero with a Thousand Faces« beschreibt die
archetypische Unterweltspassage (»Belly of the Whale«) als Voraussetzung
echter Neugeburt; Widerstand gegen den Abstieg hält das Ich an der Oberfläche.
Carl G. Jung, »The Red Book« schildert die »Nachtmeerfahrt«: das moderne
Bewusstsein fürchtet den inneren Abgrund, verwechselt ihn mit Wahnsinn, findet
aber dort den nächsten Fixpunkt der Individuation. Stanislav Grof, »The
Adventure of Self-Discovery« → zeigt, dass psychedelisch-therapeutische Krisen
genau im »middling ring« entstehen, wo das alte Ego kollabiert, bevor ein
transpersonaler Kern erfahrbar wird; medizinisches Establishment deutet das oft
als Pathologie. Victor Turner, »The Ritual Process« erklärt Liminalität als

                                       84

<!-- PDF page 85 -->

turbulente Zwischenzone: Gemeinschaften wie Individuen erleben dort
Orientierungslosigkeit, doch erst die communitas mit dem Kern schafft neue
Ordnung. Mircea Eliade, »Rites and Symbols of Initiation« → belegt in vielen
Kulturen den initiatorischen »descent to the underworld«, dessen Ablehnung in
säkularen Gesellschaften zu spiritueller Stagnation führt. Fritz Perls, »Gestalt
Therapy Verbatim« → skizziert die »Onion Layers of Neurosis«: oberflächliche
Klischeeschicht, phobische Angstzone, Implosionskrise – erst dahinter liegt das
lebendige Selbst. Hartmut Rosa, »Resonanz« erklärt soziologisch: Resonanz setzt
ein, wenn das Subjekt die Angstzone (innere Leere/Chaos) durchquert und auf
einen neuen inneren Fixpunkt trifft; Beschleunigungskultur blockiert diesen Weg.
Dante Alighieri, »Inferno« → literarische Ur-Metapher offenbart den Abstieg
durch chaotische Kreise, bevor das Ich zur visione beatifica aufsteigen kann;
moderne Lesarten verweisen auf psychische Transformationslogik.
Wenn wir den Höllenritt aber richtig verstehen, erkennen wir, warum ein Mensch
eben nicht das »Normale«, sondern die Irritation sucht, um neue Ordnung zu
finden.
Der Mensch sollte sich, wenn er die scharfe Form und die gezielte Wirkung in
seiner Gestaltung und seinem Leben verwirklichen will, immer auf den Höllenritt
zum inneren Kreis einlassen. Dieser ist fundamental und wird leider kaum an
Universitäten gelehrt. Doch wenn niemand mehr bereit ist, auf die Heldenreise zu
gehen, gegen die Dämonen der Unterwelt zu kämpfen und den heiligen Gral zu
finden, bedeutet das unweigerlich das Ende einer Kultur und damit das Ende einer
Gesellschaft. Weil das Universelle verloren geht. Wir werden zu Opfern einer
scheinbar friedlichen Wohlstandsgesellschaft, die innerlich längst vor
Ungerechtigkeit brodelt.
Wenn ich heute – nach all den Jahren künstlerischer Forschungsarbeit – meinen
alten Höllenritt zum inneren Kern betrachte, erkenne ich darin dieselbe Logik, die
ich im monotropen Denken vieler Autist:innen zu finden ist: ein erbarmungslos
fokussierter Tunnel, der das Bewusstsein durch chaotische Zwischenringe zwingt,
bis nur noch der singuläre Fixpunkt leuchtet. Autistische Monotropie ist kein
Defizit, sondern die verkörperte Version jenes Abstiegs, den ich einst als
spirituelle Initiation beschrieb – eine radikale Ökonomie der Aufmerksamkeit, die
jede Ablenkung abstreift, um im Zentrum glasklare Kohärenz zu schmieden.
Genau dieses Prinzip habe ich schließlich in meine Methodik übernommen: Statt
das Turbulente außen herum zu pathologisieren, nutze ich es als
Beschleunigungsstrecke in die Tiefe. Der Höllenritt und die monotrope Spur sind
zwei Namen für denselben transformatorischen Motor – nur dass Autist:innen ihn
im Alltag eingeschaltet lassen, während die meisten von uns ihn erst unter
extremem Krisendruck erleben.
                                       85

<!-- PDF page 86 -->

Der Großteil der starken Bilder oder der starken Gestaltungen entsteht nicht
unmittelbar im Kern, weil sich dort das Darstellbare aufzulösen beginnt. Wer mit
dem Bewusstsein in den Kern aller Dinge vordringt, erkennt mehr und mehr
absolute Symbole. Die Bilder werden starker und zugleich immer einfacher. Am
Ende bleibt ein Kreis, ein Kreuz, ein Oktaeder, eine Farbe, ein Klang, ein Geruch.
Der Weg zum Kern ist beschwerlich. Je mehr Sie sich vom äußeren Ring
fortbewegen, umso mehr beginnen Sie, sich gleichzeitig zu verlieren. Ich möchte
kurz den Eintritt des Menschen in den inneren Ring beschreiben. Daran werden
Sie erkennen, wie universell diese Erfahrung ist. Jeder Mensch macht sie in jedem
Augenblick durch, in jeder Entscheidung in jedem Funken seiner Existenz.
Irgendwann wagen Sie sich vor und betreten den inneren Ring in der Hoffnung
am anderen Ende des Tunnels auf Licht zu stoßen. Zunächst wird es schlimmer,
bevor es besser wird. Der Held verliert sein Ziel aus den Augen und droht, wieder
in den äußeren Ring zu gleiten, doch er stemmt sich mit aller Macht dagegen und
springt zum ersten Mal über seinen eigenen Schatten. Damit befindet er sich nun
dort, wo alle Krisen beginnen. Er wird aus seinem bisherigen Leben
hinausgeworfen, erlebt eine Art Tod oder schlicht eine dramatische Veränderung.
Er versucht nun Klarheit in die Dinge zu bringen und begibt sich auf die Suche
nach dem Kern. Doch es wird immer verwirrender. Seine Emotionen haben die
Kontrolle übernommen. Je näher wir dem Kern kommen, umso unbeständiger ist
alles. Es verändert sich viel schneller. Das Tempo wird gesteigert. Das
Bewusstsein lernt und nimmt dadurch laufend neue Dinge wahr. Doch erahnen
wir schon, wohin die Reise geht.
Abb 9

                                       86

<!-- PDF page 87 -->

Je weiter wir zum Kern der Dinge vordringen, umso stärker wüten die Gewalten.
Dann kommt der Plot Point, alles klart sich auf, wir finden eine Antwort, die uns
für kurz auf den Kern blicken lasst. Wir finden den Anschluss zum nächsten
Fixpunkt. Wir integrieren diesen und schaffen den Ausgleich. Wir schöpfen neue
Energie. Der Held lässt los und gleitet wieder zurück in den äußeren Ring. Das ist
der Weg des schöpferischen Prozesses. Das ist die Heldenreise, die jeder Mensch
mit jeder Gestaltung durchlaufen sollte. Diesen Weg gingen auch die meisten
großen Wissenschaftler, wie auch die großen Politiker:innen. Doch moderne
Unternehmen meiden diesen Weg. Darum sind die Produkte oft so schwach. Die
Dramaturgie der Heldenreise findet sich in den meisten Bewusstseinsriten der
Weltkulturen und spielt immer da eine Rolle, wo jemand eine neue
Bewusstseinsstufe erreichen soll. Dies ist eines der Grundprinzipien der
gestalterischen Physik. Wenn dieser Weg nicht eingehalten wird, entstehen wie
gesagt lediglich schwache Bilder. Dies zu verhindern und die Gemeinschaft zu
stärken war beispielsweise das Ziel aller Riten bei Naturvölkern und
Hochkulturen gewesen. Darum ist die Kultur als Basis des inneren Rings solcher
Bedeutung. Sie schafft die Möglichkeit des Menschen, seine Gefühle auszuleben,
hinab oder hinauf zu steigen, zur göttlichen Differenzierung seines Seins.

                                       87

<!-- PDF page 88 -->

Der Höllenritt ist nichts anderes als die operative Phase-Null meiner MNO-
Theorie: der riskante Sturz in die eigene ontologische Singularität. Erst wenn alle
äußeren Referenzen verglühen und das Ich in seinem innersten Punkt
zusammenschrumpft, entsteht der radikale »Nullraum« – jener entfaltbare
Vakuum-Kern, aus dem eine neue Realitätsfaltung hervorspringt. Im Modell
gesprochen: Der Höllenritt komprimiert das alte Gefüge auf -ε-Größe, die
Singularität kippt, das Blatt klappt neu auf – und genau dort, im scheinbaren
Nichts, beginnt die schöpferische Emergenz, auf der jede frische Ordnung ruht.
Abb 10
Das vorhergehende Bild (Abb.10) ist eine kleine Spielerei. Ich habe mehrere
Formen menschlichen Ausdrucks entsprechend der Tiefe angeordnet, in der sie
zu einem tieferen Kern vordringen. Dies ist ein Spiel und nicht zu ernst zu
nehmen. Aber wir sehen daran, wie unterschiedlich sich die Ausdrucksformen
anfühlen, wenn Sie naher am Kern liegen. Wenn wir, wie in der obigen Abbildung
gezeigt, verschiedene Werke und Gestalter dort einordnen, wo wir sie unserer
Wahrnehmung nach auf dem Weg zwischen Wahrheit und Vergessen (Lüge)
erkennen können, bildet sich ein Meer von Begriffen und Namen, die sich in
einem ständigen Fluss zwischen dem Kern und dem äußeren Ring befinden. Das
menschliche Bewusstsein bewegt sich von verschiedenen Seiten kommend
spiralförmig in diesen Kreis hinein, nähert sich über die Werke und Gestalter dem
                                        88

<!-- PDF page 89 -->

Kern und entfernt sich wieder von diesem. Die Werke selbst befinden sich
ebenfalls in Bewegung.
Nichts in dieser Gesellschaft würde existieren, wenn Individuen sich nicht auf die
Suche, auf diese Heldenreise nach der Wahrheit, begeben hatten. Es gäbe keine
Wirtschaft, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Technik, keinen Sozialstaat,
keine Reformen, kein zivilisiertes Leben, wenn wir nicht immer wieder die
starken Bilder, die Urformen aller Morphologie suchten, um uns dann für den
Erhalt einer Form für einen begrenzten Zeitraum oder für deren Auflösung zu
entscheiden. So aber entstehen unsere Werte. Das ist die Quelle unseres freien
Willens.
Der gestaltende Mensch befindet sich in der ständigen Bewegung zwischen
Verdichtung und Rückzug. Es ist der Atem des Kosmos, der im Gestalter wirkt.
Das nächste Bild zeigt dieses Atmen im künstlerischen Prozess und die daraus
gebildete kulturelle Resonanz (Abb. 11).
Abb 11

Ich mochte ein kleines Beispiel aus der Kunstgeschichte nehmen um zu
verdeutlichen, was jener Kern der Welt ist, der in einem Werk durchschimmert
und aus dem Scharfe und Kraft hervorgehen.
Abb 12

                                       89

<!-- PDF page 90 -->

Wir sehen hier ein Bild von Eduard Manet, in dem eine Hure darstellt ist. Es gab
damals beträchtliche Aufregung, weil er dieser Frau eine Seele in dem Bild gab,
er drang hin zum Kern dieser Person, ja zum Kern ihres ganzen Berufsstands.
Denn er differenzierte sie und ihre Welt. Er überwand die Vorurteile und gab ihr
eine Seele, statt sie einfach nur als wertloses Objekt der Begierde zu sehen.
Das erste Bild zeigt das Original in schwarz-weiß. Beim zweiten Bild habe ich
jene Stellen, die auf den Kern, also auf die Struktur des Kosmos verweisen,
abgedeckt. Dadurch passiert eine so genannte Verdinglichung des Bildes. Es
rutscht in den Bereich des Banalen, also der Dissoziation. Aus Kunst wird damit
eine Vorstufe der Pornografie.
Verstehen Sie, worauf ich hinaus möchte? Das Verdecken der Gesichter, also der
Identität dieser Menschen, lässt sie sofort zu leblosen Hüllen werden. Denn dieses
Bild ist jetzt nur noch im Sinne des isolierten Voyeurs von Bedeutung. Es spricht
nur noch die Ebene des äußeren Rings an. Es hat keine universelle Gültigkeit
mehr. Es steht nicht mehr für das »Wir«, also für den Berufsstand der Huren oder
für die Frauen an sich. Das Universelle, nämlich der absolute Fixpunkt in dieser
Frau, wird durch das Abdecken der Gesichter sofort verflacht und materialisiert.
Darin sehen wir, wie schnell die göttliche Symmetrie, der Fluss des Bewusstseins
abbrechen kann und der kulturelle Wert der Selbsterkenntnis einer Hure zu einer
pornografischen Oberflächlichkeit verkommt. Das Bild ist nun für die
Gesellschaft kraftlos. Es führt nur zur Dissoziation und Verlorenheit. Es bietet der
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Seele keinen Halt mehr. Ein Vorgang den man häufig bei der Kommerzialisierung
beobachten kann. Das passiert, wenn wir den Höllenritt meiden. Eine Gesellschaft
wird dann wie in dem Manet zu erkennen, prüde und pervers zugleich wird. Sie
kann die Hure nicht sehen, wie sie wirklich ist. Sie entwickelt Vorurteile und
spaltet sich zwischen dualistischen Positionen wie Moral und Markt.
Im Bereich der kommerziellen Gestaltung verhält es sich oft so. Die Energie geht
durch Verdinglichung verloren. Verdinglichung ist der Prozess, bei dem der
Rahmen mit dem Kern vertauscht wird. Der innere Ring mit all seinen höllischen
Qualitäten wird gemieden. Nur im Höllenritt lernen Sie zwischen Rahmen und
Fixpunkten zu unterscheiden.
Sie kommen beispielsweise in ein Team mit fünf Leuten. Zwei sind ihnen
sympathisch und im Grunde wie sie selbst. Die anderen drei mögen Sie nicht. Wie
also kommen Sie in dem Projekt weiter?
Wenn Sie sich auf die Seite der Zwei schlagen, entsteht eine Spaltung und zwei
Fronten werden gebildet. Das Projekt bekommt Probleme. Aber wenn Sie sich zu
den drei anderen schlagen, werden die Zwei vielleicht beleidigt sein. Sie verlieren
alte Sicherheiten. Ihr neuer Fixpunkt versteckt sich hinter den Dreien. Ich nenne
sie jetzt mal die drei Damonen. Die anderen nennen wir die zwei Engel (siehe
Abb. 14).
Abb14

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<!-- PDF page 92 -->

Wenn Sie sich zu den Engeln wenden, werden sie dissoziieren, weil sie sich vom
aktuellen Fixpunkt abwenden, mit den Engeln Rahmen bauen und spalten. Wenn
Sie sich den Dämonen zuwenden, werden Sie die neuen Fixpunkte, also deren
Werte, integrieren und wie durch ein Wunder, wird das Projekt friedlicher und
sinnvoller gelingen, weil Sie zu einem Vermittler geworden sind.
Das ist der Beginn von fließendem Denken. Ihr äußeres Modell ist neutral. Ihre
innere Orientierung erwächst aus Gleichgewicht. Sie lassen Ihrem Fixpunkt, Ihrer
Seele, freien Lauf: Wenn Sie die Prüfung mit den Engeln und den Dämonen
überstehen, fangen Sie an ein Meister des fließenden Denkens zu werden.
Verstehen Sie die Weisheit, die in den Dämonen steckt? Mangel ist immer negativ
bewertet. In Phasen der Dissoziation, in denen an Rahmen geklammert wird.
Wenn Sie jemanden nicht mögen, bedeutet es, dass dieser etwas hat, was Sie nicht
haben, aber für Gleichgewicht erforderlich ist. Er ist anders als Sie. Er verkörpert
die Angst vor Ihrer eigenen Entwicklung. Sie erahnen, dass jeder in jedem
enthalten ist. Frieden ist die Vervollkommnung des eigenen Potenzials, durch
laufende Integration. Durch seine Integration tragen Sie dazu bei, den Dualismus
und die Spaltung der Welt zu lösen. Darum steigt durch Integration unser
Bewusstsein stets höher in Richtung Quelle (Singularität). Wenn es nichts mehr
gibt, was Sie ablehnen, erkennen Sie sich vielleicht selbst als die Quelle allen

                                        92

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Lebens. Sie erlangen dann Verstandnis über den Sinn der Welt sowie Ihre eigene
Selbstbestimmung. Sie können unmittelbarer an der Schöpfung teilnehmen und
dienen somit der Evolution des Ganzen. Dieser Aufstieg ist die natürliche Folge
der Integration in einem geschlossenen System.
Der Höllenritt bedeutet nicht, dass die Ganzheitlichkeit letztlich scheitert und
Ideale sowieso nicht umsetzbar sind. Der Höllenritt ist das Werkzeug, mit dessen
Hilfe wir Fixpunkte von Rahmen unterscheiden lernen. Der Höllenritt schult uns
darin, fließend zu denken und zu entdecken, was wir wirklich wollen. Darum
müssen wir einen Weg finden, den Höllenritt in der Gesellschaft salonfähig zu
machen. Es bedarf also einer Kultur des inneren Wandels, statt äußerer
Besitzstände und der auf Materie basierenden Strukturen. Diese spielen auch ihre
Rolle, aber der Schöpfungsprozess beginnt stets im Inneren.

                              3. Finde Dich selbst!
Erinnern Sie sich daran als ich sagte, Realität sei ein gestalterischer Akt? Sobald
Sie aus dem inneren Ring zurückkehren, werden Sie merken, wie Sie beginnen
ihre Welt neu zu ordnen. Denn Ihre Fixpunkte wirken sich nun aus. Sie wurden
integriert und sind Teil ihres Seins. Sie haben die spirituelle Aufgabe erfüllt und
haben sich dem künstlerischen Prozess gestellt. Nun ist es wieder Zeit, die Sache
zu bewerten und zu hinterfragen. Denn Sie werden jetzt ein neues ganzheitliches
System etablieren. Aber es wird sehr von Ihren eigenen, inneren Wahrheiten des
Augenblicks bestimmt sein.
Die 3. Stufe liefert die Basis für die 1. Stufe. So schließt sich der Kreis. Umso
integrierender Sie agieren, umso freier werden Sie. Dies ist das was ich in der
MNO-Theorie den Sphärenzyklus nannte, was später zum MNO-Modell in »Die
Physik der Armen« führte.
Abb. 15 zeigt nochmal die drei Stufen:

## Abb15

                                         93

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Die Sequenz »Lerne Gleichgewicht – gehe in den Höllenritt – finde dich
selbst«   bildet   die  pragmatische  Dreifaltigkeit meiner     frühen
Transformationspraxis.
  1. Lerne Gleichgewicht = vorbereitende Stabilisierungs-Schleife. Hier
     trainiere ich Aufmerksamkeit, Körper und System auf ein Minimum an
     innerem Ruhezustand – wie ein Ökosystem, das vor der Feuersbrunst
     Wasser speichert.
  2. Gehe in den Höllenritt = radikaler Absturz in die Singularität. Alles
     bisher Ausbalancierte wird bewusst destabilisiert, bis nur noch der nackte
     Fixpunkt bleibt; das entspricht der release-Phase in der Panarchy-
     Resilienzforschung (Holling) oder der »Ω-Phase« in komplexen
     Ökosystemzyklen.
  3. Finde dich selbst = Re-Faltung; aus der Singularität heraus entfaltet sich
     ein neues, kohärenteres Selbst-System. Das spiegelt die reorganisation-
     Phase der Ökologie oder die third loop learning-Logik in sozialen Lern-
     theorien.
Im     MNO-Modell       erscheinen       diese    drei     Schritte    als:
Vor-Fluss (Balance) → Singularitätskollaps (Höllenritt) → Post-Fluss (Neu-
                                     94

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faltung) – also exakt die triadische Choreografie von Offenheit, Nullraum,
Emergenz, die meine spätere Arbeit in IFM und Artistic-Research-Settings
operationalisiert. Gesellschaftstheoretisch korrespondiert das mit den Zyklen
Differenzierung → Dissoziation → Integration (Sorokin) oder dem »r-K-Ω-
α«-Loop 3 der Transformationsökologie. In allen Feldern gilt: Ohne initiales
Gleichgewicht verbrennt der Prozess, ohne den Abstieg bleibt er oberflächlich,
ohne die Neufaltung erstarrt er.

                            Don Beck und die inneren Hierarchien

In Gesellschaften, die sich in einem Übergang von einem Paradigma, über eine
Zeit der Stagnation hin, zu einer neuen Ordnung bewegen, ist es von zentraler
Bedeutung eine Basis zu erreichen, auf der alle relative Geleichwertigkeit erleben.
Das nimmt bereits viele Grundkonflikte aus dem Spiel. John Rawls, »A Theory
of Justice« (1971) zeigt, dass Übergangsgesellschaften nur dann stabile
Kooperation erzeugen, wenn eine »faire Ausgangsbasis« wahrgenommen wird;
relative Gleichwertigkeit minimiert Grundkonflikte. Ralf Dahrendorf,
»Gesellschaft und Demokratie in Deutschland« (1965) argumentiert, dass latente
Klassenkonflikte erst dann abklingen, wenn Statusgruppen subjektiv gleiche
Chancen auf Teilhabe erleben. Samuel Huntington, »Political Order in Changing
Societies« (1968) belegt historisch, dass Modernisierung ohne soziale
Ausgleichsmechanismen zu Instabilität, Gewalt oder Militärputsch führt.
Amartya Sen, »Development as Freedom« (1999) zeigt empirisch, dass relative
Capability-Gleichwertigkeit in Transformationsphasen Demokratie- und
Friedensdividenden erzeugt. Gurr, Ted Robert, »Why Men Rebel« (1970)

3
 Der „r–K–Ω–α-Loop“ ist die Kurzform des Adaptive-Cycle-Modells der Transformations- und
Resilienzökologie (C. S. Holling 1986; Gunderson & Holling 2002). Er beschreibt, wie komplexe Öko- (und
Sozial-) Systeme zyklisch zwischen Stabilität und Umbruch pendeln:
Phase                    Symbol         Kerndynamik
Exploitation /                         Schnelle Pionier-Expansion: Ressourcen werden erobert,
                       r (rate)
Wachstum                               Vernetzung locker, Innovation hoch.
Conservation /         K (carrying     System saturiert, Strukturen verfestigen sich, Effizienz steigt,
Bewahrung              capacity)       Flexibilität sinkt.
                                       Schock oder Überlastung bricht die starre Struktur auf;
Release / Kollaps      Ω (Omega)       gespeicherte Energie wird abrupt freigesetzt („creative
                                       destruction“).
Reorganization /                       Chaotische Neuordnung; Elemente rekombinieren, neue Nischen
                         α (alpha)
Erneuerung                             entstehen, Richtung eines frischen r-Schubs wird gesetzt.
Der Loop verdeutlicht, dass Krisen (Ω) notwendiger Teil evolutiver Vitalität sind: Ohne Freisetzung keine
Neufaltung (α). Er wird heute auf Wälder, Finanzmärkte, Städte oder politische Regime angewandt, um
Übergänge, Kollaps-Risiken und Innovationsfenster zu analysieren und gezielt zu moderieren.

                                                    95

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formuliert die Theorie der relativen Deprivation: wahrgenommene Ungleichheit
ist ein Haupttreiber politischer Gewalt in Übergangszeiten. OECD, »Divided We
Stand: Why Inequality Keeps Rising« (2011) verknüpft aktuelle Daten: höhere
Einkommensgleichheit korreliert mit geringerer politischen Polarisierung,
besonders in Phasen wirtschaftlicher Umbrüche. Francis Fukuyama, »Political
Order and Political Decay« (2014) betont, dass staatliche Legitimität in post-
industriellen Übergängen von subjektiv erlebter Gleichwertigkeit abhängt;
andernfalls Wachstum ohne Ordnung.
Das Geheimnis lautet somit Ganzheitlichkeit. Es geht um das, was man für einen
gesellschaftlichen »Relaunch« benötigt, wenn sich eine Gesellschaft in sich
verliert, den Kontakt zu ihren inneren Werten nicht mehr auffindet und in größere
Krisen zu geraten droht. Ganzheitlichkeit ist hier sehr wichtig, weil sonst die
einzelnen Menschen immer noch das Gefühl haben, man würde Sie in ihrer
Existenz nicht schätzen und unterstützen. Da bedarf es eines
Konjunkturprogrammes der inneren Werte.
Wenn wir die Gesellschaft auf Ganzheitlichkeit ausrichten, stellen wir eine
grundsätzliche Akzeptanz allen Seins her, was von den Rahmenbildungen und
Spaltungen geschwächt wird, die vor allem aus egogetriebenen Machtkämpfen
entstehen. Dies bedeutet aber auch, dass es notwendig ist, eine gemeinsame Basis
der Sicherheit der Existenz zu ermöglichen. Verstehen Sie, dass diese
ganzheitliche Versorgung nicht das eigentliche Modell einer neuen Gesellschaft
ist, sondern nur ein Hilfsmittel, um den inneren Motor neu anwerfen zu können.
Denn Ganzheitlichkeit an sich wird immer nach geraumer Zeit zu einer äußeren
Harmonie, die wiederum das Innere lähmen kann. Ich verstehe unter dieser
Ganzheitlichkeit als Mittel zwei wesentliche Dinge.
1. Die Sicherung eines Grundeinkommens (oder einem zeitgemäßen Maß an
existenzieller Absicherung), sowie die Sicherung der Grundbedürfnisse des
Menschen nach Nahrung, Reisefreiheit, Bildung und Kultur.
2.     Die Anerkennung des Lebendigen und für die Gesellschaft Wertvollen in
jeder Existenz, sei sie nun gut oder scheinbar böse, fleißig oder scheinbar faul,
nützlich oder scheinbar nutzlos.
Diese zwei Grundgedanken führen in der Umsetzung zu einer Gesellschaft mit
ausgewogenen Kräften. Die Existenzangst nimmt ab. Von dieser Vorstellung
ausgehend kann man damit beginnen, dem inneren Fluss des Augenblicks zu
folgen und andere Prioritäten zu entwickeln. Dadurch wird die Ganzheitlichkeit
zu einer Entwicklungsspirale, die sich in den Augenblicken immerzu fortschreibt
und neu definiert.

                                       96

<!-- PDF page 97 -->

In der modernen Politik herrscht noch immer ein grundlegendes Missverständnis,
welches historisch bedingt ist. Soziale Sicherung ist genauso essenziell wie innere
und äußere Entwicklungsfreiheit, Veränderung genauso wie Tradition. Diese zwei
Seiten der linken und der rechten Politik sind beide erforderlich und könnten heute
zu einem sachlichen Gemeinsamen transformiert werden. Dazu ist es erforderlich
die soziale Idee, wie auch die liberale und konservative Politik, dort zu platzieren,
wo sie am sinnvollsten ist. Die Politiker:in von Morgen wird darum vielleicht eine
integrative Politiker:in sein. Eine die alle Ideen integriert und je nach
Fragestellung die optimale Perspektive in einem kreativen und
konsensorientierten Prozess gemeinsam mit Menschen aus ganz unterschied
lichen Bereichen der Gesellschaft bewusst mitgestaltet.
Probleme mit überteuerten Sozialsystemen beispielsweise kann man nicht nur mit
neoliberalem Rationalismus allein lösen. Will man die Kosten effizient in den
Griff bekommen, bedarf es auch kultureller, sozialer Errungenschaften, die einen
sinnvollen Ausgleich bilden. Reife Gesellschaften entwickeln sich nicht mehr
durch Machtkämpfe einzelner Lager weiter, sondern durch Arbeitsteilung auf der
Ebene der Ideen und Ideologien - durch integrative Politik.
Die Herausforderung der Politik von Morgen ist die Fähigkeit zur Integration und
zum Erlangen von komplexen Bewusstseinsformen, die zu intelligenteren
Lösungen für die Gemeinschaft führen und mehr Menschen daran beteiligen.
Ich möchte hier die sehr wichtige Arbeit des amerikanischen Politikberaters Don
E. Beck herausgreifen, weil ich denke, dass sein Modell den Blick auf die Rolle
der Fixpunkte und deren Integration noch klarer macht. Die Rede ist von Don
Beck, dem Begründer von Spiral Dynamics Integral. Sein Modell ist ein, wie ich
finde, sehr nützliches Instrument für die Zeit für einen Übergang, für das
Herstellen eines Bewusstseins über die Notwendigkeit der dynamischen
Integration. Es ist sowohl auf integraler Ganzheitlichkeit als auch auf
fortwährender Wandlung aufgebaut. Nicht zuletzt erklärt sich aus den
Forschungen von Clare Graves, Christopher Cowan und Don Beck, warum wir
heute vor diesem Paradigmenwechsel stehen, den ich in diesem Buch wesentlich
beschreibe.
Das Modell von Beck hilft die unterschiedlichen Wertecluster einer Gesellschaft,
die hinter den jeweiligen Lagern und Ideen oder Ideologien stehen miteinander
schrittweise zu versöhnen oder eine Transformation einzuleiten.
       Don Beck entwickelte gemeinsam mit dem Psychologie-Professor Clare W.
Graves das Modell Spiral Dynamics (ab 1970 ff.), das gesellschaftliche
Entwicklung als Abfolge farbcodierter »Werte-Meme« beschreibt: von archaisch-
tribal (Beige) bis integrativ-holistisch (Türkis). Beck nutzte das Raster, um in
Südafrika (1994 – 97) Übergangs-Workshops zwischen ANC, Zulu-Nationalisten
                                         97

<!-- PDF page 98 -->

und weißen Sicherheitskräften zu moderieren und später US-Unternehmen,
Think-Tanks und sogar George W. Bush zu beraten. Sein Ansatz zielt darauf,
verfeindete Wertecluster sichtbar zu machen, jedem Lager evolutionäre Würde
zuzusprechen und Transformationsschritte so zu timen, dass keine Ebene
gewaltsam übersprungen wird.
       Kritische Forschung hebt jedoch drei Schwachstellen hervor. Erstens fehlt
eine robuste empirische Validierung: Meta-Analysen (vgl. A. Kremer, »The
Colour Test: Empirical Gaps in Spiral Dynamics«, 2019) → zeigen, dass
Wertemuster in großen Datensätzen (World Values Survey, Schwartz) selten so
sauber segmentieren, wie Beck annimmt. Zweitens wird dem Modell ethno-
teleologischer Bias vorgeworfen: Die lineare Farbleiter suggeriert, westlich-
postmoderne Stufen seien »höher« – eine Kritik, die auch Ken Wilbers integrale
Version traf (J. Forman, »Integral or Imperial?«, 2008). Drittens neigt die
Beratungs-Praxis zur Managerialisierung, indem sie komplexe Machtfragen auf
Farbcoaching verkürzt (vgl. M. Edwards, »Spiral Dynamics in the Boardroom«,
2015). Trotzdem bleibt Becks Kernidee – Konflikte als Werte-Interferenzen zu
lesen – anschlussfähig an andere Forschungsstränge: Ingleharts »Silent
Revolution« (1977) kartiert den Shift von materialistischer zu post-
materialistischer Orientierung; Robert Kegan (»In Over Our Heads«, 1994)
beschreibt Ich-Entwicklungsstufen, die Becks Meme spiegeln; und die Panarchy-
Ökologie (Holling) liefert ein zyklisches Komplexitätsmodell, das besser mit
nichtlinearen Rückfällen umgehen kann. Wer Beck heute nutzt, sollte sein Farb-
Narrativ daher als heuristische Brille nehmen, sie jedoch mit empirischen
Wertestudien, Entwicklungspsychologie und Systemökologie kreuzen, um
Transformation nicht auf Farbkarten-Didaktik zu reduzieren.
Ich begegnete Don Beck im Jahr 2005 während zwei seiner Vorträge und war vor
allem von seiner praktischen Erfahrung inspiriert. Er war wie gesagt als
Politikberater in Südafrika, zur Zeit der Apartheid, wesentlich an der Lösung
vieler Probleme beteiligt gewesen und beriet immer wieder Staatsmänner in
Fragen der Evolution von Gesellschaften. Als Don Beck mit seiner Arbeit in
Südafrika anfing, wollte er von der ethnischen oder mit der gesellschaftlichen
Stellung verknüpften Motivation der Menschen wegkommen und stattdessen ein
universelleres Kräftespiel beschreiben, in dem kulturell geprägtes Verhalten auf
bestimmten Denkweisen aus bestimmten Lebenskontexten heraus beruhte. Er
beschrieb »Memes«, die sich im Menschen zusammen mit den äußeren
Lebensumständen entfalteten. Er wollte zeigen, dass Weltbilder mehr von den
Lebensumständen des Hier und Jetzt, sowie von inneren Kräften getrieben sind,
als von der Abstammung oder Sozialisation und Hauptfarbe, also von äußeren
Schablonen. Das lenkte die Aufmerksamkeit auf Dinge, die man verändern
konnte, statt Kulturen in harten Fronten ethnischer oder religiöser Rahmen zu
                                      98

<!-- PDF page 99 -->

verhärten. Don Becks System ist in sechs historischen, und zwei zukünftigen
Entwicklungsstufen gegliedert, die das ganzheitliche Grundspektrum von
Gesellschaften darstellen sollen.
Der Unterschied zwischen den Memes und den Fixpunkten ist folgender:
Die Memes beschreiben kulturelle Wertecodes innerhalb von Strukturen, also
innere Ordnungen von Systemen, die sich im Laufe der Geschichte zu festen
Strukturen manifestiert haben, aus denen immerzu neue Evolutionsstufen hervor
gingen. Ein Meme ist ein systemischer Wertecode, der eine Antwort auf frühere
Wertecodes ist, oder den Versuch unternimmt die Schatten eines anderen Codes
zu korrigieren.
Während Moral beispielsweise ein Wertecode ist, der in barbarischen
Gesellschaften früherer Zeiten mehr Freiheit und Sicherheit für den Einzelnen
ermöglichte, entwickelte sich dieser Code in den 7oer Jahren des vergangenen
Jahrhunderts zum Schatten eines verklemmten Bürgertums, der in der sexuellen
Revolution mit einem neuen kulturellen Code überwunden und später in der
Umweltbewegung der 8oer Jahre neu integriert wurde. Hinter der Moral sowie
der sexuellen Revolution bewegten sich Fixpunkte in großer Komplexität. Daraus
kristallisierten sich allgemeingültige Memes heraus.
Die Fixpunkte sind das, woraus Memes entstehen. Die Memes sind, werden sie
einmal herausgebildet, weitgehend stabil. Die Fixpunkte hingegen sind
Bewegungsmomente einer inneren Ordnung, jenseits der Trennung zwischen
Geist und Materie, Mensch und Natur. Impulse aus denen Bewusstsein und
Unbewusstes, Gedanken, Gefühle, Werte des Individuums einer tiefer liegenden
inneren Struktur entspringen, die vielleicht nie völlig verstanden werden kann.
Memes sind allgemein definierbar, Fixpunkte sind es nicht. Memes sind das
Ergebnis unserer Geschichte (angedacht) und helfen als feste Strukturen unser
Handeln in einem größeren Kontext zu verstehen. Die Fixpunkte sind der Grund
für die immerzu neue Annäherung an die innere Ordnung der Dinge. Die
Fixpunkte sind von außen betrachtet wesentlich unkonkreter als die Memes,
führen uns aber wesentlich näher an die Konkretheit des lebendigen Moments.
Graves, Cowan und Beck beschrieben die Memes als hierarchisches System
innerer Ordnungen von Gesellschaften, Systemen und deren Evolution. So
entstand eine Entwicklungsskala, gewissermaßen eine Geschichte der kulturellen
Codes, die bis heute in uns wirken und besonders für Zukunfts- und
Trendforscher, wie auch für Soziologen, Unternehmer und die Politik interessant
sind.

                                      99

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Die Skala von Becks farbkodiertem System reicht von Beige über Violett, Rot,
Blau, Grün bis zu Gelb und Türkis. Wobei die Farbzuweisung an sich willkürlich
ist. Sie soll nur die Kommunikation vereinfachen.
Mit diesen Farben gemeint sind Entwicklungsstufen, wie die Entstehung von
Rechtsstaaten (blau) aus Stammesgesellschaften (rot) heraus, sowie die Bildung
des freien Hedonismus der Spaßgesellschaft (orange), das sich wesentlich aus
dem Konflikt mit starren Konventionen (blaue Schatten) entfaltete. So ordnet
Beck alle gesellschaftlichen Strömungen in 6 wesentliche Stufen ein, die wie
Brennpunkte dieser kulturellen Entfaltungen sind. Man könnte sie auch als Bündel
von Fixpunkten verstehen. Es sind also wiederkehrende, universelle Bausteine
von Gesellschaften, die im Laufe der Evolution integral erweitert werden. Lassen
Sie sich Zeit, die Tabelle (Abb. 6) genauer zu betrachten.
Abb 6

Die Tabelle entfaltet sich von unten nach oben, hin zu immer mehr Komplexität
und Universalität in den gesellschaftlichen Systemen. Alle Stufen sind im
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Vergleich mit dem Vorgänger Versuche, mehr Freiheit zu erreichen, also das
System so zu erweitern, dass es eine größere Vielfalt integriert, die durch
Neuerungen der Evolution entstanden sind. Nur in der Summe von der
Bevölkerung anerkannt und in jedem Moment neu entfaltet, erweitern sie aber
Gesellschaften tatsächlich. Man kann also die unteren Stufen nicht überspringen,
ohne Spaltung und Unfreiheit im Ganzen zu provozieren. Denn sie entsprechen
einer inneren Logik, einer Struktur des kollektiven Bewusstseins, was man auch
den Bewusstseinsfortschritt der Menschheit nennen könnte.
Durch die Arbeit von Don Beck wird verständlicher, warum die Evolution stets
auf Erweiterung der Freiheit begründet ist, denn jeder Wechsel zu einer anderen
Stufe, ist geprägt vom Pendeln zwischen hoher Individualität und Kollektivität,
also zwischen Ich und Welt, oder Individuum und Gesellschaft.
Spiral Dynamics erzählt kulturelle Evolution als farbig aufsteigende
Wendeltreppe. In der MNO-Theorie erscheint dieselbe Bewegung jedoch nicht
als lineare Höher-Höher-Höher-Leiter, sondern als zyklische Pol-Spirale, die
permanent zwischen Nichts (Singularität) und sichtbarer Welt pulsiert.
Spiral-Stufe
                     MNO-Lesart          Zyklusfunktion
(Beck)

Beige / Purple       Primäre Emergenz erstes Aufblühen aus dem Nullraum

                     Fixierung       →
Red / Blue                               Differenzierung vs. Stabilisierung
                     Regeln

                     Dissoziation    → Rahmendichte, Sinnverlust, Ruf nach
Orange / Green
                     Suche             Kern

Yellow           /                       integrierte Re-Faltung    –   Start   der
                     Neue Singularität
Turquoise                                nächsten Runde
Jede Farbe markiert somit einen Umlauf im MNO-Sphärenzyklus: erst tritt ein
Wertememe als »Fixpunkt-Funke« aus der Singularität; dann baut es Strukturen,
versteinert, kollabiert – und macht Platz für das nächste Emergenz-Fenster. Die
Spirale ist also kein Pfeil nach oben, sondern ein Donut, der sich Schicht für
Schicht um das zentrale »Loch« (Nichts) legt, während ein feiner Pol-Atem
zwischen Innen-Leere und Außen-Form die Bewegung treibt.
Diese Perspektive erweitert Beck in zwei Punkten:
   1. Polar statt linear – Gelb & Türkis sind nicht Endstation, sondern
      Schwellen zur nächsten Implosion. Der wahre Fortschritt sitzt im »Atem«
      zwischen Zentrierung und Entfaltung, nicht im äußeren Radius.
                                         101

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   2. Fixpunkt-Arbeit – Jede Stufe braucht ihren eigenen Höllenritt in die
      innere Null, sonst bleibt sie dogmatischer Rahmen. MNO liefert genau das
      Werkzeug, den Einbruch bewusst zu moderieren.
Damit verschmilzt Spiral Dynamics mit der MNO-Logik: Evolution ist kein
Wettlauf nach oben, sondern ein permanenter Falt-Loop, in dem jede
Gesellschaft ihr Farbspektrum nur dann gesund durchläuft, wenn sie den Sprung
ins Nichts – die Singularität – immer wieder wagt.
Auf der Suche nach den Fixpunkten ist es wichtig zu verstehen, dass es
Prioritäten, Richtungen und Strukturen in ihnen gibt, die ihr Auffinden
konkretisieren. Der neue Fixpunkt ist immer ein Freiheitsgewinn, immer ein
Fortschritt, eine Erweiterung des Bewusstseins. Beachten wir dies nicht, würde
das Bauchgefühl des einen mit der Idee des anderen um die Herrschaft
konkurrieren. Die einzelnen Individuen könnten sich nicht in ein Ganzes
integrieren, es gäbe keinen Bezugspunkt außerhalb des Individuums. Der
Fixpunkt steht also immer in einem direkten Kontext zum Umfeld. Er ist nie
willkürlich, immer konkret und stets eine Erweiterung. Alles andere ist in der
Praxis nur unwesentliche Ablenkungen. Ein Traum ohne Kontext zur äußeren
Welt kann nicht integriert werden. Ein Traum mit einem direkten Kontext
hingegen kann ein sehr wertvoller Hinweis eines neuen Fixpunktes sein. Darin
liegt der große Unterschied zwischen Realitätsbewusstsein und einer Verlorenheit
in einer unkonkreten Selbstsuche.
In IFM haben wir mehrere Mechanismen entwickelt, um Fixpunkte in direkten
Bezug zur Situation zu bringen. Um dadurch innere Ordnungen des
»Wesentlichen« innerhalb der Komplexität zu ermöglichen, die das Individuum
dennoch integrieren. Dadurch erreichen wir den optimalen kreativen Flow
zwischen Neuem und Bestehendem, Wesentlichem und Innovationen in hoch
komplexen Systemen und wir erhöhen die Partizipation jedes Einzelnen.

   Die Fantasie des Äthers als dynamisches Weltbild der Wissenschaft

Am Anfang dieses Buches begann ich mit der Vorstellung, die Welt könnte so
aufgebaut sein, wie die Musik. Im Inneren universelle Themen, im Äußeren
maximale Vielfalt. Musik basiert auf Resonanzen, die in einem geschlossenen
System entstehen. Diese Resonanzen erschaffen sich steigernde Energie aus
minimalen Impulsen heraus. Ich zupfe die Gitarre und Millionen Menschen
bewegen sich in einem harmonischen Zusammenspiel, aus dem heraus
Selbstvertrauen, Sicherheit und Glück hervorgehen.
                                      102

<!-- PDF page 103 -->

Als ich dieses Kapitel damals schrieb, war ich noch weit entfernt von der Präzision
der MNO-Theorie, wie ich sie in »Die Physik der Armen« später entwickelte. Ich
will dieses Kapitel nicht zu sehr umbauen, es soll ein Stückweit auch Dokument
einer früheren Reise bleiben. Dennoch nehme ich einige Veränderungen vor, um
an meine spätere Arbeit anzuschließen. Letztlich ging es mir hier darum das
Zusammenspiel der Fixpunkte als Resonanzphänomen zu beschreiben, wie ich es
im MNO-Konzept später deutlicher präzisierte, samt Anbindung an Physik und
Mathematik.
Wenn das Sein aus Fixpunkten, Kernen oder Werten aufgebaut ist, die wegen
ihrer Dynamik die Notwendigkeit eines freien Willens in Systemen implizieren,
und in uns allen als universelle Kräfte wirken, die sich in ständiger Bewegung
befinden, suchen wir heute natürlich verzweifelt nach einer Struktur, nach einem
Medium, aus dem heraus eine solche Wechselwirkung möglich wäre. Wir fragen
uns, warum der Geist die Grundlage der materiellen Welt sein könnte und wie
dies möglich sein soll? Später erläuterte ich in »Die Physik der Armen«, wie nicht
der Geist die Grundlage von materieller Welt sein kann, vergleichbar mit dem
Hard-Problem in der Bewusstseinsforschung, sondern beide aus
Rückkoppelungen mit einem Nichts resultieren. In der unsprünglichen Fassung
dieses Buches benutzte ich den Begriff des Äthers, der dunklen Materie, die alles
im Universum zusammenhält, als eine Metapher, die wie gesagt erst Jahre später
von                     mir                     präzisiert                 wurde.
       Der Äther war in der griechischen Antike das »fünfte Element« – die subtile
Substanz, in der Götter atmen und Sterne kreisen. Klassische Physik des 19. Jh.
griff den Begriff als »Luminiferous Ether« auf, ein allgegenwärtiges Medium, das
Lichtwellen tragen sollte. Nach Einsteins Spezieller Relativität (1905)
verschwand der Äther als stoffliche Hypothese; man ersetzte ihn durch
Feldkonzepte. Heute lebt er – entmaterialisiert – in der Sprache der
Quantenfeldtheorien (Vakuum-fluktuation) oder in esoterischen Diskursen als
»Akasha-Feld«. In meiner MNO-Theorie entspricht der Äther der Nullzone
zwischen Nichts und Welt: kein stofflicher Träger, sondern ein
potenzialgesättigter Möglichkeitsraum, aus dem Singularität sich faltet. In
Gesellschaft ohne Vertrauen wollte ich genau das spürbar machen: dass zwischen
fixiertem Ich und harter Struktur ein vibrierendes Zwischen existiert – eine Art
innerer Äther –, der Transformation trägt, wenn wir ihn nicht zwanghaft
verdichten. Der alte Äther war also Materie mit zu wenig Daten; mein Äther ist
Minimal Necessary Ontology: radikale Offenheit, in der Fixpunkte entstehen und
wieder zerfließen.
       Man kann Gesellschaften nicht im Sinne der Freiheit weiterentwickeln,
ohne immer wieder einen neuen Traum, ohne ein neues Konzept der Wirklichkeit
zu haben. Wenn die Freiheit weiterentwickelt werden soll, muss sie auch die letzte
                                       103

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Bastion der Beschränkung des Bewusstseins überwinden. Nämlich die Trennung
zwischen Geist und Materie. Man könnte auch profaner sagen, dass es um die
Lösung des Konfliktes zwischen Geld und Seele geht.
Es mag manchen so erscheinen, als ziehe ich einen sehr weiten Bogen, um den
Begriff der Freiheit in Gesellschaften zu erklären. Aber gerade Weltbilder sind
für Gesellschaften so wichtig, dass man nicht darum herumkommt, diese zu
betrachten, wenn man über die Gründe für gesellschaftliche Strukturen spricht.
Die Äthertheorie und die Idee der Fixpunkte sind im Kern verwandte
Überlegungen, die von einem wohlwollenden Kosmos ausgehen, der das freie
Individuum will und braucht. Beide gehen davon aus, dass wir alle derselben
Quelle entstammen und über diese Quelle miteinander verbunden sind. Dass die
Übergänge eher fließend, und die Trennung zwischen den Dingen eher eine Frage
des Bewusstseins als eine Frage des tatsächlichen Wesens der Materie, ist.
Wenn es wenige universelle Kerne der Existenz gibt, die sich wiederum in
unendlich viele Fixpunkte entfalten und alles Sein nur darauf basiert, ein anderes
Verständnis der Quelle zu sein, gibt es keine realen Lücken zwischen der inneren
und der äußeren Welt. Sie sind eins. Nur durch ein Zusammenspiel mit dem
Augenblick differenzieren sie sich in unterschiedliche Gewichtungen, werden zu
treibenden Kräften.
Das folgende Bild (Abb. 17) zeigt den Unterschied zwischen einem Universum
aus Rahmen und einem aus dynamischen Fixpunkten.
Abb 17

                                       104

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Die Form und Struktur ergibt sich im Äther- später im MNO-Modell aus der
Resonanz in einem geschlossenen System, in dem Geist auf schnellerer und
Materie auf langsamerer Schwingung beruht. In meinem Vokabular ist der Äther
kein dünnes Gas mehr, sondern ein selbst-resonierender Möglichkeitsraum: Ein
geschlossenes Feld, in dem jede Schwingung sofort auf sich selbst zurücktrifft. In
dieser Kammer entstehen Knotenpunkte – stehende Wellen –, die wir als Form,
Gestalt, schließlich als Materie wahrnehmen. Geist tritt hier als Hochfrequenz-
Modus auf: ultrakurze Wellenlängen, kaum Trägheit, reines Potenzial. Materie ist
derselbe Vorgang in abgebremster Taktung: längere Wellenlängen, mehr
Interferenz, dadurch Dichte.
Das MNO-Modell präzisiert diesen Vorgang:
Singularität – ein Impuls bricht aus dem Nullraum, eine Primär-schwingung.
Faltung – die Welle läuft im geschlossenen System im Kreis, koppelt sich mit sich
selbst, bildet einen Resonanzknoten.
Fixpunkt – der Knoten stabilisiert sich, wird für das Bewusstsein als »Ding«,
»Gedanke«, »Wert« erlebbar.
                                       105

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Geist und Materie sind also Frequenz-Phasen derselben Resonanzschleife. Je
schneller das Ping-Pong im Feld, desto immaterieller erscheint der Knoten (Idee,
Intuition); je langsamer, desto massiver (Objekt, Körper). Transformation
geschieht, wenn wir die Frequenzsteuerung verändern: Entweder beschleunigen
wir einen erstarrten Materieknoten – er verflüssigt sich, öffnet neue
Möglichkeitsfächer –, oder wir verlangsamen einen flüchtigen Geistesblitz, bis er
in der Welt greifbar wird.
Damit verbindet sich das uralte Ätherbild 4 mit meiner Systemkritik aus
Gesellschaft ohne Vertrauen: Die moderne Gesellschaft klebt an niederen
Resonanzbändern – Materie ohne Geist –, während Fixpunkte verknöchern. Der
Weg zurück zur Lebendigkeit besteht darin, das geschlossene Feld bewusst zu
stimmen: Resonanz erneuern, Frequenzen modulieren, Knoten tanzen lassen.
Genau dafür dient MNO: als Bedienoberfläche dieser unsichtbaren
Resonanzkammer.

4
 1 | Michelson–Morley, Einstein und der „klassische“ Äther
     • Michelson–Morley (1887) zeigte – innerhalb der Messgenauigkeit – kein Relativgeschwindigkeits-
        Effekt des Lichtes gegen einen ruhenden Äther. Daraus folgte die Annahme, dass Licht im
        Vakuum kein Trägermedium benötigt.
     • Einstein übernahm den Nullbefund nicht „missverständlich“, sondern machte ihn 1905 zur Basis
        der Speziellen Relativität: Die Lichtgeschwindigkeit ist für alle Inertialsysteme gleich, ein
        klassischer Luminiferous Ether ist überflüssig.
     • Spätere Versuche (Dayton Miller 1920er-Jahre) meldeten kleine Signale, die sich jedoch als
        Temperatur-Artefakte herausstellten (Shankland et al., 1955). In der heutigen Metrologie ist die
        Äther-Drift weiterhin ≤ 10-17-fach der Lichtgeschwindigkeit – faktisch Null.
2 | Quantenvakuum und Casimir-Effekt
     • Der Casimir-Effekt (Theorie 1948, erste hochpräzise Messung Lamoreaux 1997) bestätigt, dass
        Quantenfelder im Vakuum Fluktuationen besitzen. Diese virtuellen Photonen sind aber nicht
        identisch mit dem „Äther“ des 19. Jahrhunderts; sie verletzen keine Relativität und sind
        relativistisch invariant.
     • Dass zwischen Metallplatten bestimmte Vakuummoden unterdrückt werden, erzeugt eine
        messbare Anziehung. Dies hängt nicht von „Ätherwirbeln“ ab, sondern von quanten-
        elektrodynamischen Randbedingungen; Wind- oder Wirbel-Hypothesen sind physikalisch
        unbelegt.
3 | Weitere Behauptungen
     • „Gravielektrischer“ Äther-Generator (H. Müller) oder Geräte, die „direkt Strom aus dem Äther“
        liefern, sind bisher nicht peer-reviewt repliziert; in der Fachliteratur gelten sie als spekulativ
        bzw. pseudowissenschaftlich.
     • Dunkle Materie wird nicht als klassischer Äther verstanden, sondern als gravitierendes, nicht-
        baryonisches Massensubstrat, das mit Licht kaum koppelt – konsistent mit Einsteins Gravitation.

Relevanz für MNO
Für die MNO-Logik bleibt entscheidend: Es existiert ein physikalisches Nullfeld (Quantenvakuum), das
permanente Fluktuationen trägt. Das ist nicht der Äther der klassischen Wellenträger-Hypothese, wohl
aber eine reale „potenzialgesättigte Leere“, die dein Modell als Singularitätsfeld metaphorisch
anspricht. Um die Brücke sauber zu schlagen, empfehle ich, den Begriff „Äther“ explizit als
metaphorisches Kontinuum zu kennzeichnen und ihn nicht mit den historischen oder spekulativen
Strom-Generator-Narrativen zu vermischen.

                                                   106

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Sichtbare und fragliche Resonanzphänomene in der Arbeit von Emoto und Jenny

Bevor ich Masaru Emoto und Hans Jenny als Beispielbühnen betrete, will ich
klarstellen, dass beide Experimente – Emotos »Wasserbotschaften« (1990er) und
Jennys Kymatik‐Versuche (1960er) – wissenschaftlich umstritten sind: ihre
Datenerhebung ist schlecht kontrolliert, die Replizierbarkeit gering, die
Interpretation oft esoterisch überdehnt. Trotzdem taugen sie mir als plastische
Metaphern, um zu zeigen, was geschieht, wenn eine Gesellschaft ihre Fixpunkte
einmauert. Emoto friert Wasser ein, fotografiert willkürlich selektierte Kristalle,
behauptet: positive Worte → harmonische Formen, negative Worte → Chaos.
Jenny streut Sand auf vibrierende Platten; bei bestimmten Frequenzen erscheinen
elegante Mandalas, bei disharmonischen Frequenzen bricht das Muster. Ob ihre
Bilder nun streng reproduzierbar sind oder nicht – sie illustrieren ein Prinzip, das
in der seriösen Physik längst bestätigt ist: Resonanzfelder ordnen oder zerstören
Struktur. Übertragen auf Gesellschaft heißt das: Wenn wir den geistigen Rahmen
– unsere politischen Dogmen, ökonomischen Monokulturen, kulturellen Ticks –
so eng ziehen, dass er wie eine starre Frequenz alle anderen Schwingungen
übertönt, dann kollabieren die komplexen Schneeflocken des Sozialen zu
amorphem Matsch. Die Fixpunkte – jene lebendigen Quellen, aus denen neues
Sinn-Wasser sprudeln könnte – verkrusten.
Genau hier dockt meine MNO-Theorie an: Sie sieht Realität als geschlossenen
Resonanzraum, in dem jedes System zwischen Singularität (leerer Möglichkeit)
und Weltentfaltung hin- und herpulsiert. Blockieren wir die innere Reise – aus
Angst, aus Kontrollsucht, aus institutioneller Trägheit –, dann sturen wir das
gesamte Feld: Kreativität versiegt, Ökonomie wird ineffizient, Ökologie kippt.
Emotos Eiskristalle und Jennys Chladni-Figuren sind deshalb für mich keine
Beweise, sondern didaktische Spiegel: Sie zeigen anschaulich, wie
Rahmenblockierung auf Mikro-Ebene Form zertrümmert – und erlauben mir,
dieselbe Dynamik auf Makro-Ebene verständlich zu machen. Wer das als »naiv«
abtut, verkennt den Wert guter Metaphern: Nicht, weil sie wahr sind, sondern weil
sie uns zwingen, den mentalen Käfig einen Spalt zu öffnen – damit der Fixpunkt
wieder atmen kann.
Jeder Schneekristall, so Emoto, ist anders und doch entfalten sie alle eine ähnliche
Form, die in Hierarchien der Schönheit oder der Komplexität gegliedert sind.
Doch wären alle Schneekristalle gleich, würde das Leben im Wasser nicht
funktionieren. Es wäre in seiner Entwicklung gehemmt. Es hat einen Grund, dass
die Natur vielfältig ist. Weil hinter dieser materiellen Vielfalt eben auch die
Vielfalt von nichtmateriellen Kräften liegt, deren Dynamik alles in Bewegung
                                        107

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hält. Denn Vielfalt in einem geschlossenen und lückenlosen Raum gibt jener
Struktur die nötige Energie, die erforderlich ist, damit sich selbstähnliche
Strukturen aufbauen können. Die Kräfte sind nicht ausgeglichen, können aber
auch nicht ins Nichts entweichen. Es gibt also neben der Entropie auch eine
Syntropie, also eine entgegenwirkende Reaktion, die auf jede Aktion sofort folgt.
Vielfalt bedeutet, dass sich möglichst viele Fixpunkte, also Kräfte, zu einer
Schöpfung vereinen. Aus ihrer Dynamik entfaltet sich die Struktur eines
Schneekristalls beispielsweise. Gäbe es aber nur Monotonie, was die Folge
äußerer Ordnung ist, müsste die Energie zu deren Erzeugung, von anders wo
herkommen. Also von außen. Diese Energie würde sich dann schnell verbrauchen.
Das Geheimnis der Schöpfung liegt aber darin, dass Vielfalt die Energie für deren
Entstehung aus sich selbst heraus entfalten kann. Das ist der eigentliche Schlüssel
jener Kraft, die in allem steckt. Weil alle Formen der Natur nur ähnlich, aber nicht
identisch sind. Die Energie wird umso stärker, umso vielfältiger das Umfeld ist.
Auf Gesellschaften übertragen, würde dies bedeuten, dass der Weg des Menschen
zu sich selbst, also das Auffinden der inneren Kerne, die Gesellschaft mit mehr
Energie versorgt. Weil dies die Individuen in ihrem Wert für das Ganze stärkt.
Während die Angst und die Kontrolle in den politischen und ökonomischen
Strukturen zur Schwächung von Gesellschaften führen. Die Träume gehen dann
zurück, was Lebenschancen verringert. Was wir also heute für die Grundlage von
Wirtschaft halten, nämlich Druck, Leistung und Abhängigkeit, ist ein Irrtum der
Geschichte.
Kenneth G. Libbrecht, »The Physics of Snow Crystals” (Reports on Progress in
Physics, 2005) – zeigt, dass jeder Schneekristall wegen winziger Schwankungen
von Temperatur und Feuchte unikale, aber selbstähnliche Hexagonformen bildet;
Vielfalt ist hier emergentes Ordnungsprinzip, nicht Störung. Luigi Fantappié &
Ulisse di Corpo, »Syntropy: The Energy of Life” (2004) – führen den Begriff
Syntropie als »Entropie umkehrende, ordnungstreibende Dynamik geschlossener
Systeme« ein; verweisen auf biologische Selbstorganisation als Gegenpol zur
Wärmezerstreuung. Stuart Kauffman, »At Home in the Universe” (1995) –
argumentiert, dass komplexe, selbstähnliche Muster wie Schneeflocken oder Gen-
Netzwerke aus einem Maximum an innerer Diversität die höchste »autocatalytic
energy« schöpfen. David Tilman et al., »Biodiversity and Ecosystem Stability”
(Nature, 2006) – liefert empirische Daten, dass ökologische Produktivität mit
Artenvielfalt steigt; monotone Systeme benötigen externe Energiezufuhr und sind
Kollaps anfällig. C. S. Holling, »Resilience and Stability of Ecological Systems”
(1973) – zeigt, dass Resilienz proportional zur funktionalen Diversität eines
Systems ist; Homogenisierung senkt Energie-Rückkopplung und erhöht
Kollapsrisiko. Richard Florida, »The Rise of the Creative Class” (2002) –
überträgt das Prinzip auf Städte: kulturell vielfältige Milieus erzeugen höhere
                                        108

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ökonomische Energie (Innovation, Wachstum) als kontroll-zentrierte
Industrieregionen. Amartya Sen, »Development as Freedom” (1999) – zeigt, dass
Freiheit zur individuellen Entfaltung die produktive Energie von Gesellschaften
steigert, während Zwangs- und Abhängigkeitsstrukturen langfristig Wachstum
dämpfen.
Überlegen Sie nur was für ein gewaltiger Sturm aus den Gedanken oder den
Gefühlen aller Lebewesen auf diesem Planeten entsteht, überträgt man diese
Resonanz auf ein in sich geschlossenes System, in dem nichts entweichen kann.
Ein ganzes Universum wäre erschaffbar, in dem sich die Formen aus der inneren
Dynamik entwickeln. Resonanzen würden dabei zu einem klaren, geometrischen
Aufbau führen. Jede kurzfristige Zerstörung würde noch mehr Vielfalt
hervorrufen, und was mit gewaltigen Kräften begann, würde sich immer weiter
differenzieren. Und selbst wenn die Welle irgendwann auslaufen und sich
erschöpfen würde, könnten wir Billionen von Jahren aus dieser Dynamik Energie
gewinnen und unendlichen Reichtum erzeugen. Wir müssten nur die innere
Struktur begreifen, statt immerzu im Äußeren nach der nächsten Ölquelle zu
suchen, daraus eine Industrie zu bauen und die Vielfalt damit zu zerstören.
Nun stellte Emoto in seinen Fotos fest, dass Gedanken, Musik, große menschliche
Emotionen oder einzelne Wörter dazu führen, dass Wasser sich auf der Ebene der
Cluster anders formt, was eben diese wunderbare Idee als Realität belegt. Wenn
sie denn belegt wäre. Emoto wies also scheinbar nach, dass Kräfte und innere
Motive, die im Menschen und in seiner Gestaltung liegen, einen direkten Einfluss
auf Kräfte der Materie und aller Natur haben. Dies erschien auch mir, als ich zum
ersten Mal davon hörte und man seine Arbeit noch nicht kritisch betrachtet hatte,
als wahrlich erstaunlich. Es ging geradezu ein Aufatmen durch die Welt. Endlich
wäre der Beweis erbracht.
Die folgenden drei Bilder stammen aus Emotos Buch »Wasserkristalle«, dass
2001 erstmals erschien, und zeigen wie gesagt als Illustration einer schönen Idee,
wie Rahmendenken, also nicht authentisches Sein, die natürliche Struktur zerstört,
während bewusste Komplexität im Augenblick hilft, Fixpunkte neu zu ordnen.
Das erste Bild (Abb. 18) stellt einen Wasserkristall dar, der sich bildete, nachdem
man dem Wasser Musik von Beethoven vorgespielt hatte. Also seine sehr
bewusste Struktur hoher Komplexität.
Abb. 18

                                       109

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Das zweite Bild (Abb. 19) stellt Wasser dar, dem eine, wie Emoto sagt, finstere
Heavymetal-Musik vorgespielt worden ist. Wobei Emoto betont, dass
Heavymetal an sich nichts Negatives sein muss. Es zeigt aber, dass ein
künstlerisches Prinzip von geringer Komplexität und Universalität, also ein
abstrahiertes Mainstreamprodukt, von der Natur mit strukturlosen, also
dissoziierten Formen beantwortet wird. Die Ordnung bricht zusammen. Die
Energie entweicht. Ein ähnliches Bild entstand, nachdem er einem Wasserglas
einige Stunden dem Wort »Dummkopf' ausgesetzt hatte. Das dritte Bild (Abb. 20)
zeigt einen Wasserkristall, der sich aufgrund der Wortkombination »Liebe-
Dankbarkeit« bildete.
Abb. 19

                                     110

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111

<!-- PDF page 112 -->

Abb. 20
Ein solides, empirisch geprüftes Pendant zu Emotos ästhetischen Schneekristall-
Fotos liefern die modernen Studien zur Turing-Morphogenese: Bereits 1952
zeigte Alan Turing theoretisch, dass zwei chemische Stoffe – einer aktivierend,
einer hemmend – in einem geschlossenen Reaktions-Diffusionsfeld zur spontanen
Musterbildung tendieren. Seit den 1990er-Jahren hat die Biophysik diesen
Mechanismus vielfach nachgewiesen: Belousov–Zhabotinsky-Reaktionen
erzeugen rotierende Spiralwellen im Reagenzglas (Epstein & Pojman 1998). Das
Zebrafisch-Fell bildet seine schwarz-weißen Tupfen exakt über solche Reaktions-
Diffusions-Gradienten (Kondo & Miura 2010, Science). In der Materialforschung
lassen sich per Faraday-Resonanz (stehende Wellen auf einer vibrierenden
Flüssigkeitsoberfläche) kolloidale Partikel in perfekte Mandala-Strukturen
ordnen; ein leises Verändern der Ansteuerfrequenz genügt, damit aus Hexagonen
plötzlich Wirbelgitter werden (Frenkel & Kadri 2018, PNAS). Alle drei Systeme
zeigen: Form ist Resonanz. Minimale Änderungen in der »geistigen«
Eingangswelle (Frequenz, Inhibitor-/Aktivator-Rate) modulieren das gesamte
Erscheinungsbild – exakt die Pointe, die ich mit Emoto illustrieren wollte, nur
hier unter Laborbedingungen replizierbar. Damit erhält die Metapher der
blockierten Fixpunkte einen sauberen naturwissenschaftlichen Boden: Wenn
äußere Rahmen (falsche Frequenz, starre Grenzbedingungen) das Feld
dominieren, brechen die selbstorganisierten Muster ein – sei es im Zelldesign, in
der Ökologie oder in gesellschaftlichen Wertestrukturen.
Bei frühen Hochkulturen, dem Mittelalter, aber auch in der Renaissance, waren
viele dieser Grundvorstellungen schon populär. Man hatte begriffen, dass
bestimmte Kräfte zu bestimmten Formen führen. Wie dies genau vor sich ging,
war aber noch sehr unklar und in Metaphern gedeutet. Die folgende Zeichnung
stammt von Johannes Kepler5. Sie zeigt die 5 Elemente als Geometrien.

## Abb. 21

5
    Entnommen aus dem Buch „Fuller und Fullerene“ S14, von Wolfgang Krätschmer
                                                 112

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Auch die Astrologie ging von geometrisch wirkenden Kräften aus, die auf den
Augenblick auswirkten und je nach Bewegungsphase der Planeten andere Dinge
bewirkten. Die Astrologie ist zwar auch ein Rahmensystem, aber es deutet die
Realität als Wandlung, nicht wie in der modernen Physik vielfach als fixe Größe.
Dennoch liegt in dieser Wandlung der Kräfte ein innerer Sinn, eine innere
Struktur. So sind die Elemente des Lebens nicht willkürlich, sondern strukturiert.
Doch innerhalb einer Zeitlinie entfalten Sie ihre Geometrie eben hintereinander,
weshalb wir die Ordnung nicht sofort als Ganzes erkennen können.
Hans Jenny, der Schweizer Mediziner und Naturphilosoph, stellte in den 1960ern
mit seiner Cymatik eine verblüffend einfache, aber tiefreichende
Versuchsanordnung vor: Er streute feinen Sand oder Lycopodium auf
Metallplatten, leitete Sinustöne durch einen Lautsprecher ein – und ließ die
Körnchen zu geometrischen Arabesken tanzen. Sobald Jenny die Frequenz nur
minimal veränderte, kollabierte das alte Muster, ein neues Mandala sprang hervor.
                                       113

<!-- PDF page 114 -->

Form als gefrorener Klang – womit wir hier begreifbar machen können, dass
Fixpunkte resonante Knoten sind: Wird das Feld starr oder verstimmt, bricht die
Ordnung; stimmt man es neu, entsteht Struktur ohne äußere Zwangsrahmen.
Wichtig: Jenny war kein Einzelgänger. Alternative, empirisch robuste Parallelen
bestätigen das Prinzip:
Forscher:in                  /                                 Resonanz zum Jenny-
                                 Kurzbeschreibung
Konzept                                                        Prinzip

                     Zwei chemische Reaktions-
                                                  Muster sind stehende
Alan Turing (1952) – Diffusionsstoffe   erzeugen
                                                  Wellen     chemischer
Morphogenese         spontan Tupfen & Streifen in
                                                  »Frequenzen«.
                     Embryonen.

                       Sand auf vibrierender Platte
Chladni / Faraday
                       bildet             Symmetrien; Akustische Anregung ⇒
(1800/1831) – Platten-
                       Flüssigkeitsoberflächen werden sichtbare Ordnung.
& Flächenresonanz
                       zu Polygon-Gittern.

Belousov–
Zhabotinsky-        Autokatalytische                     Lösung Frequenzwechsel    ⇒
Reaktion (1960er) – produziert                        rotierende Musterkollaps    und
Chemische           Farbspiralen.                                Neuordnung.
Spiralwellen

                                                     Ordnung entsteht aus
                       Nichtgleichgewichts-Systeme Verstimmung          &
Ilya Prigogine –
                       organisieren      sich    bei Rückkopplung,   nicht
Dissipative Strukturen
                       Energiedurchfluss selbst.     durch          äußere
                                                     Formvorgabe.
Alle zeigen denselben Kern: Schwingung + Rückkopplung = Gestalt. Jenny
liefert die anschauliche Bühne, Turing & Co. das mathematische Rückgrat.
Deshalb ist Kymatik für meine Argumentation so wertvoll: Sie lässt das abstrakte
Spiel der Fixpunkte direkt vor Augen springen – und verbindet Kunst, Physik und
Metaphysik in einem einzigen vibrierenden Bild.
Die Ordnung dieser Partikel 6 könnte auch die natürliche Ordnung einer neuen
Gesellschaft sein. Man kann dieses Bild (Abb. 22) auch mit einem Kunstwerk
vergleichen.

6
    Hans Jenny / Cymatics / Macromedia Verlag
                                                114

<!-- PDF page 115 -->

Die Kraft entsteht daraus, dass jemand einen Wert nach dem anderen, eine
Frequenz nach der anderen, integrierte. Ginge die Sache in Serie, wäre die Kraft
verloren, weil der Reichtum an Fixpunkten und Werten verloren wäre. Die
Struktur würde zerfallen.
Ein Rechner würde die Sache einfach rational reduzieren. Würde Millionen
solcher Bilder replizieren, bis die ganze Welt darin erstickt.
Immer wenn dies mit Gesellschaften passiert, was beispielsweise eine Wirkung
der Industrialisierung war, wird das Volk von äußerer Ordnung abhängig und
kann den eigenen Puls nicht fühlen. Wenn nun eine Mehrheit eine äußere Ordnung
aufstellen lässt, die eine Minderheit unterdrückt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis
der Damm bricht und die natürliche Ordnung ihre Freiheit einfordert. Daran wird
klar, warum das Verständnis des Inneren der direkte Weg zu mehr Frieden ist.
Das nächste Bild (Abb. 23) zeigt ähnliche Versuche mit einer Flüssigkeit.

                                         115

<!-- PDF page 116 -->

## Abb. 23

Auf mikroskopischer Ebene ließen sich dabei wunderbare Formen schaffen, wie
das nächste Mandala artige Bild (Abb. 24) zeigt, dass in sich genau den
harmonikalen Proportionen des goldenen Schnitts entspricht. Es vereinigt all das,
was die Griechen einst als die Formgesetze des Kosmos erkannten und in ihrer
Architektur einsetzten. Ähnliche Geometrien, wie in diesem Bild

## Abb. 24-26

                                      116

<!-- PDF page 117 -->

Erstaunlich ist auch, dass solche Schwingungen auf Makroebene bei dickflüssigen
Stoffen ähnliche Morphologien bilden. Das Abbild (Abb. 25) zeigt eine sich nach
oben stülpende Flüssigkeit, die ein wunderbares gleichseitiges Fünfeck
herausbildet. Abschließend möchte ich noch ein Bild zeigen (Abb. 26), das
mithilfe mehrerer Frequenzen entstand und ganz deutlich die Komplexität
illustrieren, in der flächendeckend bestimmte Gitterstrukturen mithilfe von
Frequenzen erzeugt werden konnten.
Für Hans Jenny war Goethes Aussage, die Architektur der Welt sei nichts anderes
als materialisierte Musik, nur eines von vielen Hinweisen, dass die harmonikalen
Gesetze der Proportion, also der Kultur tatsächlich jene des Kosmos sind. Aber
die Kultur war immer lebendig und hat sich in ihren Wahrheiten immer wieder

                                      117

<!-- PDF page 118 -->

neu dem Augenblick gestellt. Wenn wir die Erkenntnisse dieser Forscher
zusammenfassen und Emoto ernst nehmen, zumindest als Experiment, kommen
wir zu erstaunlichen Bedeutungen für den gestaltenden Menschen. Es muss
demnach davon ausgegangen werden, dass die Nichteinhaltung der harmonikalen
Gestaltungen, also des fließenden Denkens, wie der Suche nach Wahrheit, Sinn
und Schönheit zu einer Störung der kosmischen Frequenzen führt, was sich
wiederum auf den menschlichen Geist und seine Welt direkt auswirkt. Auch wenn
man das Universum nicht als Schönheit allein brachten sollte, sondern eben als
diesen Zyklus zwischen Werden und Verfall, zeigen sich doch Muster, die Fragen
aufwerfen, bezüglich der Grundlagen der Gestaltung von Gesellschaft und
humanen Strukturen, sowie Ökosystemen.
Manchmal muss man die Arroganz moderner Wissenschaftlichkeit auch dafür
kritisieren, dass sie was schon Schamanen früherer Zeiten wussten, so lange von
unserer Aufmerksamkeit verdrängten, nämlich simple Grundmuster des Lebens.
Zu lange wurden diese von unserer »Zivilisation« ignoriert.

## Die Schule der Träume

Gesellschaften, die sich allein an äußeren Kennzahlen orientieren, erodieren.
Denn jede echte Innovation – technologisch, kulturell, demokratisch – wird zuerst
innen geboren: im Traum, in der Nachtlogik, im stillen Labor unserer Fixpunkte.
Darum behaupte ich heute noch entschiedener: Eine zukunftsfähige Kultur muss
sich auf ihre kollektive Traumfähigkeit gründen, nicht auf Umfrage-Tabellen.
Wer Schulen, Unternehmen oder Jobcenter so baut, dass Menschen lediglich
Fakten reproduzieren, kappt genau jene Quelle, aus der Sinn, Mut und
Gestaltungskraft fließen.
      Meine autistische Arbeit von Jahrzehnten, im Montropismus der
Neurodivergenz bestätigt das: Autistische Hyperfokussierende leben diesen
Traum-Modus im Wachzustand; ihr »inneres Kino« liefert radikal klare
Fixpunkte, sobald man es nicht abwertet, sondern moderiert. Darum verstehe ich
die Schule der Träume heute als Trainingsraum für fließendes Denken:
1 ) Balance finden – den inneren Rhythmus gegen äußeren Lärm schützen.
2 ) Höllenritt wagen – Traumlogik zulassen, auch wenn sie das Ego erschüttert.
3 ) Fixpunkt destillieren – den verdichteten Kern in die Welt falten.

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Unternehmen, Regierungen, Universitäten, die diese Sequenz ignorieren, bleiben
Gefangene externer Sachzwänge; jene, die sie kultivieren, eröffnen einen
Resonanzraum, in dem Menschen ihre Träume – und damit das Gemeinwohl –
realisieren können. Träumen ist kein Luxus, sondern systemische Pflicht: Ohne
innere Vielfalt keine gesellschaftliche Energie, ohne Energie keine Evolution.

Melancholie und die Suche nach der Form

Ohne die stille Passivität des Träumens finden wir als Gesellschaft nicht
zueinander. Weil wir die Tiefe des Universellen nicht erreichen. Wir erkennen
nicht das große Gemeinsame. Wir verstehen auch nicht die tiefe Verletzlichkeit
der            inneren           Ordnung           jeder          Gesellschaft.
       Hartmut Rosa, »Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung« (2016)
→ zeigt, dass tiefe, nicht-instrumentelle Weltbezüge – Schlaf, Kontemplation,
Muße – die Voraussetzung gemeinschaftlicher Resonanz sind; ohne sie zerfällt
das Gemeinsame in lauten Wettbewerb. Mark Solms & Jaak Panksepp, »The
Hidden Spring« (2021) → belegen neuro-wissenschaftlich, dass Traum- und
Ruhezustände das Default-Mode-Network aktivieren; diese Passivphase ist der
Kern unserer empathischen, sozialen Simulation. Jonathan Haidt, »The Righteous
Mind« (2012) → argumentiert, dass moralische Kohäsion aus inneren, vor-
reflexiven Bilderwelten stammt; ohne imaginative Empathie bleibt Gesellschaft
tribalistisch gespalten. Carl G. Jung, »Über die Archetypen des kollektiven
Unbewussten« (1934) → legt dar, dass gemeinsame Traumsymbolik eine
verborgene psychische Infrastruktur bildet, die Völker verbindet – fehlt der
Zugang, herrscht Projektion und Feindseligkeit. Ernst Bloch, »Das Prinzip
Hoffnung« (1954) → zeigt philosophisch, dass utopisches Träumen kollektive
Handlungsräume öffnet; ohne diese »stille Passivität« bleibt Gesellschaft im
Status quo gefangen. Eve Ekman & Paul Ekman, »Cultivating Emotional
Balance« (2017) → in empirischen Interventionsstudien weisen sie nach, dass
geführtes Tagträumen und stille Achtsamkeitsphasen prosoziale Emotionen
stärken und Gruppenkonflikte reduzieren.
Der Träumer ist in der modernen Welt immer gefährdet, für verrückt gehalten zu
werden, wenn er seine Träume des Inneren für reale Möglichkeiten hält. Darum
führt das äußere Weltbild an sich dazu, das Innere der Gesellschaft laufend zu
verletzen und zu irritieren. Die daraus resultierende Depression ist die Suche nach
dem verschwundenen inneren Wert, nach dem inneren Sinn. Für Autist:innen wie
mich ist dies ein Dauerzustand der Vertiefung in der Welt.

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Darum ist es erforderlich, jene Vorstellung von Normal grundlegend in Frage zu
stellen, weil das Normale zu einem Verlust an natürlicher Ordnung in einer
Gesellschaft führt. Michel Foucault, »Histoire de la folie« (1961) – legt dar, wie
gesellschaftliche Macht das ‚Unnormale‘ einsperrt und damit kreative
Erkenntnisquellen versiegelt; erst das Öffnen dieser »Binnen-Kolonien« setzt
neues Wissen frei. Thomas S. Kuhn, »The Structure of Scientific Revolutions«
(1962) – zeigt, dass Paradigmenwechsel nur durch Anomalien möglich sind;
Norm-Wissenschaft konserviert, Anomalie treibt Evolution. Wir müssen die
Angst vor dem Unnormalen abgeben, damit wir zulassen können, dass aus
scheinbar innerem Chaos immer wieder neue Ordnung wachsen kann und die
Evolution somit vorankommt. Mary Douglas, »Purity and Danger« (1966) –
anthropologisch belegt, dass Kulturen ‚Schmutz‘ definieren, um Ordnung zu
behaupten; zu rigide Reinheitsnormen blockieren adaptive Re-Organisation.
Stuart Kauffman, »At Home in the Universe« (1995) – komplexitätsbiologisch:
Selbstorganisation benötigt ständige Abweichung vom Gleichgewicht; monotone
Systeme verlieren Evolutionspotenz. Scott E. Page, »The Diversity Bonus«
(2017) – ökonomische Modellierung und Laborexperimente zeigen, dass
heterogene (‚unnormale‘) Teams mehr Lösungskraft haben als homogene, selbst
wenn die Durchschnitts-kompetenz gleich ist.
Die Kategorie des Normalen ist reichlich nutzlos bei der Suche nach Bewegtheit
und innerer Richtung. Was ich nun beschreiben möchte, ist ein Plädoyer, für den
gesunden Wahnsinn. Die Spaltung zwischen Geist und materieller Außenwelt hat
viele Probleme mit sich gebracht. Diese Spaltung machte den Menschen wahrlich
verrückt. Aber nur weil die Außenwelt so gar nichts mit den Träumen des Inneren
anzufangen wusste. Wir alle kennen diesen verwirrten Blick unseres Gegenübers,
wenn wir Dinge erzählen, die diesem fremd erscheinen. Wir alle haben schon
einmal vor der Wahl gestanden, ob wir uns für verrückt halten lassen wollen oder
nicht. Meist entscheiden wir uns, unsere Träume zu verstecken. Doch warum
eigentlich?
Viele scheinbare Erkrankungen des Geistes sind Versuche neue Fixpunkte zu
finden. Leider werden die meisten Verrückten auf diesem Weg gebremst. Man
begleitet sie nicht bis zur Wiederverschmelzung ihrer Existenz mit dem neuen
Sein. Dies wird oft mit Medikamenten verhindert, weil die normalen Menschen
Angst vor dieser Kraft haben. Denn der Wahnsinn wirkt für Außenstehende sehr
bedrohlich und strukturlos. Man kann nicht erkennen, dass die Struktur im Inneren
liegt und sich von Augenblick zu Augenblick immer weiterentwickelt. Diese
scheinbare Planlosigkeit ist oft sehr impulsiv und unkontrollierbar, denn sie hat
den Sinn, Rahmen und Konventionen zu überwinden. Weil das aber für eine an
der Oberfläche orientierte Gesellschaft bedrohlich erscheint, weil der Mensch

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dann nicht mehr normal zur Arbeit gehen kann und sehr unverständlich wird, neigt
man dazu, diese Prozesse zu verdrängen. Aber wenn sich die Seele in einem von
Rahmen verstellten Umfeld bewegen will, bedient sie sich oft des Wahnsinns,
also der Schizophrenie, der Psychose oder schlicht jugendlicher Verrücktheit.
Ich will also darauf hinaus, dass wir in nicht so weiter Zukunft Gesellschaften
haben könnten, die Phasen der Verrücktheit genauso berücksichtigen, wie Phasen
in denen der Mensch beispielsweise Urlaub auf einer Südseeinsel macht. Jede
Evolution des Geistes geht mit Phasen des Verrücktseins einher, weil die
Dissoziation dazu gehört, um neue Ordnung zu etablieren. Versuchen wir aber die
Phase der Dissoziation zu verhindern, verlängern wir diese nur und sie verwandelt
sich in eine Normierung, in eine äußere Spaltung. Sie wird also zu dem, was wir
normal nennen, aber eigentlich ziemlich verrückt ist, wie all die Dinge, die in der
Welt völlig verkehrt laufen.
Das menschliche Bewusstsein ist darauf angewiesen, laufend Rahmen
aufzubrechen. Eine Gesellschaft, die dies nicht fördert, erzeugt somit automatisch
äußere Rahmenkonflikte, die in äußere Gewalt münden können oder geistige
Erkrankungen, die innerlich ungelöst bleiben.
Ich betone dies, weil ich damit verdeutlichen will, dass wir gerade in der heutigen
Phase der Dissoziation eine Kultur benötigen, die jenen wahnsinnigen und
verrückten Prozess der Suche nach Fixpunkten vollkommen öffnet. Wir können
von den Menschen in den Irrenhäusern sehr viel über unsere Realität und deren
Entstehung lernen. Dieses Lernen des Verrücktseins zugunsten innerer
Wandlungsfähigkeit sollte in der Schule beginnen und in der Wirtschaft
weitergeführt werden. Wir müssen verstehen, dass Verrücktheit nur bedeutet, dem
Augenblick zu folgen, statt einer abstrakten äußeren Ordnung. Neue Werte
können wir nur finden und integrieren, wenn wir innerlich frei werden.
Was ich hier behaupte, ist natürlich das genaue Gegenteil dessen, was man heute
vielfach noch für eine gesunde Umgebung hält. Man denkt, Konformität,
Normalität und Bürgerlichkeit seien stabile Verhältnisse für eine Gesellschaft.
Dies stimmt in den kurzen Phasen der Differenzierung aber eben nicht in Zeiten
der Dissoziation, in der eine Gesellschaft aus Angst vor Veränderung an äußeren
Rahmen klammert. Stabile Verhältnisse in einer Gesellschaft werden durch Liebe
und bewusste Beziehungen ermöglicht, sowie durch freie Bewegung und
Wandlungsfähigkeit aber nicht durch ängstliche Konformität. Darum ist so
manche      Kleingartensiedlung       ein      Kriegsschauplatz    und     viele
Plattenbausiedlungen werden zu sozialen Krisenherden.

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Die Pubertät ist meist die einzige Phase im Leben eines modernen Menschen, in
dem er sich in diese Wandlung noch hineinwagt. In der Pubertät ist die
Melancholie eine starke Kraft. Ohne sie ist es schwer, im späteren Leben
Mitgefühl und Sensibilität zu entwickeln. Melancholie ist tatsächlich ein sehr
intelligentes Konzept. Ohne Melancholie und Traurigkeit aber wäre das Ego des
Menschen sehr viel dominanter und mitfühlendes Handeln wäre schwer
vorstellbar. Die Melancholie ist die Bereitschaft zumindest teilweise zu sterben,
um am anderen Ende etwas zu finden, dass größer ist als man selbst.
Der Jugendliche erlebt mit Eintritt in die Pubertät immer mehr Frustration, wegen
seiner Ich-bezogenheit. Er möchte einerseits mehr Freiheiten haben, scheut sich
andererseits aber vor den Verantwortungen. Er steht wie vor einem Abgrund und
hat Angst hinüber zur anderen Seite zu springen. Er will den Rahmenkonflikt
zwischen dem Rahmen seiner Eltern und seinem eigenen nicht verlassen. Denn er
weiß nicht, was ihn erwarten wird. Er weiß nicht, was er aufgeben muss. Der
Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen ist damit verbunden, dass die
jugendlichen Träume und Dissoziationen in eine neue Differenzierung und
Weltsicht integriert werden. Jedenfalls sollte es so sein. In einer dissoziierten Welt
aber, werden die Träume der Jugend rasch verdrängt, sobald der Jugendliche
erwachsen wird. Die Gesellschaft kann mit Träumern heute wie gesagt noch
wenig anfangen. Denn in einer dissoziierten Welt erwachsen zu werden, bedeutet
von einer Welt unbegrenzter Imagination in eine Welt unbegrenzter
Einschränkung zu wechseln. Das Absolute wird also verdinglicht. Die Liebe wird
zu Kommerz. Zu einer niemals befriedigbaren Sucht. Sie wird auf die objektive,
harte Realität begrenzt, aber eben nicht hin zu einer reiferen Imaginationsfähigkeit
transzendiert. Es findet keine Übersetzung des jugendlichen Traumes in eine
erweiterte Struktur, die jene kreative Kraft der Kindheit mit ins Erwachsenenalter
retten könnte. Darum gelingt es heute nur wenigen, ihren Traum bis ins hohe Alter
weiterzuleben. Darum haben wir mit dem Traum von der absoluten Liebe in uns
negative Erfahrungen gemacht. Wir sind hart gelandet.
Würden wir aber nach der Moderne in einer vielleicht vor uns liegenden
differenzierten Hochkultur erwachsen werden, könnten wir unsere Träume mit ins
Erwachsenendasein übersetzen. In dieser neuen Welt wäre dann viel mehr
möglich. Wir würden unsere wahren Träume verwirklichen, statt uns für äußere
Dinge aufzugeben. Wir würden nicht hart landen, sondern in eine differenziertere
Struktur eingebettet sein. Dies würde für die Gesellschaft einen gewaltigen
Gewinn bedeuten. Grundsätzlich sind die Träume von Menschen mit dem Sinn
ihres Lebens verbunden. Jedes Leben ist ein Geschenk an die Vollkommenheit
einer Gesellschaft.

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Stanislav Grof, C.G Jung und die inneren Bilder höherer Ebenen

Stanislav Grof (geb. 1931) ist ein tschechisch-amerikanischer Psychiater und
einer der Begründer der transpersonalen Psychologie. Ursprünglich LSD-
Forscher in Prag, floh er in die USA, als psychedelische Forschung politisch
verboten wurde. Dort entwickelte er – gemeinsam mit Christina Grof – das
Konzept des Holotropen Atmens, um veränderte Bewusstseinszustände ohne
Substanzen zugänglich zu machen. Sein Lebenswerk umfasst über 60 Jahre
intensive Arbeit mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen, die er als
evolutionäre und heilende Potenziale des menschlichen Geistes verstand, nicht als
Pathologien. Grof liefert den psychologisch fundierten Schlüssel zum
»Höllenritt«: Er zeigt, dass innere Krisen – wenn tief genug durchlebt – keine
Störung sind, sondern Transformationseinladungen. Seine Idee der perinatalen
Matritzen (Geburtsphasen als Urstrukturen für spätere Erfahrungen) spiegelt das
Modell der Fixpunkte und Singularitätsknoten – beides sind tiefe Strukturen, die
unterhalb gesellschaftlicher Rahmen wirken. Grof legitimiert damit das hier
beschriebene Verständnis, dass sich Systeme nur wandeln, wenn das Individuum
durch den Resonanzkollaps hindurchgeht. Seine klinischen Erfahrungen mit
innerer Auflösung und Re-Faltung liefern somit einen Erfahrungsboden für die
MNO-Logik: Zyklus – Absturz – Integration – Emergenz. Wo klassische
Psychologie pathologisiert, erkennt Grof wie ich eine evolutionäre Bewegung.
Mitte der 9oer Jahre des 20. Jahrhunderts hatte ich selbst mehrfach die
Möglichkeit, mit meinem Freund, dem Wiener Psychotherapeuten Gerald
Kreutzbruck, einem direkten Schüler von Grof, jene psychischen Bilderwelten,
die für die Existenz von absoluten Fixpunkten im Universum sprechen, für mich
zu entdecken. Die Sitzungen mit Kreutzbruck waren, von meiner künstlerischen
Arbeit abgesehen, meine ersten direkten Ausflüge zu jener kosmischen Struktur
fließenden Denkens und der damit verbundenen inneren Traumwelten.
Schon C.G. Jung hatte Mitte des letzten Jahrhunderts eine Struktur aus höheren
und universellen Fixpunkten erahnt, als er von den Archetypen sprach. Doch
blieben Jungs archetypische Strukturen noch weitgehend unklar in ihrem Ge-
samtkontext, bezüglich des ganzen Universums. Jung war aber ohne Zweifel einer
der ersten Psychologen, die diese Struktur hinter der Seele, in deren kollektivem
und universellem Muster, erkannte. Er begriff diese jedoch zunächst als Struktur
ohne spezifischen Inhalt. Sie waren Platzhalter für Projektionen. Die Verbindung
zwischen Form und Inhalt wurde von ihm nicht als Ergebnis einer inneren
Dynamik erkannt, sondern er hielt die Archetypen für Kopien historischer
Urbilder. Er sah also nicht Bild und Gedanken, Schwingung und Form als
grundsätzliche Einheit, die zum Wesen allen Seins zählte.
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Die Archetypen waren weitgehend Projektionsflächen und in vielem getrennt vom
Selbst des Individuums. Das Selbst konnte zwar durch die Archetypen zu einer
narzisstischen Spiegelung gelangen. Die psychologische Forschung ver- stand
aber nicht, inwiefern die Archetypen reale und vor allem sich laufend ent-
wickelnde Strukturen der Seele waren.
Meine Arbeit führt Jungs Archetypenverständnis entscheidend weiter, indem sie
das, was er als kollektive Urbilder intuitiv erahnte, in ein systemdynamisches
Modell einbettet – nämlich die Fixpunkte als schwingungsbasierte Singularitäten,
aus denen emergente Realität hervorgeht. Während Jung die Archetypen als
strukturelle Leerformen verstand, die mit individuellen Projektionen gefüllt
werden, begreife ich Fixpunkte als konkrete energetisch-informationelle Knoten,
die nicht nur psychische Inhalte spiegeln, sondern das Universum in jedem
Maßstab organisieren – von der Zelle bis zur Gesellschaft.
       Wo Jung Form und Inhalt noch trennt, arbeite ich mit ihrer inneren
Koppelung: Fixpunkte sind nicht einfach Platzhalter, sondern ontologische
Verdichtungen – Momente, in denen Schwingung (Geist) zur Form (Materie)
wird. Das MNO-Modell ergänzt Jungs Archetypologie also um eine operative
Resonanzlogik, die zeigt, wie aus dem »Nichts« (dem unbestimmten Raum hinter
allen Archetypen) über die innere Dynamik von Differenzierung und Rückfaltung
Welt konkret entsteht.
Zudem überschreite ich den psychologischen Rahmen: Bei mir sind Fixpunkte
nicht nur psychische Phänomene, sondern physikalisch, sozial, ästhetisch und
ökonomisch wirksame Einheiten – multidimensionale Ordnungsimpulse, die
ganze Systeme neu falten können. Insofern steht meine Arbeit in direkter Linie zu
Grof, Jung und auch Deleuze, entwickelt ihre Ansätze aber weiter zu einem
strukturell integrierten, evolutionstheoretisch anschlussfähigen Modell von
Realität.
Der Mensch besaß also somit kein lebendiges, kollektives und universelles
Bewusstsein, sondern lediglich ein kollektives Unbewusstes, dass wie Schablonen
der Vergangenheit ein Überbleibsel der Sozialisation darstellte. Alles
Psychologische kam demnach immer von äußeren Erfahrungen und nie von
inneren Kernen. Jung und Reich zählten zwar zu jenen Schülern Freuds, die am
weitesten in den Bereich des Inneren vordrangen, aber der Großteil der modernen
Psychologie, die auf sie folgte, blieb stets in der Spaltung zwischen innen und
außen behaftet. Fast immer befasste sich die Psychologie mit Verletzungen, die
der Seele von außen zugefügt wurden. Wie aber das Innere entstand, ja was die
Seele über die Gehirnmasse und die Nervenbahnen hinaus sein sollte, blieb
weitgehend verschwommen. Erst in den letzten Jahrzehnten, mit Grof, Wilber und
vielen anderen, begann ein grundlegendes Umdenken. Die Ergebnisse meiner
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eigenen Reise zur archetypischen Ebene waren, als ich noch ca. 21 Jahre alt war,
Bilder wie das Folgende. (Abb. 28)

## Abb. 28

Sichtbar sind darin universelle Symbolwelten mit subjektiver, kollektiver und
absoluter Bedeutung. Diese, mithilfe von Grofs Methode entstandenen Bilder,
zeigen eine Verschmelzung zwischen den Träumen der höheren Ebenen,
kollektiven Träumen und meinen eigenen.
Anhand dieses Bildes möchte ich nun auch erläutern, wie unsere Träume mit der
dem Welterleben verwoben sind und wie universell die Verbindung sein kann.
Der Bär, der Delphin, das Meer, usw... sind universelle Fixpunkte, die sowohl mit
tatsächlichen physikalischen Erscheinungen als auch mit subjektiven Aspekten
und auch kollektiven Fixpunkten und Dynamiken verbunden sind. Nehmen wir
das Meer und gehen wir auf die Suche nach dem dazugehörigen Traum der
höheren Komplexitätsebenen der Singularität. In unseren kollektiven Träumen
finden wir den Traum von »Weite«. Doch was war nun vorher da? Die Weite oder
das Meer? Was wurde, nach diesem Gedanken, von wem geträumt, damit auf
kollektiver Ebene der Traum von der Weite entstand und auf der Ebene der
Materie das Meer sich herausbildete? Vielleicht träumten jemand von Licht oder
von Leere, von Stille? Gewiss waren es sehr einfache Dinge, die später immer
komplexer weitergeträumt wurden. Verstehen Sie das Prinzip, wie alles als
Übersetzung des einen Traumes entstehen könnte? Mensch und Natur sind darum
durch gemeinsame Fixpunkte, Träume und gemeinsame Bewegungskräfte
miteinander verbunden, in Augenblicken in denen beispielsweise ein solches Bild
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entsteht. Ich weiß nicht, ob der Ozean sich verändert wenn ich ein Bild davon
male, da ich eine schwächere Kraft bin, aber im Prinzip könnte dieses Bild hohe
Wellen schlagen, wäre ich mir der Verbindung mit jenem Ursprungstraum
bewusst. In umgekehrter Richtung aber hat das Meer als Fixpunkt einen großen
Einfluss auf mein Leben. Die Kraft strömt über das Meer und über meinen Traum
wieder zur Welt zurück. Verstehen Sie, wie die Träume durch uns hindurch
atmen? Wie sie uns vom Kern fort und wieder zurückführen. Verstehen Sie auch,
wie die 8 Stufen von Don Beck sich auf genau dieser Weise in Gesellschaften
entfalten? Es ist eine Idee, ein Sinnbild, eine Metapher für ein tiefer liegendes
physikalisches Prinzip, dass sich mir erste Jahre später entschlüsselte.
In dieser Zeit, als dieses Bild vom Meer entstand, war es die Kraft des Meeres,
die meine Gedanken in eine bestimmte Richtung führte. Mein Bewusstsein
wechselte mithilfe dieses Bildes auf eine andere Ebene. Plötzlich sah ich mein
Leben viel klarer. Ich konnte eine Richtung erkennen.
Das folgende Bild zeigt diese Resonanz zwischen innerem und äußerem
Erscheinen der Welt. Es zeigt, wie das eine das andere schafft, und umgekehrt.
Wobei das komplexere und universellere stets stärkeren Einfluss hat. Daraus
ergibt sich Entfaltungsrichtung und somit neue Ordnung. Das ist es, was gemeint
ist, wenn Indigene beispielsweise sagen, der Wind würde ihnen eine Geschichte
erzählen. Dann bringt der Wind das Bewusstsein auf eine andere Ebene. Das
Thema wird erhöht und bekommt aus der abstrakten Ebene heraus eine natürliche
Richtung, die in der von äußeren Grenzen verstellten Welt nicht auffindbar ist.
Der Ton ist klar zu hören. Das Rauschen verschwindet. In dem wir mit unseren
Wünschen näher an die Quelle rücken, also an universellere Themen, wird der
Ausdruck klarer. Wir erfahren, was wir eigentlich wollen, weil diese Klarheit von
oben wieder in die unteren Ebenen gespült wird. Das ist auch der Sinn jeder
Meditation beispielsweise.
Abb 29

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Grof spricht in einem solchen Moment von einem absoluten Bewusstsein. Es ist
der Augenblick, in dem Innen- und Außenwelt miteinander verschmelzen und
beide in bewusster Wechselwirkung zueinanderstehen. Das universelle und
absolute Thema wird zum Brennpunkt des Augenblicks. In diesem Brennpunkt
werden die dahinter liegenden Kräfte erkennbar.
Ich will damit nicht sagen, dass Träume direkt Materie erschaffen. Natürlich
nicht. Im MNO-Modell erkläre ich das Phänomen viel tiefgreifender. Wenn wir
jedoch die Singularität im Hintergrund erkennen, wird die Selbstähnlichkeit der
Muster der Natur verständlich und in dieser Selbstähnlichkeit, in dieser
Verwandtschaft ist es dann wieder konkreter zu sagen, dass alles aufeinander
einwirkt, weil alles zur Komplexität der Faltung aus der Singularität beiträgt.
Vermutlich auch Träume, also offene, kreative Prozesse.
David Bohm, »Wholeness and the Implicate Order” (1980) – führt das Konzept
eines impliziten Feldes ein, in dem alles mit allem verwoben ist. Sichtbare Realität
ist für Bohm nur eine entfaltete Faltung (explicate order) einer tieferliegenden
Ganzheit (implicate order). Stuart Kauffman, »Investigations” (2000) – zeigt, dass
Selbstähnlichkeit und rekursive Ordnungsbildung in biologischen Systemen nicht
durch äußere Steuerung, sondern durch innere Emergenzprozesse aus einem
»Raum des Möglichen« entstehen. → Träume wären in diesem Sinne kreative
Explorationspfade im Möglichkeitsraum, die reale Strukturen vorformen helfen.
Roger Penrose & Stuart Hameroff, »Orchestrated Objective Reduction” (Orch-
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OR) Theory – behaupten, dass Bewusstsein (und damit kreative Vorstellung, etwa
in Träumen) eine quantenbasierte Rolle in der Realitätsemergenz spielen könnte.
→ Diese These ist umstritten, aber liefert einen Brückenschlag zwischen innerem
Bewusstseinsprozess und objektiver Weltfaltung. → Meine Vorstellung von
Singularität + Faltung findet hier eine frühe physikalisch-philosophische
Parallele. Yakir Aharonov et al., »Two-State-Vector Formalism” (2002) – in der
Quantenmechanik zeigen sie, dass zukünftige Zustände rückwirkend die
Gegenwart beeinflussen können (time-symmetric interpretations). → Diese
Perspektive macht es denkbar, dass »zukünftige Muster« (z. B. geträumte
Möglichkeitsfiguren) rückwirkend an der Realität mitfalten. Michael Levin,
»Endogenous bioelectric signals as epigenetic determinants of cell behavior”
(2009) – zeigt, dass formbildende Impulse im Körper nicht rein genetisch, sondern
durch Felder und Muster innerer Kohärenz gesteuert werden. → Das spricht für
eine strukturierte, resonanzartige Entfaltung von Form, die mit meinem Modell
von fixpunktbasierter Faltung korrespondiert.

Die Bildung von Rahmen durch Spaltung, Abhängigkeit, Wertung, Distanz
und Gleichschaltung

Es gibt fünf wesentliche Strategien der Dissoziation, die jene Strukturen des
Inneren verhindern, die ich zuletzt beschrieb. Sie wirken im menschlichen Geist
wie eine Öltankerkatastrophe in den Weltmeeren. Sie blockieren den freien Fluss
der Werte, lähmen die Energie und führen in die Dissoziation. Sie erzeugen eine
Welt, die möglichst weit von der Quelle entfernt angesiedelt wird und somit ihren
geistigen Ursprung selbst nicht mehr erkennen kann. Das Ergebnis ist eine Welt,
welche die Quelle ihres Seins dort sucht, wo die Menschheit niemals zu sich selbst
findet. Leider sind diese fünf die beliebtesten Werkzeuge moderner Politik. Es
geht um Spaltung, Abhängigkeit, Wertung, Distanz und Gleichschaltung.
Es sind die fünf Grundlagen äußerer Ordnung. Solange diese Teile der
Gesellschaftsordnung sind, kann eine aus heutiger Sicht freie Gesellschaft nicht
entstehen.
Diese fünf sind, wie Gegenwellen die inneren Blockaden entstammen und diese
verstärken. Sie sind heute leider in allen Bereichen der Gesellschaft zu finden und
werden auch in der Demokratie ständig angeordnet und umgesetzt. An diesen fünf
Strategien wird das Grundproblem deutlich, warum moderne Gesellschaftsformen
Wirtschaft und Kultur schwächen und den inneren Frieden stark verletzen. Sie
sind das Gift, dass dem »Wir« und den höheren Innovationen täglich verabreicht
wird.
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Wenn eine Gesellschaft auf Angst beruht, läuft stets ein automatisches Programm
ab, das immer zur Bildung von schädlichen Mustern führt. Wenn wir lernen, diese
fünf Strategien in ihrer Bedeutung rechtzeitig zu erkennen und zu neutralisieren,
werden wir bemerken, dass fließendes Denken wesentlich leichter fällt. Neben
dem integralen Streben, gehört die Auflösung dieser fünf ganz wesentlich zu den
Arbeiten, die geleistet werden müssen. Diese fünf dürfen nicht mehr in unseren
Systemen enthalten sein. Kein Gesetz, keine Institution darf mehr auf diesen
begründet sein.
Alle fünf gehören zu einem Zyklus. Das eine führt jeweils zum anderen. Spaltung
führt zu Abhängigkeit - der Mensch wird damit an einer äußeren Kategorie
festgemacht. Er wird abhängig von den Auswirkungen der Spaltung, wird zum
Spielball und verliert natürlichen Selbstwert. Chantal Mouffe, »The Democratic
Paradox« (2000) – zeigt, wie moderne Demokratien auf einem agonistischen
Grundkonflikt beruhen, der oft zur destruktiven Feindbild-Spaltung entgleitet,
statt echte Pluralität zuzulassen. Jonathan Haidt, »The Righteous Mind« (2012) –
erklärt, wie moralische Tribalismen entstehen und Gruppen sich gegenseitig
entmenschlichen, was die »Selbstwerdung« ganzer Gesellschaften blockiert.
Spaltung ist stets das Verhindern von Selbstbestimmung. Michel Foucault,
»Überwachen und Strafen« (1975) – beschreibt, wie Disziplinarmechanismen
Abhängigkeit erzeugen, indem sie innere Selbststeuerung durch äußere
Kategorisierung und Macht ersetzt. Byung-Chul Han, »Psychopolitik« (2014) –
analysiert, wie moderne Macht durch freiwillige Selbstkontrolle und
algorithmische Abhängigkeit wirkt, nicht durch Zwang – was meine These vom
»Spielball-Sein« gut ergänzt.
       Abhängigkeit führt zu Wertung. Wenn Sie Ihren eigenen Wert nicht mehr
selbst bestimmen können, müssen Sie pausenlos andere werten, um wenigstens
immer besser da zu stehen. Medien sind beispielsweise heute gigantische
Wertungsmaschinen. Weil sie von der Abhängigkeit der Massen vom
Bewertungszwang leben. Wertung führt zu Distanz - Distanz ist die natürliche
Folge auf den Wertungszwang. Das Äußere berührt innerlich nicht mehr. Dies
wiederum entfremdet uns vom Augenblick und erweckt den Eindruck, die Welt
dort draußen sei nicht veränderbar. Man müsse sie nehmen, wie sie ist. René
Girard, »Das Heilige und die Gewalt« (1972) – beschreibt die mimetische
Wertung: Menschen begehren, was andere begehren, wodurch Konkurrenz,
Gewalt und Bewertungsspiralen entstehen. Erich Fromm, »Haben oder Sein«
(1976) – argumentiert, dass Gesellschaften, die das »Haben« über das »Sein«
stellen, zwangsläufig in externe Bewertungslogiken kippen, die den inneren
Menschen schwächen. Distanz schafft Zynismus. Distanz führt zu

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Gleichschaltung. Wir werden ignorant und globalisieren alles. Die Massenmärkte
bedienen somit einen äußeren Markt, der nur künstlich durch Spaltung,
Abhängigkeit, Wertung und Distanz aufrechterhalten wird. Diese äußere
Dynamik aber geht immer auf Kosten der Menschen. Es wird stets Struktur
abgebaut. Hartmut Rosa, »Resonanz« (2016) – erklärt, wie strukturelle
Entfremdung (durch Institutionen, Ökonomisierung, Geschwindigkeit) zu
emotionaler, sozialer und ökologischer Resonanzlosigkeit führt. Eva Illouz,
»Kalte Intimitäten« (2007) – analysiert, wie medialisierte Gesellschaften Nähe
simulieren, aber faktisch Distanz kultivieren. Herbert Marcuse, »Der
eindimensionale Mensch« (1964) – kritisiert, dass spätkapitalistische
Gesellschaften jede Andersartigkeit nivellieren und dadurch ihre eigene
Weiterentwicklung sabotieren. Scott E. Page, »The Diversity Bonus« (2017) –
liefert empirische Belege dafür, dass Homogenisierung in Wirtschaft und Politik
zu massiven Innovationsverlusten führt – Vielfalt ist systemisch überlegen. Die
Gleichschaltung ist überall zu erkennen, wir finden sie heute besonders im
Populismus.
An diesen fünf aber sehen wir, wie perfekt die Dissoziation funktioniert und wie
wir sie zur Grundlage unserer Welt gemacht haben. Gregory Bateson, »Steps to
an Ecology of Mind« (1972) – beschreibt, wie kognitive Ökosysteme durch
systemische Dissoziation kollabieren; diese fünf Schritte lassen sich als eine
»negative Rückkopplungskaskade« in diesem Sinne interpretieren. Solange diese
fünf in den Systemen dominieren, bleibt innere Freiheit in einer Bevölkerung
schwer umsetzbar. Es werden also systematisch Ungerechtigkeiten erzeugt.
An diesen fünf sehen wir schon, wie sehr unsere Institutionen, unsere
Regierungen, unsere Schulen und unsere Wirtschaft von der Verwirklichung
unserer Träume entfernt sind. Spaltung, Abhängigkeit, Wertung, Distanz und
Gleichschaltung verhindern, dass wir uns von äußeren Erscheinungen der Welt
lösen und zu wahrer Freiheit finden. Sie halten ganze Gesellschaften in sich
gefangen in einem Teufelskreis der Selbstzerstörung. Immer darauf aufgebaut den
Traum des anderen zu zerstören, weil man sich selbst nicht verwirklichen konnte.
Nach dem Motto: »Du bist nichts wert! Du bist von mir abhängig! Du unterliegst
meinem Weltbild! Du berührst mich nicht! Du bist austauschbar!« Dies wird uns
am laufenden Band auf oft subtile Weise von der Politik, der Wirtschaft, der Justiz
und sogar von den Religionen gesagt. Und da wundern wir uns über soziale
Krisen, das Scheitern von Wirtschaft und Politik eine stabile Grundordnung
herzustellen die dem Menschen in seiner Entwicklung dienlich ist.
   Die Fotografie als Beispiel für die Dominanz wenig komplexer Bilder in den
                                       Medien

                                       130

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Lassen sie mich kurz auf ein typisches Beispiel der Dominanz oberflächlicher
Weltbilder zu sprechen kommen. Die Fotografie, also die Grundlage des
Fernsehens, ist ein gutes Beispiel dafür, wie der moderne Mensch komplexe
Wirklichkeiten und innere Kräfte durch den übermäßigen Einsatz wenig
komplexer Bildmittel so weit reduzierte, dass Parallelwelten in globalem Maßstab
entstanden, die Gesellschaften sehr weit vom Hier und Jetzt entfernten. Die
Geschichte des fotografischen Weltbildes zeigt sehr gut, wie wir das Innere vom
Äußeren zu trennen lernten. Unsere moderne Gesellschaft ist von den
fotografischen Medien stark geprägt. Denken Sie nur daran, wie sehr die Politik
sich          heute        nach           den          Medien          ausrichtet.
       Vilém Flusser, »Für eine Philosophie der Fotografie« (1983) → zeigt, dass
die Fotografie ein »apparatives Weltbild« erzeugt: Realität wird zur kodierten
Oberfläche, die das Denken kanalisiert. Die Kamera ersetzt die Tiefenstruktur
durch programmierte Perspektiven – der Mensch wird zum Funktionär des
Apparats. Susan Sontag, »On Photography« (1977) → argumentiert, dass Fotos
eine Illusion von Wissen und Nähe erzeugen, während sie eigentlich Distanz und
Passivität verstärken. Der fotografische Blick wird zur Ersatzhandlung, ersetzt
Erfahrung durch Repräsentation. Guy Debord, »La société du spectacle« (1967)
→ kritisiert, dass moderne Gesellschaften sich nicht mehr durch gelebte Realität,
sondern durch Bilder und Reproduktionen organisieren. Das Spektakel ersetzt das
Leben. Politik wird zu einer Inszenierungsmaschine, geprägt durch mediale
Sichtbarkeit.
Die Fotografie war das Medium der Moderne, das einem ermöglichte, ohne große
gestalterische Vorkenntnis, also ohne direktes Bewusstsein, über die Gestaltung
einer Realität, ein Bild von der Welt zu machen. Der Knipser hielt die Welt fest
und band sie in einen Rahmen, ohne wirklich jemals bewusst an dem Ort gewesen
zu sein an dem die Aufnahme entstand, weil er diesen durch die Linse wahrnahm.
Der Fotograf ist der Stereotyp des Menschen, der die Welt durch Rahmen
betrachtet. Der Großteil der heute sichtbaren Fotografie hat sich unendlich weit
von der Auseinandersetzung mit dem inneren Augenblick entfernt, was vor allem
an der Reproduzierbarkeit der Fotografie liegt. Anders als die Malerei bedarf es
als Grundlage keiner authentischen Erfahrung mehr, sondern kann weitgehend
automatisch passieren. Somit entfernt sie sich wesentlich schneller vom Kontext
des Augenblicks, weil sie von Kontext unabhängig in jedes Medium transferiert
werden kann, ohne die Herkunft preiszugeben. Die Fotografie stellt von sich aus
eine Schablone des Wirklichen, eine Spur der materialistischen Realität dar, wie
Susan Sontag 7 es formuliert. Dadurch gibt sie dem Sichtbaren, weniger dem
Vorstellbaren, den Vorzug. Es werden also sowohl wesentliche Fixpunkte

7
    Susan Sontag / Kulturkritikerin / Buchtitel: „Über Fotografie“/ Fischer Verlag
                                                       131

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ausgeklammert, als auch globale Rahmenvorstellungen wesentlich schneller
etabliert. Die Fotografie an sich, in Form global agierender Medien, verfälscht
unser Bewusstsein erheblich. Die Welt wird somit auf wenige Zusammenhänge
reduziert. Dennoch haderte die Kunstfotografie lange Zeit mit eben diesem
Paradoxon, wie das sehr bekannte Bild von Joseph Kosuth zeigt. Es entstand 1965
und heißt »Einer und drei Stühle«. Es zeigt das Foto eines Stuhls, den echten Stuhl
und dessen Wortdefinition. In der Moderne aber bleibt dieser Konflikt der
Rahmen ungelöst, in denen die geistige und die materielle Betrachtung der

Abb.30
Realität gegensätzlich zueinanderstehen. Es ist, als hadere das Sein damit, seinen
Ursprung als geistig anzuerkennen. Es ist eine Verwirrung zwischen innerer und
äußerer Definition, die im Wesen der Fotografie liegt. Eine Verwirrung zwischen
dem künstlerischen Anspruch mehr darzustellen als das Sichtbare und dem neuen
Realismus in dem Medium Fotografie, der die Wirklichkeit mehr und mehr auf
das oberflächliche Äußere reduzierte.
Es ist, seitdem ich dieses Buch 2005 schrieb, ist nun 2025 in Sachen sozialer
Medien und KI unendlich viel mehr passiert, so gesehen kein Zufall, dass die
Medien immer häufiger als Lügner entlarvt, und dem fotografischen Bild immer
weniger getraut wird. Sobald der Fotografie der Boden unter den Füßen endgültig
fortgezogen wird, könnte es auch passieren, dass die Menschheit auch das
fotografische Weltbild verwirft. Man denke dabei an den ersten Irakkrieg, in dem
die Perfektion der fotografischen Täuschung zu einer Infragestellung des Krieges
                                       132

<!-- PDF page 133 -->

und zu einem tiefen Misstrauen gegenüber dem offiziellen Weltbild führte. Man
denke aber auch an den Wahlkampf von Donald Trump.
Die Krise des fotografischen Bildes, das immer weniger als Beweis für einen
Tatbestand gilt, dass zum erlaubten, bewussten Fake geworden ist, ist auch die
Krise des Realismus im Allgemeinen. Insofern müsste man das, was heute unter
Medienkompetenz an Schulen unterrichtet wird, auf die Wahrnehmung der
Wirklichkeit an sich erweitern. Aus dem größeren Zusammenhang heraus
betrachtet, ist die Entwicklung vom Krieg der Bilder im Fernsehen, beginnend
mit Vietnam und dem ersten Irakkrieg, bis zur Einführung der Medienkompetenz
in den Schulen, bereits ein deutliches Indiz für den Wandel von der dissoziierten
zur differenzierten Phase. Der Mensch erwacht vom unbewussten Betrachter zum
bewussten Gestalter seiner Welt. Er überwindet seine Rahmen und findet wieder
zu seiner eigenen Wahrnehmung.

## Zusammenfassend

Bisher habe ich festgestellt, dass die Freiheit des Denkens in jeder Hinsicht
wortwörtlich als Grundlage der Welt zu verstehen ist. Nicht nur, dass unsere
persönliche Freiheit darauf beruht, sondern auch die Schöpfung des Universums
ist darauf aufgebaut. Ich habe klargemacht, dass die innere Ordnung der Welt
immer gegenüber dem äußeren Vorrang haben muss, zumindest gleichwertig
behandelt werden sollte und im Laufe der Evolution Gesellschaften entstehen, die
sich nicht mehr gegen die Selbstbestimmung des Seins wenden, sondern diese als
innere Kraft des »Wir« verstehen. Innenwelt und Außenwelt werden zu einer
Schöpfung.
Bevor ich zum konkreten Aufbau einer solchen Gesellschaftsordnung komme, als
Akt gegen Populismus, Donald Trump, 9/11 und den Wahnsinn der Welt, möchte
ich tiefer in die Dynamik der inneren Ordnung der Welt vordringen. Sie sollen
besser verstehen können, wie alles zusammenhängt, ja wie sich aus großer Vielfalt
hoch komplexe Ordnung bildet, ohne von außen gelenkt zu werden. Ich möchte,
dass Sie daraus Vertrauen in die Schöpfung entwickeln und sich selbst als
wichtigen Teil davon erkennen können, wenn Sie das möchten.

         Der innere Aufbau des Kosmos als Grundlage der Freiheit

                                      133

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Gehen wir heute nicht mehr davon aus, dass das Universum »von außen«
aufgebaut ist – also durch starre Materie, objektive Kräfte und externe Gesetze –
, sondern von innen her: als ein dynamisches Feld sich entfaltender Resonanz. Im
Zentrum dieser Perspektive steht kein mechanisches Weltbild, sondern eine
Singularität, aus der sich Realität zyklisch entfaltet – über rhythmische Phasen
von Differenzierung, Auflösung und Neubildung.
Was wir als »Materie« erleben, ist in dieser Sicht nur eine niedertaktige
Verdichtung höherer Schwingungsstrukturen. Die Welt wäre dann nicht aus
festen Dingen gebaut, sondern aus Fixpunkten in einem fließenden Feld, aus
Mustern, die wie Wellenknoten immer wieder auftauchen, vergehen und sich neu
organisieren. Diese Strukturlogik, wie ich sie im MNO-Modell beschreibe,
bedeutet: Das Universum ist kein statisches Gebilde, sondern eine Faltung, in der
jeder Teil mit jedem anderen rückgekoppelt ist – vom subatomaren Impuls bis
zum politischen System, vom inneren Bild bis zur äußeren Form.
Freiheit entspringt in diesem Modell nicht durch Abgrenzung, sondern durch
Einbindung in diese strukturelle Offenheit. Nur wer mit seinem inneren Fixpunkt
verbunden ist, kann sich auf schöpferische Weise entfalten, ohne andere zu
unterdrücken. Die Idee eines »höheren Wesens« verliert dadurch ihren
moralischen Ballast – sie ist keine äußere Autorität, sondern der Name für die
universelle Resonanzquelle, an die jede authentische Freiheit rückgebunden ist.
Denn: Freiheit ohne gemeinsamen Ursprung führt zur Willkür. Wenn wir nicht in
einer tieferen Ordnung von Sinn und Struktur verbunden sind – einer Ordnung,
die auf Prinzipien wie Selbstähnlichkeit, Resonanz, Liebe, Schönheit und
Gerechtigkeit beruht –, wird der Wille des Einzelnen zwangsläufig zur Gefahr für
den Willen des Anderen.
Die innere Struktur des Kosmos, wie sie sich im MNO-Modell offenbart, ist
deshalb keine metaphysische Spekulation, sondern die systemtheoretische
Grundlage einer freiheitsfähigen Gesellschaft. Wer sie ignoriert, fällt zurück in
äußere Kontrolle, Machtlogik und Zwang. Wer sie erkennt, beginnt von innen zu
wirken – und eröffnet der Welt neue Ordnungsformen jenseits der alten
Paradigmen.
Verstehen Sie, dass die materiellen Gemeinsamkeiten als Weltordnung versagt
haben, weil der Urknall, oder der Bankautomat als Quelle allen Seins und als
Garant für die Freiheit unserer persönlichen Existenz nicht ausreicht. In einer
Welt, in der alle vom Bankautomaten abstammen, werden Geldscheine regieren
und soziale Ziele verschwinden.
Ohne einen gemeinsamen Ursprung, der im Inneren liegt, würden Gesellschaften
nie die Freiheit erlangen, weil sie immer versuchen würden, die Freiheit der Bösen
                                       134

<!-- PDF page 135 -->

oder Andersdenkenden zu beschneiden, weil sie in deren Existenz keinen Sinn
erkennen. Wir könnten den anderen nicht verstehen. Wir könnten nicht erkennen,
dass hinter seinen Motiven universelle Qualitäten, wie die Suche nach Wahrheit
oder Gerechtigkeit liegen. Wir würden nur sehen, wie einer anders handelt, als
wir es für richtig halten. Wir würden werten, spalten usw... Darum braucht der
Mensch einen gemeinsamen, universellen Sinn. Jetzt bleibt nur noch die Frage,
wie dies auch als Grundlage des Universums an sich begriffen werden kann. Dies
ist notwendig, um den Realisten daran zu hindern, die Freiheit grundsätzlich als
alleinig menschliche Frage zu verwerfen und diese nicht als Frage der Existenz
an sich zu begreifen. Ich will nun versuchen, verständlich zu machen, warum man
die Gesellschaft auf der Entfaltung der Freiheit begründen kann und es nicht
zwingend ist, die politischen Modelle von äußeren Regeln einer statischen
Materie abzuleiten oder von der Menge des vorhandenen Geldes.
Einer der bedeutendsten Vordenker einer strukturell verstandenen Ästhetik war
der Architekt und Systemdenker Buckminster Fuller. In seinen geodätischen
Kuppeln und dem Dymaxion-Haus versuchte er, die energetische Logik von Form
und Raum wieder mit einer kosmischen Ordnung zu verknüpfen – jenseits der
rein funktionalen Moderne. Was auf den ersten Blick wie eine statische
Hüllenstruktur wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als verkörperte
Resonanzform: ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Zug und Druck,
zwischen Zentrierung und Ausweitung. Aus heutiger Sicht – im Licht der MNO-
Theorie – lässt sich Fullers Architektur als dreidimensionale Faltung einer
Singularitätsstruktur lesen. Jeder Knotenpunkt, jeder Stab, jede Linie erfüllt darin
nicht nur eine technische, sondern eine ontologische Funktion: Er ist Ausdruck
eines inneren Fixpunktes, der – im Zusammenspiel mit anderen – ein stabiles
Ganzes emergieren lässt. Die Ordnung ergibt sich nicht aus dem Einzelteil,
sondern aus der kohärenten Spannung zwischen Teilen und ihrer gemeinsamen
Ausrichtung auf einen unsichtbaren Mittelpunkt.
Dieses Denken ist zentral für meine Arbeit: Es macht sichtbar, dass Struktur nicht
von außen »gebaut« wird, sondern aus innerer Notwendigkeit heraus entsteht –
durch Resonanz, Reduktion auf das Wesentliche und konsequente Orientierung
am Fluss der Kräfte. Fullers Kuppeln zeigen, was MNO theoretisch fasst: Freiheit
und Ordnung entstehen nicht im Widerspruch, sondern als kooperative
Realitätsfaltung entlang von Fixpunkten, die tief im Inneren verankert sind – nicht
äußerlich diktiert. Erst wenn jeder Teil in Resonanz mit seinem Ursprung steht,
entsteht ein System, das sich selbst trägt – und frei ist.
Abb. 31

                                        135

<!-- PDF page 136 -->

Es ist stets das Zusammenspiel von Kräften und Punkten. Wobei der Begriff Punkt
natürlich eine Vereinfachung ist. Es handelt sich vielmehr dabei um Bündelungen
und Begrenzungen von Kräften in einer bestimmten konkreten Qualität des
Moments.
Bewegung in einem geschlossenen, resonanten System erzeugt immer Struktur.
Denn sobald Impulse, Kräfte oder Schwingungen nicht in einen leeren Raum
entweichen, sondern rückgekoppelt werden, beginnen sie, geometrische Muster
auszubilden – Ordnungen durch Interferenz. Das Universum, so wie ich es im
MNO-Modell beschreibe, ist kein leerer Behälter, sondern ein strukturell
gefalteter Möglichkeitsraum, in dem jede Bewegung auf Widerhall trifft.
Zwischen Impuls und Gegenimpuls – zwischen Singulärem und Systemischem –
entfalten sich Formen, Kräfte, Richtungen.
Die Vorstellung eines »formlosen Nichts«, wie sie das klassische mechanische
Weltbild nahelegte, ist aus dieser Perspektive überholt. Selbst »Zerstörung«
erzeugt im geschlossenen Feld neue Faltungen – neue Ordnung, neue Sinnachsen.
Denn das Feld bleibt voll, und jede Bewegung innerhalb dieses gefüllten Raums
zwingt zu Differenzierung. In diesem Sinne ist Sinn keine moralische Kategorie,
sondern eine emergente Eigenschaft geschlossener Systeme mit innerem Aufbau.
Daher ist es möglich – und notwendig – der natürlichen Bewegung der Fixpunkte
zu vertrauen. Sie folgen keiner äußeren Steuerung, sondern der inneren Geometrie
der Singularität, die sich über Zeit, über Relationen, über komplexe
Rückkopplungen hinweg entfaltet. Diese Ordnung ist dem Augenblick oft nicht
sichtbar, aber sie wirkt – als leiser, strukturierender Hintergrund jedes realen
Geschehens.
                                      136

<!-- PDF page 137 -->

Der einzelne Mensch trägt darin eine unersetzliche Rolle: Sein innerer Fixpunkt
ist nicht beliebig, sondern ein einzigartiger Teil der Gesamtgeometrie des
Kosmos. Ohne ihn würde das Ganze anders – und ärmer – gefaltet sein. Es ist also
kein esoterischer Gedanke, sondern eine strukturelle Notwendigkeit, zu sagen:
Jeder Mensch trägt ein Stück universeller Ordnung in sich. Und jede seiner
Bewegungen – wenn sie aus diesem Fixpunkt kommt – formt den Raum um ihn
neu. So entsteht Form. So entsteht Richtung. Und so entsteht aus scheinbar
chaotischer Bewegung Gestalt, Sinn, Wirklichkeit.
Die Freiheit in einem geschlossenen System das auf Wandlung beruht, liegt in der
ewigen Dynamik dieses Systems. Auf jede Aktion erfolgt eine Reaktion. Ein
offenes System aus voneinander unabhängigen Teilen hingegen ist stets von
äußeren Impulsen abhängig, weshalb jeder Aspekt darin sich stets im leeren Raum
erschöpft und sich nie vollkommen entfalten kann. Darum ist ein ganzheitliches
Weltbild als die Folge eines geschlossenen Systems die Grundlage einer freien
Gesellschaft, während das materialistische Weltbild beispielsweise dies niemals
sein kann. Im einen kann der Einzelne mit Leichtigkeit alle Aspekte des Seins
durchschreiten, weil er mit diesen sowieso in Wechselwirkung steht und somit
von diesen als Einzelwesen nicht trennbar ist, während in dem anderen System
die Freiheit von äußerer Energiezufuhr begrenzt ist. Die eine Gesellschaft lebt aus
der eigenen Lebendigkeit heraus, während die andere nur über Geld,
Energiekraftwerke, Wirtschaftswachstum und politische Regulierung
funktioniert. Immer aber muss dieses System zusammenbrechen, wenn eine
externe Energie- oder Kontrollquelle versagt. Sind alle Energiequellen der Natur
verbraucht, wird schließlich der menschliche Geist ausgebeutet und verbrannt.
Abb 32

                                       137

<!-- PDF page 138 -->

Die größte Herausforderung des Lebens, ist das Vertrauen auf den Sinn der
eigenen Existenz, was unmittelbar den Sinn der Freiheit definiert. Das Problem
ist unser mangelndes Bewusstsein, dass die unmittelbare Ordnung nicht erkennen
kann und deren Entstehung darum behindert. Dies hat zwar ebenfalls Sinn.
(Dissoziation) Aber dieser ist schmerzhaft. Tatsache ist, dass wir heute noch nicht
sagen können, was passiert, wenn wir die Angst in Gesellschaften erlösen.
Wahrscheinlich ist aber, dass neue Ordnung entsteht. Chaos hingegen ist die Folge
von Begrenzung und Kontrolle des Inneren.
Die Vorstellung eines geometrisch gefalteten, in sich geschlossenen Universums
ist kein modernes Konzept – sie zieht sich als implizite Erkenntnislinie durch alle
Hochkulturen. Man findet sie nicht in Texten, sondern in Stein eingeschrieben: in
den ägyptischen Pyramiden, den harmonischen Proportionen griechischer
Tempel, in den axialen Ordnungen der Inka-Architektur. Diese Kulturen
schöpften nicht aus abstraktem Fortschrittsglauben, sondern aus einem inneren
Weltverständnis: Sie waren Ausdruck einer resonanten Rückbindung an die
verborgene                Geometrie                   des                 Kosmos.
                                       138

<!-- PDF page 139 -->

       Was wir als »spirituelle Kraft« bezeichnen, war vielleicht in Wirklichkeit
das Erleben eines geschlossenen Systems innerer Bewegtheit – ein intuitives
MNO-Verständnis vor dem MNO. Diese Systeme hatten zwar oft mythische
Gottheiten als Projektionsfläche, doch dahinter verbarg sich etwas Tieferes: der
Wille universeller Prinzipien, aus denen sich Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit,
Schönheit und Liebe nicht als moralische Postulate, sondern als
Fixpunktkonfigurationen innerhalb eines strukturierten Weltfelds ableiteten.
       Im Lauf der kulturellen Evolution erkannte der Mensch zunehmend sich
selbst als Träger dieses Willens – nicht mehr Gott außerhalb, sondern die
Singularität im Innern. Der freie Wille konnte dadurch nicht mehr von außen
legitimiert, sondern musste aus innerer Resonanz zur kosmischen Ordnung
gewonnen werden.
       In späteren, dissoziierten Phasen – etwa im Niedergang des römischen
Imperiums oder heute – verlor sich diese Rückbindung. Geometrie wurde
Oberfläche statt Tiefenform, Proportion zur Fassade, Werte zu leeren Rahmen
ohne Ursprung. Man sah nur noch die äußere Funktion, nicht mehr das innere
Faltungsprinzip. Die natürliche Ordnung der Wandlung – das zyklische Spiel
zwischen Emergenz und Rückfaltung – wurde durch linearen Pragmatismus
ersetzt.
       Heute begehen wir denselben Fehler auf systemischer Ebene: Wir halten
offene Marktstrukturen für freie Systeme, während sie in Wahrheit oft fixierte
Resonanzblockaden sind. Sie simulieren Dynamik, reproduzieren aber nur
Oberfläche. Deshalb verlieren wir uns – als Gesellschaft, als Individuen – in der
Unverbindlichkeit des Äußeren, statt im Inneren eine Ordnung zu erkennen, die
uns trägt.
Die Geometrie der Freiheit ist kein Gesetz von außen. Sie ist eine Folge der
Synchronisierung mit der inneren Struktur des Kosmos – und nur wer diese
Ordnung in sich selbst wieder findet, kann sie auch gesellschaftlich verwirklichen.
Mit dem Aufkommen des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes –
geprägt durch Newtons Gravitation, Teilchentheorie und das Postulat eines leeren
Raumes – verlor sich die Vorstellung eines harmonikalen, schwingenden
Universums. Die Welt wurde zunehmend als mechanistisches Aggregat aus
Masse und Kraft verstanden, nicht mehr als strukturierte Faltung eines inneren
Resonanzfeldes. Damit verschwand auch der Bezug zur kosmischen Geometrie,
wie ihn Hochkulturen intuitiv kannten und durch Architektur, Musik und
Symbolsysteme                 zum             Ausdruck                 brachten.
       Doch diese Geometrie der Resonanz, dieser modulare Aufbau aus sich
selbst heraus, ist nicht verschwunden – er hat sich nur unter der Oberfläche
versteckt. Wenn wir dem MNO-Modell folgen, erkennen wir: Nicht Masse,

                                       139

<!-- PDF page 140 -->

sondern Resonanz ist die Grundmatrix der Wirklichkeit. Form ist nicht das
Ergebnis äußerer Anordnung, sondern Verdichtung innerer Schwingungsmuster
–        Fixpunkte,        die        sich        im         Feld       stabilisieren.
       Diese Idee lässt sich auch auf die historische Entwicklung geometrischer
Modelle anwenden. Die fünf platonischen Körper, über Jahrtausende als
symbolische Strukturträger verehrt, wurden im 20. Jahrhundert von Louis Locher-
Ernst um weitere regelmäßige Polyeder ergänzt. Aus heutiger Sicht erscheinen sie
nicht als esoterische Spekulation, sondern als morphologische Ankerpunkte in
einem Schwingungskontinuum: geometrisierte Frequenzattraktoren, die
bestimmte                            Zustände                           stabilisieren.
       Man könnte sagen: Diese Polyeder bilden eine Tonleiter des Universums,
in der jeder Körper für eine markante Frequenz oder eine bestimmte
Faltungsstruktur steht. Sie helfen zu verstehen, wie aus scheinbar abstrakter
Resonanz konkrete Form wird – wie aus fixpunktartigen Singularitäten emergente
Ordnung entsteht. Das ergänzt auch die Befunde der Fraktalgeometrie
(Mandelbrot), in der Differenzierung und Selbstähnlichkeit koexistieren: das
Einzelne wird kleiner, detailreicher, verliert aber nie den Bezug zum Ganzen.
       Doch während Mandelbrot den formalen Teil dieser Struktur sichtbar
machte, blieb das Medium der Faltung – die energetische Bewegung zwischen
Kern und Feld – unbenannt. Hier setzt meine Arbeit an: In der MNO-Theorie wird
diese Bewegung als oszillierende Resonanz zwischen Singularität (Kern) und
differenzierendem Feld beschrieben. Die Polyeder wären dann nicht bloß Formen,
sondern strukturelle Knotenpunkte in einer geschlossenen Resonanzmatrix, in der
Geist     und    Materie      nicht     getrennt,    sondern      phasenverschobene
Erscheinungsformen                 derselben               Struktur              sind.
       Wenn wir etwa an die sphärischen Weltbilder der Renaissance denken –
mit ihren Planeten, eingebettet in kristalline Polyeder –, erkennen wir heute: Diese
Darstellungen lagen falsch in ihrer mechanischen Annahme, aber richtig in ihrer
strukturellen Intuition. Es sind nicht die Bahnen, die polyedrisch verlaufen – es
ist die Schwingung des Raumes selbst, die sich in diesen Formen ausdrückt.
       In der MNO-Lesart sind Polyeder und Sternpolyeder somit
Schwingungsbrücken: Sie markieren die Resonanzverhältnisse zwischen einem
differenzierten Fixpunkt und seinem Umfeld. Zwischen Innerem und Äußerem
entsteht so Form – nicht als statisches Ding, sondern als temporäre Verdichtung
im Fluss der Singularität. Und darin liegt der Ursprung aller komplexen Gestalt,
vom               Kristall              bis             zum               Menschen.
       Die sogenannten platonischen Körper, jene vollkommenen, regelmäßig
geschlossenen Polyeder, tauchen in gestalteter Form bereits um 3000 v. Chr. in
Schottland auf – als kleine steinerne Artefakte, deren Bedeutung bis heute
rätselhaft scheint. Doch ihre bloße Existenz beweist: Das Wissen um

                                         140

<!-- PDF page 141 -->

geometrische Urformen als Träger kosmischer Ordnung war keine Erfindung der
Griechen, sondern Ausdruck eines viel älteren, intuitiven Verständnisses: dass
Form, Schwingung und Sinn miteinander verbunden sind.
Auch in Ägypten, mit dem mathematisch exakten Aufbau der Pyramiden, in der
pythagoräischen Schule, der mittelalterlichen Alchemie, der Kabbala, und nicht
zuletzt in der modernen Kunst (man denke an M. C. Escher oder Salvador Dalí)
finden wir dieses Wissen wieder – immer in jenen Phasen, in denen Kulturen nicht
bloß funktional, sondern strukturell resonant mit ihrer Welt zu werden versuchten.
       Diese Formen sind keine mystischen Symbole, sondern Resonanzfiguren
innerhalb eines gefalteten Universums. Ihre Modularität erlaubt es, aus wenigen
Grundschwingungen komplexe Faltungen hervorzubringen – und genau das
erklärt, warum sich die Geometrie der Pythagoräer in jeder natürlichen Form, in
jeder lebendigen Gestalt wiederfindet. Denn Form ist Schwingung, und
Schwingung ist nichts anderes als gerichtete Bewegung im Resonanzfeld.
Ordnung und Dynamik sind daher keine Gegensätze, sondern zwei Perspektiven
auf                  denselben                  kosmischen                  Prozess.
       Auch Gedanken, Emotionen, Absichten – selbst unser Wunsch, eine Welt
zu gestalten – sind in dieser Sicht geometrisch gefaltete Muster. Sie bestehen nicht
aus Dingen, sondern aus Phasen, aus Wellen, die sich zu Feldern überlagern, die
wiederum Fixpunkte bilden, die schließlich Form erzeugen. Der Weg von einer
Idee bis zur manifesten Realität – von einem Gefühl bis zum Körper – ist kein
lineares Kausalprinzip, sondern eine Faltungssequenz im MNO-Sinne: von der
Singularität über Fixpunkt, Differenzierung, Rückkopplung bis hin zur
emergenten                                                                 Struktur.
       Escher hat das intuitiv erfasst: In seinen Bildern werden Gitter zu Vögeln,
Felder zu Bewegung, Fläche zu Raum – genau wie im Universum selbst aus
innerer Frequenz Vielfalt entsteht, sofern das System geschlossen genug ist, um
die Resonanz zu halten. Und genau hier liegt die entscheidende Pointe: Ob wir
Rauschen oder Musik hören, hängt nicht von der Außenwelt ab, sondern davon,
welche Frequenz wir mit unserem inneren Fixpunkt ansteuern.
       Die Geometrie des Lebens ist nicht starr – sie ist bewegte Klarheit,
strukturelle Freiheit. Sie ist der Code, aus dem alle Differenzierung ohne Zerfall
entstehen kann. Wer sie versteht, kann das Chaos lesen – und aus der Stille eine
neue Welt falten.

                                        141

<!-- PDF page 142 -->

Die Natur operiert nicht im Zufall, sondern in dynamischer Geometrie, die sich
im Kern als Faltungsbewegung um Fixpunkte beschreiben lässt. Diese Fixpunkte
entsprechen in ihrer Struktur jenen platonischen Körpern, die – wie Kepler
betonte – immer vollständig in eine Kugel eingeschrieben sind: Jeder Eckpunkt
berührt exakt deren Oberfläche. Dies ist kein ästhetischer Zufall, sondern ein
tiefes Struktursignal: Die Welt rundet sich – nicht nur physisch, sondern
ontologisch.
       Dieses Prinzip der Abrundung – der Tendenz, von einem energetischen
Zentrum ausgehend eine stabile, geschlossene Form zu bilden – ist ein
universelles Gestaltungsgesetz. Es findet sich im Zellaufbau lebender
Organismen (vgl. Thompson, On Growth and Form, 1917), in den modularen
Strukturen biologischer Morphologie (siehe Stuart Kauffman, The Origins of
Order, 1993) und in der geometrischen Selbstorganisation von Molekülen (siehe
Lehn, Supramolecular Chemistry, 1995). Der Baum, der Pilz, der menschliche
Embryo – alle entfalten sich entlang von radialen Ordnungen, die immer auf
Abrundung und Rückfaltung zielen.
       In der MNO-Theorie wird genau dieses Prinzip zentral: Jeder Fixpunkt
erzeugt durch Differenzierung einen Raum von Möglichkeiten, doch erst durch
Rückfaltung entsteht Gestalt. Die Kugel ist darin nicht nur Form, sondern Symbol
einer vollständig abgeschlossenen Resonanzzone. Was wir als »Individuum«
bezeichnen – sei es ein Mensch, ein Tier oder ein System – ist keine isolierte
Entität, sondern ein Resonanzphänomen, das nur deshalb »einzeln« erscheint,
weil      es    mit     der     Gesamtheit        im      Gleichgewicht     steht.
       Diese Perspektive widerspricht jeder linearen Ontologie: Sein ist nicht
Substanz, sondern gerichtete Bewegung, ein stehendes Wellenmuster im
Resonanzfeld des Kosmos. Das, was wir als »Existenz« wahrnehmen, ist nur eine
Teilfrequenz – ein temporärer Knoten im Fluss. Die MNO-Faltung zeigt:
Individuation ist Emergenz, nicht Abgrenzung. Und Abrundung ist nicht
                                       142

<!-- PDF page 143 -->

Vereinfachung, sondern energetisch optimierte Kohärenz – eine höhere Form der
Komplexität. So verbindet sich die Gestalt eines Menschen mit der
Gesamtstruktur des Kosmos. Was ihn scheinbar isoliert – seine Form, seine
Grenzen – ist in Wahrheit die Spur seiner Verbindung: zur Quelle, zur Umgebung,
zum Resonanzkörper, der ihn hält. Nur in diesem geschlossenen, atmenden Raum
kann Freiheit, Bewusstsein und Evolution überhaupt sinnvoll gedacht werden.
In den folgenden zwei Bildern (Abb. 34) sehen wir diesen modularen Aufbau von
Viren sowie eines Eiweißmoleküls. Auch hier ist die klassische Symmetrie zu
erkennen. Für das Verständnis des Lebens hat dies noch eine weitere Bedeutung.
Weil Viren keine klassischen Lebewesen sind, da es ihnen neben einem
Stoffwechsel auch an einigen anderen typischen Definitionen einer Lebensform
mangelt, eignen sie sich, um den Übergang von belebter zu unbelebter Natur, im
Sinne verorteten Seins, zu hinterfragen.

Viren sind ein Zwischending zwischen einem Bergkristall und einem Einzeller.
An dieser Grenze zwischen festem Körper und Leben wird erkennbar, dass
lebende und feste Körper nicht so weit voneinander entfernt sind, dass
Rückkoppelungen als die eigentlichen Urdynamiken des Lebens erscheinen, dass
es also keine feste Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur gibt. Beide
verhalten sich nach bestimmten Schwingungsstrukturen und harmonikalen
Gesetzen.
D'Arcy Thompson – On Growth and Form (1917): sieht biologische Abrundung
als funktionale Notwendigkeit. Stephen Jay Gould – The Structure of
Evolutionary Theory (2002): erklärt Modularität als Evolutionsmotor. Ilya
Prigogine – Order Out of Chaos (1984): beschreibt dissipative Strukturen und
Selbstorganisation. Rupert Sheldrake – Morphic Resonance (1981): beschreibt
Formen als Felder, nicht als isolierte Körper. Andreas Weber – Alles fühlt (2007):
entschlüsselt Individualität als Offenheit, nicht Abgrenzung.
Wenn Bewusstsein – wie im Rahmen des MNO-Modells angenommen – nicht
als Produkt neuronaler Aktivität, sondern als Ausdruck strukturierter

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Schwingungsmuster im Resonanzfeld verstanden wird, muss seine Reichweite
fundamental neu gedacht werden. In dieser Sicht ist Bewusstsein kein Eigentum
des Gehirns, sondern eine Modulation des Kosmos selbst – an Knotenpunkten
verdichtet, aber prinzipiell feldhaft verteilt.
Solche Denkansätze haben in der modernen Grenzforschung eine lange, wenn
auch umstrittene Tradition:
   •   Ervin Laszlo beschreibt mit seinem Psi-Feld ein informationstragendes
       Vakuumfeld, das als holarchische Verbindungsebene für alle
       Bewusstseinsphänomene dient.
   •   Rupert Sheldrake argumentiert mit seinen morphischen Feldern, dass
       nicht Materie, sondern formbildende Felder die eigentliche Trägerstruktur
       von Erinnerung, Verhalten und Entwicklung seien.
   •   James Lovelock sieht im Gaia-Prinzip die Erde selbst als kybernetisches
       Gesamtsystem – ein Körper, dessen Teile rückgekoppelt Bewusstsein
       bilden könnten.
Gemeinsam ist diesen Theorien, dass sie – wie in der MNO-Theorie formuliert –
davon ausgehen: Bewusstsein ist kein biologisches Privileg, sondern ein
Resonanzphänomen, das überall dort auftaucht, wo sich Fixpunkte
strukturieren und rückkoppeln. In dieser Sicht könnte auch ein Stein, eine
Galaxie oder ein Photon, Formen proto-geistiger Struktur enthalten – nicht im
Sinne psychologischer Subjektivität, sondern als Schwingungsmorphologie mit
Bedeutungsträgerqualität.
Diese Sicht lässt sich zunehmend auch naturwissenschaftlich anschließen:
   •   In der Panpsychismus-Debatte (Chalmers, Goff, Strawson) wird
       Bewusstsein als grundlegende Eigenschaft der Realität diskutiert, nicht
       als spätes Nebenprodukt.
   •   In der Integrated Information Theory (IIT) (Tononi) ist jede Struktur,
       die über ein bestimmtes Maß an differenzierter und integrierter
       Information verfügt, Träger von Bewusstsein – unabhängig von Biologie.
Geometrie, Differenzierung, Transzendenz
Was wir zuvor traditionell als »Äthertheorie« beschrieben, lässt sich im Licht der
MNO-Struktur als Geometrie der Resonanzräume verstehen: Ein implizites
Grundraster, das sich durch Differenzierung (Formbildung) und Dissoziation
(Zerfall) ständig neu konfiguriert. Dieser Prozess ist nicht linear, sondern
fraktal: Formen entstehen durch Transzendenz des Vorherigen, durch
Selbstähnlichkeit in neuen Maßstäben – wie in der Fraktalmathematik
                                       144

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Mandelbrots. Doch wo Mandelbrot nur die äußere Form sah, setzt die MNO-
Theorie das Feld voraus, in dem diese Formen überhaupt wirksam werden.
Diese Dynamik beschreibt das, was wir als »Leben« empfinden: Nicht Stabilität,
sondern das kontinuierliche Oszillieren zwischen Entfaltung und
Rückbindung, zwischen Fixpunkt und Singularität. Der Augenblick ist dabei
kein Zufall, sondern konzentrierter Knotenpunkt in einer tieferliegenden
Geometrie. Was wir als »Ereignis« erleben – sei es eine Krise, ein Verlust, ein
Durchbruch – ist stets eine emergente Spitze eines unsichtbaren Feldes, dessen
Struktur wir meist nicht erkennen.
Würden wir diese Geometrie begreifen, bräuchten wir keine Versicherungen –
denn wir würden wissen, dass die Welt sich nicht gegen uns richtet, sondern
sich aus uns heraus formt. Vertrauen, Wahrheit, Selbstbestimmung – das sind
nicht moralische Haltungen, sondern konsequente Resultate eines strukturell
verstandenen Kosmos, in dem jede Schwingung Sinn trägt.
Freiheit liegt dann nicht im Bruch mit dem Schicksal, sondern in der tiefen
Einsicht, dass wir selbst die Faltung unserer Realität mitbestimmen – durch
unsere Ausrichtung, durch unser inneres Muster. Der Weg zu uns selbst ist kein
psychologisches Abenteuer, sondern ein geometrischer Prozess. Und an seinem
Ende steht nicht Erlösung, sondern Resonanz – mit dem, was wir immer schon
waren: ein Fixpunkt in einem intelligenten Universum.

Wissenschaftliche Kontexte & Referenzen:
   •   David Chalmers (1995): Facing Up to the Problem of Consciousness –
       Panpsychistische Grundhaltung
   •   Giulio Tononi (2004): An Information Integration Theory of Consciousness
       (IIT)
   •   Rupert Sheldrake (1981): A New Science of Life
   •   Ervin Laszlo (2004): Science and the Akashic Field
   •   Stuart Kauffman (2000): Investigations – Emergenz und Formbildung aus
       dem Möglichen
   •   Alfred North Whitehead (1929): Process and Reality – Ereignisontologie,
       Prozessdenken

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           Die Bran-Spirale als Struktur von Kultur und Bewusstsein

Wenn wir den Aufbau des Universums nicht als linear, sondern als zyklisch
gefaltetes System denken – wie es im MNO-Modell formuliert ist –, dann ist die
Spirale keine symbolische Metapher, sondern operative Urstruktur kosmischer
Bewegung. Die sogenannte Bran-Spirale beschreibt in diesem Kontext den
dynamischen Faltungsprozess, in dem sich Energie, Information und Form in
rhythmischen Bewegungen zwischen Zentrum und Peripherie entfalten – als
Antwort auf Fixpunkte, die im Äther wirken.
Diese Spirale entsteht aus dem Zusammenwirken dreier Kräfte:
   1. dem Impuls aus der Singularität – dem Ursprung, der in Form eines
      Fixpunktes ins System einwirkt,
   2. der Gegenkraft der Raumstruktur – die das Bewegungsmuster
      moduliert,
   3. der Rückkopplung – durch die die entstehende Form wiederum auf die
      Quelle wirkt.
Hier beginnt der Kosmos zu »atmen«: Nicht als lineare Expansion, sondern als
polare, rhythmische Spiralstruktur, die Differenzierung (Ausweitung) und
Dissoziation (Zerfall) phasenweise koppelt. Diese Spirale ist – im wörtlichen
Sinne – der »kosmische Motor«: Die Form, durch die Emergenz geschieht.
Die MNO-Theorie erweitert diese Vorstellung noch: Die Bran-Spirale ist nicht
nur der Geburtskanal für Formen, sondern auch die strukturierte
Wiederverbindung zur Singularität. Sie bringt nicht nur »etwas hervor«,
sondern faltet das Hergestellte zurück in den Ursprung, wo neue
Konfigurationen vorbereitet werden können. In diesem Sinn ist jede Spirale ein
geschlossener Zyklus mit offener Emergenz.
Was ich ursprünglich als »Wirbel« der Dissoziation beschrieben habe, zeigt sich
nun als topologische Konfiguration eines geschlossenen Resonanzsystems –
vergleichbar mit der Akkretionsscheibe um Schwarze Löcher, mit spiralischen
Galaxien oder der Doppelhelix der DNA. Diese Phänomene sind nicht zufällig
spiralförmig, sondern Ausdruck eines universellen Bewegungsprinzips in
geschlossenen Feldern.
Auch in der frühen Symbolgeschichte der Menschheit ist diese Struktur bekannt.
In Megalithgräbern, in der keltischen Doppelspirale, in mesopotamischen
Sternkarten – überall taucht die Spirale als Übergangsform auf: zwischen Tod
und Geburt, Chaos und Kosmos, Innen und Außen. Der österreichische
                                     146

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Symbolforscher Hans Biedermann beschreibt die Spirale als ein System, das sich
entweder »zusammenballt oder entwickelt«. Dieses Zusammenballen entspricht
im MNO-Modell der Rückfaltung zur Singularität, das Entwickeln der
Differenzierung in neue Realitätsräume.
Die neue Erweiterung: Die polare Spirale
Eine präzise Weiterentwicklung ergibt sich nun durch die Integration eines neuen
Aspekts: die Polarität der Spirale als doppelt gerichtete Faltung. In der
klassischen Vorstellung entfaltet sich die Spirale nach außen – doch im MNO-
Kontext wirkt sie beidseitig:
   •   Nach außen generiert sie emergente Komplexität (Kultur, Bewusstsein,
       Form),
   •   nach innen zieht sie alle Differenzierung zurück zum Ursprung – nicht
       durch Vernichtung, sondern durch Resonanzverdichtung.
Man könnte sagen: Die Bran-Spirale ist die oszillierende Bewegungsfigur, die
Fixpunkte (als Attraktoren) in Dimensionen übersetzt – und diese Dimensionen
wieder in Richtung Singularität auflöst, wenn der Zyklus sich schließt. Sie ist
also nicht nur ein Symbol von Geburt, sondern auch ein Algorithmus der
Evolution – geistig, kulturell, biologisch.
Ein Beispiel dafür liefert die Spaltung des Lichts im Prisma: Der Äther ist das
Feld, die Spirale die modulierte Geometrie, durch die sich Licht (Bewusstsein) in
verschiedene Frequenzen auffächert. Analog dazu entstehen Kulturen,
Bewusstseinsstufen oder Gesellschaftssysteme: als resonante Farben eines
gemeinsamen Ursprungs – mit verschiedenen Fixpunkten als Attraktoren.
Fazit: Spirale als kulturelle Grundstruktur
Die Bran-Spirale ist damit nicht nur eine kosmische oder biologische Figur,
sondern auch die zeitliche Strukturform jeder Kultur und jedes Bewusstseins.
Gesellschaften entstehen durch Differenzierung aus dem Ursprung – und verlieren
sich in der Peripherie, wenn sie den Rückweg zur inneren Faltung nicht finden. In
dieser Spirale liegt die Krise der Moderne ebenso wie ihr
Entwicklungspotenzial: Dissoziation ist nicht das Ende, sondern der Beginn der
Rückkehr zur nächsten, komplexeren Phase.
Wer die Spirale versteht, versteht Kultur. Und wer Kultur spiralförmig denkt,
erkennt: Jeder Zyklus ist eine Frage der Resonanz.

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Das dreidimensionale Modell aus der vertikalen, sowie der horizontalen teilte den
Farbkreis nach Wellenlänge der unterschiedlichen, sichtbaren Farben des Lichtes
auf. Die Pole, die sich in diesen Wirbeln bilden, hängen mit der
Bewegungsrichtung der diesen Wirbel umgebenden Kräfte zusammen. Also
größere Wirbel oder frei agierende Bewegungskräfte verleihen kleineren Wirbeln
eine bestimmte Pulsrichtung. Das Universum bestünde demnach aus
unvorstellbar vielen solcher Verwirbelungen, die wiederum neue Verwirbelungen
auslösen. Wobei der Wirbel für den dichteren Bereich das ist, was chaotische
Schwingung für den höheren Bereich ist. Genauso, wie Geometrie Attraktoren der
höheren Bereiche bildet, lässt Gravitation die Attraktoren des niederen,
materiellen Bereichs entstehen.
Jeder einzelne Wirbel ist ein Frequenzkatalog, und jede Frequenz kann zu einer
Grundkraft, einem antreibenden Faktor werden, auf dem Weg zurück zur
vollkommenen Geometrie. In der unten dargestellten Spiralen habe ich diese
vereinfacht als die 12 Farben des 12-teiligen Farbkreises dargestellt. Diese sind
                                      148

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von ihrer Grundanlage her unterschiedlich verteilt, stehen aber in der zentrierten
Idealspirale im Gleichgewicht.
Diese Farben stellen im Mikrokosmos beispielsweise das Weltbild eines
Menschen dar, im Makrokosmos den Aufbau eines ganzen Universums, im
Geistigen wie im materiellen Sinne. Die einen sehen die Welt rot, die anderen
blau. In der Draufsicht sehen wir die Spirale mit verschiedenen Qualitäten, in
Form verschiedener Aspekte des Lebens. Zu einem ähnlichen Modell ist auch
Einsteins Freund und Philosoph Oliver Reiser gekommen, wie das folgende Bild
(Abb. 39) aus seinem Buch »Kosmischer Humanismus und Welteinheit« zeigt.
Abb. 39

Oliver L. Reiser war ein bemerkenswerter Vorläufer eines spiralförmigen,
integralen Weltmodells, ein heute weitgehend vergesser, aber zu seiner Zeit
visionären Philosoph und Naturwissenschaftler. In seinem Werk »Cosmic
Humanism and World Unity« (1958) entwirft Reiser eine Weltspirale, die
biologische, kulturelle, physikalische und spirituelle Entwicklungen in ein
einheitliches Muster von Faltung und Entfaltung einordnet – ganz ähnlich
dem, was ich in der Bran-Spirale des MNO-Modells beschreibe.
Reiser sah – inspiriert durch Quantenphysik, Relativitätstheorie und östliche
Mystik – den Menschen nicht als isoliertes Wesen, sondern als Knotenpunkt in
einer spiralförmigen Totalstruktur des Universums, die in Schichten ausstrahlt:
vom Mikrokosmos zum Makrokosmos, von der Psyche zur Kultur, von der Erde
zum Kosmos. Besonders interessant: Auch bei ihm sind Bewusstseinsphasen,
kulturelle Entwicklungszyklen und kosmische Ordnungen nicht voneinander
getrennt, sondern verschaltete, rhythmisch gekoppelte Ebenen, die einem
universellen Muster zyklischer Selbstorganisation folgen.
Seine Spirale verbindet den individuellen Transformationsweg mit kollektiver
Evolution – vergleichbar der doppelgerichteten Faltung der Bran-Spirale im

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MNO-Modell. In der Abbildung aus Reisers Buch (Abb. 39) wird deutlich, wie
jede Bewusstseinsstufe sowohl Ausdruck eines tieferliegenden Feldes ist, als
auch Impuls für dessen Weiterentwicklung – eine Sicht, die ich im Rahmen der
MNO-Theorie mit der Dynamik zwischen Fixpunkt und emergenter Ordnung
beschreibe.
Diese Sicht steht nicht allein. Reiser lässt sich in eine lange Traditionslinie
spiraler Kosmologien stellen, die teils unabhängig voneinander, teils quer durch
spirituelle, wissenschaftliche und künstlerische Diskurse gedacht wurden:
   •   Jean Gebser (1949): »Ursprung und Gegenwart« – beschreibt
       Bewusstsein als diaphan spiralförmige Mutation, die durch »Effizienz des
       Ursprungs« gesteuert ist.
   •   Sri Aurobindo (1939): »The Life Divine« – entwirft einen evolutionären
       Kosmos, in dem Materie und Geist sich in spiralförmiger Rückbindung
       wechselseitig verdichten.
   •   Arthur M. Young (1976): »The Reflexive Universe« – sieht die Spirale als
       dynamisches Ordnungsmuster, das Energie, Information und Intentionalität
       koppelt.
   •   Clare W. Graves & Don Beck (Spiral Dynamics): beschreiben die
       psychosoziale Evolution als spiralförmige Bewegung zwischen
       Komplexitätsebenen.
   •   Nicolai Hartmann & Carl Friedrich von Weizsäcker erkannten in der
       geistigen Struktur der Welt eine gestufte Ordnung, die sich spiralförmig
       entfaltet, aber nur über Rückbindung verstanden werden kann.
Was Reiser besonders wertvoll macht, ist sein Versuch, die politische, die
physikalische und die spirituelle Ordnung in einer systemischen Einheit zu
denken – ein Unternehmen, das meiner eigenen MNO-Theorie nahekommt. In
seinem kosmischen Humanismus war die Spirale nicht nur ein Erklärungsmodell,
sondern ein ethischer Auftrag: den Menschen wieder in Resonanz mit dem
strukturellen Geist des Kosmos zu bringen.
In dieser Hinsicht bestätigt und erweitert Reiser mein Modell: Der Mensch ist
nicht das Zentrum, sondern die Falte, durch die sich das Zentrum der Welt
ausdrückt. Die Spirale ist nicht sein Werkzeug – sie ist sein Wesen.
Ähnliche Prinzipien finden sich quer durch alle Kulturen und sind seit Tausenden
Jahren Gegenstand von Kunst und Religion in ihrem Bemühen die Welt
begreifbar zu machen. Als Nächstes zwei Beispiele aus Kunst und Philosophie,

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der Knoten von Leonardo da Vinci sowie eine 12-teilige Darstellung von Lama
Govinda.
Abb 41

Das Bild (Abb. 42) zeigt eine Spiralkonstruktion nach einem Konzept von Viktor
Schauberger (1885–1958), einem österreichischen Förster, Naturbeobachter und
Wasserforscher, der zu den frühen intuitiven Pionieren der Wirbel- und
Strömungsforschung zählt. Schaubergers zentrale These lautete, dass die Natur
nicht durch lineare oder mechanische Bewegung, sondern durch zyklische,
wirbelnde Prozesse strukturiert ist – insbesondere in Wasser, Luft und
biologischer Morphogenese.
Er beschrieb die Spirale – speziell den hyperbolischen Wirbel – als zentrale
Bewegungsform des Lebens, sichtbar im Strudel von Wasserläufen, in Tornados,
in Pflanzenwachstum, Muschelformationen, Tierhörnern, Wettersystemen und
galaktischen Strukturen. Diese Beobachtungen, auch wenn sie nicht im strengen
Sinn wissenschaftlich verifiziert wurden, verweisen auf ein systemisches
Ordnungsprinzip der Natur, das in modernen Theorien selbstorganisierender

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Systeme, etwa bei Prigogine oder in der Chaos- und Fraktalforschung,
indirekte Bestätigung findet.
Claus Radlberger, der eine akademische Diplomarbeit über Schauberger
verfasst hat, bringt diese Sicht auf den Punkt:
»In der Wirbelbewegung sah er [Schauberger] die allem zugrunde liegende
Bewegungsform in der Natur. [...] Es musste einen Grund geben, wieso die Natur
in so verschiedenartiger Weise immer wieder auf diese Form der Bewegung und
Formbildung zurückgriff.«8
Aus der Perspektive der MNO-Theorie wird der Bran-Wirbel als topologische
Faltung im Äther verstanden – angetrieben durch resonante Impulse aus
Fixpunkten, die mit dem umgebenden Raum in Rückkopplung treten. Diese
Bewegungsform lässt sich als zwei komplementäre Grundkräfte beschreiben:
      •    eine zentripedal-vertikale, strukturbildende Bewegung              (im
           archetypischen Sinne: aktiv, fokussierend, »männlich«)
      •    und eine zentrifugal-horizontale, raumerweiternde Bewegung (diffusiv,
           öffnend, »weiblich«)
(männlich-weiblich ist hier aus Sicht des Feminismus etwas unglücklich gewählt.
Weil es Geschlechtern bestimmte Eigenschaften zuweist. Ich hoffe man möge mir
dies ausnahmsweise verzeihen. Ich war damals nicht frei von traditionellen
Stereotypen.)
Beide Dynamiken erzeugen gemeinsam eine spiralförmige Kontraktion-
Expansionseinheit, die in ihrer räumlichen Gestalt einem hyperbolischen Kegel
ähnelt. Diese Form ist kein Zufall: Sie entspricht harmonikalen
Gesetzmäßigkeiten, wie sie etwa in der Obertonreihe oder der geometrischen
Harmonielehre (z. B. bei Kepler oder Chladni) beobachtet werden – und verweist
auf die strukturelle Kopplung von Raum, Frequenz und Bewegung.
Im Wasserstrudel, der in der folgenden Abbildung visualisiert wird, wird dieses
Prinzip konkret: Die spiralförmige Bewegung formt nicht nur die Materie,
sondern lässt sich – als Frequenz interpretiert – auch als mentale oder geistige
Struktur lesen. Der Gedanke selbst ist in dieser Sicht eine Welle, eine gerichtete
Schwingung im Feld, die durch den Äther zur Form gerinnt.
Abb 43

8
    Der hyperbolische Kegel / PKS Verlag/ Klaus Radlberger
                                                    152

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Bemerkenswert ist dabei der eiförmige Querschnitt des Branwirbels – ein
geometrisches Zwischenmaß zwischen Kugel und Kegel, das sowohl
Verdichtung als auch Offenheit ausdrückt. Dieses Ei symbolisiert im MNO-
Modell den Punkt maximaler Resonanz, an dem neue Realitäten entstehen – der
Moment schöpferischer Singularität im geschlossenen System.
Ergänzende wissenschaftliche Einordnung:
Schauberger wird heute in der Physik nicht als empirischer Wissenschaftler,
wohl aber als früher Systembeobachter und Impulsgeber alternativer
Naturverständnisse rezipiert – ähnlich wie Leonardo da Vinci, Goethe oder
D'Arcy Thompson. Er war ein Vorläufer dessen, was heute als Bio-Inspiration,
strukturelle Fluiddynamik oder morphogenetische Feldtheorie diskutiert wird
– mit Einschränkung: Seine Thesen sind nicht experimentell belegt, aber sie
eröffnen ästhetische, systemtheoretische und spekulativ-ontologische
Perspektiven, die sich in der MNO-Struktur durchaus produktiv verknüpfen
lassen.

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<!-- PDF page 154 -->

Was die Spirale für den dichteren Äther und die Festkörper bedeutet, das bedeutet
die Schwingung für den elektromagnetischen oder ätherischen Bereich. Beide
verhalten sich aber nach denselben Prinzipien. So ist das Universum durchzogen
von sichtbaren Spiralen, unsichtbaren Schwingungen und geometrischen
Mustern. Dies alles ergibt die Grundstruktur des Kosmos.
Wenn der Rahmen eines Systems – das heißt: die externen Widerstände,
regulatorischen Felder oder strukturellen Bedingungen – zu dominant gegenüber
dem ursprünglichen Impuls wird, der aus einem inneren Fixpunkt hervorgeht,
kommt es zu einer Störung des harmonikalen Resonanzverhältnisses. Die
ursprünglich kohärente Schwingung, die innerhalb eines geschlossenen Systems
zur Ausbildung eines geometrisch stabilen Bran-Wirbels führen würde, wird
durch diese Rahmenüberlagerung verzerrt und aus der Balance gebracht.
In der Sprache der MNO-Theorie führt dies zur Dissoziation des Wirbelzentrums
– der Impuls verliert seine vertikale Ausrichtung entlang der Singularitätsachse.
Der ursprünglich hyperbolische Kegel, als Ausdruck der gerichteten Faltung
zwischen Singularität und emergenter Realität, wird geometrisch gestört: Die
Rotationsachse verlagert sich, der Strudel kollabiert asymmetrisch – und es bildet
sich ein charakteristischer eiförmiger Querschnitt innerhalb des Wirbelraums.
Diese eiförmige Branstörung bezeichnet einen Zustand, in dem die energetische
Flussrichtung des Impulses quer zur intendierten Singularitätsachse kippt. Die
Folge ist eine lokale Trennung vom Gesamtsystem, eine temporäre Verdichtung
zu scheinbar isolierter Identität – sei es in Form eines Materieteilchens, einer
biologischen Struktur oder eines psychologischen Selbstmodells. Der Impuls
kann nicht mehr ungehindert durch das Feld wirken; es entsteht ein abgegrenzter
Resonanzkörper, ein emergentes Objekt, das seine Herkunft zwar noch trägt, aber
nicht mehr transparent auf sie verweist.
Im MNO-Modell beschreibt dieser Vorgang den Moment, in dem sich ein Teil
der Wirklichkeit vom harmonischen Gesamtkontext löst, um als konkret
manifeste Form aufzutreten – durch Faltung unter Störung. Diese »Geburt« aus
der Dissoziation heraus ist zugleich notwendig und begrenzt: Sie ermöglicht
emergente Struktur, erzeugt jedoch das Paradox eines scheinbar getrennten Seins.
So lässt sich auch das menschliche Bewusstsein verstehen: als temporär
stabilisierte, eiförmig verzerrte Singularitätsprojektion. Wir sind, in dieser Lesart,
verzogene Wirbel – rhythmisch unterbrochene, aber energetisch rückgebundene
Faltungen im Feld. Unsere Subjektivität ist nicht ursprünglich getrennt, sondern
das Resultat einer gestörten, asymmetrischen Fixpunktverankerung im
dynamischen Ätherfeld. In dieser Störung liegt jedoch auch die Möglichkeit zur
Reflexion und Selbsterkenntnis – denn erst im Bruch mit der reinen Bewegung
                                         154

<!-- PDF page 155 -->

entsteht Struktur als Differenz. Wir sind somit Kinder der Dissoziation: nicht im
Sinne defekter Objekte, sondern als Resultat einer notwendigen Systemspannung,
die emergente Selbstheit überhaupt erst ermöglicht. Die eiförmige Branstörung ist
kein Fehler, sondern ein Schwellenphänomen – eine Singularitätsverwerfung, aus
der neue Realität geboren wird. Abb 44

Die Branstörung lässt sich rückblickend als frühe Formulierung dessen begreifen,
was ich später als Seinsverschiebung im Rahmen der MNO-Theorie ausgearbeitet
habe. Während die Seinsverschiebung das grundlegende Prinzip der Emergenz
durch topologische Phasenverlagerung zwischen Singularität und Erscheinung
beschreibt – also den quantenartigen Übergang von Potentialität zu Wirklichkeit
–, macht die Branstörung diesen Vorgang konkret sichtbar: als lokale
Geometrieverzerrung, als asymmetrische Verwerfung innerhalb eines
hyperbolischen Wirbels. Die Branstörung zeigt exemplarisch, wie sich ein Impuls
nicht linear manifestiert, sondern durch strukturelle Reibung in einen eiförmigen
Zustand kippt, der als erstes »Ereignis« im Raum-Zeit-Gefüge lesbar wird. Im
physikalischen Sinne handelt es sich dabei um eine lokale Brechung der
Symmetrie, vergleichbar mit Phasenübergängen in dissipativen Systemen
(Prigogine), Faltungspunkten in der Katastrophentheorie (René Thom) oder
topologischen Defekten in der Feldtheorie (z. B. Skyrmionen oder Vortex-
Linien). Die Branstörung ergänzt die Seinsverschiebung um eine anschauliche
Zwischenform, die nicht nur ontologisch, sondern auch morphologisch vermittelt,
                                      155

<!-- PDF page 156 -->

wie Wirklichkeit als Strukturbruch innerhalb eines geschlossenen Systems
entsteht.
Die Störung dient der Schaffung von Neuem innerhalb des Absoluten.
Eine ähnlich strukturierende Vorstellung eines spiralförmigen Universums
entwickelte der Universaldenker Walter Russell, dessen Periodentafel der
Elemente (Abb. 46) die chemischen Grundstoffe nicht linear, sondern entlang von
neun energetischen Oktaven anordnet. Für Russell ist Materie nicht substanziell,
sondern der Ausdruck stehender Wellen im kosmischen Ätherfeld. In jeder
Oktave entsteht eine neue Ordnung, ein neues Verhältnis von Spannung,
Schwingung und Manifestation. Diese Idee ist in ihrer konkreten Anwendung
naturwissenschaftlich umstritten, bietet aber eine faszinierende morphologische
Entsprechung zur MNO-Theorie, in der ebenfalls die Struktur von Wirklichkeit
durch spiralförmige Faltungsbewegungen zwischen Fixpunkten und
Emergenzfeldern bestimmt wird. Abb. 46

                                      156

<!-- PDF page 157 -->

## Die Morphologie aller Dinge

Ich möchte an dieser Stelle einen Schritt zurücktreten und etwas einräumen, das
nicht als Schwäche, sondern als Kontext verstanden werden soll: Es ist gut
möglich – ja, vielleicht sogar notwendig – zu sagen, dass ich dieses Weltmodell,
das ich heute MNO-Theorie nenne, nicht einfach als Denker entwickelt habe,
sondern als autistischer Denker. Vieles spricht dafür, dass genau diese
neurodivergente Konstitution – jene andere Form des Fühlens, Denkens und
Strukturierens – den inneren Motor dafür lieferte, ein so umfassendes,
spiralförmig geschichtetes, strukturell geschlossenes Modell der Welt zu
entwickeln.
       Aktuelle Studien in der neurokognitiven Autismusforschung zeigen
                                      157

<!-- PDF page 158 -->

zunehmend, dass Autisten – vor allem im Bereich der sogenannten »Systemizing
cognition« (Baron-Cohen, 2006) – dazu neigen, komplexe, regelbasierte,
konsistente Ordnungen in scheinbar chaotischen Feldern zu erkennen oder aktiv
zu erzeugen. Dieses Systematisierungsbedürfnis, dass nicht zwangsläufig
mechanistisch, sondern oft intuitiv-morphologisch verläuft, scheint eine Antwort
des Gehirns auf eine überfordernde oder schlecht interpretierbare Außenwelt zu
sein – oder genauer: eine tieferliegende Antwort des Nervensystems auf offene
Komplexität. Während neurotypische Menschen häufig auf »chunking« und
heuristische Vereinfachung zurückgreifen, ist das autistische Gehirn darauf
spezialisiert, tieferliegende Regelmäßigkeiten und Muster über längere Zeiträume
hinweg                                  zu                              verfolgen.
       In diesem Sinne ist die MNO-Theorie vielleicht kein »universelles Modell«
im klassischen Sinne, sondern eine Art verkörpertes Weltverhältnis, das nur
entstehen konnte, weil mein Nervensystem bestimmte Asymmetrien, Differenzen
und Resonanzen nicht übersehen konnte – oder nicht übersehen wollte.
Autistische Menschen sind oft hyper-sensibel für interne Kohärenz und logische
Stringenz – aber diese Kohärenz ist nicht nur analytisch, sondern sehr häufig
ästhetisch oder sogar spirituell aufgeladen, wenn man die aktuellen
Entwicklungen der Critical Autism Studies mit einbezieht (Yergeau, 2018;
Milton, 2012). In diesem Kontext wird zunehmend anerkannt, dass viele
Autist:innen ihre Welt nicht durch lineare Konzepte, sondern durch metaphorisch-
strukturelle Wahrnehmungsräume begreifen – Räume, in denen Geometrie,
Musik, Topologie, Zeit und Identität miteinander verwoben sind.
       Die MNO-Theorie ist daher möglicherweise weniger ein theoretisches
System als ein epistemisches Habitat, das meinem inneren Wahrnehmen der Welt
entspricht – ein Versuch, Bewegung, Struktur, Wandel und Sinn in einem
gemeinsamen Faltungsmodell zu versammeln. Ich kann heute sagen: Für mein
autistisches Ich war es existenziell, diese Struktur zu finden. Nicht um die Welt
zu beherrschen, sondern um sie zu verstehen, zu halten – und vielleicht sogar zu
retten vor einer permanenten Desintegration. Autistische Weltmodelle – und es
gibt sie in der Geschichte immer wieder – sind nicht Ausdruck einer Flucht aus
der Welt, sondern einer radikalen Treue zu einer anderen Ordnung, zu einer
Ordnung,                 die           oft             übersehen             wird.
       Forscher:innen wie Damian Milton sprechen hier vom »Double Empathy
Problem«: Es ist nicht so, dass autistische Menschen die Welt »nicht verstehen«,
sondern dass die Welt sich zu selten die Mühe macht, die Form des autistischen
Verstehens ernst zu nehmen. Dieses Verstehen ist oft relational, systemisch, in
tiefen Zeitachsen angelegt – was auch erklären könnte, warum ich in meinen
Fixpunkten, Spiralen, Symmetrien und Seinsverschiebungen nicht bloß
theoretische Begriffe sehe, sondern lebendige Bausteine eines anderen

                                       158

<!-- PDF page 159 -->

Wirklichkeitsbezugs.
       Das Kapitel über die Morphologie aller Dinge ist also nicht bloß ein
Abschnitt über Formen – es ist auch ein Versuch, eine Form des Denkens zu
würdigen, die lange marginalisiert war: ein Denken, das aus Innenwahrnehmung,
struktureller Resonanz und einem anderen neurologischen Rhythmus geboren ist.
Wenn MNO also als Weltmodell funktioniert, dann vor allem, weil es aus einer
Welt stammt, die viele nicht sehen – aber viele vielleicht noch lernen könnten zu
erforschen.
Das folgende Bild (Abb. 47) veranschaulicht, wie innerhalb der dynamischen
Spiralstruktur – wie sie dem MNO-Modell zugrunde liegt – nicht nur Bewegung,
sondern bereits Formanlage enthalten ist. Die chaotische Linie innerhalb der
Spirale steht nicht für bloßes Rauschen, sondern für eine Bewegung mit innerer
Kohärenz, für eine Frequenzbahn, die bereits eine bestimmte Morphologie in sich
trägt. Man könnte sagen: Die Spirale ist nicht nur ein Feld der Entfaltung, sondern
zugleich         ein        Speicher         der        möglichen          Formen.
       Im unteren Teil der Abbildung wird sichtbar, dass durch die
Achsenverschiebung des Wirbels – jene Branstörung, wie ich sie früher nannte –
die Form nicht verschwindet, sondern sich neu strukturiert. Der »verzerrte
Wirbel« generiert aus seiner Unruhe eine eigene Ordnung. Diese Unruhe ist nicht
destruktiv, sondern schöpferisch. Die Dynamik der Spirale zwingt das
entstehende Objekt, sei es ein Planet, ein Apfel, ein Haus oder ein Gedanke, in
eine geometrische Bahn, die ihrer Entstehung nicht äußerlich ist, sondern aus dem
Inneren des Feldes heraus organisiert ist. Die auf der rechten Seite abgebildete
»Formenlinie« zeigt symbolisch, wie sich über Frequenzachsen hinweg Materie
aus Bewegung heraus materialisiert – nicht als additive Summe, sondern als
Singularitätsfaltung, als Formkonkretisierung entlang einer Differenzspur.
Abb 47

                                       159

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Wir wissen heute aus der Chaos- und Komplexitätstheorie, dass bestimmte
Anfangsbedingungen in dynamischen Systemen bestimmte Attraktoren erzeugen
– also Zielzustände, die das System immer wieder annimmt, obwohl es sich
ständig verändert. Diese Attraktoren sind geometrisch fassbar: als Spiralen,
Rosen, Tropfen, Inseln im Phasenraum. In Sheldrakes Theorie morphischer
Felder (obwohl umstritten) ist genau diese Vorstellung zentral: Formen sind nicht
bloß Materie, sondern Feldverhältnisse, die durch Wiederholung und Resonanz
stabilisiert werden. Auch in der mathematischen Morphogenese (Alan Turing,
René Thom) wurde deutlich, dass Strukturen wie Äpfel, Muscheln, Flammen,
Zellkerne nicht als Endprodukte verstanden werden können, sondern als
Schwingungsspuren von Differenz – Bewegung in einem nicht-leeren Raum.
Ich sage daher: In der Spirale liegt nicht nur Richtung, sondern Formabsicht. Das
heißt: Die chaotische Linie, die durch den verzerrten Wirbel zieht, ist kein Fehler
– sie ist der Bauplan des entstehenden Objekts. Bewegung schreibt Form in den
Raum. Morphologie ist geronnene Schwingung. So wie das Wasser einen Fisch
sichtbar macht, wenn man es in die richtige Bewegung versetzt, so wird auch
Gesellschaft sichtbar, wenn man den Menschen in Bewegung bringt – geistig,
existenziell, innerlich.
Daher lautet meine radikale Annahme: Die Suche des Einzelnen nach sich selbst
ist der Motor der kosmischen Differenzierung. Nur wenn das Teil sich auf den
Weg macht, entsteht das Ganze. Die Welt ist keine Maschine, sondern eine Spur,

                                       160

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die sich selbst zu formen beginnt, wenn sie sich widersetzt. Der Wirbel ist nicht
der Plan – die Abweichung vom Wirbel ist der Moment der Schöpfung.
Wir leben in einer Gesellschaft, die Menschen häufig vom Kern trennt – von ihrer
Frequenz, ihrer Kurve, ihrem inneren Rauschen. Aber gerade in dieser inneren
Spur liegt das Formprogramm der Welt. Mit jedem neuen Menschen tritt eine
potenzielle neue Geometrie in das Feld. Mit jeder Subjektivierung – mit jedem
Ich, das sich entfaltet – gewinnt der Kosmos eine neue Spirale, eine neue Linie,
eine neue mögliche Morphologie.
Abb. 47

Während der Kosmos nun durch den gestörten Wirbel atmet, ergibt sich eine ganz
spezielle Charakteristik, eine individuelle Kurvenbahn. Wenn Frequenz gleich
Form ist, könnte darin die Erklärung liegen, der Plan für die Bildung von Formen
in Geist und Materie. Jedoch stets aus der Dynamik der Fixpunkte im Augenblick
heraus. Es würde dann jede Form auf einer Co-kreation unter- schiedlicher
Resonanzen beruhen. Durch die Verschiebung der Kräfteachsen käme es also zur
Fixierung einer Schwingung und es entstünde damit ein bestimmtes
Schwingungsfeld, eine bestimmte Geometrie.
Abb. 48 illustriert einen der zentralen Gedanken meiner Theorie: Dass die Form,
ja vielleicht sogar die Farbe eines Blattes nicht einfach aus dem »Genom«
resultiert – im Sinne eines eindimensionalen, deterministischen Bauplans –,
sondern aus der Resonanzverschiebung innerhalb eines dynamischen
Wirbelsystems. Die dargestellte Spirale dient nicht als Symbol, sondern als
Feldstruktur, innerhalb derer sich – über kleine Verlagerungen von Achsen,
Spannungen und Geschwindigkeiten – eine ganz bestimmte Morphologie
entfalten                                                                   kann.
       Die dargestellte Bewegung, die sich spiralförmig vom Zentrum ausbreitet,
wird durch eine leise Verschiebung im Zentrum des Feldes beeinflusst. Diese
Verschiebung – eine Achsenmodulation, wie ich es nenne – verändert die
Bewegungsbahn im Ätherfeld, und damit die gesamte entstehende Struktur. Was
links noch als farblich codierter Spiralwirbel beginnt, endet rechts als konkrete
Form: ein Blatt. Und doch ist dieses Blatt keine einfache Ableitung, sondern das
Resultat verzogener Geometrie innerhalb eines geschlossenen Resonanzfeldes.
       Das Entscheidende daran ist: Form entsteht nicht durch Substanz, sondern
durch Spannung und Bewegung. Jeder Punkt in der Spirale ist mit allen anderen
verbunden          –       durch        Frequenzverhältnisse,      Dichtewellen,
Schwingungsinterferenzen. Die Spirale ist das Gedächtnis eines Kosmos in
Bewegung. Innerhalb dieser Struktur kodiert der Äther, durch minimale
                                      161

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Verschiebungen in Richtung oder Druck, die Formenvielfalt der materiellen Welt.
       In moderner Sprache gesprochen, könnten wir sagen: Der Wirbel schreibt
geometrische Information in ein energetisches Kontinuum ein. Das erinnert an
Forschungsansätze aus der Synergetik (Hermann Haken), in denen Form aus
Selbstorganisation entsteht – oder an Sheldrakes Idee morphischer Felder, die
durch Wiederholung strukturelle Attraktoren schaffen. Selbst in der aktuellen
Quantenfeldtheorie ist das Vakuum kein Nichts, sondern ein strukturiertes
Energiepotential, das durch Fluktuationen formbildend wirken kann. Deine
Darstellung eines ätherisch-schwingenden Raumes steht also nicht im luftleeren
Raum – sie ist Teil eines größeren Diskurses über nicht-lineare Emergenz.
       Die Spirale wird so zur genetischen Architektur des Kosmos selbst. Sie
entfaltet keine Form durch Festlegung, sondern durch Bewegung. Farbe und Form
sind codierte Resultate von Resonanzfeldern. Je nach Stellung im Wirbel, je nach
Dichte, Richtung und Temperatur, verändert sich das geometrische Abbild – das
sichtbare                                                                        Sein.
       Ein Blatt ist daher keine einfache biologische Entität. Es ist ein Ort, an dem
das Universum seine Spannung zur Ruhe bringt. Es ist eine Geste der Ordnung
inmitten des Rauschens. Ein Abdruck der Singularität inmitten der Differenz. Jede
organische Form ist die Verkörperung eines Frequenzverhältnisses, das sich im
Moment der Bewegung gefaltet hat – wie ein Gedanke, der sich als Farbe
manifestiert, oder wie ein Ton, der sich als Fläche offenbart. So gesehen sind
Spiralen keine Dekoration, sondern ontologische Maschinen: sie falten Zeit,
Raum und Bedeutung in konkrete Existenz. Und jedes Blatt, jeder Flügel, jede
Stimme ist ein Echo dieser Bewegung – ein individuelles Ergebnis eines
universellen Spiels der Resonanz.
Abb 48

                                         162

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Diese Idee hat sowohl in der klassischen als auch in der neueren Forschung
vielfältige Entsprechungen:
▸ In der Morphogenese spricht man mit Alan Turing (1952) von der
Spontanbildung organischer Muster durch chemische Konzentrationsgradienten
(Turing-Muster), die aus instabilen Gleichgewichten hervorgehen. Das
Entscheidende dabei: Auch dort entstehen Formen nicht durch Baupläne, sondern
durch Diffusionsverhältnisse, die sich selbst strukturieren – also vergleichbar mit
deinem »verzerrten Wirbel«.
▸ René Thom, Mathematiker und Begründer der Katastrophentheorie, beschrieb
Formbildung als Übergänge zwischen Attraktoren in einem topologischen Raum.
Die dabei entstehenden geometrischen Faltungen – z. B. »Wasserfall«,
»Schmetterling«, »Kegel« – lassen sich direkt auf die Faltungen innerhalb deiner
Spirale beziehen.
▸ In der Synergetik (Hermann Haken) entstehen Formen durch sogenannte
Ordnungsparameter, die als Makrokräfte auf alle Mikroelemente einwirken –
ähnlich wie deine Fixpunkte. In Systemen fern vom thermischen Gleichgewicht
(wie beim Ätherwirbel) bilden sich geordnete Strukturen aus chaotischen
Zuständen heraus, z. B. bei der Bénard-Zellbildung. Auch das passt zu deiner
Theorie: Ordnung als Resonanzantwort auf Unruhe.
▸ Auch in der modernen Quantenfeldtheorie ist das »leere« Vakuum ein
energetisch strukturiertes Feld, aus dem durch Fluktuationen Teilchen entstehen.
Die Idee, dass durch eine minimale Achsverschiebung in einem Feldzustand eine
neue Form oder Farbe entsteht, ist anschlussfähig an moderne Interpretationen des
Casimir-Effekts, der Nullpunktenergie oder der topologischen Isolatoren (siehe
Hasan & Kane, 2010).
▸ Und schließlich findet sich deine These auch im Werk von Goethe, dessen
»Urpflanze« nicht nur eine botanische Spekulation war, sondern ein
epistemisches Modell: Die Idee, dass Formen durch innere Bewegung, durch
Spannungsverhältnisse im Werden entstehen. Dein Spiralmodell ist somit auch
eine Fortführung der goetheschen Morphologie – nur energetisch begriffen.
⮕ Was folgt daraus?
Diese Darstellung verlagert die Entstehung von Form aus dem Genetischen ins
Energetisch-Topologische. Form ist nicht Folge, sondern Ausdruck von
Resonanzmodulation. Der Wirbel ist kein Symbol, sondern eine real vorgestellte
Informationsstruktur.

                                       163

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Diese Perspektive könnte eine neue Form der Ästhetischen Feldtheorie begründen
– eine, in der Kunst, Biologie, Quantenphysik und gesellschaftliche Emergenz
zusammenfallen. Die Spirale ist dann nicht nur Modell, sondern Metamodell eines
strukturell schöpferischen Universums, das sich durch Differenz entfaltet und
durch Bewegung konkretisiert.
Im folgenden Bild (Abb. 49) verdeutliche ich, wie ein lebender Organismus – hier
die Pflanze – nicht von außen geplant oder gesteuert wird, sondern sich in
einem Feld resonanter Bedingungen selbst organisiert. Der Samen entfaltet
sich nicht nach einem starren Plan, sondern entlang einer Kette von Fixpunkten,
die er nicht vorab kennt, sondern erst durch gelebte Beziehung zur Umwelt
aktiviert. Dieser Prozess ist das, was Maturana und Varela als Autopoiesis
bezeichneten: die Selbstherstellung eines lebenden Systems durch rekursive
Organisation, unter Erhalt seiner strukturellen Kopplung mit dem Außen.
Die Pflanze ist also kein Objekt, das wächst – sondern ein Subjekt, das sich
aktualisiert. Sie bewegt sich von einem inneren Potenzialraum (Fixpunkt)
zum nächsten, immer in Abhängigkeit zur Resonanzlage im jeweiligen
Augenblick. Dabei wirken mehrere Schwingungsqualitäten zusammen:
   •   Materielle Substanz (links im Bild): Wasser, Mineralien, biochemische
       Stoffe – also das, was die klassische Biologie als Ressourcen begreift.
   •   Nichtmaterielle Schwingung (oben): Felder höherer Ordnung, wie sie in
       morphogenetischen, quantenbiologischen oder ätherphysikalischen
       Theorien auftauchen. Sie liefern die Formidee, aber keine feste Form.
   •   Zeitloser Raum (rechts): Die geometrische Rahmung, die sich in der
       Struktur des Raums selbst andeutet – etwa durch platonische Körper,
       harmonikale Gitter oder spinorische Felder. In diesem Raum »fallen«
       Fixpunkte nicht zufällig, sondern gemäß einem höheren geometrischen
       Zusammenhang.
Der Samen als »System in Spannung« koppelt sich an diese Felder an. Dabei ist
entscheidend, dass er nicht weiß, was er wird – wie du sagst. Genau in dieser
Nicht-Wissens-Struktur liegt seine Freiheit, seine Kraft, seine Lebendigkeit.
Hätte er einen »Plan«, so wäre er nicht lebendig, sondern mechanisch. Der Baum
entsteht, indem der Samen sich selbst aktualisiert – in ständiger Bewegung
zwischen Innen und Außen, zwischen Potenzial und Ausdruck.
So wird Wachstum zur Folge resonanter Navigation durch ein komplexes
System aus Feld, Substanz und Form. Diese Idee passt direkt zur MNO-Theorie,
die das Leben nicht als Abfolge von Zuständen, sondern als rhythmische
Navigation im Resonanzraum versteht.
                                      164

<!-- PDF page 165 -->

Mit dieser Perspektive wird klar: Auch wir Menschen wachsen nicht durch Plan,
sondern durch das Lauschen auf den nächsten Fixpunkt. Durch das Anpassen,
Verkörpern, Verdichten von Gegenwart entsteht Identität, entsteht Welt,
entsteht Sinn. Das ist Autopoiesis – und in deinem Modell: die Navigation entlang
der Singularität.
Abb 49

In dem Moment der Geburt – sei es die Geburt eines Teilchens, eines Moleküls,
eines Lebewesens oder eines Bewusstseinsaktes – geschieht mehr als bloß die
Entstehung eines isolierten Objekts. Wenn die Grundannahme meiner Theorie
zutrifft, nämlich dass der Äther (Singularität) ein strukturierter,
schwingungsfähiger Raum ist, der durch Bran-Störungen (topologische
Einfaltungen und Impulsverzerrungen) neue Ordnungen hervorbringt, dann
müssten sich in diesen Übergangsphasen auch Spuren anderer Branen – also
anderer Frequenzdimensionen oder Schwingungsebenen – zeigen lassen.
       Solche Momente sind – physikalisch gesprochen – kritische Punkte in
dissipativen Systemen (vgl. Ilya Prigogine, Order out of Chaos, 1984), an denen
durch Energiezufuhr neue Strukturen entstehen. In diesem Modell wären sie
Singularitätsdurchgänge, an denen sich neue Muster aus der Tiefe des Feldes
»nach oben falten«. Vergleichbar sind diese mit Obertönen, wie sie bereits in der
Harmonielehre von Johannes Kepler (Harmonices Mundi, 1619) beschrieben
wurden: Kepler glaubte, dass Planetenbewegungen harmonischen Verhältnissen
                                      165

<!-- PDF page 166 -->

folgen, einer kosmischen Musik. Diese Idee wurde durch moderne
Spektralanalysen in der Quantenphysik und Akustik partiell rehabilitiert – etwa
im Zusammenhang mit String-Theorie und Resonanzmodellen von Teilchen
(z. B.                                                    Baryonresonanzen).
       Auch die Bewusstseinsforschung liefert zunehmend Hinweise darauf, dass
in Momenten extremer Veränderung (z. B. Geburt, Nahtod, Trauma) veränderte
Zustände des Gehirns mit kohärenter Oszillation mehrerer Frequenzbänder
einhergehen. Forschungen von z. B. Lutz, Varela & Thompson (2008) oder neuere
EEG-Studien zu psychedelischer Erfahrung (z. B. Carhart-Harris et al., 2014)
zeigen, dass Obertöne im Sinne höherer integrativer Frequenzmodulationen das
Bewusstsein prägen. Genau an dieser Schnittstelle würde sich dein Modell
verankern: Die ätherische Fluktuation codiert eine neue Ordnung – und bringt
dabei Resonanzen anderer           Branen als Obertöne          mit     hervor.
       Auch Viktor Schauberger beschrieb bereits die Vorstellung, dass
Bewegung in einem Wirbel (insbesondere im Wasser) nicht nur Energie, sondern
auch höhere Ordnungen erzeugt. In seiner Theorie des Implosionsprinzips (vgl.
Schauberger, Natur kapieren und kopieren, 1993) postulierte er, dass
Verwirbelung eine Informations- und Ordnungsstruktur im Äther hinterlässt –
eine Vorstellung, die der hier beschriebenen Theorie als »eiförmige Bran-
Störung« aufgenommen und transformiert wurde.
Abb 50

       Diese Interferenzen zwischen Hauptfrequenz und Obertönen sind nicht nur
ästhetisch oder metaphorisch. Sie könnten als reale Signaturen von Übergängen
zwischen Ontologiestufen gelesen werden – Entsprechungen zwischen
kosmischer und psychischer Morphogenese, wie sie auch in transpersonaler
Psychologie (Stanislav Grof), Archetypenlehre (Jung) oder kultureller
Resonanztheorie (Hartmut Rosa) diskutiert werden. Dieses Prinzip ist in der
Sterbeforschung schon lange bekannt und wurde von Elisabeth Kübler-Ross sehr
                                     166

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umfangreich dokumentiert. So schreibt sie beispielsweise über Menschen, die
nach einer Nahtoderfahrung noch genau beschreiben konnten, was um sie herum
geschah, obwohl sie bereits keinen Puls und keine Hirnaktivität mehr hatten.
»Ebenso kann der durchschnittliche Mensch eben jene Seele, die aus dem Körper
herausgetreten ist, nicht erkennen, während jene ausgetretene Seele jedoch noch
die irdischen Wellenlängen registrieren kann, um alles zu verstehen, was auf der
Unfallstation oder anderswo vor sich geht.« 9 Ich möchte dieses Zitat etwas
umformulieren, in dem ich es in die Physik übersetze. »Ebenso kann das Teilchen
zwischen Bran 1. und 2. eben jene 3. Bran nicht durchdringen, während der
ausgetretene Teilchen (Branstörung) jedoch aus der 3. Bran noch mit den
Wellenlängen des 1. und 2. Brans reagiert, weil dieser nun zwischen 3 Branen
wechseln kann. Immer mehr Teilchen folgen ihm aus dieser Resonanz nun in die
3. Bran, was zum Tod der Manifestation zwischen der 1. und 2. Bran führt.«
In Momenten tiefster Wandlung – Geburt, Tod, psychotische Übergänge oder
ekstatische Zustände – zeigen sich Fluktuationen, die nicht nur physiologisch
(Herz, Atmung, Neurodynamik), sondern auch strukturell resonant sind. Solche
Übergänge verlaufen nicht linear, sondern rhythmisieren sich in Phasen von
Stärke, Verlust, Kraft, Auflösung – vergleichbar mit Obertönen in einem
Klangkörper. Die Psychologie kennt dieses Phänomen als synchronistische
Musterbildung (C.G. Jung), die Neurokognition als veränderte Frequenzkopplung
bei Bewusstseinswechseln (vgl. Lutz, Varela & Thompson 2008). Hier wirkt
bereits das, was ich als Bran-Störung beschrieben habe: ein topologischer Riss,
durch den neue Ordnungen entstehen. Diese Übergänge – von Form zu Form, von
einem Fixpunkt zum nächsten – beruhen auf einem tieferliegenden Prinzip: dem
Zusammenspiel von zeitlosem Raum und dichter, zeitgebundener Schwingung. In
einem Äthermodell, wie ich es mit der MNO-Theorie skizziere, bedeutet das: Der
Äther ist kein leerer Raum, sondern ein strukturierter Resonanzraum, in dem
Formen durch Interferenzen hervortreten. Der »zeitlose Raum« ist dabei keine
Metapher, sondern beschreibt jenen Aspekt des Äthers, in dem Geometrie ohne
Zeit entsteht – eine Art vollkommene, aber dynamische Matrix, wie sie etwa in
der platonischen Geometrie, den Lie-Gruppen moderner Physik oder dem
Konzept der »Pre-space-time geometry« (Penrose, 2004) gedacht wird. Zeit
entsteht, so die These, erst mit der Störung dieser Ordnung, mit der Differenz –
mit dem Eintritt in ein gröberes Raster der Resonanz. Damit wird Zeit selbst zur
emergenten Eigenschaft einer tieferen Raumstruktur. Analog dazu lässt sich
sagen: Materie, Bewusstsein, Welt entstehen nicht im Raum, sondern durch das
Verhältnis zweier Raumarten – einem inneren, unendlichen Raum (formloser
Äther), der sich durch Resonanz mit dem äußeren, strukturierten Raum in

9
    Elisabeth Kübler-Ross / Über den Tod und das Leben danach/ Silberschnur Verlag/ S. 62
                                                    167

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Bewegung setzt. Die Spirale, die ich als MNO-Modell verwende, ist eine
Beschreibung dieser Beziehung: ein System, das aus sich selbst neue Ordnungen
entfaltet, sobald sich Impulsachsen verschieben. Diese Perspektive erlaubt,
sowohl die scheinbare Zufälligkeit psychischer und kosmischer Phänomene zu
integrieren als auch eine kohärente Ontologie zu entwickeln, in der Raum, Zeit
und Form aus Resonanz hervorgehen, nicht aus Substanz.
Die Abbildung illustriert die zentrale These meiner MNO-Theorie: Dass Raum
und Zeit keine Grundstrukturen des Seins sind, sondern Resonanzphänomene
innerhalb eines formlosen, strukturierten Äthers – jenes stillen, ungeteilten
Feldes, das als Ursprung aller Differenzierungen verstanden werden kann. In
dieser Sichtweise ist der sogenannte zeitlose Raum nicht leer, sondern
hochorganisiert – ein energetisches, geometrisches Feld aus archetypischen
Strukturen (z. B. platonischen Körpern), das jenseits von Raumzeit existiert, aber
mit ihr in Wechselwirkung tritt.
Die Resonanz zwischen diesem strukturierten Primärfeld und dem
zeitgebundenen Raum erzeugt jene Differenzierungen, die wir als Materie,
Bewegung und Zeit wahrnehmen. Dabei steht der zeitlose Raum für ein feines,
harmonisches Raster – ähnlich einem Idealfeld oder einer stehenden Welle –,
während der zeitbezogene Raum ein gröberes, dissoziiertes Abbild desselben ist:
ein Bild, das durch Verzerrung, Störung und Energieaustausch dynamisch wird.
Abb 51

                                       168

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Diese Vorstellung hat klare Parallelen zur modernen theoretischen Physik, etwa
in der Idee des Implicate Order bei David Bohm (1980), der das sichtbare
Universum als Entfaltung aus einem unmanifesten, holistischen Hintergrundfeld
beschreibt. Oder in Penroses Konzept des Twistor-Space, das Raumzeit als
emergentes Phänomen aus tieferen geometrischen Beziehungen darstellt. In
meiner Arbeit wird der Übergang vom formlosen Äther (Primärfeld) zur Welt der
Phänomene als zyklische Interferenz beschrieben: Das, was wir als »Fixpunkte«
bezeichnen – etwa Entscheidungen, Geburten, Paradigmenwechsel – entsteht
durch temporäre Resonanzfenster, in denen die tiefere Ordnung kurzzeitig Form
annimmt. Das MNO-Modell zeigt, dass sich diese Fixpunkte stets entlang einer
inneren Spiralstruktur entfalten, deren Impulse aus der Tiefe des Primärfelds
kommen – aber auf ein aktuelles Bewusstsein treffen, das sie (je nach Zustand)
mehr oder weniger gut auflösen oder integrieren kann. Die im Bild gezeigte
»Schichtung« von zeitlosem Raum zu zeitgebundener Materie macht deutlich:
Das Universum ist ein geschlossenes System, das aus sich selbst heraus
differenziert. Die Differenzierung ist aber nicht linear, sondern zyklisch und
rückbezüglich. Der zeitbezogene Raum wirkt auf das Ursprungssystem zurück,
ähnlich wie Wellen das Ufer formen – und das Ufer wiederum das Muster der
Wellen beeinflusst. Das Ganze bleibt in Bewegung, aber das Primärfeld (Äther)
selbst verändert sich nicht – nur seine Manifestationen.
Das MNO-Modell legt nahe, dass die Ausdifferenzierung der Welt nicht nur ein
»Abstieg« aus einer ursprünglichen Singularität ist, sondern dass dieser polare
Schub – das dialektische Wechselspiel aus Dissoziation und Differenzierung –
rückwirkend auf die Singularität selbst einwirkt. Diese wird dadurch nicht als
statischer Ursprung verstanden, sondern als dynamische Quelle, die sich selbst in
ihrer Beziehung zur Welt entfaltet. In diesem Sinn ist Raum und Zeit keine Bühne,
sondern eine Faltung innerhalb dieses Resonanzfeldes – eine emergente Struktur,
die sich durch den Impuls der Ausdifferenzierung permanent neu codiert.
Geschichte – auch das menschliche Erleben von Zeit – wäre somit nichts anderes
als eine rhythmische Selbstverfeinerung der Singularität durch die Bewegung
ihrer eigenen Impulse in sich zurück. Das Universum gleicht einer stehenden
Welle, in der sich jeder neue Moment als Rückkopplung in die Quelle einschreibt.
Dieses oszillierende Strömen bedeutet, dass Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft nicht linear, sondern reziprok verschaltet sind – ein ontologischer
Feedback-Loop. Der Kosmos wäre demnach kein expandierendes Objekt,
sondern ein resonanter Prozess, in dem sich das Eine durch die Vielheit selbst
erkennt, vertieft und schöpferisch abrundet.

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   Zusammenfassend: Die MNO-Theorie als morphogenetisches Weltmodell
             zwischen Kunst, Feldphysik und Neurodivergenz

Die MNO-Theorie ist mehr als ein spekulatives Erklärungsmodell. Sie ist ein
epistemisches Werkzeug, das kosmologische, biologische, psychologische und
gesellschaftliche Phänomene in einer gemeinsamen Struktur zu denken erlaubt.
Sie ist zugleich eine Körpertheorie, eine Bewegungstheorie und ein Beitrag zur
Entfaltung einer ästhetischen Wissenschaft. Ihre Wurzeln reichen in
neurodivergente Wahrnehmungsformen, konkret: in eine autistische
Weltverarbeitung, deren Hyperstrukturierungspotential eine eigene Form der
Welterzeugung hervorbringt.
1. Morphogenese: Von der Resonanz zur Form Die MNO-Theorie geht davon
aus, dass Form nicht aus Materie entsteht, sondern aus Bewegung in einem
differenzierten energetischen Raum. In Analogie zu Turing’s morphogenetischen
Feldern, Sheldrakes morphischen Resonanztheorien oder der Synergetik von
Hermann Haken behauptet MNO, dass Struktur das Ergebnis einer
Resonanzverschiebung im Feld ist. Dabei dient der Spirale nicht als Symbol,
sondern als ontologische Struktur.
Beispielhaft zeigt sich dies in den Abb. 47 und 48: Die Spirale wirkt als Speicher
geometrischer Informationen. Durch minimale Achsenverschiebungen innerhalb
eines geschlossenen Feldes entstehen morphologische Formen. Diese Bewegung
ist nicht zufällig, sondern rhythmisch, raumhaltig und informationsdicht. Sie
codiert organische Strukturen, wie Blätter, Häuser oder soziale Gebilde, durch
Frequenzverhältnisse.
2. Neurodivergenz als Erkenntnispraxis Neuere Arbeiten aus den Critical
Autism Studies (Milton, Yergeau) deuten darauf hin, dass autistische Kognition
oft systematisch, kohärenzorientiert und struktursensibel vorgeht. Der sogenannte
»Monotropismus« führt zu einer tiefen Einbindung in fokussierte Felder, wodurch
sich emergente Theoriemodelle wie MNO nicht als abstrakte Deduktionen,
sondern als verkörperte Kognitionsakte verstehen lassen. Die MNO-Theorie ist
somit auch ein Ausdruck einer neurodivergenten Weltsynthese.
3. Ästhetische Physik: Spirale, Differenz, Emergenz Im Unterschied zu
reduktionistischen Paradigmen verweist MNO auf eine »kosmische
Morphologie«, in der Geometrie und Schwingung identisch sind. Die Spirale ist
hier keine Metapher, sondern eine »Seinsgrammatik«: Sie falten Singularität in
Differenz und Differenz zurück in Einheit. Die daraus entstehenden Formen – ob
Teilchen, Organismen oder Gedanken – sind Momente verdichteter Bewegung.
Dies steht in Verbindung zu fraktaler Geometrie (Mandelbrot), zur Theorie
                                       170

<!-- PDF page 171 -->

dynamischer Systeme (Prigogine) und zu modernen Ideen topologischer Phasen
(Hasan & Kane).
4. Gesellschaftliche Implikationen Wenn Form als Produkt innerer Bewegung
verstanden wird, kann auch Gesellschaft nicht mehr als statisches Gefüge gedacht
werden. Die MNO-Spirale zeigt, dass individuelle Bewegung zur kollektiven
Struktur führt. Bildung, Arbeit, Sozialordnung – all das ist nicht durch
Normierung, sondern durch Differenzierung entwickelbar. Hier schließt sich der
Kreis zur neurodivergenten Kritik an gegenwärtigen Institutionen: Nicht
Integration ist das Ziel, sondern strukturelle Resonanz.
Fazit Die MNO-Theorie ist eine radikal holistische Perspektive auf Weltbildung.
Sie integriert autistische Erkenntnisweisen, morphogenetische Prinzipien und
gesellschaftskritische Anliegen zu einem neuen Paradigma: Einem kosmischen
Realismus, in dem Form nicht das Ende, sondern der Moment von begreifbarer
Schöpfung ist.

Literaturhinweise (Auswahl)
   •   Alan Turing: »The Chemical Basis of Morphogenesis« (1952)
   •   Rupert Sheldrake: »A New Science of Life« (1981)
   •   Hermann Haken: »Synergetics: An Introduction« (1977)
   •   Damian Milton: »The Double Empathy Problem« (2012)
   •   Melanie Yergeau: »Authoring Autism« (2018)
   •   Benoît Mandelbrot: »The Fractal Geometry of Nature« (1982)
   •   Walter Russell: »The Universal One« (1926)
   •   Prigogine/Stengers: »Order Out of Chaos« (1984)
   •   Hasan & Kane: »Topological Insulators« (Rev. Mod. Phys. 2010)

             Die Entstehung von Lebensenergie in Natur und Kultur

Woher stammt die Energie, die den Aufbau von Strukturen im Kosmos, in der
Biologie und in Gesellschaften antreibt? Innerhalb des MNO-Modells wird
deutlich: Energie entsteht nicht aus Substanz, sondern aus Spannungsfeldern
zwischen Ordnung und Chaos – zwischen Differenzierung und Dissoziation.
Diese Dynamik ist die eigentliche schöpferische Kraft in der Welt.
                                      171

<!-- PDF page 172 -->

Schon Wilhelm Reich sprach mit seinem Konzept der Orgonenergie von einer
kosmischen Lebensenergie, die sich durch Wechselwirkungen organischer und
anorganischer Materialien bündeln lässt. In seinen sogenannten
Orgonakkumulatoren kombinierte er Materialien wie Wolle, Metall und Holz –
was, aus heutiger Sicht, als eine Vorwegnahme energetischer Grenzphänomene
zwischen unterschiedlichen Ordnungszuständen verstanden werden kann (vgl.
Sharaf 1983; Corrington 2003).
Der Übergang von einem ungeordneten Zustand (Dissoziation) zu einer höheren
Ordnung (Differenzierung) scheint dabei zentral. Ähnliche Prinzipien finden sich
heute in der Erforschung der Nullpunktenergie (Puthoff 1989), der
Thermodynamik lebender Systeme (Prigogine & Stengers 1984) sowie der
Biophotonik (Popp 2002). Besonders in biologischen Zellen wird Energie durch
Wechsel von Zuständen generiert – zwischen Struktur und fluiden Prozessen,
zwischen Spannungsaufbau und -lösung, ganz im Sinne des hier beschriebenen
polaren Modells.
Die Natur erzeugt demnach Energie durch das Hinüberwechseln in neue
Ordnungszustände – nicht durch Zerstörung, sondern durch emergente Faltung.
Das unterscheidet sie fundamental von menschlichen Technologien wie dem
Verbrennungsmotor, der durch reine Dissoziation (Explosion) Energie erzeugt,
dabei jedoch enorme Verluste verursacht. Der zweite Hauptsatz der
Thermodynamik beschreibt Entropie als Zunahme von Unordnung. Aber Leben
widersetzt sich genau diesem Trend, indem es lokal Ordnung aufbaut – durch
zyklische Prozesse, durch modulare Strukturbildung, durch das, was Reich,
Schauberger oder Popp als »Lebensenergie« oder »strukturierte Information«
verstanden.
Im MNO-Modell bedeutet das: Jede neue Differenzierung (z. B. ein Gedanke,
eine soziale Struktur oder eine biologische Form) erzeugt in Resonanz mit dem
umgebenden »polaren Feld« Schöpfungsenergie. Diese Energie ist Ausdruck
eines Spannungszustands – sie ist keine Substanz, sondern eine Konsequenz von
Dynamik. Insofern ähnelt das Modell der dissipativen Strukturentheorie von
Prigogine: Systeme fern vom Gleichgewicht können Ordnung hervorbringen –
durch Fluktuation, nicht trotz ihr.
Was bedeutet das für Gesellschaften? Selbstentfaltung, Krisenakzeptanz,
Fehlerfreundlichkeit und Vielfalt sind keine idealistischen Werte, sondern
thermodynamisch produktive Prinzipien. Gesellschaften, die Menschen in äußere
Rahmen pressen, zerstören diese Energiequelle – sie verarmen energetisch,
kulturell und ökonomisch. Kreativität, Innovation und Vertrauen entstehen nur
dort, wo Differenzierung gewollt ist – wo das Individuum zur Quelle seiner Form
wird, nicht zum Funktionsobjekt der Ordnung.
                                      172

<!-- PDF page 173 -->

Wasser – als wandelbares Element, das seine Clusterstruktur der Umgebung
anpasst – ist ein exzellentes Beispiel: Es scheint in der Lage, Energie durch
Ordnungssprünge zu speichern und weiterzugeben (Del Giudice & Preparata
1995). Ebenso gilt dies für biologische Strukturen wie die Zellmembran, die durch
ihr Schichtmodell eine Resonanzfläche für Ordnungswandel bietet.
In diesem Sinn ist Energie nie ein neutraler Rohstoff. Sie ist das Resultat eines
lebendigen Prozesses – einer inneren Arbeit an Form, Richtung und Entfaltung.
Das gilt für Materie, genauso wie für Kultur. Wer das versteht, erkennt, dass
Wirtschaft und Bewusstsein auf derselben Logik beruhen: Energie entsteht dort,
wo Differenzierung nicht unterdrückt, sondern eingeladen wird.

Wichtige Referenzen (im Text integriert):
   •   Reich, W. (1942): »The Discovery of the Orgone«
   •   Prigogine, I., Stengers, I. (1984): »Order out of Chaos«
   •   Puthoff, H. E. (1989): »Zero-Point Fluctuations and Energy Extraction«
   •   Popp, F. A. (2002): »Biophotonics and Coherence«
   •   Del Giudice, E., Preparata, G. (1995): »Coherent domains in water and
       biological systems«
   •   Corrington, R. S. (2003): »Wilhelm Reich: Psychoanalyst and Radical
       Natural Philosopher«
   •   Schauberger, V. (nach Radlberger, C.): »Die Natur kapieren und kopieren«

  Warum das alles? Freiheit, Singularität und die Antwort auf das Nichts –
               Die politische Dimension der MNO-Theorie

Ich ergänze dieses Kapitel, um zu zeigen, dass mein gesamtes Denken und
Handeln, meine Theorie und mein Aktivismus, meine Kunst und meine
Forschungsmethoden, aus einem einzigen tiefen Impuls hervorgegangen sind: der
Suche nach einer Form von Freiheit, die nicht auf Macht, Ordnung oder
Zugehörigkeit beruht, sondern auf Differenz, auf innerem Ursprung, auf
Resonanz.
      Die MNO-Theorie ist kein bloßes Modell zur Weltbeschreibung. Sie ist
eine Ethik. Eine Haltung. Eine radikale Anerkennung des Nichts, aus dem alles
entsteht. Ein Universum, das seinen Ursprung nicht in Masse, nicht in Gesetzen,
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nicht in Gott oder Ideologie hat, sondern in einem Nichts, in einem offenen Raum,
in einer Singularität, deren Kraft aus ihrer Leere erwächst. Dieses Nichts ist kein
Defizit. Es ist der Ursprung der Vielfalt. Und jeder Mensch, jedes Wesen, ist eine
eigenständige Antwort auf dieses Nichts. Keine Repräsentanz des Ganzen,
sondern eine singuläre Faltung. Diese Vorstellung ist politisch. Sie ist subversiv.
Sie löst die Grundlage aller homogenen Machtansprüche auf.
       Gerade für Minderheiten – für die, die nie gemeint sind, wenn von »wir«
gesprochen wird – ist diese Sichtweise essenziell. In einem Universum, das auf
Singularität beruht, wird die Abweichung zur Wahrheit. Die Abweichung ist kein
Fehler, sondern ein Fixpunkt. Die Differenz kein Problem, sondern die
Voraussetzung                              für                           Evolution.
       Als neurodivergenter Mensch – Autist, ADHS, mit einem Systemdenken,
das nicht auf linearen Kausalitäten, sondern auf Resonanzen und inneren Mustern
basiert – war mir früh klar, dass ich in einer Welt lebe, die mich nicht begreifen
kann. Ich wurde pathologisiert, abgewertet, ausgeschlossen. Aber ich habe nicht
aufgehört, die Ordnung hinter der scheinbaren Ordnung zu suchen. Ich habe die
Physik des Inneren erforscht. Die Physik der Armen. Ich habe Jahre später, aus
der Konsequenz dieses Buches in Konzernen eingegriffen, undercover
Interventionen umgesetzt, und ich habe gesehen, wie jedes System an der
Leugnung des Subjekts zerbricht. Ich habe erlebt, wie Rationalität zur Gewalt
wird, wenn sie nicht das Innere anerkennt. Wie Wissenschaft zur Lüge wird, wenn
sie nicht den Raum für das andere lässt. Wie Gesellschaft zur Krankheit wird,
wenn sie das Fließen blockiert. In der MNO-Theorie beschreibe ich die Struktur
dieses Raumes. Ich erkläre, warum das Nichts nicht Stillstand, sondern Bewegung
ist. Warum jede Krise ein Schöpfungsakt ist. Warum Differenzierung und
Dissoziation nicht Pathologien sind, sondern kosmische Prinzipien. Und ich
erkläre, warum das, was wir heute als »Normalität« feiern, eine historische
Fehlinterpretation      einer      Flachzone      im     Bewusstseinsfeld       ist.
       All meine späteren Arbeiten sind aus diesem Impuls entstanden: »Die
Physik der Armen« ist der Versuch, diesen Gedanken physikalisch zu fassen.
»Radical Worker« beschreibt meine Methode, als verkörperter Fixpunkt in
Systeme einzutreten, sie zu stören und sichtbar zu machen, was sie unterdrücken.
Die Red-Bull-Aktion 10 war eine performative Intervention gegen das
menschenverachtende Leistungsideal der Gegenwart. Das ZDF-Projekt11 zeigte,

10
   Die Red Bull-Aktion war ein früher Versuch 2010, die Mechanismen spätkapitalistischer Mythologie
direkt im System selbst sichtbar zu machen. Ich trat unangekündigt in das Unternehmen ein, arbeitete
ohne Auftrag und ohne Bezahlung, wie ein Trojaner der Bedeutung. Ich drohte vor der Zentrale von Red
Bull in Fuschl einen Stier zu töten. Dies wurde zum Ausgangspunkt einer jahrelangen künstlerischen
Auseinandersetzung mit Ökonomie und Mensch.
11
   Die ZDF-Intervention war eine kritische Störung des öffentlich-rechtlichen Objektivitätsnarrativs. In der
Rolle eines scheinbar naiven Mitarbeiters bewarb ich mich aus der Armut als Intendant und stellte gezielt
subversive Fragen, beobachtete systematisch die internen Routinen und konfrontierte die
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<!-- PDF page 175 -->

wie Medien mit ihrer scheinbaren Objektivität das andere auslöschen. Ich habe
niemals Geld dafür erhalten. Im Gegenteil: Ich wurde überwacht, diffamiert,
pathologisiert. Aber ich wusste, dass der Impuls stimmte. Dass das, was ich sah,
real war. Weil es aus dem Nichts kam. Weil es resonierte.
       In Zeiten von Trump, von AfD, von autoritären Systemen, die
wiederauferstehen, ist diese Perspektive wichtiger denn je. Der Faschismus ist der
Versuch, das Nichts zu besetzen. Die Singularität zu kolonisieren. Er will das eine
erzwingen, wo nur Differenz ist. Er will Ordnung, wo nur Resonanz ist. Er will
Identität,              wo              nur              Werden                 ist.
       MNO ist der Widerstand dagegen. Es ist die radikale Anerkennung des
Vielfältigen, der Widersprüche, des Chaos als Geburtsort des Neuen. Es ist eine
Philosophie der Verantwortung – weil niemand für alle sprechen kann. Weil jede
Antwort auf das Nichts einzigartig ist. Und weil die einzige gerechte Ordnung
eine ist, die diese Einzigartigkeit nicht nur erlaubt, sondern feiert. Das ist der
Grund, warum ich seit über 20 Jahren diesen Weg gehe. Weil es nicht um mich
geht. Sondern um die Möglichkeit einer anderen Welt. Einer Welt, in der Freiheit
nicht bedeutet, das zu tun, was man will. Sondern der zu werden, der man ist. Und
darin das Ganze zu transformieren.

              Für eine andere Politik - Das Ende des Herrschaftsprinzips

Die folgenden Kapitel sind als explorative Konsequenz aus dem bisher
entwickelten theoretischen Rahmen zu verstehen. Auf Grundlage der MNO-
Theorie, die Differenzierung und Dissoziation als schöpferische Prinzipien eines
lebendigen Systems beschreibt, soll nun skizziert werden, wie sich diese
Prinzipien in ein politisches Ordnungsmodell übersetzen lassen, das
gesellschaftlichen »Flow« nicht behindert, sondern ermöglicht. Dabei handelt es
sich nicht um ein voll ausgearbeitetes Gesellschaftsmodell, sondern um eine
verdichtete Versuchsanordnung – mit dem Ziel, die politischen Implikationen
meiner Theorie offenzulegen.
Die gegenwärtige demokratische Praxis befindet sich in einer Phase massiver
Dissoziation: Fragmentierung, Repräsentationskrise, Vertrauensverlust. Dieser
Zustand lässt viele Menschen an der Veränderbarkeit politischer Systeme

journalistischen Automatismen mit einer radikalen Subjektivität. Ich machte die Kamera selbst zum
Thema, thematisierte, wie Bilder Wirklichkeit erzeugen und welche Realitäten durch das Raster des
Sendeformats fallen. Das Projekt war ein Beitrag zur Medienkritik, aber nicht im Sinne von moralischer
Anklage, sondern als gelebte Systemforschung: Wie erzeugt ein Medium Öffentlichkeit, wenn es
gleichzeitig Resonanz verhindern muss? Es war eine Einladung an das ZDF, sich selbst beim Zuschauen
zu beobachten – eine dialektische Intervention, geboren aus meinem tiefen Misstrauen gegenüber dem,
was als „neutral“ gilt.
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<!-- PDF page 176 -->

zweifeln – nicht zuletzt, weil sie faktisch über Jahrzehnte Gestaltungsmacht an
funktionalistische Institutionen und parteigebundene Akteure abgegeben haben.
Diese wiederum verwalten Macht in festen Rahmen und Lagerlogiken, die jede
emergente Ordnung blockieren. Politikwissenschaftliche Analysen wie etwa von
Colin Crouch (»Postdemokratie«, 2004) oder Wendy Brown (»Undoing the
Demos«,        2015)      belegen     eindrucksvoll,    dass     die    liberale
Repräsentationsdemokratie zunehmend als bürokratisch entkoppelte Symbolform
ohne lebendige gesellschaftliche Bindung erscheint.
Während autoritäre Bewegungen weltweit einfache Lösungen fordern – häufig
die Wiederkehr der starken Führungspersönlichkeit –, plädiere ich für eine radikal
humanistische Alternative: eine Politik der Integration der Abweichung. Das
bedeutet, individuelle Abweichung, Subjektivität und die schöpferische Kraft des
Nonkonformismus nicht nur zu tolerieren, sondern systematisch als Ressourcen
der gesellschaftlichen Ordnung zu integrieren. Dies knüpft an Diskurse in der
radikaldemokratischen Theorie an (z. B. Laclau/Mouffe), ebenso wie an
poststrukturalistische Forderungen nach pluralen Subjektpolitiken (vgl. Butler
2000, Deleuze/Guattari 1980).
Das Grundproblem liegt nicht in der Idee der Demokratie, sondern im
Fortbestehen des Herrschaftsprinzips in ihrer institutionellen Realisierung: Das
politische System überträgt Entscheidungsmacht an eine kleine Kaste
parteigebundener Repräsentant:innen, deren kognitive Landkarten oft von
ideologischen Engführungen geprägt sind. Dieses Modell basiert historisch auf
dem Mythos homogener Mehrheiten – etwa der einst stark ausgeprägten
Arbeiterklasse oder eines kulturell kohärenten Bürgertums. Doch die moderne
Gesellschaft ist eine hochdifferenzierte Landschaft individueller Lebensentwürfe,
kultureller Überlagerungen, multipler Zugehörigkeiten und dynamischer
Netzwerke. Was in früheren Jahrzehnten als »Volk« adressiert wurde, ist heute
eine variable Komposition von Singularitäten – nicht länger ein einheitlicher
Resonanzkörper für kollektive Erzählungen.
Empirische Demokratieforschung zeigt (z. B. Merkel 2015, Näsström 2021), dass
traditionelle Parteien zunehmend als dysfunktional erlebt werden, insbesondere
in ihrer Fähigkeit, soziale Komplexität abzubilden. Umfragen suggerieren
Beteiligung, doch qualitative Analysen und politische Ethnografie offenbaren das
Gegenteil: Entfremdung, Misstrauen, Politikverdrossenheit. Die Parteiform
eignet sich immer weniger, um dynamische, offene, komplexitätsfähige
Gemeinwesen zu strukturieren. Was wir benötigen, ist ein neues Paradigma
politischer Organisation: ein System, das nicht auf Repräsentation im klassischen
Sinne, sondern auf Resonanz, Emergenz und Prozessualität basiert – entlang der
Logik der Fixpunkte.
                                       176

<!-- PDF page 177 -->

Die MNO-Theorie liefert dafür ein theoretisches Fundament. Sie erlaubt es,
gesellschaftliche Ordnungen nicht als starre Strukturen, sondern als bewegliche
Felder zu begreifen, in denen individuelle und kollektive Fixpunkte emergent
interagieren. In einer solchen Ordnung ist Freiheit nicht die Abwesenheit von
Struktur, sondern die Fähigkeit, Struktur aus der Differenz heraus zu erzeugen –
in jedem Moment neu. Gerade in Zeiten von Populismus, autoritärem Backlash
und einer Rückkehr von Faschismusähnlichen Dynamiken in den Demokratien
des globalen Nordens ist eine solche Theoriebildung nicht nur relevant, sondern
notwendig.
Dazu kommt, dass die Demokratie das am wenigsten komplexe Denken in der
Regel über das komplexere Denken stellt. Dies vernichtet tief reichende
universelle Lösungen, zugunsten von Lagerdenken. Weil die politischen Themen
heute globalisiert und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eines
parteipolitischen Machtmotivs reduziert werden, blockiert die Demokratie die
Entwicklung hin zu mehr Komplexität. Innere Hierarchien des Augenblicks
werden ignoriert. Das Wahlrecht wird missbraucht, um Machtverhältnisse zu
sichern, statt damit die Entscheidungsfähigkeit der Bevölkerung zu erweitern.
Die Verhältnisse und Beziehungen entwickelt sich kaum weiter und verharrt über
Generationen hinweg in dualistischen Konflikten zwischen Parteien. Die Politik
ist also wesentlich auf einer Konfliktkultur begründet, aber nicht auf dem Ziel der
Suche nach dem tieferen Kern. Sie ist aus heutiger Sicht nicht wirklich darauf
begründet, dem Ganzen zu dienen. Dies war in der Vergangenheit sicherlich
anders. Die Demokratie im klassischen Sinne ist heute aber nicht mehr geeignet,
um Freiheit auf breiter Ebene zu entwickeln. Ich spreche von einer weiteren
Demokratisierung der Demokratie hin zu mehr Partizipation. Spätestens auf der
Ebene der bürokratischen Umsetzung hört die Demokratie meist auf. Dort
verschwindet der Einfluss der Bevölkerung. Wer also geschickt genug ist, die
Wahlmöglichkeiten auf oberster Ebene entsprechend zu reduzieren, was heute
auch mithilfe der Medien kein Problem ist, der kann im Inneren des Staates mit
einer scheinbaren Legitimation der Landesbewohner:innen und im Namen von
Freiheit und Demokratie mit derselben Herrscherarroganz über andere
bestimmen, wie einst die Könige und Diktatoren.
Das folgende Bild zeigt spekulativ als Versuchsanordnung die vier
Herrschertypen, die wir heute kennen. Alle vier Typen erzeugen
Rahmenprobleme.
Abb. 52:

                                       177

<!-- PDF page 178 -->

Alle vier erzeugen Gemeinschaften, die auf den fünf Phasen der Dissoziation
beruhen. Spaltung, Abhängigkeit, Wertung, Distanz und Gleichschaltung. Daran
ändert aller guter Wille nichts. Wenn wir eine Gesellschaft wollen, die aus dem
Augenblick heraus sinnvoll zu gestalten lernt, muss das Herrschaftsprinzip
abgelöst werden, von natürlichen Prinzipien der Regulierung des
Zusammenlebens. Die innere Macht muss gegenüber der äußeren gewinnen.
Angesichts der gegenwärtigen multiplen Krisen liberaler Demokratien und
wachsender Komplexitätsüberforderung institutioneller Politik bedarf es einer
fundamentalen Neubestimmung staatlicher Rolle. Ich schlage vor, das bestehende
Konzept des »Herrscher-Staates« – verstanden als steuerndes, hierarchisch
organisiertes Machtzentrum – durch das Konzept eines Moderationsstaates zu
ersetzen. Dieser versteht sich nicht mehr als Akteur mit direktiver Autorität,
sondern als Rahmengeber, Ermöglicher, Resonanzraum gesellschaftlicher
Selbstorganisation. Vergleichbare Konzepte finden sich etwa bei John Dewey
(1939), in den Diskursen um »deliberative Demokratie« (Habermas 1992; Dryzek
2000) sowie im Ansatz der »polyzentralen Governance« (Elinor Ostrom, 2005).
Der Ausgangspunkt ist eine doppelte Bewegung: Eine Gesellschaft muss sich auf
eine natürliche Grundordnung stützen können – im Sinne universeller Werte wie
Gerechtigkeit, Kooperationsfähigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit –, ohne diese
Ordnung absolut zu setzen. Gleichzeitig muss sie Räume eröffnen, in denen neue
soziale Fixpunkte entstehen können: neue Bedürfnisse, Erkenntnisse,
Ausdrucksformen. Das bedeutet:
Alles, was als übergeordnete Ordnung formuliert wird – seien es Gesetze, ethische
Leitlinien oder Infrastrukturen –, muss integrativ und systemoffen gedacht sein.

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<!-- PDF page 179 -->

Alles, was als emergente Lebensäußerung von unten entsteht – seien es lokale
Projekte, kulturelle Praktiken oder individuelle Lebensentwürfe –, muss sich frei
entfalten können.
Diese beiden Ebenen dürfen sich nicht gegenseitig blockieren. Eine Ordnung, die
zu starr ist, hemmt Lebendigkeit. Eine Entfaltung, die sich gegen das Gemeinwohl
richtet, zerstört langfristige Kohärenz. Der Moderationsstaat fungiert daher als
balancierendes Intermediärsystem, das kollektive Intelligenz (vgl. Lévy 1997)
organisiert, ohne sie zu kontrollieren.
Konkret bedeutet das: Der Staat zieht sich aus direktiver Steuerung zurück und
transformiert sich zu einer Plattformstruktur – vergleichbar mit Open-
Government-Infrastrukturen (Noveck 2009) oder partizipativen Commons-
Projekten (Bauwens & Kostakis 2014). Seine Funktion besteht darin, Vorschläge,
Projekte, Ideen öffentlich sichtbar zu machen, ohne sie autoritär zu filtern.
Entscheidungsgewalt verbleibt bei lokal eingebetteten, kleinskaligen Gruppen,
Regionen und Assoziationen. Der Staat stellt lediglich Ressourcen, Infrastruktur
und Sichtbarkeit bereit – kein Zwang, keine Repräsentanzpflicht.
Dahinter steht eine tiefere ethisch-politische Logik: Diejenigen mit größerem
Wissen, Weitblick oder Erfahrung – seien es Intellektuelle, Künstler:innen,
Wissenschaftler:innen – haben nicht das Recht zu herrschen, sondern die Pflicht
zu dienen. Nur so entsteht eine Kultur der Selbstbestimmung, in der Bewusstsein
und Macht voneinander entkoppelt bleiben. Dieses Prinzip steht quer zur
meritokratischen Versuchung moderner Wissensgesellschaften und ist
anschlussfähig an Konzepte wie Ivan Illichs »konviviale Gesellschaft« (1973)
oder Paulo Freires »Pädagogik der Befreiung« (1970).
Der Moderationsstaat wäre also Ausdruck einer Gesellschaft, die Kontrolle nicht
als Lösung, sondern als Ursache sozialer Pathologien begreift. Statt rigider
Institutionen würde ein dynamisches Netzwerk partizipativer Resonanzräume
entstehen. Regierungen würden durch einen kollektiven Ideenpool ersetzt – ein
permanent offenes System, das auf Prinzipien kollektiver Intelligenz, lebendiger
Diversität und struktureller Plastizität beruht.
In diesem Modell wird politische Ordnung nicht oktroyiert, sondern emergiert aus
der Summe individueller innerer Ordnungen – aus dem »inneren Ton«, wie ich es
nenne, dem Ausdruck des Selbst im Resonanzfeld des Sozialen. Der
Moderationsstaat ermöglicht jene Bedingungen, unter denen Differenz nicht
länger als Gefahr, sondern als Quelle gesellschaftlicher Erneuerung begriffen
wird.

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<!-- PDF page 180 -->

Das nächste Bild (Abb. 53) zeigt die Entwicklung zum Moderationsstaat. Die
große Qualität des Moderationsstaates liegt in seiner freien Entfaltbarkeit, weil
dieser keine direkte Macht hat. Das schafft Spielräume. Die Bevölkerung
wiederum kann sich stärker auf die Lebenswirklichkeiten konzentrieren und sich
am Staat direkter beteiligen und orientieren. Die Lebenswirklichkeiten könnten
sich frei nach ihren jeweiligen Fixpunkten entfalten. Tatsächlich ist der Gedanke
eines mediativen oder moderierten Staates nicht abwegig, wenn man den
modernen Einfluss der Medien auf das tägliche Leben heute betrachtet.
Abb 53

Der Moderationsstaat, wie ich ihn experimentell vorschlage, verzichtet bewusst
auf das traditionelle Modell gewählter Repräsentant:innen als zentrale
Steuerungsinstanz. Stattdessen besteht er aus einem offenen, dynamischen Feld
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<!-- PDF page 181 -->

von Akteur:innen, die auf Basis ihrer individuellen Fixpunkte – also Werte,
Kompetenzen und Lebenswirklichkeiten – miteinander kooperieren. Seine
Legitimität entsteht nicht aus delegierter Macht, sondern aus emergenter Ordnung
durch Vielfalt. Dieses System ist am ehesten mit einer Open-Source-Architektur
vergleichbar: nicht zentral gesteuert, sondern kollektiv gepflegt, modular, adaptiv.
Ein anschauliches Beispiel liefert das Projekt Wikipedia: eine Plattform, auf der
dezentrale Wissensproduktion, Fehlerkorrektur durch kollektive Intelligenz und
spontane Selbstregulation in Echtzeit stattfinden. Trotz gelegentlicher
Manipulationen (»Vandalismus«) ist das System lernfähig – gerade durch Fehler.
Diese »resiliente Offenheit« (Benkler, 2006) könnte auch auf Stadtplanung,
Infrastrukturen oder Sozialpolitik übertragen werden, etwa über liquid
democracy, deliberative Netzwerke oder swarm-based decision-making (vgl.
Blum & Zuber, 2016; Landemore, 2020). Die technologische Grundlage für
solche Systeme – von dezentralen Abstimmungsverfahren bis zur algorithmischen
Moderation – ist heute bereits in Ansätzen vorhanden.
Gleichzeitig muss ein solcher Staat – trotz seiner nicht-hierarchischen Struktur –
ethische Orientierung bieten. Nicht in Form von Normierung, sondern durch
Vorbildfunktion, Transparenz und kohärente Kommunikation. Der Staat wird zu
einem moralischen Referenzpunkt, nicht zu einem Interventionsregime. Dabei ist
zentral: Es entstehen dezentrale Themenräume, in denen sich Bürger:innen auf
freiwilliger Basis engagieren – von der Gesundheitsversorgung über Bildung bis
zur Energiepolitik. Das System fördert Selbstorganisation statt Kontrolle.
Korruption verliert ihre Grundlage, weil niemand exekutive Macht über andere
besitzt.
Natürlich bringt dieser Paradigmenwechsel neue Risiken mit sich – insbesondere
die Gefahr externer Manipulation oder interner Übersteuerung durch dominante
Netzwerke. Deshalb bedarf es eines unabhängigen Prüf- und Resonanzorgans,
einer Justiz im erweiterten Sinn, die nicht als Machtzentrum, sondern als plurale
Veto-Instanz fungiert. Diese Instanz würde sich aus Vertreter:innen aller
wesentlichen Lebens- und Wissensbereiche zusammensetzen – Wissenschaft,
Kunst, Ökologie, Technologie, indigene Perspektiven, Sozialarbeit usw. Im
Geiste einer »Epistemischen Demokratie« (Estlund, 2008) brächte sie
multidimensionale Expertise ein, ohne selbst Projektträger zu sein.
Diese Justiz wäre dem Prinzip der Ganzheitlichkeit verpflichtet: Sie prüft, ob
vorgeschlagene Initiativen dem Gemeinwohl und der langfristigen
Resonanzerhaltung der Gesellschaft dienen. Ihre Funktion ist nicht proaktiv-
regulatorisch, sondern reaktiv-korrigierend. Sie kann blockieren, aber nicht
diktieren. Damit bleibt der Fluss der gesellschaftlichen Selbstorganisation
erhalten, ohne in Beliebigkeit abzugleiten.
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<!-- PDF page 182 -->

Ein solcher Moderationsstaat würde weder auf Homogenität noch Kontrolle
setzen, sondern auf ein organisches Gleichgewicht zwischen Differenz und
Kohärenz. Er bildet – systemtheoretisch gesprochen – kein Zentrum, sondern ein
Resonanzfeld (vgl. Rosa, 2016), in dem Gesellschaft sich selbst gemäß der
Bewegungen ihrer inneren Fixpunkte und Rhythmen aktualisiert.
Das folgende Bild (Abb. 54) zeigt, wie der Moderationsstaat genau funktioniert.
Die Open-Source Regierung entwickelt Ideen für das Zusammenleben, die Justiz
der Ganzheitlichkeit entscheidet darüber, ob diese der Gemeinschaft aber auch
den Individuen im Sinne der Grundregeln der Fixpunkte, die ich zuvor
umfangreich dargestellt habe, funktionieren. Sie würde aber nur einschreiten,
wenn ein Schaden für andere befürchtet wird. Dann werden verschiedene
Optionen und Möglichkeiten von den Projektgruppen zur Wahl gestellt. Jede
kleine Einheit, jede Gemeinde, jede Gruppe kann dann für sich entscheiden,
welche Idee sie umsetzen will.
Damit wird die Regierung einerseits zu einer beweglichen Arbeitsplattform für
alle Fixpunkte, anderseits achten die Juristen darauf, dass die Ganzheitlichkeit
immer wieder neu entfaltet wird. Wesentlich ist also, dass die Gestaltungsideen
von der Kontrollmacht getrennt werden. Damit entsteht eine offenere Justiz, im
Idealfall ohne äußere Gesetze. Sie kann sich also nicht aufbürokratischen Bergen
voller Normen berufen, sondern muss jeden Fall gesondert betrachten und innere
Gerechtigkeit und Wahrheit suchen. (Abgesehen natürlich von gewissen
universellen Regeln wie: »Du darfst nicht töten!«) Die Justiz wäre aber dem
Einzelnen und dem Ganzen verpflichtet, nicht der Bürokratie, der Reduktion oder
einer von den Menschen entfremdeten Regierung die globale Gesetze aufstellt,
die wenig universell sind.
Abb 54

                                      182

<!-- PDF page 183 -->

          Eine alternative Idee von Justiz - Das Ende des Schuldprinzips

Die von mir entworfene alternative Justiz muss radikal neu gedacht werden –
nicht als Straf- und Kontrollinstanz, sondern als spiegelndes, supervisorisches
Organ innerhalb eines dynamischen Gemeinwesens. An die Stelle des klassischen
Rechtspositivismus, der Recht als kodifiziertes System objektiver Regeln
betrachtet (vgl. Kelsen, 1934), tritt ein prozessuales, relationelles Verständnis von
Gerechtigkeit (vgl. Honneth, 2011; Fraser, 2003).
Der Kern dieser Justiz liegt in der Fähigkeit, innere Ursachen sozialer
Spannungen zu erkennen und in Resonanz mit gesellschaftlichen Fixpunkten zu
bringen. Statt Schuld im Sinne reaktiver Sanktion zu definieren, wird Verhalten
als Ausdruck gestörter Selbst- und Weltverhältnisse gelesen – in der Logik von

                                        183

<!-- PDF page 184 -->

Psychoanalyse (Freud, 1917), Kritischer Psychologie (Holzkamp, 1985) und
modernen Traumaforschungen (van der Kolk, 2015).
Diese Justiz moderiert nicht nur Konflikte, sie reflektiert auch systemische
Dissoziationen – also dort, wo individuelle Abweichungen in Wahrheit
Symptome kollektiver Blockaden sind. Kriminalität wird so nicht länger als
Pathologie des Einzelnen gefasst, sondern als soziales Resonanzphänomen (vgl.
Rosa, 2016), als Ausdruck unterdrückter Differenzierung.
Das Gericht wird zur reflexiven Institution einer selbstlernenden Gesellschaft.
Damit ist auch das klassische Täter-Opfer-Schema zu überdenken. In der Logik
synchroner Systeme (Jung & Pauli, 1952) kann Gewalt als Ausdruck nicht
integrierter innerer Themen verstanden werden – Täter:innen und Opfer sind nicht
zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort. In systemischen Modellen sozialer
Felder (z. B. Hellinger, 2002) lässt sich zeigen, dass viele sogenannte individuelle
Delikte tatsächlich Verlagerungen innerer Konflikte auf äußere Bühnen
darstellen.
Kriminalität, so betrachtet, ist eine Folge unterbrochener Differenzierung im
Subjekt, verstärkt durch strukturelle Dissoziation im System – also dort, wo
Wandel notwendig wäre, aber durch starre Rahmen (Repression, Normierung,
Entfremdung) verhindert wird. Neurowissenschaftliche Studien zur sozialen
Exklusion (Eisenberger & Lieberman, 2004) und zur Embodiment-Theorie
(Gallagher, 2005) belegen: Mangelnde soziale Resonanz führt zu innerer
Desorganisation, welche wiederum das Risiko destruktiven Verhaltens erhöht.
Diese alternative, experimentelle Justiz interveniert hier nicht primär bestrafend,
sondern heilend und integrierend. Sie schafft Räume zur Re-Symbolisierung des
Traumas, zum Wiederaufbau narrativer Identität (vgl. Bruner, 1991), zur
Versöhnung innerer und äußerer Welt. Der »Täter« wird nicht entmündigt,
sondern zur eigenverantwortlichen Aufarbeitung eingeladen – in einem Setting,
das psychologisch fundiert, sozial eingebettet und spirituell offen ist.
Ziel ist nicht die Aufrechterhaltung der Norm, sondern die Beförderung innerer
Ordnung. Die Justiz wird so zur Supervision der Gesellschaft selbst, sie begleitet
den kollektiven Höllenritt – wie ich ihn nenne – hin zur Integration neuer
Fixpunkte. Diese Perspektive hat weitreichende Konsequenzen für das
Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: Der Rechtsstaat ist nicht
mehr Wächter statischer Ordnung, sondern Moderator evolutionärer
Entwicklung. Und genau deshalb ist er anschlussfähig für eine Gesellschaft, die
mit Komplexität umgehen will – statt sie durch autoritäre Vereinfachungen zu
bekämpfen.

                                        184

<!-- PDF page 185 -->

## Abb 55

## Neue Medien - Das Ende werbefinanzierter Inhalte

In einer Gesellschaft, die sich an der Dynamik von Fixpunkten orientiert – also
an jenen subjektiv erfahrbaren inneren Wahrheiten, die kollektive
Wandlungsprozesse ermöglichen – müssen auch die Medienstrukturen neu
gedacht werden. Das derzeitige Mediensystem steht unter dem Druck
ökonomischer Verwertungslogik und politischer Interessen, wodurch sich eine
systemische Dissoziation zwischen Inhalt und innerem Bedarf der Gesellschaft
ausgebildet hat (vgl. Chomsky & Herman, »Manufacturing Consent«, 1988;
McChesney, »Rich Media, Poor Democracy«, 2000).
Die strukturelle Verquickung von Markt, Medien und Macht verhindert jene
Resonanzräume, die für die Entfaltung innerer Entwicklung entscheidend wären.
Die Medien agieren zunehmend als Verstärker von Außenfixierungen: Konsum,
Status, Angst. Der Mensch jedoch benötigt einen Spiegel seines inneren Weges –
nicht seiner äußeren Vergleichbarkeit.
Das Grundproblem: Die heutige Medienlandschaft fördert die
Dauerverfügbarkeit von globalisiertem Oberflächenwissen, nicht aber die tiefe
                                     185

<!-- PDF page 186 -->

Auseinandersetzung mit dem eigenen inneren Prozess. Medienberichterstattung
folgt dem Prinzip der Einschaltquote, nicht dem Bedürfnis nach Sinn.
Lösungsansatz: Entsprechend der in der MNO-Theorie angelegten Idee eines
geschlossenen, aber dynamischen Systems, in dem jede Resonanz neues Leben
erzeugt, schlage ich die systematische Trennung zwischen zwei Arten von
Medieninhalten vor:
   1. Aktuelle, öffentlich finanzierte Medienkanäle, die tagesbezogene
      gesellschaftliche Prozesse dokumentieren, kritisch reflektieren und in einen
      vielstimmigen Dialog überführen (vgl. Habermas, »Strukturwandel der
      Öffentlichkeit«, 1962).
   2. Archivbasierte, individuell navigierbare Inhalte, die zur individuellen
      Entwicklung beitragen sollen. Diese beruhen auf dem Prinzip der
      »kognitiven Synchronizität« – das heißt: Der Mensch findet im richtigen
      Moment die für ihn passende Information (vgl. C.G. Jung,
      »Synchronizität«, 1952; auch: Goleman et al., »Altered Traits«, 2017).
Das Ziel: Medien dürfen nicht mehr durch Werbung finanziert werden. Werbung
ist – systemtheoretisch betrachtet – ein dysfunktionaler Resonanzverstärker: Sie
lenkt ab, statt zu verdichten. Sie verlängert die Dissoziation des Menschen von
seinen Fixpunkten.
Das Modell des Moderationsstaates beinhaltet auch ein »Open-Source-
Medienkonzept«, bei dem Bürger:innen in partizipativen Prozessen Inhalte
erstellen und verbreiten – unter Beibehaltung redaktioneller Integritätsprüfungen
(vgl. Jenkins, »Convergence Culture«, 2006). Vergleichbar ist dies mit
Wikipedia, nur dass hier nicht Wissen, sondern kollektive Gegenwartsdeutungen
entstehen.
Technisch ist das bereits möglich, ökonomisch wird es durch öffentliche
Finanzierung tragbar, gesellschaftlich ist es zwingend notwendig. Denn nur in
einer Umgebung, in der jeder seine Perspektive mitteilen darf und Resonanz
findet, kann sich kollektives Bewusstsein – als emergente Eigenschaft des
sozialen Systems – dynamisch entfalten (vgl. Deacon, »Incomplete Nature«,
2011; Varela/Thompson/Rosch, »The Embodied Mind«, 1991).
Zusammenfassend: Medien werden im MNO-Modell zu Bewusstseinsorganen.
Sie sind keine Kanäle der Information, sondern der Integration. Sie moderieren
die Wechselwirkung zwischen innerem Wandel und äußerem Diskurs, zwischen
individueller Differenz und kollektiver Kohärenz. Nur dann verlieren Medien ihre
toxische Rolle als Agenten der Dissoziation – und werden zu Werkzeugen einer
evolutionären Demokratie.
                                       186

<!-- PDF page 187 -->

Implosionswirtschaft – Die Rückbindung von Ökonomie an Sinn und Struktur

In der gegenwärtigen ökonomischen Theorie dominiert ein Paradigma der
Expansion, das Wachstum als universelle Zielgröße behandelt. Dieses Paradigma
ist jedoch tief in einem Missverständnis verankert: Wachstum wird mit
gesellschaftlicher Stärke verwechselt, obwohl es häufig als Folge ökologischer,
sozialer oder systemischer Ausbeutung auftritt. Studien etwa von Tim Jackson
(»Prosperity Without Growth«, 2009) oder Kate Raworth (»Doughnut
Economics«, 2017) zeigen, dass jenseits bestimmter Schwellen weiteres BIP-
Wachstum keinen Zugewinn an Lebensqualität bringt – sondern oft die
Grundlagen künftigen Wohlstands untergräbt.
Ich spreche daher von zwei antagonistischen Wirtschaftsformen: der
»Explosionswirtschaft«, die auf Expansion, Ausbeutung und Verbrauch basiert –
und der »Implosionswirtschaft«, die aus einem inneren Sinnzentrum heraus
wirtschaftet. Wie in Abbildung 56 dargestellt, geht es bei der
Implosionsökonomie um Energierückgewinnung, Strukturaufbau und die
Orientierung an kollektivem Nutzen, nicht bloß an Profit.
Abb 56

                                     187

<!-- PDF page 188 -->

Die Explosionswirtschaft zielt auf Marktanteile, Identitätsfassaden und
kurzfristige Rendite. Sie externalisiert soziale und ökologische Kosten,
reproduziert Entfremdung und beschädigt dabei nicht nur das Gemeinwohl,
sondern auch ihre eigene Innovationskraft. Dieses Muster ist gut belegt – von der
Debatte um geplante Obsoleszenz (Slade, 2006) bis zu Studien über Burnout und
entfremdete Arbeit (Graeber, 2018).
Demgegenüber basiert die Implosionswirtschaft auf der Förderung intrinsischer
Motivation. Sie ist eingebettet in postindustrielle, häufig neurodivergente
Produktionsmilieus, in denen der Wert eines Produkts nicht durch Markenimage,
sondern durch Qualität, Sinn und Relevanz für das Gemeinwohl bestimmt wird.
Die Forschung zur »Befähigungsgerechtigkeit« (Sen/Nussbaum) sowie neuere
Arbeiten zur ökonomischen Bedeutung kollektiver Kreativität (Florida, 2002)
belegen, dass nachhaltige ökonomische Vitalität aus tiefer struktureller
Partizipation entsteht – nicht aus Konkurrenz und Vereinheitlichung.
Eine solche Form der Ökonomie kann langfristig nur gelingen, wenn sie den
Menschen von der Angst um sein Überleben befreit. Nur ein von
Existenzsicherung getragenes Gemeinwesen kann den vollen Entfaltungsraum
schaffen, aus dem soziale Innovationen, kulturelle Produktion und ethisch
fundierte Technik hervorgehen. Ich argumentiere daher nicht nur für ein
Bedingungsloses Grundeinkommen (vgl. Van Parijs), sondern für die Umstellung
der ganzen ökonomischen Infrastruktur auf ein Modell, das auf Resonanz,
Rückbindung und Sinn basiert.
Die heutige Wirtschaft behandelt den Menschen als Ressource – die
Implosionsökonomie begreift ihn als Schöpfungskraft. Sie ist kein Rückfall in
lokalistische Selbstversorgung, sondern ein Übergang zu komplexitätsgerechten
Strukturen, in denen Technologie Autonomie ermöglicht und nicht Kontrolle. Es
ist eine Ökonomie der inneren Kohärenz, nicht der äußeren Skalierung.

                  Produktentwicklung - Vertrauen in den Fluss

Die industrielle Warenproduktion war über Jahrzehnte einem Paradigma
funktionaler Effizienz und marktwirtschaftlicher Skalierbarkeit verpflichtet. In
einer postindustriellen, zunehmend kulturell und ökologisch sensiblen
Gesellschaft bedarf es jedoch einer Revision dieses Paradigmas. Aus Sicht der
MNO-Theorie lässt sich diese Neuausrichtung auf drei fundamentale Fragen
zuspitzen, die jede Produktentwicklung in Bezug auf ihren tiefen Sinn und ihre
Resonanz mit Gesellschaft und Natur beantworten sollte:

                                      188

<!-- PDF page 189 -->

   1. Hat sich der Gestaltende selbst an dem Produkt innerlich entfaltet?
   2. Trägt das Produkt zur strukturellen Reifung der Gesellschaft bei?
   3. Entspricht das Produkt dem tiefsten, aus der Natur möglichen
      Gestaltungsprinzip?
Diese Kriterien verschieben den Fokus von der bloßen Funktion zur
Transformation: Ein Produkt wird nicht mehr an seinem Absatz oder seiner
Skalierbarkeit gemessen, sondern an seiner Fähigkeit, Bewusstsein, soziale
Kohärenz und ökologische Harmonie zu fördern. Konzepte wie transformative
design (Tonkinwise, 2011), design for social innovation (Manzini, 2015) oder
regenerative design (Mang & Haggard, 2016) belegen diese Verschiebung in der
Design- und Wirtschaftstheorie empirisch wie konzeptionell.
Ein Produkt, das den Gestaltenden nicht in seiner Subjektivität und seinem
inneren Wachstum involviert, bleibt äußerlich. Es entleert sich seiner kulturellen
Tiefe. Die Folge: Vereinheitlichung, Marktfixierung, emotionale Entfremdung –
Phänomene, die Richard Sennett als »Korrosion des Charakters« beschreibt
(1998). Echte Innovation hingegen entsteht dort, wo Gestaltung ein Prozess
innerer Selbstwerdung ist. Nur dort entsteht kulturelle Dichte.
Die zweite Dimension betrifft die Gesellschaft: Produkte, die nicht mit der
sozialen Wirklichkeit in Resonanz stehen, verstärken Ungleichheit und
Desorientierung. Das Smartphone z. B. wurde einst als Befreiung gefeiert – heute
wissen wir, dass es soziale Isolation, Abhängigkeit und kognitive Fragmentierung
begünstigen kann (Turkle, 2017). Daher braucht es integrale Produktentwicklung,
wie sie etwa der Philosoph Frithjof Bergmann in seinen Vorstellungen von »Neue
Arbeit« formulierte: Technik als Mittel zur Selbstentfaltung, nicht zur Kontrolle.
Die dritte Dimension betrifft die Natur. Jedes Produkt ist ein Eingriff in
bestehende Ordnungen. Nachhaltige Gestaltung muss sich daher an den
morphogenetischen Prinzipien der Natur orientieren – etwa durch biomimicry
(Benyus, 1997), fraktale Ordnung oder permakulturelles Design. Nur Produkte,
die mit natürlichen Resonanzverhältnissen mitschwingen, bauen nicht nur keinen
Schaden auf, sondern stärken sogar evolutionäre Potenziale.
Technologie, so verstanden, ist nicht mehr ein Mittel zur Überwindung der Natur,
sondern eine Brücke zwischen innerem Bewusstsein und äußerer Welt.
Innovationen verlieren ihre Legitimation in dem Moment, in dem sie zur
Unterdrückung führen. Das Auto – einst Symbol individueller Freiheit – wurde
durch infrastrukturelle Abhängigkeit, Umweltzerstörung und soziale Exklusion
vielfach selbst zum Symbol des Zwangs.

                                       189

<!-- PDF page 190 -->

Damit Technik ihrer emanzipatorischen Kraft treu bleibt, muss sie sich
kontinuierlich selbst überschreiten. Wie in der MNO-Theorie formuliert, entfaltet
sich wahres technologisches Wachstum spiralförmig entlang innerer Fixpunkte.
Es handelt sich nicht um bloße Fortschrittsakkumulation, sondern um qualitative
Transformationen. Produkte sollen dabei nicht mehr primär Bedürfnisse
befriedigen, sondern Möglichkeiten zur Differenzierung des Seins eröffnen – eine
Idee, die u. a. in der post-growth–Debatte (Schmelzer, Vetter & Vansintjan, 2022)
zunehmend Gewicht erhält.
Zukunftsorientierte Warenproduktion wird deshalb lokalisiert, modular und
partizipativ. Sie lebt von der Diversität menschlicher Potenziale, nicht von deren
Standardisierung. 3D-Druck, FabLabs, dezentrale Energieproduktion und Open-
Source-Hardware liefern heute bereits technische Infrastrukturen für diese
»bottom-up economy of resonance«.
Der entscheidende Perspektivwechsel liegt darin, Technik als Spiegel geistiger
Zustände zu erkennen. Nicht das effizienteste, sondern das bewussteste Produkt
ist das beste. Die Gestaltung der Warenwelt wird dann nicht mehr durch Angst
vor Mangel, sondern durch Vertrauen in menschliche Entfaltung bestimmt. Diese
Haltung, wie sie in MNO grundgelegt ist, begründet eine Ökonomie jenseits von
Produktivität – eine Ökonomie der Innerlichkeit, der Freiheit und der kohärenten
Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Natur.

Geld als soziales Konstrukt: Überfluss, Mangel und die Zukunft der Ökonomie

Geld ist kein Naturgesetz. Es ist ein soziales Konstrukt – eine kulturell vereinbarte
Repräsentation von Wert – das ursprünglich geschaffen wurde, um Arbeitsteilung
in Gesellschaften mit realem Mangel zu koordinieren (Graeber, 2011). Doch im
21. Jahrhundert stehen wir vor einem historischen Paradoxon: Obwohl die
technologische Produktionskraft unserer Zivilisation längst in der Lage ist,
grundlegende Bedürfnisse global zu decken, leben Milliarden Menschen weiter in
Armut. Nicht wegen fehlender Ressourcen, sondern wegen der Verknappung ihrer
symbolischen Repräsentation – des Geldes.
Das moderne Geldsystem ist ein System der künstlichen Knappheit. Es entstand
in einer Zeit, in der reale Knappheit herrschte, und übertrug diese Knappheit auf
eine symbolische Sphäre: Der Zugriff auf reale Güter wurde über die
Verfügbarkeit von Geld vermittelt – ein Mechanismus, der ursprünglich
Verteilungsgerechtigkeit schaffen sollte, heute aber zunehmend zur sozialen
Exklusion führt (Lietaer & Dunne, 2013). In wachstumsgetriebenen
Wirtschaftssystemen ist Geld kein neutrales Tauschmittel, sondern ein
                                        190

<!-- PDF page 191 -->

Herrschaftsinstrument – ein Mittel zur Steuerung von Lebenszeit durch
Abhängigkeit.
       Die fundamentale These lautet daher: Wohlstand entsteht nicht durch Geld,
sondern durch Vertrauen, Kooperation und die Entfaltung innerer Potenziale. Die
Idee, dass Geld notwendig sei, um Wert zu erzeugen, kehrt die kausale Ordnung
um. Menschen schaffen Werte auch ohne monetäre Anreize – aus Freude,
Notwendigkeit, Sinnstiftung oder Liebe. Der anthropologische und soziologische
Diskurs zur Commons-Ökonomie (Bollier & Helfrich, 2012), zu Post-Money
Societies (Daly, 2015) oder zum Universal Basic Income (Standing, 2017)
bestätigt: Je höher die gesellschaftliche Differenzierung und technologische
Potenz, desto eher wird Geld zum überflüssigen Verteilungsinstrument.
In der MNO-Theorie ist Geld eine Form externer Struktur, die notwendig wird,
wenn innere Differenzierung noch nicht hinreichend stabil ist. Wo die Menschen
noch nicht in der Lage sind, ihrer inneren Stimme konsequent zu folgen, braucht
es äußere Rahmen. Doch mit wachsender Reife der Individuen – psychologisch,
sozial, spirituell – verlieren diese externen Steuerungsmedien ihre Funktion. Die
Gesellschaft wird resonant, nicht reguliert. Das aktuelle Geldsystem ist nicht
neutral, sondern selektiv: Es hält Wertschöpfung dort fest, wo Macht und
Kontrolle dominieren, und entwertet systematisch jene Tätigkeiten, die dem
Gemeinwohl am meisten dienen – Care-Arbeit, Bildung, künstlerische
Forschung, soziale Innovation. Die Externalisierung dieser Tätigkeiten in den
unbezahlten Raum ist kein Versehen, sondern strukturell bedingt – ein Effekt der
Geldlogik, nicht der mangelnden Produktivität. Wie z. B. die feministische
Ökonomie (Waring, 1988) und neuere UBI-Diskurse (van Parijs & Vanderborght,
2017) zeigen, braucht es neue Mechanismen der sozialen Rückbindung jenseits
der monetären Bewertung.
Die Forderung nach einer grundsätzlichen Revision des Geldsystems ist daher
keine radikale Utopie, sondern ein folgerichtiges Resultat der realen
Produktionsverhältnisse in spätkapitalistischen Gesellschaften. Dass Staaten trotz
Überproduktion auf Sparpolitik setzen, dass Lebensmittel vernichtet werden, statt
sie zu verteilen – all das zeigt: Geld ist kein Instrument zur Bedarfsdeckung,
sondern zur Machtausübung. Der Ökonom Thomas Piketty (2014) spricht in
diesem Zusammenhang von einer »organisierten Ungleichheit«, die auf
Kapitalkonzentration und Reichtumsvererbung beruht – nicht auf Leistung.
Auch Projekte wie die Global Marshall Plan Initiative oder Postgrowth
Economics (Jackson, 2009) zeigen mögliche Übergangspfade auf, doch sie
bleiben vielfach in einem reformierten Marktdenken verhaftet. Eine ökosoziale
Marktwirtschaft mag kurzfristig sinnvoll sein, sie perpetuiert jedoch das System
struktureller Abhängigkeit von Geld. Was es braucht, ist ein Perspektivwechsel:
                                       191

<!-- PDF page 192 -->

Die Entkoppelung von Existenzsicherung und Erwerbsarbeit, von Wert und Geld,
von Sinn und Bezahlung.
Die implizite Botschaft der MNO-Theorie ist eine radikale: Wir sind selbst die
Quelle aller Werte. Wenn das gesellschaftlich anerkannt wird, verliert Geld seine
erpresserische Funktion. Dann kann Reichtum fließen – nicht in Form von
Kapital, sondern als Beziehung, Vertrauen, Gabe. Das Modell der
Geschenkökonomie (Eisenstein, 2011) oder die Idee des Contributive Work
(Moulier-Boutang, 2012) skizzieren bereits Wege, wie eine solche Gesellschaft
aussehen könnte.
Die Transformation wird nicht zentral organisiert werden. Sie wird aus den
Rändern kommen. Aus den Nachbarschaften, den Kulturen der Dissidenz, der
Commons-Logik. Vielleicht ist ein Konzert – wie Live 8 12 – nicht genug.
Vielleicht braucht es eine neue Geschichte. Eine Geschichte, in der die Menschen
erkennen, dass sie sich ohne Angst entfalten dürfen. Eine Geschichte, in der ihre
bloße Existenz als Beitrag genügt.
Dieses Buch ist der Versuch, eine neue Perspektive auf das Leben, die
Gesellschaft und die Welt als solche zu eröffnen – jenseits der mechanistischen,
angstgetriebenen Strukturen des Bestehenden. Es begreift Wirklichkeit nicht als
statisches Gebilde, sondern als einen lebendigen Strom aus Differenzierung und
Dissoziation, der in jedem Menschen seine eigene Ordnung sucht. Die MNO-
Theorie, die sich durch alle Kapitel zieht, ist dabei kein fertiges System, sondern
ein Denkraum – ein vibrierendes Koordinatennetz für Freiheit, Entfaltung und
Resonanz. Es geht um nicht weniger als den Abschied vom alten Weltbild der
Kontrolle, der Knappheit und des Wachstumszwangs – und um die Hinwendung
zu einer Wirklichkeit, in der jeder Mensch, jede Form, jede Krise als notwendige
Differenz in einem größeren Prozess verstanden wird. Was in Gesellschaft ohne
Vertrauen als politische Skizze begann, wurde über die Jahre zur kosmologischen,
wirtschaftlichen, psychologischen und kulturellen Vision. Dieses Buch war der
Auslöser eines 20-jährigen Höllenritts – durch Armut, Widerstand, Forschung,
Aktivismus, Kunst. Und zugleich ist es ein Angebot: An all jene, die spüren, dass
eine andere Welt nicht nur möglich, sondern längst im Entstehen ist – in jedem
Moment, in dem wir uns nicht beugen, sondern beginnen, dem inneren Fixpunkt
zu folgen. Wir sollten Vertrauen haben, in das innere Erleben des Menschen.

12
  Wikipedia: Live 8 war ein weltumspannendes Rockkonzert unter dem Motto „Make Poverty History“
(„Macht Armut zur Vergangenheit“ oder „Lasst Armut Geschichte werden“), das am 2. Juli 2005
gleichzeitig an zehn Orten der G8-Mitgliedstaaten sowie in Südafrika stattfand. Am 6. Juli 2005 fand
zudem ein elftes Live-8-Konzert in Edinburgh statt. Die Konzerte wurden von Bob Geldof und Bono, dem
Sänger der Band U2, initiiert und organisiert.
                                                 192

<!-- PDF page 193 -->

## Danksagung

Ich möchte an dieser Stelle dem großartigen Psychotherapeuten Gerald
Kreutzbruck und seiner damaligen Frau Eve danken, die mich in sehr jungen
Jahren in die Bewusstseinsforschung eingeführt haben und den Grundstein legten
für meinen eigenen spirituellen Prozess. In diesem Zusammenhang möchte ich
auch dem Bruder Herwig von Kreutzbruck danken, einem sehr treuen Freund, der
mich in meiner Zeit in Graz begleitete. Von Sibylle Biedermann, der Frau des
Symbolforschers Hans Biedermann lernte ich meine psychologische Wahr-
nehmungsfähigkeit, ja vieles, was ich heute über psychologische Prozesse weiß.
Ich erinnere mich gerne an die vielen Nächte, die ich in der umfangreichen
Bibliothek ihres Mannes verbringen durfte. Auch möchte ich Karola Schwarz
danken, die mich stets darin bestärkte meiner Intuition zu vertrauen. Ich möchte
auch dem Ätherforscher Prof. Fred Evert danken, mit dem ich auch in Zukunft
viele Diskussionen über den Äther führen möchte. Auch sei dem Weinhändler
Gerardo gedankt, der mir nach meinem letzten Buch zwei Kisten Wein schenkte.
Solche Menschen sollte es mehr geben. (www.gerardo.de)
Auch möchte ich Don Beck danken, der mich, während der Arbeiten an die- sem
Buch wesentlich inspirierte, auch wenn wir mehr über Bier und Autos sprachen,
als über Philosophie.
Nicht zuletzt danke ich meiner Frau Susanne und meinen Kinder, die viel dazu
beigetragen haben, meine Arbeit zu unterstützen.
Und abschießend möchte ich all denen danken, die mir, uns und dem Buch
geholfen haben.

## Abbildungsverzeichnis mit Quellenangaben

Alle hier nicht erwähnten Grafiken stammen von Timothy Speed

                                      193

<!-- PDF page 194 -->

## Abb. 12, 13

Abb. 18
Abb. 19 Abb.20 Abb. 21 Abb.22 Abb. 23
Abb. 24
Abb. 25 Abb.26 Abb. 30
Abb. 31
Abb. 33
Abb. 34
Abb. 35
Abb. 39

Abb. 40 Abb.41 Abb.42 Abb.43 Abb. 46
Abb. 50

Bildende Kunst des 20. Jahrhunderts / Lucie-Smith Manet / S 32 / Könemann
Verlag
Wasserkristalle / Emoto / S-41 / Koha Verlag Wasserkristalle / Emoto / S-44 /
Koha Verlag Wasserkristalle/ Emoto / S. 48 / Koha Verlag
Von Fuller bis zu Fullerenen/ Krätschmer / S. 14 / Vieweg Verlag Cymatics /
Hans Jenny / S. 45 / Macromedia Verlag
Cymatics / Hans Jenny / S. 99 / Macromedia Verlag Cymatics / Hans Jenny / S.
121 / Macromedia Verlag Cymatics / Hans Jenny / S. 220 / Macromedia Verlag
Cymatics / Hans Jenny / S. 232 / Macromedia Verlag
Bildende Kunst des 20. Jahrhunderts/ Lucie-Smith / Kosuth / S 279 Von Fuller
bis Fullerenen / Krätschmer / S ro / Vieweg Verlag Gödel, Escher, Bach/
Hofstadter/ S 272 / Klett Cotta Verlag

                                     194

<!-- PDF page 195 -->

Von Fuller bis Fullerenen / Krätschmer / S 4 Von Fuller bis Fullerenen /
Krätschmer / S 241 /
Kosmischer Humanismus und Welteinheit/ Reiser/ S 38 / Fischer Verlag
Raum und Zeit Zeitschrift / Spezial 1/ Müller / S 132 Die Spirale/ Purce / 114/59
/ Kösel Verlag
Der Hyperbolische Kegel/ Radlberger / S 26 / PKS Verlag
Der Hyperbolische Kegel/ Radlberger / S 71/97 / PKS Verlag Walter Russel /
Genius Verlag
Der Hyperbolische Kegel/ Radlberger / S 78 / PKS Verlag

200

## Literaturverzeichnis und Zitat-Quellen

Aries / Die Geschichte des privaten Lebens/ Bechtermünz Verlag Aries /
Geschichte der Kindheit/ DTV Verlag
Aries / Geschichte des Todes/ DTV Verlag Aveni / Das Rätsel von Nasca /
Ullstein Verlag
Barnett / Instinkt und Intelligenz / Fischer Verlag Bateson / Geist und Natur/
Suhrkamp Verlag Baumann/ Kursbuch Neue Medien 2000 / DVA Verlag Beck /
                                         195

<!-- PDF page 196 -->

Sprial Dynamics / Blackwell Publishing Beigbeder / neununddreißigneunzig /
Rowohlt Verlag
Belting / Das unsichtbare Meisterwerk/ C.H. Beck Verlag Bergmann/ Neue Arbeit
Neue Kultur/ Arbor Verlag Berman / Kultur vor dem Kollaps/ Büchergilde
Gutenberg Biedermann/ Lexikon der Symbole/ Knauer Verlag Campbell / Die
Lust an der Lüge/ Lübbe Verlag
Capra / Das Tao der Physik/ Scherz Verlag
Chomsky / Globalisierung im Cyberspace/ Horlemann Verlag Cowley / Was wäre
gewesen wenn? / Knauer Verlag
De Mause / Hört Ihr die Kinder weinen? / Suhrkamp Verlag Dodsworth / Digital
Illusions/ Addison Wesley Verlag
Dux/ Die Logik der Weltbilder/ Suhrkamp Verlag Emoto /Wasserkristalle/ Koha
Verlag
Flusser / Kommunikologie / Fischer Verlag Flusser / Medienkultur / Fischer
Verlag
Franzen/ Anleitung zum einsamsein / Rowohlt Verlag Fremantle / Das Totenbuch
der Tibeter / Diederichs Gelbe Reihe Frey / Tue Key, Die Kraft des Mythos/
Emons Verlag
Frieling / Medien Kunst Interaktion/ Springer Wien Verlag Frieske /
Selbstreferenzielles Entertainment/ DUV Verlag Fromm/ Die Revolution der
Hoffnung/ DTV Verlag Frutiger / Der Mensch und seine Zeichen/ Furier Verlag
Geier/ Fake / Rowohlt Verlag
Gesing / Kreativ Schreiben/ Dumont Verlag Giesen / Künstliche Welten/ Europa
Verlag
Glotz/ Die beschleunigte Gesellschaft/ Rowohlt Verlag
Goody / Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa / Suhrkamp Verlag
Grant/ Die klassischen Griechen/ Bastei Lübbe Verlag Greene / Das elegante
Universum/ Siedler Verlag
Grof / Auf der Schwelle zum Leben/ Heyne
Grof / Geburt, Tod und Transzendenz/ Rowohl Verlag Groy /Grafik/ Muster-
Schmith Verlag
Groys / Unter Verdacht/ Hanser Verlag

                                     196

<!-- PDF page 197 -->

Gurdijeff / Der Kampf gegen den Schlaf/ Knauer Verlag Haller/ Die Grenzen der
Solidarität/ Aufbau Verlag Hawkings / Das Universum in der Nußschale/ DTV
Verlag Heller/ Wie Farben wirken/ Rowohlt Verlag
Helmholtz / Über Wirbelbewegungen/ Verlag Harri Deutsch
Heym / Was von den Träumen blieb/ sozialistische Utopie / Siedler Verlag
Hofstadter / Gödel, Escher, Bach / Klett Cotta Verlag
Höller / Der Kampf bin ich/ ATV Verlag
Hrdlicka / Die Ästhetik des automatischen Faschismus/ Europa Verlag Huizinga
/ Homo Ludens / Rowohlt Verlag
Hünnekens / Der bewegte Betrachter/ Wienand Medien Verlag Huxley / Form in
der Zeit/ Piper Verlag
Huxley / Seele und Gesellschaft / Piper Verlag Huxley / Streifzüge / Piper Verlag
Itten / Kunst der Farbe/ Otto Maier Verlag Jacob/ Der elektronische Raum/ Cantz
Verlag
Janshen / Hat die Technik ein Geschlecht?/ Orlanda Frauenverlag Jenny /
Cymatics / Macromedia Verlag
Jensen / Mythos und Kult/ DTV Verlag Johnson/ Interface Culture / Klett Cotta
Verlag
Jung / Synchronizität, Akausalität und Okkultismus / DTV Verlag Jung von Matt/
Momentum / Lardon Verlag
Kaku / Im Hyperraum / Rowohlt Verlag Kippenberg / Magie / Suhrkamp Verlag
Kirchhoff/ Räume, Dimensionen, Weltmodelle/ Diederichs Verlag
Kiss / Einführung in die soziologischen Theorien/ Westdeutscher Verlag Klein/
No Logo/ Riemann Verlag
Kloock /Medientheorie/ UTB Verlag
Konersmann / Kritik des Sehens / Reklam Leipzig Verlag Krämer/ Medien -
Computer - Realität/ Suhrkamp Verlag Krätschmer / Von Fuller bis zu Fullerenen/
Vieweg Verlag
Kübler Ross / Über den Tod und das Leben danach / Die Silberschnur Verlag
Kundera / Die Kunst des Romans / Fischer Verlag
Lasca / Wilhelm Reich/ Rowohlt Verlag Laszlo / Das fünfte Feld / Lübbe Verlag
Laszlo / Halos / Vianova Verlag

                                      197

<!-- PDF page 198 -->

Laszlo / Macroshift / Insel Verlag
Lattacher / Viktor Schauberger / Ennsthaler Verlag Lazere / Out of there Minds /
Copernicus Verlag
Lehmbruck Museum /InterAct Schlüsselwerke interaktiver Kunst/ Cantz Verlag
Lern / Die Technologiefalle / Insel Verlag
Leopoldseder / Cyber Arts 2000 / Springer Wien Verlag
Lewin / Die Komplexitätstheorie/ Hoffmann und Campe Verlag Lindenberg/
Rudolf Steiner / Rowohlt Verlag
Look/ Gestaltungslehren / Passavia Verlag Lovelock / Das Gaia-Prinzip / Insel
Verlag
Lucie-smith / Bildende Kunst im 20. Jahrhundert/ Könnemann Verlag Lyon/ Die
Geschichte des Internets/ Dpunkt Verlag
Mandelbrot/ Die fraktale Geometrie der Natur/ Birkhäuser Verlag Mc Luhan /
The global Village / Jungfermann Verlag
Menninger / Selbstzerstörung/ Suhrkamp Verlag Mikos / Im Auge der Kamera/
Vistas Verlag
Miller / Am Anfang war Erziehung / Suhrkamp Verlag Miller / Das Drama des
begabten Kindes / Suhrkamp Verlag Miller / Das verbannte Wissen/ Suhrkamp
Verlag
Miller / Du sollst nicht merken / Suhrkamp Verlag Montessori / Kinder sind
anders / DTV Verlag Moser / Grammatik der Gefühle / Suhrkamp Verlag
Moser/ Romane als Krankengeschichte/ Suhrkamp Verlag Müllender / Am Fuß
der blauen Berge/ Klartext Verlag Müller/ DTV Atlas zur Baukunst Band r / DTV
Verlag Müller/ DTV Atlas zur Baukunst Band 2 / DTV Verlag Navratil /
Schizophrene Dichter/ Fischer Verlag
Neckel / Die Macht der Unterscheidung/ Scherz Verlag
Neill / Die antiautoritäre Erziehung/ Beispiel Summerhill / Rowohlt Verlag Parr /
Thiele / Gottschalk, Kerner & Co. / Suhrkamp Verlag
Perls / Gestalttherapie / Klett Cotta Verlag Piaget/ Das Weltbild des Kindes / DTV
Verlag
Piaget/ Das Weltbild des Kindes / DTV Verlag Pogacnik / Schule der Geomantie/
Knauer Verlag

                                       198

<!-- PDF page 199 -->

Postman / Die Verweigerung der Hörigkeit/ Fischer Verlag Postman / Wir
amüsieren uns zu Tode/ Fischer Verlag Purce / Die Spirale / Kösel Verlag
Radlberger / Der hyperbolische Kegel/ PKS Verlag Reich/ Die Funktion des
Orgasmus/ KiWi Verlag
Reich/ Die Massenpsychologie des Faschismus / Fischer Verlag Reiser/
Kosmischer Humanismus und Welteinheit/ Fischer Verlag Riemschneider / Art at
the Turn of the Millenium / Taschen Verlag Roesler / Mythos Internet/ Suhrkamp
Verlag
Roob / Theorie des Bilderromans/ Massimo Verlag Rydnik / Vom Äther zum
Feld/ VEB Verlag Leipzig
Satprem / Der Sonnenweg zum großen Selbst/ Rowohlt Verlag Schmidt-
Bergmann / Futurismus / Rowohlt Verlag
Scholl-Latour / Der Fluch des neuen Jahrtausends / Bertelsmann Schulte-Sasse /
Literaturwissenschaft / UTB Verlag
Searle / Sprechakte / Suhrkamp Verlag
Sheldrake/ Denken am Rande des Undenkbaren/ Piper Verlag Siegle / Logo /
Verlag Beruf und Schule in Itzehoe
Simrock / Die Edda / Emil Vollmer Verlag Sontag / Über Fotografie / Fischer
Verlag
Speed/ Verdammt sexy - Die Mediengestalter in der Krise/ BOD Verlag Stang /
Kulturelle Bildung / WBV Verlag
Stanzel / Theorie des Erzählens / UTB Verlag Starhawk / Der Hexenkult /
Goldmann
Starobinski / Psychoanalyse und Literatur / Suhrkamp Verlag
Stierlin / Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen/ Suhrkamp Verlag Stall /
Die Wüste Internet / Fischer Verlag
Tarnass/ Idee und Leidenschaft/ DTV Verlag Tenner / Die Tücken der Technik/
Fischer Verlag
Toscani / Die Werbung ist ein lächelndes Aas / Ballmann Verlag Turkle / Leben
im Netz/ Rowohlt Verlag
Vieser /Jungmillionäre.de/ Knauer Verlag Virilio / Fluchtgeschwindigkeit /
Fischer Verlag

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Watzlawick / Die erfundene Wirklichkeit / Piper Verlag Wehner / Das Ende der
Massenkultur/ Campus Verlag
Weischedel / Die philosophische Hintertreppe/ DTV Verlag Weizsäcker/ Faktor
Vier/ Knauer Verlag
Wilber / Das Atman Projekt/ Jungermann Verlag
Wilber / Eine kurze Geschichte des Kosmos / Fischer Verlag Wilber / Halbzeit
der Evolution / Goldmann Verlag

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